Dienstag, 30. Juni 2020

Gastartikel: Halbe Rolle rückwärts; Boulevardesk und schlimmer war nur Wirecard

Eigentlich hatte Stephan Gemke mit seinen dritten Essay über die Gegenwart und Zukunft der deutschen Finanzpresse seine Gastartikel-Serie auf diesem Blog abschließen wollen. Doch die ungeheuerlichen Vorgänge um und bei Wirecard werfen viele Fragen auf, alte und neue, und die Suche nach Antworten läuft auf Hochtouren.

Die überraschenden Wendungen im Fall Wirecard erfordern, in der Rückschau einige Aspekte neu zu überdenken und zu gewichten. Daher könnte ihr heute zu diesem Themenkomplex einen weiteren Gastartikel lesen. Wie auch bei seinen drei vorherigen Gastartikeln ist für den Inhalt alleine der Autor Stephan Gemke verantwortlich.

Halbe Rolle rückwärts; Boulevardesk und schlimmer war nur Wirecard

Gastartikel von Stephan Gemke, 30.06.2020

Bislang waren die diversen Medienartikel und Geschehnisse rund um Wirecard nicht mein Aufhänger, sondern ein einzelner, aber wesentlicher Gesichtspunkt in meinen drei Medien-Essays (Teil 1, Teil 2, Teil 3) der letzten 12 Monate. Aufgrund der aktuellen Situation möchte ich mich doch noch einmal zurückmelden, obwohl mein dritter Essay ja eigentlich den Schlussakkord darstellen sollte.

Die Geschehnisse und Enthüllungen seit dem 18. Juni 2020 rund um Wirecard schockieren mich als Anhänger und Verfechter einer gesunden Börsen-/ Aktienkultur einerseits zutiefst; andererseits "erfreuen" sie mich aus journalistischer Sicht. Der Financial Times-Journalist Dan McCrum und sein/e Informant/en sind zu beglückwünschen ob ihrer Beharrlichkeit. Ich erachte die ganze Causa Wirecard als ein Fanal zu mehr Zutrauen und Sicherheit in Sachen Börse und Presse.

Im Folgenden ziehe ich Lehren, um die wir alle nicht herumkommen und die Bestand haben werden unabhängig all dessen, was in Sachen Wirecard, Leerverkäufer und Prüfer demnächst noch alles in Erfahrung gebracht werden wird.

Ich weiß, dass bereits zahlreiche Lehren und Appelle formuliert wurden. Um Redundanzen zu vermeiden, bemühe ich mich das Meinungs-Wirkungsgefüge zu ergründen. Ich gehe nicht auf das Geschäft und das Zahlenwerk von Wirecard ein - dies unterließ ich auch in den vorangehenden Essays.

Die nun folgende Aufzählung folgt keiner bestimmten Reihenfolge und alle fettmarkierten Lehren sind gleichwertig.

1. Etwas kann wahr sein, so unwahrscheinlich es auch immer sein mag. Und das ist traurig. Denn in letzter Konsequenz läuft dies auf den totalen Vertrauensverlust hinaus. Die Wirecard AG, wie allseits bekannt, sah sich in zurückliegenden Jahren und Monaten vielerlei Vorwürfen gegenüber ausgesetzt. Statt Vorwürfen könnte man auch Behauptungen oder Hypothesen sagen. Es ist üblich, diese zu "beweisen", damit sie verifiziert sind. Hierauf fußt unser gesamtes Wissen: zu wissen, was tatsächlich und für alle erlebbar wahr ist. Daher bin ich auch so ein Gegner des Konjunktivs, denn mit ihm beginnt ein Teufelskreislauf nimmermüder Spekulationen und Erwartungshaltungen.

Im Fall Wirecards zeigte sich ein besonderer Umgang mit den Vorwürfen. Es gab nicht nur eine pauschale Zurückweisung der Vorwürfe, wie es sonst oft der Fall ist. Sondern man gab Statements ab, beauftragte externe Prüfer (RT & KPMG), veröffentlichte deren Berichte, äußerte sich in Interviews, wies in Berichten, Präsentationen und Tweets auf eine Stärkung und Ausbau der Compliance-Abteilung hin, launchte eine Transparenz-Rubrik auf der Webseite und gab ein Informationsblatt zu den Third-Party-Acquirern heraus. Das meiste davon ist noch auf der Wirecard-Webseite einzusehen.

Man mag das gerade jetzt im Nachhinein als unzureichend und als Nebelkerzen-Aktionen erachten, in die damalige Zeit zurückversetzt wirkte es aber so, als ob Wirecard sich nicht wegduckte und die Angelegenheit auch nicht stur aussitzen wollte. Allein dieses Verhalten machte es schwer, die Vorwürfe durchweg für bare Münze zu nehmen. Dafür verhielt sich Wirecard eigentlich zu kooperativ und kommunikativ. Die Betonung liegt auf eigentlich, denn in der Rückschau wirkt manches Agieren von Wirecard nun klar ausweichend und unkooperativ. Auch was die Mitteilungen zu neuen Kooperationen, Kunden und Services angeht, die über die ganze Zeit hinweg zahlreich von der Pressestelle veröffentlicht wurden und das Bild eines überaus gesunden, vertrauenswürdigen und etablierten Unternehmens manifestierten, liest man nun ungeheuerliche Dinge.

Doch zurück zum "verifizieren". Nicht nur Wirecard als "Angeklagter", sondern auch viele Aktionäre, Analysten und sonstige Kommentatoren setzten sich mit den erhobenen Vorwürfen auseinander. Der Grundtenor bei den Analysten, Fonds-Managern sowie (wenn man die Börsenforen berücksichtigt) bei den Kleinaktionären war pro Wirecard. Hier und da ein kritisches und mahnendes Wort, aber von seinem Investment abrücken oder abraten wollte meines Wissens keiner. Und man darf das Wort Kleinaktionär nicht dahingehend missverstehen, dass es unbedarfte Neulinge und/oder gierige Lemminge seien. Auch mit einem Fünf-Millionen-Euro-Investment ist man noch ein Kleinaktionär. Zudem stehen hinter dieser Bezeichnung oftmals schlaue Köpfe, wie Anwälte, Wirtschaftsprüfer, Branchenexperten, Unternehmer, Ingenieure, usw., die sich ebenfalls durch die Jahresberichte und Präsentationen wühlten.

Legitimerweise forderten diese von den Urhebern der Vorwürfe: bringt handfeste Indizien (besser noch: Beweise), statt nur Hypothesen. Durch das Ausbleiben dieser Beweise bzw. handfester Indizien ging eine große Anlegerschar davon aus, dass an den Vorwürfen nichts, zumindest nichts Wesentliches, dran sei und die Behauptungen damit eher unwahr seien. Dies ist eine durchweg richtige Einstellung. Nicht umsonst gilt die Unschuldsvermutung. Die Stellungnahmen von Wirecard taten ihr übriges.

Zudem hinterfragte man die aufgeworfenen Behauptungen. Man verlangte also nicht nur Verifizierung, sondern widmete sich auch der Falsifizierung. Egal welchen Fragestellungen; ob hinsichtlich des Round-Trippings in Singapur, ob der Kaufpreise bei Akquisitionen, ob man den (als so sicher geltenden) Cashflow fälschen könne, ob Wirecard ein Übernahmekandidat sei, ob ein Short-Squeeze wie bei VW eintreten könne oder ob die Zusammensetzung von Vorstand und Aufsichtsrat richtig sei. All diesen Aspekten wurde nachgegangen. Man fand immer eher (und vor allem auch nachvollziehbarere, gute) Gründe, die dagegen sprachen, als dafür. Damit gelang zwar keine Falsifizierung der Vorwürfe und Thesen, aber ein hohes Maß an Unwahrscheinlichkeit bei gleichzeitigem Mangel an Verifizierung.

Auch, weil die Vorwürfe nur dann wahr(scheinlich) sein könnten mit einem (bis zum 18.6.2020) unvorstellbaren Maß an

a) krimineller Energie,
b) Geheimhaltung und konspirativem Zusammenwirken mehrerer Personen,
c) Naivität, Fahrlässigkeit, Bequemlichkeit, Kompetenz-Wirrwarr und Wegsehen bei mehreren natürlichen und juristischen Personen sowie
d) zu geringen Anforderungen, Berechtigungen und Aufgaben auf Prüferseite, so dass einfach nicht sein konnte, was nun durchaus sein kann.

