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Mittwoch, 25. Februar 2026

Kissigs Börsengeschichte(n): Am 25.02.1901 übernahm J.P. Morgan das Stahlimperium von Andrew Carnegie und schuf mit U.S. Steel den absoluten Marktdominator

Am 25.02.1901 entstand mit der United States Steel Corp. ein Unternehmen von bis dahin unbekannter Größenordnung. Hinter diesem Zusammenschluss standen drei Schlüsselfiguren der amerikanischen Industrialisierung: der Finanzier J. P. Morgan, der Stahlindustrielle Andrew Carnegie und der Manager Elbert H. Gary, das bereits am ersten Tag seines Bestehens zwei Drittel des US-Stahlmarkts beherrschte.

Der Erwerb von Carnegies Stahlimperium durch Morgan gilt als Wendepunkt in der Geschichte des modernen Großkapitalismus. Aus einer fragmentierten Branche entstand ein Industriegigant, der über Jahrzehnte hinweg die amerikanische und teilweise auch die globale Stahlproduktion prägte. Bis heute - auch wenn der Glanz längst ab ist und die Stahlindustrie in den westlichen Industrienationen auf dem sinkenden Ast sitzt und inzwischen selbst zum Übernahmeziel geworden ist. Auch U.S Steel...

Ausgangslage der amerikanischen Stahlindustrie um 1900

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts befanden sich die Vereinigten Staaten in einer Phase rasanten industriellen Wachstums. Stahl war der zentrale Werkstoff dieser Epoche und bildete die Grundlage für Eisenbahnbau, Brücken, Wolkenkratzer, Maschinenbau und militärische Ausrüstung. Die Nachfrage stieg kontinuierlich, während die Branche zugleich von intensivem Wettbewerb geprägt war. Innerhalb dieses Umfelds hatte Andrew Carnegie eine außergewöhnlich starke Position aufgebaut. Durch konsequente vertikale Integration kontrollierte sein Unternehmen sämtliche wesentlichen Produktionsstufen – von Erzminen über Kokereien bis hin zu Hochöfen und Walzwerken. Diese Struktur erlaubte es ihm, die Produktionskosten drastisch zu senken und Konkurrenten preislich unter Druck zu setzen. Um 1900 produzierte Carnegie Steel etwa ein Viertel des gesamten amerikanischen Stahls und galt als effizientester Produzent der Welt.

J. P. Morgans Konsolidierungsstrategie

Während Carnegie als Industrieller agierte, verkörperte J. P. Morgan den aufkommenden Finanzkapitalismus; er galt der einflussreichste Bankier seiner Zeit, der im Alleingang Börsencrashs bewältigen konnte.

Morgan war überzeugt, dass ruinöser Wettbewerb langfristig sowohl Gewinne als auch Stabilität zerstörte. Seine Strategie bestand darin, fragmentierte Branchen durch Fusionen und Kapitalbündelung zu ordnen. Bereits zuvor hatte Morgan erfolgreich Eisenbahngesellschaften und Elektrizitätsunternehmen konsolidiert. Die Stahlindustrie erschien ihm als nächster logischer Schritt. Allerdings blieb Carnegies Unternehmen ein unabhängiger Machtfaktor, der jede umfassende Branchenordnung verhinderte. Gleichzeitig näherte sich Carnegie dem Ruhestand und signalisierte Verkaufsbereitschaft – eine Konstellation, die Morgan entschlossen nutzte.

Der spektakuläre Zukauf von Carnegie Steel

Der Erwerb von Carnegie Steel gehört zu den legendärsten Transaktionen der Wirtschaftsgeschichte. Der Überlieferung zufolge schrieb Carnegie seine Preisforderung – stolze 480 Millionen Dollar – auf einen Zettel. Morgan akzeptierte ohne langwierige Verhandlungen und besiegelte damit die bis dahin größte Unternehmensübernahme der Geschichte. Die Dimension des Geschäfts war enorm, denn die Kaufsumme entsprach einem beträchtlichen Anteil der damaligen US-Wirtschaftsleistung und sie machte Carnegie zu einem der reichsten Privatpersonen seiner Zeit. Für Morgan war der Kauf jedoch nur ein Zwischenschritt. Sein eigentliches Ziel war die Schaffung eines integrierten Stahltrusts.

