Montag, 30. Januar 2017

Cashreserven sind das Zaubermittel für höhere Aktienrenditen

▸ Kissigs Kolumne, Anlegermagazin der Börse Stuttgart, Ausgabe 1/2016 

Die jahrelange Niedrigzinspolitik der Notenbanken rund um den Globus hat nicht nur positive Auswirkungen sondern auch erhebliche Schattenseiten. Einerseits hat das billige Geld dazu geführt, dass Unternehmen und Konsumenten über reichlich Finanzmittel verfügten, um damit verstärkt Waren und Dienstleistungen einkaufen zu können. Das ließ die Umsätze der Unternehmen steigen und führte zu mehr Arbeitsplätzen. Und dann reduzierten sich auch die Zinskosten der Unternehmen, so dass auch hierdurch ihre Gewinne anstiegen. Auf der anderen Seite wirken diese permanenten Geldspritzen wie ein dauerhafter Drogenrausch und es wird schwer sein, die Wirtschaft wieder vom billigen Geld zu entwöhnen. Die amerikanische Notenbank macht nicht umsonst so einen Eiertanz um die erste Anhebung ihrer Leitzinsen seit 9 Jahren. Und dann sind da noch die Opfer, die Sparer, deren Bankguthaben keine Zinsen mehr abwirft und von der – wenn auch niedrigen – Inflation einfach weggefressen wird. Und in dieser Gemengelage rate ich dennoch zu einem ordentlichen Polster an Geld, was vielleicht verwundern wird.

Cash is fesch
Selbstverständlich nicht, um damit hohe Zinsen einzustreichen, das funktioniert ja bekanntlich nicht. Und wenn man irgendwo 15 Prozent Verzinsung versprochen bekommt, dann ganz sicher nicht von seriösen Anbietern. Auch hier gilt die Grundregel, dass Angebote, die zu gut klingen, um wahr zu sein, auch nicht wahr sind. Also lieber Finger weg.

Doch warum sollte man also Geld herumliegen lassen, ohne dass es eine anständige Rendite abwirft? Ganz einfach: weil man es dann hat, wenn man es braucht. Ich rede vom Cash Management, von Sicherheit, von Gelegenheiten, von Handlungsfähigkeit. Und von Renditebringern. In Oliver Stones Epos „Wall Street“ sagt die von Michael Douglas verkörperte Figur des Finanzmoguls Gordon Gekko: „Liquidität ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn du keine hast, kannst du auch keinem ans Bein pinkeln“. Und genau so ist es. Nur wenn man ausreichend Liquidität auf dem Konto hat, kann man auch zugreifen, wenn sich Gelegenheiten bieten. Und die besten Gelegenheiten findet man an der Börse, wenn es kracht, wenn die Kurse sinken, Unsicherheit vorherrscht und Anleger in Panik Aktien auf den Markt werfen, nur um aus dem Markt zu kommen. Dann herrschen Preise vor, für die man ansonsten niemals hochwertige Qualitätsaktien kaufen könnte. Weil kein normaler Mensch bereit wäre, sie für so wenig Geld herzugeben. Aber wenn Menschen nicht normal agieren, sondern irrational, weil ihre Gier in Angst umgeschlagen ist, dann handeln sie nicht mehr aufgrund von Regeln oder Erfahrungen, sie fallen in den evolutionsbedingten Selbsterhaltungsmodus. Und der heißt Flucht. Flucht aus der Situation, Flucht aus dem Markt. Der Preis spielt keine Rolle mehr, Hauptsache weg.

Kurseinbrüche sind große Chancen
Und dann gibt es die wenigen Investoren, deren Herz an solchen Tagen höher schlägt. Weil sie nicht auf die Kurse schauen, um ihren Aktien einen Wert beizumessen, sondern weil sie die Unternehmen analysieren und herausfinden, was diese Wert sind. Die Aktienkurse stellen am Ende des Prozesses dann nur den Gradmesser dar, ob man die Aktie aktuell zu einem Preis unterhalb dieses fairen Wertes kaufen kann, oder ob sie darüber notiert und damit unerreichbar ist. Für Value Investoren ist dies kein Hexenwerk, sondern ihr täglich Brot. Sie bewerten eine Vielzahl von Unternehmen und kommen in den meisten Fällen zu dem Ergebnis, dass die Aktien zu teuer sind und sie auf Einstiegskurse warten müssen. Und zu teuer sind sie, weil die Erwartungen des Marktes hoch sind und alle Anleger diese Aktien haben wollen. Nicht etwa, weil sie deren Wert (er)kennen, sondern weil sie auf weiter steigende Aktienkurse setzen.

Preis und Wert sind nicht das gleiche
Und wenn der Markt taumelt, der Aktienkurs abstürzt, dann verkaufen diese Anleger, weil sie Angst vor Kursverlusten haben. Value Investoren reiben sich dann die Hände und greifen zu, nehmen „den Zittrigen“, wie Börsenaltmeister André Kostolany diese Anleger nannte, ihre Aktien ab, nicht selten zu Schnäppchenpreisen. Denn Aktienkurse sind das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Und wenn alle gleichzeitig verkaufen wollen, fällt der Kurs massiv. Nicht aber ihr Wert, das wissen erfolgreiche Investoren zu unterscheiden.

»Nicht der Preis, sondern der Wert einer Anlage ist maßgeblich. Preis ist was du zahlst, Wert ist was du bekommst.«
(Warren Buffett)

Wenn der Aktienkurs von BP einbricht, weil eine ihrer Ölplattformen im Golf von Mexiko ein unschließbares Leck hat und Millionen von Litern Rohöl die amerikanischen Küsten verseuchen, dann kommen auf das Unternehmen Milliardenforderungen zu und der Kursabsturz ist fundamental begründet. Auch der Abgasskandal bei VW wirkt sich massiv aus, ramponiert nicht nur das Image der Automarken, sondern führt zu einbrechenden Verkaufszahlen und möglichen hohen Milliardenstrafen. Auch hier ist der Kurseinbruch nachvollziehbar, denn die Fakten haben sich dramatisch geändert. Und der Wert des Unternehmens und damit der einer jeder ihrer Aktien. Wenn aber der Ölpreisverfall zu Sorgen über die Weltkonjunktur und zum Ausverkauf von Aktien von Microsoft oder BASF führt, dann sind diese Kurseinbrüche nicht auf wirkliche Probleme in den Unternehmen zurückzuführen, sondern auf die Panikstimmung an der Börse. Sicher, auch BASF und Microsoft hängen von der Weltkonjunktur ab, aber Unternehmen müssen sich seit jeher auf sich verändernde wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen einstellen. Sie können das und sie tun das. Das ist also kein Grund, die Aktien um zehn oder mehr Prozent in die Tiefe zu prügeln. Hier kann der Kurseinbruch dazu führen, dass die Aktien – endlich – wieder so preiswert sind, dass Value Anleger zuschlagen können. Weil sie den Wert kaufen und nur den Preis bezahlen.

Ohne Moos nichts los
Doch nun folgt das große Aber. In schwierigen Marktphasen billig Aktien kaufen kann nur, wer auch über die nötigen Mittel verfügt. Da die meisten Anleger oft zu 100 Prozent investiert sind, haben sie keine liquiden Mittel, um in Kurseinbrüche hinein zu kaufen. Im Gegenteil. Sie verkaufen in den Kursverfall hinein und verstärken ihn so noch. Erst dann haben sie Geld auf dem Konto, allerdings viel weniger, als vorher.

Clevere Investoren haben das nicht nötig. Sie sind nie vollständig investiert, haben immer eine gehörige Portion Geld auf dem Konto herumliegen. In steigenden Aktienmärkten schmälert das ihre Gesamtrenditen, weil sie für das Geld ja kaum Zinsen bekommen. Aber wenn man auf 3 Prozent Zinsen verzichtet, dann das Geld aber nach einem 20-prozentigen Kurseinbruch einsetzen kann, liegt man renditetechnisch schon meilenweit vorn. Und der vorherige Renditeverzicht erweist sich als Geduldsprämie, mehr nicht. Clevere Investoren haben zum richtigen Zeitpunkt die Mittel, um auf Schnäppchenjagd zu gehen. Dann zu kaufen, wenn alle anderen verkaufen und die Preise ins Bodenlose stürzen.

Dieser opportunistische Ansatz ist schwierig, denn die menschliche Psychologie orientiert sich am Herdentrieb: das machen, was alle anderen auch machen. Und solange der vorherrschende Trend intakt ist, scheint man damit auch gut zu fahren. Doch wenn er am Ende ist, will die Herde auch ihrem Trieb zum Ausstieg folgen und verstärkt den Abwärtsdruck. Wer hier beherzt zugreift, stellt sich nicht nur gegen die Masse, sondern er muss auch in Kauf nehmen, dass diese vorrübergehend richtig(er) liegt. Denn man erwischt ja nie den Tiefstpunkt beim Einstieg, daher muss man in Kauf nehmen, dass die Aktien nach dem Kauf erst einmal noch weiter fallen und somit Buchverluste ausweisen. Das ist für die Psyche schwer zu ertragen und erfolgreiche Anleger erlegen sich hier ein großes Maß an Disziplin auf, um diese außergewöhnlichen Chancen auch wahrnehmen zu können. 

Kaufe preiswert, nicht billig
Nun stürzt der Markt ab und alle Aktien sind billiger als vorher. Man darf aber dennoch nicht den Fehler machen und wahllos alles kaufen, nur weil es gefallen ist. Es werden sich bei der nächsten Kurserholung zwar auch Aktien von schlechten Unternehmen berappeln, aber als langfristig orientierter Value Investor setzten wir ja nicht auf Kursgewinne, sondern wir beteiligen uns an Unternehmen, um an deren positiver Entwicklung teilzuhaben, was sich dann auch im steigenden Kurs ihrer Aktien widerspiegelt. Wir setzen auf Qualität und Substanz und daher sind wir auch im Schlussverkauf wählerisch.

»Große Anlagemöglichkeiten kommen immer dann, wenn hervorragende Unternehmen vorübergehend in schwieriges Fahrwasser geraten und deshalb unterbewertet werden.«
(Warren Buffett)

So hat Buffett Aktien von American Express gekauft, als das Unternehmen in einer schweren Krise war. Ebenso stieg er bei Wells Fargo ein, als das Unternehmen in Schwierigkeiten steckte. Und ein Paradebeispiel ist die Finanzkrise des Jahres 2009, als die Welt davon ausging, dass die Banken am Ende wären und mit ihnen der Kapitalismus. Auch Buffett wurde von den massiven Kursverlusten arg gebeutelt und „verlor“ auf dem Papier Milliarden. De facto tat er aber, was er am besten kann: er investierte klug. Er griff Goldman Sachs mit 5 Milliarden Dollar unter die Arme und ebenso der Bank of America und zwar zu einem Zeitpunkt, als gerade die Investmentbank Lehman Brothers in die Pleite schlitterte. Buffett stabilisierte die Großbanken, weil er davon überzeugt war, dass diese auch nach der Krise Bestand haben und wieder gute Geschäfte machen würden. Nicht unbedingt 2010, nicht 2011, aber in einigen Jahren. Und er hatte Recht. Auch dieses Mal wieder. Seine Investitionen haben sich für ihn und die Aktionäre seiner Investmentholding Berkshire Hathaway üppig rentiert, sie haben Milliarden an Gewinnen eingespielt und tun es noch heute. Würde Buffett seine Ende 2021 auslaufenden Wandeloptionen für die BoA ausüben, übernähme er auf Schlag 6,5 Prozent an dieser Großbank zu einem festgelegten Kurs, der rund bei der Hälfte des heutigen Aktienkurses liegt. Die BoA würde ihn nicht nur um mehr als 5 Milliarden Dollar reicher machen, sondern auch zu einer der größten Beteiligungen in Buffetts Portfolio werden.

Liquidität als Versicherung gegen fallende Kurse
Doch nicht nur Mut, Entschlossenheit und der richtige Riecher haben Buffett soweit gebracht. Er hatte auch immer ausreichend Geld auf dem Konto, um bei solchen Gelegenheiten zugreifen zu können. Denn die beste Chance nützt einem nichts, wenn man sie nicht nutzen kann. Daher hat Buffett immer mindestens 20 Milliarden Dollar auf der hohen Kante. Und auch Otto Normalanleger sollte seinem Beispiel folgen und nicht immer vollständig investiert sein. Neben einigen Monatsgehältern, die man immer in Reserve behalten sollte, falls mal das Auto eine größere Reparatur braucht oder andere unvorhergesehene Katastrophen größere Ausgaben verursachen, sollte man mindestens 10 Prozent seiner für Geldanlagen zur Verfügung stehenden Mittel zurückhalten. Wenn möglich sogar mehr. Dann sind sie bereit, um am Ausverkauf an den Börsen teilzunehmen und die echten Schnäppchen abzufischen.

