Dienstag, 6. März 2018

Covestro: Hier stimmt die Chemie einfach...

Es war einmal ein deutscher Chemiekonzern, der wollte sich vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan wandeln. Also begann er, vermeintlich hässliche Teilbereiche abzuspalten, um vom Chemiekonzern zu einem Life-Science-Unternehmen zu werden. Und dies ist seine Geschichte. Obwohl er eigentlich gar nicht die Hauptrolle in unserem Börsenmärchen spielt…

Die Rede ist natürlich von Bayer und nachdem bereits im Jahr 2004 die ehemalige Polymersparte abgespalten und später unter dem Namen Lanxess an die Börse gebracht wurde, folgte im Herbst 2015 die auf Kunststoffe spezialisierte Sparte MaterialScience, die heute unter dem Namen Covestro im Mittelstandsindex MDAX notiert.

Und sowohl Lanxess als auch Covestro laufen seit ihrer Eigenständigkeit der Bayer-Aktie den Rang ab. Was Börsenkenner allerdings nicht wirklich verwundert, denn Spin-offs sind überwiegend erfolgreich. Obwohl man eigentlich denken sollte, dass so eine Abspaltung eines großen Konzerns keine aussichtsreiche Zukunft haben dürfte, da der Konzern ansonsten diese Sparte ja selbst behalten hätte. Doch die Gründe für die Abspaltung können vielfältig sein und daher sollte man sich von diesem Vorurteil lösen und sich lieber das neue Unternehmen separat anschauen.


Spin-offs sind wahre Outperformer
Bereits Benjamin Graham, der Urvater des Value Investings und Lehrmeister von Warren Buffett, lehrte uns, dass Spin-Offs oft zu Sondersituationen führen, bei man Unternehmensanteile unter Wert einsammeln kann. Das liegt daran, dass ein Spin-off kein normaler Börsengang ist, bei dem sich Anleger aktiv um die neuen Aktien bemühen, sondern bei einem Spin-off bekommen Aktionäre des abgebenden Konzerns die Aktien der abgespaltenen Unternehmenseinheit einfach in ihre Depots eingebucht. Und haben nun also Anteile an einem Unternehmen, das sie vielleicht gar nicht haben wollen. Da diese Situation bei allen Anlegern zur gleichen Zeit auftritt, handeln auch vielleicht entsprechend und verkaufen ihre neuen Aktien umgehend. Es kommt also kurzfristig zu einem Angebotsüberhang an Aktien und das drückt auf den Kurs.

Und auch in der ersten Folgezeit hat es das neue Unternehmen schwer, sich die nötige und vielleicht verdiente Beachtung zu sichern. Denn es ist am Markt unbekannt, der neue Name ist nicht geläufig und es gibt vergleichsweise wenig Informationen zu dem Unternehmen, da die Historie seiner Unternehmenszahlen noch kurz ist und es nur wenige Analysten gibt, die sich bereits mit dem Unternehmen befassen.

 Covestro (Quelle: wallstreet-online.de
Doch nach dieser vorübergehenden Schnäppchenkursphase beruhigt sich die Lage und es rücken zunehmend die fundamentalen Daten in den Vordergrund. Eine Studie von Deloitte zeigt für den Zeitraum zwischen 2000 und 2014 dann auch, dass sowohl die Spin-Offs als auch die Mutterkonzerne ein Jahr nach der Abspaltung deutlich überdurchschnittliche Kurszuwächse aufweisen. Besonders gut haben sich dabei die Spin-Offs entwickelt, die ihre Benchmark um durchschnittlich 21 Prozent schlagen konnten. Und es gibt natürlich handfeste Gründe dafür, dass 90 Prozent der Spin-offs positiv verlaufen für die Anleger, denn die neu geschaffenen Unternehmen sind agiler als sie es zuvor als Konzernsparte waren, sie haben flachere Hierarchien und schnellere Entscheidungswege. Sie können daher viel besser auf Chancen und Risiken in ihrem Geschäftsfeld reagieren und müssen sich nicht zuwiderlaufenden übergeordneten Konzerninteressen beugen, sondern sind Herr ihrer eigenen Entscheidungen. Und diese Vorteile treffen auch auf Covestro zu, die nicht nur irgendein Spin-off sind, sondern geradezu ein Paradebeispiel für eine gelungene Konzernabspaltung. Immerhin hat sich der Kurs seit Herbst 2015 beinahe schon vervierfacht.

