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Donnerstag, 20. August 2026

[Kissigs Nebenwerte-Analyse] Alzchem: Kleiner Spezialchemieriese mit Extrapotenzial

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Artikel aus "Der Nebenwerte Investor" Ausgabe 18/2026 vom 12.08.2026

Aktien in dieser Ausgabe: Alzchem, Hornbach Holding, MBB

Alzchem: Kleiner Spezialchemieriese mit Extrapotenzial

Die Alzchem Group AG gehört zu den interessanteren deutschen Spezialchemieunternehmen für Anleger, die nach einem Geschäftsmodell abseits der großen, breit aufgestellten Chemiekonzerne suchen. Das Unternehmen mit Sitz in Trostberg in Bayern ist vergleichsweise klein, besitzt aber in zahlreichen Nischen eine starke Marktstellung und hat sich in den vergangenen Jahren konsequent von einem stärker durch Basischemikalien geprägten Chemieunternehmen zu einem Anbieter höhermargiger Spezialchemikalien und Ingredients entwickelt. Und begeistert damit auch die Börse.

Denn genau diese Transformation ist der Kern der Investmentstory: Alzchem wächst nicht primär über große Mengen standardisierter Chemikalien, sondern über Produkte mit hoher technologischer Spezialisierung, teilweise starken Marken und hohen Eintrittsbarrieren.

Das Unternehmen beschäftigt rund 1.765 Mitarbeiter und verfügt über vier Produktionsstandorte in Deutschland sowie ein Werk in Schweden. Hinzu kommen Vertriebsgesellschaften in den USA, China und England.

Besonders interessant ist dabei die Kombination aus mehreren strukturellen Wachstumsmärkten. Alzchem profitiert unter anderem vom steigenden Konsum von Kreatin, vom wachsenden Bedarf an Tierernährungsprodukten, von Anwendungen in Landwirtschaft und erneuerbaren Energien sowie zunehmend von höheren europäischen und amerikanischen Verteidigungsausgaben. Gleichzeitig bleibt das Unternehmen aber ein energieintensiver Chemieproduzent und damit mit den bekannten Problemen des europäischen Industriestandorts konfrontiert. Die entscheidende Frage für Anleger lautet deshalb, ob Alzchem den Wandel zu höherwertigen Spezialitäten schnell genug vorantreiben kann, um die strukturellen Nachteile des Produktionsstandorts Deutschland auszugleichen.

Vom Chemieunternehmen zum Spezialitätenanbieter

Alzchem besitzt eine lange industrielle Tradition, deren Wurzeln bis in die historische Calciumcarbid- und Calciumcyanamidchemie zurückreichen. Diese Technologien sind bis heute von Bedeutung, denn sie bilden die Basis für zahlreiche Zwischenprodukte, aus denen anschließend höherwertige Spezialchemikalien hergestellt werden. Das Unternehmen kontrolliert damit wesentliche Teile seiner Wertschöpfungskette und kann ausgehend von den Basischemikalien bis zu den spezialisierten Endprodukten verschiedene Stufen selbst abdecken.

Historisch war diese vertikale Integration vor allem ein industrieller Vorteil. Heute wird sie zunehmend zu einem strategischen Wettbewerbsvorteil. Alzchem kann auf Basis eigener Vorprodukte Spezialitäten entwickeln, bei denen die Konkurrenz nicht einfach auf alternative Rohstoffe oder Produktionsverfahren ausweichen kann. Das Unternehmen verfügt dadurch über eine vergleichsweise tiefe technologische Kompetenz in bestimmten Stickstoff- und Calciumverbindungen sowie in deren Weiterverarbeitung.

Die strategische Entwicklung der vergangenen Jahre geht allerdings klar in Richtung Spezialchemie. Während das Segment Basics & Intermediates mit standardisierteren chemischen Zwischenprodukten unter einem schwierigen Marktumfeld leidet, wächst das Segment Specialty Chemicals deutlich schneller und erzielt wesentlich höhere Margen. 2025 erwirtschaftete Specialty Chemicals bereits 8,8% mehr Umsatz, während Basics & Intermediates einen Umsatzrückgang von 10,9% hinnehmen musste.

