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Dienstag, 9. Juni 2026

[Einfach gedacht] Private Equity: Europas Rüstungsindustrie als neues Battlefield?!

Der europäische Rüstungssektor ist stark fragmentiert und das gilt ganz besonders für Deutschland. Viele mittelständische Unternehmen prägen das Bild und immer mehr von ihnen steuern auf das gleiche Problem zu: eine ungelöste Nachfolgeregelung.

Viele Gründer und/oder Firmeninhaber sind inzwischen in einem Alter, wo sie sich zur Ruhe setzen möchten (oder müssen) und im Gegensatz zu früheren Generationen ist es heute nicht mehr der Normalfall dass sich eine oder mehrere Mitglieder der Gründerfamilie in das "Familienbusiness" einsteigen und die Unternehmertradition fortsetzen. Also wird im schlimmsten Fall der Betrieb eingestellt und das Know-how geht verloren, oder es findet sich ein interessierter Käufer. Und da gibt es die Wettbewerber oder Firmen, die sich ein neues Standbein im inzwischen wieder boomenden Rüstungsbereich aufbauen wollen, oder aber Private Equity. Und das ist für die betreffenden Unternehmen oft Segen und Fluch zugleich.

Ein Fluch deshalb, weil inhabergeführte Familienunternehmen oftmals eine gemächlichere Gangart haben, wo Profit und Gewinn nicht immer an vorderster Stelle stehen. Und der Einstieg eines womöglich sogar börsennotierten Konzerns oder eines Finanzinvestors verschiebt den Fokus schnell in Richtung Effizienz, Kosnetnoptiierung, Profitabilität. Ein Kulturschock!

Ein Segen deshalb, weil alle Unternehmen im Wettbewerb stehen und letztlich nur die fitten überlegen. Wer nicht mit der Zeit geht, wer sich nicht anpasst, fällt zurück und bleibt auf der Strecke. "Alle Unternehmen sterben", sagte einst Amazon-Gründer Jeff Bezozs. Das ist unausweichlich. Also geht es für alle Unternehmen darum, den Zeitpunkt ihres Ablebens möglichst weit in die Zukunft zu verschieben - durch Innovation, Anpassung und ein ständiges Sich-selbst-neu-erfinden.

Wiederaufrüstung als Pflichtaufgabe

Private-Equity-Unternehmen haben den Verteidigungssektor jahrzehntelang ignoriert. Die Branche galt als zu stark staatlich kontrolliert und die meisten Rüstungskontrakte hatten eine Laufzeit von 20 bis 30 Jahren – weit mehr als die übliche Haltedauer von Private-Equity-Unternehmen, die zumeist nach sieben bis acht Jahren den (profitablen) Exit suchen.

Zudem gab es eine schrumpfende Nachfrage, denn die europäischen Staaten haben seit Ende des Kalten Kriegs 1990 ihr Militär und ihre Verteidigungsbudgets massiv heruntergeschraubt. Anstelle der bis dahin großen Gefahr durch einen Angriff des Warschauer Pakts mittels motorisierter Fahrzeuge und Panzer durch die Norddeutsche Tiefebene, wurde die Zukunft des Militärs in Spezialoperationen in fernen Ländern gesehen. "Deutschland wird am Hindukusch verteidigt" sagte 2002 der damalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck (SPD). Und das ganze eingesparte Geld aus dem implodierenden Verteidigungshaushalt wurde für andere Aufgaben verkonsumiert. "Friedensdividende" nannte man das.

Ende. Aus. Vorbei!

2015 griff Russland völkerrechtswidrig nach der Krim und entriss sie der Ukraine. Und 2022 startete Putin dann seine "Militäroperation" zur Beseitigung eines Nazi-Regimes in Kiew. Dieser Krieg dauert nun bereits über vier Jahre und es hat lange Zeit gebraucht, bis sich die europäischen Staaten an diese Realität angepasst hatten und entsprechend massiv die Unterstützung für die um ihre (und unsere!) Freiheit kämpfende Ukraine zu unterstützen. Seit Donald Trump wieder Präsident der USA ist, ist das US-Engagement für die Ukraine massiv geschrumpft und Putin und Russland können sich vor Lobhudeleien seitens der US-Regierung kaum retten. "Putins Mann im Weißen Haus" leistet ganze Arbeit.