Es stehen mehrere Milliarden Euro bei der Wirecard AG im Feuer (hier und hier). Zudem wurde ein Insolvenzantrag beim Amtsgericht München eingereicht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung frötzelte entsprechend, dass das Börsenkürzel WDI für "Wattne dicke Insolvenz" stehe (Ausgabe vom 27.06.20, S. 25).

Man kann aus alledem nun die Lehre ziehen, dass etwas sehr, sehr Unwahrscheinliches tatsächlich wahr sein kann. Dies bringt mich zu der Frage, ob dies eine gute Lehre ist? Ich finde nicht. Denn so wird alles obsolet, was unser Zusammenleben ausmacht: Vertrauen. Vertrauen darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht; dass man vom Guten im Menschen ausgehen kann, dass es wirkungsvolle Vorgaben und Methoden gibt, mit denen sich Betrug verhindern, wenigstens aber aufdecken lässt, und vieles mehr. Und damit ist eine weitere Lehre, dass auf dem deutschen Kapitalmarkt verdammt viel im Argen liegt und dringend verbessert werden muss.

2. Ich weiß nun selbst wie es ist, sowohl irreführend wiedergegeben, als auch in der Botschaft missverstanden zu werden. So zu kommunizieren, dass man genauso verstanden wird, wie beabsichtigt, ist ein wirklich schwieriges Unterfangen. Was für mich gilt, gilt für alle Weiteren, die sich zu diesem riesigen Themenkomplex meldeten. Um bei mir zu bleiben: ich kann nicht ausschließen, dass meine Essays mit dazu beitrugen, eine Verschwörung zwischen Journalisten und Short-Sellern zu postulieren. Dies war nie meine Absicht; Umfang und Aussagen meiner Artikel ließen diesen Schluss auch nicht zu. Dies greift natürlich nicht, wenn man meine Essays verkürzt wiedergab, in einem anderen Kontext einbettete oder aufgrund individueller Haltungen für sich passend interpretierte. Weder gab ich eine Investitionsempfehlung hinsichtlich der Wirecard-Aktie ab, noch beschuldigte ich die Presse der vorsätzlichen Falschberichterstattung zur Wirecard AG. Ich prangerte aber die Unausgewogenheit in der Berichterstattung an, denn Unausgewogenheit wirkt sich immer schädlich aus. Der jetzige Wirecard-Skandal ist dafür ein weiterer Beleg in einer langen Liste.

Wer mir anonym die folgende Hass-E-Mail schrieb, den würde ich sehr gerne für ein persönliches Gespräch treffen.


Abbildung 1: Hass Email vom 25.06.2020

Mir tut jeder leid, der in diesem unfassbaren Skandal Geld verlor. Ich kann den Frust nachvollziehen; doch bin ich der falsche Adressat für Schuldzuweisungen. Sollte ich selbst Gegenstand von Verleumdungen werden, dann werde ich mich dagegen wehren. Ich bin nicht in den sozialen Medien, wie Facebook oder Twitter aktiv. Ich erachte diese „Medien“ als ungeeignet für Diskussionen und für die Meinungsbildung. Wie ich dort wiedergegeben wurde und werde, obliegt nicht mir, sondern den jeweiligen Usern. Zudem wählte ich intelligent-investieren.net als Veröffentlichungsorgan, weil ich hier (besonders) intelligente und kritische Leser vermutete und weil hier viel zum Paymentmarkt und auch zur Wirecard-Aktie steht. Und zwar auch Kritisches!

Zuvor, Anfang Juni, bekam ich von einer Person eine E-Mail zugesandt mit der Frage, wie ich den Handelsblatt-Artikel vom 05. Juni 2020 von Herrn Holtermann bewerten würde. Und ob es nicht von Vorteil wäre, gegen diesen Redakteur zu schreiben. Ich selbst wusste zunächst nicht, was gemeint war. Es war der Artikel über die Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft in Wirecards Firmenzentrale. Veröffentlichungszeitpunkt und Änderungen dieses Artikels wirkten wohl verdächtig und schürten Argwohn, dass Herr Holtermann frühzeitig Bescheid wusste oder gar involviert in einen orchestrierten Abverkauf gewesen sei. Dieser Meinung war ich nicht, teilte dies dem Anfrager mit und (das war wohl ein Fehler) riet ihm, wenn er den Fall näher untersucht haben wolle, müsse er selbst Ermittlungen anstoßen. Diese Antwort veröffentlichte die Person im Internet, löschte sie jedoch nachdem ich mich mit unten stehender Replik beschwerte.


Abbildung 2: Replik bzgl. einer auf Twitter veröffentlichten, später gelöschten E-Mail

Der weitere Email-Austausch mit der Person verlief freundlich und sachlich und ich habe zu verstehen gegeben, dass ich keine Verschwörung gegen Wirecard sehe. Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie diese Person auf Twitter weiter Stimmung gegen die Medien und einzelne Journalisten machte. Ich bin für dessen Agieren nicht verantwortlich. Apropos Verschwörungstheorien: Davon gab es viele, bspw. dass Wirecard übernahmereif geschossen werden solle und dass alles ein abgekartetes Spiel von angelsächsischen Investoren, vom Silicon Valley oder von Wirecard´s Konkurrenten sei.

Wenn solche Theorien immer und immer wiederholt werden und man sich gegenseitig befeuert, dann kann ich nachvollziehen, wieso man sich einer Verschwörung der Medien gegenüber sah. Solche Forenpostings, wie unten stehend vom 6. Juni, ergeben auf eine erschreckende Weise Sinn, entpuppten sich spätestens am 18. Juni aber als zu konstruiert und fußten zudem auf der Annahme, Wirecards Zahlenwerk sei korrekt:


Abbildung 3: Eines von vielen sich ähnelnden Postings (Quelle: ariva-forum)

Daher in aller Deutlichkeit: Das Thema meiner hiesigen Essays war immer: Schluss mit Boulevardismus sowie einen Einblick in die Medienbranche zu bieten. Eine konspirative und/oder finanzielle Zusammenarbeit zwischen Journalisten und Short-Sellern hielt und halte ich für unwahrscheinlich. Ich kann es zwar auch nicht ausschließen, aber schon allein weil die Unschuldsvermutung gilt und ich an das Gute im Journalismus glaube, bin ich Journalisten wohlwollend-kritisch gesinnt. Ich halte sehr viel von ihnen, deswegen ja auch meine Essays. Bitte bedenken Sie: Mit meinen diversen Essays und Recherchen bin ich durchaus selbst ein Publizist, zumindest ein Sender, wie es in der Kommunikationsforschung heißt.

Zudem wurde ich per E-Mail mit der Frage konfrontiert, ob die Dieter von Holtzbrinck GmbH (DvH) aus Geldnot via Handelsblatt und Wirtschaftswoche absichtlich so boulevardesk und negativ-gesinnt zu Wirecard schrieb und damit Wasser auf des Leerverkäufers Mühlen goss? Auf solch einen Gedanken wäre ich nie gekommen, weil ich bei Herrn von Holtzbrinck vor allem einen Faible für Journalismus erkenne, statt reine Profitorientierung und die Maximierung seines Shareholder-Values. Ich mag mich irren, doch rein kapitalistische Verleger würden defizitäre Tochtergesellschaften nicht über Jahre und Jahrzehnte querfinanzieren, sondern abstoßen. Kosteneffizienz durch Boulevardisierung heiße ich zwar auch nicht gut, aber auf dem unterirdischen Niveau reinen Clickbaits, wie sie Börsenbriefverfasser und Co. beherzigen, sind weder Handelsblatt, noch Wirtschaftswoche oder z.B. das Manager-Magazin anzusiedeln. Ob sie damit auf dem von mir gewünschten Niveau agieren, ist eine andere Frage. Da hat jeder einen individuellen Maßstab.

3. In der Finanz-, Wirtschafts- und Börsenberichterstattung liegt dennoch viel Verbesserungsbedarf vor. Ich halte - auch mangels Beweisen - eine konspirativ/ finanzielle Zusammenarbeit zwischen Journalisten und Short-Sellern für abwegig. Stattdessen halte ich Journalisten einfach für sehr empfänglich für das, was Shortseller tun. Beide Parteien schreiben sich Aufklärung auf die Fahnen und was bitte ist klickträchtiger und auflagenstärker, als die Enthüllung bzw. von Missständen? Außerdem bringen Leerverkäufe jeden Aktienkurs in volatile Gefilde. Dies wiederum ist ideal für diverse Börsen- und Anlegermedien, weil sie das ständige Rauf-und-Runter kommentieren können - vorzugsweise mit eigenen Empfehlungen hinsichtlich Kurszielen, Stop-Loss-Marken, etc.

