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Mittwoch, 22. Februar 2023

Kissigs Nebenwerte-Analyse: ABO Wind baut die Energiewende

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Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 1/2023 vom 26.01.2023

Aktienbesprechungen in dieser Ausgabe:
  • Delignit
  • Berentzen
  • Kontron
  • Deutsche Rohstoff AG
  • ABO Wind
  • DIC Asset
  • Deutsche Beteiligungs AG
  • Elmos Semiconductor

ABO Wind baut die Energiewende

Energiewende und Klimanotstand sind schon länger Thema, doch seit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine werden Energiealternativen zu russischem Öl und Gas als "Freiheitsenergie" gehandelt. Wind- und Solarkraft kommt hierbei eine besondere Rolle zu und ABO Wind rückt als Wind- und Solarparkersteller zunehmend in den Mittelpunkt des Interesses.

Wind- und Solarkraft sind zwei der bevorzugten alternativen Zukunftsenergien, weil sie - zumindest theoretisch - beinahe unbegrenzt zur Verfügung stehen. In der Praxis gibt es allerdings einige Hürden, bevor sie fossile Energieträger ersetzen können.

Das Unternehmen baut Energieparks, hat aber keinen eigenen Bestand. Das war früher anders, da wurde ein Teil der Parks in der ABO Invest AG untergebracht. Doch beide Unternehmen sind inzwischen völlig voneinander getrennt und entflochten und die ABO Invest wurde konsequenterweise umbenannt - diese clearvise AG ist ebenfalls börsennotiert.

Geschäftsmodell

Mit einem Umsatzanteil von 60 % ist die Errichtung und Konstruktion von Energieparks das wichtigste Standbein von ABO Wind. Weitere 32 % Umsatzanteil entfallen auf die Planung und den Verkauf von Energieparks. Der Bereich Services macht 7,5 % aus, denn mit Dienstleistungen rund um die kaufmännische Betriebsführung, Services, Prüfung und Wartung von Wind- und Solarparks generiert man stetige Einnahmen.

Gegründet wurde das Unternehmen bereits im Jahr 1996 und hat seinen Schwerpunkt auf Windenergie gelegt. Neben Deutschland gehören Frankreich, Griechenland und Spanien zu den aktivsten Regionen von ABO Wind. In den letzten Jahren hat man das Spektrum jedoch erweitert und ist inzwischen auch im Bereich von Biogasanlagen und dem Aufbau von Solarparks die zunehmend an Bedeutung gewinnen und seit 2020 ist man auch im Bereich Batteriespeicher engagiert.

Weltweit sind knapp 1.000 Mitarbeiter für das Unternehmen tätig. Es wurden bis heute Energieprojekte mit einer Leistung von knapp 5 Gigawatt verkauft, von denen rund 2,5 GW bereits errichtet sind. Aktuell hat ABO Wind Projekte für 20,2 GW in 16 Ländern in der Pipeline. Die errichteten Anlagen erzeugen jährlich mehr als 4 Mrd. Kilowattstunden und sparen dadurch 200 Mio. t CO2 pro Jahr ein.

Klimawende

Nicht erst durch die Fridays for Future-Bewegung gewann das Thema Klimawende an Popularität. Immer mehr Staaten erkannten, dass globale Klimaveränderungen sich auch lokal auswirken werden und Prävention am Ende sinnvoller sein könnte als Reaktion. Denn die sich häufenden Waldbrände, Flutkatastrophen und Dürren erzeugen immer höhere Kosten und dieses Geld könnte auch in grüne Energieerzeugung fließen anstatt in den Versuch, die immer verheerenderen Folgen des Klimawandels zu kompensieren.

Unter Joe Biden schwenkten selbst die USA wieder um und bekannten sich zu den Pariser Klimazielen. Es wurden große Fördertöpfe geschaffen, wie der 700 Mrd. Euro schwere Green Deal der EU, um den Ausbau regenerativer Energieerzeugung zu forcieren und um neuen Energien zum Durchbruch zu verhelfen. Wie dem grünen Wasserstoff.

Grüner Wasserstoff

Grüner Wasserstoff bezeichnet mit Elektrolyseuren durch Wasserspaltung gewonnenen Wasserstoff, bei dem die für die Elektrolyse nötige Energie vollständig durch erneuerbaren Energien wie z. B. Windenergie oder Sonnenenergie gedeckt wurde. Er gilt als die einzige umweltfreundliche, klimaneutrale Möglichkeit der Wasserstoffgewinnung. Perspektivisch soll damit zumindest ein Teil des heutigen Verbrauchs von fossiler Energie aus Erdöl, Erdgas und Kohle ersetzt werden.