Gleichzeitig fordern die USA die europäischen NATO-Staaten zu einer Vervielfachung ihrer Militärausgaben. Und die haben eine deutliche Anhebung ihrer Verteidigungsbudgates beschlossen. Seitdem werden viele neue und zusätzliche Rüstungsaufträge vergeben, um die ohnehin geleerten Lagerbestände aufzufüllen und darüber hinaus das zu ersetzen, was an die Ukraine als Soforthilfen abgegeben wurde - und um eine wieder viel höhere Verteidigungsbereitschaft herzustellen, um die alte neue Bedrohung aus dem Osten wirkungsvoll abzuschrecken.

Hier bietet sich also eine historische Chance, vielleicht sogar die größte Chance seit dem Kalten Krieg. Denn der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass die klassische Kriegsführung nicht tot ist. Zudem explodiert die Nachfrage nach Drohnen, Cyberwaffen, Präzisionsraketen und KI.

Die NATO-Staaten rüsten auf, und die EU finanziert dies zu einem erheblichen Teil (mit). Die Verteidigungsausgaben explodieren:
  • 800-Milliarden-Euro-Verteidigungspaket der EU
  • Europäische Investitionsbank (EIB) finanziert Militärprojekte, u.a. mittels neuer Finanzierungsinstrumente
  • Das US-Verteidigungsministerium erweitert alternative Vertragsstrukturen und erleichtert Private Capital damit den Zugang

Defense im Visier von Private Equity

Es gibt also viel Geld zu verdienen und es bieten sich reichlich Möglichkeiten, sich hier zu engagieren. Einerseits natürlich über "Private Credit", also klassische Fremdfinanzierung von Rüstungsunternehmen und -projekten. Denn es ist noch keine fünf Jahre her, als viele Banken und sogar der weltgrößte Vermögensverwalter BlackRock im ESG-Wahn Rüstungsunternehmen aus ihren Fonds warfen und der Branche Finanzierungen verweigerten. Das ändert sich nun wieder, aber die Rüstungsunternehmen haben ja keine Amnesie. Sie wissen, wer sie jahrelang hat hängen lassen und setzen immer öfter auf alternative Finanzierungen Private Credit kann also seine Stärken ausspielen.

Und auch Private Equity, also der Kauf von Rüstungsunternehmen mit dem Geld von Investoren.

Nebenbei bemerkt: Ich hatte gestern ein Gespräch mit einer Führungskraft aus dem Unternehmerverband Nord, die kürzlich einen Besuch bei Vincorion absolviert haben. Der war schwer beeindruckt, was die dort alles reißen und berichtete über den Standortausbau am Firmensitz in Wedel (mein Büro war ja früher quasi nebenan).

Hab mal die KI befragt nach weiterführenden Infos, aber nicht viel Konkretes gefunden. Google/Gemini sagt: Der Rüstungs- und Technologiezulieferer Vincorion wächst stark und modernisiert seinen Hauptsitz in Wedel. Wegen der gestiegenen Nachfrage nach militärischer Sicherheitstechnik investiert das Unternehmen in Millionenhöhe. Die Pläne umfassen den Ausbau von Produktionshallen sowie die Umstellung von bisheriger Einzelfertigung auf industrielle Serienproduktion.

Gründe für die Expansion: Die Ausweitung der Kapazitäten in Wedel basiert auf dem starken Auftrieb der Sicherheits- und Rüstungsindustrie.

Wachsender Auftragsbestand: Die Zahl der Großaufträge ist von früher einem Auftrag alle vier Jahre auf mittlerweile vier Aufträge pro Jahr gestiegen.

Schlüsselkomponenten: Vincorion produziert Generatoren, mechatronische Systeme und Leistungselektronik unter anderem für den Schützenpanzer Puma, den Kampfpanzer Leopard 2 sowie für das Flugabwehrsystem Patriot.
 
Europäische Projekte: Die Firma hat eine Schlüsselrolle in dem großen europäischen Verteidigungsprojekt SENTINEL inne.

Wie komme ich jetzt auf Vincorion? Das Unetrnehmen hat seinen Firmensitz in meiner Heimat, ich kenne es seit 25 Jahren, habe es in dieser Zeit mehrfach besucht, und ich bin seit seinem Börsengang vor gut sechs Monaten dort Aktionär.
Vincorion Großaktionär ist der Finanzinvestor Star Capital und der wird früher oder später auch noch seinen restlichen Anteilsbesitz veräußern wollen. Hier bietet sich also eine Chance für eine  strategischen Investor, gleich eine (beinahe) beherrsche Eigentümerposition übernehmen zu können. 