Es ist genau diese Unsicherheit und Schwankung, die insbesondere von Leerverkäufen heimgesuchte Aktien innewohnt, die die fürchterliche Inflation an Meinungsäußerungen bewirkt. Und in dieser Inflation kann man sich nur noch mittels Clickbait und dem Aufbauschen von ziemlichen Nebensächlichkeiten durchsetzen. Betrüblicherweise, wohlgemerkt!

Zudem gibt und gab es unbestreitbar Verbindungen zwischen Short-Sellern und Journalisten auf Twitter. Außerdem, wenn ein Vermögensverwalter wie Mojmir Hlinka von medialer Hexenjagd spricht und Tim Albrecht, der DWS-Fondsmanager, die Nähe zwischen negativen Presseberichten und Leerverkäufe(r)n als auffällig bezeichnet, muss sich die gesamte Publizistenschar - vom Aktienanalyst über den Finanzredakteur bis zum Youtuber in Personalunion - selbstkritisch geben und eingestehen, dass eine große Portion Skepsis und Argwohn ihnen gegenüber gerechtfertigt war und bleibt.

Auch weil sich sehr viele von ihnen entweder zu positiv oder zu negativ zur Wirecard AG äußerten sowie zu wechselhaft und inkonsequent. In der Summe mündet dies nämlich in der Frage, was man noch glauben kann und wissen darf. Wenn Kursziele, nicht nur bei Wirecard, oft meilenweit (teilweise schon konträr zueinander) auseinander liegen trotz gleicher Ausgangslage, wenn sich Kursziele und Investitionsempfehlungen zu einer Aktie innerhalb weniger Tage und Wochen ändern (ohne wirklich nennenswerte News), wenn über ein Unternehmen nahezu ausschließlich negativ, inflationär, boulevardesk und fast ohne jedwede Eigenrecherche veröffentlicht wird, wenn gefühlt jeder ermächtigt wird, selbst zum Sender zu werden, wenn weder die Bezeichnung Journalist, noch die des Analysten und Experten geschützt ist, wenn es so einfach ist für jedermann, Behauptungen jeder Art in den Raum zu stellen, dann weiß man nicht mehr, was man noch denken soll, wissen kann und was wirklich zutreffend ist. Resultat aus alledem: ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und pausenloses Gegacker.

Ein Unding ist ebenfalls das Löschen von Tweets (sofern es keine gewichtigen Gründe gibt) und die mangelnde Kennzeichnung von Artikeländerungen. Dies sorgt für starke Verzerrungen und macht Medienskeptikern noch skeptischer. Denn wenn unter derselben URL zum späten Abend hin ein veränderter Text steht, als zuvor, dann ist jede Überprüfbarkeit hinfällig. Mir ist das beim letzten Essay aufgefallen, als ich mir die Ad-hoc- und die Agenturmeldungen bei der Veröffentlichung des KPMG-Berichts anschaute. Mir fiel es bei Börse.ARD auf, aber diese Unsitte der (Un-)kenntlichmachung findet sich auch woanders. Wie es der hiesige Blogbetreiber Michael C. Kissig handhabt, nachträgliche Änderungen mit einem durchgezogenen Strich und Kursivschreibung kenntlich zu machen, finde ich wiederum sehr löblich.

4. Häme und Selbstgefälligkeit sind absolut deplatziert. So manch artikelbezogener Shitstorm bleibt auch in Nachhinein gerechtfertigt. Schon allein, weil ein Mindestmaß an Recherche und Sorgfalt fehlte oder zu viel über, statt mit Wirecard gesprochen wurde. Warum auch immer, konnte auch an Wirecard liegen! So oder so; vieles von dem, was über alle Medienplattformen hinweg in den letzten 1½ Jahren zur Wirecard AG geschrieben und gesagt wurde, war inhaltlich und vor allem von der Formulierung/ Aufmachung her Kritik würdig. Unter der Annahme, dass das Zahlenwerk und die diversen Pressemitteilungen, Präsentationen und Unternehmensstatements stimmten, zeugten diverse Thesen, z.B. Wirecard sei leicht zu kopieren oder die (nicht weiter konkretisierte) Casino- und Pornovorzeit wirke sich noch heute rufschädigend aus, von wenig Sachverstand und von Recherchemangel. Beides wirkt sich aufeinander aus.

Auch die personelle Zusammensetzung des Aufsichtsrats ließ sich sowohl positiv, als auch negativ betrachten. Fakt ist, dass beide Gremien in den letzten Jahren personell verändert wurden und auch weiter verändert werden sollten. Erste Neubesetzungen wurden bereits verkündet und die Viten der bestehenden Aufsichtsratsmitglieder lasen sich nicht als unpassend für den Job. Schauen Sie sich deren Lebensläufe an. Außerdem waren die AR-Mitglieder weder zuvor bei Wirecard beschäftigt, noch unterhielten sie eine geschäftliche Beziehung zu Wirecard. Und dass sie nicht an Wirecard beteiligt waren, kann man ihnen positiv wie negativ auslegen. Sie sehen: wieder kann man zu keinem eindeutigen Fazit kommen.

Überhaupt bleibt noch zu klären, wer alles Opfer, Täter oder beides ist. Gemäß aktuellen Erkenntnissen sind am ehesten die Kunden, Aktionäre und Gläubiger ein Opfer und danach das Gros der Mitarbeiter. Bei allen anderen ist die Lage noch zu unklar. Auch hier sollte man von vorschnellen Vermutungen Abstand nehmen. Nicht, weil ich Wirecard in Schutz nehmen möchte, sondern weil Verlässlichkeit in den Äußerungen nun nochmals wichtiger ist. Etwas aber in Sachen Aufsichtsrat hätte wirklich hellhörig machen müssen: das Fehlen eines Prüfungsausschusses bis letztes Jahr. Auf S. 26 der FAZ vom 27. Juni wird dies (meiner Meinung nach, bitte ggf. um Korrektur) erstmals erwähnt. Ein Prüfungsausschuss sei zwar nicht verpflichtend, aber üblich. Dort würden dann "Themen rund um die Rechnungslegung, die Abschlussprüfung oder auch das Risikomanagement behandelt", wie Christoph Berger, Leiter Deutsche Aktien bei Allianz Global Investors der FAZ mitteilte.

Sauer stößt mir ebenfalls das Adjektiv "daxunwürdig" auf. Ein zuvor selten gehörtes, im Bezug zu Wirecard aber oft benutztes Wort, zu dem es jedoch keine Definition gibt. Als ob z.B. Bayer, Deutsche Post, Daimler, Volkswagen, Vonovia, ThyssenKrupp, Siemens, Deutsche Bank, Allianz oder Adidas frei von moralischen und betriebswirtschaftlichen Fehlern sowie auf personeller Ebene frei von krimineller Energie gewesen wären.

Vielmehr ist es doch so: Gerade weil diese o.g. Firmen nicht frei von Fehlern waren, würde Wirecard erst daxwürdig, wenn sich auch hier die skandalträchtigen Vorwürfe bewahrheitet hätten. Und damit wäre ich wieder beim Thema, wie schwierig es ist, so verstanden werden zu können, wie man beabsichtigte. Wer "daxunwürdig" sagte und dies warnend meinte, konnte genau das Gegenteil seiner Absicht bewirkt haben. Getreu dem Motto "Na, und. Alle anderen im DAX sind nicht besser - trotz größerer Verwaltung und besseren Compliance-Strukturen".

Das große Problem ist, dass nirgendwo festgehalten ist, worin diese Daxwürdigkeit besteht und worin nicht. Nach wie vor gilt: man kommt in den DAX bislang nur aufgrund zweier Merkmale: Handelsliquidität und Free-Float-Marktkapitalisierung. Dies sind zwei rein börsenbezogene Finanzkennziffern. Nur wenn hier gewisse Schwellwerte übertroffen werden, ist man "würdig" ein DAX-Mitglied zu sein.

Hier braucht es zweifellos eine Korrektur/ Erweiterung, denn nur so erhält man eine Definition darüber, was unter dieser Wortneuschöpfung "daxwürdig/daxunwürdig" zu verstehen sei. Gleiches gilt für die Definition von "geführt wie ein Start-Up". Man kann dies positiv deuten im Sinne von agil, zukunfts- und marktorientiert; ebenso wie man es negativ deuten kann als zu lax, zu kompetitiv und zu ehrgeizgetrieben. Vor allem aber gibt es genügend Start-Ups, die gesetzestreu, gut organisiert und administriert sind. Was also war genau gemeint, welche Assoziation wollte man wecken? Und provozierte man mit dem Vorwurf "wie ein Start-Up geführt" nicht gerade damit den Reflex "Na, und? Besser als behäbig."?

