▶ ÜBERSICHT | THEMENSCHWERPUNKTE

Freitag, 10. April 2026

Kissigs Nebenwerte-Analyse zu Berthold Hermle: Ein echter Hidden Champion des deutschen Maschinenbaus

Im Magazin "Der Nebenwerte Investor" von Traderfox finden sich regelmäßig Analysen von mir zu deutschen Nebenwerten. Das Magazin ist kostenpflichtig und wer dieses oder eine der weiteren Börsenzeitschriften von Traderfox bestellen möchte, gelangt ▶ hier zur Übersicht. Mehrwert für die Leser meines Blogs: Nach Erscheinen des Magazins darf ich meine Nebenwerte-Analysen dann auch hier veröffentlichen.


Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 08/2026 vom 09.04.2026

Aktien in dieser Ausgabe: FRoSTA, Hermle, WashTec

Berthold Hermle: Ein Hidden Champion des deutschen Maschinenbaus

Die Maschinenfabrik Berthold Hermle AG zählt zu den herausragenden Vertretern des deutschen Maschinenbaus. Mit seiner soliden Bilanzstruktur und seiner attraktiven Dividendenpolitik konnte der "Hidden Champion" sich über viele Jahre eine treue Anlegerschar aufbauen, auch wenn der Aktienkurs schon seit 2018 keine Freude mehr bereitet, als er sein Allzeithoch bei über 400 Euro markierten konnte. Dabei lief 2025 deutlich besser als erwartet.

Das Unternehmen mit Sitz in Gosheim in Baden-Württemberg ist international führend in einer hochspezialisierten Nische, bleibt jedoch außerhalb der Industrie vergleichsweise wenig im öffentlichen Fokus.

Gegründet im Jahr 1938 von Berthold Hermle, begann die Firmengeschichte zunächst mit der Produktion von Schrauben und Drehteilen. Erst ab 1957 verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Herstellung von Fräsmaschinen – eine strategische Entscheidung, die den langfristigen Erfolg maßgeblich prägen sollte.

Heute beschäftigt Hermle rund 1.600 Mitarbeiter und erwirtschaftet einen Jahresumsatz im mittleren dreistelligen Millionenbereich. Das Unternehmen hat sich insbesondere im Bereich hochpräziser CNC-Bearbeitungszentren etabliert und genießt weltweit einen exzellenten Ruf für Qualität, Präzision und technologische Innovationskraft.

Präzision und Systemintegration als Kern

Das Geschäftsmodell des schwäbischen Werkzeugmaschinen- und Automationsspezialisten basiert im Kern auf der Entwicklung, Produktion und dem Vertrieb von hochpräzisen CNC-Bearbeitungszentren. Diese Maschinen werden in der industriellen Fertigung eingesetzt und ermöglichen die Bearbeitung komplexer Werkstücke mit höchster Genauigkeit. Besonders im Fokus stehen dabei 5-Achs-Bearbeitungszentren, die es erlauben, Bauteile in einem einzigen Arbeitsgang vollständig zu fertigen. Dies reduziert nicht nur Produktionszeiten, sondern erhöht auch die Präzision erheblich.

Hermle positioniert sich bewusst im Premiumsegment. Die Maschinen sind technologisch anspruchsvoll, entsprechend kostenintensiv, bieten jedoch erhebliche Effizienz- und Qualitätsvorteile für die Kunden. Diese stammen überwiegend aus Branchen mit besonders hohen Anforderungen, wie dem Werkzeug- und Formenbau, der Luft- und Raumfahrt, der Medizintechnik sowie der Automobilzulieferindustrie.

In den vergangenen Jahren hat sich Hermle zunehmend vom reinen Maschinenhersteller zum Anbieter ganzheitlicher Fertigungslösungen entwickelt. Neben den Maschinen selbst umfasst das Angebot auch Automationslösungen, Softwareintegration sowie umfassende Serviceleistungen. Diese vertikale Integration stärkt die Kundenbindung und schafft zusätzliche Erlösquellen.

Automatisierung und Service als strategische Säulen

Ein wesentlicher Wachstumstreiber ist das Geschäft mit Automationslösungen. Hermle bietet modulare Systeme an, die Produktionsprozesse weitgehend automatisieren können. Diese ermöglichen eine nahezu mannlose Fertigung und sind insbesondere vor dem Hintergrund steigender Lohnkosten und zunehmenden Fachkräftemangels von großer Bedeutung. Kunden profitieren von höherer Produktivität, geringeren Fehlerquoten und einer besseren Auslastung ihrer Anlagen.