Funfact: Unter der Schleswig-Holsteinischen Landesregierung von Peter-Harry Carstensen (CDU) hatte das Wirtschaftsministerium vor etwa 15 Jahren mal eine "Cluster-Studie" herausgegeben mit den Wirtschaftsschwerpunkten in Schleswig-Holstein. Und ich war damals sehr überrascht, dass Wedel nicht primär als Pharma-Standort markiert war (damals hatte Astra-Zeneca noch seine Deutschlandzentrale in Wedel und weitere drei mittelständische Pharmaunternehmen hier ihren Sitz), sondern als Rüstungszentrum.

Neben Vincorion (damals hießen die noch anders, das war sogar noch vor Zeit, als sie zu Jenoptik gehörten), gab und gibt es eine ganze Reihe kleiner und mittlere Rüstungsunternehmen hier vor Ort - die gesamte Branche ist ja nach wie vor sehr fragmentiert. Das dürfte für Finanzinvestoren zu einer interessanten Spielwiese werden, denn viele von den Unternehmen haben inzwischen das Problem der Nachfolgereglung für die (zu) alten Firmengründer und -inhaber.

KKR hat das ja vor einigen Jahren schon mal vorgemacht und eine ehemalige Airbus-Sparte übernommen, dann mehrere Mittelständler zugekauft, den Konzern in Hensoldt umbenannt und an die Börse gebracht. Ich denke, das wird künftig öfter das Playbook sein - und auch weitere Übernahmen durch große Player, wie Rheinmetall und KNDS (die gerade selbst an ihrem Börsengang arbeiten), dürften zunehmend auf die Agenda rücken.

Meine Einschätzung

Europas Rüstungsindustrie ist "im Spiel" und Private Equity streckt seine Fühler aus. Es geht darum, mehrere Firmen zu übernehmen, Lieferanten einzubinden und auf einer Plattform zusammenzuführen. Hier bieten sich dann Potenziale durch
  • Rationalisierung von Abläufen,
  • Optimierung von Kostenstrukturen
  • Verbesserten Einkauf durch Bündelung und Skalierung
  • Expansion in weitere NATO-Märkte
Als ein Wachstumsmotor öffnet sich dabei Elektronik und Cybersicherheit, denn traditionelle Kriegsführung trifft auf technologischen Wandel, wie die Erfahrung aus dem Ukraine-Krieg in Echtzeit zeigen. KI-gesteuerte Kriegsführung und Cybersicherheit sind die am schnellsten wachsenden Segmente und Cyberbedrohungen nehmen exponentiell zu. Hieraus ergibt sich eine konstante Nachfrage, die tendenziell weiter zunimmt.

Dabei sind Forschung und Entwicklung im Rüstungssektor nach wie vor unterfinanziert, so dass Risikokapital die Lücke langsam füllt, aber Private Equity investiert hier nach wie vor zu wenig - noch. 

Als durchaus bewährt haben sich Strukturen, die sowohl den militärischen als auch den privaten Sektor bedienen, also Luft- und Raumfahrt oder Antriebstechnik. Zulieferer wie TransDigm oder ESCO Technologies kaufen seit Jahren kleinere Zulieferer mit wichtigen Schlüsselkomponenten auf und heben dann die Preise deutlich an, weil die Kunden auf die Komponenten nicht verzichten können. Für Private Equity wäre dieses Playbook geradezu paradiesisch.

Viele der interessanten Übernahmeobjekte sind nicht börsennotiert und daher haben Anleger kaum eine Möglichkeit, sich hier zu engagieren. Doch es stehen eine Reihe von Börsengängen an, so dass das Spektrum breiter wird. Zudem bietet sich mit Vincorion nun eine interessante Option.

Darüber hinaus kann man auch auf die Käuferseite wechseln und sich entweder bei den Finanzinvestoren einkaufen und so an der Wertschöpfung der Branchenkonsolidierung teilhaben, oder man setzt auf die etablierten Player im Rüstungssektor, die ganz sicher auch weitere Zukäufe tätigen werden, um ihre Marktposition weiter auszubauen und zu verbessern. Rheinmetall-CEO Armin Papperger hat sich kürzlich erst wieder genau in dieser Richtung geäußert und klargestellt, dass Rheinmetall aktiver Konslidator sein wolle.

So oder so, als Anleger wird man es sich kaum leisten können, sich nicht in diesem Sektor zu engagieren, denn Europas Rüstungsindustrie ist das neue Private Equity-Battlefield!

Disclaimer: Habe Amazon, BlackRock, ESCO, Hensoldt, KKR, Rheinmetall, TransDigm, Vincorion auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

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