Diese Verschiebung ist für die Bewertung des Unternehmens entscheidend. Ein Chemieunternehmen mit hohem Anteil an Commodities wird normalerweise mit deutlich niedrigeren Multiples bewertet als ein Anbieter spezialisierter Produkte mit starken Marktpositionen und wiederkehrender Nachfrage. Je stärker Alzchem den Umsatzmix in Richtung Spezialchemie verschiebt, desto höher kann deshalb theoretisch auch die strukturelle Ertragskraft und Bewertung des Konzerns werden.

Die zwei operativen Kernsegmente

Das operative Geschäft von Alzchem lässt sich im Wesentlichen in die beiden Segmente Specialty Chemicals sowie Basics & Intermediates gliedern. Daneben gibt es den Bereich Other & Holding, der unter anderem Dienstleistungen rund um die Chemieparks umfasst. Diese Struktur ist bereits ein Hinweis darauf, wie sich das Unternehmen verändert hat: Specialty Chemicals entwickelt sich zum strategischen Mittelpunkt, während Basics & Intermediates zunehmend die industrielle Basis der Wertschöpfungskette bildet.

Das Segment Basics & Intermediates produziert chemische Zwischenprodukte, die entweder direkt an Kunden verkauft oder innerhalb der Alzchem-Gruppe zu höherwertigen Spezialchemikalien weiterverarbeitet werden. Die wichtigsten Ausgangsstoffe sind Calciumcarbid und Calciumcyanamid. 2025 erzielte das Segment einen Außenumsatz von 155,1 Mio. Euro und ein EBITDA von lediglich 5,6 Mio. Euro. Die EBITDA-Marge lag damit bei nur 3,6%.

Diese Zahlen zeigen sehr deutlich, warum die Transformation zur Spezialchemie so wichtig ist. Basics & Intermediates ist zwar für die vertikale Integration und Versorgungssicherheit des Konzerns strategisch bedeutsam, besitzt aber eine wesentlich geringere Profitabilität. Die Nachfrage wird unter anderem durch die Stahlindustrie und bestimmte Pharmaanwendungen beeinflusst, wobei gerade die europäische Stahlindustrie zuletzt schwach war. Gleichzeitig herrscht bei einigen Zwischenprodukten ein intensiver Preiswettbewerb.

Das Segment Specialty Chemicals ist dagegen der eigentliche Ergebnismotor. Hier bündelt Alzchem Produkte für Human Nutrition, Animal Nutrition, Landwirtschaft, Pharma, Feinchemie, Metallurgie, erneuerbare Energien, kundenspezifische Synthesen und sicherheitsrelevante Anwendungen. Das Produktportfolio reicht damit von Kreatin über pharmazeutische Rohstoffe bis zu Nitroguanidin für Verteidigungsanwendungen.

Kreatin als Wachstumsmotor

Eine der bekanntesten Marken von Alzchem ist Creapure. Dabei handelt es sich um hochreines Kreatin, das insbesondere in der Sporternährung eingesetzt wird. Kreatin hat sich in den vergangenen Jahren von einem klassischen Bodybuilding-Produkt zu einem breiteren Nahrungsergänzungsmittel entwickelt. Die zunehmende wissenschaftliche Beschäftigung mit Kreatin und seinen möglichen Anwendungen in den Bereichen Leistungsfähigkeit, Muskelgesundheit und gesundes Altern erweitert den potenziellen Absatzmarkt.

Alzchem profitiert dabei von seiner Positionierung als Hersteller von in Deutschland produziertem Kreatin. Die Marke Creapure ermöglicht es dem Unternehmen, nicht nur einen anonymen Rohstoff zu verkaufen, sondern ein differenziertes Markenprodukt. Das ist für die Profitabilität entscheidend, denn Marken, Reinheit, Qualitätssicherung und Rückverfolgbarkeit schaffen eine gewisse Preissetzungsmacht.

Mit Creavitalis verfügt Alzchem zudem über eine weitere Kreatin-Marke, die stärker auf Anwendungen im Bereich Health und Nutrition ausgerichtet ist. Im Geschäftsjahr 2025 war die Nachfrage nach Creapure und Creavitalis ein wesentlicher Treiber des Wachstums im Segment Specialty Chemicals.

