Sonntag, 3. Mai 2020

Gastartikel: Schlussakkord zu... Über den Boulevard in den Papierkorb, wo es ziemlich behaglich zu sein scheint - Dritter Teil des Essays über die Gegenwart und Zukunft der deutschen Finanzpresse

Vor einiger Zeit betrat dieses Blog Neuland, denn zum ersten Mal veröffentliche ich hier einen Gastartikel, also einen Beitrag, der nicht aus meiner Feder stammt.

Heute finden der Artikel "Über den Boulevard in den Papierkorb - Ein Essay über die Gegenwart und Zukunft der deutschen Finanzpresse" sowie seine Fortsetzung "Und weiter geht's... über den Boulevard in den Papierkorb - Eine Fortsetzung des Essays über die Gegenwart und Zukunft der deutschen Finanzpresse" einen weitere - und letzte - Fortsetzung und erneut ist für den Inhalt alleine der Autor Stephan Gemke verantwortlich.

Auch in diesem Essay widmet Stephan Gemke sich der Frage nach "Paid Content" bzw. dem zunehmenden Anspruchsdenken, alles jederzeit zu bekommen und einfordern zu können und das - selbstverständlich - immer kostenlos. Ein Plädoyer im Sinne von "darf sich Leistung auch wieder lohnen?" und gegen die in unserer Konsumgeilgesellschaft immer weiter um sich greifende "Geiz-dich-dumm-Mentalität". Und wie auch in den beiden Essays zuvor widmet sich Stephan Gemke der medialen Berichterstattung zu Wirecard und hier insbesondere der Vorgänge um die Sonderprüfung durch KPMG.

Da ich die kritische Richtung des Essays grundsätzlich teile, musste ich nicht lange überlegen, auch diesen Artikel auf meinem Blog zu veröffentlichen und hier(mit) die Diskussion weiterzuführen.


Gastartikel: Schlussakkord zu... Über den Boulevard in den Papierkorb, wo es ziemlich behaglich zu sein scheint


Dritter Teil des Essays über die Gegenwart und Zukunft der deutschen Finanzpresse
Autor: Stephan Gemke


Aller guten Dinge sind drei, könnte das Motto dieses dritten Essays über die Wirtschafts- und Finanzpresse lauten. Dem ist aber nicht so, stattdessen gilt: Aller betrüblichen Dinge sind drei.

Denn betrüblich erachte ich den Zustand und das Verhalten der Presse weiterhin. Allerdings, das kann ich versprechen, wird es einen vierten Medien-Essay von mir nicht geben, da mein Fazit nicht mehr allein "vom Boulevard in den Papierkorb", sondern auch "im Papierkorb ist es schön, hier bleibe ich" lautet. Fast ein ganzes Jahr ist vergangen, seit meinem ersten Essay im August 2019. Nun haben wir Mai 2020. Verbesserungsvorschläge für den Gang um den Papierkorb herum oder aus ihm heraus, unterbreitete ich viele. Take it or leave it – drei Medien-Essays sind genug.

Beginnen möchte ich mit Aspekten, die ich im vorherigen Essay aufgriff und die die finanzielle Situation auf dem Medienmarkt für Wirtschafts- und Finanzpublikationen beleuchten. Auf bundesanzeiger.de sind nun auch die Abschlüsse über das Geschäftsjahr 2018 verfügbar, und daher ist ein Update möglich zu den Verlagen des Manager-Magazins (MM), der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH (DvH), die das Handelsblatt (HB), die Wirtschaftswoche (WiWo) und die ZEIT herausgibt.

Die DvH feiert ein Jubiläum der "besonderen" Art: 10x hintereinander einen Jahresfehlbetrag. Zuletzt von -12,5 Mio. Euro (Quelle). Da es sich um einen konsolidierten Jahresabschluss handelt, kann ich Ihnen nicht die genauen Verursacher aus dem Portfolio nennen, halte aber das Handelsblatt und die Wirtschaftswoche verantwortlich für den Verlust. Die Begründung gab ich im Essay Nr. 2.

Die Manager Magazin Verlagsgesellschaft schloss das Geschäftsjahr 2018 mit einem Jahresüberschuss von 1,4 Mio. Euro ab, was einem Gewinneinbruch von 33% entspricht. Und das, obwohl die Redakteure dazu angehalten sind, gewinnträchtig zu agieren. Schließlich werden sie offensichtlich wie ein Vertriebsmitarbeiter bezahlt, d.h. mit Erfolgsprämien. Wie dem Lagebericht des MM im Bundesanzeiger zu entnehmen ist, werden die Mitarbeiter (vermutlich alle 51 Personen) über gewinnabhängige Bezüge an den Jahresergebnissen beteiligt, sofern die zur Auszahlung des Bonus erforderliche Rendite auch erreicht wurde. Ich lasse mich gerne verbessern, doch haben Sie nicht auch den Eindruck, dass dadurch Journalismus mit dem Provisionsgeschäft von Versicherungsmaklern und Finanzvertrieblern gleichzusetzen ist? So wie dort Abschlüsse statt wirklich nützlicher Anlageberatung zählen, zählen dann hier Klicks wohl mehr als wirklich nützliche Information, oder? Zumindest für gewisse Börsenblättchen, wie sie vor allen auf den großen Aktien-Communities, wie Ariva und Wallstreet:Online (beide sind Geschwisterunternehmen) verlinkt sind, trifft diese Gleichsetzung meiner Meinung nach zu.

Das MM begründete den deutlichen Gewinnrückgang mit Umsatzeinbußen i.H.v. 500.000 Euro sowie einem höheren Materialaufwand i.H.v. 200.000 Euro. Und falls Sie nun beim Wort "Materialaufwand" an Papier- und Druckkosten denken, muss ich Sie korrigieren: Es sind höhere Vergütungen an Agenturen gemeint. Ob die Agenturen die Preise erhöhten, oder ob das MM vermehrt Agenturmeldungen nutzte, entzieht sich meiner Kenntnis. Das MM sah sich jedenfalls dazu genötigt, die Abo-Prämien zu reduzieren und weniger Werbung für die eigenen Hefte zu betreiben. Auch hier kann ich nicht mit näheren Infos dienen, welche Prämien reduziert wurden (z.B. Wecker, Golfausrüstung oder Füller) und warum überhaupt Prämiengeschenke reduziert werden mussten, denn ich hätte angenommen, dass diese durch die Abo-Zahlungen des Neukunden gegenfinanziert werden. Da ich aber kein Brancheninsider bin, gilt: im Zweifel für den Brancheninsider, er wird schon wissen, was er tut. Sich anzumaßen, etwas aus einer externen, fremden Perspektive heraus besser zu wissen und andere zu kritisieren, ist schließlich das täglich Brot einer anderen Berufsgattung. Irgendwas mit 'ournalismus' am Ende…

Mal sehen, ob auch die FAZ ihr finanzielles Heil in der Reduzierung von Abo-Lockangeboten fand? Denn hier gab es einen Jahresfehlbetrag von -5,5 Mio. Euro nach knapp 10 Mio. Euro Jahresüberschuss im Vorjahr. Entgegen dem MM-Verlag spielt dafür kein Umsatzrückgang die Hauptrolle, wenngleich der Umsatz leicht zurückging, sondern Zinsänderungseffekte, Wertabschläge auf Wertpapiere durch den Börsencrash Ende 2018 und Änderungen der Sterbetafeln zur Bewertung der Pensionsrückstellungen. Interessant, dass hier doch ganz andere Gründe den Verlust verursachten als beim Manager-Magazin, obwohl beide in der gleichen Branche tätig sind.

Die FAZ, ein ohnehin Kapitalmarkt affines Medium, macht also in Aktien. Okay, wieso auch nicht? Auf lange Sicht gesehen gehören Aktien zu den renditeträchtigsten Anlagen, die es gibt. Auch die DvH investiert in Unternehmensbeteiligungen, allerdings in Startups. Wie erfolgreich die Verlage mit ihren Unternehmensanteilen sind, und wie sich das in ihrer Berichterstattung niederschlägt, wäre ein interessantes Thema für sich. Und ich meine dies wertungsfrei.