Darüber hinaus sind Selbstgefälligkeit und Häme unangebracht, weil zwischen den aufgebrachten Vorwürfen und der Situation, wie sie sich jetzt zeigt, Diskrepanzen liegen bzw. keine Deckungsgleichheit vorliegt. Das macht es natürlich nicht besser; nur kann hier niemand von sich behaupten, im Recht gewesen zu sein.

Insbesondere weil es durchaus hieß, die Wirecard-Aktie sei ein Top-Pick trotz aller Vorwürfe. Sie sei unterbewertet, die Zukunft der Branche sei exzellent und alles in allem sei Wirecard kaufenswert. Zahlreiche Analysten, Börsenredakteure und „Aktienexperten“ verlautbarten dies - und zwar im Nachgang zu den FT-Artikeln oder z.B. zum KPMG-Bericht. Ich aber schrieb so etwas in keinem meiner Medien-Essays. Ich hielt kein Loblied auf Wirecard und äußerte mich auch nicht verschwörerisch-nationalgesinnt, wie "hier wird ein deutscher Konzern von deutschen Medien schlecht gemacht. Armes Deutschland". So etwas las man aber oft in Online-Aktienforen oder in Kommentaren unter Presseartikeln.

Ich will hier kein ausführliches Pro und Contra zum Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) abhalten. Doch viele Empfehlungen für den Kauf der Aktie wurden mit dem vergleichsweise niedrigen KGV begründet. Spätestens jetzt ist aber absolut klar, dass es allemal besser war, eine unter KGV-Gesichtspunkten wohl überbewertete Aktie, wie die von Adyen, zu kaufen, als eine Konkurrenzaktie (eben Wirecard) mit niedrigerem KGV. Das KGV ist nicht alles. Noch so eine Lehre für viele Anleger.

Apropos Kennzahlen: wie aus dem bereits weiter oben zitierten FAZ-Artikel "Augen auf beim Aktienkauf" zu erfahren war, hatte man das Zahlenwerk Wirecards auf den Beneish M-Score hin getestet und keine Unregelmäßigkeiten festgestellt. Die Beneish-Formel erlangte im Enron-Skandal Berühmtheit und geht auf die Arbeit von Professor Messod Daniel Beneish zurück, um Bilanzmanipulationen zu enttarnen.

Gestatten Sie mir zudem einen kurzen Wink vom geschriebenen zum gesprochenen Wort: ich habe mir auf Youtube mehrere Videos angeschaut, in denen die Wirecard-Aktie besprochen wurde. Zweifelsfreies Ergebnis: nur lange Videos sind zu empfehlen. Denn gute Argumente wollen Weile haben. Egal ob für oder gegen die Wirecard-Aktie. Man sagt zwar immer, die Rezipienten wollen es prägnant haben oder hätten eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Aber dies ist zu pauschal und vor allem eher eine Ausrede der Inhalteersteller für ihre Bequemlichkeit, Inkompetenz, Verantwortungsscheu (bloß nicht zu sehr ins Detail gehen), Zeitdruck, vorgegebenes Sendeschema oder Kosteneffizienz. Aktieninvestments sind Geldanlage und entsprechend muss sich jeder Zeit dafür nehmen! Ich wünschte es gäbe so etwas wie das "Literarische Quartett" für Aktien und nicht nur die paar Minuten Börse im ARD-Vorabend oder bei n-tv. Und ein absolutes No-Go ist es, mehrere Fragen in wenigen Minuten zu beantworten. Abzüglich einminütiger Pro- und Epilogs bleiben bei z.B. 7 Minuten und 5 Fragen nur je 1 Minute pro Frage. Da kann man es auch bleiben lassen, finde ich. Und dass dieser massive und einzigartige Wirtschafts-/Börsen-Skandal bislang in noch keiner reichweitenstarken Talkshow (Maischberger, Lanz, Illner, etc.) thematisiert wurde, ist ebenfalls bezeichnend.

5. Man konnte die jetzige Situation nicht vorhersehen. Dazu hätte es Insiderwissen benötigt oder wenigstens eine umfangreiche Vernetzung in der Finanz- und Fondsbranche, um etwas näher an den Geschehnissen und der Gerüchteküche zu sein. Aber selbst hier waren nicht alle gleich informiert. Dies ist beim Privatinvestor/ Kleinaktionär erst recht der Fall. Oder nehmen Sie den ehemaligen Sell-Side Analysten Jochen Reichert als Beispiel. Er coverte von 2004 bis 2018 Wirecard und viele weitere Tech-Firmen, kam aber selbst nie auf die Idee, den Betrug bei der Wirecard AG zu erahnen. Das ist nicht als Vorwurf gemeint, sondern soll als Warnung dienen und klarstellen, dass selbst hauptberufliche Analysten, die über viele Jahre hinweg die Jahresabschlüsse vieler IT- und Paymentfirmen durcharbeiteten, offenbar keinen Betrug erkennen konnten. Mag sein, dass hier auch die Psychologie eine Rolle spielt: Dass man blind wird oder dass man sich daran gewöhnt hat, dass im Tech- und Paymentbereich diverse Regelverstöße und Nachlässigkeiten an der Tagesordnung sind. So wurde Paypal vor einigen Jahren zu einer Geldstrafe von 7,6 Mio. Dollar aufgrund unzureichender Compliance verurteilt.

Selbst für einen neutralen, rationalen und "un-biased" Beobachter wäre es meiner Meinung nach unmöglich gewesen, die aktuelle Situation vorwegnehmen zu können. Und zwar trotz des KPMG-Berichts, der ja einen gewissen positiven Interpretationsspielraum zuließ (hier und hier). Und hieß es nicht, dass KPMG weiterprüfe und noch eine Einschätzung hinsichtlich der 200 Mio. Datensätze der Elastic Engine abgeben werde? Hierzu demnächst nähere Ausführungen zu erhalten, könnte weitere Klarheit bringen. Zudem darf man Corona nicht vergessen, was (vielleicht vorschnell) mit als ein Grund für die Verzögerungen und Zusammenarbeitsprobleme zwischen Wirecard und KPMG empfunden wurde. Die kritischen Bemerkungen von KPMG hätten sicherlich noch dramatischer gewirkt ohne Corona.

Zudem hat man auf die bisherigen Testate von Ernst & Young vertraut. Ob EY nicht sorgfältig genug prüfte, oder einfach zu geschickt betrogen wurde, oder ob die gesetzlichen Anforderungen und Befugnisse im Rahmen einer Jahresabschlussprüfung zur Betrugsentdeckung nicht ausreichten, sei dahingestellt.

Zudem veränderte sich die Aktionärsstruktur in den letzten 18 Monaten erheblich bei Wirecard. Es stießen einige neue Großaktionäre aus dem deutschen und angelsächsischen Finanzbereich dazu. Auch die DWS und Softbank Group prüften Wirecard ja vor ihren Investments und die diversen Ratings und Bank- und Acquirer-Lizenzen erhielt man auch nicht ohne Weiteres. Wo die so genannten Börsenprofis und Institutionellen Anleger massiv investierten, konnte es für die Kleinaktionäre ja so falsch nicht sein… Zweifelsfrei handelte es sich bei Wirecard um kein ungeprüftes Unternehmen und darauf durfte man als Anleger vertrauen. Das Gerede, man hätte vorgewarnt sein können und müssen, greift hier meiner Meinung nach nicht. Es gab Bilanzvorwürfe, ja, aber sie klangen unwahrscheinlich und kamen eher unglaubwürdig daher.

6. Eine Leerverkaufsquote bedeutet nicht automatisch, dass in der jeweiligen AG etwas nicht koscher ist. Die Hedge-Fonds, die leerverkaufen, sind nicht für eine besonders tolle Performance bekannt. Weder in finanzieller, noch in inhaltlicher Hinsicht. Man würde sie überhöhen, wenn man ihnen generell einen Wissensvorsprung zugestünde. Ich schreibe dies, obwohl sich Leerverkäufer durchaus diversen Skandalenthüllungen verdient machten (vgl. Steinhoff, Valeant/ Bausch Health  und zahlreiche asiatische "Klitschen"). Aber dies alles fand bislang nicht wirklich auf dem deutschen Börsenparkett statt. Bislang!