Besonders attraktiv ist dabei, dass Alzchem die Produktion nicht einfach nur über bestehende Kapazitäten ausweiten möchte. Das Unternehmen investiert massiv in zusätzliche Kreatinkapazitäten. Nach der erfolgreichen Inbetriebnahme einer Kapazitätserweiterung im dritten Quartal 2025 wurde ein weiteres Investitionsprogramm von rund 120 Mio. Euro beschlossen. Im Mittelpunkt steht eine weitgehend automatisierte Produktionsanlage für Kreatin, dessen Vorprodukte sowie die notwendige vor- und nachgelagerte Infrastruktur. Die schrittweise Inbetriebnahme soll ab dem zweiten Halbjahr 2027 erfolgen.

Damit entsteht ein klassischer Skalierungseffekt: Wenn die Nachfrage nach Kreatin weiter steigt und die neuen Anlagen mit hoher Auslastung betrieben werden können, sollte der zusätzliche Umsatz überproportional zum Ergebnis beitragen. Gleichzeitig steigt aber auch das Investitionsrisiko. Alzchem muss heute Kapital binden, ohne bereits sicher zu wissen, wie sich Preise, Nachfrage und Wettbewerb im Jahr 2027 oder 2028 entwickeln werden.

Animal Nutrition und Landwirtschaft

Ein weiteres wichtiges Geschäftsfeld ist die Tierernährung. Mit Creamino besitzt Alzchem eine etablierte Marke für einen Zusatzstoff in der Tierernährung. Das Produkt basiert auf Guanidinoessigsäure und wird unter anderem in der Geflügel- und Schweinehaltung eingesetzt. Ziel ist eine effizientere Nutzung von Nährstoffen und eine Verbesserung bestimmter Leistungsparameter.

Das Geschäft passt strategisch gut zur Ausrichtung des Konzerns. Die globale Bevölkerung wächst, gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Effizienz der Lebensmittelproduktion. Tierhalter stehen unter zunehmendem Druck, Futter effizienter zu verwerten und die Produktionskosten zu kontrollieren. Produkte, die hier einen messbaren wirtschaftlichen Nutzen bieten, besitzen deshalb einen strukturellen Nachfragehintergrund.

Auch in der Landwirtschaft verfügt Alzchem über bekannte Marken. Dazu gehört insbesondere Perlka, ein Kalkstickstoff-Dünger. Weitere Produkte sind unter anderem Eminex, Dormex und Alzogur. Das Unternehmen verbindet dabei die klassische Chemieproduktion mit Anwendungen in Landwirtschaft und Pflanzenbau.

Das Agrargeschäft ist allerdings stärker von regulatorischen Vorgaben und der Entwicklung landwirtschaftlicher Einkommen abhängig als beispielsweise das Kreatingeschäft. Änderungen bei Zulassungen, Umweltauflagen oder landwirtschaftlichen Produktionsmethoden können die Nachfrage beeinflussen.

Pharma und Feinchemie

Alzchem produziert außerdem chemische Rohstoffe und Zwischenprodukte für pharmazeutische Anwendungen. Dazu gehören unter anderem Guanidinsalze unter der Marke Bioselect. Das Unternehmen liefert damit nicht zwingend fertige Medikamente, sondern stellt chemische Bausteine bereit, die von Kunden in komplexeren Produktionsprozessen eingesetzt werden.

Der Vorteil dieses Geschäfts liegt in den hohen Qualitätsanforderungen. Pharmaunternehmen benötigen zuverlässige Lieferketten und konstant hohe Produktqualität. Ein einmal qualifizierter Lieferant wird daher nicht ohne Weiteres ausgetauscht. Das kann langfristige Kundenbeziehungen und gewisse Eintrittsbarrieren schaffen.

In der Feinchemie produziert Alzchem unter anderem Guanamine, Nitrile, Dicyandiamid, Thioharnstoff und weitere Spezialprodukte. Auch hier steht nicht das möglichst große Produktionsvolumen im Vordergrund, sondern die technische Kompetenz bei anspruchsvollen chemischen Verfahren.