Im Gegensatz zu Strom wird mit Wasserstoff speicherbare Sekundärenergie gewonnen. Auf diese Weise kann eine zeitliche und örtliche Entkopplung zwischen Erzeugung und Verbrauch erreicht werden. Da die Stromspeicherung noch immer eine Achillesferse der Energiewende ist, kommt grünem Wasserstoff zunehmend Bedeutung zu. So scheint die Sonne mittags am stärksten, wenn der Stromverbrauch aber relativ gering ist. Und der Wind bläst oft zu Zeiten, wo der Strombedarf gering ist. Der Strom, der nicht ins Netz eingespeist werden kann, kann nun in Wasserstoff umgewandelt werden und ist in dieser Form und ohne Batterie langfristig speicherbar.

Im Wege des Power-to-X-Verfahrens kann aus dem grünem Wasserstoff aber auch klimafreundliches Brenngas (Power-to-Gas) oder synthetischer Kraftstoff (Power-to-Liquid) gewonnen werden. Wasserstoff gilt als ein Treibstoff der Zukunft im Rahmen einer möglichen Wasserstoffwirtschaft.

Hürden und Hemmnisse

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat das Thema Energiesicherheit auf der Agenda vieler Statten ganz weit nach oben geschoben. Die EU und vor allem Deutschland hingen bisher stark von Erdgas aus Russland ab und haben eine drastische und teure Kehrtwende vollzogen, um auf alternative Energiequellen zu setzen. Gas bleibt wichtig, aber statt Erdgas aus Russland wir d auf LNG gesetzt.

Zudem wird der Ausbau von Wind- und Solarkraft forciert. Theoretisch zumindest, denn in der Praxis steht dem Wollen und Wünschen viel Widerstand entgegen: zähe Bürokratie, langsame Verwaltungen, Umweltlobbyismus und Gerichtsverfahren. Hinzu gesellen sich die enormen Kostensteigerungen bei Material und Energie und Personal ist nicht immer verfügbar. Und dann haben viele Staaten auch noch "Zufallsgewinnabschöpfungen" installiert, die auch die Erzeuger regenerativen Stroms finanziell massiv belasten. In Summe sind das gewaltige Hürden, die den Unternehmen in der 2. Jahreshälfte 2022 das Geschäft vermiest haben. Man kann das auch gut an den Aktienkursen ablesen, die einen erheblichen Teil der Kursgewinne aus dem 1. Halbjahr wieder abgeben mussten.

Besserung in Sicht

Es gibt aber inzwischen vermehrt positive Entwicklungen. So sind die Energiepreise gefallen, die Zinsen haben sich ebenfalls von ihrem Zwischenhoch wieder abgesetzt, Material ist wieder verfügbar und bei den nächsten Ausschreibungen der Bundesnetzagentur wird der frisch eingeführte 25 %-Aufschlag bei der Vergütung gezogen, so dass vermutlich wieder ausreichend Projekte angemeldet werden.

Quelle: wallstreet-online.de
Des Weiteren stehen neue Flächenausweisungen an, denn am 1. Februar wird das "Wind-an-Land-Gesetz" in Kraft treten, das die Bundesländer verpflichtet, um die 2 % ihrer Landesflächen als Windkraftflächen auszuweisen. Das klingt erstmal nicht ambitioniert, denn für Schleswig-Holstein gelten künftig 2 %, während das Land heute schon eine Quote von 2,03 % ausweist. Doch der Fortschritt steckt im Detail: der Bunde berechnet die Flächen anders als das Land. Die Nordländer haben in ihren Regionalplänen die Windvorranggebiete als inkl. Rotor kalkuliert, während der Bund nur bis zur Nabenhöhe rechnet. In der Folge können bei der Bundesberechnung deutlich größere Teile der ausgewiesenen Flächen auch wirklich bebaut werden und müssen nicht als Abstandflächen herhalten. Für Schleswig-Holstein sinkt die selbst kalkulierte Quote von 2,03 % auf 1,3 % - und daraus müssen bis 2032 nun 2,0 % werden. Ordentlich Potenzial.

Meilensteine

In den letzten Monaten konnte ABO Wind einige große Erfolge feiern. So konnte mit dem Netzanschluss des Windparks Donaboròw (20 MW) der erste polnische Windpark komplett fertiggestellt werden. ABO Wind ist seit 2017 in Polen tätig und arbeitet gegenwärtig mit 14 Mitarbeitern an Wind-, Solar- und Batterieprojekten mit einer Leistung von mehr als 400 NW.

