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Dienstag, 21. April 2020

Kostolany erklärt, weshalb es auf kurz- bis mittelfristige Sicht keinesfalls sicher ist, dass die guten Aktien steigen und die schlechten fallen

André Kostolany war ein erfolgreicher Börsenspekulant, Bonvivant und Autor. Zahlreiche Bücher hat er verfasst über seine große Leidenschaft, die Börse, und er war viele Jahre lang gern gesehener Gast in allen Fernsehtalkshows. Denn er schaffte es nicht nur erfolgreich sein Geld anzulegen, sondern auch das komplexe und verwirrende Börsengeschehen in kurzen, knackigen und sehr oft auch humoristischen Weisheiten und Anekdoten zusammenzufassen.

Sein Buch "Die Kunst, über Geld nachzudenken" war sein letztes Buch, sein Vermächtnis, bevor er am 14. September 1999 verstarb. Es ist vermutlich das beste Buch für Börseneinsteiger überhaupt, weil es die Mechanismen und Wirrungen der Börse so anschaulich erklärt und mit Kostolanys eigenen Erfahrungen so greifbar macht. 80 Jahre Börse erleben und überleben in einem einzigen Buch.

Und einer der vielen darin enthaltenen Weisheiten möchte ich heute ansprechen, eines der Mysterien der Börse, das immer wieder auf's neue Verwunderung auslöst: das Verhalten der Börsenkurse...
»Auf kurz- bis mittelfristige Sicht ist es keinesfalls sicher, dass die guten Aktien steigen und die schlechten fallen. Es kann auch genau umgekehrt sein.«
(André Kostolany)
André Kostolany bezeichnete sich gerne als Spekulanten, doch damit meinte er nicht den Wortsinn, wie er üblicherweise verwendet wird, denn die "Zocker" und Trader waren in seinen Augen Hasardeure. Spekulieren bedeutet für Kostolany stets, Geld auf eine Kursveränderung zu setzen, ob bei Aktien, Anleihen, Rohstoffen, Währungen, egal. Kostonaly kaufte, wenn Anlagen günstig waren und verkaufte, wenn sie teuer wurden; er spekulierte. Jedenfalls die meiste Zeit seines Lebens, denn mit zunehmendem Alter blieb ihm immer weniger Zeit dafür, da er rund um den Globus zu Vorträge hielt, in Talkshows auftrat und seine Bücher promotete. Wie er bekannte, war er im Alter gezwungenermaßen vom Spekulanten zum Anleger geworden und praktizierte Buy & Hold.

Weshalb die Kurse nicht "das Richtige" tun

Für die gerade von Börsenneulingen am häufigsten gestellten Fragen "weshalb steigt der Kurs denn nicht?" und "warum fällt der Kurs bloß?" gibt André Kostolany in "Die Kunst, über Geld nachzudenken" die passende, die richtige Antwort:
»Auf kurz- bis mittelfristige Sicht ist es keinesfalls sicher, dass die guten Aktien steigen und die schlechten fallen. Es kann auch genau umgekehrt sein. Ein Unternehmen kann noch so gute Gewinne erzielen und Dividenden zahlen, es kann noch so gute Zukunftsaussichten haben, steigen wird es an der Börse erst, wenn die Nachfrage größer als das Angebot ist. Das ist das einzige Postulat der Börsenlogik. (…) Aus diesem Blickwinkel ist es vollkommen egal, ob die Gewinne der Unternehmen gut oder schlecht sind, ob Krieg oder Frieden herrscht, Rote oder Schwarze die Macht ergreifen. Natürlich haben auch diese Ereignisse einen Einfluss auf die Kurse. Doch ihr Einfluss ist nur mittelbar. Erst wenn die Geld- und Wertpapierbesitzer diesen Ereignissen Bedeutung beimessen und ihre Kauf- und Verkaufsentscheidungen daran orientieren, wirken sie sich auf die Kurse aus.«
(André Kostolany)
So ist es: die Kurse bilden sich alleine aufgrund von Angebot und Nachfrage und diese kann von der aktuellen Nachrichtenlage beeinflusst sein, muss es aber nicht. Weshalb Max Müller sein zwei Millionen Daimler-Aktien gerade jetzt verkauft, kann an der neusten Schlagzeile liegen, oder daran, dass er Geld als Eigenkapitalanteil für sein neues Eigenheim benötigt oder weil er die teure Scheidung von seiner Ehefrau bezahlen muss. Sein Verkauf hat Auswirkungen auf den Kurs, aber da die übrigen Börsianer nur die Schlagzeile kennen (können), werten sie alle Kauf- und Verkaufsentscheidungen so, als würden sie von dieser ausgelöst. Und das ist Blödsinn!

Die Kurse werden durch unzählige individuelle Kauf- und Verkaufsentscheidungen gebildet, die niemand kennt und die damit auch nicht von anderen in ihre Bewertung der Situation mit einbezogen werden können. Dennoch versuchen sie es, weil der Mensch darauf gepolt ist, alles zu verstehen, alles erklären zu können. Wir wollen, wir brauchen eine Erklärung für die Vorgänge, Unsicherheit ist uns zuwider.

Doch damit ist auch klar, dass die Erklärungen für die Kursentwicklung zumeist völlig falsch sind und wir mit der Suche nach ihnen nur unsere zeit verschwenden - und oft auch unser Geld. Kostolany sagt zu Recht, dass die Kurse kurz- und mittelfristig die Fakten ignorieren können und dass dies völlig normal ist. Auf lange Sicht aber entwickeln sich die Kurse so, wie die Fakten es vorgeben.
»Die Börse ist nur der Marktplatz, die Wertschöpfung findet im Unternehmen statt.«
(Warren Buffett)
Für Anleger ist es daher sinnvoll, nicht zu viel auf das tagtägliche Rauschen an der Börse zu geben, die Flut an belanglosen, Aufsehen erheischenden Meldungen herauszufiltern und bestenfalls ganz zu ignorieren, sondern sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf die langfristige Entwicklung eines Unternehmens, sein Geschäftsmodell, seine Branche, seine Wettbewerbssituation und sein Management. Das Management ist dazu das Unternehmen zu leiten, nicht der Aktionär.
»Good business, good management, good price.«
(Warren Buffett)
Die Kurse von heute sind übermorgen nicht interessanter als die Zeitung von vorgestern. Hat man seinen Investmentcase auf diesen Komponenten solide aufgebaut, kann man sich entspannt zurücklehnen und die Dinge laufen lassen - so lange sie in der gewünschten Richtung laufen, gegebenenfalls auch ewig. Denn mit den richtigen Aktien kommt man auch relativ entspannt durch Krisenzeiten.



Meine Lese-Tipps
▶ "Das ist die Börse" von André Kostolany
▶ "Der große Kostolany: Börsenseminar. Börsenpsychologie. Beste Geldgeschichten" von André Kostolany
▶ "Die Kunst, über Geld nachzudenken" von André Kostolany
▶ "Geld, das große Abenteuer. Aufzeichnungen eines Börsianers" von André Kostolany
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▶ "Kostolanys Börsenseminar: Für Kapitalanleger und Spekulanten" von André Kostolany
▶ "Mehr als Geld und Gier: Kostolanys Notizbuch" von André Kostolany

1 Kommentar:

  1. Wieder mal ein Spitzenklasse-Grundlagen-Artikel...! Man muss all diese Basics über die Börse, und das Investieren darin, immer wieder lesen... bis man alles verstanden, und verinnerlicht hat.
    Dieses ganze Blog ist wirklich eine Schatztruhe...

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