Montag, 16. Juli 2018

Börsenweisheit der Woche 29/2018

"Es braucht drei Bärenmärkte, um zu wissen, was zu tun ist. Der erste löscht dich fast aus, im zweiten lernst du zu überleben und den dritten packst du am Genick und genießt es."
(Crispin Odey)

Kommentare:

  1. Lieber Michael,
    ich selbst bin erst seit dem aktuellen Bullenmarkt an der Börse aktiv, würde mir die Erfahrungen der ersten beiden Bärenmärkte aus dem Zitat aber gerne ersparen. Glaubst du, die Handelspolitischen Konflikte werden uns bald in einen Bärenmarkt bringen? Wie gehst du grundsätzlich vor, um Dein Depot vor einem solchen Szenario zu schützen?

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    1. Die Wirtschaft und auch die Börsen verlaufen in Wellenbewegungen. Und wir Menschen und damit auch die Börsen neigen zu Übertreibungen. Das sind unumstößliche Fakten und daher kann man mit Sicherheit sagen, dass es wieder zu einem Crash am Aktienmarkt kommen wird. Immer wieder mal. Alle paar Jahre.

      Wir wissen aus der Vergangenheit aber auch, dass diese Baissephasen nur etwa ein Drittel so lang andauern wie die Haussephasen. Und bisher immer alle Tiefstkurse der Crashs wieder aufgeholt und die alten Höchststände von vor den Crashs wieder überschritten wurden.

      An der Börse ringen Angst und Gier miteinander. Wenn die Anleger zu euphorisch werden und kaum mehr Notiz von Problemen und Risiken nehmen und jeder bis zur Hutschnur voll investiert ist (möglichst noch über kurzfristige Kredite finanziert), dann ist das das Paradeszenario für einen Crash. Denn dann reicht ein kleiner Schubser und es kommt zur Lawine. Denn alle werden auf dem falschen Fuß erwischt und sobald die ersten Verkäufe losgehen, sehen alle ihre Aktien ins Minus drehen und versuchen "Gewinne zu sichern" oder "Verluste zu begrenzen". Egal, wie man es nennt, sie verkaufen auch. Und die Kurse taumeln und die Schmerzen für diejenigen, die (noch) nicht verkauft oder "ins fallende Messer" gegriffen haben, werden immer größer. Bis sie in einem großen Fanal alles verkaufen. Das ist dann meistens der Tiefpunkt, wenn alle negativ eingestellt sind, keiner mehr Aktien haben will, (fast) alle sehr viel Geld verloren haben - und die Tagesgeldkonten voll sind mit Cash, das Anlagemöglichkeiten sucht.

      Meistens gibt es nicht nur einen Crashtag, sondern es geht in Sägezahnschritten abwärts. Die zwischenzeitlichen Erholungen der Kurse werden von vielen genutzt, um selbst noch aussteigen zu können. Und dann geht es im nächsten Rutsch abwärts. Doch irgendwann ist Schluss und es gibt keine weitere Absturzwelle mehr. An diesem Tiefpunkt glaubt niemand mehr, dass es jemals wieder besser werden könnte. Die (ökonomische) Welt liegt in Trümmern und alles sieht trist aus. Die Unternehmen melden, dass sie Menschen entlassen müssen, ihre Umsätze und Gewinne schrumpfen.

      Und an diesem Punkt dreht der Markt. Wenn der Pessimismus so groß ist, dass alle "wissen", dass alles schlecht ist und niemals wieder gut wird. Der Markt dreht, die Kurse beginnen langsam wieder zu steigen, das erste Geld kehrt an die Börse zurück. Doch alle rechnen damit, dass es die nächste Abverkaufswelle geben wird. Doch die bleibt aus. Und vom Tiefststand hat sich der Markt dann 20 oder 30 Prozent erholt und die Leute schauen zu und sagen sich "das kann nicht gutgehen, die Welt ist am Ende". Doch der Markt steigt weiter und weiter. Und irgendwann kehren immer mehr Leute an die Börse zurück und kaufen wieder Aktien. Und der Schmerz bei denjenigen, die nicht investiert sind und die kaum Zinsen für ihr Tagesgeld bekommen, wächst und wird immer schlimmer. Bis sie dann irgendwann auch wieder einsteigen und die Kurse weiter hochtreiben.

