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Donnerstag, 24. September 2026

Kissigs Börsengeschichte(n): Am 24.09.1869 platzte der Gold-Squeeze von Jay Gould und James Fisk und dieser Goldcrash löste den ersten "Black Friday" an der Wall Street aus

Am 24.09.1869 erlebt die Wall Street einen Börsentag, der in die amerikanische Finanzgeschichte als "Black Friday" eingehen sollte. Der Begriff hat dabei nichts mit dem heutigen Einkaufsereignis nach Thanksgiving zu tun. Gemeint ist ein spektakulärer Zusammenbruch des Goldpreises, ausgelöst durch den Versuch der beiden Spekulanten Jay Gould und James "Jim" Fisk, den amerikanischen Goldmarkt zu kontrollieren.

Ihr Plan war zunächst erstaunlich erfolgreich: Durch massive Käufe wollten sie das verfügbare Gold verknappen, den Preis immer weiter nach oben treiben und anschließend mit hohen Gewinnen verkaufen. Das Problem war allerdings, dass sie nicht nur gegen andere Spekulanten antraten, sondern letztlich gegen die Vereinigten Staaten selbst.

Die Geschichte des Black Friday ist deshalb mehr als die Episode zweier skrupelloser Börsenspieler. Sie zeigt, wie eng Politik, Insiderinformationen, Eisenbahnkonzerne, Banken und Börsenspekulation im Amerika des Gilded Age miteinander verbunden waren. Sie zeigt außerdem, wie ein scheinbar funktionierender "Corner" des Marktes in sich zusammenbrechen kann, sobald ein mächtiger Akteur mit ausreichend Liquidität gegen die Spekulanten vorgeht. Und sie zeigt, dass die Verluste am Ende keineswegs auf die Börse beschränkt blieben: Händler, Banken, Bauern und Unternehmen bekamen die Folgen des Goldcrashs zu spüren...

Amerika nach dem Bürgerkrieg: Zwei Währungen und ein gewaltiger Spekulationsmarkt

Um zu verstehen, weshalb Gould und Fisk überhaupt auf die Idee kommen konnten, den Goldpreis zu kontrollieren, muss man einen Blick auf die amerikanische Währungsordnung nach dem Bürgerkrieg werfen. Während des Bürgerkriegs hatte die US-Regierung große Mengen sogenannter Greenbacks ausgegeben. Dabei handelte es sich um Papiergeld, das nicht unmittelbar durch eine entsprechende Menge Gold gedeckt war. Vor dem Krieg hatte Gold beziehungsweise Silber im amerikanischen Geldsystem eine wesentlich unmittelbarere Rolle gespielt.

Nach dem Krieg existierten damit gewissermaßen zwei Welten nebeneinander: Papierdollar und Gold. Der Wert des Goldes wurde in Greenbacks ausgedrückt und schwankte. Für Händler und Spekulanten entstand dadurch ein Markt, auf dem sich aus den Kursbewegungen erhebliche Gewinne erzielen ließen. In New York entwickelte sich dafür der sogenannte Gold Room, an dem Gold und Goldkontrakte gehandelt wurden.

Für Gould war das eine ideale Ausgangslage. Denn anders als bei einem Unternehmen, dessen Wert sich zumindest theoretisch anhand von Gewinnen, Vermögenswerten und zukünftigen Cashflows bestimmen lässt, konnte der Goldpreis durch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage unmittelbar beeinflusst werden. Wer einen ausreichend großen Teil des verfügbaren Goldes kontrollierte, konnte versuchen, den Markt zu verknappen.

Genau hier setzte Goulds Plan an. Er wollte nicht einfach darauf wetten, dass Gold aus wirtschaftlichen Gründen steigen würde. Er wollte den Preisanstieg selbst erzeugen. Das Prinzip war denkbar einfach: möglichst viel Gold kaufen, dadurch das frei verfügbare Angebot verknappen, andere Marktteilnehmer zu immer höheren Preisen zum Kauf zwingen und anschließend die eigene Position mit großem Gewinn verkaufen. Ein solcher Versuch wird als Corner bezeichnet. Er funktioniert allerdings nur, wenn die Gegenseite nicht über ein nahezu unbegrenztes zusätzliches Angebot verfügt.

Und genau diese entscheidende Schwachstelle sollte Gould später zum Verhängnis werden.