Puts sind keine Alternative
Natürlich gibt es noch diejenigen, die meinen, man könne sein Depot auch über Derivate absichern und einfach Puts kaufen. Doch in Wahrheit sind diese Puts nicht mehr als Placebos. Profis und Trader mögen damit Erfolg haben, als Depotabsicherung für normale Anleger taugen sie aber nicht.

Denn Puts sind Zocker-Papiere, die auf kurzfristige Marktschwankungen zielen. Sichere ich damit meinen Depotbestand ab und die Kurse fallen, steigt der Wert des Puts. Um jedoch hier einen Nutzen draus ziehen zu können, muss ich allerdings genau zum richtigen Zeitpunkt die Puts verkaufen und in meine Aktien investieren, um dann den nächsten Kursaufschwung mitzunehmen. Mache ich dies nicht und sitze den Kurseinbruch samt nachfolgender Erholung einfach aus (wie dies erfolgreiche Buy & Hold-Anleger dies mit ihren Qualitätsaktien machen), dann stehen die Aktienkurse wieder dort, wo sie vor dem Einbruch waren und der Put hat seine Kursgewinne ebenfalls wieder hergegeben. Er hat nur aufgrund seiner kürzeren Restlaufzeit sogar noch an Wert verloren. Unter dem Strich habe ich keinen Vorteil daraus gezogen. Es läuft also darauf hinaus, dass man versucht, den Markt zu timen, zum Höchstpunkt der Börse den Put zu kaufen und zum Tiefstpunkt zu verkaufen. Und das klappt aus meiner Erfahrung nicht. Daher lasse ich das und setze auf Cash als Versicherung gegen fallende Kurse, um dann tief nachkaufen zu können. So bringt Cash langfristig die Rendite, es ist quasi eine Call-Option für das richtige Investment zur richtigen Zeit.

Börsenweisheit der Woche 05/2017

"Investoren sollten sich nicht zu viele Gedanken um volkswirtschaftliche Daten machen. Sie sollten sich einfach in ein gutes Unternehmen einkaufen und alles andere für zehn Jahre vergessen."
(Warren Buffett)

Freitag, 27. Januar 2017

Umfrage: Was ist die optimale Anzahl an Depotwerten?

Inspiriert durch Davids Frage, möchte ich von euch wissen, wie viele Depotwerte nach eurer Ansicht optimal sind.

»Hallo Michael, könntest du bei Gelegenheit einmal etwas zu einem (deiner Meinung nach) idealen Portfolio-Aufbau schreiben oder gar ein Muster-Beispiel veröffentlichen? Soweit ich gesehen habe wurde dieses Thema hin und wieder am Rande erwähnt, doch wurde (so glaube ich) nie konkret darauf eingegangen. Insbesondere würde mich interessieren, inwiefern sich der Aufbau bei einem Value Investors von einem "herkömmlichen Aufbau" (mit anderen Worten nach der Portfoliotheorie nach Markowitz) unterscheidet (bekanntlich diversifiziert Warren Buffett ja nicht mit der Anzahl Positionen, sondern dadurch, dass er seine Positionen genauestens kennt). Wie viele Positionen sind deiner Meinung nach ideal? Welche Größe sollte eine Position maximal haben? Wann (und wie) entscheidest du, ob du eine Position reduzierst? Bei Buffet machen seine zwei größten Positionen ja rund 40% und seine größten sechs Positionen rund 75% aus. Bist du trotzdem der Meinung, dass eine Position eine gewisse Größe nicht übersteigen sollte? Wie viel Prozent am Portfolio machen deine Turnaround-Positionen aus? In welchem Verhältnis stehen die Währungen zueinander und wie viel Prozent machen die jeweiligen Sektoren am Portfolio aus?«

Meine Antwort dazu lautete:

Moin David,
ich glaube nicht, dass sich der Portfolioaufbau hinsichtlich der Anzahl der Positionen nach dem Investmentstil unterscheidet, also ob man Value Investor ist oder nach anderen Grundregeln vorgeht. Das ist eher eine Frage des persönlichen Stils und der eigenen Einschätzung. Je geringer die Anzahl der Portfoliopositionen, desto höher das Risiko bei einem Fehlgriff signifikante Verluste zu erleiden. Andererseits bedeutet Konzentration auch höhere Chancen, wenn man nämlich auf's richtige Pferd gesetzt hat. Zum Thema Konzentration vs. Diversifikation habe ich ja schon mehrfach etwas geschrieben.

Zu Buffetts Depot muss man allerdings auch sagen, dass wir ja nur die Positionen sehen, die an der Börse notiert sind - und auch nur die US-Werte. Positionen wie z.B. Swiss Re oder Munich Re tauchten in den Übersichten nie auf. Auch sieht man nicht die Eisenbahn BNSF, BH Energy (ehemals MidAmerican Energy), Duracell oder Precision Castparts, die Buffett für knapp $37 Mrd. übernommen hatte. Oder seine Preferred Stocks (so was wie ne Wandelschuldverschreibung) bei Bank of America, die Buffett kurz vor Ablauf ausüben will und die BoA dann zu einer seiner fünf größten Depotpositionen machen wird. Ganz so konzentriert ist sein Portfolio also nicht... (Details zu Buffetts 3. Quartal 2016)

Mein eigener Ansatz ist durchaus eine Konzentration. Ich habe vier Basisinvestments, die auch die größten Positionen darstellen. Alle zusammen kommen auf knapp 25% Depotanteil. Daneben einige halb so große Positionen und zusätzlich eine größere Zahl von kleineren Positionen, die so um die 2% Depotanteil ausmachen. Diese kleineren Positionen sind u.a. die Turnaroundwerte; hier diversifiziere ich schon stark, weil das Risiko eines Totalausfalls nicht unerheblich ist und ich damit mein Depot nicht zu sehr ins Risiko stellen will. Klappt der Turnaround und der Kurs vervielfacht sich, wirkt sich der Erfolg trotzdem noch auf das Gesamtdepot aus. Natürlich nicht so stark, als wenn ich nur 5 Aktien kaufen würde und allesamt Turnaroundwerte. Das wäre ein enormer Hebel, aber eben auch in beide Richtungen. Doch Benjamin Graham lehrt uns, zuerst auf das Risiko zu schauen und erst im Anschluss auf die mögliche Renditechance.

Nach Währungen diversifiziere ich nicht wirklich. Überwiegend habe ich Euro-Werte im Depot und einige US-Werte. Was die Branchen angeht, bin ich eher konzentriert: Beteiligungsgesellschaften. Diese haben zumeist selbst ja ein breiteres Spektrum, also sehe ich das als Quasi-Branchendiversifikation" an. Da ich wiederum hauptsächlich auf deutsche Beteiligungsgesellschaften setze, ist in deren Beteiligungsportfolios der Anteil an Automobilzulieferern übergewichtet. Und Maschinenbau. Also klassischer deutscher Mittelstand.

Wenn eine Einzelposition 25% Anteil am Depot überschreitet, dann schaue ich schon sehr genau hin. Wenn der Zuwachs unternehmerisch gerechtfertigt ist, könnte es sein, dass ich die Position so beibehalte. Im Regelfall dürfte es aber auf eine Reduzierung hinauslaufen, um das Depot nicht in Schieflage zu bringen.

Also, wie seht ihr das? Wie viele Depotwerte bevorzugt ihr und weshalb?

▶ Bitte macht auch bei der dazu gehörigen Umfrage in der rechten Menüleiste mit! Sie endet am 31.01. 

Andere Ansichten: Warbug Research erhöht Blue Cap-Kursziel um 70% auf 14,50 Euro

Die Beteiligungsgesellschaft Blue Cap investiert überwiegend in süddeutsche mittelständische Nischenunternehmen und konzentriert sich dabei auf operativ tätige technologiegetriebene Gesellschaften mit bestehendem profitablem Kerngeschäft, die sich in Umbruch- oder Sondersituationen befinden. Im Klartext investiert man in sanierungsbedürftige oder insolvente Unternehmen, Konzernausgliederungen und in Gesellschaften mit ungelöster Unternehmensnachfolge. Die Tochterunternehmen werden eigenständig und unternehmerisch geführt.

Nachdem man im vergangenen Jahr aus der Insolvenz heraus die Vermögensgegenstände der Neschen AG übernommen hat, hinterlassen die Einsparungen und Synergieeffekte nun deutliche Spuren in der Blue Cap-Bilanz, so dass Warbug Research seine Prognosen ändert (zur Analyse). Für 2016 fallen diese etwas geringer aus als erwartet, für 2017 und 2018 hingegen hebt Warburg seine Einschätzungen deutlich an. Beim Umsatz jeweils um über 60%, beim Gewinn je Aktie um 39% bzw. 12%.

 Blue Cap (Quelle: finanzen.net
Folgerichtig passt man das Kursziel von bisher €8,50 auf nun €14,50 an, was einer Steigerung um 70% entspricht und auf den aktuellen Aktienkurs bezogen ein weiteres Upside-Potenzial von rund 40% ausweist.

Meine Einschätzung
Blue Cap befindet sich auf meiner Empfehlungsliste und ist als einer meiner Jahresfavoriten für 2017 eines meiner größten Investments in meinem Depot. Blue Cap dürfte dank der Neschen-Übernahme vor einer Neubewertung stehen, wie auch das aktualisierte Warburg-Kursziel zeigt. Der Kurs sollte sich in den erst kürzlich eroberten zweistelligen Regionen wohlfühlen und weiteres Potenzial bergen. Zusätzliches Interesse könnte entstehen, wenn Blue Cap wirklich bereits für das Geschäftsjahr 2016 mit der Zahlung einer Dividende beginnen würde.

Donnerstag, 26. Januar 2017

Aktienrückkauf: Aurelius will jetzt 17 mal so viele eigene Aktien ordern. Und das schnell!

Im Oktober hatte Aurelius sein Aktienrückkaufprogramm wieder aufgenommen, so dass in der Zeit vom 17. Oktober 2016 bis zum 16. Oktober 2019 insgesamt bis zu 471.000 eigene Aktien der Gesellschaft in einer maximalen Gesamthöhe von €26 Mio. zurückgekauft werden können. Nebenbedingung war bisher, dass max. 3.000 Aktien pro Woche zurückgekauft wurden.

Daneben hatte der Aufsichtsrat zugestimmt, dass der Vorstand der persönlich haftenden Gesellschafterin nach eigenem Ermessen im Zeitraum vom 17. Oktober 2016 bis zum 16. Oktober 2019 weitere Aktienrückkaufprogramme in Höhe von bis zu weiteren €26 Mio. beschließen darf. Die beiden Rückkaufprogramme betragen somit in Summe bis zu €52 Mio.

Und heute hat der Aurelius-Vorstand mit Zustimmung des Aufsichtsrats von seiner Option Gebrauch gemacht und das zweite Aktienrückkaufprogramm gestartet. Im Zeitraum vom 30. Januar 2017 bis zum 2. April 2017 können wöchentlich bis zu 50.000 und insgesamt bis zu 450.000 eigene Aktien der Gesellschaft zurückzukaufen werden. Das Gesamtvolumen des beschlossenen Aktienrückkaufs beläuft sich auf insgesamt bis zu €26 Mio. (ohne Erwerbsnebenkosten).

 Aurelius (Quelle: finanzen.net
Man könnte sich nun fragen, weshalb das zweite Aktienrückkaufprogramm nun starten soll und was der Sinn dahinter ist. Und die Antwort verrät ein Detail. Das erste Programm erlaubt Aurelius wöchentliche Rückkäufe von max. 3.000 Aktien, während das neue bis zu 50.000 Aktien zulässt. Faktor 16,67. Die eigene Nachfrage nach Aurelius-Aktien wird also spürbar anziehen, was dem Kurs zusätzlich auf die Beine helfen wird. Dieses ergänzende (!) Aktienrückkaufprogramm ist zudem bis 17. April 2017 befristet, wird also innerhalb von drei Monaten seine Wirkung entfalten, während das bisherige ARP unverändert weiterläuft.

Meine Einschätzung
Diese Maßnahme zeigt zweierlei: Aurelius selbst hält seine Aktien für unterbewertet, sonst würde man sie nicht kaufen wollen. Auf der anderen Seite verfügt Aurelius über eine so solide Kapitalausstattung, dass man nicht das ganze Geld für Zukäufe benötigt. Das sind positive Nachrichten, denn selbst die Übernahme von Home Office Europe, die ja einen Jahresumsatz von rund €2 Mrd. mitbringt, ist ja ohne eigene Geldmittel erfolgt - man erhielt sogar eine Mitgift.

Und es gibt noch eine weitere Lesart. Denn trotz der Erfolge gab es zuletzt Leerverkäufer, die gegen Aurelius gewettet haben. Gut möglich, dass dieses Forcieren der Aktienrückkäufe auch eine Antwort des Unternehmens für die Short-Seller ist, die bei dem gesteigerten Volumen deutlich schlechtere Karten haben.

