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Mittwoch, 15. April 2026

Kissigs Börsengeschichte(n): Am 15.04.1892 erblickte General Electric das Licht der Welt und trat seinen Siegeszug zum wertvollsten Unternehmen der Welt an - der 125 Jahre später beinahe mit dem Bankrott endete und zur Aufspaltung führte

Am 15.04.1892 entstand die General Electric Company durch die Fusion zweier konkurrierender Unternehmen. Der Zusammenschluss der Edison General Electric Company und der Thomson-Houston Company schuf einen Konzern, der die industrielle Entwicklung der modernen Welt maßgeblich prägen sollte: er leitete eine Phase ein, in der elektrische Energie zum fundamentalen Treiber wirtschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Fortschritts wurde. Doch GE bezahlte seinen kometenhaften Aufstieg am Ende mit einer selbst verschuldeten Nahtoderfahrung...

Die Elektrifizierung gehört zu den tiefgreifendsten Transformationen in der Geschichte der Menschheit. Noch im frühen 19. Jahrhundert basierten Wirtschaft und Alltag auf mechanischer Energie, Dampfmaschinen und manueller Arbeit. Elektrizität war zunächst ein wissenschaftliches Kuriosum, dessen praktische Anwendung begrenzt erschien. Doch mit den Fortschritten in der Elektrotechnik wandelte sich dies rapide.

Elektrische Energie bot gegenüber früheren Energieformen entscheidende Vorteile: Sie war effizient, flexibel übertragbar und vielseitig einsetzbar. Fabriken konnten ihre Produktion unabhängig von Wasserläufen oder Dampfmaschinen gestalten. Städte wurden beleuchtet, was die Produktivität und Sicherheit erhöhte. Haushalte profitierten von elektrischen Geräten, die den Alltag revolutionierten.

Die Elektrifizierung führte zur Entstehung völlig neuer Industriezweige – von der Elektrochemie über Telekommunikation bis hin zur Unterhaltungselektronik. Sie war die Grundlage für Innovationen wie das Telefon, den Elektromotor und später Computer und digitale Technologien. Kurz gesagt: Ohne Elektrifizierung wäre die moderne Welt nicht denkbar.
 

Der Einfluss von Thomas Edison

Thomas Alva Edison war eine der zentralen Figuren dieser Transformation. Als Erfinder, Unternehmer und Visionär erkannte er früh das Potenzial elektrischer Systeme. Anders als viele seiner Zeitgenossen konzentrierte er sich nicht nur auf einzelne Geräte, sondern auf integrierte Lösungen.

Sein vielleicht bedeutendster Beitrag war die Entwicklung eines praktikablen elektrischen Beleuchtungssystems. Die Glühbirne selbst war nicht ausschließlich seine Erfindung, doch Edison gelang es, sie wirtschaftlich nutzbar zu machen. Ebenso wichtig war sein Konzept eines kompletten Stromversorgungssystems – bestehend aus Generatoren, Leitungen und Verbrauchern.

Edison gründete mehrere Unternehmen, die seine Technologien vermarkteten. Diese wurden später zur Edison General Electric Company zusammengeführt. Sein Ansatz war geprägt von vertikaler Integration: Er kontrollierte möglichst viele Teile der Wertschöpfungskette. Dieses Modell wurde zu einem wichtigen Vorbild für spätere Industriekonzerne.

Allerdings war Edison auch eine umstrittene Figur. Sein Engagement im sogenannten "Stromkrieg" – dem Wettbewerb zwischen Gleichstrom und Wechselstrom – führte zu intensiven Konflikten mit anderen Innovatoren. u.a. Nikola Tesla. Obwohl sich letztlich das Wechselstromsystem durchsetzte, legte Edison den Grundstein für die Elektrifizierung und die industrielle Nutzung elektrischer Energie.