Deckungsgleich sind sich die Verlage darin, dass sie von einem weiterhin schwierigen Markt ausgehen, der erneut sinkende Vertriebs- und Werbeerlöse verspricht. Man darf also gespannt sein, ob z.B. das MM trotz zu erwartendem Umsatzrückgang erneut Gewinn erwirtschaften kann – und wenn ja, wie? Denn im Gegensatz zur FAZ, die für 2019 wegen "Zinsänderungseffekte[n] bei der Bewertung der Pensionsverpflichtungen" mit einem erneuten Jahresfehlbetrag rechnet, konnte ich keine Äußerungen finden, wie das MM gedenkt, den Herausforderungen zu begegnen. Die FAZ sieht ihre Zukunft jedenfalls im redaktionellem Angebot und in einer Investitionsoffensive: Wir sind "davon überzeugt, dass auch in Zukunft insbesondere der anspruchsvolle Journalismus mit Hintergrundinformationen und Analyse zu wirtschaftlichem Erfolg führt. (…) Durch die Entwicklung von zielgruppenspezifischen Digital- und Printprodukten sollen die Geschäftsbeziehungen mit den bestehenden Kunden ausgebaut sowie neue Kundengruppen hinzugewonnen werden. Durch die hohe Akzeptanz des im Oktober 2018 eingeführten digitalen Einstiegsprodukts F+ sehen wir hierfür gute Wachstumschancen. Die Priorität der Geschäftsführung liegt daher auf der konsequenten Fortentwicklung der digitalen Produktwelt der F.A.Z. und deren Monetarisierung. (…) Das Geschäftsjahr 2019 wird zudem durch einen Anstieg der Aufwendungen für die Erneuerung der systemtechnischen Infrastruktur in Redaktion und Verlag geprägt sein."

Interessant ist hierbei das kostenpflichtige Abo "F+". Es wurde im Oktober 2018 eingeführt und den 2018er-Umsatz mit ihren digitalen Produkten gibt die FAZ mit 32 Mio. Euro an. Ich weiß nicht, welche Digitalprodukte es außer dem klassischen E-Paper noch vor der Einführung von "F+" gab und wie viel Geld sich damit verdiente, doch ich nehme an, dass es wenig war. Denn angesichts der damaligen alles dominierenden Kostenlos-Kultur im Netz und dem entsprechenden „Gefangenen-Dilemma“ (Wirtschaftsleute wissen, was ich meine), kann ich mir beim besten Willen kein großes und erlösbringendes Angebot an kostenpflichtigen Artikel auf faz.net vorstellen. Somit denke ich, dass die 32 Mio. Euro größtenteils durch das erst zum Ende des Jahres hin gelaunchte "F+"-Angebot erzielt wurden. Gemessen an Gesamtumsätzen von 236,9 Mio. Euro und an Vertriebsumsätze von 148,1 Mio. Euro entspricht dies einem Anteil von knapp 13% und 21%. Und dies bereits kurz nach seiner Einführung. Da erachte ich es als angemessen von einem großen Erfolg zu sprechen.

Nun, im Jahr 2020, sollte sich der Digitalumsatz natürlich nochmals erhöht haben. Leider liegen erst die 2018er-Jahresabschlüsse vor. Hier nähere Angaben eruieren zu können, wie sehr die Digitalangebote substitutiv oder komplementär wirken, wäre interessant. Denn einerseits könnten aus Print-Abonnenten Digital-Abonnenten geworden sein, was weniger Umsätze und weniger Werbung bedeute (einen Adblocker vorausgesetzt). Andererseits ist der Digitalvertrieb i.d.R. kostengünstiger (schon allein wenn man die Auslandslieferungen bedenkt) und zudem werden ja selten reine Artikel für das Digital-Abo geschrieben, sondern es sind Artikel der Printausgabe. Wie hier die Mischkalkulation und die Profitabilität aussähen, würde mich schon sehr interessieren. Davon unabhängig freut es mich im Grundsätzlichen, das Bezahlschranken auf nahezu allen Internetseiten der Presse etabliert wurden, z.B. auch bei spiegel.de und zeit.de.

Darüber hinaus wird ein weiteres Größenverhältnis sichtbar: FAZ erlöst nur mit ihren neuen digitalen Produkten mehr als doppelt so viel, wie das Manager-Magazin in Gänze: 32 Mio. Euro Digitalumsatz vs. 14,5 Mio. Euro Jahresumsatz.

Hierzu folgende Deutungen: Das MM gehört gemäß meiner Erörterung aus den letzten beiden Essays zur boulevardesken Seite der Wirtschafts- und Finanzpresse. Müssen sie wohl sein, um überhaupt noch wahrgenommen und gekauft zu werden. Denn FAZ und MM bedienen nahezu dasselbe Klientel, nämlich Manager bzw. generell Führungspersönlichkeiten. Dass die FAZ um so viel größer ist, als das MM, lässt für mich nur den Schluss zu, dass Entscheidungsträger eher der FAZ zugewandt sind. Einsprüche, wie die unterschiedliche Erscheinungsweise und unterschiedlicher Inhalt, entgegne ich folgendermaßen: Die FAZ bietet zwar einen Politik- und Feuilletonteil an, aber den größten Teil machen Wirtschaftspolitik, Unternehmensnachrichten/ -portraits, die Berichterstattung über den Kapitalmarkt und über Finanzanlageprodukte sowie Vorstellungen und Tests von neuen Technologien und Produkten. Und auch das MM ergänzt ihren Wirtschaftsfokus um Beiträge zu Politik und Gesellschaft. Die inhaltliche Schnittmenge zwischen FAZ und MM lässt sich daher als sehr hoch ansehen.

Die Unterscheidung in täglicher und wöchentlicher Erscheinungsweise kann ich ebenfalls nicht gelten lassen, denn wir leben in einer voranschreitenden Digitalwelt. Faz.net und manager-magazin.de müssen beide stets aktuell und quasi minütlich mit Content gefüttert werden. Online gibt es keinen Wochenrhythmus! Dies alles berücksichtigt bleibe ich bei der These, dass das Manager-Magazin zum eher bedeutungsloseren Teil der Wirtschafts- und Finanzpresse gehört. Mit anderen Vergleichsmethoden mögen Sie zu einem anderen Ergebnis kommen - okay, fair enough, wie man neudeutsch sagt - doch die boulevardeske Art des Manager-Magazins bleibt davon unberührt. Sie ist hinlänglich belegt und ein anderer Grund, als sich damit größer und wichtiger zu machen, als man eigentlich ist, fällt mir nicht ein. Ihnen?

Als einen letzten Aspekt, um danach die wirtschaftliche Betrachtung der Verlage zu beenden, möchte ich kurz die Ergebnisverwendung thematisieren. Gewinne auszuschütten ist legitim, ebenso die Mitarbeiter an diesem Erfolg teilhaben zu lassen. Darüber gibt es keinen Zweifel. Unschlüssig bin ich mir aber darüber, ob es mich verwundern sollte, dass viele der Verlage ihre Gewinne, sofern sie welche erzielen, voll ausschütten. Wo ist der hanseatische Kaufmann hin, der in der Not eher sparen und für schlechte Zeiten vorsorgen würde, statt das erwirtschaftete Geld zum Fenster hinauszuwerfen? Ich betone den hanseatischen Kaufmann nicht deshalb, weil Hamburg eine Medienhochburg ist (Quelle), sondern weil es sich hier ja gerade um die Wirtschafts- und Finanzpresse handelt. Man kann zwar einem stagnierenden, sinkenden Markt mit Kostenersparnissen begegnen, aber doch nicht dauerhaft. Sondern man kann die erzielten Gewinne einbehalten, um dann mit den Kosteneinsparungen und den Reserven viel schlagkräftiger zurückschlagen. Oder erachtet man sich etwa als "too big too fail" bzw. als "too important too fail", und spielt diese Karte lobbyistisch aus, damit man sich nicht selber hilft, sondern den Staat in Sachen Urheberrecht, Arbeitsrecht, Mehrwertsteuer, Rundfunkstaatsvertrag und in vielen anderen Hinsichten zur Hilfe und zur Kasse bittet? Solche "Hilfestellungen" haben ja auch durchaus ihre Berechtigung, doch frage ich mich, ob die vielen Finanzprobleme in der Medienlandschaft allein auf die (antrainierte) Gratiskultur und die Online-Werberiesen (v.a. Google, Facebook, Amazon) zurückzuführen sind, oder nicht doch auf Managementversagen und fehlenden Rücklagen?