Aurelius ist einer der Top-Picks im Beteiligungssektor. Die 2017er-Zahlen dürften spektakulär werden und Aurelius hat auch nach der HOE-Office -Übernahme noch reichlich Geld für weitere Übernahmen - auch in derselben Größenordnung. Wenn demnächst die aktualisierte NAV-Betrachtung veröffentlicht wird, dürfte hier ein enormer Sprung anstehen wegen der Einbeziehung der HOE-Übernahme. Und was den Quartalsgewinn angeht, ist ebenfalls von mehr als erfreulichen Zahlen auszugehen.

Aurelius befindet sich als eine meiner ältesten Empfehlungen auf meiner Empfehlungsliste und als eine meiner größten Positionen in meinem Depot. Langfristig orientierte Anleger nutzen Kursrücksetzer konsequent zum Aufstocken ihrer Position - so wie ich zuletzt bei Kursen zu knapp unter €56.

Publity punktet mit Gewinnverdopplung und bestätigt Rekorddividende

Publity, ein Investor in und Asset-Manager von deutschen Büroimmobilien mit langjähriger Erfahrung im Bereich der Immobilienfinanzierung in Sondersituationen, hat vorläufige Jahreszahlen für 2016 vorgelegt und konnte seine Leistungen in etwa verdoppeln. Der Umsatz stieg auf rund €44 Mio. nach € 23 Mio. im Vorjahr, das EBIT lag bei circa €35,4 Mio. nach €20 Mio. in 2015 und der Jahresüberschuss wurde mit rund €24 Mio. nahezu verdoppelt.

Jahresziele erreicht. Fast...
Damit hat Publity seine für 2016 verkündeten Jahresziele, insbesondere den Gewinnanstieg auf €25 Mio. knapp verfehlt, mit €24 Mio. allerdings denkbar knapp. Nun könnte man eine endlose Diskussion anfangen, ob Vorstandschef Olek vielleicht den Mund zu voll genommen hat, oder ob man künftig die Prognosen von Publity kritisch(er) hinterfragen muss. Oder man erinnert sich, dass es um eine stichtagsbezogene Betrachtung geht, nämlich punktgenau auf den 31.12. um 23:59. Geschäfte, die zwei Minuten später rechtskräftig abgeschlossen werden, fallen schon in den nächsten Zeitraum.

Jahresanfang bringt erste Gewinne und 7 Prozent Dividende
Und so ist es auch bei Publity, denn das Unternehmen konnte einige der für 2016 anvisierten Immobilientransaktionen "erst" in den ersten Januartagen dingfest machen - wären diese Deals noch in die 2016er Zahlen eingeflossen, hätte Publity die Ziele locker übertroffen.

 Publity (Quelle: finanzen.net
Neben einer Reihe von Vermietungserfolgen schlägt hier vor allem die Veräußerung eines Büroobjektes in der Münchener Leopoldstraße zu Buche, die Publity eine schöne Provision einbringt. Des Weiteren kaufte man in Köln eine knapp 14.600 qm große Büroimmobilie, die u.a. an die Fluggesellschaft Eurowings vermietet ist. Dabei verdient Publity jeweils beim Ankauf (sog. "Finders Fee") und beim Verkauf (Exit-Provision) und so kann das Unternehmen auch bereits zwei Positive Nachrichten verkünden: zum Einen wurde die avisierte Dividende von €2,80 für das Geschäftsjahr 2016 erneut bestätigt und Aktionäre dürften der Hauptversammlung Mitte März am 20. Juni entgegenfiebern, um die aktuell 7-prozentige Dividendenrendite einzufahren. Zum Anderen seien "allein aufgrund bereits erfolgter Beurkundungen von Objektverkäufen Anfang Januar 2017 schon jetzt umfangreiche Gewinne für 2017 gesichert". Und den Blick richten Anleger ja immer nach vorn.

So erwartet Publity für das laufende Geschäftsjahr 2017 eine weitere Verstetigung des Umsatz- und Ergebnisniveaus und steigende Erlöse unter anderem aus der weiterhin dynamischen Entwicklung der Assets under Management mit einer geplanten Erhöhung um circa €2 Mrd. Euro auf insgesamt rund €5 Mrd. Das 2016-Ziel einer Steigerung auf €3 Mrd. hatte Publity sauber erreicht. Aber auch aus bestehenden Asset-Management-Verträgen, weiteren Objektverkäufen sowie aus der Verwertung des NPL-Portfolios sollen sich weitere Umsatz- und Gewinnsteigerungen ergeben.

Meine Einschätzung
Publity hat in 2016 sein neues Standbein, die Non-Performing-Loans (NPLs), erheblich ausgebaut und hieraus werden sukzessive immer höhere und stetige Gebühren und Provisionseinnahmen fließen. Der Gewinn liegt bei Publity im Einkauf, realisiert werden sie allerdings erst beim Verkauf. Und in beiden Bereichen ist Publity nach wie vor sehr rege aktiv - und erfolgreich. Die avisiert Dividende von €2,80 je Aktie dürfte bis zur HV für zusätzliche Nachfrage nach Publity-Aktien sorgen und dann dürfte sich der Blick wieder verstärkt auf das operative Geschäft richten. Deutlich höhere Kurse winken, wenn Publity weiterhin so zuverlässig Erfolge vermelden und seine Prognosen einlösen kann.

Publity befindet sich auf meiner Empfehlungsliste und in meinem Depot.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Ist Gilead Sciences ein Value-Investment wert?

▸ Kissigs Kolumne vom 4. Oktober 2016, Aktien Magazin 26/2016 

Die Kosten der Krankenkassen explodieren, nicht nur in Deutschland. Das liegt daran, dass es immer mehr Menschen gibt, die auch noch immer älter werden. Und bis zum Altsein immer ungesünder leben. Die Zivilisationskrankheiten haben rasante Zuwachsraten, Übergewicht ist fast schon zum Normalzustand geworden. Zum ungesunden Leben gehören aber auch Alkohol und Zigaretten, die viele Menschen regelmäßig konsumieren. Und inzwischen mehren sich die Stimmen, die Alkohol als Mitverursacher von Krebs anprangern. Für Pharmafirmen sollten das paradiesische Zustände sein, denn immerhin wächst ihre Zielgruppe exponentiell an.

Allerdings lässt sich mit Medikamenten nur dann etwas verdienen, wenn man zuvor Geld ausgegeben hat. Und zwar eine Menge. Von 1.000 Wirkstoffen, die erforscht werden, schafft es nur ein einziger bis zu einem zugelassenen Medikament. Alle übrigen erweisen sich als wirkungslos. Und zwar nicht alle von Anfang an, sondern über einen langen Zeitraum hinweg in den unterschiedlichen Phasen der Forschung und Entwicklung. Stoffe, die sich im Anfangsstadium befinden, erzeugen noch keine hohen Kosten, aber wenn sich Wirkstoffe bereits in der klinischen Erprobung befinden, sind schon hohe Millionenbeträge angefallen und ein Scheitern in der sog. Phase 3 ist extrem ärgerlich und extrem teuer. Was auch daran liegt, dass die Hürden für die Medikamentenzulassung immer höher gelegt werden, um die Menschen vor ungewollten Nebenwirkungen zu schützen.

Vor einigen Jahren habe ich mich mit dem damaligen Deutschland-Chef des Pharmakonzerns AstraZeneca über dieses Thema unterhalten und der hat mir diese Zahlen bestätigt. Ein zugelassenes, neues und innovatives Medikament, hat durchschnittlich 1 Milliarde Dollar gekostet, um es zur Marktreife zu bringen. Darin sind die ganzen Rohrkrepierer mit eingerechnet. Und diese Zahl zeigt auch, weshalb die Unternehmen sich auf die lukrativsten Wirkstoffe fokussieren und deren Preise in der patentgeschützten ersten Phase so exorbitant hoch sind. Denn laufen die Patente aus, ist die Zusammensetzung der Medikamente frei verfügbar und es kommen umgehend Nachahmerprodukte auf den Markt. Diese sog. Generika kosten dann natürlich viel weniger, denn die Nachahmer haben ja keinen Cent für Forschung und Entwicklung ausgegeben und daher haben sie nicht den enormen Kostenblock, den der Initiator erst einmal verdienen musste.

 Gilead Sciences (Quelle: finanzen.net
Da die Forschung dermaßen teuer und risikoreich geworden ist, haben die großen Pharmakonzerne vor einigen Jahren in diesem Bereich ihre Aktivitäten drastisch zurückgefahren. In die Lücke stießen dann junge Unternehmen, die sog. Biotechs. Diese fokussieren sich meistens auf einen einzigen Wirkstoff und wenn dieser zu einem Erfolg wird, verdient sich das Biotechunternehmen eine goldene Nase. Scheitert der Wirkstoff, ist das Unternehmen meist am Ende und die Geldgeber verlieren ihren Einsatz. Inzwischen haben die großen Pharmafirmen die sich bietende Chance ergriffen und beteiligen sich an den kleinen Biotechs oder gehen mit ihnen Kooperationen hin-sichtlich bestimmter Wirkstoffe ein. Und zwar dann, wenn sich die Wirkstoffe in einem gereifteren Entwicklungsstadium befinden und ein Erfolg wahrscheinlicher wird. Auf diese Weise gliedern sie ihre risikoreiche Forschungsabteilung quasi aus. Die Biotechs erhalten dann über den Zeitraum der Kooperation sog. Meilensteinzahlungen, das die forschenden Biotechunternehmen dringend benötigen, um überhaupt forschen zu können. Sie erhalten also Geld, wenn der Wirkstoff bestimmte Zielschritte erreicht, also Genehmigungen oder Testphasen, bzw. bestimmte Ergebnisse erzielt. Gilead Sciences ist so ein Biotechunternehmen, oder war es zumindest einmal. Mit einer Börsenkapitalisierung von 115 Milliarden Dollar und einem Jahresumsatz von 30 Milliarden Dollar ist es inzwischen ein richtiger Pharmagigant geworden. Allerdings spezialisiert auf zwei sehr hochpreisige medizinische Bereiche, in die auch andere forschende Firmen einzudringen versuchen. Gilead ist dabei nicht selbst der Forscher und Entwickler, sondern hat es in der Vergangenheit verstanden, sich durch Übernahmen die lukrativsten und erfolgreichsten Mitbewerber einzuverleiben.

Hepatitis C
Gilead ist mit einem Marktanteil von 90 Prozent Weltmarktführer bei der Bekämpfung von Hepatitis C, einer Infektionskrankheit, die durch Bluttransfer übertragen wird. Diese Krankheit wird schnell chronisch und führt zu irreparablen Leberschäden. Es gibt bisher keine Impfung dagegen, aber die meisten Patienten können mit Medikamenten behandelt und geheilt werden. Neben den klassischen Risikogruppen, wie homosexuellen Männern und Drogensüchtigen, wächst eine andere Gruppe rasant an, denn auch bei den weiterhin voll im Trend liegenden Tätowierungen und Piercings kommt es zu Infektionen mit Hepatitis C.

Zur Hepatitis-C-Sparte von Gilead gehören unter anderem die Medikamente Sovaldi und Harvoni und damit hat man den Medikamentenmarkt dominiert. Dabei hat man 2012 noch kaum Umsätze in diesem Bereich generiert und erst dank der Übernahme von Pharmasset im Jahre 2011 hat sich aus dieser Sparte bis heute ein 19-Milliarden-Dollar-Business entwickelt. Und das weckt natürlich Begehrlichkeiten bei anderen Herstellern und so brachte Merck Anfang des Jahres Zepatier als eigenes Hepatitis-C-Medikament auf den Markt gebracht und das wurde vor allem aufgrund seines deutlich niedrigeren Preises zu einer ernsthaften Bedrohung für Harvoni. Gilead sah sich daraufhin gezwungen, starke Preisnachlässe anzubieten, um nicht zu viele Marktanteile zu verlieren. Und auch AbbVie schneidet sich mit Viekira Pak ein zunehmend größeres Stück aus dem Kuchen.

Und um die Bedeutung dieser beiden Produkte für Gilead zu verdeutlichen, muss man nur auf die zahlen schauen: beide zusammen halfen Gilead, in den letzten drei Jahren den Umsatz des Konzerns zu verdoppeln und stehen für mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes.

Doch Gilead wehrt sich und kontert nicht nur mit einer Kombi-Medikation seiner bewährten Mittel, die bessere Ergebnisse liefert, sondern konnte Ende Juni die FDA-Zulassung des neuesten Hepatitis-C-Medikaments Epclusa ankündigen. Dieses wird das erste oral einzunehmende Mittel für alle Genotypen auf dem Markt und wird Gileads Wettbewerbsvorteil gegen Viekira Pak von AbbVie und Zepatier von Merck ausbauen. Die Dareichungsform ist natürlich nur ein Vorteil, letztlich entscheidend ist die Wirksamkeit.