Im Bundesanzeiger sind aberdutzende Leerverkäufer und LV-Quoten ersichtlich. Sie zocken auf eine schlechtere Geschäftsentwicklung durch Corona oder engagieren sich in Aktien, deren Kursverlauf zu stark anstieg und nun konsolidiert wird oder befassen sich mit Unternehmen, die sehr viele M&As tätigen und dabei den naturgemäß großen Meinungsspielraum hinsichtlich des Kaufpreises, des Goodwills, der flankierenden Beraterhonorare, etc. ausnutzen. Hinter den meisten LV-Quoten stecken weder aufklärerische Absichten, noch ein Fehlverhalten, das nun enttarnt wird. Nur weil eine Aktie leerverkauft wird, muss das jeweilige Börsenunternehmen noch kein Dreck am Stecken haben. Auch dies hat sicherlich einige Aktionäre dazu gebracht, ihre Wirecard-Position nicht aufzugeben, teilweise sogar auszubauen. Darüber hinaus müsste es ja im Umkehrschluss so sein, dass bei den Unternehmen, bei denen sich die Nettoleerverkaufsquote verringerte, keine Missstände vorhanden waren und sich die Hedgefonds irrten. Mit dieser Logik wiederum müsste das Covern der Short-Position in der Folgezeit von Zatarra als Unschuldsindiz pro Wirecard verstanden werden.

Und dort, wo Shortselling mit einem "anonymen" Researchbericht einherging, hatte man bislang noch weniger zu befürchten, dass bei den jeweiligen Unternehmen etwas im Argen lag. Die Beteiligungsgesellschaft Aurelius wurde in den letzten drei Jahren zweimal von dieser perfiden Sorte Shortseller angegriffen. Aurelius reagierte mit ausführlichen Gegendarstellungen, erstattete Anzeige und von Ontake, so der Name des letzten Angreifers von Ende Januar/ Anfang Februar diesen Jahres, kam danach auch nichts mehr. Hier spielte sich ab, was bislang mehrheitlich für Short-Attacken gegen deutsche Börsenfirmen galt und für die ich die Stellungnahme von Aurelius stellvertretend zitiere:
"… die Vorwürfe, die Ontake Research ("Ontake") in seinem am 30. Januar 2020 veröffentlichten Bericht ("Ontake Bericht") erhoben hat, in ihrer Substanz falsch sind und von Ontake bewusst so gestaltet wurden, dass sie Leser und Investoren gezielt in die Irre führen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Ontake Berichts hielt Ontake eine Short-Position in Aktien der AURELIUS Equity Opportunities SE & Co. KGaA ("AEO"). Es liegt daher auf der Hand, dass Ontake ein Eigeninteresse hatte, der Reputation der AEO zu schaden, den Aktienkurs damit zu manipulieren und so einen beträchtlichen Spekulationsgewinn zum Schaden aller AURELIUS Aktionäre zu erzielen. […] Der Bericht wurde auf einer neu registrierten, anonymen Homepage veröffentlicht ohne Hinweise auf Quelle oder Autor. Die anonymen Autoren bezeichnen sich selbst als „Ontake“, ein Pseudonym, unter dem sie hochgradig manipulative Aussagen abgeben können, ohne dafür öffentlich Rechenschaft ablegen zu müssen. […]" (Quelle)
Und in Bezug auf Wirecard waren sowohl Zatarra, als auch MCA-Mathematik ebenfalls anonym. Beide hatten kein Impressum und agierten mit einem Disclaimer, der sinngemäß lautete: Wir geben hier unsere eigene Meinung wieder und sind bei Wirecard short. Zudem waren die Vorwürfe/ Enthüllungen (insbesondere in 2019) auch nicht so gravierend.

Nehmen Sie beispielsweise die lokale Testat-Verweigerung in Singapur. Ich ging in meinem zweiten Medien-Essay darauf ein und auch die Presse und die Aktionärsschutzverbände konnten hier nichts wirklich Schlechtes und Schlimmes erkennen. Lediglich, ob es wünschenswert sei, es von Wirecard selbst zu erfahren. Eine weitergehende Auseinandersetzung mit dem Thema, so wie ich sie forderte, blieb aus. Auch wurde immer nur Herr Dr. Braun porträtiert, aber nie die anderen Vorstände, wie z.B. Herr Marsalek oder Frau Steidl. Dies wäre durchaus interessant gewesen, denn so viele 40-Jährige Männer als DAX-Vorstand bzw. Frauen als Produktvorstand in einem Digitalunternehmen gibt es nicht.

Ebenso unberücksichtigt blieben meine Anregungen, die Hintergründe und Abläufe einer forensischen Untersuchung und einer Jahresabschlussprüfung zu erläutern. Hätte man sich solchen Themen gewidmet, hätte man sehr wahrscheinlich die Dramatik des KPMG-Berichts vollends verstanden und ich hätte ganz anders, nämlich lobend, die Berichterstattung zu Wirecard würdigen können. Wie vielen Aktionären wäre ein Verlust erspart geblieben, wenn es von Beginn an eine ausgewogenere und nachvollziehbarere Berichterstattung gegeben hätte? Sicherlich vielen.

Und mit ausgewogen meine ich auch die Betonung des Negativen, als über Wirecard positiv berichtet wurde. Es kann doch nicht sein, dass im Frühjahr 2016 Zatarra weniger Berücksichtigung erfuhr und Glaubwürdigkeit zugebilligt bekam, "nur" weil es sich damals um ein anonymes Researchhaus handelte; aber MCA-Mathematik, das Pendant im jetzigen Skandal, viel mehr Anklang fand. Warum wurde Wirecard damals stärker verteidigt - auch medial - als in den vergangenen 18 Monaten? War es damals nicht opportun gegen Wirecard zu sein; so wie es zuletzt nicht opportun war, pro Wirecard zu schreiben? Die Berichterstattung, die Kursziele und Analysten-Äußerungen haben etwas sehr kampagnenmäßiges und das ist in jeder Hinsicht fatal.

Ich wünschte, es gäbe kein Storytelling. Denn eine Story kann nie ausgewogen sein bzw. erzählt werden. Es gibt immer einen Guten und einen Bösen und eine vorgegebene Dramaturgie. Alles was dem entgegensteht, wird ignoriert. Wie schädlich dies ist, merkt man nicht nur an dem jetzigen Desaster, sondern auch an einer Diskursverhärtung. Es entstand ein Gegen-, statt Miteinander der Argumente. Wenn die Presse nun Lehren für den Privatanleger aufstellt und mahnt, man hätte sich nicht in die Wirecard-Aktie verlieben dürfen, dann ist dies nicht ganz falsch, aber auch nicht richtig. Eine Ursache für die Liebe zu Wirecard-Aktie könnte auch in der Art und Weise der Berichterstattung gelegen haben.

Ebenfalls stellt sich die Frage: was wäre passiert, wenn die Hedgefonds und Shortseller einen weniger schlechten Leumund gehabt hätten? Hätte man ihnen dann mehr und eher geglaubt und sie ernster genommen? Bislang entpuppten sich die Short-Attacken auf dem deutschen Börsenparkett als nicht sonderlich zutreffend und erfolgreich. Matthew Earl, der hinter Zatarra steckte, wurde verurteilt. Informative Hintergründe zum Urteil und zur Person Earls erfuhr man aber nicht, so dass auch hier den wildesten Vermutungen Tür und Tor geöffnet wurden. So eine Reportage/ Portrait über Matthew Earl, wie es die ZEIT neulich veröffentlichte, wäre schon vor Wochen und Monaten ein Segen gewesen. Insbesondere weil man dieses Portrait schon 2019 anging. Im Artikel beschreibt Earl die Hinter- und Beweggründe zum Zatarra-Bericht und dass er von Wirecard-Anwälten aufgesucht wurde ohne aber von ihnen angeklagt zu werden. Mit einem solchen Wissen hätte vieles in einem anderen Licht erscheinen können. Aus Sicht von Aktionären und Kreditgebern ist es sehr schade um diese verpasste Chance.

Auch der Wirecard-Shortseller Fraser Perring hat keinen sonderlich guten Leumund (hier und hier). Auch er war Gegenstand von Zatarra-Ermittlungen der BaFin und der Münchner Staatsanwaltschaft. Das Amtsgericht München strebte aber gegen Zahlung eines fünfstelligen Betrags eine Einstellung des Strafverfahrens an. Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Justiz auf eine weitergehende Aufklärung verzichtete, die für eine Entscheidung über Verurteilung oder Freispruch notwendig gewesen wäre. Angesichts der Milliarden Kursverluste durch seine und anderer Veröffentlichungen und damit realen Verlusten für vielen Aktionäre, löste diese Entscheidung Entrüstung und Resignation aus. Offensichtlich sind die gegenwärtigen Gesetze, Befugnisse und Strafen nicht dafür geeignet, marktmanipulativem Verhalten wirkungsvoll zu begegnen. Weder in Vorbeugung/ Abschreckung, noch in Aufklärung und Bestrafung.

