Sonntag, 22. September 2019

Die 38. Börsenwoche im Rückspiegel: Kissigs Klookschieterei mit Adobe, Corning, Opera, Wirecard, Zalando

In der vergangenen Börsenwoche konnten die großen Börsenindizes ihre Vorwochenstände nicht verteidigen und notierten allesamt schwächer. Was die US-Aktien angeht, war das abzusehen, jedenfalls statistisch. Denn in den Wochen, in denen die FED über ihre Zinssätze entscheidet, notieren US-Aktien traditionell etwas leichter. Auf der anderen Seite folgte in der Vergangenheit auf die zweite Zinssenkung der US-Notenbank durchschnittlich eine Rallye von über 20% bei den US-Aktien.

Behält die Statistik Recht, könnte sich der letzte Freitag in einigen Wochen also als idealer Einstiegszeitpunkt erweisen bzw. erwiesen haben - auch wenn das heute natürlich nicht unbedingt so aussieht, denn es sprechen ja auch Gründe gegen weiter steigende Kurse. Was diese nicht davon abhält, langfristig immer höher zu steigen, wie ein Blick auf einen Langfristchart zeigt.

Wenn das Börsenbarometer steigt, heißt das nichts anderes, als dass die Aktienkurse steigen - allerdings nicht von jeder Aktie und auch nicht gleichmäßig verteilt. Zuletzt hatten sich zyklische Werte etwas von ihren Tiefständen erholt und sich eindrucksvoll zurück gemeldet. Ob dies nur ein Strohfeuer ist, oder sich eine Trendwende im Konjunkturzyklus anbahnt, bleibt abzuwarten. Die ersten Frühindikatoren senden jedenfalls ermutigende Signale aus...


Börsentheater, 1. Akt: Die Politik (und die Notenbanken)


Der UK-Premier Johnson ist bei der EU vor die Wand gelaufen - absehbar. Er verkündet immer offener, dass er die Beschlüsse des Parlaments einfach ignorieren will, das einen Hard-Brexit untersagt. Dass Johnson sich um Realitäten, Fakten, moralische Grundsätze nicht kümmert, zeigte ja auch schon das Brexit-Referendum, denn inzwischen ist ja erwiesen, dass die von den Brexiteers behaupteten Fakten Fake-News waren bzw. umgangssprachlich Lügen. Trotzdem bleibt das Land  tief gespalten in der Frage, um UK nun aus der EU austreten sollte, oder nicht. Die Schotten wollen nicht und streben ein zweites Unabhängigkeitsreferendum an, sollte Johnson einen Hard-Brexit durchziehen.

Die Notenbank(en)

Nachdem letzte Woche die EZB ihren Bankeneinlagenzins von -0,4% auf -0,5% gesenkt und ein neues Anleihe-Kaufprogramm auf den Weg gebracht hat, senkten weltweit auch andere Notenbanken ihre Leitzinsen. Die wichtigste von ihnen, die US-Notenbank FED, war auch dabei und hat ihre Leitzinsen um 0,25% erhöht gesenkt und damit die zweite Zinssenkung in Folge vorgenommen. Was dem Donaldissimo natürlich weiterhin zu wenig ist; er fordert von "den Ahnungslosen" um Jerome Powell Nullzinsen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Wobei die US-Wirtschaft weiterhin wächst und die Arbeitslosenzahlen auf Rekordtief liegen. Aber nachdem sich Trumps Wahlversprechen reihenweise in Luft aufgelöst haben, schwimmen ihm immer mehr die Felle davon angesichts der näher rückenden Vorwahlen.


Börsentheater, 2. Akt: Die Unternehmen


So, nun aber zum Eingemachten und einigen interessanten Meldungen zu aktuellen oder ehemaligen Unternehmen auf meiner Beobachtungsliste.


Adobe

Bei Adobe wiederholt sich das gleiche Prozedere in beinahe jedem Quartal. Das Unternehmen schafft es, die eigenen Prognosen zu übertreffen, gibt jedoch einen Ausblick für das nächste Quartal ab, der die Erwartungen Hoffnungen unterschreitet. In der Folge gibt der Aktienkurs erstmal deutlich nach - bevor sich in der Folgezeit die Hoffnung und Erwartung breit macht, dass Adobe die konservativen Schätzungen wohl doch wieder übertreffen wird. Woraufhin der Kurs seinen Absacker wettmacht und zu neuen Höhen strebt. Bis die nächste Zahlenvorlage ansteht und sich das Spiel wiederholt.