Und damit endet der Abschnitt zur wirtschaftlichen Lage und ich leite über zur Berichterstattung

Corona war, ist und bleibt ein Übel in so vielerlei Hinsicht, dass ich hier natürlich nicht alles berücksichtigen kann, was dazu thematisiert wurde. Aber ich kann mich dem widmen, dass ich für „unterthematisiert“ erachte. Der Börsencrash, ja, der wurde natürlich berücksichtigt. Leider in einem eher allgemeinen Sinne oder zeitweilig auf einzelne Unternehmen, wie Lufthansa oder Adidas konzentriert. Hier und dort kommen noch Einzelstories hinzu, wie die ungeschickt-getimte Mieterkündigung seitens Rocket Internet (Quelle), die knapp 100 Millionen Atemschutzmasken-Spende von BASF (Quelle) oder wie im Falle des Konzerns ThyssenKrupp, eine ganze Vielzahl an Einzelnews (ersichtlich wenn man z.B. "Thyssen Krupp Corona" googelt).

Und so komisch, wie es auch immer klingen mag, bewirkte Corona sogar etwas Positives: Interessierte Anleger bekommen nun ein besseres Verständnis darüber, wie die Unternehmen funktionieren, was es alles zu berücksichtigen gilt und wo Stärken und Schwächen liegen. Oder hätten Sie gewusst, dass Produzenten von Spannringen (wie die börsennotierte Ringmetall AG) nun als systemrelevant und als "KRITIS" (Kritische Infrastruktur) angesehen werden? Auch die Ad-hoc vom 30. April des Küchengeräteherstellers Rational (Quelle) offenbart finanzielle Einbußen, Kundeneinblicke sowie Probleme und Maßnahmen entlang der Wertschöpfungskette, die ich als Kenntnis erweiternd betiteln möchte. Die Corona-Krise legt damit auch Schwächen und Risiken offen, die einem so nicht bewusst waren, weil in den Investoren-Präsentationen zumeist von Chancen und Stärken gesprochen wird.

Dies alles kann natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine richtige Auseinandersetzung mit dem Aktienabschwung ausblieb. Weder über den Einfluss von Leerverkäufen oder über die verringerten, oft ganz ausfallende Dividende, wurde ausführlich debattiert. Während in anderen Staaten Leerverkaufsverbote verhängt wurden, war dies bislang in Deutschland nicht der Fall. Was hier aber anders sein soll, als auf dem belgischen oder spanischen Börsenparkett, erschließt sich mir nicht. Auch die Dividende hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, denn für Fonds und deren Kunden, als natürlich auch für Privatanleger sind Dividenden wichtige Bausteine für ihren Ertrag und ihre Liquidität. Zahlungsausfälle und Finanzierungsprobleme an anderer Stelle, insbesondere im Immobiliengewerbe, wurden allerdings sehr umfänglich beschrieben. Ich meine dies alles nicht zynisch und möchte auch nichts gegeneinander aufwiegeln, nur findet der sich durch Unternehmensbeteiligungen finanzierte Investor weniger Aufmerksamkeit und „Gegenliebe“ in den Medien, als jene, die vom Arbeitseinkommen abhängen oder sich durch Schulden finanzieren. Ich finde dies schon sehr problematisch, denn mit einem halbwegs vernünftigen und kompetenten Bezug zum Thema Unternehmensbeteiligung und Produktivkapital ist es in Deutschland ja leider nicht weit her. Dabei ist es selbst beim Kinder-Kartenspiel Mau-Mau schwieriger, zu gewinnen, als an der Börse (Quelle).

Dass der Staat mit Kurzarbeitergeld einspringt, ist absolut richtig. Es hilft ja auch den Unternehmen und dem Konsum. Nur ein Äquivalent des Kurzarbeitergeldes für weniger Lohn gibt es nicht für weniger Dividende oder für Kursverluste. Man könnte dies als Diskriminierung ansehen. Die Corona-Krise hat mir erneut vor Augen geführt, wie nachlässig die Probleme und Risiken eines Aktionärs thematisiert werden und wie wenig Beachtung sie erfahren. Möglicherweise kennen sie es aus Ihrem eigenen Verwandten- und Bekanntenkreis, wie wenig Gehör einem geschenkt wird, wenn man über Aktien spricht. Stellen Sie sich zudem einmal vor, wie es wäre, wenn man die gängigen Vorwürfe, Abkanzelungen und Argumente auf den Arbeitnehmer ummünzen würde:
  • "Tja, selbst schuld. Hättest du deine Arbeitskraft doch mal diversifiziert und wärst in mehreren Jobs, dann wärst du jetzt nicht so in Bedrängnis."
  • "Ach, mach dir nichts raus. Das ist ja jetzt nur eine Phase, die Jobs kommen ja wieder"
  • "Wie konntest du auch nur ein Haus in der jetzigen Boomphase kaufen?"
  • "Wie konntest du nur einen Kredit aufnehmen, nur weil die Zinsen gerade günstig sind und es alle tun?"
Bei solchen Erwiderungen gäbe es einen Aufschrei, von dem ganz Deutschland einen kolossalen Tinnitus davontrüge. Gut, die großen Wirtschaftsthemen kommen noch, denn eine Insolvenzwelle steht uns erst noch bevor. Ebenso die Veröffentlichungstermine zu den Zahlen des ersten und zweiten Quartals. Mal sehen, ob dann Wirtschaftsthemen bzw. Aktionärsthemen in der Presseagenda nach oben rücken werden?

Und wie siehts mit der Berichterstattung über Wirecard aus?

Selbstverständlich widme ich mich auch diesmal diesem Unternehmen. Wirecard blieb in den letzten Monaten schließlich im medialen Fokus und wird dort wohl auch auf unbestimmte Zeit verbleiben. Was sich ebenso wenig änderte war die mehr schlechte, als rechte Berichterstattung. Ich komme zu diesem Urteil nicht aufgrund einer pro Wirecard gesinnten Perspektive. Sondern ich komme zu diesem Urteil durch die Anwendung von Merkmalen seriöser Berichterstattung. Diese wurden meiner Meinung nach von zwei Verlagshäusern mehrfach, und damit womöglich absichtlich vernachlässigt: Der Spiegelgruppe, zu dem der Spiegel und das Manager-Magazin gehören; sowie der DvH Medien Gruppe, zu der das Handelsblatt und die Wirtschaftswoche gehören.

Ein paar Beispiele

Im Dezember 2019 fand sich auf spiegel.de ein Portrait über Herrn Braun (Quelle), dessen Formulierungsweise einzig eine Diffamierung zum Ziel haben konnte. So machte es ja schon der Financial Times-Journalist Dan McCrum in seinen Vorwurfstiraden, die mit Ausschweifungen über äußerliche Erscheinungen, Gestiken, Mimiken und ähnlichen Nebensächlichkeiten gespickt waren, um zwischen den Zeilen das nötige Geschmäckle und die nötige Verruchtheit hineinzubringen. Und natürlich, um fehlenden Inhalt zu kaschieren. Eine Unsitte sondergleichen, denn Geschwafel gehört in einen Roman und nicht in die Wirtschaftsberichterstattung. Auch nicht, wenn es ein Portrait ist, denn dort gehören biographische Fakten hinein.

Hierbei sei an das Mantra des Spiegel-Gründers Rudolf Augsteins erinnert: "Sagen was Ist". Dieses Mantra wurde Jahre später sinngemäß in ebenfalls drei Wörtern vom Focus übernommen und lautete: "Fakten. Fakten. Fakten." Nun, nach über einem Jahr intensiver Verfolgung der Berichterstattung zur Wirecard AG und dessen Vorstandsvorsitzendem Dr. Markus Braun kann ich festhalten, dass sich journalistische Arbeit weiterhin in drei Punkten zusammenfassen lassen, allerdings anderen:
  1. Behaupten, was sein könnte.
  2. Klicks. Klicks. Klicks.
  3. Copy-and-Paste.
Der Konjunktiv-Journalismus, der leider in allen Rubriken dominiert, erzeugt eine Schwemme an Vermutungen, wie sie schädlicher nicht sein kann. Wenn man nur noch liest, was alles sein könnte, hätte müssen oder dürfen sollen, zieht das einen ganzen Rattenschwanz an (psychologischen) Problemen nach sich. Angefangen bei permanenter Unzufriedenheit/Frustration bis hin zu Verschwörungstheorien. Und ja, Sie lesen richtig: ich verwende in diesem Abschnitt Präsens!