HIV
Der andere Bereich, in dem Gilead sehr erfolgreich unterwegs ist, ist die Immunschwächekrankheit HIV. Mit seinen Medikamenten Atripla und Stribild ist Gilead hier gut positioniert und kann weitere Erfolge vermelden. Im März und April erhielt Gilead zwei FDA-Zulassungen für die beiden TAF-basierten HIV-Mittel Odefsey und Descovy, die Gileads HIV-Umsätze im zweiten Quartal verglichen mit dem Vorjahreswert um 14,8 Prozent anspringen ließen. Odefsey kombiniert die Wirkstoffe Emtricitabin und Tenofoviralafenamid von Gilead mit Rilpivirin, das von Janssen Sciences vermarktet wird. Des Weiteren hat die Europäische Kommission die Vermarktung des HIV-Medikaments Truvada auch zur vorbeugenden Einnahme zugelassen. Diese verhindert HIV-Infektionen zuverlässig und wird in immer mehr Ländern Menschen mit hohem HIV-Risiko zur Verfügung gestellt. Die HIV-Prophylaxe ersetzt andere Schutzmöglichkeiten nicht, sondern bietet eine zusätzliche Option für Menschen, denen der Schutz mit Kondomen nicht immer gelingt. 

Verführerisches einstelliges KGV?
Ein derart schnell wachsendes und äußerst gewinnbringendes Unternehmen sollte eine hohe Bewertung aufweisen und KGVs von 30 oder mehr. Aber schon ein erster Blick auf die Bewertung von Gilead lässt einen stutzen: auf Basis eines für 2016 erwarteten Gewinn von 11,75 Milliarden Dollar ergibt sich bei einem Kurs von 73 Euro ein KGV von unter 7. Und eine Dividendenrendite von 2,3 Prozent.

Das sind Bewertungsrelationen, die man nicht einmal bei totlangweiligen, alteingefahrenen Un-ternehmen vorfindet, aber man würde sie nie und nimmer bei einem hochprofitablen Biotech-Unternehmen vermuten. Doch diese niedrige Bewertung spiegelt natürlich die Befürchtungen des Marktes wider, dass Gilead seine besten Tage hinter sich haben könnte, dass die Umsätze insbesondere im Bereich Hepatitis C weiter unter Druck kommen und sogar fallen könnten, ebenso die hier zu erwartenden Gewinne. Und diese Befürchtungen sind nicht von der Hand zu weisen, die Konkurrenz holt mächtig auf.

Für Anleger stellt sich aber die Frage, ob sie hier nicht doch ein Schnäppchen vor der Nase haben. Denn selbst wenn die Umsätze und Gewinne fallen sollten in den nächsten Jahren, müssen die vielen Patienten doch versorgt werden – der Markt ist nicht versiegt, nur weil Gilead seinen Marktanteil von 90% nicht verteidigen kann. Und selbst wenn Gilead anstelle der heutigen 19 Milliarden nur noch 10 Milliarden Dollar pro Jahr umsetzen würde, blieben bei den hohen Margen von annähernd 90% bei den Hepatitis-Medikamenten bis zum Jahr 2020 nach Berechnungen des Bankhauses Berenberg noch rund 49 Milliarden Dollar an Gewinnen hängen. Und das wäre schon fast die Hälfte der heutigen Börsenkapitalisierung des Konzerns.

Die Pipeline ist vielversprechend
Die Börse preist also nicht nur ein Nichtwachstum ein, sondern sogar rückläufige Umsätze und Ergebnisse. Dabei ist Gilead ja nicht untätig, denn zurzeit hat Gilead 33 Medikamente in klinischen Testphasen, von denen wiederum sieben bereits die klinischen Prüfungen der Phase 3 durchlaufen, also viele Hürden schon genommen haben. Darunter findet sich auch das Medikament Bictegravir, das für Gileads künftigen Erfolg auf dem HIV-Markt entscheidend sein könnte, und das neue Hepatitis-B-Medikament Tenofovir Alafenamide wartet nur noch auf die finale behördliche Zulassung.

Simtuzumab, das sich momentan in Phase 2 befindet, könnte das größte Potenzial aufweisen. Es zielt auf die Behandlung von nicht-alkoholischer Steatohepatitis (NASH) ab und könnte im Zulassungsfall alleine einen jährlichen Umsatz von 12 Milliarden Dollar erzielen. Das entzündungshemmende Medikament Filgotinib, für das demnächst Phase-3-Tests beginnen sollen, könnte ein weiterer potenzieller Kassenschlager sein.

Und auch die jüngsten Zulassungserfolge lassen durchaus Raum für Hoffnungen. So hat das HIV-Medikament Genvoya im November 2015 grünes Licht von der US-Gesundheitsbehörde erhalten und im ersten Halbjahr 2016 bereits 460 Millionen Dollar umgesetzt. Und das Hepatitis-C-Medikament Epclusa spülte Gilead im zweiten Quartal dieses Jahres alleine in den ersten drei Verkaufstagen 64 Millionen Dollar in die Kassen. Dabei könnte sich Epclusa sich im Wettstreit mit Merck als große Hilfe erweisen, denn als deren Zepatier oder auch Gileads eigenes Harvoni zielt Epclusa auf alle gängigen Genotypen des Hepatitis-C-Virus ab. Darüber hinaus hat Gilead das Medikament im Vergleich zu Harvoni oder Sovaldi zu einem wettbewerbsfähigeren Preis platziert und gräbt so der Konkurrenz das Wasser ab – selbstverständlich auch zu Teilen seinen eigenen beiden Blockbustern in diesem Bereich, aber so verdient man wenigstens an den Nachfolgepräparaten, als dass es andere täten.

Niedrige Bewertung lädt zum Kauf
Es besteht also nicht wenig Hoffnung, dass Gilead mit seinen neuen Produkten nicht nur die Umsätze und Gewinne stabil halten kann, sondern sogar noch steigern können wird. Ein KGV von 7 bedeutet allerdings nichts anderes, als dass Gilead nur sieben Jahre lang denselben Gewinn erzielen müsste und dann hätte man die heutige Börsenkapitalisierung an Gewinnen aufgehäuft. Diesen Zusammenhang sollte man noch einmal auf sich wirken lassen. In sieben Jahren bezahlt sich das Investment selbst. Nach sieben Jahren hat man durch die erzielten Unternehmensgewinne seine heutige Investitionssumme wieder eingespielt – und hält dann ja noch immer die Aktien, die weiterhin Geld verdienen.

Gilead kauft selbst auch
Gilead erzielt hohe Cashflows, gespeist von den hohen Margen. Und das Unternehmen lässt seine Aktionäre daran teilhaben. Anstelle teurer Übernahmen hat man sich dazu entschlossen, eine satte Dividende auszuschütten, die stark zulegt. Und Gilead kauft in großem Umfang eigene Aktien zurück, was den Aktienkurs stützt und gleichzeitig den Gewinn je Aktie erhöht, denn der muss mit jeder zurückgekauften Aktie auf weniger Anteilsscheine verteilt werden.

Unter dem Strich kann man sich bei Gilead in ein günstiges Unternehmen einkaufen, das viel Geld verdient, seine stärksten Wachstumsphasen jedoch schon hinter sich hat. Die Befürchtungen über künftig sinkende Umsätze und Gewinne dürften im aktuellen Kurs mehr als eingepreist sein, denn Gilead hat viele neue Entwicklungen im Köcher, die sich in den nächsten Jahren positiv auswirken dürften. Das Risiko nach unten ist also überschaubar, die Chancen hingegen stehen gut. Und in der Zwischenzeit verdient Gilead Sciences kräftig Geld. Diese Kombination macht Gilead attraktiv. So attraktiv, das zuletzt sogar Übernahmegerüchte aufkamen. Und damit ist nicht nur gemeint, dass Gilead sich die günstigen Kurse im Biotechsektor für Zukäufe zunutze machen könnte, wie man es in der Vergangenheit ja mehrfach sehr erfolgreich tat, sondern dass Gilead vielleicht selbst ins Visier eines anderen Großen geraten ist: Allergan.

Allergan hat jüngst Bevor Tobira Therapeutics übernommen. Bisher gab es zwischen den Portfolios von Gilead und Allergan kaum Überschneidungen, aber dank der Tobira-Übernahme dringt Allergan nun in den Bereich NASH und Lebererkrankungen vor, wo Gilead das führende Unternehmen mit seinen Hepatitis-Medikamenten ist. Und auch das potenzielle künftige Blockbuster-Medikament Simtuzumab (Phase 2) spielt in diesem Bereich, so dass sich die beiden Unternehmen durchaus sinnvoll ergänzen könnten.

Übernahmespekulationen sollten nicht der entscheide Grund für ein Investment sein. Die niedrige Bewertung hingegen ist ein solcher und sie könnte auch Anlass für weitere Übernahmespekulationen sein. Und dann sind da noch die politischen Implikationen, die Konkurrent Valeant Pharamceuticals ausgelöst hat. Die kauften bisher Wirkstoffe und Medikamente auf, um deren Preis im Anschluss massiv zu verteuern. Dieses Vorgehen ist im US-Präsidentschaftswahlkamp zu einem Top-Thema geworden und die Töne werden immer schriller, ob bei Clinton oder bei Trump. Ich gehe davon aus, dass es hier wieder bedeutend leiser zugehen wird nach der Wahl, weil man sich dann darauf besinnen wird, dass forschende Unternehmen nur dann forschen, wenn sie auch die Kosten wieder verdienen können. Und die USA wollen sicherlich nicht als Forschungsstandort ab-gehängt werden, egal ob Republikaner oder Demokraten die Wahlen dieses Mal für sich entscheiden. Hier dürfte daher viel Luft aus dem aufgeblasenen Getöse weichen, sobald Wählers Stimme nicht mehr „gebraucht“ wird.

Für value-orientierte geduldige Anleger bietet Gilead alle Voraussetzungen, um zu einem lukrativen Investment zu werden.

Dienstag, 24. Januar 2017

Vectron macht weiter richtig Kasse

Beim Kassensystemhersteller Vectron Systems läuft es richtig rund. Neue regulatorische Vorgaben zwingen die Benutzer von Kassensystemen hier nachzurüsten und zwar bis Jahresende 2016 - der Run wird sich also in den nächsten Zahlenwerken konkret wiederfinden. Doch es gibt noch eine Reihe von Nachzüglern, die "ihr Problem" jetzt erst realisieren und Vectron mit Aufträgen überschütten, wie das Unternehmen bei Vorlage seiner vorläufigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2016 berichten konnte. Nach einem starken 3. Quartal hat sich der positive Trend im 4. Quartal beschleunigt, was insgesamt mit €33,251 Mio. zum höchsten Umsatz der Firmengeschichte geführt hat und einer Steigerung von 28% im Vergleich zum bereits umsatzstarken Vorjahr entspricht. Das EBITDA wuchs im Geschäftsjahr 2016 um 46% auf €3,978 Mio., was einer EBITDA-Marge von rund 13% entspricht, während das EBIT €3,450 Mio. beträgt und damit 61% mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig konnte das Nettoergebnis um 69% auf €2,044 Mio. erhöht werden und der Cash-Bestand lag mit €11,649 Mio. um 23% über dem Vorjahreswert.

Bei Vectron läuft also eine Sonderkonjunktur und der Aktienkurs hat dieser Entwicklung schon Rechnung getragen. Und so richtet sich der Blick weiter nach vorn. Erwähnenswert ist nämlich, dass die Ertragserhöhung erzielt werden konnte, obwohl weiter Personal aufgebaut wurde, um die nächste Ausbaustufe des hauseigenen Online-Tools bonVito voranzutreiben. Dieses bisher vorwiegend als Marketing-Instrument für Bäckereien und Gastronomie genutzte System soll zu einer Endkundenplattform ausgebaut werden, die Bestell-, Coupon- und Reservierungsdienste im Gastronomie-Bereich vereint. Es würde also weit über die Angebote einschlägiger Lieferdienst-Plattformen wie Lieferando.de oder pizza.de hinausgehen und das zu deutlich geringeren Kosten für die angeschlossenen Gastronomiebetriebe. Und hier befindet Vectron in aussichtsreichen Gesprächen, denn man möchte dieses Feld nicht alleine angehen, sondern mit einem "großen Wurf" starten, also einem starken, erfahrenen Partner.

 Vectron Systems (Quelle: finanzen.net
Und spätestens an diesem Punkt relativiert sich die momentane Bewertung der Aktie. Denn einerseits bringen die vielen neu installierten Systeme künftig zusätzlichen Wartungsaufwand mit sich und Softwareupdates, über die Vectron stetige Erlöse generieren wird. Andererseits hat Vectron kürzlich 75% des Kassensoftware-Startups Posmatic erworben und stellt diesem zusätzliches Wachstumskapital zur Verfügung, sodass insgesamt ein sechsstelliger Betrag investiert wird. Posmatic ist Hersteller einer Kassensoftware, die auf Hardware von Apple, wie z.B. Ipads, Ipods oder Iphones läuft. Die Endkunden kaufen sich diese Hardware in der Regel selbst und zahlen monatliche Nutzungsgebühren für die Software. Dieses Vertriebsmodell ist besonders bei kleineren Betrieben beliebt, die oftmals klassische Kassensysteme nicht finanzieren können. Um diesen Markt ebenfalls abdecken zu können wird Posmatic nun neben Vectron und Duratec als weitere Kassenmarke des Vectron-Konzerns im Markt platziert und rundet das Angebotsspektrum ab. Mit dem umfangreichen Vertriebsnetz und der vollen Unterstützung Vectrons soll Posmatic als führender Anbieter von Ipad-Kassensystemen in Deutschland etabliert werden. Weiterhin soll auch das Posmatic-Kassensystem mit der Online-Marketingplattform bonVito verbunden werden und hierfür einen kostengünstigen Einstieg bieten. Nachdem schon die app-basierten mobilen Lösungen der Marken Vectron und Duratec im laufenden Geschäftsjahr erhebliche Zuwächse verzeichnet haben, ist Vectron zuversichtlich, mit Posmatic zusätzlich von diesem Trend profitieren zu können.