Konkret erzielte Adobe im zweiten Quartal Umsätze von $2,83 Mrd. und einen Gewinn je Aktie von $2,05. Bei den Umsätzen lag man nur knapp über den Markterwartungen ($2,82 Mrd.), beim EPS hingegen deutlich ($1,97).

Beeindruckend ist Adobes ungebremstes Wachstumstempo. Die Umsätze in der Sparte "Digital Media" (Creative Cloud und der Document Cloud) stiegen auf $1,96 Mrd. (+ 22%), "Digital Experience" (Marketing Cloud) sogar um 34% auf $821 Mio. In Summe ergab dies ein Umsatzwachstum von 24%, während das operative Ergebnis sogar um 32% zulegte.

Letztlich hielten sich die Kursverluste dann doch im Rahmen, was auch daran liegen dürfte, dass Cloud- und SaaS-Anbieter bereits seit zwei Wochen zweistellige Kursabschläge verkraften mussten, weil der Markt einige Phantasie aus den Kursen abließ. Ich denke, dass die künftigen Aussichten nicht so schlecht sind, wie einige meinen, und dass Adobe auch künftig seine eigenen Prognosen toppen wird. Adobe adressiert einen stark wachsenden markt und es gelingt dem Unternehmen, seine Margen auf höchstem Niveau zu halten und sogar noch zu steigern. Zuletzt auch durch Preisanpassungen, die aufgrund des Wegfalls einiger bisheriger Angebote teilweise zu deutlichen Preissteigerungen für einzelne Kunden führen dürften. Mal sehen, ob Adobes Burggraben breit genug ist, dass dies nicht zu größeren Kundenverlusten führt. Dann könnte Adobe auch in anderen Bereichen zu Preisanpassungen greifen, um seine Margen und Gewinne auszuweiten.

Für mich bleibt Adobe ein Top-Pick im Cloud-und SaaS-Markt und für dieses Premiumunternehmen müssen Anleger weiterhin einen Premiumpreis zahlen. Seit dem erfolgreichen Umstieg vom Lizenz- auf das Subskriptionsmodell war das noch nie anders und Adobe strebt zusätzliches Wachstum durch die Ausbreitung in weitere Dienstleistungen an, was auch zu Synergieeffekten führt.

Mein Investmentcase basiert darauf, dass Adobe einen sehr breiten ökonomischen Burggraben (Moat) aufweist mit seinen Produkten und gefestigten Kundenbeziehungen und ein sehr gut skalierbares Geschäftsmodell als eines der führenden Unternehmen im SaaS-Business (Software-as-a-Service). Damit kann Adobe schon seit Jahren seine Umsätze und Gewinne mit Wachstumsraten von mehr als 20% steigern und seine sich entsprechend positiv entwickelnder Free Cashflow wird für Aktienrückkäufe aufgewendet, so dass der Aktienkurs fast keine andere Chance hat, als immer weiter anzusteigen. Bisher war jeder Kursrücksetzer immer eine neue Nachkaufgelegenheit und es spricht wenig dagegen, dass sich dies auch weiterhin so fortsetzen wird. Buy & Hold funktioniert - bei Adobe Systems, einem echten Quality Investment.


Corning

Einen kräftigen (Kurs-) Dämpfer musste Corning einstecken, nachdem man die Jahresprognosen für die beiden größten Segmente kürzen musste, für Optical Communications und Display Technologies.

Corning erklärte, die Erlöse im Bereich Optical Communications hätten nahe am unteren Ende der eigenen Prognose für das zweite Quartal und reduzierte aufgrund der Schwäche des Carrier-Marktes auch geringfügig die Aussichten des Segments; die US-Telekomanbieter hätten ihre Investitionen in Kabelinstallationen und die Glasfasernetze in Privathaushalten gesenkt. Corning geht davon aus, dass der Umsatz im Bereich optische Kommunikation im Jahresverlauf um 3% bis 5% zurückgehen wird, verglichen mit seiner vorherigen Prognose eines Anstiegs im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich. Und bei den Display-Technologien geht das Unternehmen davon aus, dass die Glaspreise im dritten Quartal unverändert bleiben und die Preise für das gesamte Jahr im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich sinken werden.

Und auch für das dritte Quartal sieht Corning nun schwärzer und reduzierte seine Erwartungen; in der Folge soll das Wachstum für das Gesamtjahr nun im niedrigen bis mittleren einstelligen Prozentbereich liegen, nachdem bisher ein Wachstum von 10% anvisiert war.

