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Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 07/2026 vom 24.03.2026
Aktien in dieser Ausgabe: GFT Technologies, Ionos, Nemetschek
Nemetschek: Zwischen Substanz, Skepsis und KI-Fantasie
Die Börsen taumeln aufgrund des Nahost-Kriegs und die Angst der Anleger vor einem Stagflationsszenario prallt auf die ohnehin vorherrschende KI-Angst. Deutschland scheint von beiden Entwicklungen erheblich betroffen zu sein und daher leiden insbesondere Nebenwerte, da sich hier die Marktenge in volatilen Zeiten negativ bemerkbar macht. Auch Nemetschek kann sich dem nicht entziehen. Dabei gibt es eigentlich keinen Grund zu Panik.
Nemetschek haben wir uns zuletzt vor einigen Wochen angesehen und heute gibt es nach Vorlage der Geschäftszahlen für 2025 ein Update. Die Nemetschek SE hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einem spezialisierten CAD-Anbieter zu einer breit diversifizierten Softwareplattform für die Bau-, Architektur-, Ingenieur- und Medienindustrie entwickelt. Trotz dieser Erfolgsgeschichte wird das Geschäftsmodell derzeit kritisch hinterfragt. Insbesondere die Sorge vor einer Disruption durch Künstliche Intelligenz hat den Aktienkurs deutlich belastet. Dabei bleibt die strukturelle Ausgangslage grundsätzlich attraktiv: Trends wie die fortschreitende Digitalisierung der Bauwirtschaft, zunehmende Projektkomplexität sowie der wachsende Bedarf an 3D-Visualisierung und digitalen Zwillingen sprechen langfristig für das Unternehmen.
Spezialisierte Plattform statt Einheitslösung
Im Kern basiert das Geschäftsmodell auf der Bereitstellung spezialisierter Softwarelösungen entlang des gesamten Lebenszyklus von Bauwerken. Anders als viele Wettbewerber setzt Nemetschek dabei bewusst auf eine Multi-Brand-Strategie. Verschiedene Marken wie Allplan, Graphisoft, Vectorworks, Bluebeam und Maxon agieren weitgehend eigenständig und adressieren jeweils spezifische Nutzergruppen und Anwendungsfälle. Diese Struktur ermöglicht eine tiefe Integration in branchenspezifische Workflows und sorgt gleichzeitig für Flexibilität innerhalb der einzelnen Geschäftsbereiche.
Vier Segmente entlang der Wertschöpfungskette
Operativ ist das Unternehmen in die Segmente Design, Build, Manage und Media gegliedert, die gemeinsam den digitalen Lebenszyklus eines Bauwerks abbilden. Das Segment Design bildet dabei den strategischen Kern. Hier geht es um Architektur, Planung und Gebäudemodellierung, insbesondere auf Basis von Building Information Modeling (BIM). Dieses ermöglicht eine kollaborative und datenbasierte Planung und gilt als zentraler Digitalisierungstreiber der Branche.
Das Segment Build fokussiert sich auf die Bauausführung und das Baustellenmanagement. Lösungen wie Bluebeam sowie die übernommene Plattform GoCanvas unterstützen die Koordination und Dokumentation direkt auf der Baustelle. Da die Digitalisierung in diesem Bereich noch vergleichsweise wenig fortgeschritten ist, bietet sich hier überdurchschnittliches Wachstumspotenzial.
Im Segment Manage adressiert Nemetschek den Betrieb von Gebäuden, etwa im Facility Management oder bei digitalen Zwillingen. Auch wenn der Umsatzanteil aktuell noch geringer ist, dürfte dieser Bereich langfristig an Bedeutung gewinnen – insbesondere vor dem Hintergrund steigender Anforderungen an Energieeffizienz und Nachhaltigkeit.
Das Segment Media schließlich ergänzt das Portfolio außerhalb des klassischen Bauökosystems. Über die Marke Maxon bietet Nemetschek Software für 3D-Visualisierung, Filmproduktion und Gaming an. Dieses Geschäft ist konjunkturanfälliger, eröffnet jedoch technologische Synergien.
SaaS-Transformation als Stabilitätsanker
In den vergangenen Jahren hat Nemetschek erfolgreich den Wandel vom Lizenzgeschäft hin zu einem Subskriptions- und SaaS-Modell vollzogen. Heute stammen mehr als 80 Prozent der Umsätze aus wiederkehrenden Erlösen. Das erhöht die Planbarkeit, stärkt die Kundenbindung und verbessert die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells erheblich. Gleichzeitig macht es das Unternehmen widerstandsfähiger gegenüber konjunkturellen Schwankungen.