Im Oktober 2022 wurde zudem der erste große eigenständige Batteriespeicher in Nordirland in Betrieb genommen. Die Anlage in Kells hat eine Leistung von 50 MW bzw. 25MWh und zählt mit weniger als 150 Millisekunden Reaktionszeit zu den schnellsten Speichersystemen der Welt. ABO Wind plant derzeit eine Reihe ähnlicher Projekte in mehreren Ländern. In Deutschland hat das Unternehmen 2022 bereits drei Baugenehmigungen für reine Batterieprojekte erhalten.

Auch in Südafrika gab es Fortschritte. Nach dem Erreichen bestimmter Meilensteine sind bereits 2021 geschlossene Kaufverträge im September 2022 verbindlich geworden. Bei den beiden 100 MW-Solarprojekten dürfte es sich um die bislang größten Erneuerbare Energien-Projekte Afrikas handeln, die über einen privatrechtlichen Stromabnahmevertrag (PPA) für erneuerbare Energien finanziert werden. ABO Wind ist seit 2018 in Südafrika aktiv und das 16-köpfige in Kapstadt ansässige Team arbeitet aktuell an Wind- und Solarprojekten mit insgesamt 4.000 MW Leistung.

In Kanada hat ABO Wind Projektrechte an einem 515 MW Windpark verkauft. Das Großprojekt in der Provinz Alberta ist baureif, nachdem die Alberta Utility Commission Genehmigungen für den Bau von 83 Siemens Gamesa-Anlagen mit je 6,2 MW Leistung sowie für den Netzanschlussausgestellt hat. Die geplante jährliche Stromproduktion von 1.500 GWh zeugt von den ausgezeichneten Windbedingungen mit Volllaststunden von fast 3,000 MWh/MW.

Schuldscheindarlehen platziert

Zur Finanzierung des angepeilten Wachstums hat ABO Wind im September 2022 ein Schuldscheindarlehen bei 17 Banken platziert. Aufgrund des großen Interesses wurde die ursprünglich anvisierte Summe von 50 Mio. um 40 % auf 70 Mio. Euro aufgestockt. Die Tranchen des Schuldscheindarlehens weisen sowohl feste als auch variable Zinssätze und Laufzeiten von drei, fünf und sieben Jahren auf.

Ausblick angehoben

ABO Wind hat zum Jahresende hin einen echten Schlussspurt hingelegt und daher Anfang Dezember seine Prognosen erhöht. Nach einem besser als erwarteten Geschäftsverlauf im 2. Halbjahr mit Verkäufen großer Wind- und Solarparkprojekte (515 MW-Windparkprojekt in Kanada und zwei 100 MW-Solarparkprojekte in Südafrika) hat ABO Wind seine Guidance für das Nettoergebnis von 13,8 Mio. auf fast 17 Mio. Euro erhöht.

Und auch das Jahr 2023 soll besser laufen als zuvor gedacht: das Nettoergebnis soll zwischen 22 und 26 Mio. Euro liegen, nachdem ABO Wind das Überschreiten der 20 Mio. Euro-Schwelle erst für 2024 erwartet hatte.

Stärkerer Fokus auf Finnland und Südafrika

Während in Deutschland der Ausbau in den letzten Jahren stockte, trieb ABO Wind seine Pläne in anderen Ländern tatkräftig voran. Neben Deutschland sind Frankreich und Spanien wichtige Standorte, doch nun sind große Projekte in Finnland und Südafrika in Planung.

Diese befinden sich überwiegend allerdings noch in der frühen Planungsphase I und werden noch länger brauchen, bis sie in Betrieb genommen werden können. Es ist daher wahrscheinlich, dass ABO Wind hier einen größeren Anteil bereits im Projektstatus veräußert.

Des Weiteren sind die Margen in Deutschland und Frankreich wesentlich höher als in den südlichen Ländern. Finnland gewinnt aber deutlich an Gewicht und dort befinden sich auch mehrere Projekte auf der Zielgeraden.

So könnte der bislang größte Windpark von ABO Wind bereits im Sommer 2023 ans Netz gehen – in Finnland. Mit einer Leistung von 86,8 MW ist "Pajuperänkangas" das größte Einzelprojekt des Unternehmens. Abo Wind übernimmt hierbei die komplette Wertschöpfung von der Planung bis zur schlüsselfertigen Übergabe.