      Dieses Wechselspiel zwischen Euphorie und Panik wiederholt sich alle paar Jahre wieder. Und die meisten Anleger, nicht nur Privatanleger, machen in diesen Phasen fast alles falsch. Weil sie selbst auch emotional agieren und nicht rein sachlich. Doch Emotionen verhalten sich zu Geldgeschäfte in etwa so wie Hunde zu Katzen. Es soll Fälle geben, wo es gut geht. Die Regel ist das aber nicht...

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    2. Teil 2

      Zu Deiner Frage: ich kenne keinen Weg, mich gegen diese Szenarien abzusichern. Wenn die Panik kommt, dann aus heiterem Himmel. Unerwartet. Auch wenn im Nachhinein wieder alle behaupten, sie hätten "es immer schon gewusst" und dass "es sonnenklar gewesen" wäre. Ja, hinterher. Aber vor dem Crash, da gab es Warnsignale, da gab es Mahner, da gab es Alarmsirenen. Die gibt es aber die ganze Zeit. Auch wenn die Wirtschaft unter Volldampf läuft, es keinerlei Probleme gibt und die Politik mal einen Tag das Twittern unterlässt. Selbst dann gibt es Warnsignale. Als wenn man eine stark frequentierte Ampelkreuzung beobachtet. Immer wieder folgt Rot auf Grün und wechselt hin und her. Und trotzdem ereignen sich immer wieder Unfälle. Unerwartet.

      Was kann man also tun, um sich gegen Crashs zu wappnen?

      - Keine Wertpapiere kaufen und alles Geld auf dem Sparbuch anlegen. Allerdings hat man so auch wenig/kaum/keine Rendite.

      - Ständig Puts zur Absicherung seines Depots zeichnen. So lange die Börsen steigen, und das tun sie die meiste Zeit, verliert man mit den Puts Geld und schmälert so seine Rendite. Und wenn es kracht, steigt der Wert der Puts stark an, während der Rest des Depots stark fällt. Vielleicht macht man dann sogar in dieser Phase keinen Verlust unterm Strich, aber man erwischt kaum den richtigen Zeitpunkt, um den Put zu verkaufen und die Gewinne dieses Scheins zu sichern - und dann das Geld zum richtigen Zeitpunkt in Aktien zu stecken, wenn die Kurse wieder steigen. Dieses Market-Timing kriegt niemand adäquat hin. Doch während der ganzen Zeit zuvor haben die Verluste beim Put die Gesamtperformance geschmälert.

      - Mit dem Crash leben und ihn akzeptieren/ignorieren. Immer genügend Cash als Reserve vorhalten, um nach dem Absturz den Aktienbestand aufstocken zu können und an der Wiederauferstehung der Kurse überproportional partizipieren zu können.

      Man wird letztlich den Kurseinbruch nicht vermeiden können und auch nicht den Einbruch im eigenen Depot. Der wird kommen und es wird katastrophal aussehen, alles in Blutrot. Und da sind wir beim dritten geschilderten Szenario: man weiß als Anleger, dass es so kommen wird. Und man weiß, dass es nach einiger Zeit wieder dreht und aus Blutrot dann Hellrot und Gelb und später wieder Grün wird. Man weiß das! Und deshalb kann/sollte man auch in den Crashphasen ruhig und besonnen bleiben und emotionslos agieren. Kaufen, wenn alle anderen verkaufen.

      Wie das funktioniert? Zwei wesentliche Grundsätze des Investierens beachten: Aktien nach ihrem Wert aussuchen und nicht nach ihrem Preis/Kurs. Und Aktien von Unternehmen kaufen, die auch wirtschaftliche Krisenzeiten überleben können. Das ist die Kunst der richtigen Investierens und dabei machen wir alle Fehler. Immer und immer wieder. Es kommt also darauf an, nicht zu viel zu verlieren, wenn wir falsch liegen. Immer zuerst an das Risiko denken, nicht an die möglichen Renditen.

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    3. Vielen Dank für die ausführliche Antwort, auch wenn ich selbst nicht der Fragesteller war!

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    4. Hervorragend geschrieben, danke dafür!

      Meine Ergänzung: man muss sich durchaus auch mit dem Szenario auseinandersetzen dass NIE WIEDER ein Crash wie 2008 kommt (so wie es Yelen ihrer Zeit einmal meinte).
      In der letzten Krise wurde vieles korrigiert, Menschen lernen aus ihren Fehlern.