Wettbewerbsvorteile durch hohe Wechselkosten
Ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil liegt in den hohen Wechselkosten innerhalb der AEC-Softwarelandschaft. Die Lösungen sind tief in die Arbeitsprozesse, Datenstrukturen und Schulungssysteme der Kunden integriert. Ein Anbieterwechsel ist daher mit erheblichem Aufwand und Risiken verbunden. Ergänzt wird dieser Lock-in-Effekt durch ein über Jahre aufgebautes Domänenwissen sowie ein wachsendes Ökosystem, das die Marktposition zusätzlich absichert.
Eine Branche im strukturellen Wandel
Die Bauindustrie befindet sich aktuell in einer tiefgreifenden Transformation. Sie gilt traditionell als wenig digitalisiert, steht jedoch zunehmend unter Druck durch steigende Kosten, Fachkräftemangel sowie regulatorische und ESG-Anforderungen. Gleichzeitig verlagert sich die Softwarelandschaft zunehmend in die Cloud, wodurch Plattformeffekte an Bedeutung gewinnen und neue Wettbewerbsdynamiken entstehen.
Nemetschek reagiert auf diese Entwicklungen mit gezielten strategischen Initiativen. Dazu zählen unter anderem der Aufbau eines AI & Data Innovation Hub, der Ausbau cloudbasierter Lösungen sowie die Stärkung des internationalen Geschäfts, etwa durch die Übernahme von GoCanvas.
Robuste Geschäftsentwicklung trotz KI-Debatte
In den aktuellen Geschäftszahlen spiegelt sich die befürchtete KI-Disruption bislang nicht wider. Im Gegenteil: Nemetschek konnte zuletzt erstmals die Umsatzmarke von rund einer Milliarde Euro deutlich überschreiten und erzielte ein kräftiges Wachstum bei Umsatz und Ergebnis. Auch die Margen entwickelten sich positiv, was die operative Stärke des Unternehmens unterstreicht.
Inzwischen hat Nemetschek seine endgültigen Ergebnisse für das Geschäftsjahr 2025 veröffentlicht und dabei die starken vorläufigen Ergebnisse bestätigt. Der Konzernumsatz legte im Geschäftsjahr deutlich zu; sowohl organisch, insbesondere in den Segmenten Build und Design, als auch durch den Akquisitionsbeitrag von GoCanvas im ersten Halbjahr. Da der Erwerb von GoCanvas erst Ende Juni 2024 abgeschlossen wurde, ist deren Beitrag in den Vergleichszahlen für das erste Halbjahr 2025 noch nicht berücksichtigt. Zudem wirkten sich temporäre positive Effekte im Zusammenhang mit dem erfolgreichen Abschluss der Subskriptionsumstellung bei Bluebeam aus, die vor allem im ersten Halbjahr 2025 zu einer erhöhten Umsatzdynamik führten. Insgesamt überschritt der Umsatz erstmals in der Unternehmensgeschichte die Marke von 1 Mrd. Euro. Konkret erhöhten sich die Konzernumsätze um 19,7% auf 1.191,2 Mio. Euro. Währungsbereinigt betrug das Plus 22,6% und übertraf damit leicht den bereits im Juli 2025 angehobenen Prognosekorridor von 20% bis 22%.
Hauptwachstumstreiber waren die Umsätze aus Subskriptions- und SaaS-Modellen mit einem Anstieg von 51,2% (währungsbereinigt: 55,6%) auf 858,7 Mio. Euro. Der Anteil der wiederkehrenden Umsätze am Gesamtumsatz stieg strategiekonform auf 92,2% (Vorjahr: 86,5%).
Das Konzernergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) stieg um 23,3% auf 371,1 Mio. Euro. Währungsbereinigt legte das EBITDA um 28,9% zu und wuchs damit stärker als der Umsatz. Die EBITDA-Marge verbesserte sich von 30,2% im Vorjahr auf 31,2%, womit die Prognose von rund 31 % voll und ganz erfüllt wurde. In der Konzern-EBITDA-Marge ist unter anderem ein außerordentlicher, nicht operativer Effekt im niedrigen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich enthalten, der im ersten Halbjahr aus der unerwarteten Insolvenz eines Service- und Zahlungsdienstleisters resultierte.