Meine Einschätzung
Mit bonVito hat Vectron also einen weiteren potenziellen Wachstumstreiber im Sortiment, der über alle drei Vectron-Marken und -Systeme bespielt werden kann. Der Vectron-Kundenstamm ist also ein vorhandener Markt und darüber hinaus bieten bonVito die Chance auf neue Kunden, die dann auch auf das Vectron-Angebot aufmerksam gemacht werden können. Cross-Selling at it's best.

Trotz des starken Kursanstiegs in 2016 bietet Vectron hier einiges an Potenzial, wenn denn die Pläne des Unternehmens auch nur ansatzweise aufgehen. Ob man dann an Kurs "noch eine Null dranhängen" muss, wie Vectron-CEO Stümmler meinte, bleibt abzuwarten. Deutlich höhere Kursregionen als heute, also im dreistelligen Bereich, wären dann aber spätestens in 2018 schon realistisch.

Vectron befindet sich auf meiner Empfehlungsliste und als einer meiner Jahresfavoriten 2017 in meinem Depot.

Montag, 23. Januar 2017

Börsenweisheit der Woche 04/2017

„Wer die gleichen Aktien kauft wie alle anderen, hat auch die gleiche Performance!“
(Sir John Templeton)

Donnerstag, 19. Januar 2017

Scherzer & Co: Keine weiteren Millionen aus dem WMF-Squeeze-out, trotz Nachbesserung

Vor Gericht und auf hoher See ist man alleine in Gottes Hand. Soll heißen, alles ist möglich und was am Ende dabei herauskommt, ist vorher kaum absehbar. Dennoch tummelt sich die Scherzer & Co. AG als Spezialist für Investments in börsennotierte deutsche Nebenwerte und Abfindungsspekulationen bewusst in diesem Bereich. Und bisweilen fallen spektakuläre Erfolge na, wie beim Schering-Squeeze-out, wo Bayer kräftig nachzahlen musste.

Über die im Scherzer-Portfolio schlummernden erhebliche Millionenpotenziale aufgrund werthaltiger Nachbesserungsrechte aus Spruchstellenverfahren bzw. Squeeze-outs hatte ich ja bereits ausführlich berichtet und insbesondere auf das AXA-Verfahren hingewiesen, wo es für Scherzer & Co. unter dem Strich um eine Nachbesserung von über €1 je Scherzer-Aktie gehen könnte. Zur Einschätzung: der aktuelle Börsenkurs notiert bei €2,25.

Hinsichtlich des AXA-Verfahrens gibt es noch nicht viel Neues und es wird sich auch noch eine Weile hinziehen. Das Gericht hatte die Frist zur Abgabe von Stellungnahmen jüngst um zwei Monate auf Ende Februar verlängert. Allerdings hat ich für Scherzer der Einsatz erhöht. Denn man ist bei der börsennotierten RM Rheiner Management AG jetzt mit 41,46% beteiligt, nachdem man die Beteiligung im Dezember außerbörslich von zuvor knapp 30% aufgestockt hatte. Und die RM hat ein ganz ähnliches Geschäftsmodell und eigene Nachbesserungsrechte zu AXA und anderen Squeeze-outs im Tresor liegen. Kommt eine Nachbesserung, stehen Scherzer & Co. also die eigenen Anteile zu und nun auch noch einmal 10% mehr der Gewinne, die die RM damit erzielt.

Gericht hält bei WMF Abfindung für zu niedrig
Das Traditionsunternehmen WMF Württembergische Metallwarenfabrik AG wurde 2012 vom US-Finanzinvestor KKR & Co. übernommen und von der Börse genommen. Scherzer & Co. war hier vorab eingestiegen und hat dann beim Squeeze-out KKR seine 71.024 Vorzugsaktien zu €58,37 angedient - ein Gesamtvolumen für den Scherzer-Anteil von rund €4,1 Mio.

Nun hat das Landgericht Stuttgart den verschmelzungsrechtlichen Squeeze-out bei WMF verhandelt und die sachverständigen Prüfer angehört und dabei Zweifel an dem für den Squeeze-out vorgerechneten Unternehmenswert von nur knapp über €800 Mio. geäußert. Und das ist nicht wirklich verwunderlich, denn KKR hatte damals quasi noch während des laufenden Squeeze-outs bereits den Verkaufsprozess eingeleitet und dabei einen Verkaufspreis von $2 Mrd. angesetzt (damals umgerechnet rund €1,8 Mrd.). KKR setzte im Verkauf also den Wert mit €1,8 Mrd. an, während man zur selben Zeit die Altaktionären mit €800 Mio. für ihre Aktien abspeiste. Ein - vermutlich lukrative - Diskrepanz...

 Scherzer & Co. (Quelle: finanzen.net)
Verkauft wurde WMF dann später zu €1,6 Mrd., allerdings waren zuvor bereits Randbereiche abgegeben worden, so dass der Gesamterlös wohl über €1,8 Mrd. gelegen haben dürfte. Für Scherzer & Co. bedeutet dies ein weiteres mögliches Millionenpotenzial im Keller. Denn da der Verkaufspreis seitens KKR ja wirklich erzielt wurde und die hohe Diskrepanz von gut 100% offenkundig ist, dürfte das Landgericht dem Ansinnen mehrerer Antragsteller folgen, ein gerichtliches Gutachten zum wirklichen Wert der WMF-Aktien anfordern. Alles andere wäre nun eine große Überraschung, da das Gericht sich ja schon positioniert hat.

Nachdem Scherzer & Co. für etwa €4,1 Mio. ihre WMF-Aktien angedient hatten, liegt das mögliche Potenzial bei einer Verdopplung des damaligen Wertansatzes bei eben diesen €4,1 Mio. Zuzüglich Zinsen, denn bei Feststellung eines Nachforderungsanspruchs ist dieser Betrag rückwirkend ab Datum des erfolgten Squeeze-outs zu verzinsen. Früher war dies eher zu vernachlässigen, aber in Zeiten von Niedrigstzinsen sind zusätzliche Renditen von mehr als 4$ auf €4,1 Mio. für einen Zeitraum von mehr als 5 Jahren dann doch auch eine menge Geld. Da das Verfahren sich noch eine Weile hinziehen wird bis zur abschließenden Entscheidung und damit der Zahlung, dürften alleine an Zinsen dann für Scherzer mehr als €1 Mio. aufgelaufen sein. *)

Meine Einschätzung
Die Aktien von Scherzer & Co. notieren aktuell bei €2,25 und damit um knapp 5,5% unterhalb ihres NAVs, den Scherzer-Vorstand Dr. Georg Issels kürzlich mit €2,37 beziffert hatte. Bei den Börsenhighflyern des Jahres 2016 und auch des aktuellen Jahres, GK Software und Lotto24, hält bzw. hielt Scherzer einen Anteil von knapp 5%. Bei Lotto24 hat man diesen kürzlich in die Kursexplosion hinein reduziert und auch hier einen Millionengewinn eingefahren. Die Verantwortlichen bei Scherzer scheinen momentan alles richtig zu machen und neben den attraktiven Nebenwerten liegen eben auch noch die Nachbesserungsrechte im Keller, so dass langfristig orientierte Anleger mit den Aktien der Scherzer & Co. AG weiterhin viel Freude haben sollten. Und das scheint auch Scherzer-Vorstand Peter Neuroth so zu sehen, denn kurz vor Silvester hat er zum wiederholten Mal Scherzer-Aktien gekauft. Dieses Mal für knapp €25.000 zu Kursen um €2,09.

Scherzer & Co. befindet sich auf meiner Empfehlungsliste und in meinem Depot.


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*) ERGÄNZUNG VOM 18.01.2017 UM 15:22

»Der Mensch sollte sich nie schämen zuzugeben, dass er Unrecht hatte. Damit drückt er in anderen Worten nur aus, dass er heute klüger ist als gestern.«
(Alexander Pope)

Wenn etwas zu schön klingt, um wahr zu sein, ist es meistens auch nicht wahr. Und so verhält es sich leider dieses Mal auch mit meinen Annahmen. Scherzer-Vorstand Peter Neuroth hat meinen Bericht gelesen (das finde ich gut) und mich darauf aufmerksam gemacht, das Scherzer zwar seine WMF-Aktien seinerzeit KKR angedient habe, allerdings sei in der damaligen Börsensituation kein Nachbesserungsrecht für das Aktienpaket verhandelbar gewesen (das finde ich nicht so gut).

Meine Spekulation, Scherzer & Co. würde bei einer gerichtlich festgestellten Nachbesserung hiervon profitieren, ist somit falsch! 

Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass Scherzer & Co. selbst zu keinem Zeitpunkt geäußert hat, man habe entsprechende Nachbesserungsrechte. Dies sind alleine meine Schlussfolgerungen aus dem damals veröffentlichten Aktienbestand und den verfügbaren Informationen zum Squeeze-out gewesen. Mea culpa.

An meiner positiven Einschätzung zur Scherzer-Aktie ändert dies allerdings nicht das Geringste.

Spült Aumann-Börsengang im Mai 200 Millionen Euro in die MBB-Kasse?

Nach einem Bericht des Handelsblatts von gestern plant die mittelständische Beteiligungsgesellschaft MBB den Börsengang ihrer Automotive-Tochter Aumann AG für April oder Mai.

Nach Angaben von drei mit den Plänen vertrauten Personen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters stehe MBB kurz davor, die US-Investmentbank Citi sowie die Privatbanken Berenberg und Hauck & Aufhäuser mit den Vorbereitungen für den Börsengang zu beauftragen.

Den Insidern zufolge wolle MBB rund 40 Prozent an Aumann an die Börse bringen, so dass MBB wie bei der im November beschlossenen Ausgliederung erklärt, die Mehrheit von knapp über 50% behalten würde, die auch langfristig im MBB-Konzern verbleiben solle.

Das Unternehmen boome auch dank Elektromobilität. So erwarte das aus dem Zusammenschluss der beiden MBB-Töchter  Aumann GmbH und MBB Fertigungstechnik entstandene Unternehmen für das laufende Jahr rund €150 Mio.  Umsatz, das annähernd die Hälfte des konsolidierten Umsatzes des gesamten MBB-Konzerns darstelle. Der Auftragseingang liege bereits bei €180 Mio. und bei allen Werten werden deutliche Steigerungen erwartet - dank des Booms bei der Elektromobilität.

 MBB SE (Quelle: finanzen.net
Analysten zufolge sei Aumann allein fast so viel wert wie der gesamte MBB-Konzern, der auf einen aktuellen Börsenwert von rund €480 Mio. komme, so dass der Börsengang für die MBB damit mehr als €200 Mio. für den 40-prozentigen Aumann-Anteil einbringen könnte.

Meine Einschätzung
MBB war die renditestärkste meine Jahresfavoriten aus dem Jahr 2016 mit einem Kursplus von mehr als 150%. Der Aumann-Börsengang wird zu einem echten Meilenstein in der Unternehmensgeschichte.

Und man muss sich bei einer Bewertung der Aumann AG mit €400 Mio. noch mal ansehen, was MBB für die beiden zusammengeführten Töchter selbst als Kaufpreis gezahlt hatte. Die damalige Claas Fertigungstechnik hatte MBB Anfang 2012 übernommen und etwa €13 Mio. als Kaufpreis entrichtet sowie rund €10 Mio. Pensionsverpflichtungen und ungefähr €8 Mio. Grundstückschulden. Dieser Summe von € 31 Mio. lagen damals - inkl. Kundenanzahlungen - etwas mehr als €29 Mio. die der CFT-Kasse. Unterm Strich hat die MBB also eine bescheidene Summe im unteren Millionenbereich für die Übernahme ausgegeben. Und für den 75%-Anteil an Aumann hat man dem Vernehmen nach rund €19 Mio. bezahlt.

Insgesamt hat MBB für die beiden Käufe der Claas Fertigungstechnik und der Aumann-Gruppe also zwischen €20 und €25 Mio. aufgewendet - bei einem nach Analysten-Einschätzung heutigen Wert der kombinierten Aumann AG von €400 Mio.