Die Fusion von 1892 und die Entstehung von General Electric

Die Fusion von Edison General Electric mit der Thomson-Houston Company brachte zwei komplementäre Stärken zusammen. Während Edison vor allem für Innovation und Systemdenken stand, verfügte Thomson-Houston über starke Managementstrukturen und wichtige Patente im Bereich der Wechselstromtechnik.

Das neue Unternehmen, General Electric, war von Anfang an ein Technologieführer. Es kombinierte Forschung, Produktion und Vertrieb auf einzigartige Weise. Besonders bemerkenswert war die frühe Investition in Forschung und Entwicklung. Das Unternehmen gründete eines der ersten industriellen Forschungslabore, das Innovation systematisch vorantrieb.

Diese Struktur ermöglichte es General Electric, in zahlreichen Bereichen führend zu werden: von der Stromerzeugung über Beleuchtung bis hin zu Haushaltsgeräten und industriellen Anwendungen.

Der Aufstieg zum globalen Industriegiganten

Im 20. Jahrhundert entwickelte sich General Electric zu einem der einflussreichsten Unternehmen der Welt. Der Konzern profitierte von der rasanten Industrialisierung und der steigenden Nachfrage nach elektrischen Produkten und Dienstleistungen.

Während des Ersten und Zweiten Weltkriegs spielte das Unternehmen eine wichtige Rolle in der Rüstungsproduktion. Nach dem Krieg expandierte es in neue Geschäftsfelder, darunter Luftfahrt, Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen.

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg war die Fähigkeit zur Diversifikation. General Electric war nicht nur ein Elektrizitätsunternehmen, sondern ein breit aufgestellter Industriekonzern. Diese Strategie reduzierte Risiken und eröffnete neue Wachstumsmöglichkeiten.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichte das Unternehmen seinen Höhepunkt. Unter der Führung von Jack Welch, der von 1981 bis 2001 CEO war, wurde General Electric zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt. Welch setzte auf Effizienz, Profitabilität und aggressive Expansion. Unter seiner Leitung stieg der Unternehmenswert erheblich, und General Electric wurde zum Synonym für unternehmerischen Erfolg.

General Electric als wertvollstes Unternehmen der Welt

In den späten 1990er und frühen 2000er Jahren galt General Electric als eines der wertvollsten Unternehmen weltweit. Die Marktkapitalisierung erreichte zeitweise über 500 Milliarden Dollar. Das Unternehmen war ein zentraler Bestandteil großer Aktienindizes und wurde von Investoren als stabil und innovativ angesehen.

Ein wesentlicher Treiber dieses Erfolgs war die Finanzsparte GE Capital. Sie generierte erhebliche Gewinne und trug maßgeblich zur Gesamtperformance bei. Gleichzeitig investierte der Konzern weiterhin in Technologie und Infrastruktur.

General Electric war in dieser Phase ein Paradebeispiel für einen globalen Mischkonzern, der in zahlreichen Branchen gleichzeitig erfolgreich agierte.

Der Niedergang und die strukturellen Probleme

Doch die Diversifikation, die einst als Stärke galt, entwickelte sich zunehmend zur Schwäche. Die Komplexität des Unternehmens erschwerte die Steuerung und führte zu Ineffizienzen. Zudem wurde GE Capital während der Globalen Finanzkrise 2008/09 zu einem erheblichen Risiko.

Die Krise legte die Verwundbarkeit des Unternehmens offen. General Electric war stark von kurzfristiger Finanzierung abhängig und musste staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen. Dies beschädigte das Vertrauen der Investoren nachhaltig.

Funfact: Der wahre Rettungsanker war aber nicht der Staat, sondern das Eingreifen von Warren Buffett. Dieser lieh GE Milliarden und vor allem seinen guten Namen - und nahm so der Panik ihre Kraft.

In den folgenden Jahren kämpfte das Unternehmen mit sinkenden Einnahmen, strategischen Fehlentscheidungen und wachsendem Wettbewerbsdruck. Mehrere CEOs versuchten, den Konzern neu auszurichten, doch die Probleme waren tiefgreifend.