Defense: Nitroguanidin wird zum strategischen Wachstumstreiber

Besonders stark verändert sich derzeit die Bedeutung des Verteidigungsgeschäfts. Alzchem produziert Nitroguanidin, das bei der Herstellung bestimmter Treib- und Explosivstoffe eingesetzt wird. Die Substanz ist damit ein wichtiger Bestandteil militärischer Lieferketten.

Der europäische und insbesondere deutsche Verteidigungsmarkt befindet sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine in einem grundlegenden Wandel. Die europäischen Staaten erhöhen ihre Verteidigungsausgaben, während gleichzeitig deutlich wird, dass bei Munition und deren Vorprodukten erhebliche Kapazitätsengpässe bestehen. Für Hersteller spezialisierter chemischer Vorprodukte eröffnet das attraktive langfristige Wachstumschancen.

Alzchem hat bereits zusätzliche Nitroguanidin-Kapazitäten in Deutschland aufgebaut. Noch bedeutender ist jedoch die Entscheidung, eine Produktionsstätte in den USA zu errichten. Im Juli 2026 wählte Alzchem den Standort Bushy Park in South Carolina für den Aufbau einer Nitroguanidin-Produktion aus. Das Investitionsvolumen wird voraussichtlich rund 150 Mio. US-Dollar betragen. Die Investition wird durch Fördermaßnahmen der US-Regierung sowie Unterstützung des Bundesstaates South Carolina und des Berkeley County flankiert. Grundlage ist ein Vertrag zur Versorgung des US-Marktes mit Nitroguanidin.

Diese Investition besitzt eine strategische Dimension, die weit über zusätzliches Produktionsvolumen hinausgeht. Alzchem erhält damit einen direkten Produktionsstandort in den USA und kann den amerikanischen Markt aus lokaler Produktion bedienen. Gerade in sicherheitsrelevanten Bereichen werden regionale Lieferketten zunehmend wichtiger.

Für Alzchem eröffnet sich dadurch ein potenziell sehr attraktiver Wachstumspfad. Gleichzeitig entsteht aber eine zusätzliche Abhängigkeit von staatlichen Beschaffungsprogrammen, regulatorischen Entscheidungen und langfristigen Verteidigungsbudgets.

Metallurgie und erneuerbare Energien

Auch in der Metallurgie ist Alzchem aktiv. Produkte wie Calciumcarbid werden in metallurgischen Anwendungen eingesetzt. Das Geschäft ist enger mit der industriellen Produktion verbunden und damit konjunkturabhängiger als einige Spezialchemieprodukte.

Daneben besitzt Alzchem Anwendungen im Bereich erneuerbarer Energien. Unter anderem werden Härtersysteme für Verbundwerkstoffe angeboten. Diese Produkte können in Anwendungen eingesetzt werden, bei denen hohe mechanische Eigenschaften und eine möglichst effiziente Materialausnutzung gefragt sind.

Die Bedeutung solcher Anwendungen sollte nicht unterschätzt werden. Die Energiewende benötigt nicht nur Windräder und Solaranlagen, sondern eine Vielzahl spezialisierter Materialien und chemischer Komponenten. Alzchem kann als Zulieferer von solchen Nischenmärkten profitieren, ohne selbst große Anlagen zur Energieerzeugung herstellen zu müssen.

Custom Manufacturing: Chemie nach Kundenwunsch

Ein weiterer Bestandteil des Specialty-Chemicals-Geschäfts ist die Kundensynthese beziehungsweise das Custom Manufacturing. Dabei produziert Alzchem chemische Substanzen nach den spezifischen Anforderungen seiner Kunden. Zum Angebot gehören unter anderem Lohnsynthese und Lohnvermahlung.

Das Geschäftsmodell ist interessant, weil Kunden häufig nicht nur eine bestimmte Chemikalie einkaufen, sondern Produktionskompetenz, Know-how und die Fähigkeit, einen Prozess zuverlässig im industriellen Maßstab abzubilden. Genau diese Prozesskompetenz kann hohe Eintrittsbarrieren schaffen.