Und an der Aumann AG gehören MBB 93,5%. Diese Wertentwicklung ist eine enorme Leistung des MBB-Teams. Sie zeigt, wie exzellent man beim Auswahlverfahren vorgeht und welche schlummernden Potenziale man einkauft, die man dann auch zu heben versteht.

Wie weit der Aktienkurs sich noch entwickeln kann, hängt nicht nur davon ab, welchen Preis MBB beim Aumann-IPO erzielen kann, sondern ob es MBB im Anschluss es gelingt, neue interessante Beteiligungen für das viele Geld zu finden. Eine Ausschüttung an die Aktionäre scheint kaum vorstellbar, dafür würde man sich nicht von Aumann-Anteilen trennen, sondern die 90%-Tochter lieber weiter mit diesem Anteil im Konzern behalten. Gelingt MBB-CEO Nesemann ein weiterer Coup wie bei der Übernahme der Claas Fertigungstechnik oder der Aumann GmbH, könnten sogar schon 2017 dreistellige Kurse winken. Ansonsten dürfte es dank des starken Wachstums bei Aumann und der soliden Entwicklung bei allen übrigen Konzerngesellschaften wohl spätestens 2018 soweit sein.

MBB befindet sich auf meiner Empfehlungsliste und als eine der größten Positionen in meinem Depot. Und nach wie vor eine der aussichtsreichsten für mittel- und langfristig ausgerichtete Anleger.


P.S.: Seit einigen Tagen konsolidiert der MBB-Aktienkurs und heute geht es mal 5% bergab. Ich habe soeben meine Position nochmals etwas aufgestockt zu €68,60 (zuletzt in den Kursanstieg hinein bei €50 und bei €62).

Mittwoch, 18. Januar 2017

Nach Gesetzesänderung: Übernimmt DIC Asset die WCM bald komplett?

Die im Nebenwertesegment der Deutschen Börse SDAX beheimatete Frankfurter DIC Asset AG ist ein auf Gewerbeimmobilien spezialisiertes Unternehmen und konnte im letzten Jahr einen Überraschungscoup landen, als man klammheimlich knapp 25% am Wettbewerber WCM übernahm. Diese 25-Prozentschwelle stellte eine natürlich Begrenzung dar, denn ein Zukauf über diese Marke hinaus hätte die hohen Verlustvorträge, die WCM aus ihrer Insolvenzphase retten konnte, verbraucht. Bei einem Anteilserwerb von über 50% verfallen sie ganz, zwischen 25% und 50% entsprechend quotal.

Seit dem Einstieg rätselt alle Welt über das weitere Vorgehen von DIC Asset und die ggf. gemeinsame Strategie mit WCM. Vielleicht stellt WCM ein reines Investment dar mit Aussicht auf üppige Dividendeneinnahmen? Oder WCM könnte Teile des DIC Asset-Portfolios übernehmen? Das einzige, das ausgeschlossen schien, waren weitere Aktienzukäufe. Bis jetzt...

 DIC Asset /WCM (Quelle: finanzen.net
Denn seit Kurzem ist alles anders. Im Dezember 2016 verabschiedeten Bundestag und Bundesrat ein neues Gesetz, das die steuerliche Verlustverrechnung bei Anteilserweb neu regelt, das Gesetz zur Weiterentwicklung der steuerlichen Verlustverrechnung bei Körperschaften. Und zwar rückwirkend ab 1.1.2016. Es wurde ein "fortführungsgebundener Verlustvortrag" eingeführt, so dass unter gewissen Voraussetzungen kein Wegfall des Verlustvortrags nach §8c KStG mehr erfolgt.

Meine Einschätzung
Im Gegensatz zu uns dürfte DIC Asset wissen, was sie mit dem WCM-Anteil anfangen wollen. Und sich überlegen, ob sich ein weiterer Zukauf von WCM-Anteilen und ggf. eine Mehrheitsübernahme lohnen könnte. Wohl wissend, dass man mit Karl Ehelerding & Co. starke und potente Gegenspieler im Aktionariat hat, die sich kaum kampflos ergeben werden. Einen geräuschlosen Anteilserwerb, wie seinerzeit beim überraschenden Einstieg, dürfte man kaum nochmals über die Bühne bringen. Aber die neue Gesetzeslage lässt ja auch einvernehmliche Übernahmen bzw. Zusammenschlüsse zu.

Ich bin ziemlich sicher, dass in den unterschiedlichen Chefetagen die Beteiligten sich bereits intensiv Gedanken hierzu machen. Und vielleicht auch Gespräche dazu führen. Auch wenn es hier wohl nicht zu einer schnellen Übernahme kommen dürfte, denn eine der Voraussetzungen für die Fortführung der Verlustvorträge lautet "der Geschäftsbetrieb besteht seit der Gründung oder seit mindestens drei Jahren unverändert". Und ziemlich unbestritten dürfte sein, dass die Insolvenzphase nicht als "Geschäftsbetrieb" einzustufen ist. Diesen hat WCM nach Ende des Insolvenzverfahrens Ende 2014 wieder aufgenommen mit der Sachkapitaleinbringung einiger Immobilienliegenschaften aus dem Altbestand Karl Ehlerdings.

Die neue gesetzliche Regelung könnte also unter diesem Aspekt für eine WCM-Übernahme ab Ende 2017 in Anspruch genommen werden. Dass DIC Asset kürzlich eine Refinanzierung seiner Schulden sowie eine Ausweitung seines Kreditspielraums vereinbart hatte, spricht jedenfalls nicht gegen diese Annahmen. Anleger sollten also im Laufe diesen Jahres ruhig auf Signale in dieser Richtung achten.

An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil
Doch wie Börsenaltmeister André Kostolany schon sagte, an der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil. Und so wäre natürlich auch denkbar, dass Karl Ehlerding der DIC Asset ein Angebot macht, um an ihr Aktienpaket zu kommen. Denn Ehlerding hat selbst gerade eine fette Abfindung für seine conwert-Aktien erhalten und vielleicht möchte er ja endlich wieder uneingeschränkter Herr im eigenen Haus sein?

Bei einer Mehrheitsübernahme stünde jedenfalls ein Übernahmeangebot für die übrigen Aktionäre zur Debatte, schließlich notiert WCM inzwischen im SDAX und ist an entsprechende Börsenregelungen gebunden. Es könnte also spannend werden zum Jahresende hin...

DIC Asset und WCM befinden sich auf meiner Empfehlungsliste.

Deutsche Forfait: Doppelter Rückschlag beim Neustart

Die Deutsche Forfait, ein Spezialist für Außenhandelsfinanzierungen und -forderungsmanagement, arbeitet nach der Pleite an einem Neustart: Kapitalschnitt, Kapitalerhöhung und Bilanzbereinigung sind erfolgt und ab 2017 soll das operative Geschäft wieder voll durchstarten. Nachdem ich den Wert vor einiger Zeit auf meine Empfehlungsliste gesetzt habe, hat der Kurs um gut 60% zugelegt und damit schon einige Vorschusslorbeeren verteilt. Dennoch ist er einer meiner Favoriten für das Jahr 2017.

Gestern gab es aber zwei Unternehmensmeldungen und beide bringen Ungemach. Zunächst muss die DF eine Forderung aus ihrem Restrukturierungsportfolio in Höhe von €4,9 Mio. wertberichtigen, weil sie in einem Rechtsstreit unterlegen ist. Dies betrifft zwar direkt nur "die alte Gesellschaft" und geht zulasten der Insolvenzsumme, die an die früheren Gläubiger ausgeschüttet wird. Das gesamte Restrukturierungsportfolio wurde im Rahmen des Insolvenzplans vom 29. April 2016 mit einem Fortführungswert in Höhe von €27,5 Mio. bewertet und die Wertberichtigung ist für die DF nicht unmittelbar ergebniswirksam. Allerdings hat die Sache dann doch eine Haken, denn mittelbar könnte sich doch eine Auswirkung auf das Konzernergebnis ergeben, wenn es der Gesellschaft nämlich nicht gelingen sollte, mindestens €24 Mio. aus der Verwertung des gesamten Restrukturierungsportfolios zu erzielen. Dann kann es abhängig vom tatsächlich erzielten Erlös aus der Verwertung des Restrukturierungsportfolios zu einer Zahlung von bis zu €0,8 Mio. an die Insolvenzgläubiger kommen.

Die zweite Meldung könnte folgenschwerer sein. Großaktionär und Vorstandsvorsitzender ist Shahab Manzouri und dieser hat dem Aufsichtsrat mitgeteilt, er könne wegen einer längeren Erkrankung für etwa drei Monate seine Vorstandspflichten nicht wahrnehmen. Er wurde daher zunächst bis Ende April beurlaubt.

Meine Einschätzung
Nun laufen die Geschäfte der Deutschen Forfait ordnungsgemäß weiter und die beiden weiteren Vorstandsmitglieder Gabriele Krämer und Christoph Charpentier übernehmen in dieser Zeit gemeinsam die Vorstandsverantwortung. Allerdings ist Manzouri die treibende Kraft hinter der Wiederauferstehung der DF und seine (unbekannte) Erkrankung, die möglicherweise auch länger als 3 Monate andauern kann - im schlimmsten Fall zu einem dauerhaften Ausfall führt - schwebt nun als Damoklesschwert über dem Unternehmen. In einem gestandenen Unternehmen wäre ein solcher schwerwiegender Ausfall leichter zu verkraften als in einem Unternehmen, dass sich im Umbruch befindet und gerade wieder neu durchstarten will. Gut möglich also, dass der Kurs die nächste Zeit, mindestens bis zur Rückkehr des CEO, unter der Unsicherheit leiden wird.

 Deutsche Forfait (Quelle: finanzen.net
Hinzu gesellt sich der verlorene Rechtsstreit mit der drohenden Auswirkung von €0,8 Mio. auf das Ergebnis der DF. Unklar ist, ob es hierzu kommt. Eine Rückstellung wird die DF für diesen Fall nun aber wohl bilden müssen, so dass das Ergebnis 2017 hiervon auf jeden Fall belastet wird. Sollte die Rückstellung später nicht in Anspruch genommen werden müssen, würde sie in der Folgezeit ergebniswirksam (also ergebniserhöhend) wieder aufgelöst werden.

Beide Meldungen sind negativ und beide vergrößern die Fragezeichen hinter dem möglichen Sanierungserfolg. Andererseits ist die Kapitalausstattung der DF inzwischen so gut, dass der Ergebniseffekt sie nicht aus der Bahn wirft und der Neustart des Geschäfts wird auch durch die beiden aktiven Vorstandsmitglieder weitergehen. Hier zeigt sich, dass es auch in dieser frühen Phase der Neuaufstellung richtig war, schon auf eine breite Besetzung des Vorstands zu setzen.

Trotz der beiden Rückschläge hat sich an meinem Investentcase grundsätzlich nichts verändert. Obwohl weitere Kurssteigerungen in den nächsten Wochen eher nicht zu erwarten sind, sollte der Turnaround im Jahresverlauf richtig Fahrt aufnehmen, so dass auf mittlere und lange Sicht trotz der ersten gut 60% an Kursgewinnen seit meiner Erstempfehlung das Potenzial hier noch nicht als ausgeschöpft sein sollte. Gelingt der Neustart, ist hier noch vieles möglich. Insbesondere, wenn Shahab Manzouri wieder genesen ist und sich wieder voll ins Unternehmen einbringen kann.

Die Deutsche Forfait befindet sich als Turnaround-Spekulation auf meiner Empfehlungsliste und in meinem Depot.

Capital Stage: Einfach Geld verdienen mit sauberem Strom

▸ Kissigs Kolumne vom 15. November 2016, Aktien Magazin 30/2016 

Warren Buffett sagte einmal, mit Energieversorgern würde man nicht reich, aber man bleibe es. Das mag in den Ohren der Aktionäre von Eon oder RWE wie Hohn klingen, aber Buffett hat beim Ausspruch seiner Worte ganz bestimmt nicht an die staatlich verordnete Energiewende in Deutschland gedacht, die für die Misere der deutschen Energieversorger verantwortlich ist. Denn im operativen Geschäft verdienen die Konzerne weiterhin auskömmlich Geld, sie verbrennen allerdings Milliarden mit Abschreibungen auf ihre alten Kraftwerksbeteiligungen, den Atomkraftwerken und den unrentablen Öl- und Gaskraftwerken.

»Mit Energieversorgern wird man nicht reich, aber man bleibe es.«
(Warren Buffett)

Die andere Seite der Energiewende ist, dass der deutsche Staat ganz vorne mit dabei ist, wegzukommen von konventionellen, fossilen Brennstoffen hin zu regenerativen Energiequellen, Also Bio, Wasser, Wind und Sonne. Durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) werden diese Energiequellen staatlich gefördert und mittels langlaufender Subventionen massiv unterstützt. Die Zeche zahlen übrigens nicht die Steuerzahler, sondern die Energiekunden über ihre Stromrechnung. Denn dort findet sich ein immer größer werdender Anteil an staatlichen Umlagen, insbesondere der EEG-Umlage, aus der diese Subventionen gespeist werden.