Parallel dazu gewinnt das Servicegeschäft zunehmend an Bedeutung. Wartung, Ersatzteile, Schulungen und Software-Updates sorgen für kontinuierliche Einnahmen und stabilisieren das ansonsten stark konjunkturabhängige Geschäft. Gleichzeitig entsteht eine enge, langfristige Bindung zwischen Hermle und seinen Kunden, da die Maschinen oft über viele Jahre im Einsatz bleiben.

Geschäftsstruktur und operative Bereiche

Auch wenn Hermle keine klassische Segmentberichterstattung wie Großkonzerne ausweist, lässt sich sein Business in mehrere operative Bereiche unterteilen. Den größten Anteil nimmt der Verkauf von Maschinen ein, der durch das wachstumsstarke Segment der Automationslösungen sowie das Service- und After-Sales-Geschäft ergänzt wird.

Darüber hinaus spielt der internationale Vertrieb eine zentrale Rolle. Hermle verfügt über ein dichtes Netzwerk aus Tochtergesellschaften und Vertriebsniederlassungen, die sowohl den Verkauf als auch den Service vor Ort sicherstellen. Diese Struktur ermöglicht es, nah am Kunden zu agieren und gleichzeitig globale Märkte effizient zu bedienen.

Internationale Ausrichtung und regionale Verteilung

Ein Erfolgsfaktor für Hermle ist die starke Internationalisierung. Der Exportanteil liegt traditionell bei deutlich über 60%, was die hohe globale Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens unterstreicht. Während Deutschland weiterhin ein wichtiger Absatzmarkt ist, wird das Wachstum zunehmend im Ausland generiert.

Zu den wichtigsten Märkten zählen neben Europa insbesondere Nordamerika und Asien. Die USA spielen dabei eine zentrale Rolle, sowohl als Absatzmarkt als auch als strategischer Wachstumstreiber. In Asien, insbesondere in China und Südostasien, ergeben sich zusätzliche Chancen durch den steigenden Industrialisierungsgrad und die zunehmende Nachfrage nach hochpräziser Fertigungstechnologie.

Auffällig ist dabei die unterschiedliche Entwicklung der Regionen: Während die Nachfrage in Deutschland zuletzt schwächer ausfiel, zeigte sich das Auslandsgeschäft deutlich robuster und konnte teilweise sogar wachsen. Diese geografische Diversifikation wirkt stabilisierend auf die Gesamtentwicklung. Eigentlich. Denn die Zollpolitik der USA belastet Hermle als exportorientiertes Unternehmen nicht unerheblich und die sich zuspitzende Energiekrise in Asien aufgrund des Nahost-Kriegs dämpft die Erwartungen an die dortigen Geschäftserfolge zusätzlich.

Zyklische Geschäftsentwicklung

Dabei ist Hermle als Hersteller von Investitionsgütern ohnehin naturgemäß stark konjunkturabhängig. In wirtschaftlich starken Phasen investieren Unternehmen verstärkt in neue Maschinen und Produktionskapazitäten, was zu steigenden Auftragseingängen und Umsätzen führt. In schwächeren Phasen hingegen werden Investitionen häufig verschoben oder gestrichen.

Diese Zyklik spiegelt sich in den Geschäftszahlen wider. Auf Phasen starken Wachstums folgen regelmäßig Perioden mit rückläufigen Umsätzen und Ergebnissen. Dennoch zeigt sich langfristig eine stabile Aufwärtsentwicklung, getragen von technologischer Kompetenz und einer klaren Marktpositionierung im Premiumsegment.

Als einer der aufstrebenden dynamischen Kunden gilt das US-Unternehmen Hadrian, das mit Hilfe KI-gestützter Automatisierung moderne Fertigungsanlagen insbesondere für die Luft- und Raumfahrt und die Verteidigungsindustrie errichtet. Ziel ist, durch den Einsatz von KI und Robotik Personalkosten massiv zu senken und so die US-Industrie zu re-industrialisieren. Inwieweit sich für Hermle hier bisher unbeachtete Chancen auftun, oder ob es sich nur um einmalige Effekte handelt, dürfte eine spannende Entwicklung in den nächsten Monaten und Jahren sein.