Besonders kritisch war die Entwicklung im Energiesektor. Der Wandel hin zu erneuerbaren Energien stellte traditionelle Geschäftsmodelle infrage. Gleichzeitig belasteten hohe Schulden und schwache Margen die Bilanz.
 

Die Beinahe-Pleite

In den späten 2010er Jahren stand General Electric kurz vor dem Kollaps. Der Aktienkurs fiel drastisch, und das Unternehmen verlor einen Großteil seines Marktwerts. Analysten sprachen offen über die Möglichkeit einer Insolvenz.

Die Führung reagierte mit drastischen Maßnahmen: Geschäftsbereiche wurden verkauft, Kosten gesenkt und die Schulden reduziert. Der Fokus lag darauf, das Unternehmen zu stabilisieren und wieder profitabel zu machen. Diese Phase war geprägt von tiefgreifenden Einschnitten. Tausende Arbeitsplätze wurden abgebaut, und das Unternehmen zog sich aus zahlreichen Märkten zurück. Die einstige Ikone der Industrie war zu einem Sanierungsfall geworden.

Die strategische Neuausrichtung

Angesichts der anhaltenden Herausforderungen entschied sich General Electric schließlich zu einem radikalen Schritt, dem anschließend noch viel radikalere folgten. Denn am 1. Oktober 2018 wurde mit Larry Culp der erste externe Manager zum CEO von General Electric bestellt und mit ihm änderte sich... einfach alles.

Bevor Larry Culp seine Rettungsmission bei General Electric antrat, war er viele Jahre lang CEO der erfolgreichen Danaher Corp. Danaher ist eine Beteiligungsgesellschaft, die branchenführende Unternehmen aufkauft und durch ein eigens entwickeltes Traineeprogramm besonders fit macht. Mit dieser Methode hat Danaher über Jahrzehnte hinweg jährliche Renditen von deutlich über 20 Prozent erwirtschaftet und damit sogar Warren Buffetts Erfolge bei Berkshire Hathaway in den Schatten gestellt.

Bei General Electric stand Culp vor einer eigentlich unlösbaren Aufgabe, denn GE verbuchte Milliardenverluste. Die Finanzkrise 2008/09 hatte das Unternehmen schwer getroffen, vor allem seine Finanzsparte. Die Atomkatastrophe von Fukushima und die beginnende Abkehr von fossilen Kraftwerken setzten die Kraftwerkssparte unter Druck, wo GE vor Siemens Weltmarktführer war. Und in der Corona-Pandemie traf es GE besonders arg als einen der weltweit führenden Hersteller von Flugzeugtriebwerken.GE stand bei Culps Amtsantritt mit dem Rücken zur Wand. Das Unternehmen war chronisch ertragsschwach und überbordend verschuldet. Jedem war klar, dass die Sanierung über den Verkauf von milliardenschweren Sparten und Tochtergesellschaften laufen muss und wenn alle potenziellen Käufer von Notverkäufen wissen, drückt dies zusätzlich auf den Preis. Schlecht für den Verkäufer.

Doch Larry Culp ist ein Experte für Unternehmensführung und –sanierung. Er ließ sich nicht hetzen, die Notverkäufe blieben aus. Nach einer mehrmonatigen Bestandsaufnahme ging er seinen Sanierungsplan an und begann strategisch, Teile des Unternehmens zu veräußern. Und dabei erzielte er marktgängige Preise. Generel Electric verlor auf diese Weise zwar Umsatz, aber auch Schulden. Und am Markt begann sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass GE wohl doch die Kurve kriegen könnte.

Aufspaltung als Wiedererweckung

Nach der Sanierung und deutlichen Reduzierung der Verschuldung durch Spartenverkäufe startete Larry Culp Phase 2 seines Rettungsplans: die Aufspaltung des Konzerns in mehrere unabhängige Unternehmen.