Und indem man ständig neue Gedankenspiele, Unterstellungen, Thesen, Gerüchte und Kommentare fabriziert und kommuniziert, kann eine Story quasi zur „unendlichen Geschichte“ werden. Oder besser gesagt zu einer unendlichen Salami, deren Scheiben immer neue Klicks bringen. Besonderes Unverständnis bringe ich hierbei für all jene auf, die den Namen Wirecard als reines Clickbait benutzen und den Namen in jeden Artikel reinbringen, obwohl Wirecard gar nicht Thema des Artikels ist. Man muss nicht jedes Fin-Tech als Konkurrenten von Wirecard bezeichnen, ebenso wenig Wirecard in einem Beitrag über diverse Finanzskandale einfügen, obwohl für den Skandal andere Unternehmen verantwortlich waren.

Copy-and-Paste ist das dritte Grundübel des heutigen Journalismus´ und eine direkte Folge des Gratiswahns im Netz. Wenn jede Information nur noch einen schnellen Klick entfernt ist, dann gilt es für die Verlage ihren Usern niemals Anlass zu geben, auf die Seite des Konkurrenten zu wechseln. Und dies gelingt am besten dann, in dem man von seinen Konkurrenten permanent abschreibt und Agenturmeldungen direkt übernimmt. So bleibt gewährleistet, dass sich quasi nirgendwo etwas findet, was nur auf einem Portal steht. Ganz egal, wie gut oder wie schlecht recherchiert ein Artikel auch immer sein mag. Die Folge aus alledem ist ein ziemlicher Einheitsbrei, denn Eigenrecherche steht diesem Geschwindigkeitsdogma diametral entgegen und wird überdies selten finanziell belohnt, weil sich die Information ja immer irgendwo gratis finden lässt.

Ich will die Tricks dazu nicht nennen, denn Free-Rider sind eine Gattung an Medienkonsumenten, die der Branche sehr schaden. Und als Free-Rider meine ich auch die zahlreichen Aggregatoren, die fremde Inhalte übernehmen und selbst vermarkten oder die ganzen zahlreichen Youtuber und Blogger, die mit ihren durchaus sehr starken und arbeitsintensiven, aber eben kostenlosen Analysen, es eher auf Aufmerksamkeit, Lob und/oder Reichweite zur Vermarktung eigener Workshops, Bücher, Wikifolios und Webinaren abgesehen haben. Ich sehe dies sehr zweischneidig und kann dieses „Gebaren“ noch nicht final bewerten: ob nachvollziehbar und legitim oder kontraproduktiv und schädlich.

Doch zurück zu Wirecard: Kein einziges Mal kam bislang ein so genannter Kleinanleger / Privatanleger zu Wort. Über sie wurde jedoch viel geschrieben. Stattdessen kommen so genannte Marktbeobachter, Aktien-/Börsenexperten und Analysten zu Wort, wie man an diesem Artikel von Börse.ARD sehen kann, der nur die Stimmen Dritter wiedergibt (Quelle). Aber sind nicht gerade diese Privatinvestoren auch Marktkenner, Unternehmensexperten und alte Füchse auf dem Börsenparkett? Ich wünschte, Privatinvestoren kämen endlich öffentlichkeitswirksam zu Wort, denn die sind mit ihrem eigenen Geld in Wirecard investiert, was automatisch eine ganz andere Sichtweise auf den Kurs gibt und auch viel Raum für Persönliches bietet, was doch eigentlich ideal sein müsste, für eine Story. Sie tätigen ihre Trades zudem selbst ohne einen Algorithmus dahinter und ohne Restriktionen, wie sie Fonds besitzen. Was an inhaltlichem Potential hier verschwendet wird, ist sehr schade. Stattdessen kommen quasi immer nur dieselben Leute zu Wort, was sich ebenfalls zu einer selbst verstärkenden und monothematischen Copy-and-Paste-inklusive-Selbstbeweihräucherung-Situation entwickelt.

Unberücksichtigt blieb ebenfalls die eventuell familiäre Verbindung von Dan McCrum zu einem gewichtigen Konkurrenten von Wirecard namens Adyen. Die Ehefrau von Dan McCrum, Charlotte, arbeitete zunächst bei Index Ventures, einem frühen und langjährigen Investor von Adyen (sowie anderen Finanzunternehmen wie Funding Circle und BitPay), und später dann als selbstständige Kommunikationsberaterin (Quelle). Für welche Firmen sie hierbei tätig war und ist, wird nicht angegeben. Dan McCrums erste Artikel zu Wirecard (Quelle) fielen in eine Zeit, in der seine Ehefrau bei Index Ventures beschäftigt war bzw. kurze Zeit drauf verließ. In der Folgezeit zeigte sie sich auf Twitter unterstützend für die "Recherche" ihres Mannes (Quelle). Zudem haben beide, Charlotte mehr als Dan, beruflich mit der Fondsbranche zu tun gehabt.

Dies alles gibt Raum für wilde Spekulationen, auch weil Dan McCrum mit dem berüchtigten Leerverkäufer Fraser Perring in Verbindung steht und es Tonbandmitschnitte gibt oder gab, nach denen die Leerverkäufe auf die Wirecard-Aktie mit der Veröffentlichung der FT-Artikel abgestimmt sein sollten. Während es die Webseite zu den Tonbandmitschnitten nicht mehr gibt (Quelle) bezeugt u.a. ein Bericht der FAZ, dass die BaFin Ermittlungen wegen Marktmanipulation aufnahm. (Quelle).

Ich schreibe Ihnen dies, weil ich mir gewünscht hätte, dass in Bezug auf Herrn Dr. Braun genauso vorsichtig vorgegangen wäre wie mit dem Ehepaar McCrum. Statt Privates tendenziös darzustellen, wie es der Fall in mehreren Portraits über Markus Braun war, hätte ich mir entsprechende Zurückhaltung wie in der Causa des Ehepaar McCrums gewünscht. Denn die berufliche Vita der Charlotte McCrum, wie sie sich per Google-Recherche zeigt, lässt am meisten Raum dafür, dass beide McCrums ihre Berufe getrennt von voneinander ausüben. Es ist korrekt, keine Gerüchte über etwas aufkommen zu lassen, dann sich nicht näher belegen lässt... Vielleicht merken Sie schon, worauf ich hinaus will, doch zum KPMG-Bericht dauert es noch etwas.

Zuvor möchte ich noch die Unausgewogenheit thematisieren. Ähnlich wie bei der Flüchtlingskrise und teilweise auch jetzt in der Corona-Krise, wird die Political Correctness auf die Spitze getrieben. Das ist nicht falsch, aber eben auch nicht richtig, denn natürlich leistet man damit gewissen Vorbehalten Vorschub. Es ist doch wirklich unerklärlich, warum man in der (Publikums-)Presse nahezu nichts von der Innovationskraft Wirecards erfährt. Es gibt sie aber, wie Sie anhand der zahlreichen Meldungen zu Produkterweiterungen und –neuerungen auf der Wirecard-Website sehen können (Quelle). Nicht jede davon muss von den Medien aufgegriffen werden, einverstanden. Aber sie so gar nicht zum Gegenstand eines Artikels zu machen verwundert mich schon. Die Boon-App oder die Innovationen in Sachen Multichannel, In-Store-Retail und überhaupt die Zukunft des Einzelhandels halte ich schon für sehr interessant. Wie Sie hier sehen können (Quelle) gab es allein letztes Jahr 110 Pressemeldungen, die wenigsten davon hatten mit den FT-Vorwürfen zu tun. Doch diese im Vergleich wenigen Verlautbarungen dazu wurden umso häufiger in der (Publikums-)Presse thematisiert. Liegt es etwa an Wirecard? Verschicken sie ihre News nicht richtig? Zu dieser Nicht-Berücksichtigung operativer Aspekte von Wirecard gesellt sich diese Überbetonung der FT-Vorwürfe. Dass die FT und Dan McCrum überhaupt nichts Positives schreiben, lasse ich mal dahingestellt. Warum aber nahezu kein Artikel vom Handelsblatt und der Wirtschaftswoche ohne tendenziös-negativer Tonlage auskam, verstehe ich nicht. Entgegen dem "FT-McCrum-Gespann" kann ich mir hier persönliche Differenzen, einen Wahn oder gekaufte Berichterstattung nicht vorstellen.