Jay Gould: Der Meister der Manipulation

Jay Gould war 1869 bereits einer der bekanntesten und umstrittensten Männer der amerikanischen Finanzwelt. Er stammte aus eher bescheidenen Verhältnissen und hatte sich in der jungen amerikanischen Kapitalwirtschaft nach oben gearbeitet. Seine Spezialität war weniger das langfristige Führen von Unternehmen als das Erkennen und Ausnutzen von Machtkonstellationen an den Finanzmärkten.

Besonders bekannt wurde Gould durch seine Aktivitäten bei der Erie Railroad. Gemeinsam mit James Fisk hatte er versucht, die Kontrolle über die Eisenbahngesellschaft zu übernehmen. Der Kampf um die Erie Railroad war geprägt von Aktienmanipulationen, juristischen Auseinandersetzungen und politischen Verbindungen. Gould und Fisk gehörten damit zu jener neuen Klasse amerikanischer Unternehmer und Spekulanten, die enorme Vermögen aufbauten, während gleichzeitig die Regeln der modernen Finanzmärkte noch kaum entwickelt waren.

Gould galt als ausgesprochen strategisch. Während Fisk durch seine auffällige Persönlichkeit und sein selbstbewusstes Auftreten auffiel, agierte Gould häufig im Hintergrund. Die Zeitgenossen beschrieben ihn als Meister darin, Informationen zurückzuhalten, Gegner gegeneinander auszuspielen und politische Kontakte für geschäftliche Zwecke einzusetzen.

Sein Spitzname "Mephistopheles of Wall Street" bringt das zeitgenössische Bild von ihm auf den Punkt. Historisch betrachtet sollte man solche Bezeichnungen allerdings als Teil der damaligen öffentlichen Wahrnehmung verstehen. Gould war zweifellos ein außergewöhnlich aggressiver Spekulant, doch viele der Geschichten über ihn wurden von Gegnern, Zeitungen und politischen Karikaturisten weiter ausgeschmückt.

James Fisk: Der extravagante Partner

James Fisk war ein anderer Typ. Während Gould eher als stiller Stratege auftrat, war Fisk extrovertiert, selbstbewusst und öffentlichkeitswirksam. Auch er hatte sich in der Geschäftswelt nach oben gearbeitet und wurde schließlich zu Goulds engem Partner bei der Erie Railroad.

Fisk verfügte über eine bemerkenswerte Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen. Gleichzeitig war er in die politische und wirtschaftliche Schattenwelt New Yorks eng eingebunden. Gemeinsam mit Gould nutzte er seine Beziehungen, um Einfluss auf Geschäftsentscheidungen, Politiker und andere Akteure zu gewinnen.

Die beiden ergänzten sich deshalb hervorragend. Gould entwickelte die Strategie, Fisk half bei ihrer Umsetzung. Gemeinsam hatten sie bei der Erie Railroad bereits erfahren, wie sich finanzielle Macht, politische Kontakte und aggressive Spekulation miteinander verbinden ließen.

Der Goldmarkt erschien ihnen nun als noch größeres Spielfeld.

Der Plan: Den Goldmarkt "cornern"

Anfang 1869 begann Gould damit, größere Mengen Gold aufzukaufen. Sein Ziel bestand darin, den frei verfügbaren Bestand so weit zu reduzieren, dass andere Spekulanten, die auf fallende Goldpreise gesetzt hatten, in Bedrängnis gerieten. Heute würde man sagen, sie wollten gezielt einen Short-Squeeze erzeugen.

Das Vorgehen war besonders clever, weil der amerikanische Staat selbst zum entscheidenden Faktor wurde. Die US-Regierung besaß beträchtliche Goldreserven und konnte Gold auf den Markt bringen. Wenn sie dies tat, stieg das Angebot und der Preis fiel. Wenn sie dagegen zurückhaltend blieb, konnten Gould und seine Verbündeten den Preis nach oben treiben.

Gould musste daher nicht nur andere Händler überlisten. Er musste vor allem dafür sorgen, dass Washington nicht eingriff. Und dafür benötigte er Informationen.

Eine entscheidende Figur wurde deshalb Abel Corbin, der mit Jennie Grant, der Schwester von Präsident Ulysses S. Grant, verheiratet war. Corbin verfügte damit über einen direkten Zugang zum Präsidentenumfeld. Gould nutzte diese Verbindung, um Informationen über die Haltung der Regierung zu erhalten und Einfluss auf die Diskussion über die Goldpolitik zu nehmen.