Das Geschäftsjahr 2025 entwickelte sich in einem extrem schwierigen und turbulenten Umfeld besser als erwartet, wie Hermle bei Vorlage seiner vorläufigen Geschäftszahlen Mitte März berichtete. Der Auftragseingang erhöhte sich konzernweit um rund 6% auf rund 484 Mio. Euro, wofür vor allem unerwartete, umfangreiche Großaufträge aus dem Ausland verantwortlich waren, die im zweiten Halbjahr zu einem Zwischenhoch führten und die schwache Inlandsnachfrage überkompensierten. Entsprechend stieg der Bestelleingang im Gesamtjahr 2025 aus dem Ausland deutlich an.

Im Inland wurde dagegen ein Rückgang verzeichnet, was neben der anhaltenden Verunsicherung durch die Zollpolitik der USA auf standortspezifische Faktoren wie die Konjunkturflaute, strukturelle Probleme in der Automobilbranche, hohe Energiekosten, erschwerte Finanzierungsbedingungen sowie die ausufernde Bürokratie zurückzuführen war. Der Auftragsbestand des Hermle-Konzerns belief sich am 31. Dezember 2025 auf rund 91 Mio. Euro nach 99 Mio. Euro im Vorjahr. Da die Großaufträge aus dem zweiten Halbjahr bis zum Jahresende weitgehend abgearbeitet wurden, kam es zwischenzeitlich zu einer gesunden Stabilisierung der Auslastung und der Hermle-Konzernumsatz stieg 2025 insgesamt leicht auf 492 Mio. Euro. In den übrigen Monaten des Jahres waren die Kapazitäten hingegen nicht ausreichend ausgelastet., so dass das Unternehmen daher erneut Bremstage und Kurzarbeit einsetzen musste.

Die Ertragslage war zusätzlich durch vielfältige negative Effekte wie Lohn- und Energiepreissteigerungen, bürokratische Auflagen und Währungsverschiebungen beeinträchtigt. Das Betriebsergebnis (EBIT) des Hermle-Konzerns reduzierte sich daher um circa 19% auf rund 69 Mio. Euro, lag damit aber deutlich über den Erwartungen zu Jahresbeginn. Auch die im November 2025 angehobene Prognose, in der noch von einem Rückgang um mindestens 25 % ausgegangen wurde, konnte damit übertroffen werden.

Auf Grundlage der vorläufigen Zahlen gibt Hermle der Hauptversammlung am 1. Juli eine Ausschüttungsempfehlung für das Geschäftsjahr 2025 von 9,50 Euro je Stamm- und 9,55 Euro je Vorzugsaktie. Damit liegt die Dividende deutlich unter den Vorjahreswerten von 11,00 Euro bzw. 11,05 Euro, ergäbe allerdings eine überdurchschnittlich attraktive Dividendenrendite von fast 6%.

Stühlerücken in der Chefetage

Mit Wirkung zum 1. November 2026 kommt es zu Veränderungen auf der Vorstandsebene. Der bisherige Finanzvorstand Günther Beck scheidet altersbedingt aus. Seinen Posten übernimmt der bisherige Controlling-Chef und Generalbevollmächtigte Jürgen Oswald. Zeitgleich wird der bisherige Produktions- und Personalvorstand Benedikt Hermle zum CEO ernannt.

Ein abrupter Kurswechsel ist damit nicht zu erwarten, sondern vielmehr die Fortsetzung des bisherigen Kurses mit moderaten Anpassungen.

Bullcase vs. Bearcase

Trotz der zyklischen Natur des Geschäfts bietet das Umfeld zahlreiche strukturelle Wachstumschancen. Ein zentraler Treiber ist die fortschreitende Automatisierung der Industrie. Unternehmen investieren zunehmend in flexible, vernetzte Produktionssysteme, um ihre Effizienz zu steigern und wettbewerbsfähig zu bleiben. Hermle ist mit seinem integrierten Lösungsansatz gut positioniert, um von diesem Trend zu profitieren.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Fachkräftemangel. In vielen Industrieländern fehlen qualifizierte Arbeitskräfte, was den Bedarf an automatisierten Fertigungslösungen zusätzlich erhöht. Maschinen, die weitgehend autonom arbeiten können, gewinnen daher an Attraktivität. Darüber hinaus profitiert Hermle von der Entwicklung wachstumsstarker Branchen wie der Medizintechnik, der Luft- und Raumfahrt sowie der Halbleiterindustrie. Diese Sektoren stellen besonders hohe Anforderungen an Präzision und Qualität und sind bereit, entsprechend in hochwertige Maschinen zu investieren.