Wie dem auch sei, dies alles schafft aber ein verzerrtes Bild, von dem ich wünschte, es würde auch mit einer Studie offenbart. Den Kommunikationswissenschaften bietet sich hier ein ideales Terrain für eine Untersuchung.

Dass über alle Medien hinweg die Artikel eher negativer Natur sind, erklärt sich mir mit dem Copy –and-Paste-Verhalten. Doch für jede Kopie braucht es ja zunächst ein Original und davon findet sich meiner Meinung nach viel bei der Wirtschaftswoche und dem Handelsblatt. Ich kann mir dies nur noch mit gewissen Charaktereigenschaften (ggf. auch Persönlichkeitsstörungen) erklären, wie Sie auch von Dr. Matthias Döpfner, dem Chef der Axel Springer AG vorgebracht wurden. Er selbst sagte, dass das Journalistentum eine der eitelsten Berufsgruppen sei, die es gibt. Und er attestierte der Gilde "zutiefst unjournalistisches Verhalten" (Quelle) und meinte damit "zu viel vom Gleichen", wie ich es ausdrücken möchte.

Bist du noch eitel oder schon narzisstisch?

Ein weiterer Grund ist die Eitelkeit, die bis zu einem gewissen Grad sogar vorteilhaft ist. Sie treibt und spornt an. Vermutlich bin auch ich eitel, weil ich diesen Essay schreibe. Und das schon zum dritten Mal. Auch unterbreitete ich in den vorherigen Essays Vorschläge, wie sich der Boulevardismus eindämmen ließ und warnte davor, weiter alles gratis zu wollen. Und falls Sie sich erinnern, kritisierte ich in denselben Artikel auch den sog. „Konstruktiven Journalismus“, der ja genau diesen warnenden, vorschlagenden Charakter hat. Ich weiß also, wie leicht sich die Grenze vom Journalisten zum Aktivisten übertreten lässt. Gleichwohl verbeiße ich mich nicht und schreibe weder verkürzt, perfide oder hämisch, noch wiederhole ich mich permanent oder benutze oft den Konjunktiv. Täte ich dies, dann hätte ich meine Eitelkeit nicht mehr unter Kontrolle. Und genau dies diagnostiziert Herr Döpfner seiner Branche: Den Kontrollverlust der eigenen Eitelkeit. Man könnte auch Selbstverliebtheit, Selbstgefälligkeit, Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung sagen. Und damit komme ich zur Charaktereigenschaft/Persönlichkeitsstörung namens Narzissmus.

Recherchieren Sie selbst mal die Merkmale und Symptome von Narzissmus. Irgendwie passend, oder? Kritik an der Berichterstattung wird wahlweise ignoriert, in irriger Weise als Bestätigung und für ein "Weiter so" angesehen oder die Kritik wird relativiert. Neben dieser Empfindsamkeit gegenüber negativer Kritik zeigen Narzissten einen starken Wunsch nach Anerkennung, Zuneigung und Bewunderung. Tritt dies nicht ein, versucht man sich ins rechte Licht zu rücken. Sei es mittels Übertreibungen, dem Weglassen konträrer Meinungen, dem "Aktualisieren/Überschreiben" bestehender Artikel, so dass die Ursprungsfassungen nicht mehr nachvollziehbar sind oder man erfindet direkt Lügengeschichten (z.B. Fall Relotius).

Weitere Mittel bestehen in der (eigenen) Kommentierung und Dokumentation seines Tuns, (gekauftem) Lob von anderen oder z.B. mittels Preisverleihungen. Mir ist keine andere Branche bekannt, in der so viele Wettbewerbe veranstaltet und Awards vergeben werden, wie im künstlerischen/ medialen Bereich. Im Grunde fängt dieser Wettbewerbs- und Belohnungsmechanismus ja schon mit den Aufnahmeprüfungen bei Journalistenschulen, Konservatorien, etc. und dem Vorweisen von Arbeitsproben an.

Man steht immer unter einer gewissen Form von Druck und Beobachtung. Das im digitalen Zeitalter das Tun besonders gut gemessen und ausgewertet kann, insbesondere durch Google Analytics und in den Social Media-Plattformen, führt meiner Meinung nach zu einer Verstärkung eitler, narzisstischer Neigungen. Wer sieht, dass sich mit einem gewissen Thema, oder einer gewissen Formulierungsweise besonders viele Klicks erzielen lassen, der bleibt dann dabei. Wer viele Widerworte erfährt, versteift sich umso mehr in seinen Ansichten und in seinem Tun. Und wer z.B. über Twitter oder per E-Mail viel Lob bekommt, der bleibt auch dabei. Ich gehe sogar so weit, dass ich die Reichweite als das stärkste und womöglich auch einzige Regulierungsventil sehe, dem sich der Journalismus unterwirft.

Teilweise wirkt das Berufsethos auch noch, aber im Großen und Ganzen kann die Presse als die unregulierteste Branche angesehen werden, die es gibt. Und zwar noch vor der Finanzbranche, die ja als besonders regulierungsbedürftig gilt. Der Deutsche Presserat wurde z.B. von den Verlagen selbst gegründet, um das geplante Bundespressegesetz zu verhindern. Und wie bissstark ist wohl ein Verein, dessen Aufgabe es ist, seine Träger zu kritisieren? Auch gibt es nur drei so genannte Sanktionsmittel: Hinweis, Missbilligung und Rüge. Letztgenannte ist die einzig öffentliche und gleichzeitig die härteste Sanktion. Bußgelder gibt es keine und ich finde schon, dass alle drei Sanktionsmittel dieses bräuchten, um überhaupt eine Wirkung zu erzielen.

Offenlegungspflichten für Redakteure gibt es ebenfalls nahezu keine, und das viele Journalisten Solo-Selbstständige sind statt Angestellte, macht die Sache auch nicht besser. Der Informanten- und Quellenschutz tut sein Übriges und mit Fragezeigen und dem Konjunktiv befreit man sich von jeder Selbstverantwortung und öffnet wildesten Spekulationen die Tür, die nie wieder zu schließen ist. Und eine Selbstheilung ist ausgeschlossen, da es sich um ein sehr geschlossenes System handelt.

Journalist ist einerseits ein ungeschützter Begriff, und andererseits kann man als Redakteur nicht mal eben so anfangen. Abgesehen davon, dass der finanzielle Verdienst nicht sonderlich verlockend ist, und man personalmäßig aus den Vollen schöpfen könnte, gilt, dass ein redaktionelles Angestelltenverhältnis ohne Journalistenschule und Volontariat – Gott Lob – nahezu ausgeschlossen ist. Und wie weiter oben beschrieben gilt, ist man einmal drin, sollte man möglichst ein "Everybody's Darling" sein, statt eines "Enfant Terrible". Gleichzeitig kommt man auch nicht so einfach wieder raus, außer in den PR-Bereich. Und ein weiteres Ungleichgewicht Richtung PR ist nun wirklich nicht das, was Glaubwürdigkeit erzeugt. Und noch mehr Blogger und Youtuber und sonstige freischaffenden Berufe helfen da auch wenig, denn für diese gelten ja noch weniger Standards, als für die Redakteure. Wir haben es also mit einer Branche zu tun, die quasi ungezügelten Narzissmus fördert. Na, bravo!

Interessante Nebeninfo: Das englische Pendant zum deutschen Presserat ist die Independent Press Standards Organisation und die Financial Times verweigert sich einer Mitgliedschaft (Quelle).

Für hochgradig problematisch erachte ich es daher, wenn in einer Redaktion so ziemlich nur ein einzelner Journalist zu einem Unternehmen schreibt, wie im Falle des Handelsblattes der Jungredakteur Felix Holtermann zur Wirecard AG (Quelle). Es fehlt ein redaktioneller Sparringpartner und aus Verlagssicht limitiert man sich unnötig selbst. Wenn Herr Holtermann ginge, müsste sich ein anderer einarbeiten. In einem anderen Kontext mag es richtig sein, sich zu spezialisieren, in journalistischem Bereich halte ich es für eher schädlich. Es ist ja auch für den jeweiligen Redakteur selbst völlig unbefriedigend, immer nur auf ein Unternehmen oder auf einen Themenkomplex angesetzt zu werden. Mir wäre es dies viel zu langweilig.