Die Entstehung des ersten Milliardenkonzerns

Nach dem Erwerb bündelten Morgan und Gary zahlreiche Stahl- und Weiterverarbeitungsunternehmen unter einem Dach. Neben Carnegie Steel flossen unter anderem Federal Steel, National Tube und American Steel & Wire in die neue Struktur ein. Daraus entstand die United States Steel Corporation. Bei ihrer Gründung verfügte U.S. Steel über eine Kapitalisierung von rund 1,4 Milliarden Dollar und kontrollierte etwa 60% der amerikanischen Stahlproduktion. Mehr als 160.000 Beschäftigte arbeiteten in einem weit verzweigten Netzwerk aus Minen, Transportwegen und Produktionsanlagen. Erstmals in der Wirtschaftsgeschichte existierte damit ein Industriekonzern mit Milliardenbewertung.

Die Unternehmensführung verfolgte mehrere strategische Ziele: Preisstabilisierung, Koordination der Produktionsmengen, Vermeidung ruinösen Wettbewerbs und langfristige Branchenkontrolle. Im Kern handelte es sich um den Versuch, eine Schlüsselindustrie innerhalb eines privatwirtschaftlichen Rahmens quasi planmäßig zu organisieren.

Marktbeherrschung und Grenzen der Monopolmacht

In den ersten Jahren nach der Gründung war die Marktmacht von U.S. Steel überwältigend. Das Unternehmen konnte Preise beeinflussen, Produktionskapazitäten steuern und kleinere Wettbewerber erheblich unter Druck setzen. Zeitgenossen sprachen häufig von einem faktischen Monopol. Dennoch gelang es dem Konzern nie, eine vollständige Monopolstellung zu zementieren.

Mehrere Faktoren verhinderten dies. Technologischer Fortschritt erleichterte neuen Produzenten den Markteintritt. Regionale Wettbewerber wie Bethlehem Steel gewannen an Bedeutung. Zudem beobachtete die US-Regierung große Trusts zunehmend kritisch. Nicht zuletzt deshalb verfolgte Elbert H. Gary bewusst eine moderatere Preispolitik, um politischen Gegenreaktionen vorzubeugen. 

Unternehmensführung unter Elbert H. Gary

Gary prägte die frühe Entwicklung von U.S. Steel maßgeblich. Sein Führungsstil war weniger auf aggressive Monopolisierung als auf Stabilisierung der Branche ausgerichtet. Bekannt wurden die sogenannten "Gary Dinners", informelle Treffen von Branchenführern zur Abstimmung von Preisleitlinien. Gleichzeitig blieb die soziale Situation innerhalb des Unternehmens angespannt. Die Arbeitsbedingungen waren hart, die Arbeitszeiten lang und die Unternehmensführung stand Gewerkschaften ablehnend gegenüber. Der große Stahlstreik von 1919 machte die Konfliktlinien zwischen Management und Arbeiterschaft deutlich sichtbar.

U.S. Steel im Ersten Weltkrieg

Mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg 1917 wurde Stahl zu einem strategischen Schlüsselgut. U.S. Steel lieferte Panzerplatten, Schiffsstahl, Eisenbahnschienen, Munitionsteile und andere militärisch relevante Produkte. Der Konzern wurde faktisch Teil der amerikanischen Kriegswirtschaft. Die Produktion wurde massiv ausgeweitet. Hochöfen liefen im Dauerbetrieb, neue Anlagen entstanden und die Beschäftigtenzahl stieg erheblich. Die enge Kooperation zwischen Staat und Großindustrie vertiefte sich nachhaltig und setzte Maßstäbe für spätere Kriegswirtschaften.

Zwischenkriegszeit: Stärke und strukturelle Probleme

In den 1920er Jahren profitierte U.S. Steel weiterhin vom industriellen Boom der Vereinigten Staaten. Der Aufstieg der Automobilindustrie, die Urbanisierung und große Infrastrukturprojekte sorgten für stabile Nachfrage. Dennoch traten zunehmend strukturelle Probleme zutage. Neue Wettbewerber arbeiteten oft flexibler und kostengünstiger. Die enorme Größe des Konzerns führte zu bürokratischen Schwerfälligkeiten. Diese Schwächen wurden während der Weltwirtschaftskrise besonders sichtbar. Der Nachfrageeinbruch zwang zu Produktionskürzungen und Entlassungen. Zwar überstand U.S. Steel die Krise, doch die Phase unangefochtener Dominanz war endgültig vorbei. 