Nach einer zweijährigen Schwächephase zeigte das Custom Manufacturing 2025 wieder eine zunehmende Dynamik. Dadurch entstand ein zusätzlicher Wachstumstreiber innerhalb des Specialty-Chemicals-Segments.

Auf Rekordjahr 2025 folgt starkes erstes Halbjahr 2026

Die operative Entwicklung der vergangenen Jahre verdeutlicht, wie stark sich Alzchem verändert hat. 2024 stieg der Umsatz um 2,5% auf 554,2 Mio. Euro, während das EBITDA um 29,4% auf 105,3 Mio. Euro zunahm. Die EBITDA-Marge erhöhte sich von 15,1% auf 19,0%. Der Free Cashflow stieg um 42,3% auf 74,2 Mio. Euro.

2025 setzte sich dieser Trend fort. Der Umsatz erhöhte sich auf 562,1 Mio. Euro, das EBITDA stieg um 11% auf 116,5 Mio. Euro und die EBITDA-Marge erreichte 20,7%. Das Konzernergebnis wuchs auf 63,6 Mio. Euro. Besonders bemerkenswert war, dass Alzchem diese Entwicklung trotz des schwierigen europäischen Chemieumfelds erzielte.

Noch wichtiger für die aktuelle Investmentthese sind die Zahlen des ersten Halbjahres 2026. Der Umsatz stieg von 287,6 auf 303,9 Mio. Euro, während das EBITDA von 56,5 auf 64,5 Mio. Euro kletterte. Die Marge verbesserte sich von 19,6% auf 21,2%. Damit wächst Alzchem weiterhin schneller beim Ergebnis als beim Umsatz.

Das Management bestätigte folgerichtig die Jahresprognose. Für 2026 wird weiterhin ein Umsatz von rund 600 Mio. Euro und ein EBITDA von etwa 126 Mio. Euro erwartet. Dabei sollen die wesentlichen Wachstumstreiber Specialty Chemicals, Human Nutrition und Defense sein, während Basics & Intermediates ungefähr auf dem Vorjahresniveau erwartet wird. Erste Effekte aus Kapazitätserweiterungen sollen bereits 2026 sichtbar werden und sich ab 2027 stärker bemerkbar machen.

Der Ausbau der Produktionskapazitäten

Für Anleger ist die Investitionsoffensive ein zentraler Punkt. Alzchem befindet sich nicht nur in einer Phase organischen Wachstums, sondern baut gleichzeitig neue Kapazitäten auf. Neben Kreatin betrifft dies insbesondere Nitroguanidin und weitere Spezialchemikalien.

Ein Teil dieser Investitionen ist bereits umgesetzt, andere Projekte befinden sich noch in der Hochlaufphase. Das führt kurzfristig zu höheren Investitionsausgaben und möglicherweise einer höheren Kapitalbindung. Langfristig soll daraus jedoch eine deutlich größere Produktionsbasis entstehen.

Besonders interessant ist der Zeithorizont. Das Unternehmen erwartet, dass die bestehenden Erweiterungen 2026 erste Beiträge liefern und ab 2027 stärker zum Wachstum beitragen. Damit könnte 2027 für Alzchem zu einem wichtigen Jahr werden, in dem sich die heutige Investitionsoffensive zunehmend in Umsatz und Ergebnis niederschlägt.

Die USA als zweiter Produktionsstandort

Die neue Nitroguanidin-Anlage in South Carolina ist aus strategischer Sicht möglicherweise eines der wichtigsten Projekte der Unternehmensgeschichte. Der US-Markt bietet nicht nur aufgrund der hohen Verteidigungsausgaben erhebliches Potenzial. Eine lokale Produktion reduziert gleichzeitig logistische Risiken und stärkt die Versorgungssicherheit.

Die geplante Investition von rund 150 Mio. Dollar ist gemessen an der bisherigen Unternehmensgröße erheblich. Sie wird jedoch durch staatliche Förderungen unterstützt, sodass Alzchem nicht die vollständige Finanzierungslast tragen muss. Gleichzeitig dürfte die Produktion von einem langfristigen staatlichen Abnahmevertrag profitieren.