Auf dem Blog von Christian Thiel ("Großmutters Sparstrumpf") thematisierte ich dies separat und präsentierte viele Verbesserungsvorschläge für das Vertrauen in die Börse. Insbesondere der BaFin, die oft als zahnloser Tiger beschrieben wird, gehört ein bisskräftigeres Gebiss ins Maul gesetzt.

Informativ auch dieses Video-Interview mit Professor Mitts von der Columbia Law School, der ebenfalls für mehr Leerverkäufer-Regulierung plädiert. Und dies in den USA, wo sie ohnehin schon besser reguliert sind als in der EU. Und hier widmen sich Wissenschaftler und Finanzanalysten dem durchaus sehr unredlich und intransparent agierendem Short-Seller Viceroy; bekannt von ProSieben und Steinhoff.

7. Alle, bis auf die Täter, profitieren davon, wenn Ungereimtheiten aufgedeckt werden. Niemand möchte in Kartenhäusern investieren. Daher finde ich seriösen Journalismus ja auch so gut; weil er tendenziell skeptisch ist. Nur läuft dieses Selbstverständnis ins Leere, wenn Vorwurfstiraden wenig nachvollziehbar sind. Angreifer müssen selbst so wenig angreifbar sein, wie möglich. Hier haben die Medien und Aktionärsschützer, worunter durchaus auch die sog. Shorties zu verstehen sind, unverkennbar Nachholbedarf. Was wäre, wenn die deutschen Aktionärsschutzorganisationen keinen so zweifelhaften Ruf hätten und frei von Interessenskonflikten wären? Die SdK, die nun verständlicherweise Klagen anstrebt, hätte sich nicht erst jetzt, sondern in den letzten Monaten erklären können zu dem damaligen Vorfall 2008. So, wie das Handelsblatt in seiner Wochenendausgabe beschrieb, geht alles auf einen Forenbeitrag beim Portal "Wallstreet Online" zurück. Dort hinterfragte und attackierte ein User die Bilanzierung Wirecards. Markus Straub, damals stellvertretender Vorsitzende dieser Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) griff diesen Post öffentlichkeitswirksam auf und drei Jahren später wurden er und ein weiteres SdK-Mitglied wegen Marktmanipulation mit der Wirecard-Aktie verurteilt. Der aktuelle SdK-Vorsitzende Daniel Bauer räumte dann gegenüber dem Handelsblatt kürzlich ein, dass der damalige Vorfall die SdK fast zerrissen hätte und sein Verein seitdem keine Stellung mehr gegen Wirecard beziehe. Bis jetzt. Denn Wirecard sei berüchtigt gewesen in der Verfolgung von Kritikern. Ich will dieses Verhalten Wirecards keineswegs gutheißen, aber was soll ich wiederum von einer Schutzgemeinschaft halten, deren Vorstand, Sprecher und Mitglieder aus vielen Juristen und Kaufleuten bestehen, die sich einschüchtern lassen und die sachliche Auseinandersetzung mit Wirecard über mehrere Jahre scheuen?

Und was, wenn die veröffentlichten Anschuldigungen nicht salamitaktisch und mit massenhaften Konjunktiven gespickt gewesen wären, sondern - um im Bild zu bleiben - richtig viel Fleisch am Knochen gehabt hätten? Enthüllungen und Meinungen sind umso kräftiger, je nachvollziehbarer sie sind. Bei den diversen Leaks und den diversen Plagiatsenthüllungen der letzten Jahre stellten die Rechercheure/ Journalisten auch immer dar, was sie alles unternommen haben, um dies und jenes zu erfahren und um diese und jene Schlüsse zu ziehen. Dies alles unterblieb in der Causa Wirecard weitestgehend.

Vielen Artikeln des FT-Autors Dan McCrum hätte man mehr Glauben schenken können, wenn er seinen Whistleblower näher beschrieben hätte. Oder zumindest etwas mehr Kontext darüber, wie er an die Informationen kam, was er unternahm, um sie für zuverlässig zu erachten, etc. pp.

Auch der beim Handelsblatt angestellte Felix Holtermann hätte in seinem Artikel zu dem Fehlen des lokalen Singapur-Abschlusses seine Quelle (vermutlich MCA-Mathematik) thematisieren können. Er hätte schreiben können, dass die dahinterstehenden Personen anonym bleiben möchten, er sich aber ein vertrauenswürdiges Bild von ihnen gemacht hätte. Klar, man ist als Journalist von seinem Hinweisgeber abhängig. Aber ein großer, substantiierter Aufschlag wäre sicherlich zielführender gewesen für alle Beteiligten. Und die Angst um ihre Person, die manche Whistleblower angeben, halte ich für überzogen. Es gibt Verschlüsselungstechnologien, die Wikileaks-Plattform, das Zeugenschutzprogramm und Möglichkeiten des Asyls.

So bleibt mir in Deutschland eigentlich nur den Blogger/ Journalist Heinz-Roger Dohms (finanz-szene.de) lobend zu erwähnen, da er meinem Kenntnisstand nach so ziemlich der einzige ist, der für seine Wirecard-bezogenen Artikel eine Eigenrecherche betrieb und betreibt - seinen Schreibstil und seine einzelnen Schlüsse mal außen vorgelassen. Unzweifelhaft gehören seine Wirecard-Artikel aber zu den besten. Allein seine Wirecard-Artikel seit dem 18. Juni heben sich in Länge, Erkenntnis und Nachvollziehbarkeit von allen anderen positiv ab. Andere Journalisten, lassen eher den Schluss zu, zu veröffentlichen, was ihnen von Externen angeboten wird oder machen nur einen auf copy & paste.

Lob verdienen ebenfalls alle Verlage, in denen sich viele Redakteure, statt nur einzelne, mit Wirecard beschäftigten. Sie können gerne anderer Meinung sein, aber ich finde es gut, wenn mehrere Redakteure unabhängig voneinander einzelne Artikel zu Wirecard schrieben. Das wirkt auch gewissen Eindrücken an Verbissenheit, (Selbst-) verliebtheit und Blindheit entgegen. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, wenn sich auch die Analysten häufiger abwechselten.

Ein übles Geschmäckle wiederum hat es, wenn sich ein etwaiger Whistleblower mit seinen (vagen) Informationen nur an Leerverkäufer/ Hedgefonds-Managern sowie Journalisten wandte. Es ließe sich vermuten, dass man sich an einem Verbrechen indirekt und im Nachhinein mitbeteiligt und gebilligt hat, um davon zu profitieren. Ich finde es daher unerlässlich gesetzlich vorzuschreiben, dass begründete Verdachtsmomente an die deutsche Justiz zu richten sind. Wer dies unterlässt, ist keinen Deut besser, als jene, die das Verbrechen ursprünglich begangen. Diesen Aussagen von mir sind aber hinfällig, sobald sich herausstellt, dass man sich an Behörden wandte und ignoriert wurde. Und genau dies wurde zwei Tage, nachdem ich die obigen Zeilen schrieb, berichtet.

Im Grund zeitgleich mit den FT-Veröffentlichungen Ende Januar 2019 ging auch bei der BaFin ein Hinweis eines Whistleblowers ein. Die aber sah die asiatischen Behörden zuständig; zudem fiel wohl nicht der gesamte Wirecard-Konzern, sondern eher nur die (bislang verschonte) Wirecard Bank in das Zuständigkeitsgebiet der BaFin. Allem Anschein nach liegt hier ein enormes Zuständigkeits- und Ressourcenproblem seitens der BaFin vor. Es ist ein Unding, dass ein Whistleblower mit enorm relevanten Informationen, die den gesamten Finanzplatz Deutschlands betreffen, bei den Finanzbehörden kein Gehör finden konnte bzw. nicht in der Mannstärke unterstützt wurde, wie es nötig gewesen wäre. Dies ist ein Unding. Für so ressourcenschwach und durcheinander hätte ich die BaFin, die DPR und sonstigen Stellen der Finanzministerien nicht erwartet. Hier sparte man an der falschen Stelle und ich hoffe sehr, dass die Finanzminister ihre Behörden und deren Dienstleister massiv aufrüsten werden sowie die Gesetzgebung in Deutschland und der EU hinsichtlich ihrer Zielsetzung überprüft. Dies ist somit das einzig Positive an der ganzen Sache: Das nun verbessert werden kann, was dringend verbessert werden muss.