Der Konzernjahresüberschuss stieg ebenfalls deutlich um 23,8% auf 217,2 Mio. Euro, entsprechend einem Ergebnis je Aktie von 1,88 Euro nach 1,52 Euro im Vorjahr. Der operative Cashflow erhöhte sich um 31,3% auf 402,9 Mio. Euro, was die hohe Qualität der Erträge unterstreicht. Entsprechend lag die Cash-Conversion mit 108,6% auf einem sehr starken Niveau.
Dividendenanhebung und starke Prognose
Basierend auf der sehr starken Geschäftsentwicklung im Jahr 2025 schlagen Vorstand und Aufsichtsrat der Hauptversammlung vor, die Dividende, um rund 24% von 0,55 auf 0,68 Euro je Aktie zu erhöhen. Damit plant die Nemetschek Group die dreizehnte Dividendenerhöhung in Folge.
Leisten kann sich Nemetschek dies allemal, denn der Erfolg soll kein Einmalereignis bleiben. Für das laufende Jahr plant Nemetschek ein organisches währungsbereinigtes Umsatzwachstum von 14% bis 15%, während die EBITDA-Marge 32% bis 33% erreichen soll nach 31,2% im Vorjahr.
Bullcase vs. Bearcase
Künstliche Intelligenz stellt für Nemetschek sowohl eine bedeutende Chance als auch ein potenzielles Risiko dar. Auf der einen Seite eröffnet sie erhebliche Effizienzgewinne entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Im Design können Entwürfe automatisiert erstellt und optimiert werden, im Bauprozess lassen sich Fortschritte und Risiken besser überwachen, und im Gebäudebetrieb ermöglichen datenbasierte Analysen eine effizientere Steuerung und Wartung. Auch im Media-Bereich ergeben sich neue Möglichkeiten zur Automatisierung und Beschleunigung von Workflows.
Auf der anderen Seite könnte KI die Wettbewerbslandschaft grundlegend verändern. Große Plattformanbieter könnten integrierte End-to-End-Lösungen entwickeln und damit den Druck auf spezialisierte Anbieter erhöhen. Zudem senkt KI in Teilen die Eintrittsbarrieren für neue Wettbewerber und könnte langfristig zu Preisdruck führen. Nicht zuletzt erfordert der Aufbau leistungsfähiger KI-Funktionalitäten erhebliche Investitionen.
Neben technologischen Risiken bleibt die Zyklik der Bauindustrie ein relevanter Faktor. Konjunkturelle Abschwünge, steigende Zinsen oder schwache Immobilienmärkte können die Investitionsbereitschaft der Kunden dämpfen. Gleichzeitig wird die Gewinnung neuer Kunden tendenziell schwieriger, da die bestehenden Wettbewerbsvorteile vor allem bei der Kundenbindung wirken.
Fazit: Attraktive Substanz mit Unsicherheitsfaktor
Der derzeitige übermäßige Marktpessimismus bezüglich KI im Vergleich zum SaaS-Geschäftsmodell dürfte übertrieben sein. Nemetschek ist ein Anbieter von Softwarelösungen der Spitzenklasse in den Bereichen Architektur, Ingenieurwesen und Bau, wo die Nachfrage robust bleiben dürfte, da Unternehmen weiterhin die Digitalisierung der gesamten Bauwertschöpfungskette anstreben.
Entscheidend für die zukünftige Entwicklung wird jedoch sein, wie effektiv das Unternehmen Künstliche Intelligenz in seine Produkte integriert und sich im zunehmend plattformgetriebenen Wettbewerb behauptet – bisher gelingt Nemetschek dies ausgesprochen gut mit kräftigem Wachstum bei steigender Profitabilität.
Der deutliche Kursrückgang im letzten halben Jahr sollte daher eine interessante Chance darstellen – allerdings vor allem für Anleger, die bereit sind, kurzfristige Unsicherheiten und eine angespannte Marktstimmung in Kauf zu nehmen.
Die 4 wichtigsten Dinge, die man über Nemetschek wissen muss
- Nemetschek ist ein führender Spezialsoftwareanbieter für die Bau-, Architektur- und Medienindustrie mit Fokus auf den digitalen Gebäudelebenszyklus.
- Das Unternehmen hat erfolgreich auf ein stark wiederkehrendes SaaS- und Subskriptionsmodell umgestellt, was Planbarkeit und Skalierbarkeit erhöht.
- Die vier Segmente Design, Build, Manage und Media decken zentrale Wertschöpfungsstufen von Planung über Bau bis Betrieb und Visualisierung ab.
- Künstliche Intelligenz bietet großes Effizienz- und Wachstumspotenzial, erhöht aber zugleich den Wettbewerbsdruck durch Plattformanbieter.

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