Nun zum Bericht über die KPMG-Sonderprüfung bei Wirecard

Auch hier kann ich mich nur wiederholen und eine vorschnelle, verkürzte und einseitige Berichterstattung attestieren. Dem Geschwindigkeitswahn, Copy-and-Paste und dem Kiss-Mantra (Keep it short and simple) sei "Dank". Die Ad-hoc Meldung kam um 7:55 (Quelle), danach folgten drei Meldungen der Nachrichtenagentur dpa-AFX um 08:15 Uhr (Quelle), um 08:25 Uhr (Quelle) und um 09:16 Uhr (Quelle). Diese Meldungen waren sachliche Wiedergaben der Ad-hoc in eigenen Worten und ergänzt um „neue“ Aufhänger, wie z.B. wie der Kurs vorbörslich reagierte. Die letzte Meldung war wohl der Ausgangspunkt für den Kurseinbruch und die Flut an Artikeln und Kritik, die dann folgen sollte. Denn hier fand sich die Aussage, dass sich die Existenz der Umsätze der Drittpartnergeschäfts (Third Party Accounts [TPA]) weder beweisen, noch nicht-beweisen ließ. Dass es sich nicht um 100%, sondern um 13% der TPA-Umsätze handelte, stand dort nicht und es kam auch keine Folgeinformation. Spielte in den sich dann überschlagenen Stunden ohnehin keine Rolle mehr, die Büchse der Pandora war geöffnet.

Mag sein, dass sich diese shakespeareske Frage vom Sein oder Nicht-Sein der Umsätze bereits woanders und eher finden ließ; auf die Minute genau, kann ich die Handels- und Schreibaktivitäten nicht zurückverfolgen. Rein pressemäßig gesehen denke ich schon, dass diese Agenturmeldung der Ausgangspunkt war, denn Agenturmeldungen sind sehr oft Ausgangspunkt von Veröffentlichungen. Und wie das dann leider so ist, nahm man den KPMG-Bericht zum Anlass alles in Frage zu stellen: Die vorsitzenden Herren des Vorstandes und des Aufsichtsrates, Braun und Eichelmann, genauso wie sämtliche Finanzen der Firma.

Die Schlagzeilen und der Tenor waren damit gesetzt, den Bericht erst einmal zu lesen und zu verstehen hinfällig. Wer sich in den Wirtschaftsteilen der Presse, in den Börsenforen und auf den Seiten von Börsenbriefverfassern usw. informierte, bekam dem Eindruck, dass Wirecard entweder ein Betrüger-Verein sei, oder war und nun enttarnt wurde. Es ging völlig unter, was bereits in der Ad-hoc stand: Dass man bereits dabei sei, die - ich nenne sie mal - administrative Schwächen zu beheben und es keinen Korrekturbedarf an den Jahresabschlüssen der Vorjahre gebe. Es wurden keine Gesetze verletzt und keine Stakeholder geschädigt. Ich sage bewusst Stakeholder, statt Shareholder, da der Verlauf des Aktienkurses nicht allein in den Händen des Unternehmens liegt.

Nun, mit einigen Tagen Abstand tritt endlich ein differenziertes Lagebild zum Vorschein und man kann so manche vorschnelle und krude Meinung vernünftig entgegentreten.

So z.B. der steilen These, Wirecard sei ein DAX-unwürdiges Unternehmen. Diese Schlussfolgerung erschließt sich mir in keiner Weise. Was Skandale und Betrügereien angeht, liegen andere DAX-Konzerne an der Spitze. Und von den Voraussetzungen für eine DAX-Zugehörigkeit her zählen allein die Free-Float-Marktkapitalisierung und die Handelsvolumina. Ohne den Kursanstieg und der regen Handelsaktivität seit 2017 wäre Wirecard gar nicht im DAX. Es liegen auch keine anderen Vergehen vor, z.B. den Anforderungen des Prime Standards nicht zu genügen. Darüber hinaus ist mir nicht bekannt, dass in der DAX-Geschichte ein so junges, so kleines und sich in einem solch dynamischen Markt- und Wettbewerbsfeld bewegendes Unternehmen zuvor in den DAX aufstieg. Ich stelle die These auf, dass z.B. Siemens, Beiersdorf, Volkswagen, Vonovia, Deutsche Post und die Deutsche Bank mehr Zeit hatten zu reifen, bevor sie in den DAX aufgenommen wurden. Oder anders ausgedrückt: Wenn diese Firmen sich in knapp 20 Jahren (eher in 10 Jahren) von ganz klein zu einem Global Player auf allen Kontinenten und mit mehrfacher Geschäftstransformation in einem sehr wettbewerbsintensiven Umfeld hätten entwickeln müssen, hätten sie dann auch jene Verwaltungsstrukturen aufbauen können, die sie nun haben? Zu dieser Idee brachte mich ein Forenpost eines Privatanlegers (Quelle).

Der Forenbeitrag stellt ebenfalls die Machart der medialen Vorwürfe dar: "Ein 'anonymer Insider' behauptet man hätte im Jahre 2016 jemandem umgebracht und nun muss man beweisen, dass man es 2016 nicht getan hat. Eine völlige Umkehr der Schuldfeststellung und bei genauerer Überlegung ist sowas faktisch unmöglich. Man kann nicht etwas beweisen was man vor 4 Jahren NICHT getan hat! (…) Man stellt Vorwürfe in den Raum, bei Nachfrage von Beweisen bezieht man sich auf einen unbekannten 'Whistleblower' der vermutlich gar nicht existent ist und versteckt sich hinter dem Quellenschutz. (Wovor hat dieser Whistleblower eigentlich Angst?) (…) PS: Wann wird endlich die Bilanzfälschung nachgewiesen, denn da warte ich schon Monate drauf, aber weder Ernst&Young noch KPMG haben etwas gefunden, Wirecard muss wohl wirklich ein genialer "Gauner-Verein" sein. Eine abschließende Frage werfe ich noch in den Raum: Wie soll man Täter des perfekten 'Bilanzverbrechens' sein, wenn man nicht einmal in der Lage ist seine eigene Verwaltung im Griff zu haben...? Sehr widersprüchlich das Ganze, aber an der Börse zählt keine Logik, sondern nur Emotionen."

Mehrere Forenbeiträgen klingen ähnlich und kritisieren, dass die Medien den Freispruch wie einen Schuldspruch erscheinen ließen, statt anzuerkennen und zu thematisieren, dass ihr Kollege Dan McCrum sich durchweg irrte, um es beschönigend auszudrücken. Ein weiterer User mahnte an, dass investigative Presseberichte sich meistens durch staatsanwaltschaftliche Untersuchungen bestätigen ließen. Die forensische Untersuchung von KPMG hätte ja auch im Auftrag der Staatsanwaltschaft gegeben werden können (einen Anfangsverdacht vorausgesetzt, z.B. durch Testatverweigerung), so wie diese ja auch andere Gutachten in Auftrag gibt. Das Ergebnis wäre dasselbe gewesen und damit eine schallende Ohrfeige für die ex-seriöse Financial Times.

Darüber hinaus würde der Eindruck erweckt, als ob sich Wirecard und dessen Personal absichtlich kontraproduktiv gegenüber KPMG gezeigt hätten. Außer Aussagen KPMGs hierzu, findet sich für diese Anschuldigung keine weitere Belastung. Der Verwaltungsapparat ist allem Anschein nach nicht allzu groß, man hat die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young noch mit im Haus für die Jahresabschlussprüfung, das operative Business muss ebenfalls weitergehen und dann noch KPMG, sowie PwC, mit denen Wirecard bereits seine Compliance weiter verbessert (Quelle). Dies alles lässt erkennen, wie stressig es dort zugehen muss und lässt meiner Meinung nach keine Rückschlüsse auf eine bewusste Torpedierung der KPMG-Arbeit zu. Versuchen Sie mal dies alles unter einen Hut zu bekommen, vor allem wenn dies alles mehr oder weniger Neuland für alle Beteiligten ist.

