Mittwoch, 20. November 2019

Wirecard? Die muss man jetzt doch kaufen, oder nicht!?

Ach ja, die "daily dose" Wirecard [WKN: 747206]... Als ich gestern Abend den Handelsblatt-Artikel "Weitere Unregelmäßigkeiten bei Singapur-Tochter von Wirecard" gelesen habe, war mein erster Gedanke "Prima Nachkaufkurse bei Wirecard".

Doch der Reihe nach... Das Handelsblatt berichtet, dass der Wirecard-Wirtschaftsprüfer Ernst & Young das Testat für den Jahresabschluss 2017 der Wirecard-Tochter in Singapur verweigert hätte. Alarmsirene quengelt! Das Testat sei verweigert worden, weil Unterlagen nicht vorgelegt worden wären und sich die Prüfer daher keinen ausreichenden Blick auf die Geschäftsvorgänge hätten verschaffen können und ihre Fragen nicht beantwortet wären. Alarmsirene wird schrill! Und diese Aussagen stünden im Widerspruch zu der von Wirecard, man habe von Ernst & Young ein uneingeschränktes Testat für den Konzern-Jahresabschluss von Wirecard erhalten. Alarmsirene kollabiert fast!

Bis hierhin sieht es so aus, als würde das Handelsblatt auf den Spuren der Financial Times wandern und nun hätte sich eine zweite renommierte Finanzzeitung in Wirecard verbissen, so dass an den bisher von der FT erhobenen Vorwürfen wohl doch mehr dran sein müsse, als bisher vermutet. Doch ist das wirklich so?

Auffällig ist, dass Wirecard die Emotionen hoch treibt und dass die Handelsblatt-Autoren in den einschlägigen Börsenforen heftig beschimpft werden. Einerseits nachvollziehbar, andererseits erschreckt das Maß der Pöbeleien und Drohungen und auch die nicht vorhandene Bereitschaft, sich mit den Fakten auseinanderzusetzen. Dabei sind doch gerade die interessant...

Das Handelsblatt selbst schreibt nämlich, dass die Unterlagen nicht etwa von Wirecard verweigert worden wären, sondern dass diese von der CAD konfisziert worden seien. Die CAD ist die Behörde in Singapur, die nach den ersten erhobenen Vorwürfen der Financial Times gegen die Wirecard-Tochter in Singapur die Ermittlungen aufgenommen hat und dabei hat man selbstverständlich die Originalbelege beschlagnahmt. Ob diese auch für den Jahresabschluss benötigt werden, das interessiert die CAD nicht (muss es auch nicht). Und dass man die Originalbelege mitnimmt und nicht etwa Kopien anfertigt, ist auch verständlich und normal.

Viel Wirbel also um nichts? Naja... das Handelsblatt berichtet über Fakten und Vorgänge und das zu Recht. Denn Wirecard hat selbst nicht auf das fehlende Testat hingewiesen und verweist nun in seiner Stellungnahme auch nur darauf, man habe dies im Handelsregister (in Singapur) so hinterlegt. Und deshalb sei die Information ja durchaus öffentlich.

Wirecard (Quelle: wallstreet-online.de)
Sorry, aber das ist wieder typisch Wirecard und das kann einen nur auf die Palme bringen! Den Machern um CEO Braun muss doch inzwischen klar geworden sein nach drei Jahren Auseinandersetzung mit der Financial Times und den ganzen erhobenen Vorwürfen über angebliche Bilanztricksereien und Scheinumsätze sowie den mehrfachen damit einhergehenden massiven Kurseinbrüchen, dass dieser Themenkomplex eine besondere Sensibilität und Aufmerksamkeit erfordert! Da kann es keine zwei Meinungen drüber geben! Aber Wirecard scheint das noch immer nicht begriffen zu haben. Unfassbar! Dabei ist Vertrauen doch das Lebenselixier eines Finanzdienstleisters, da muss mon doch die größte Sorgfalt drauf verwenden. Aber nicht so bei Wirecard, da wird an dieser Stelle lieber weiter vor sich hin dilettiert.

Das heutige Drama ist also nicht vom Handelsblatt verschuldet worden, sondern von Wirecard selbst. Hätte man nämlich selbst offen kommuniziert, dass das Testat für den 2017er Jahresabschluss der Singapur-Tochter noch aussteht und weshalb (!), dann wäre das ganze eher ein Non-Event geblieben und keiner Aufregung wert (sofern das Testat später bei Vorliegen der noch fehlenden Unterlagen dann erteilt würde). Aber nein, man hat hier hier sehenden Auges ein Bullauge offen gelassen, als das U-Boot bereits beim Tauchen war. Oder man hat das Problem nicht erkannt seitens des Vorstands, aber das würde dann wirklich ernsthafte Fragen bzgl. der Kompetenz nach sich ziehen.