Demgegenüber stehen jedoch nicht unerhebliche Risiken gegenüber. So bleibt die starke Konjunkturabhängigkeit ein zentrales Thema, denn in wirtschaftlichen Abschwüngen kann die Nachfrage nach Investitionsgütern schnell einbrechen, was sich unmittelbar auf Umsatz und Ergebnis auswirkt. Die ansehbaren konjunkturellen Rückgänge in den nächsten Monaten werden also eine Rolle spielen.

Hinzu kommt die Abhängigkeit von bestimmten Schlüsselindustrien, insbesondere der Automobilindustrie. Strukturwandelprozesse, etwa im Zuge der Elektromobilität, können hier zu Unsicherheiten führen. Auch geopolitische Risiken spielen eine zunehmend wichtige Rolle.

Des Weiteren können Handelskonflikte, Zölle oder politische Spannungen internationale Lieferketten und Absatzmärkte beeinträchtigen, wie wir es aktuell durch den Nahost-Krieg erleben. Für den Produktionsstandort Deutschland ergeben sich weitere Herausforderungen, da höhere Energiepreise, steigende Löhne und zunehmende regulatorische Anforderungen die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen. Gleichzeitig erfordert die Positionierung im Premiumsegment kontinuierlich hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Hermle begegnet diesen Herausforderungen mit einer klaren strategischen Ausrichtung. Der Fokus liegt konsequent auf Qualität, Präzision und technologischer Führerschaft. Statt auf Massenproduktion setzt das Unternehmen auf hochspezialisierte Lösungen für anspruchsvolle Kunden.

Diese Strategie ermöglicht es, höhere Margen zu erzielen und sich vom Wettbewerb abzugrenzen. Gleichzeitig schafft sie eine starke Kundenbindung, da die Maschinen oft individuell angepasst und langfristig genutzt werden. Die Kombination aus Maschinen, Automatisierung und Service bildet ein integriertes Angebot, das für viele Kunden einen erheblichen Mehrwert darstellt.

Mein Fazit

Hermle ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Leistungsfähigkeit des deutschen Maschinenbaus. Das Unternehmen verbindet technologische Exzellenz mit einer klaren strategischen Ausrichtung und einer zunehmenden Internationalisierung.

Das Geschäftsmodell ist robust, dennoch zyklisch. Während kurzfristige Schwankungen unvermeidlich sind, sprechen langfristige Trends wie Automatisierung, Digitalisierung und der steigende Bedarf an hochpräziser Fertigung für weiteres Wachstum. Wenn es Hermle gelingt, seine technologische Führungsposition zu behaupten und weiter auszubauen, dürfte das Unternehmen auch in Zukunft eine bedeutende Rolle im globalen Maschinenbaumarkt spielen.

Die Re-Industrialisierung der USA, aber auch Europas, durch KI und Automation als Ersatz hoher Personalkosten könnte Hermle große Chancen bieten – ob dies gelingt, wird in den nächsten Jahren zeigen. Für den Aktienkurs könnte dies dann endlich auch wieder größere Hoffnung bringen und die Aktie neben der hohen Dividendenrendite zusätzlich attraktiv machen.

Die 4 wichtigsten Dinge, die man über Hermle wissen muss

  1. Hermle ist ein führender Hersteller hochpräziser CNC-Bearbeitungszentren und zählt zu den technologisch stärksten Nischenanbietern im globalen Maschinenbau.
  2. Das Geschäftsmodell basiert auf Premium-Maschinen, ergänzt durch Automationslösungen und ein wachsendes Servicegeschäft, was zu hohen Margen und starker Kundenbindung führt.
  3. Hermle erzielt einen Großteil seines Umsatzes im Ausland und profitiert besonders von der Nachfrage aus Hightech-Branchen wie Medizintechnik, Luftfahrt und Präzisionsfertigung.
  4. Das Unternehmen ist stark konjunkturabhängig, hat aber durch Trends wie Automatisierung und Fachkräftemangel langfristig attraktive Wachstumsperspektiven.

1 Kommentar:

  1. Hi Michael, mal ein Blick aus der Praxis für dich zum Thema Bearbeitungsmaschinen.

    Wir sind in der Antriebstechnik unterwegs, Hauptsächlich runde Teile: Drehen, Bohren, Fräsen, Nuten.

    Losgrößen zwischen 1 und 5000.

    Wir setzten bei kleinen Losgrößen auch auf 5 achs Bearbeitung, allerdings zu 100% DMG oder Mazak.

    Was ich dir sagen kann ist, dass wir keine von Hermle einsetzen. Einfach weil zu teuer.

    Mag für andere Maschinenbauer vllt nicht gelten, aber DMG scheint hier der Maßstab zu sein.

    AntwortenLöschen