Auch Daniel Butterfield, der stellvertretende US-Schatzmeister in New York, wurde in die Vorgänge hineingezogen. Dadurch konnten Gould und seine Partner zumindest zeitweise Informationen über mögliche staatliche Goldverkäufe erhalten.

Goulds politischer Schachzug

Gould wusste, dass sein Plan leichter funktionieren würde, wenn Präsident Grant davon überzeugt wäre, dass ein hoher Goldpreis wirtschaftlich sinnvoll sei.

Daher wurde Grant gegenüber argumentiert, ein hoher Goldpreis könne amerikanischen Farmern helfen. Wenn amerikanische Agrarprodukte im Ausland verkauft wurden, erhielten die Verkäufer ausländische Währungen, die wiederum in Dollar beziehungsweise Gold umgerechnet wurden. Ein höherer Goldpreis konnte damit die Einnahmen der amerikanischen Exportwirtschaft in Greenbacks erhöhen.

Grant war zunächst durchaus offen für Argumente zugunsten eines höheren Goldpreises. Allerdings bedeutete das nicht, dass er bereit war, Gould und Fisk bei einer Marktmanipulation zu unterstützen. Der Präsident war vielmehr grundsätzlich dafür, den Goldpreis nicht unnötig zu drücken.

Für Gould und Fisk war diese Situation ideal. Sie konnten darauf hoffen, dass Washington zunächst nicht eingreifen würde, während sie selbst immer größere Mengen Gold kauften.

Im Laufe des Sommers 1869 nahm ihre Position immer größere Dimensionen an.

Der Goldpreis beginnt zu steigen

Im August wurde deutlich, dass die Spekulation funktionierte. Gold, das zuvor etwa 132 Greenbacks je 100 Dollar Gold gekostet hatte, stieg innerhalb weniger Wochen auf über 140 Dollar. Die Marktteilnehmer erkannten zunehmend, dass offenbar eine Gruppe finanzkräftiger Spekulanten große Mengen Gold aufkaufte.

Damit entstand ein klassischer Kreislauf: Der steigende Preis lockte weitere Käufer an. Gleichzeitig gerieten diejenigen unter Druck, die auf einen fallenden Goldpreis gesetzt hatten.

Gould und Fisk verstärkten diesen Effekt. Sie kauften weiter und verbreiteten zugleich die Vorstellung, dass die Regierung den Goldpreis nicht durch Verkäufe drücken werde.

Im September schien der Plan beinahe aufzugehen. Nach Angaben der Library of Congress hatten Gould und Fisk schließlich eine Position aufgebaut, die einen erheblichen Teil des auf dem New Yorker Markt verfügbaren Goldes umfasste. Der Preis bewegte sich immer weiter nach oben.

Doch Gould wusste, dass sein gesamtes Kartenhaus von einer einzigen Frage abhing: Was würde Präsident Grant tun?

Der Wendepunkt: Grant durchschaut die Manipulation

Im September begann Grant zunehmend misstrauisch zu werden. Ausgerechnet eine Intervention von Abel Corbin sollte dabei zum Wendepunkt werden.

Corbin wollte wissen, ob Grant tatsächlich weiterhin eine Politik verfolgen würde, bei der die Regierung keine größeren Goldmengen verkaufte. Er schrieb deshalb an den Präsidenten beziehungsweise suchte eine entsprechende Bestätigung.

Das hatte den gegenteiligen Effekt. Grant erkannte zunehmend, dass sein Schwager beziehungsweise dessen Umfeld in die Goldspekulation verwickelt sein könnte. Schließlich ließ er seine Frau eine Warnung an Corbins Frau übermitteln. Grant machte deutlich, dass er nicht bereit war, eine künstliche Verteuerung des Goldes zuzulassen, wenn sie der Spekulation diente.

Damit war Goulds ursprünglicher Plan eigentlich gescheitert. Doch jetzt zeigte sich ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Geschichte: Gould und Fisk wussten nicht dasselbe. Gould erfuhr von der veränderten Haltung Grants. Fisk hingegen war weiterhin davon überzeugt, dass die Regierung nicht eingreifen werde.