Kunstwortkreation Covestro
Also schauen wir uns dieses interessante Unternehmen einmal genauer an. Der Name Covestro besteht aus drei Teilen und steht für "COllaboration" (englisch: Zusammenarbeit), "InVESTieren" und "STROng" (englisch: stark).

Covestro fokussiert sich auf Kunststoffe, vor allem Polyuretane und Polycarbonate steuern den Großteil des Umsatzes bei. Polyuretane sind Rohstoffe für Schaumstoffe, Polycarbonate hochwertige Kunststoffe. Hinzu kommen Vorprodukte für Lacke und Klebstoffe sowie Spezialchemikalien. Zu den wichtigsten Kunden von Covestro gehören Autohersteller, die Elektroindustrie sowie die Bau-, Möbel- und Sportartikelbranche. Weltweit erzielt man an 30 Standorten mit rund 15.600 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von knapp 11,9 Milliarden Euro.

Als Bayer Covestro abspaltete, herrschte gerade große Tristesse in der Spezialchemiebranche. Der dramatische Einbruch beim Ölpreis Ende 2015 riss auch bei Covestro tiefe Schneisen in die Bilanz, die man allerdings schnell und gut kompensieren konnte. Und inzwischen hat sich der Ölpreis von seinen damaligen Tiefstständen wieder deutlich erholt und sich seitdem mehr als verdoppelt. Des Weiteren zieht weltweit die Konjunktur an und das hilft auch Covestro. So will das Unternehmen nun entgegen früherer Planungen in seinem spanischen Werk in Tarragona doch über das Jahr 2020 hinaus produzieren und steckt frisches Geld in den Ausbau der Anlagen. Investitionen von rund 200 Millionen Euro sollen in eine eigene Chlorproduktion fließen, um mehr vom Hartschaumvorprodukt MDI herstellen können, da die Nachfrage nach dem Dämmstoff kräftig gestiegen ist.

Aber nicht nur im klassischen Geschäft forciert Covestro die Gangart, sondern sucht auch in der Nabelschau nach neuen Wegen und Möglichkeiten, besser und effizienter zu werden. So will man mit einem umfassenden strategischen Programm die Chance der Digitalisierung nutzen und neue Standards in der Zusammenarbeit mit Kunden setzen. Dazu verankert man digitale Technologien und Arbeitsweisen auf zentralen Ebenen in Produktion, Lieferkette, Forschung & Entwicklung und an allen Berührungspunkten mit den Kunden. Des Weiteren sollen hieraus auch neue Geschäftsmodelle entwickelt werden. So startete Anfang des Jahres eine neue, digitale Chemie-Handelsplattform. Hier können sich Geschäftskunden Standard-Produkte aus dem Angebot der Covestro-Polymere zu aktuellen Marktpreisen online kaufen und Covestro möchte bis Ende 2019 über die Plattform bereits Werkstoffe für bis zu eine Milliarde Euro umsetzen. Auch deshalb wurde die Plattform nach den Wünschen von Kunden konzipiert und später sollen zusätzlich geprüfte Basis-Produkte und Services anderer Anbieter über sie vertrieben werden.

Covestro geht also neue Wege, während es operativ ohnehin hervorragend läuft. So hatten die Leverkusener bei den Zahlen zum dritten Quartal einen großen Wurf hinlegen können. Zwischen Juni und September wuchsen die Erlöse im Konzern um knapp 17 Prozent auf 3,53 Milliarden Euro und der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen schnellte gar um die Hälfte nach oben auf 862 Millionen Euro. Unterm Strich blieben mit 491 Millionen Euro knapp 90 Prozent mehr übrig als im Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr rechnet das Management um Konzernchef Patrick Thomas mit einem Mengenwachstum im unteren bis mittleren einstelligen Prozentbereich. Doch dank einer unverändert robusten Nachfrage in den Hauptabnehmerbranchen, dürften die Prognose wohl übertroffen werden. Denn allein durch Preissteigerungen ist für 2017 mit einem positiven Effekt auf den Gewinn von 300 Millionen Euro zu rechnen. Und alle Zeichen stehen auf weiterem Wachstum, bei Preisen und Umsätzen. Und Gewinnen.

Aktienrückkauf, Steuereffekte und DAX-Perspektive
Es gibt jedoch noch weitere Faktoren, die den Aktienkurs weiter befeuern dürften. So hat Covestro ein Aktienrückkaufprogramm aufgelegt und kauft insgesamt bis Mitte 2019 Aktien im Wert von bis zu 1,5 Milliarden Euro zurück. Das entspricht im Maximum fast einem Zehntel der aktuellen Börsenkapitalisierung.

