Dienstag, 13. August 2019

Genworth Financial: Weshalb der 12. Anlauf im Übernahmepoker jetzt (relativ) sicher 25% Rendite einbringen wird

Der US-Versicherungskonzern Genworth Financial ist Lesern meines Blogs nicht ganz unbekannt: ich hatte die ausgebombten Aktien Anfang 2016 als Turnaround-Spekulation billig eingesammelt und mich kurze Zeit später über eine annähernde Kursverdreifachung gefreut. Dann funkte mir eine Übernahmevereinbarung dazwischen, denn China Oceanwide wollte Genworth Financial übernehmen und das fand auch die Zustimmung des Genworth Financial-Vorstands - obwohl die Übernahmeprämie mit 5% äußerst mickrig ausfiel.

Das war 2017 und seitdem tat sich... nichts. Oder fast nichts. Die letzten Genehmigungen stehen noch immer aus und zwar die aus Kanada und China. Oceanwide und Genworth haben soeben die sage und schreibe zwölfte (!) Verlängerung ihrer Übernahmevereinbarung unterzeichnet; die soll nun bis 31.12.2019 endgültig abgeschlossen sein.

Also wieder man Murmeltiertage bei Genworth Financial, doch dieses Mal könnte alles ganz anders kommen. Wirklich...


Da sich die kanadischen Behörden ziemlich sperrig anstellen und dabei vor allem immer wieder die börsennotierte GNW-Tochter Genworth Mortage Insurance Canada ins Spiel bringen, hat Genworth kurzerhand diese Tochter ins Schaufenster gestellt. Und man hat heute vermeldet, dass Brookfield Business Partners LP, der börsennotierte Arm von Brookfield Asset Management, die Mehrheit an Genworth MI Canada übernehmen wird. Für $2.1 Mrd. wird Brookfield Business Partners 48,9 Millionen Aktien bzw. von Genworth MI Canada von Genworth Financial kaufen zu $48,86 je Aktie und damit 57% an GNW MI Canada übernehmen. Der Kaufpreis liegt damit nur marginal über dem aktuellen Börsenkurs.

Genworth Financial (Quelle: wallstreet-online.de)
Entscheidend ist, dass die behördliche Genehmigung in Kanada nun als hoch wahrscheinlich einzustufen ist. Und die der Chinesen dürfte am Ende ebenfalls positiv ausfallen. Als Folge ist die Übernahme-Spekulation endlich in die heiße Phase eingetreten und da der Übernahmepreis in bar fest vereinbart ist, winken bis Jahresende $5,43 je Genworth-Aktie oder €4,84.

Verständlicherweise hat der Genworth-Kurs einen Freudensprung gemacht, notiert nach Abflauen der ersten Euphorie aktuell bei €3,84. Auf Sicht von 4 1/2 Monaten winken also relativ sichere 25% Rendite. Im Unterschied zur bisherigen Lage ist nun ein Ende des Übernahmepokers Genehmigungspokers abzusehen.

Und wenn die Übernahme doch nicht kommen sollte? Tja, Genworth Financial steht unter Druck, vor allem seitens seines Long Term Care-Geschäfts, den langlaufenden Pflegeversicherungen. Hier erfolgten bereits mehrere Rückstellungen und Abwertungen der Sparte. Die jüngsten Geschäftszahlen lagen jedenfalls in etwa auf Vorjahresniveau und haben die Erwartungen der Analysten übertroffen. Mit Genworth MI Australien gibt es noch eine weitere werthaltige börsennotierte Tochter, die GNW nötigenfalls zu Geld machen könnte, so dass hier einige Reserven zu heben sein dürften. Was sich auch im Buchwert widerspiegelt, der deutlich oberhalb des aktuellen Kurses angesetzt wird. Den muss man im konkreten Fall aber erstmal realisieren können, doch der mehrheitliche Verkauf der Tochter Genworth MI Kanada zeigt ja, dass die Assets versilbert werden können.

Daher sollte GNW eine relativ entspannte und relativ sichere Spekulation auf eine schöne Weihnachtsabfindung sein mit 25% Rendite bis Jahresende.


Disclaimer
Ich habe Genworth Financial in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Hallo Michael,

    ich habe eine Frage an dich.
    Ich bin von deiner Theorie überzeugt zu jeder Zeit voll investiert zu sein.

    Wie verhältst du dich dann bei solch außergewöhnlichen Chancen wie jetzt bei Genworth, wenn man davon ausgeht, dass du hier noch nicht investiert bist bzw. warst.

    Ist dies eine Chance durch Überziehung des Kontos bzw. durch Aufnahme eines Kredits bis Dezember 2019 ein Schnäppchen zu machen?

    Kosten für Überziehung des Kontos: ca. 4,9 % p.a.
    Chance bei Genworth bis 31.12.2019: 25 %.

    Oder sollte man auch in solchen Situationen NIEMALS auf einen Kredit zurückgreifen?

    Freundliche Grüße
    Jürgen R.

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    1. Ich hab meine position mit einem wertpapierkredit verdoppelt. 4,43% p.a Mike wird dir aber wahrscheinlich keinen rat geben können. Es kann ja immernoch igrndwas schief gehen und kein deal zustande kommen. Dann ist die Frage ob du den Kredit dennoch befienen kannst oder nicht. Ich für mich, hab diese Frage beantwortet. Sollte es nicht klappen werd ich wohl den Kredit durch einzahlungen vom Gehalt bedienen. Und wenn es aufgeht, dann hatte ich guten hebel. Diese risiko Abwägung muss aber wohl jeder selbst für sich bestimmen.

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    2. Vielen Dank für die Antwort! :)

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    3. Moin Jürgen,
      wenn man kein Geld hat, kann man keine Aktien (nach-)kaufen, klar. Wenn sich eine günstige Gelegenheit bietet, ist eine Cash-Reserve nützlich, auch klar. Hat man kein Cash, kommen drei Optionen in betracht:

      1. man lässt sich die Chance entgehen,
      2. man nutzt einen Kredit,
      3. man verkauft andere Aktien, um flüssig zu werden.

      Mit dem Kredit ist das so eine Sache. Ich kenne mich damit aus, habe mir damit zweimal beinahe finanziell das Genick gebrochen. Ich habe das ausführlich beschrieben: "Ein Margin Call? Das ist ja wohl das allerletzte... Warnsignal!". Dabei muss man natürlich immer sehen, in welchem Volumen man einen Kredit aufnimmt; wenn man ihn durch laufende Einnahmen aus dem Gehalt bedienen kann und er in einem angemessenen (kleinen) Verhältnis zum Vermögen steht, kann man eher darüber nachdenken, als wenn man eh schon kaum etwas übrig hat im Monat. Dann ist Option 1, also zu verzichten, vermutlich die bessere Option.

      Man muss sich darüber Gedanken machen, wie viel besser/sicherer eine Chance ist, als die, auf die man bereits setzt. Ist es nur der Kick des Neuen, oder eine Gelegenheit mit deutlich besserem Chance-Risiko-Verhältnis? Danach sollte man entscheiden, ob man es lieber sein lässt, oder ggf. eine andere Aktie (teil-)verkauft, um diese Chance wahrnehmen zu können.

      Ich habe im konkreten Fall bei einigen Positionen etwas weggeknabbert und meinen bescheidenden Cash-Bestand hinzugefügt, um mir eine Position in Genworth Financial ins Depot zu legen. Sollte sich der Kurs den €4,80 wieder stärker annähernd, würde ich die Spekulation erneut beenden (so um €4,50) herum. Die letzten paar Prozente muss ich da nicht rausquetschen - aber soweit ist es ja (noch) nicht...

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