Nicht zu vergessen in der ganzen Aufarbeitung sind auch die Hintergründe, die zum temporären Leerverkaufsverbot im Frühjahr 2019 führten. Dies geschah auf Initiative Wirecards bzw. der Münchner Staatsanwaltschaft hin aufgrund eines Erpressungsversuches (hier und hier).

8. Börsenforen sind gleichermaßen gut wie schlecht. Gut insofern, als dass sich dort viele User aus unterschiedlichen Ländern/Regionen mit unterschiedlich beruflichen und privaten Hintergründen und Erfahrungen sowie mit viel Herzblut und Rechercheaufwand diversen Aktien widmen.

In diesen Foren findet sich alles, was sich in zu einem Unternehmen findet. Es wird jeder Medienbericht eingestellt/verlinkt und einer kritischen Würdigung unterzogen. Es werden die Fundamentaldaten der AGs analysiert, sich über Charttechnik unterhalten und das Orderbuch, die Leerverkaufsquoten und andere Aspekte des Börsenhandels thematisiert. Man erfährt dort Dinge, vor allem in ihrer Tiefe, die in den klassischen Wirtschafts- und Börsenmagazinen nicht zu finden sind.

 Problem allerdings ist, dass die User anonym sind, die Foren zu wenig moderiert und sequentiell aufgebaut sind. So gehen aufgrund der schieren Masse von abertausenden Postings pro Tag wertvolle Infos unter, wenn man nicht ständig "on" ist. Zudem ist man nicht vor Bots und Fake-Accounts geschützt. Der Spam-Anteil in diesen Foren ist nicht zu verachten. Vor allem steht der dortigen Schwarmintelligenz nicht das Instrumentarium zur Verfügung, über das z.B. Journalisten und Fondsmanager verfügen. Journalistisches Instrumentarium im Sinne von Datenbankzugängen, Redaktionskollegen und Korrespondenten, (Interview-) Erfahrungen mit Top-Managern sowie Auffindbarkeit. Und über die Aktienanzahl, die Reaktionsschnelligkeit und Algorithmen, wie es die großen Fondsmanager besitzen, verfügen die Privatanleger in den Foren auch nicht. Kurzum: alles, was in den Foren steht, kann zutreffender sein, als das, was in der Presse steht. Muss es aber nicht! In den Foren kann nur reagiert werden; und im Nachhinein ist man immer schlauer…

Damit komme ich zum Schluss.
Niemandem ist mit Schuldzuweisungen geholfen. Jeder trifft seine Kauf- und Verkaufsentscheidungen (von Betragshöhe, Zeitpunkt und Dauer) in eigener Verantwortung. Ich hoffe sehr, dass der Wirecard-Skandal ein Weckruf für den gesamten Kapitalmarkt Deutschland ist. Ich erachte ihn für unterreguliert. Die Börse muss es uns wert sein, weil Unternehmensbeteiligungen eine sehr sinnvolle Finanzanlage darstellen. Gerade jetzt ist es angebracht, sich intensiv und in der breiten Bevölkerung mit dem Börsengeschehen auseinanderzusetzen und es zu erklären; bevor die Aversion, Skepsis gegenüber Unternehmensbeteiligungen weiter zunimmt.

Ich wünsche zudem, dass das Clickbait aufhört und viel ausgewogener und vor allem nachvollziehbarer berichtet und argumentiert wird. Dieser Appell geht an alle.

Und dass in Foren und in den Sozialen Netzwerken Klarnamen Pflicht würden oder man nur schreiben darf, wenn man zahlt. Dies könnte zu einer Qualitätssteigerung dortiger Inhalte führen.

Ferner erhoffe ich mir, dass auf den verschiedenen Plattformen die Redaktion gestärkt wird und man sich von seinem Selbstverständnis als Aggregator und Werbemedium verabschiedet. Nicht jeder "Wikifolianer" ist ein Top-Trader und nicht jede News und Analyse ist auch wirklich eine. Da Portale wie Youtube, Wallstreet-Online, Ariva und finanzen.net sehr reichweitenstark sind, dienen sie vielen unbedarften Anlegern als erste Anlaufstation für die Informationsbeschaffung über eine Aktie. Dort aber findet sich weder eine große Redaktion, noch ein großes Moderatoren-/ Communityteam. Überdies fußt ihr Erlösmodell auf Werbung und besitzen eine oligopolistische Marktmacht. Ich erachte dies alles als einen korrekturbedürftigen Makel.

Und ich kann mich nur wiederholen:
Konsumieren Sie möglichst viele Medien, um ein Gefühl dafür zu bekommen; wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Und geben Sie Geld aus. Sie tun sich damit selbst einen Gefallen, weil sie so an nützliche Informationen kommen, z.B. in Datenbanken, in Archiven und Premiumbereichen. Zudem versetzen Sie Journalisten, Börsenbriefverfasser und Channelbetreiber auf Youtube nur so in die Lage unabhängig zu bleiben, auf Dauer gute Recherchen zu machen und vor allem verhindern Sie dadurch Clickbait. Die Zeit, die FAZ oder der SPIEGEL sind nicht fehlerfrei, aber ihr Saldo an guten Artikeln und vor allem an zutreffenden Inhalten ist positiv. Dies schrieb ich bereits im 1. Teil der Essayreihe. Dass ich aus den klassischen Qualitätsmedien Beispiele für, meiner Meinung nach, boulevardeske Berichterstattung nahm, tut diesem Saldo keinen Abbruch. Diese klassischen Medien sind von allen Finanz- und Börsenmedien die am wenigsten opportunsten.

Summa summarum lag ich mit meiner Bitte um weniger Boulevardismus (d.h. Gepushe und Gebashe), um mehr Ausgewogenheit, Nachvollziehbarkeit und Konkretisierung in der Unternehmensberichterstattung, um eine bessere Ausstattung der BaFin sowie Überarbeitung diverser Finanzrichtlinien nicht falsch. In meinem sicherlich nicht abschließenden Gastbeitrag bei Christian Thiel plädierte ich für eine Stärkung der BaFin nämlich genau aus Gründen der zunehmenden Konvergenz von Finanz- und Technologieunternehmen. Dass die BaFin für die Wirecard Bank zuständig war, aber nicht auch für den gesamten Wirecard-Konzern, der sich ja als "Financial Commerce Plattform" selbst bezeichnete, ist unfassbar.

Und Sie, verehrte Leser, bleiben Sie immer skeptisch. Hinterfragen Sie jede Meinung, die Sie konsumieren (auch die meinige) und hinterfragen Sie sich selbst. Der Wirecard-Skandal hat meiner Meinung nach sehr viel mit Psychologie zutun und keiner kann sich frei davon machen, beeinflusst worden zu sein sowie selbst beeinflussend gewirkt zu haben. Dazu braucht es auch keinen Vorsatz, sondern dies kann auch unbeabsichtigt erfolgen. Alles hängt mit allem zusammen und die Causa Wirecard war, ist und bleibt unfassbar komplex.

Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass Angestellte von Wirecard über Jahre hinweg einen massiven Betrug begangen, dann haben sie ihn nahezu perfektioniert. Nicht nur vom Ablauf/ Mechanismus, sondern auch von der Geheimhaltung her. Insbesondere die Formulierungsweisen in den Statements, den Ad-hocs und den zahlreichen Interviews (also von Herrn Dr. Braun) waren überaus geschickt. Ob es so sein wird, wird sich hoffentlich noch herausstellen.

Ich selbst habe nach bestem Wissen und Gewissen und so nachvollziehbar und begründet geschrieben, wie ich konnte. Ich möchte meine circa 40 DIN-A4-Seiten, die nur die hiesigen Essays beinhalten, nicht auf Wirecard (schon gar nicht für einen Kauf von Wirecard-Aktien) reduziert oder als reines Medien-Bashing verstanden wissen. Dies wäre gänzlich falsch. Hätte Wirecard nicht so sehr im Fokus gestanden, hätte ich meine Aversion gegen boulevardeske Berichterstattung anhand anderer Unternehmen geschildert. Beispiele für die Unsitten namens Copy-&-Paste, Clickbait, Artikelaktualisierungen, Monothematik und Kürze sowie für die Fallstricke hinsichtlich Narzissmus, konstruktivem Journalismus, Meinungshoheit/ Diskursverhärtung und BWL-Kenntnissen gäbe es zur Genüge.