Diese Informationsasymmetrie sollte für den Verlauf des Black Friday entscheidend werden.

Gould beginnt zu verkaufen, während Fisk weiter kauft

Als Gould am 22. September 1869 erkannte, dass Grant wahrscheinlich gegen die Spekulation vorgehen würde, begann er, seine eigene Goldposition heimlich abzubauen.

Doch nach außen sollte es so aussehen, als würde der Ring weiterhin kaufen. Deshalb wurden weiterhin kleinere Käufe durchgeführt, um Vertrauen im Markt zu erhalten.

Fisk hingegen wusste nichts von Goulds Kurswechsel. Er setzte die aggressive Kaufstrategie fort und überzeugte andere Spekulanten davon, dass der Goldpreis weiter steigen werde.

Damit entstand eine geradezu groteske Situation: Die beiden Partner arbeiteten offiziell noch gemeinsam am selben Plan, während Gould sich bereits auf den Zusammenbruch vorbereitete und Fisk weiter auf einen Erfolg setzte.

Am Donnerstag, dem 23. September, erreichte die Spekulation ihren Höhepunkt. An der New York Gold Exchange wurden riesige Volumina gehandelt. Die Erwartung weiterer Preissteigerungen war so groß, dass sich immer mehr Marktteilnehmer auf die steigenden Kurse verließen.

Der Goldpreis hatte sich von rund 132 Dollar im August bis in die Region von 144 Dollar und darüber bewegt.

Am nächsten Morgen sollte das Kartenhaus zusammenbrechen.

24. September 1869: Der erste Black Friday

Am Freitagmorgen, dem 24. September 1869, öffnete der Goldmarkt in New York unter enormer Spannung. Gold notierte zunächst bei rund 143 Dollar und stieg weiter. Im Verlauf des Vormittags erreichte der Preis schließlich ungefähr 160 bis 162 Dollar. Fisk kaufte weiter. Für viele Marktteilnehmer schien es, als würde die Spekulation tatsächlich erfolgreich sein.

Doch während in New York die Preise explodierten, war in Washington längst eine andere Entscheidung gefallen. Präsident Grant hatte Finanzminister George Boutwell angewiesen, Gold auf den Markt zu bringen. Die Regierung entschied sich schließlich für einen Verkauf von rund 4 Millionen Dollar Gold.

Das klingt aus heutiger Sicht nach einem vergleichsweise kleinen Betrag. Für den damaligen, künstlich verknappten Markt war es jedoch gewaltig. Die Nachricht traf die Spekulanten wie ein Schlag.

Innerhalb kürzester Zeit brach der Goldpreis von rund 160 Dollar auf ungefähr 135 Dollar ein. Die künstliche Knappheit war verschwunden. Was vorher wie eine unaufhaltsame Preisbewegung nach oben ausgesehen hatte, verwandelte sich in eine Verkaufspanik. Der Corner war gescheitert.

Der Goldcrash zieht die Börse mit nach unten

Das Problem war, dass die Goldspekulation nicht isoliert existierte. Viele Händler hatten ihre Geschäfte mit Kredit finanziert. Andere hatten auf steigende oder fallende Kurse gewettet. Als der Goldpreis kollabierte, mussten Positionen liquidiert werden.
Die Panik sprang deshalb auf den Aktienmarkt über.

Aktienkurse brachen ein, Broker gerieten unter Druck und zahlreiche Marktteilnehmer konnten ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen. Die Library of Congress beziffert den Verlust bei Gold und Aktien auf rund 100 Millionen Dollar. Zahlreiche Brokerhäuser mussten schließen.
"Kredit ist wie Sauerstoff. Ist er vorhanden, bleibt seine Anwesenheit unbemerkt. Fehlt er, ist das alles, was bemerkt wird. Schon eine kurze Phase ohne Kredit kann ein Unternehmen in die Knie zwingen. Geliehenes Geld hat keinen Platz im Investoren-Werkzeugkasten. An den Märkten kann jederzeit alles passieren. (...) Wenn Du schlau bist, musst Du keinen Kredithebel für deine Investments nutzen und wenn Du dumm bist, solltest Du keinen nutzen."
(Warren Buffett)
Der Schaden beschränkte sich jedoch nicht auf die Wall Street. Besonders problematisch war die Wirkung auf den Außenhandel. Ein hoher Goldpreis hatte die amerikanischen Exporteure zunächst begünstigt. Nach dem Crash veränderten sich die Preisrelationen abrupt. Händler, Produzenten und insbesondere Farmer, die ihre Ernte auf den internationalen Märkten verkaufen wollten, bekamen die Folgen zu spüren.