Damit könnte aus einem ursprünglich europäischen Spezialchemieanbieter schrittweise ein globaler Produzent sicherheitsrelevanter Spezialchemikalien werden. Das ist strategisch attraktiv, birgt aber auch politische Risiken: Verteidigungsausgaben und staatliche Förderprogramme können sich mit politischen Prioritäten verändern.

Aktionärsstruktur: Drei größere Aktionäre und viel Streubesitz

Die Aktionärsstruktur von Alzchem ist vergleichsweise interessant. Nach den von der Gesellschaft veröffentlichten Angaben vom Juni 2026 entfallen 10,14% der Aktien auf die four two na GmbH, 9,90% auf die tschechische Staluna Trade a.s. und 6,39% auf die Löw SE.

Die four two na GmbH ist dabei besonders relevant, denn sie steht in Verbindung mit Markus Zöllner, dem Aufsichtsratsvorsitzenden von Alzchem. Zöllner ist Geschäftsführer der four two na GmbH.

Die Aktionärsstruktur hat sich gegenüber früheren Jahren deutlich verändert. In älteren Geschäftsberichten finden sich noch höhere Beteiligungsquoten im Umfeld der heutigen four two na GmbH. Die aktuellen Stimmrechtsmeldungen zeigen zudem, dass sich institutionelle Investoren und andere Großaktionäre immer wieder an der Gesellschaft beteiligen oder ihre Positionen verändern. Im Juni 2026 wurden unter anderem Stimmrechtsmitteilungen von Michal Strnad sowie der Berenberg-Gruppe veröffentlicht.

Für den Streubesitz ist die Struktur grundsätzlich positiv, weil kein einzelner externer Großaktionär die Gesellschaft mit einer dominierenden Mehrheit kontrolliert. Gleichzeitig bleibt durch die Beteiligung der four two na GmbH ein wichtiger langfristig orientierter Aktionär vorhanden.

Die jüngsten Insidertransaktionen

Besonders interessant ist die Entwicklung bei den Managers' Transactions. CEO Andreas Niedermayer kaufte insgesamt für rund 230.000 Euro Alzchem-Aktien, Betriebsvorstand (COO) Dr. Jürgen Sans für etwas mehr als 64.000 Euro und Aufsichtsratsvorsitzender Markus Zöllner für satte 1,47 Mio. Euro. In Summe sind das durchaus spürbare Insiderkäufe, die ein großes Vertrauen in die Zukunft des Unternehmens signalisieren, währen der Aktienkurs nahe seines Allzeithochs notiert.

Dividende und Aktienrückkäufe

Alzchem verfolgt eine Ausschüttungspolitik, die gleichzeitig Wachstum finanzieren und Aktionäre am Unternehmenserfolg beteiligen soll. Das Unternehmen strebt an, jährlich etwa 30% bis 40 % des Jahresgewinns auszuschütten. Für 2025 wurde eine Dividende von 2,10 Euro je Aktie vorgeschlagen und auf der Hauptversammlung am 5. Mai 2026 behandelt.

Daneben setzt Alzchem auch auf Aktienrückkäufe. Für das Programm 2025/2026 wurde der Rückkauf von bis zu 70.000 Aktien zu einem Gesamtpreis von bis zu 10 Mio. Euro beschlossen.

Die Kombination aus Dividende und Rückkäufen ist grundsätzlich attraktiv, solange gleichzeitig genügend Kapital für die geplanten Wachstumsinvestitionen vorhanden bleibt. Gerade bei Alzchem ist die Kapitalallokation derzeit besonders wichtig, weil die Gesellschaft erhebliche Investitionen in neue Produktionsanlagen tätigt.

Bullcase vs. Bearcase

Eine der größten Chancen liegt in der weiteren Expansion von Creapure und Creavitalis. Kreatin entwickelt sich zu einem Mainstream-Ingredient im Bereich Sport und Gesundheit. Sollte sich die Verwendung über klassische Sportler hinaus weiter in Richtung allgemeine Gesundheits- und Alterungsanwendungen ausweiten, könnte der adressierbare Markt erheblich größer werden.

Alzchem besitzt hier einen wichtigen Vorteil: Die Marke Creapure ist etabliert und steht für eine definierte Produktqualität. Außerdem kann das Unternehmen seine Produktionskapazitäten selbst ausbauen. Die geplante Investition von rund 120 Mio. Euro schafft damit die Grundlage für zusätzliches Mengenwachstum ab 2027.