Die erneute Senkung der Prognosen ist ein weiterer Schlag für Corning. Obwohl das Unternehmen viele Zukunftsmärkte adressiert, bekommt es die zunehmende Investitionszurückhaltung der großen US-Telekomanbieter zu spüren und natürlich auch den deutlichen Abschwung bei den Autoabsatzzahlen.

Ein Lichtblick ist hingegen, dass Apple weitere $250 Mio. aus seinem Advanced Manufacturing Fund für Cornings Forschung & Entwicklung zur Verfügung stellt. Bereits 2017 flossen hier $200 Mio., da Corning das Präzisionsglas für das iPhone, die Apple Watch und das iPad liefert. Insbesondere der neue Trend hin zu faltbaren Displays soll und darf nicht an Corning (und Apple) vorbeigehen.

Corning steht unter Druck, weil es nicht nur spektakuläre Produkte liefern muss, sondern auch verlässliche und starke Geschäftszahlen. Hieran haperte es zuletzt mehrfach und der Erfolg con Corning als Investment hängt davon ab, ob man auf den Erfolgspfad zurück findet. Ausgang momentan ungewiss...


Opera

Opera hat eine Kapitalerhöhung durchgeführt und dabei 7.500.000 American Depositary Shares (ADS) ausgegeben, die jeweils zwei Stammaktien des Unternehmens repräsentieren. Der Ausgabepreis lag $10,00 je ADS und die Zeichner haben eine 30-tägige Option, insgesamt bis zu 1,125 Mio. zusätzliche ADS vom Unternehmen zu erwerben. Damit werden die Altaktionäre um rund 7% verwässert, doch der Aktienkurs brach um knapp 22% ein. Das könnte man als übertrieben ansehen und doch ist es nur der Einbruch auf $10,10, also auf Höhe des Kurses der jungen Aktien.

Psychologisch betrachtet ist der Einbruch nachzuvollziehen, denn Opera selbst gibt ja die jungen Aktien für $10 aus, so dass man folgend könnte, die Aktien wären nicht mehr wert. Das ist allerdings etwas zu kurz gesprungen, denn das Unternehmen muss die neuen Aktien ja attraktiv(er) machen, damit sie auch schnell von Anlegern abgenommen werden - und wenn der Ausgabepreis zu nah am aktuellen Börsenpreis liegt, könnten Anleger ja auch gleich dort die "alten" Aktien kaufen. Opera musste also einen deutlichen Nachlass gewähren, um eine größeren Block loszuwerden.

Was aber eben nicht bedeutet, dass die Aktien nicht mehr als $10 wert sind. "Preis ist, was du bezahlst. Wert ist, was du bekommst", so lautet eine Börsenweisheit von Charlie Munger. Momentan kann man Opera-Aktien für $10 einsammeln und da das Unternehmen in Afrika seine Angebote ausweiten möchte, wo der Markt gerade verteilt wird, kann man die erhöhte Kapitalausstattung nur begrüßen. Daher bewerte ich die Situation als Gelegenheit, noch einmal relativ günstig Opera-Aktien einsammeln zu können. Auch wenn der Rebound des Kurses nicht über Nacht erfolgen dürfte, bleibt Opera weiterhin einer der aussichtsreichsten Werte auf dem schwarzen Kontinent und sollte bald zu neuen Höhen streben. Auch was den Kurs betrifft...


Wirecard

Eine weitreichende Kooperation konnte Wirecard an Land ziehen. Die chinesische UnionPay ist der zweitgrößte Kreditkartenanbieter der Welt hinter VISA und noch vor Mastercard. UnionPay hat weltweit 7,6 Mrd. Karten im Umlauf und wickelt etwas 26% der weltweiten Kreditkartentransaktionen ab; das sind etwa $27,5 Billionen pro Jahr. Ziel der Kooperation ist, dass Wirecard die weltweite Expansion von UnionPay unterstützen soll, und im Gegenzug UnionPay das Erschließen des chinesischen Marktes für Wirecard erleichtern soll. Darüber hinaus wollen beide Unternehmen gemeinsame Dienstleistungen rund um Mobile Payments auf den Weg bringen, die sich vor allem an chinesische Touristen im Ausland richten sollen.