Konkurrenz aus Asien verdirbt die Preise
Diese Subventionen waren auch der Grund, weshalb in Deutschland, einem eigentlich sonnenarmen Land, die Produktionsstätten für Solarmodule wie Pilze aus dem Boden schossen. Gerade in der durch die EU noch besonders geförderten Region Ostdeutschland entstanden hunderte derartiger betriebe und nicht wenige fanden auch den Weg an die Börse. Doch es kam, wie es kommen musste. Die hohen Subventionen für die Solarmodule lockten auch zunehmend ausländische Anbieter an, insbesondere aus Asien, und die Milliarden flossen zunehmend ins Ausland ab. Die deutschen Unternehmen hatten es sich in ihrer subventionierten Nische zu bequem gemacht und sich nicht auf den steigenden Wettbewerb eingestellt. Als dann die Regierung die ausufernden Subventionen einbremste, rasten viele deutsche Konzerne in die Insolvenz. Erinnert sei nur kurz an Q-Cells, Solon oder Solarworld. Letztere kämpft noch immer mit Umstrukturierungen und massiven Verlusten, das Lebenslicht ist noch nicht ganz ausgeblasen.

Es gab aber auch andere Hochflieger, die Hersteller von Windrädern. Ob RePower oder Nordex, auch diese Branche machte und macht eine Berg- und Talfahrt durch. Anleger verdienten und verloren Millionen in diesem Bereich. Es stellt sich daher die Frage, weshalb ich mich dieses Themas überhaupt annehme…

 Capital Stage (Quelle: finanzen.net
Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: es lässt sich mit erneuerbaren Energien viel Geld verdienen. Auch und gerade in Deutschland. Man muss nur genau hinsehen und auf die richtigen Investments setzen. Die jüngsten Änderungen am EEG, die letztlich Kosten sparen sollen, bringen künftig eine Art Auktionsverfahren für neue Standorte mit sich. Der günstigste Anbieter erhält den Zuschlag. Dieses neue Verfahren wird sich vor allem für die Hersteller von Solarmodulen und Windkraftanlagen negativ auswirken, denn die Wind- und Solarparkprojektierer bekommen nur noch den Zuschlag, wenn sie billige sind als die Konkurrenz. Und das bedeutet, dass sie zu immer niedrigeren Kosten Windräder und Solarmodulen einkaufen müssen, wollen sie noch neue Projekte ins Leben rufen können. Da es alle Projektierer gleichermaßen trifft, kann sich auch keiner dem Wettbewerbsdruck entziehen, insbesondere bei den Herstellern nicht.

Und hier kommen wir zum interessanten Part, wo es ums Geld verdienen geht. Denn da wir noch immer in einer Welt ohne Zinserträge leben und sich daran auch nicht viel ändern wird in absehbarer Zeit, stehen viele Investoren bereit, um Geld in Infrastruktur zu investieren. Und konkret: in regenerative Energieerzeugung. Denn der eigentliche Nachteil, die staatliche Regulierung, stellt auf der anderen Seite mit den auf viele Jahre garantierten Einspeisevergütungen auch eine fast absolut berechenbare Einnahmequelle dar. Kalkulierbares Risiko bei gut kalkulierbarer Rendite, das lockt viele Investoren in Zeiten von Strafzinsen an. Und diese wollen sich einkaufen, sie übernehmen fertig gestellte Wind- und Solarparks oder beteiligen sich an bestehenden. Oder sie stellen Geld zur Verfügung für Unternehmen, die neue Parks in Angriff nehmen.

Dabei hat Deutschland einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Und ich meine nicht die unterdurchschnittliche Sonnenausbeute oder die überdurchschnittliche Anzahl an Windtagen, sondern die Rechtssicherheit. Anders als beispielsweise in Spanien oder Italien, wo schon einmal rückwirkend die Einspeisevergütungen gekürzt wurden, ist dies in Deutschland rechtlich gar nicht möglich. Kürzungen können für die Zukunft beschlossen werden, aber eben auch nur für noch nicht begonnene Projekte. Was genehmigt und umgesetzt wurde, hat Bestandsschutz und zwar zu den bei der Genehmigung gültigen Rahmenbedingungen.

Bei Capital Stage scheint immer die Sonne…
Schauen wir uns also auf dem deutschen Kurszettel um, fällt uns Capital Stage ins Auge. Der Aktienkurs hatte sich von Ende 2014 innerhalb eines Jahres auf 9 Euro mehr als verdoppelt, bevor er stärker konsolidierte. Aktuell zahlt man rund 6,50 Euro für einen Anteilsschein. Und dabei erhält man auch noch gleich rund 95% der Chorus Clean Energy AG mit, denn die hatte Capital Stage kürzlich im Wege eines Aktientauschs übernommen.

…und nun auch an windigen Tagen
Diese Übernahme macht durchaus Sinn, denn während Capital Stage vor allem im Bereich des Betriebs von Solarparks aktiv ist, hatte sich Chorus Clean Energy vor allem auf Windparks spezialisiert. Die im SDAX gelistete Capital Stage investiert vor allem in Solar- und Windparks an Land, also „onshore“, und betreibt zur Zeit 81 Solar- und zehn Windparks mit einer Leistung von mehr als 600 Megawatt in Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien. Und dabei setzte das Unternehmen im ersten Halbjahr 2016 knapp 65 Millionen Euro um und damit rund 24 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Und dank der Übernahme des Wettbewerbers Chorus Clean Energy betreibt man gemeinsam nun 149 Solar- und Windparks in sechs Ländern mit einer Produktionskapazität von mehr als einem Gigawatt. Das entspricht in etwa der Leistung eines mittleren Atomkraftwerks.

MDAX-Aufstieg im Blick
Kein Wunder, dass man bei einer Marktkapitalisierung von inzwischen über 800 Millionen Euro auch von einer Aufnahme in den MDAX träumt – auch wenn hier bald die beiden Energie-Abspaltungen von RWE und Eon, Innogy und Uniper Plätze beanspruchen werden. Der MDAX wird mittelfristig also deutlich energielastiger werden.

Doch wer heute die Aktien kauft, setzt ja auf die Zukunft und nicht auf die Erfolge der Vergangenheit. Einerseits dürfte es einiges an Synergien zu heben geben in den Bereichen Einkauf und Finanzierung. Und gerade hier kann eine reduzierte Zinslast für Fremdkapital schon erheblichen Einfluss auf das Finanzergebnis und damit auf den Jahresüberschuss haben. Darüber hinaus hat man nun eine Größe erreicht, wo man verstärkt in den Fokus institutioneller Anleger gerät, was dem Aktienkurs nicht gerade schaden dürfte.

Nimmt man die bisherigen Prognosen zusammen, dürfte der Konzern auf gemeinsame Jahreserlöse von rund 200 Millionen Euro kommen. Für konkretere Angaben müssen sich Anleger allerdings noch gedulden, denn detaillierte Prognosen will Capital Stage erst mit Vorlage der Jahreszahlen für 2016 vorlegen.

Auch wenn der deutsche Markt auf den ersten Blick weniger Wachstumspotenzial ausweist, hat Capital Stage den Vorteil, dass man nicht nur auf neue Wind- und Solarparks setzt, sondern gerade auch bestehende Projekte übernimmt. Das Stichwort heißt Repowering und bedeutet, dass alte Anlagen durch neue und leistungsstärkere ersetzt werden. Der Vorteil liegt auf der Hand: denn diese Standorte sind bereits valide, sie haben bereits Strom erzeugt und man kennt die erzielbare Ausbeute. Bei neuen Standorten handelt es sich um Projektionen und Rechenmodelle, die sich erst noch beweisen müssen. Durch das Ablösen alter, teurer Finanzierungen erzielt man in der Regel erhebliche Zinseinsparungen und kann durch neue Module deutlich mehr Strom erzeugen als mit den alten Anlagen. Diese zweigleisige Strategie ist daher sicherer und erfolgversprechender, als ausschließlich auf die Errichtung neuer Anlagen zu setzen.

Aufgrund der Niedrigzinsphase ist Capital Stage in einer hervorragenden Position, weil immer mehr Interessenten Schlange stehen. Auf der anderen Seite sorgen die garantierten Einspeisevergütungen für verlässliche Einnahmen, während die neuen Regelungen des EEG vor allem die Produzenten von Solarmodulen und Windrädern unter Kostendruck setzen, was Capital Stage ebenfalls in die Karten spielt. Das erklärte Ziel der Bundesregierung ist, bis zum Jahr 2050 rund 80 Prozent des Primärenergiebedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken. Ein gigantischer Markt, nicht nur für Capital Stage. Viel sauberer kann ein Investment kaum noch sein. Und vielleicht ist Capital Stage ja doch ein Energieversorger, der seine Anleger reich machen kann, zumindest auf lange Sicht. Das Potenzial ist jedenfalls vorhanden und bisher hat das Management es verstanden, dies auch gewinnbringend zu nutzen. Alles spricht dafür, dass ihm dies auch in Zukunft gelingen wird.


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ERGÄNZUNG VOM 30.01.2017
Ich habe heute Aktien von Capital Stage erworben und nehme sie zu €6,08 auf meine Empfehlungsliste. Capital Stage möchte eine "aktive Rolle" bei der Branchenkonsolidierung einnehmen, ist auf der anderen Seite bei einer Börsenkapitalisierung von knapp €800 Mio. auch selbst ein Übernahmekandidat für einen finanzstarken Investor. Entweder aus der Branche (Innogy oder Eon) oder aber ein Finanzinvestor, wie auch Versicherungskonzerne (z.B. Allianz), die auf der Suche nach verlässlichen Renditen sind.

Der Kurs steht aktuell noch unter Druck, weil die Übernahme von Chorus Clean Energy deren Aktionären kein Bargeld brachte, sondern Capital Stage-Aktien. Hier scheinen einige Neuaktionäre weiterhin abgabewillig zu sein. Auf der anderen Seite kaufen die beiden Aufsichtsräte Albert Büll und Dr. Cornelius Liedtke kräftig weiter Aktien zu - in den letzten Wochen zusammen immerhin für mehr als eine halbe Million Euro. Und Insiderkäufe sind selten ein schlechtes Zeichen...

Dienstag, 17. Januar 2017

msg life AG: Übernahmeangebot, Delisting - lasst die Spiele beginnen!

Die msg life AG ist ein Spezial-Softwareunternehmen für die Versicherungsbranche und auf dem besten Weg, einen erfolgreichen Turnaround hinzulegen. Ich hatte vor knapp einem halben Jahr erstmals über das Unternehmen berichtet, das aus der Fusion der beiden ehemaligen neuer Markt-Werte FJA und Cor entstanden war, und hatte es als aussichtsreiche Turnaroundsituation bei €2,20 auf meine Empfehlungsliste genommen und kurze Zeit später bei knapp über €2,00 nochmals etwas aufgestockt, als die eigentlich recht ansprechenden Halbjahreszahlen mit einem 10-prozentigen Kurseinbruch quittiert wurden. Seither hat sich das Unternehmen prächtig entwickelt und mit ihm der Aktienkurs. Bis gestern...

Denn gestern gab das Unternehmen eine für seine Aktionäre folgenschwere Meldung heraus. So hat die msg systems AG, mit aktuell ca. 49,09% Anteil die Hauptaktionärin der msg life AG,
dem Vorstand der msg life AG mitgeteilt, ein freiwilliges öffentliches Erwerbsangebot für alle Aktien der msg life AG abgeben zu wollen. Den Aktionären soll der gesetzlich vorgeschriebene Mindestpreis angeboten werden.

 msg life AG (Quelle: finanzen.net
Normalerweise versetzt ein Übernahmeangebot die Aktionäre in Entzücken, denn üblicherweise wird es mit einer fetten Prämie auf den zuletzt aufgerufenen Aktienkurs garniert. Doch nicht dieses Mal. Denn die Hauptaktionärin will den freien Aktionären lediglich ein Angebot in Höhe des gesetzlichen Mindestpreises unterbreiten und bei freiwilligen Übernahmeangeboten und bei Pflichtangeboten hat ein Bieter den Aktionären einer Zielgesellschaft eine angemessene Gegenleistung anzubieten. Wie eine angemessene Gegenleistung zu berechnen ist, ergibt sich aus den §§3ff. der WpÜG-Angebotsverordnung. Nach §5 Abs. 1 WpÜG-Angebotsverordnung muss die Gegenleistung mindestens dem gewichteten durchschnittlichen inländischen Börsenkurs der durch einen Bieter zu erwerbenden Aktien einer Zielgesellschaft während der letzten drei Monate vor Veröffentlichung der Entscheidung zur Abgabe eines Angebots bzw. der Veröffentlichung der Kontrollerlangung entsprechen. Die BaFin ermittelt nun diesen Angebotspreis und im Anschluss daran wird die Hauptaktionärin msg systems AG eine Angebotsunterlage veröffentlichen. Dann steht der Preis fest, zu dem Aktionäre ihre Aktien andienen können.