Zeitgenössische und spätere Berichte beschrieben erhebliche Preisverluste bei Agrarrohstoffen. Auch der internationale Handel wurde durch die Unsicherheit beeinträchtigt.

Der Goldmarkt war damit nicht einfach wieder dort angekommen, wo er vor der Spekulation gestanden hatte. Die künstliche Preisbewegung hatte reale wirtschaftliche Schäden hinterlassen.

Warum Gould und Fisk trotzdem nicht untergingen

Besonders bemerkenswert ist, dass die beiden Hauptakteure des Skandals nicht zu den größten Verlierern gehörten.

Fisk hatte zwar erhebliche Positionen aufgebaut und wurde vom Zusammenbruch getroffen. Gould dagegen hatte bereits begonnen, seine Goldbestände zu verkaufen, nachdem er von Grants geplanter Intervention erfahren hatte.

Schätzungen zufolge konnte Gould durch seine rechtzeitigen Verkäufe sogar einen Gewinn von ungefähr 12 Millionen Dollar erzielen. Die genaue finanzielle Bilanz seiner Geschäfte ist allerdings nicht vollständig eindeutig.

Das macht den Fall besonders bitter. Während zahlreiche andere Spekulanten, Händler und Unternehmen durch den Zusammenbruch ruiniert wurden, gelang es Gould, sich rechtzeitig aus einem Teil der Positionen zurückzuziehen.

Der Mann, der die Manipulation wesentlich mitorganisiert hatte, konnte den Zusammenbruch daher zumindest teilweise zu seinem Vorteil nutzen.

Fisk wiederum behauptete später, bestimmte Geschäfte seien ohne sein Wissen beziehungsweise durch andere Broker abgeschlossen worden. Auch er blieb letztlich strafrechtlich unbehelligt.

Die politische Dimension des Skandals

Noch größer als die unmittelbaren finanziellen Folgen war der politische Schaden. Denn die Spekulation hatte gezeigt, wie eng die amerikanische Finanzelite mit politischen Machtstrukturen verbunden war. Gould und Fisk hatten versucht, über Abel Corbin Einfluss auf das Umfeld des Präsidenten zu gewinnen. Der Skandal nährte deshalb den Eindruck, dass reiche Spekulanten in Washington über persönliche Beziehungen Einfluss auf staatliche Entscheidungen nehmen konnten.

Für Präsident Ulysses S. Grant war die Angelegenheit besonders unangenehm. Grant selbst war nicht der Initiator der Spekulation und wurde von der späteren Untersuchung von direkter Beteiligung freigesprochen. Dennoch hatte sein persönliches Umfeld eine wichtige Rolle gespielt. Sein Schwager Corbin war involviert, und Gould und Fisk hatten versucht, den Präsidenten für ihre Argumentation einzunehmen.

Der Black Friday wurde dadurch zu einem frühen Beispiel für ein Problem, das die amerikanische Politik während des gesamten Gilded Age beschäftigen sollte: die enorme Macht einzelner Unternehmer, Spekulanten und Finanzgruppen.

Die Untersuchung des Kongresses

Der Goldcrash blieb nicht ohne politische Konsequenzen. Der Kongress untersuchte die Vorgänge und versuchte zu klären, wie es Gould und Fisk gelungen war, den Goldmarkt in diesem Umfang zu manipulieren.

Der Untersuchungsbericht bestätigte den Versuch, den nationalen Goldmarkt zu beeinflussen. Gleichzeitig ergab die Untersuchung keine Grundlage für strafrechtliche Anklagen gegen die wichtigsten Beteiligten und entlastete Grant von einer direkten Beteiligung.

Gerade aus heutiger Sicht ist dieser Ausgang bemerkenswert. Ein Spekulationsring hatte einen zentralen Finanzmarkt des Landes manipuliert, ein politisch einflussreicher Verwandter des Präsidenten war involviert, und dennoch blieb die juristische Aufarbeitung begrenzt.