Diese neue Kooperation zeigt, dass Wirecards Wachstumstempo sich noch weiter erhöht. Der Einstieg der Softbank Group bei Wirecard erweist sich zunehmend als Glücksgriff und als Türöffner für das Reich der Mitte, wo es ausländische Zahlungsdienstleister bisher schwer hatten, Fuß zu fassen. Das wird sich auch in den Zahlen widerspiegeln und Wirecard-CEO Markus Braun deutet daher auch bereits an, dass die bisherigen Prognosen und Mittelfristziele wohl zu konservativ angesetzt seien. Es ist also höchst wahrscheinlich, dass Anfang Oktober eine Prognoseanhebung erfolgen wird...


Zalando

Der größte Zalando-Investor, die schwedische Kinnevik, hat sich von einem Teil ihrer Zalando-Aktien getrennt. Die 13,13 Mio. Aktien wurden zu €42,50 bei institutionellen Anlegern platziert und spielten Kinnevik €558 Mio. ein; anstelle der bisherigen 31% halten die Schweden nun noch 25,8%.

Hintergrund ist nicht etwa die Abkehr von Zalando, sondern dass Zalando wegen des starken Kursanstiegs im Kinnevik-Portfolio zu groß geworden ist und sich Kinnevik darüber hinaus künftig verstärkt in Richtung nicht-börsennotierter Beteiligungen weiter entwickeln wolle. Die Zalando-Millionen legen dafür die finanzielle Grundlage.

Dem Zalando-Aktienkurs hat die Aktion stärker zugesetzt und die Aktie schloss Freitagabend mit €39,50. An den Perspektiven hat sich natürlich nichts verändert und auch nicht an der Phantasie, das der zweitgrößte Aktionär, den Däne Anders Holch Povlsen (10,5%) größere Pläne haben könnte. Immerhin ist er auch am britischen Konkurrenten Asos maßgeblich beteiligt und an Bekleidungshersteller Jack & Jones.


Angst und Gier & Ups and Downs


Der Fear & Greed Index von CNN Money hat in der letzten Woche 10 Zähler verloren auf aktuell 58 Punkte.

Mein "operativer Net Worth" hat in der letzten Woche um weitere 1,25% nachgegeben und liegt jetzt noch um 24,75% höher als beim Jahresstart (YTD). Das Ergebnis liegt weiterhin weit über meiner Zielgröße von 15% Rendite pro Jahr und dem entsprechend jammere ich auf hohem Niveau. Meine hoch gewichteten Aktien aus dem Payment- und SaaS-Sektor hielten sich relativ stabil, allerdings haben Opera und SBF ordentlich eingebüßt und der Großteil des Absackers geht auf ihr Konto.

Auf gute Börsengeschäfte. Es bleibt spannend...

Disclaimer
Adobe, Corning, Opera, Wirecard und Zalando befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Die Mehrheit der Briten will den Brexit. Schlauchbootfahrer sind nunmal keine Facharbeiter, und eine massenhafte unkontrollierte Migration erhöht die Kriminalität. Das sind Realitäten und keine Fake News. Zudem setzt Johnson nur den Wählerwillen um.

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    1. Welche Mehrheit? Und Schlauchbootfahrer machen nach Ihrer Logik den Bärenanteil der Migranten in UK aus? Wo findet Ihrer Meinung nach eine massenhafte unkontrollierte Migration statt und wie messen Sie die Kriminalität dieser? Quellen? Johnson hat das Parlament in eine unrechtmäßige Parlamentspause geschickt, damit de facto als Premierminister (!) unrechtmäßig gehandelt und die Queen vor der breiten Öffentlichkeit ausgenutzt.

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    2. Das Britische Parlament scheint sich da nicht so sicher zu sein, wie du. Wenn man bedenkt, wie die Befragung der Britischen Bevölkerung zustande gekommen ist, dann verwundert das auch nicht. Aber was haben die Flüchtlinge mit dem Brexit zu tun? Das Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge ist von 1951. Da gab es die EU noch gar nicht.

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  2. Ich finde es immer wieder amüsant, dass man vom Brexit redet. Wenn dieser sogenannte nun kommen sollte, wird aus dem Brexit eh ein Exit. Sprich Schottland bleibt in der EU, und Nordirland via Wiedervereinigung auch. Bleibt dann nur noch England und Wales übrig.
    Aber mal ehrlich, mich wundert es, dass die Engländer so lange gebraucht haben, hätte eigentlich schon diesen Schritt in den 90er vermutet, denn so richtig warm sind die eh nie mit der EU geworden bei den ganzen sonder Locken.

    Gruss
    Stefan

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