Diese Entscheidung spiegelte einen grundlegenden Wandel in der Unternehmensstrategie wider. Statt eines breit diversifizierten Konglomerats setzte man nun auf fokussierte, spezialisierte Unternehmen.

Die Aufspaltung umfasste drei Hauptbereiche:
  1. Gesundheitswesen – GE Healthcare als eigenständiges Unternehmen für Medizintechnik und Diagnostik
  2. Energie – GE Vernova mit Fokus auf Stromerzeugung und erneuerbare Energien
  3. Luftfahrt – GE Aerospace als hochprofitabler Bereich mit Fokus auf Triebwerkstechnologie
Diese Struktur sollte es den einzelnen Einheiten ermöglichen, flexibler und effizienter zu agieren. Gleichzeitig konnten Investoren gezielter in spezifische Branchen investieren.

Dabei markierte die Aufspaltung von General Electric das Ende einer Ära. Der klassische Mischkonzern, der über Jahrzehnte hinweg als Erfolgsmodell galt, wurde durch spezialisierte Unternehmen ersetzt.

Diese Entwicklung spiegelt einen breiteren Trend in der Wirtschaft wider. In einer zunehmend komplexen und dynamischen Welt sind fokussierte Unternehmen oft besser in der Lage, sich an Veränderungen anzupassen.

Für General Electric bedeutete dieser Schritt eine Chance zur Erneuerung. Die einzelnen Unternehmen können sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und gezielt Innovationen vorantreiben.

Mein Fazit

Die Geschichte von General Electric ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Dynamik des Kapitalismus. Vom Pionier der Elektrifizierung über den Aufstieg zum globalen Industriegiganten bis hin zum dramatischen Niedergang und der anschließenden Neuausrichtung spiegelt sie die Chancen und Risiken unternehmerischen Handelns wider.

Die Elektrifizierung war der Ausgangspunkt dieser Entwicklung – eine technologische Revolution, die die Welt nachhaltig veränderte. Thomas Edison spielte dabei eine zentrale Rolle, doch der Erfolg von General Electric beruhte letztlich auf der Fähigkeit, Innovation in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen.

Der Niedergang des Unternehmens zeigt jedoch auch, dass Größe und Diversifikation keine Garantie für langfristigen Erfolg sind. Komplexität, strategische Fehlentscheidungen und externe Schocks können selbst die stärksten Unternehmen ins Wanken bringen.

Die Aufspaltung von General Electric ist daher nicht nur ein unternehmerischer Schritt, sondern auch ein Symbol für den Wandel der globalen Wirtschaft. Sie zeigt, dass Anpassungsfähigkeit und Fokussierung entscheidend sind, um in einer sich ständig verändernden Welt zu bestehen.

General Electric mag in seiner ursprünglichen Form nicht mehr existieren, doch sein Einfluss auf die moderne Welt bleibt unbestreitbar. Die Elektrifizierung, die das Unternehmen mit vorangetrieben hat, bildet weiterhin das Fundament unserer technologischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Und die drei Nachfolgeunternehmen gehören in ihren Branchen jeweils zu den globalen Marktführern. Sie haben den Schatten der Erfolglosigkeit und des Beinahe-Bankrotts abgeschüttelt und präsentieren sich heute wieder als erfolgshungrige Kraftpakete, die auch ihren Anlegern wieder viel Freude bereiten.

Die Geschichte von General Electric erinnert an eine alte Weisheit: Jedem Scheitern wohnt ein neuer Anfang inne.

Disclaimer: Habe GE Aerospace, GE Healthcare, GE Vernova auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

2 Kommentare:

  1. Warum muss ich beim Lesen unweigerlich an Herrn Elon Musk denken!

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  2. Danke für den mal wieder sehr informativen Artikel! Gruß, Reginald

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