Das lag auch daran, dass die Finanzmärkte der damaligen Zeit weitgehend anders funktionierten als moderne Kapitalmärkte. Es gab keine umfassende Wertpapieraufsicht, keine Securities and Exchange Commission und kein dichtes Netz moderner Marktmissbrauchsregeln.

Was heute bei bestimmten Konstellationen als Insiderhandel oder Marktmanipulation untersucht würde, bewegte sich damals vielfach in einer rechtlichen Grauzone.

Soweit die Theorie. Denn wem fallen da nicht die Parallelen zur heutigen Zeit auf, wo einige wenige "Oligarchen"  im Dunstkreis des Präsidenten ihren Einfluss sichern und gezielt zu ihrem Vorteil nutzen - nur dass Donald Trump zu den größten Marktmanipulatoren zählt und aktiv seine Insiderinformationen zur persönlichen Bereicherung nutzt. Unbehelligt von der Justiz.
 

Der Black Friday als Lehrstück über Marktmanipulation

Der Fall Gould und Fisk ist deshalb auch aus heutiger Perspektive interessant. Der Kern ihrer Strategie bestand aus drei Elementen: Knappheit erzeugen, Erwartungen beeinflussen und Informationen kontrollieren.

Erstens kauften sie große Mengen Gold und versuchten dadurch, das frei verfügbare Angebot zu reduzieren. Zweitens erzeugten sie über ihre Aktivitäten und Aussagen die Erwartung weiter steigender Preise. Drittens versuchten sie, Informationen über das Verhalten der Regierung früher zu erhalten als andere Marktteilnehmer.

Solange alle drei Faktoren zusammenwirkten, schien die Strategie zu funktionieren.

Doch ein Corner hat eine fundamentale Schwachstelle: Der Manipulator kann den Markt nur so lange kontrollieren, wie kein anderer Teilnehmer über ein ausreichendes Gegenangebot verfügt.

Bei Gold hatte Gould diese Grenze unterschätzt. Denn der amerikanische Staat war nicht einfach ein gewöhnlicher Marktteilnehmer. Er konnte seine Goldreserven einsetzen und dadurch das künstlich verknappte Angebot schlagartig erhöhen.

Als Washington handelte, verschwand die Grundlage der Spekulation.

Die Ironie des Erfolgs

Das vielleicht bemerkenswerteste Detail der gesamten Geschichte liegt deshalb in der Ironie ihres Ausgangs. Gould und Fisk wollten den Goldmarkt kontrollieren. Tatsächlich gelang es ihnen, den Goldpreis zeitweise massiv nach oben zu treiben. Sie bewiesen damit, dass eine ausreichend finanzkräftige Gruppe einen Markt erheblich bewegen kann, wenn sie Angebot, Nachfrage und Erwartungen gleichzeitig beeinflusst.

Doch gerade der Erfolg machte die Spekulation instabil. Je höher der Goldpreis stieg, desto mehr Kapital wurde benötigt, um die Positionen zu halten. Je mehr Marktteilnehmer auf steigende Kurse setzten, desto größer wurde die Gefahr eines massiven Rückschlags. Und je stärker die öffentliche Aufmerksamkeit wuchs, desto wahrscheinlicher wurde ein Eingreifen der Regierung.

Der Corner musste deshalb zwangsläufig irgendwann aufgelöst werden. Die entscheidende Frage war nur, wer zuerst verkaufen würde.

Am 24. September war die Antwort eindeutig: Die Regierung löste den Verkaufsdruck aus, Gould verkaufte rechtzeitig, Fisk blieb zunächst auf der Käuferseite, und zahlreiche andere Marktteilnehmer wurden vom Zusammenbruch überrascht.

Ein Vorbote der späteren Finanzskandale

Der Black Friday von 1869 war einer der frühen großen Finanzskandale des modernen Amerika. Er entstand in einer Zeit, in der sich die Vereinigten Staaten rasant industrialisierten und enorme Vermögen entstanden. Eisenbahnen, Banken und Rohstoffmärkte schufen neue Möglichkeiten für Unternehmer und Spekulanten.

Doch die Institutionen, die diese neue Wirtschaft kontrollieren sollten, waren noch nicht entsprechend entwickelt. Der Fall Gould und Fisk verdeutlicht deshalb ein grundsätzliches Spannungsverhältnis des Kapitalismus: Märkte können Kapital effizient verteilen und Preise bilden, aber sie können gleichzeitig manipuliert werden, wenn einzelne Akteure über genügend Kapital, Informationen und politische Verbindungen verfügen.