      Nur mal so als Anregung gedacht. Schließlich weiß keiner wie es kommt..

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    5. Richtig, einen so systemgefährdenden Wirtschaftskollaps wie 2008 gab es zuvor wohl nur 1929. Allerdings sind Crashs ja weitaus häufiger, wenn man mal an 1987 denkt oder 2000-2003 mit Einbrüchen von gut 50%. Und auch wenn Anleger "nur" 25% Minus in ihrem Depot haben sind da schon erhebliche Schmerzen auszustehen. Und ich denke, dass wir regelmäßig Crashs erleben werden, also Kursrückgänge von 20% und mehr innerhalb kurzer Zeit. Man muss eben lernen, damit umzugehen und sich davon nicht verrückt machen zu lassen. Geld verliert man dabei nur, wenn man Unternehmen im Depot hat, die (dabei) Pleite gehen. Ansonsten hat man nach dem Crash noch immer genau so viele Aktienanteile an den Unternehmen wie vor dem Crash...

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    6. Lieber Michael,
      vielen Dank für deine sehr ausführliche Antwort! Dann versuche ich mich mal in Gleichmut zu üben.

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    7. Wenn Puts nicht keine wirklich tragfähige Strategie sind, warum soll dann Cash dann eine sein? Das (Alternativ-) Kosten-/Risikoprofil ist nur unwesentlich anders.

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    8. Das Risikoprofil von Puts und Cash ist "unwesentlich anders"? Inwiefern? Cash verliert an Wert (Inflation), Puts verlieren durch Zeitablauf und drohendem Totalverlust. Hinzu kommt, dass sie nur dann etwas bringen, wenn man sie zur richtigen Zeit (Marktphase) kauft und zur richtigen Marktphase wieder verkauft. Ansonsten bringen Puts praktisch nichts.

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    9. Die Inflation ist das kleinste Problem. Schon mal was von Alternativkosten gehört? Wenn dein Depot im Schnitt 20% p.a. bringt, läppert sich das ganz schön, wenn Du während z. B. 8 Jahren Bullenmarkt mit dem Sparbuch in der Hand auf den Crash warten willst, mit deutlich mehr Kapitalaufwand als es die Prämie für den Put ausmacht. Und auch bei Cash hast du das Problem, dass Du die richtige Marktphase zum Einstieg erwischen musst, sonst war alles für die Katz. Beides ist nur effizient, wenn man genau die richtigen Zeitpunkte erwischt, ansonsten ist es sehr teuer ...

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    10. Ja, mir sind "Opportunitätskosten" durchaus ein Begriff. Bei Deinem Beispiel eines achtjährigen Bullenmarkts hältst Du wirklich die entgangene fiktive Rendite der Cashreserve für relevanter als die real eingetretene Geldvernichtung durch die dauerhaft im Depot befindlichen Puts? Finde ich erstaunlich und nicht wirklich nachvollziehbar...

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    11. Die entgangende Rendite ist um keinen Deut fiktiver als der Verlust durch den Put, ansonsten solltest du doch lieber aufs Sparbuch umschwenken, wenn im Depot nur Fiktives herauskommt und es real völlig egal ist, ob das Geld dort oder im Depot liegt.

      Es ist auch nicht mein Punkt, dass Puts günstiger wäre als Cash, das kann man nur im Einzelfall sagen, wie man eben die Zeitpunkte trifft. Nur ist es auch nicht grundsätzlich billiger. Um 100€ abzusichern, genügt eine Prämie von 10 oder 20€; die muss man vielleicht jedes Jahr dranrücken, so wie Du die 20% Alternativertrag auf die 100€ Cash.

      Nein, der Punkt ist: Beides ist Market-Timing und daher sein Geld nicht wert, wenn man nicht das goldene Händchen für die Zeitpunkte hat, dessen Faszination natürlich groß ist. Für alle anderen aber ist 100% Buy&Hold überlegen, und die Rendite steigt dann nach Adam Riese auch nicht dadurch, dass man noch ein paar Prozent B&H durch Market-Timing ersetzt ...

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  2. Es stimmt. Zum ersten mal war ich investiert bei dot.com 2001. Mein makler landete im Gefängnis. Zum zweiten mal subprime 2008,ich landete tief im minus.

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