Noch stärker könnte sich der Defense-Bereich entwickeln. Europa versucht derzeit, seine Munitionsproduktion und die dazugehörigen Lieferketten auszubauen. Gleichzeitig investieren die USA massiv in ihre Verteidigungsfähigkeit. Als Hersteller eines wichtigen Vorprodukts kann Alzchem von dieser Entwicklung profitieren, denn egal, welcher europäische Rüstungskonzern den Munitionsauftrag bekommt, bei Alzchem muss jeder von ihnen einkaufen.

Die geplante US-Produktion ist hierfür ein wichtiger Schritt. Durch die Investition in South Carolina entsteht ein lokaler Produktionsstandort für den amerikanischen Markt, der durch staatliche Unterstützung und einen Vertrag mit der US-Regierung abgesichert wird.

Für Alzchem bedeutet dies eine potenziell langfristige Erweiterung des Geschäfts. Defense-Produkte können zudem höhere Margen und größere Eintrittsbarrieren besitzen als klassische Chemieprodukte.

Die vielleicht wichtigste langfristige Chance liegt jedoch nicht in einem einzelnen Produkt, sondern in der Veränderung des gesamten Produktmixes. Wenn Specialty Chemicals weiter wächst und Basics & Intermediates relativ stagniert oder schrumpft, steigt automatisch der Anteil höhermargiger Produkte.

Die größte strukturelle Belastung bleibt der Produktionsstandort Deutschland. Chemische Produktion benötigt große Mengen Energie und die europäischen Strom- und Gaspreise liegen deutlich über dem Niveau von so gut wie jeder wichtigen Wettbewerbsregionen.

Alzchem hat zwar bewiesen, dass das Unternehmen mit diesem Nachteil umgehen kann. Dennoch kann ein dauerhaft hoher Energiepreis die Wettbewerbsfähigkeit des Basischemikaliengeschäfts beeinträchtigen. Gerade Basics & Intermediates besitzt niedrige Margen, sodass bereits relativ kleine Veränderungen bei Rohstoff- oder Energiekosten erhebliche Auswirkungen auf die Profitabilität haben können.

Das Segment Basics & Intermediates bleibt ein Schwachpunkt mit fallenden Umsätzen und Ergebnissen. Solange die europäische Stahlindustrie vor sich hinsiecht und bei bestimmten Zwischenprodukten Preisdruck herrscht, dürfte dieses Segment kaum zum Wachstumsmotor werden. Das Unternehmen muss deshalb darauf achten, dass die Kapazitäten nicht dauerhaft zu niedrig ausgelastet sind.

Und auch die hohen Investitionen bergen Risiken, denn die Wachstumsoffensive erfordert Kapital. Die neue Kreatinproduktion, zusätzliche Nitroguanidin-Kapazitäten und der Aufbau des US-Standorts führen zu erheblichen Investitionsausgaben. Investitionen erhöhen zwar langfristig die Produktionskapazität, kurzfristig belasten sie jedoch Cashflow und Bilanz. Hinzu kommt das Risiko, dass sich einzelne Projekte verzögern oder die Nachfrage langsamer wächst als erwartet.

Gerade bei Spezialchemikalien besteht zudem das Risiko, dass Wettbewerber ebenfalls neue Kapazitäten aufbauen. Ein Nachfragewachstum ist dann zwar positiv, kann aber durch zusätzliche Angebote teilweise wieder neutralisiert werden.

Zudem ist die Bewertung der Aktie inzwischen reichlich ambitioniert. Die Qualität der operativen Entwicklung wird inzwischen auch am Kapitalmarkt sichtbar. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 1,75 Mrd. Euro ist Alzchem kein klassischer Small Cap mehr. Die Aktie ist weder unbeachtet noch niedrig bewertet. Es wurde seit dem verstolperten Börsengang vor einigen Jahren inzwischen viel zukünftiges Wachstum in den Aktienkurs eingepreist. Das begrenzt das weitere Kurspotenzial.