Ich gehe davon aus, dass Wirecard hier wieder mal schlecht gearbeitet hat und ich kann nur hoffen, dass man dort selbst irgendwann davon die Schnauze so voll hat, dass man sich endlich die notwenige Kompetenz in den Vorstand, den Aufsichtsrat und die erweiterte Führungsebene holt, um solche Böcke zu vermeiden.

Was mich zu meiner ersten Reaktion zurückführt. Ich bin immer noch der Meinung, dass der neuerliche Kurseinbruch eine Kaufgelegenheit darstellt, weil Wirecard operativ immer besser in Schwung kommt und gerade in Asien enorme Wachstumspotenziale hat und zunehmend auch auszuschöpfen beginnt. Auch dank der Kooperation mit der Softbank Group. Ach ja, die Alarmsirenen habe ich längst vergessen, ihr auch? 

Und dennoch habe ich heute morgen keine Wirecard-Aktien gekauft. Der Grund ist ganz einfach: ich bin ja weitgehend voll investiert und verzichte bewusst auf eine signifikante Cash-Quote, um keine Rendite zu verschenken. Was bedeutet, dass ich für den Kauf von Wirecard-Aktien eine andere Position hätte reduzieren müssen. Dazu wäre ich grundsätzlich bereit, aber ich habe mir mein fokussiertes Portfolio angesehen und da fand sich keine Position, die ich gegen Wirecard tauschen wollte, auch nicht teilweise. Mit anderen Worten: hätte ich Geld rumliegen gehabt, hätte ich vielleicht Wirecard-Aktien gekauft, aber evtl. auch eher andere Aktien, die aus meiner Sicht ein (noch) besseres Chance-Risiko-Verhältnis bieten als Wirecard. Und Wirecard hat durchaus große Chancen zu bieten, aber eben auch erhebliche Risiken. Was mich ja vor einigen Wochen zur Reduzierung meines Wirecard-Bestands geführt hatte, wie ich ausführlich erläutert hatte.

Und damit bleibt für mich am Ende die Erkenntnis, dass es mal wieder einer dieser Murmeltiertage bei Wirecard war. Und das scheinen auch viele andere Anleger inzwischen so einzustufen, denn die Kurseinbrüche bei vermeintlichen neuen "Enthüllungen" fallen immer geringer aus. Der Aufregungseffekt nutzt sich halt irgendwann auch ab...

Disclaimer
Softbank Group und Wirecard befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot.

Kommentare:

  1. **********************************************


    Nach Börsenschluss einen Artikel veröffentlichen, ohne Stellungsnahme des Unternehmens ist daneben.

    In Deutschland gibt es ein Presserecht, Verdachtsberichterstattung ist unlauter, es gilt die journalistische Sorgfaltspflicht. In England könnte das möglich sein, in Deutschland aber nicht. Handelsblatt hätte zwingend eine Stellungsnahme des Unternehmens einholen müssen.

    Sehr wichtige und relevante Aspekte beim Handelsblatt Artikel wurden glatt unterschlagen, das Unternehmen kann sich dagegen nachts um 12 nicht wehren.

    Es fehlt im Artikel

    - daß das fehlende Testat einzig die lokale SFRS Rechnungslegung betrifft, dies aber für die Bilanzlegung völlig unerheblich sein müsse, da einzig und entscheidend die IFRS Bilanzlegung ist. Kann nicht wahr sein, daß das Handelsblatt diesen sehr wichtigen und relevanten Aspekt komplett ignoriert.

    - daß im Geschäftsbericht ausdrücklich auf die Unsicherheit Singapur hingewiesen wird, daß dies aber die IFRS Bilanzlegung eben nicht tangieren würde.

    - die sehr wichtige Angabe, daß der lokale Abschluss für das Geschäftsjahr 2018 kurz vor Fertigstellung steht

    - die Relevanz von etwaigen Unregelmäßigkeiten. Im Verhältnis geradezu winzige Umnsätze sind möglicherweise falsch bilanziert, es ist aber eine Nichtigkeit, die für die Fundamentalanalyse komplett unerheblich sein muss.

    - ein Disclaimer in dem klar und deutlich gekennzeichnet wird, daß die Autoren nicht short positioniert sind.