Die Rolle und Vorgehensweise KPMGs wurde bislang noch nicht thematisiert

Wenn ich an die Untersuchungsberichte in Politik und Justiz denke, dann hätte ich auch hier eine Anzahl von irgendwas zwischen 100 und 1.000 Seiten vermutet. Kann und darf über eine mehrmonatige forensische Untersuchung wirklich so kurz berichtet werden? Muss der Prüfer seinen Leistungsnachweis nicht umfangreicher und nachvollziehbarer dokumentieren und präsentieren? Man erfährt nichts über die Arbeitsleistungen und Arbeitsweisen KPMGs. Ich stelle diese Fragen deshalb, weil ich weder eine Jahresabschlussprüfung noch eine forensische Untersuchung je erlebte. Und weiter gefragt: Haben die Journalisten diese Erfahrungen gemacht, so dass sie diese Fragen als unnötig erachten; oder mangelt es ihnen einfach nur an weitergehende Neugier? Dies unterstellt Herr Döpfner in dem oben erwähnten Interview mit der NZZ seinen Kollegen: die Neugier der Journalisten reiche ich immer nur so weit, wie sie einen konfliktfrei mit dem eigenen Ego schreiben lasse.

Und bevor ich missverstanden werde: Ich schreibe hier keinen Persilschein oder eine Investitionsempfehlung für Wirecard. Stünde dieses Unternehmen nicht so sehr im medialen Fokus, würde es vermutlich gar nicht mein Interesse geweckt haben, um als Beispiel für boulevardeske Berichterstattung zu dienen.

Und ich wüsste sogar sehr gerne, inwiefern sich Wirecard wirklich berechtigte Vorwürfe machen ließen? Welche Fehler und Vergehen hat sich Wirecard schuldig gemacht, sich selbst zuzuschreiben und im Vorhinein antizipieren müssen?

Es wurde eine unabhängige Sonderprüfung verlangt, diese wurde geliefert. Operativ und von den Fundamentaldaten her läuft es offensichtlich. Die FT-Vorwürfe wurden erneut entkräftet. "Erneut" deswegen, weil z.B. im Dezember ein Privatanleger den Round-Tripping-Vorwurf als Unsinn entlarvte (Quelle). Ferner wurde Verbesserungsbedarf festgestellt, wie es bei jeder Prüfung der Fall ist. Wem die Terminverschiebungen der Berichtsveröffentlichung sowie Verzögerungen bei der Überprüfung anzulasten sind, lässt sich zum jetzigen Stand nicht zweifelsfrei zuordnen. Und ist es zu Verzögerungen nicht nur deswegen gekommen, weil man dem Kapitalmarkt eine Frist gab, statt KPMG einen Freifahrtschein à la "prüft solange wie nötig"? Wäre das besser gewesen der bliebe dann das Damoklesschwert zu lange hängen? Wurde wirklich Vertrauen verspielt oder doch hinzugewonnen? Ebenfalls gibt es ein Pro- und Contra in der Frage, ob die Veröffentlichung spätestens tags darauf um ein separates Statement von Wirecards Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden hätte flankiert werden sollen.

Zur besseren Einordnung des Berichts hätte ich mir seitens der Medien Zusatzinformationen gewünscht. Es gab und gibt kein Interview mit KPMG-Verantwortlichen; auch nicht ohne Bezug zur Wirecard-Prüfung und eher allgemein zu forensischen Untersuchungen. Wie laufen diese ab? Welchen Umfang haben die? Ist Wirecard ein Spezialfall oder nicht?

Und warum nicht mal bei anderen Zahlungsabwicklern und Plattformunternehmen nachfragen, ob und wenn ja, wie deren Zusammenarbeit mit Third Party Accounts aussieht. Und ist die Zusammenarbeit mit Third Party Accounts nicht dem weit verbreitetem 3-Stufen-Vertriebsmodell mit Hersteller-Großhandel-Händler-(Endkunde) vergleichbar? Wenn nun bei Lego oder bei Grohe eine solche forensische Überprüfung anfiele, wären die besser vorbereitet und könnten und wollten die Händler an Lego und Grohe ihre Kundenbelege liefern?

Fragen über Fragen und bevor dieses Essay gar kein Ende mehr findet, schließe ich mit einer kurzen Zusammenfassung ab:
  1. Zum Thema Wirecard und KPMG bleiben verschiedenste Fragen offen.
  2. Die FT, Dan McCrum und viele der deutschen Journalisten haben das Ansehen ihres Berufsstandes massiv beschädigt.
  3. Die finanziellen Daten der FAZ lassen mich hoffen, dass Paid-Content sich durchsetzt.
Ihr
Stephan Gemke


P.S.: Hier die Links zum ersten Essay und zum zweiten Essay.

P.P.S.: Über Leerverkäufe, die BaFin und die Gefahr, dass Journalisten zu Handlangern von Leerverkäufern werden, schrieb ich bei Großmutters Sparstrumpf von Christian Thiel).

P.P.P.S.: Dieses Essay wurde am 1. Mai verfasst und inzwischen gibt es seitens Wirecard eine Stellungnahme zum KPMG-Bericht (PDF).


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Der Blogbetreiber Michael C. Kissig ist regelmäßiger Konsument/Abonnent/Kunde von Amazon, Amazon Prime, ariva.de, finanzen.net, finanznachrichten.de, finanz-szene.de, Handelsblatt, Manager Magazin, Nebenwerte Journal, Nebenwerte-Magazin, wallstreet-online.de.

Kommentare:

  1. Ich pflichte Ihrer interessanten Bemerkungen bei. Man bekommt das Gefühl, daß das Ganze ein abgestimmtes Spiel der Finanzmedien ist, um Aktien der Privatanleger billig zu kaufen. Leider, wiederholen sich diese Spiele immer wieder. Und das ohne Gewissen. Nur die Dollarzeichen vor Auge.

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    1. einer der Privatanleger03.05.20, 18:02

      Also diese Schlussfolgerung, es sei "ein abgestimmtes Spiel der Finanzmedien" kann ich aus dem Essay von Herrn Gemke nicht ableiten. Sondern der Zustand der Medien wird sich von Leerverkäufer/Hedgefonds-Seite zu Nutze gemacht.

      Copy&Paste, Geschwindigkeitswahn, Wettbewerbsintensität, Narzissmus, fehlende Eigenrecherche und BWL-Kenntnisse sowie "stimmgewaltige/schlagzeilenträchtige" Aktivitäten der LV/HFs verursachen das. Letztes im Sinne von "HF erhöht LV-Position", "HF gibt dem Spiegel ein Interview", etc.

      Hinzukommt, dass Storys nie wirklich nachverfolgt und korrigiert werden. Eine Sache wird ausgeschlachtet solange sie aktuell ist, kommt was anderes, widmet man sich dem. Sieht man regelmäßig in der politischen Berichterstattung.

      Ich möchte noch einen weiteren Aspekt hinzufügen:
      Es wird oft gesagt, die Kommunikation von Wirecard sei schlecht.
      Ja, mag sein. Aber woher nimmt man diese Gewissheit?
      Wenn es wenigstens ein weiteres DAX-Unternehmen gäbe oder ein von Größe und Tätigkeit vergleichbares Unternehmen gäbe, dass ständig von den Medien und den LVs/HFs angegriffen würde, dann könnte man Vergleiche ziehen und wissen, welche Firma besser kommuniziert.

      Aber so?

      ---
      Davon unabhängig zeigt Herr Gemke auf, dass nicht allein Wirecard schuld an seinem Aktienkurs ist. Es ist sehr vielschichtig und wir alle täten gut daran, es uns nicht zu einfach zu machen, in dem wir bei den erstbesten Erklärungen und Schuldigen bleiben.

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  2. Schade, dass Sie nicht Pressesprecher von Wirecard sind, denn dann wären schon viele falsche Vorwürfe früher im Keim erstickt worden und hätte Wirecard und uns Aktionären, die an das Unternehmen zu Recht glauben, Kosten, Nerven und unnötige Zeit erspart. Ich hoffe zudem, dass die Staatsanwaltschaft gegen die unzutreffenden Berichte und Behauptungen und der dadurch ausgelösten Marktmanipulation den dafür verantwortlichen Journalisten mit aller Härte des Gesetzes vorgeht.