Die Person, die mir unter dem Pseudonym "Alfred Quak" die obige Beleidigungsemail sandte, möge mich bitte erneut kontaktieren. Aber bitte sachlich, reflektiert und nicht anonym.

Ihr
Stephan Gemke


P.S.: Ich begann diesen vierten Essay am Samstag, dem 20. Juni 2020. In der Folge poppten täglich wichtige Neuigkeiten auf, so dass ich erst jetzt, am 29. Juni 2020 fertig werde. Geschätzt 95% dieses Artikels waren bereits am Nachmittag des 26. Juni geschrieben und wurden nur noch um wirklich wichtige Neuigkeiten ergänzt, wie z.B. die Aspekte rund um die BaFin und der DPR. Alles, was sich (beginnend mit Montag, dem 29. Juni) im Anschluss ergab, konnte und kann hier nicht mehr berücksichtigt werden.


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Der Blogbetreiber Michael C. Kissig ist regelmäßiger Konsument/Abonnent/Kunde von Amazon, Amazon Prime, ariva.de, Börse Online, finanzen.net, finanznachrichten.de, finanz-szene.de, Handelsblatt, Manager Magazin, Nebenwerte Journal, Nebenwerte-Magazin, wallstreet-online.de.

Aurelius und Bausch Health befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Hervorragendes Essay! Danke an Stephan Gemke

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  2. Guter, selbstkritischer Artikel.
    Mit einem Punkt bin ich allerdings nicht einverstanden: Die Einschätzung betreffend Aufsichtsratsmitglieder. Die KI Expertin, die Linguistik und Slawistik studiert hat ? Die Betrüger haben doch genau gewusst, dass die Medien bei Frauen nicht so genau hinschauen.

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  3. Und das nächste Bravourstück von Hr.Gemke. Sehr gelungene und nachvollziehbare Aufarbeitung. Habe mir auch sein Plädoyer für die Bafin auf grossmutters-sparstrumpf durchgelesen. Sehr weitsichtiger und hilfreicher Inhalt dort.

    Nachvollziehbarkeit und Konkretisierung seitens der Medien wären wirklich hilfreich gewesen; so aber konnte man wirklich sehr leicht misstrauisch ihnen gegenüber sein.

    Gerade wegen ihrer Vergangenheit mit Kampagnenjournalismus und diversen Lügenskandalen.
    Dann noch die Vergangenheit Wirecards mit marktmanipulativen Shortattacken, so dass dies alles ein Framing bewirkte, dass hier wieder mal alles in Ordnung sei. Was ein Trugschluss, aber verständlich bei der Vergangenheit...

    Man lese sich mal diesen Artikel der ZEIT und die darunterstehenden Kommentare durch. https://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2020-06/wirecard-finanzmarkt-bilanzskandal-insolvenz-aktienmarkt-dax
    Es ist echt ein Unding, dass der Zatarra-Report von 2016 nun so viel Aufmerksamkeit, Recherche und Analyse erfährt, aber vor 4 Jahren wollten weder die Journalisten noch die Analysten dem nachgehen. Und jetzt haben wir den Salat...

    Sehr gut erklärt sich aber die Bafin: https://www.zeit.de/2020/28/wirecard-bafin-chef-felix-hufeld-bilanzskandal-versagen-finanzaufsicht
    Sie darf nur tun, was ihr rechtlich erlaubt ist. Da liegt der Hund begraben. Nicht die Leute in der Bafin haben wirklich schuld, sondern die Abgeordneten in EU und Bund, die die machen die Gesetze. Die beließen die Finanzgesetzgebung seit Jahren unangetastet und damit rückständig. Was die ganzen Parteipolitiker nun tun, ist Versäumnisse gerade zu biegen. Wenn sie es denn tun...

    Und dann kommt natürlich noch die betrügerische Energie innerhalb Wirecards sowie die Gier der Anleger dazu. Und diese "Gier" rührte nicht allein von der Unwissenheit/Unerfahrenheit der Anleger und vom beeindruckenden Zahlenwerk und den beruhigenden Aussagen des Managements her; sondern auch weil viele Analysten diese Aktie empfahlen und Journalisten zu kurz, zu wenig nachvollziehbar und zu unausgewogen zu Wirecard schrieben. Und dann noch die uneingeschränkten Testate der Wirtschaftsprüfer. Ein unfassbares Komplex an Irrtümern und Versäumnissen.

    Für jeden Psychologen, Journalistikprofessor und Kommunikationswissenschaftler finden sich hier aberdutzende Studien. Machen Sie was draus!

    Hr.Gemke gebührt aber Dank. Aufschlussreiche, umfangreiche und kritische Artikel. Und auch immer im Klarnamen. Die meisten Forenuser, Börsenbriefverfasser, Blogger und Youtuber und auch Redakteure tun dies nicht. Gut, Hr.Kissig schon :-)

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  4. Ich finde, dass die Berichterstattung an Boulevardismus nichts verloren hat. Folgend ein Beispiel, wie es sie zuhauf gibt.

    Das Handelsblatt titelte "wie Ex-Chef Markus Braun den Konzern in die Insolvenz trieb" und im Untertitel steht "nach dem größten Betrug der Dax-Geschichte muss er (also Wirecard) Insolvenz anmelden.
    Quelle: https://www.handelsblatt.com/finanzen/banken-versicherungen/absturz-eines-dax-konzerns-der-fall-wirecard-wie-ex-chef-markus-braun-den-konzern-in-die-insolvenz-trieb/25946152.html

    -> Dabei ist unklar, wer genau betrogen hat oder betrogen wurde. Man ist mit den Schuldzuweisungen mal wieder so fix, dass Vorverurteilung das richtige Wort dazu ist.

    Mich stört außerdem, dass Wirecard nun so häufig als Vorzeigeunternehmen betitelt wird, es in den Monaten zuvor aber ständig als Skandalunternehmen bezeichnet wurde. Es wird immer nur so geschrieben und betitelt, wie es für die Fallhöhe und die Story passt. Dies stört mich sehr.

    Und allerspätestens jetzt sollte doch wirklich jedem klar sein, dass die DAX-Zugehörigkeit völlig bedeutungslos ist. Sie macht kein Unternehmen besser oder schlechter.
    Es stört mich, wenn der DAX weiterhin als 1. Bundesliga für die deutschen AGs bezeichnet wird. https://www.heibel-unplugged.de/3577,heibel-ticker-kommentar-wirecard-insolvenz-ueberregulierung-toetet-intelligenz/

    Skandalfreie und qualitativ hochwertige Aktien findet man eher woanders, als im DAX.
    Diese Überhöhung des DAX muss bitte aufhören!

    Ebenfalls gibt es unzählige Einzelartikel, statt mal einen richtig langen, der eine gute Übersicht beinhaltet und der nicht pauschal einfach nur sagt, der Indiendeal war überteuert (was ja durchaus sein kann) oder die FT hatte Recht.

    Auch sonst änderte sich nichts zum Besseren.
    Hoffentlich ändert sich das noch. Gemke gab in all seinen Artikeln genügend Anregungen.
    Ebenfalls eine stärkere Redaktion bei MotleyFool und den Börsenportalen wäre wünschenswert.

    Wobei ... eine Sache verbesserte sich. Mit FinanceFwd und Finanz-Szene gibt es zwei Special-Interest-Blogs, die auch Eigenrecherche betreiben. Ich glaube, in solchen thematischen/branchen-Blogs liegt die Zukunft.

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  5. wf0075757515.07.20, 09:45

    Herr Gemke, sie lassen in ihrem Artikel jegliche substanzielle Selbstkritik vermissen. Ihre Ausführungen sind langatmig und inhaltlich sachlich an sehr vielen Stellen einfach falsch. Sie haben Journalisten vorsätzlich falsche Berichterstattung unterstellt und damit Nähe zu den Shortsellern unterstellt. Insofern sind Sie ein Lügner, wenn Sie genau das jetzt abstreiten. Sie schreiben außerdem, sie erachten soziale Medien wie Twitter ungeeignet zur Diskussion, wenn Sie sich ja genau dieser Diskussion verweigern. Hier antworten Sie ja auch nicht auf Fragen bspw., ob Sie denn je Wirecard Aktien besessen haben und damit voreingenommen waren.

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  6. "Vielen Artikeln des FT-Autors Dan McCrum hätte man mehr Glauben schenken können, wenn er seinen Whistleblower näher beschrieben hätte." - Klar. Er hätte den am besten auch gleich namentlich benennen können oder? Was für eine irre Aussage.

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  7. Es gibt ihn also doch noch, den Wirecard-Fanclub.

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