In den letzten drei Monaten schwankte der Aktienkurs der msg life AG zwischen €2,15 und €2,95, aber bei der Preisbestimmung spielen auch die Umsätze, also die Anzahl der gehandelten Aktien eine Rolle. Daher kann man aktuell den Angebotspreis nur erahnen. Aber er dürfte vermutlich so um die €2,40 liegen - dort, wo sich der Aktienkurs auch nach der Meldung in etwa eingependelt hat. Und damit deutlich unterhalb der kürzlich erreichten Hochs bei €2,95.

Cui bono?
Nun handelt es sich lediglich um eine Übernahmeangebot und kein Aktionär muss darauf eingehen. Aus dieser Sichtweise ist der Kurseinbruch also unverständlich. Allerdings hat die Hauptaktionärin natürlich eigene Interessen und hat das Übernahmeangebot mit der Meldung verbunden, sie strebe im Anschluss ein Delisting der Aktien an. Und diese Meldung stellt dann auch einen Schaden für die freien Aktionäre dar! Konkret heißt es in der Meldung:

"msg life beabsichtigt, zu gegebener Zeit nach Veröffentlichung der Angebotsunterlage ein Delisting der Aktien der msg life ag durchzuführen und hierzu einen Antrag auf Widerruf der Zulassung der Aktien zum Handel im regulierten Markt der Frankfurter Wertpapierbörse zu stellen. Eine Einführung der msg life-Aktien an einem anderen regulierten Markt oder einer anderen Handelsplattform wird nicht angestrebt."

Formal strebt also die msg life AG selbst das Delisting an und nicht die Hauptaktionärin, aber de facto steckt diese natürlich dahinter. Und das Warum ist auch ziemlich klar: msg life konnte zuletzt zwei große Aufträge an Land ziehen. Im November vermeldete man als Neukunden die Canada Life-Gruppe und im Dezember weitere Aufträge der österreichischen UNIQA-Gruppe. Beide Aufträge dürften dafür sorgen, dass der Turnaround bei msg life als erfolgreich angesehen werden kann und es künftig ans Geld verdienen gehen wird.

Für die freien Aktionäre ist es natürlich ein echter Tritt, dass die Großaktionärin ihnen den Lohn für ihr Durchhaltevermögen entwenden will. Die Aktionäre haben in der kritischen, Existenz bedrohlichen Lage dem Unternehmen die treue gehalten und jetzt sollen sie am Erfolg nicht mehr teilhaben dürfen. Das ist moralisch schäbig, ökonomisch allerdings verständlich. Die Großaktionärin will halt ihren Ertrag maximieren.

Seit dem 26. November 2015 gilt, dass Emittenten, die den Widerruf der Zulassung ihrer Aktien zum Handel an einem regulierten Markt anstreben, den Aktionären nach §39 Börsengesetz neuer Fassung (BörsG n.F.) ein Abfindungsangebot nach dem Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetz (WpÜG) unterbreiten müssen. Dieses muss in bar erfolgen und es gilt eine erweiterte Frist von 6 Monaten zur Ermittlung des gewichteten Durchschnittskurses.

Handlungsoptionen
Wer - wie ich - zu durchschnittlich knapp €2,10 vor einem halben Jahr eingestiegen ist, kann die bisher aufgelaufenen Gewinne mitnehmen und seine Aktien einfach über die Börse verkaufen. Rund 20% Kurszuwachs in sechs Monaten ist eine sehr ansehnliche Rendite, auch wenn sie beim Jahreshoch von €2,95 natürlich deutlich üppiger ausgefallen wäre. Dieses ist die einfache Lösung, Gewinne mitnehmen und keine Scherereien.

Es gibt auch einen anderen Weg, den steinigen. Denn momentan geht es nur um ein Übernahmeangebot, nicht um einen Squeeze-out. Das heißt, kein Aktionär wird aus dem Unternehmen gedrängt, niemand muss seine Aktien verkaufen oder andienen. Man kann sie einfach behalten oder sogar zukaufen. Doch das hat natürlich Konsequenzen. Denn ein Delisting bedeutet, dass die Aktien nicht mehr einfach über die Börse veräußert werden können. Was ein enormer Komfort- und subjektiver Sicherheitsaspekt ist. Man würde weiterhin an einer AG beteiligt sein, Aktionär bleiben, aber ohne Börsenhandel. Im Grunde wäre es vergleichbar mit einem GmbH-Anteil oder der Einlage in einen geschlossenen Investmentfonds. Auch diese kann man nicht über die Börse verkaufen, sondern ggf. nur an die Gesellschaft zurückgeben. Im Falle des Delistings könnte man den Großaktionärin also auch künftig die Anteile andienen; es müsste dann allerdings ihr fairer Wert bestimmt werden. Das ist mit Aufwand verbunden und viele werden diesen Aufwand scheuen.

Andererseits liegt der Teufel ja bekanntlich oftmals im Detail. Und dieses Mal auch die Hoffnung. Denn wer sich die Delisting-Ankündigung genau ansieht stellt fest, dass dort von einem "Antrag auf Widerruf der Zulassung der Aktien zum Handel im regulierten Markt der Frankfurter Wertpapierbörse". Das könnte also im Ergebnis dazu führen, dass die Aktien auch künftig noch im Freiverkehr (Open Market) der Frankfurter Börse gelistet würden - das wäre ein sog. Downlisting.

Die neuen Aufträge darauf hin, dass die Großaktionärin der Auffassung ist, die Aktien der msg life AG wären bei €3 perspektivisch unterbewertet. Und ich sehe das auch so. Man ist in einer Boombranche zuhause und wieder sehr erfolgreich unterwegs. Die Halbjahreszahlen (und damit auch das anstehende Jahresergebnis) sind noch durch den Einmaleffekt aus einem Vergleich in Zusammenhang mit der ehemaligen Beteiligung an der B+S Banksysteme AG belastet, die künftig nicht mehr anfallen werden. Es ist abzusehen, dass die künftigen Geschäftszahlen deutlich besser ausfallen werden als die bisherigen. Und das ist ja letztlich der Grund, weshalb die msg systems AG möglichst viele der Aktien der msg life AG einsammeln möchte. Und das natürlich möglichst günstig.

Um es klar zu sagen: diese Spekulation ist nur etwas für Hartgesottene!

Denn wenn es zum vollständigen Delisting kommt, werden die Aktien zwar noch im Depotauszug auftauchen, aber mit dem Wert Null. Das sieht dann nach einem Verlust aus. Als Value Investoren kennen wir natürlich den Unterschied zwischen Aktienwert und Aktienpreis und wissen daher auch, dass der Depotauszug den Preis angibt und nicht den zugrundeliegenden Wert. Aber dennoch verschwindet die Position einfach und man ist gefühlt ärmer. Doch Gefühle haben an der Börse nichts zu suchen, es geht rein ums Business!

Was wird nun passieren?
Es wird durch die BaFin der Angebotspreis ermittelt und die msg systems AG wird dann ihr entsprechendes Angebot unterbreiten. Die freien Aktionäre werden also Post von ihrer Depotbank bekommen. Dann wird es irgendwann eine Meldung geben, wie viel Aktien angedient wurden und wie hoch der neue Anteilsbesitz der Hauptaktionärin ist. Im Anschluss wird es dann - so ist es angekündigt - zu einem Delisting kommen und die Meldung über dessen Umsetzung dürfte den Aktienkurs noch einmal negativ beeinflussen. Dann erfolgt das Delisting und die übrigen freien Aktionäre sind dann weiterhin Aktionäre der msg life AG, allerdings ohne die Möglichkeit, ihre Aktien täglich an der Börse veräußern oder ihren Bestand aufstocken zu können.

Und es wird noch weniger Informationen geben! Die Kapitalmarktkommunikation wird weiter eingeschränkt, denn als Anteilseigner/Aktionär hat man lediglich Anspruch auf den Geschäftsbericht und eine Einladung zur Hauptversammlung. Wer zu diesem einen Event nicht selbst anreisen kann, ist auf die Berichte anderer angewiesen. So wie z.B. von GSC Research, die viele HVs besuchen und diese Berichte dann online stellen. Allerdings zumeist nur ihren Kunden/Abonnenten. Wer sich überwiegend mit deutschen Nebenwerten beschäftigt, für den kann so ein Abo mit €169 pro Jahr durchaus sinnvoll sein.

Später wird dann vermutlich ein Squeeze-out angestrebt, also ein herausdrängen der letzten freien Aktionäre. Dazu müsste die Hauptaktionärin erst einmal 95% der Anteile erworben haben und bis dahin ist von den aktuellen 49,09% noch reichlich Luft. Und dieser Squeeze-out würde zu einer Barabfindung für die freien Aktionäre führen und im Regelfall dann zur Einleitung eines Spruchstellenverfahrens (auf Verlangen eines heraus gedrängten Aktionärs) zur Überprüfung der Angemessenheit der Abfindung. Spätestens bei Ankündigung des Squeeze-outs dürften Spezialisten wie Scherzer &Co. in den Wert einsteigen, um hier noch etwas dran zu verdienen. Das Spruchstellenverfahren zieht sich dann allerdings Jahre hin. Jahre, in denen der Altaktionär bereits seinen ursprünglichen Abfindungsbetrag auf dem Konto hat und seine Nachbesserungsrechte, sollten sie sich am Ende als werthaltig herausstellen, auch noch üppig verzinst wurden. Das kann eine lukrative weitere Spekulation sein. Allerdings befinden wir uns hier schon im Bereich einer eher langfristigen Entwicklung und ob es soweit kommt, bleibt noch abzuwarten.

Auch kann es zwischen erstem Übernahmeangebot und Squeeze-out auch noch zu weiteren Übernahmeangeboten durch die Hauptaktionärin (oder sogar von Außenstehenden) kommen.

Was sagt die Erfahrung zum Delisting?
Das Delisting ist das Eine, die Praxis ist das Andere. In vielen Fällen kann man auch nach einem vollständigen Delisting die Aktien noch handeln. So bietet Valora Effekten eine Handelsplattform für delistete Werte an, einen Zweitmarkt. Da muss man sich anmelden und die Umsätze sind eher gering bei entsprechend hohem Spread zwischen Geld- und Briefkurs, aber zumindest besteht die Möglichkeit, die Aktien zu veräußern. Und dann hat sich die Hanseatische Börse zu Hamburg als Nischenplayer etabliert, indem sie einfach viele delistete Werte weiter zum Börsenhandel zugelassen hat. Ohne Kosten für die Unternehmen und nicht immer zu deren Freude. Auch hier ist mit ausgeweiteten Spreads und eher geringen Handelsumsätzen zu rechnen, wenn die Hamburger Börse denn überhaupt ein Listing fortführt/einführt, aber immerhin.

Eine weitere Erfahrung ist, dass die Aktienkurse bei Ankündigung eines Delistings stets einbrechen, weil Verkaufsdruck aufkommt. Und dass sie sich in den meisten Fällen in den kommenden Monaten wieder erholen und sogar bisweilen über dem Kursen von direkt vor der Delistingankündigung notieren.

Meine Einschätzung
Wirklich passiert ist bisher noch nichts, außer einer Ankündigung. Das Übernahmeangebot bleibt abzuwarten, dann steht der Angebotspreis fest. Und dieser dürfte unterhalb des aktuellen Börsenkurses liegen. Erst danach wird es wirklich interessant und alle Aktionäre haben jetzt die Zeit, sich ggf. von ihren Aktien zu trennen.

Ich bin auch noch unentschlossen, was ich tun werde. Denn ich habe noch nie an einem Delisting und/oder Squeeze-out teilgenommen als Aktionär. Alleine deshalb wäre das wohl eine interessante Erfahrung. Und dann ist da noch der Wert der Aktie, den ich deutlich höher einstufe als den gegenwärtig aufgerufenen Börsenkurs. Nach den positiven operativen Entwicklungen und den zuletzt vermeldeten Großaufträgen eher Richtung €4 als Richtung €2. Ich werde mir das Szenario noch durch den Kopf gehen lassen; momentan verkaufe ich meinen Bestand nicht, sondern warte ab. Denn bevor es zu einem vollumfänglichen Delisting kommt, wären ja noch weitere Schritte seitens des Unternehmens notwendig. Falls es überhaupt dazu kommt und die jetzige Ankündigung nicht vor allem den Zweck hatte, der Großaktionärin eine Vielzahl an Aktien zu ermäßigten Kursen in die Arme zu treiben. Zuzutrauen ist es den Verantwortlichen, das Spiel haben schon viele mit ängstlichen Aktionären getrieben. Ich neige daher fast eher dazu, noch ein paar Stücke zuzukaufen. Mal sehen...

Die msg life AG befindet sich als Turnaround-Spekulation auf meiner Empfehlungsliste und in meinem Depot.


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ERGÄNZUNG VOM 23.01.2017
Die msg systems AG hat heute das Delisting-Erwerbsangebot bekannt gegeben und bietet €2,38 je Aktie. Und damit deutlich weniger als den aktuellen Kurs von €2,68.