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  3. Wirecard hat KPMG für den Bericht bezahlt um jetzt nun wirklich ALLE Unklarheiten zu Bereinigen und sich reinzuwaschen und der Bericht enthält solche legendäre Zeilen wie (u.A.)

    "Einzelne, im Rahmen der ursprünglichen, dem Auftraggeber zu Beginn der Untersuchung zur Kenntnis gebrachte Untersuchungshandlungen konnten mangels verfügbarer Dokumente bzw. IT-Systemzugänge nicht bzw. nicht in der ursprünglich vorgesehenen Weise durchgeführt werden."

    ... und trotzdem wird Wirecard von euch in Schutz genommen. Confirmation Bias at its finest

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  4. Danke für die umfangreiche Darstellung des'Zustandes' des Journalismus. Unerhört vor allem die familären Verflechtungen der McCrums die ich selber vor ein paar Monaten gegoogelt habe. Wie kann es sein, dass ein so zentrales Faktum von der dt. Presse völlig ausgeklammert wird ?

    Ja, ich stimme zu und auch dieses Argument bringe ich seit Monaten in diversen Blogs ein, Wirecard ist sehr dynamisch gewachsen und da ist es schwer, seine Organisation entsprechend nachzuziehen. Dass sich aber die Arbeit von KPMG mit den Jahresabschlussarbeiten von EY überlagern, das müssen Sie dem falschen Timing der Unternehmensführung zuordnen. So wurde der Bericht ein komplettes Eigentor, auch wenn sich Bilanzmanipulation nicht nachweisen liess.
    Zum Thema Compliance vielleicht abschliessend noch eine Bemerkung: Die Deutsche Bank gibt es seit 150 Jahren. Der AR besteht aus 20 Mitgliedern. In seinen Reihen befindet sich auch Herr Winkeljohann von PWC. Rein gefühlt, war die Deutsche Bank bei jedem grösseren Skandal der letzten Jahre mit dabei..Diese Bank ist sowas von kaputt. Und da geht es um wirkliche Betrügereien und nicht um rein gemutmaszte. Aber dass sie nun Wirecard Konkurrenz machen wollen, konnte man auf den Titelseiten der dt. Presse lesen. Ob sie das schaffen, naja.

    So 'funktioniert' Deutschland und so geht Deutschland mit seinen Wachstumsperlen um.

    Eine Schande.


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  5. Die Wirecardaktie wurde medial von Dan McCrum totgeprügelt, der Konkurrent Adyen wurde von der Kommunikationsexpertin Charlotte McCrum hochgepusht.

    Wirecard hat ohne Zweifel nicht besonders geschickt agiert, aber es liegt keine Bilanzfälschung vor.

    Aber davon völlig abgesehen:
    Innovation: Wirecard ist der Leader der Branche in Sachen Innovation.
    Investition: Wirecard investiert ein Vielfaches von Adyen
    Beschöftigung: Wirecard ist ein wichtiger Arbeitgeber vor allem auch in Deutschland. Adyen beschäftigt einen Bruchteil an Mitarbeitern.
    Steuern: Wirecard zahlt Steuern. Adyen nicht.
    Gewinnsituation / Wachstum: Wirecard ist größer und produziert einen deutlich höheren Gewinn, hat ein deutlich komplexeres Geschäftsmodell.
    Marktkapitalisierung: Wirecard ca. 11 Mrd, Adyen über 27 Mrd.

    Fast habt ihr es geschafft, daß die Wirecard zum Schnäppchen für Adyen wird. Der dt. Presse sei für die ausgewogene Berichterstattung an dieser Stelle mein Dank ausgesprochen.

    Man bleibt ohne Worte zurück.

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  6. Die Presse hat die Aufgabe, zur Aufklärung beizutragen. Insbesondere, die, die sich investigativ bezeichnen, versagen auf breiter Front und Schaden zusätzlich. Einer der Beiträge der Bergermann von der WiWo hat einen Kursrutsch ausgelöst. Durch eine Fehlinformation. Still und heimlich würde ihr Beitrag nur Stunden später gelöscht. War das Absicht. Aber es gibt auch noch andere. Die Bergdolt, Vizepräsident eines Aktionärsschützervereines kritisiert Wirecard lautstark, bietet gleichzeitig Rechtsberatung gegen Wirecard an. Das Ehrenamt wird zur billigen subtilen Werbung benutzt. Dann gibt sie publizitätswirksam einem Anfängerjournalisten des Handelsblattes, Felix Holtermann, der häufig durch unqualifizierte Artikel gegen Wirecard auffiel, ein Interview. Hier treffen sich skrupellose Profitorientierung mit Journalistenpreisgeilheit. Schlecht Abschreiben ist einfach, investigativ die Hintergründe der Attacken krimineller Shortseller zu erarbeiten, macht halt eben Arbeit.und ist daher nichts für schmutzige Journalisten - Und Aktionärsschützerhände.

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  7. Also die Rolle der Charlotte McCrum ist völlig unklar, daher sollte man auch keinen Argwohn schüren. Steht ja auch so im Essay.

    Und man wird Herrn Gemke auch nicht gerecht, wenn man in den Kommentaren nur zu Wirecard eingeht.

    Er hat so viel über die Funktionsweise und den Zustand der Presse geschrieben, was sehr lesenswert und fundiert ist. Dafür erstmal Danke.
    Auch teile ich seine Meinung, dass Paid-Content wichtig und richtig ist. Und sei es über den Spenden-Paypal-Button. Nur sollte hinter der Bezahlschranke auch wirklicher Informations-Mehrwert stehen und nicht einfach nur der ganze Mist wie sonst auch.

    Es gibt den Spruch "weniger ist mehr".
    Dies rate ich allen Medien: Veröffentlichen Sie weniger, aber dafür das Informativer. Wegen mir müssen sich auf den News-Seiten nicht alle 10 Minuten neue Artikel finden.

    Statt Live-Ticker lieber Essays, das ist mein Take-Away und meine Aufforderung.

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  8. Michael Wiemer05.05.20, 19:33

    Schöner langer Riemen von Stephan Gemke. Lesenswert. Nachdenkenswert.

    Bin erstmals im Juni 2019 auf ihn gestoßen auf dem Blog von Stefan Waldhauser mit einem exzellenten Text über die Skalierung von Unternehmen inclusive dem "Skalierungsfaktor", gut aufgedröselt an den Unternehmen Microsoft, Facebook, Wirecard und Varta.

    Doch Schwenk auf die boulevardeske Finanzberichterstattung... Nach meiner Beobachtung sind Marktkommentatoren (seien es Youtuber, Blogger, Redakteure von Print-Aktienmagazinen, Finanzjournalisten im Online Bereich und im Print, Twitter-Ikonen, Podcaster oder Facebook Publizisten) bisweilen nicht davor geschützt in das boulevardeske Fahrwasser zu tauchen. Sah man kürzlich bei der Mietaffäre von Adidas. Sieht man jetzt bei dem Wirecard. Adidas und Wirecard boten durchaus Angriffsfläche. Es waren PR-Desaster.

    Das saubere Recherche auf der journalistischen Seite bei beiden DAX Unternehmen da oft nicht stattfand ist bedauerlich. Hoffnung auf Besserung? Habe ich momentan nicht.



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  9. Guten Abend Herr Kissig,

    was sagen Sie eigentlich zu der Schlagzeile "Geschäftspartner Al Alam macht dicht"? Die Schlagzeilen bei Wirecard überschlagen sich.

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    1. Wirecards Mitteilung klingt jetzt nicht so nach wirklichem Drama: Der Geschäftspartner Al Alam habe den Konzern informiert, wegen eines entstandenen Reputationsschadens die Gesellschaft Al Alam Solutions FZ LLC zu schließen und sein Geschäft auf andere Konzerngesellschaften unter seiner Dachorganisation zu übertragen. Damit reagiere das Unternehmen nach eigener Angabe auf die öffentliche Hinterfragung seiner Integrität. Wirecard entstehe durch diese Übertragung auf eine andere Gesellschaft jedoch keine Beeinträchtigung ihrer Abwicklungsfähigkeit oder bei den Transaktionsvolumina.

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