Erst Jahrzehnte später entstanden in den USA jene umfassenden Regeln und Aufsichtsbehörden, die Insidergeschäfte, Marktmanipulation und andere Formen des Missbrauchs systematischer bekämpfen sollten.

Der Black Friday von 1869 war damit kein isoliertes Kuriosum. Er gehörte zu jener Entwicklung, aus der langfristig ein stärker reguliertes amerikanisches Finanzsystem hervorging.

Gould und Fisk nach dem Crash

Bemerkenswert ist auch, dass der Skandal die Karrieren der beiden Spekulanten nicht beendete.

Jay Gould blieb eine der einflussreichsten Figuren der amerikanischen Finanzwelt. Er engagierte sich weiterhin im Eisenbahngeschäft und baute seinen Einfluss auf große Verkehrs- und Kommunikationsunternehmen aus. Später spielte er unter anderem beim Aufbau eines großen Telegraphenimperiums eine wichtige Rolle.

James Fisk blieb ebenfalls eine bedeutende Figur der New Yorker Geschäftswelt. Sein Leben endete allerdings nur wenige Jahre später auf dramatische Weise, als er 1872 nach einem persönlichen und geschäftlichen Konflikt erschossen wurde.

Gould dagegen lebte bis 1892 und hinterließ beim Tod ein beträchtliches Vermögen. Sein Aufstieg verdeutlicht, dass der Black Friday keineswegs das Ende der Ära der großen Spekulanten bedeutete.

Im Gegenteil: Das Gilded Age sollte erst noch einige seiner spektakulärsten Finanz- und Korruptionsaffären erleben.

Das Erbe des ersten "Black Friday"

Der 24. September 1869 bleibt deshalb ein Wendepunkt in der amerikanischen Finanzgeschichte. Jay Gould und James Fisk hatten versucht, den Goldpreis künstlich nach oben zu treiben, indem sie einen großen Teil des verfügbaren Goldes aufkauften. Sie nutzten dafür ihr Kapital, politische Kontakte und Informationen über die Regierungspolitik.

Zunächst schien der Plan aufzugehen. Der Goldpreis stieg dramatisch, immer mehr Spekulanten sprangen auf den Zug auf und der Eindruck entstand, Gould und Fisk hätten den Markt tatsächlich unter Kontrolle.

Doch der Markt hatte einen Gegenspieler, den sie nicht dauerhaft ausschalten konnten: die US-Regierung. Als Präsident Grant den Finanzminister anwies, Goldreserven zu verkaufen, brach die künstliche Knappheit zusammen. Der Goldpreis stürzte ab, die Spekulation kollabierte und die Panik erfasste auch die Aktienmärkte.

Der wirtschaftliche Schaden war erheblich. Brokerhäuser gingen unter, Vermögen wurden vernichtet, der Außenhandel geriet unter Druck und zahlreiche Marktteilnehmer verloren ihre Existenzgrundlage. Gleichzeitig blieb der unmittelbare juristische Schaden für Gould und Fisk erstaunlich gering.

Damit wurde der erste "Black Friday" der Wall Street zu einem Lehrstück über die Macht und die Gefahren von Marktmanipulation. Er zeigte, dass Preise nicht nur von Angebot und Nachfrage bestimmt werden, sondern auch von Erwartungen, Informationen und der finanziellen Macht einzelner Marktteilnehmer. Vor allem aber zeigte er, dass eine Spekulation selbst dann gefährlich werden kann, wenn sie zunächst funktioniert: Je erfolgreicher Gould und Fisk den Goldpreis nach oben trieben, desto größer wurde die Fallhöhe.

Als der Staat schließlich eingriff, genügte eine vergleichsweise begrenzte Menge zusätzlichen Goldes, um das Kartenhaus zum Einsturz zu bringen.

Der Name "Black Friday" stand damit bereits 1869 für einen Tag, an dem die Wall Street erlebte, wie schnell aus scheinbar grenzenlosem Reichtum eine massive Finanzpanik werden kann. Und anders als beim heutigen Black Friday ging es damals nicht um Rabatte und Konsum, sondern um eine der spektakulärsten Spekulationen der amerikanischen Finanzgeschichte.

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