Des Weiteren profitiert Covestro stark von der US-Steuerreform. Für das Geschäftsjahr 2017 rechnet man mit einem positiven Effekt auf das Konzernergebnis in Höhe von 85 Millionen Euro und einer Steuerquote von rund 24 Prozent. Bislang war man von 28 Prozent ausgegangen. Und auch für die kommenden Geschäftsjahre rechnet Covestro mit positiven Auswirkungen und geht für 2018 von einem entlastenden Effekt von ein bis zwei Prozentpunkten gegenüber der ursprünglichen Konzernsteuerquote aus. Niedrigere Steuern erzeugen höhere Gewinne, diese senken die Bewertung und rechtfertigen alleine deshalb schon höhere Aktienkurse.

Und es gibt noch einen weiteren Anreiz: Bayer hatte bisher nur einen kleinen Teil der Covestro-Aktien an die Börse gebracht und sich bereits mehrfach von weiteren Aktien getrennt. Mitte Januar verkaufte Bayer nun weitere 21 Millionen Covestro-Papiere und reduzierte seine Beteiligung damit von 24,6 Prozent auf 14,2 Prozent. Einerseits ist damit die Gefahr gesunken, dass noch zu viele weitere Papiere auf den Markt drängen und den Kurs belasten könnten. Und auf der anderen Seite bringt die Erhöhung des Streubesitzes nun auch eine ganz andere Chance mit sich. Nämlich die der DAX-Aufnahme. Denn jetzt ist Covestro der heißeste Anwärter auf einen Aufstieg in Deutschlands höchste Aktienliga. Und das würde nicht für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgen, sondern auch der Aktienkurs dürfte davon deutlich profitieren. Denn nicht nur Indexfonds, sondern auch die vielen passiven DAX-ETFs müssten dann Covestro-Anteile aufnehmen, so dass die Nachfrage spürbar angeheizt und der wirklich verfügbare Streubesitzanteil wieder verringert werden würde.

Bei Covestro stimmt momentan einfach alles: das Geschäft, der Aktienkurs, die Perspektiven. Und auch die Chemie…


► Hinweis: Gestern gab die Deutsche Börse bekannt, dass Covestro ab dem 19. März in den DAX aufrückt und dort die Aktien von Pro7Sat1 ersetzt.

Kommentare:

  1. Der HSV steigt endlich ab7. März 2018 um 08:31

    Top-Wert. In meinen Augen leider aktuell etwas überbewertet. Hier werden sich sicherlich noch günstigere Einstiegsmöglichkeiten bieten.

    Nur am Rande...schon clever so eine Indexkonstruktion, wie der Dax...einfach regelmäßig die Gurken wie Pro7, K+S etc. rausnehmen und durch die Covestros etc. austauschen.

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    1. Woran machen Sie die Überbewertung von Covestro fest? Covestro dürfte in diesem Jahr auf ein EPS von knapp 10 Euro kommen, was aktuell ein KGV von 9 bedeutet. Welches KGV würden Sie dem Unternehmen zubilligen?

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  2. „Besonders gut haben sich dabei die Spin-Offs entwickelt, die ihre Benchmark um durchschnittlich 21 Prozent schlagen konnten.“ - Eine kurze Verständnisfrage: Mir ist leider nicht klar, bei was die Benchmark um 21 Prozent geschlagen werden konnte. Für eine kurze Erläuterung wäre ich Ihnen dankbar.

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    1. Die Benchmark ist der jeweilige Vergleichsindex. Wie hat sich das Spin-off (und sein abgebendes Unternehmen) im Vergleich zum Durchschnitt entwickelt. Und hier wird eine signifikante Überperformance festgestellt ggü. einen bloßen Investment in den Index.

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    2. Und der FC leider auch :/8. März 2018 um 06:14

      Danke für die schnelle Antwort. Könnten Sie dies an einem Praxisbeispiel erklären? Ob ein Spin-off seinen Vergeichsindex schlagen konnte, weiss man doch immer erst im Nachhinein. Wie soll man dadurch in der Praxis frühzeitig gute Spin-offs (mit einer Outperformance von durchschnittlich 21 Prozent) identifizieren können?

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    3. Die Feststellung war, dass in der Vergangenheit der Durchschnitt ALLER Spin-Offs 21% besser war als ihr Branchendurchschnitt. Somit erübrigt sich dann die Unterscheidung in "gute" und "nicht so gute".

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