Bedeutung im Zweiten Weltkrieg

Der Zweite Weltkrieg brachte eine erneute Hochphase für die amerikanische Stahlindustrie. Stahl war unverzichtbar für Kriegsschiffe, Flugzeuge, Panzer und militärische Fahrzeuge. U.S. Steel wurde erneut zu einem zentralen Pfeiler der amerikanischen Rüstungsproduktion. Die Werke arbeiteten im Dauerbetrieb, und die Produktionsmengen erreichten historische Höchststände. Die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Industrie intensivierte sich weiter. In dieser Phase zeigte sich noch einmal die enorme industrielle Kapazität, die durch die frühe Konzentrationspolitik geschaffen worden war.

Nachkriegszeit und langfristige Herausforderungen

Nach 1945 blieb U.S. Steel zunächst einer der größten Industriekonzerne der Welt. Der Nachkriegsboom, der Ausbau der Infrastruktur und die Expansion der Konsumgüterindustrie sorgten für anhaltend hohe Nachfrage. Doch ab den 1960er Jahren verschärfte sich der internationale Wettbewerb deutlich. Vor allem japanische und europäische Produzenten arbeiteten mit moderneren Anlagen und effizienteren Verfahren. Gleichzeitig entstanden in den USA sogenannte Mini-Mills, die mit geringeren Fixkosten operierten. U.S. Steel litt zunehmend unter veralteten Anlagen, hohen Kostenstrukturen und organisatorischer Trägheit. Die einstige Größe entwickelte sich schrittweise zu einem Wettbewerbsnachteil.

Mein Fazit

Die Gründung von U.S. Steel markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der modernen Industrie. Der Zusammenschluss demonstrierte erstmals das volle Potenzial groß-skaliger Unternehmensintegration und prägte das Zeitalter des "Big Business". Gleichzeitig löste die enorme Marktmacht intensive Debatten über Trusts, Wettbewerb und staatliche Regulierung aus, die die amerikanische Wirtschaftspolitik nachhaltig beeinflussten.

Obwohl U.S. Steel nie ein vollständiges Monopol erreichte, fungierte das Unternehmen über Jahrzehnte als dominanter Akteur in einer Schlüsselindustrie. Es lieferte den Werkstoff für die infrastrukturelle Expansion der Vereinigten Staaten und spielte eine zentrale Rolle in beiden Weltkriegen.

Zugleich zeigt seine Geschichte die Grenzen industrieller Größe: Was zunächst Effizienz und Marktmacht brachte, konnte langfristig zu organisatorischer Schwerfälligkeit und Wettbewerbsnachteilen führen. Damit steht die Entstehung von U.S. Steel bis heute exemplarisch für die Dynamik des modernen Kapitalismus – für seine Innovationskraft ebenso wie für seine strukturellen Spannungen.

Und doch... hat U.S Steel seine einstige herausragende Stellung längst verloren. 1984 verhinderte die US-Regierung unter Ronald Reagan noch die Übernahme des Konkurrenten National Steel, doch als National Steel 2003 bankrottging durfte US Steel die Anlagen übernehmen. 20 Jahre später war der Niedergang unübersehbar, als am 18. Dezember 2023 der japanische Stahlerzeuger Nippon Steel ein Übernahmeangebot von 14,9 Milliarden Dollar veröffentlichte. Der damalige US-Präsident Joe Biden entschied am 3. Januar 2025 – aus Sorge um die nationale Sicherheit – die Übernahme nicht zu genehmigen. Und auch Donald Trump in seiner Rolle als Präsidentschaftskandidat trommelte laute gegen den Verkauf der US-Industrieikone und amerikanischer Interessen. Doch kaum war Trump (wieder) zum US-Präsidenten gewählt, genehmigte er die Übernahme, die im Juni 2025 abgeschlossen wurde. Im Gegenzug erhielt die US-Regierung die Befugnis, ein Vorstandsmitglied zu ernennen und bekam zusätzlich eine sogenannte "goldene Aktie", die ein Vetorecht bei wesentlichen Unternehmensentscheidungen einräumt.

Dies ist nicht das Ende der Geschichte von U.S Steel, aber glanzvoll ist es auf keinen Fall (mehr)...

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