Doch auch in Irland gab es kürzlich Erfolge. ABO Wind veräußerte am 24.02.2022 einen Windpark in Irland an den Banken-Spezialfonds Encavis Infrastucture Fund IV. Finanzielle Details wurden allerdings nicht genannt.

Risiken

Die Störungen der globalen Lieferketten beeinträchtigen auch ABO Wind. So gibt es weiterhin Verzögerungen bei der Lieferung von Windturbinen und insgesamt sind die Preise für Roh- und Betriebsstoffe deutlich angestiegen, vor allem die Stahlpreise.

Das dürfte sich im 4. Quartal 2022 trotz gegenläufiger Entspannungstendenzen noch negativ bemerkbar gemacht haben – umso überzeugender sind die Anhebungen der Prognosen für 2022 und 2023.

Aktionärsstruktur

Die Aktien liegen mehrheitlich in der Hand der Gründerfamilien Ahn und Bockholt, die jeweils 26,0 % halten. Mainova ist mit 10,0 % strategisch beteiligt und der Streubesitz liegt folglich bei 38 %. Diese Konstellation gibt dem Unternehmen Sicherheit. Aber der Einfluss der Gründer ist auch prägend.

Bullcase vs. Bearcase

Im Gegensatz zu vielen anderen EE-Aktien konnte sich ABO Wind nach dem September-Einbruch kräftig erholen und hat seitdem um 20 Euro auf aktuell 80 Euro angezogen – Allzeithoch. Die Bewertung ist dem entsprechend auf stolze 725 Mio. Euro angewachsen.

Da ABO Wind keine Energieparks im Bestand hat, ist das Unternehmen auch nicht von der Übergewinnabschöpfung betroffen, die so viele branchenwerte belastet (hat). Der reine Fokus auf die Konzipierungen und Erstellung der EE-Parks hat sich zuletzt als starkes Alleinstellungsmerkmal bewährt.

Die Bewertung ist nach dem Kursanstieg nicht mehr ganz günstig, aber mittel- und langfristig steht hohes Wachstum auf dem Programm. Hohe Zinsen und niedrigere Einspeisevergütungen bringen Gegenwind mit sich, aber die Nachfrage nach EE-Anlagen wird hoch bleiben und weiter zunehmen.

Da der Strompreis aufgrund des Merit-Order-Prinzips nach wie vor vom Gaspreis anhängt und dieser in den letzten Wochen sehr deutlich von seinen Höchstständen im Herbst zurückgekommen ist, und zudem der Januar 2023 sich als sehr windstark darstellt, ist der Strompreis ebenfalls kräftig gefallen – die Strompreisbremse, die momentan PPA-Abschlüsse (Power-Purchase-Agreements) unrentabel macht, könnte bei dieser Konstellation demnächst wie geplant auslaufen und damit PPA-Verträge wieder attraktiv machen. Mit derartig festgezurrter Vergütung fällt die Finanzierung bei Banken viel leichter und die Nachfrage dürfte sich auch deshalb wieder spürbar erhöhen. Ein weiterer Lichtblick für ABO Winds Geschäfte und seine Aktie. ABO Wind bleibt ein absoluter Energiewendegewinner.

Die 4 wichtigsten Dinge, die man über ABO Wind wissen muss

  1. ABO Wind erstellt und baut Wind- und Solarparks in 16 Ländern und verfügt über eine große Projektpipeline, die zunehmend wertvoller wird.
  2. Preissteigerungen bei Rohstoffen und Material sowie Störungen der Lieferketten belasten, doch die negativen Effekte bauen sich zunehmend ab.
  3. Eine erfolgreiche Beschleunigung von Genehmigungs- und Projektbauzeiten wird zu deutlichen Umsatz- und Gewinnsteigerungen führen und die Pipeline zusätzlich aufwerten.
  4. Als reiner Projektierer ohne Eigenbestand ist ABO Wind nicht von den Regelungen der Zufallsgewinnabschöpfung betroffen.
Disclaimer: Habe ABO Wind, clearvise auf meiner Beobachtungliste und/oder in meinem Depot/Wiki.

1 Kommentar:

  1. Hi Michael,
    danke für den interessanten Artikel. Zur Flächenausweisung muss ich korrigierend anmerken, dass Schleswig-Holstein in der Regionalplanung die Vorrangflächen für Windenergie als Rotor-Out-Flächen ausweist. Dies bedeutet, dass der Turmfuß in der ausgewiesenen Fläche liegen muss, der Rotor aber aus der Fläche herausragen darf. Damit ist nach meinem Verständnis für SH das 2%-Ziel bereits erfüllt.
    Beste Grüße
    Jonas

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