Die entscheidende Bewertungsfrage lautet nicht mehr nur, ob Alzchem wachsen kann. Vielmehr muss das Unternehmen zeigen, dass es die angekündigten Kapazitätserweiterungen tatsächlich profitabel auslasten kann und die EBITDA-Marge nachhaltig über 20% halten beziehungsweise weiter ausbauen kann.

Mein Fazit: Erfolgreiche Wachstumsstory mit Fragezeichen

Alzchem hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Aus einem stärker von Basischemikalien geprägten Hersteller ist ein zunehmend spezialisiertes Unternehmen geworden, dessen Ertragskraft vor allem durch margenstarke Produkte wie Kreatin, Tierernährungsprodukte, pharmazeutische Rohstoffe, kundenspezifische Synthesen und Nitroguanidin getragen wird.

Die Zahlen belegen den Erfolg dieser Strategie. 2024 stieg das EBITDA bereits um fast 30%, 2025 folgte ein weiterer Anstieg um 11% und im ersten Halbjahr 2026 wuchs es nochmals um 14%, während die Marge auf 21,2% stieg.

Besonders interessant sind die Wachstumsperspektiven ab 2027. Dann sollen die neuen Kreatinkapazitäten stärker zum Umsatz beitragen, während das Defense-Geschäft durch zusätzliche Nitroguanidin-Kapazitäten in Deutschland und den geplanten US-Standort deutlich wachsen könnte. Die Entscheidung für Bushy Park in South Carolina macht Alzchem zudem zu einem potenziellen Profiteur der zunehmenden Regionalisierung sicherheitskritischer Lieferketten.

Die Risiken sollten allerdings nicht unterschätzt werden. Alzchem bleibt ein Chemieunternehmen und damit abhängig von Energie-, Rohstoff- und Konjunkturzyklen. Gleichzeitig erfordert die Wachstumsoffensive erhebliche Investitionen.

Gerade diese Kombination macht Alzchem für Anleger interessant: Das Unternehmen besitzt auf der einen Seite die zyklische und energieintensive industrielle Basis, auf der anderen Seite aber mehrere hochattraktive Nischen mit strukturellem Wachstum. Kreatin profitiert von Gesundheit, Sport und dem Trend zu Supplements, Nitroguanidin von steigenden Verteidigungsausgaben, Animal Nutrition von der wachsenden Nachfrage nach effizienter Lebensmittelproduktion und Custom Manufacturing von der zunehmenden Auslagerung komplexer chemischer Produktionsprozesse.

Die entscheidende Investmentthese lautet deshalb: Alzchem muss nicht zu einem klassischen Wachstumsunternehmen werden, um seinen Unternehmenswert weiter deutlich steigern zu können; es reicht, wenn sich der bestehende Umsatzmix weiter in Richtung höhermargiger Spezialchemie verschiebt und die neuen Kapazitäten profitabel ausgelastet werden. Genau hierin liegt die große Chance, aber auch die zentrale Herausforderung für die kommenden Jahre und der Aktienkurs ist eng mit Erfolg oder Misserfolg verknüpft. „Priced for perfection“ heißt es Neudeutsch so schön…

Die 4 wichtigsten Dinge, die man über Alzchem wissen muss

  1. Alzchem ist ein Spezialchemieunternehmen mit eigener technologischer Wertschöpfungskette, das sich zunehmend von der margenschwachen Basischemie hin zu hochprofitablen Spezialitäten und Ingredients entwickelt.
  2. Die wichtigsten Wachstumstreiber sind derzeit Kreatin mit den Marken Creapure und Creavitalis, das Tierernährungsprodukt Creamino, kundenspezifische Synthesen sowie Nitroguanidin für den Verteidigungssektor.
  3. Die Gesellschaft investiert massiv in zukünftiges Wachstum; insbesondere rund 120 Mio. Euro in zusätzliche Kreatinkapazitäten und voraussichtlich etwa 150 Mio. Dollar in eine neue Nitroguanidin-Produktion in South Carolina.
  4. Die operative Dynamik ist stark und verleitete Insider in den letzten Wochen dazu, Aktien für einen siebenstelligen Eurobetrag zu kaufen.
Disclaimer: Habe Alzchem auf der Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

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