    In dem aber das Handelsblatt nach Börsenschluss so einen Artikel raushaut, extra zu einem Zeitpunkt, wo es nicht klargestellt werden kann, wird in voller Absicht gg die journalistische Sorgfaltspflicht verstossen, es ist ein klarer Verstoss gg das Presserecht.

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    1. Und wieder ein Wirecard-Anleger in Panik. Da tut es einfach gut, dem Überbringer der Nachricht Rechtsverletzungen vorzuwerfen, nicht wahr?!
      Wie schade, dass das Handelsblatt nicht für jedes DEUTSCHE Unternehmen einen eigenen Claqueur hat, sondern tatsächlich kritisch berichtet.

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  2. Hallo Herr Kissig, wenn ich Ihren Artikel lese, verstehe ich nicht mehr so ganz, warum sie noch auf das Unternehmen setzen. Ich habe für mich die Entscheidung getroffen, dass ich meine Wirecard Aktien glatt stelle und lieber in PayPal oder Opera umschichte. Wie denken Sie darüber?

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    1. Ich glaube, dass an den ganzen Vorwürfen gegen Wirecard viel weniger dran ist, als es den Anschein hat(te). Daher bleibt das Unternehmen für mich aussichtsreich, auch wegen der vielen neuen Kooperationen. Auf der anderen Seite ist Wirecard zu schnell gewachsen und hat seine Strukturen nicht angepasst. Als wäre man selbst überrascht vom Erfolg. Hier hat Wirecard personell und strukturell größere Aufgaben vor der Brust und die müssen umgehend angegangen werden. Denn dieses Versäumnis ist der Grund, weshalb Wirecard eine so leichte Beute für Attacken ist. Da ich davon ausgehe, dass man das endlich/irgendwann verstehen und lösen wird, sehe ich keinen Grund, Wirecard aus dem Depot zu werfen. Andererseits habe ich ja ausführlich begründet, weshalb Wirecard aus den selben Gründen für mich keine hohe Gewichtung im Depot (mehr) rechtfertigt.

      Ob nun Opera und/oder PayPal "bessere" Aktien sind, muss jeder selbst entscheiden. Opera ist sehr riskant, weil man mehr und mehr zum Microlender in Afrika wird mit entsprechend hohen Zinssätzen und Kreditausfallraten von über 40%. Und PayPal stufe ich weiterhin als sehr aussichtsreich ein, allerdings kaum als direkter Wettbewerber für Wirecard und damit auch kein Entweder-Oder fürs Depot.

      Das aussichtsreichste Unternehmen im Paymentsektor unter Chance-Risiko-Aspekten bleibt für mich Mastercard und logiert ist der Wert auch in meiner hoch gewichteten Top 5.

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    2. Warum löschen Sie Beiträge?

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    3. Die ständigen Verweise auf wallstreet-online und angeblich dort stehende Aussagen lösche ich. Wer hier diskutieren will, kann das hier tun. Wer bei wallstreet-online diskutieren will, kann das dort tun.

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  3. Habe bei 120 nachgekauft ,mit Sicht nach Oben, es ist nicht nachvollziehbar was da abläuft, wo leben wir eigentlich, wer lügt und betrügt (direkt undirekt) da am Meisten und das bei einer Dax Aktie unglaublich traurig.

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  4. Guten Tag Herr Kissig, ich teile Ihre Auffassung dass "Das heutige Drama ist also nicht vom Handelsblatt verschuldet worden, sondern von Wirecard selbst". Wirecard steckt da ein wenig den Kopf in den Sand nach dem Motto wird schon vorbei gehen. Sowas ist natürlich eine Steilvorlage für Journalisten. Proaktiv kommuniziert von Wirecard wäre besser gewesen!
    Kaufen oder nicht ist die Frage, wie häufig kommt es auf die eigene Strategie und das eigene Risikoprofil an. Technisch betrachtet ist die Aktie neutral.

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  5. https://www.finanz-szene.de/payments/kopie-von-die-irre-wette-von-dws-fondsmanager-tim-albrecht-auf-wirecard/

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    1. Ein sehr guter Artikel von Christian Kirchner zu der Frage, weshalb sich führende DWS-Fonds so stark (mit bis zu 9,2%) an Wirecard beteiligt haben. Die Überschrift ist allerdings ziemlich reißerisch und auch irreführend, da sie nicht zum eher sachlich gehaltenen und informativen Artikel passt. Lesenswert ist der aber allemal.
      .: Die irre Wette von DWS-Fondsmanager Tim Albrecht auf Wirecard"

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