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Sonntag, 8. September 2019

Die 36. Börsenwoche im Rückspiegel: Kissigs Kloogschieterei mit Facebook, Godewind Immobilien, IAC InterActiveCorp., Match Group, Softbank Group

In der zurückliegenden Börsenwoche standen die Zeichen weiter auf Kurserholung: der DAX hat die 12.000 zurück erobert und der S&P 500 schnuppert wieder an der 3.000er Marke.

Boris Johnson ist nun britischer Premierminister und er will den Brexit um jeden Preis. Das Parlament jedoch nicht, da hat "Zar Boris" gleich zum Start vier Abstimmungen in Folge verloren. Dann hat er mehr als 20 Mitglieder seiner Tories aus der Fraktion geworfen, um nur noch Abnicker in seinen Reihen zu haben, doch dieses rücksichtslose Verhalten fällt ihm in den Umfragen voll auf die Füße. Und auch seine Arbeitsministerin ist ihm jetzt von der Fahne gegangen.

Der Wahnsinn regiert, nicht nur London. Und es sind die Populisten, die das Volk an die Spitze wählt, als wäre das Regieren eine Reality-TV-Trash-Show - und vielleicht ist das auch die Erklärung für deren Erfolg. Man weiß, dass sie lügen und Vollhonks sind, aber man will sich ihre Eskapaden ansehen und sich von ihnen entsetzen lassen. Nur dumm, dass ihre Entscheidungen, anders als im TV, reale Konsequenzen nah sich ziehen. Es bleibt dabei: jedes Volk hat die Regierung, die es verdient (in der Demokratie). Cruel Britannia...


Börsentheater, 1. Akt: Die Politik


Im Amazonas-Gebiet ereignet sich eine riesige Umweltkatastrophe mit Auswirkungen für das Klima überall auf der Welt. Die Brände setzten Unmengen an CO2 frei und vernichten den Lebensraum von Millionen von Tieren, Pflanzen und Menschen. Der neue brasilianische Präsident ist auch so ein Dummbatz wie Johnson und Trump und lässt es einfach geschehen - angebotene Hilfe anderer Staaten lehnt er als Einmischung ab, lieber soll der Regenwald abbrennen. Das hilft dann einigen wenigen Großgrundbesitzern und Konzernen, die frische Bau und Ackerflächen für die Rinderzucht bekommen. und man kann "prima" die Bodenschätze ausbeuten, die es unter der ehemaligen Waldfläche vermutlich zu entdecken gibt. Eigennutz vor Gemeinwohl, das ist das neue Leitmotiv. Naja, so neu ist das nicht, aber dass Staatslenker es so offen vorleben, und dies von den Wählern und der Öffentlichkeit einfach so hingenommen und teilweise sogar beklatscht wird, das ist neu. Und einfach nur abstoßend.

Ich kann gut nachvollziehen, weshalb immer mehr Menschen keinen Bock mehr auf "die da oben" haben. Es geht mir nicht anders...


Börsentheater, 2. Akt: Die Unternehmen


So, nun aber zum Eingemachten und einigen interessanten Meldungen zu aktuellen oder ehemaligen Unternehmen auf meiner Beobachtungsliste.


Facebook / Match Group / IAC InterActive Corp.

Das soziale Netzwerk Facebook hat sein Facebook Dating in den USA gestartet und damit gerieten die Kurse von Match Group als führenden Anbieter von Dating-Plattformen und -Apps unter Druck und auch von deren Mutterkonzern IAC InterActive Corp. Es bleibt abzuwarten, ob hier eine echte Konkurrenz entsteht. Facebook Dating ist kostenlos, weil Facebook darüber Menschen auf seine Seiten locken und dort zum Verweilen animieren möchte, um so über Werbung und die Auswertung ihres Nutzerverhaltens indirekt Geld an ihnen zu verdienen. Das wird so manchem Nutzer nicht schmecken, zumal gerade ein neues Datenleck bei Facebook aufgetaucht ist - und auch Facebook-Nutzer in festen Partnerschaften könnten unter Druck geraten durch ihre Partner, weil Facebook nun eben auch noch stärker zum Seitensprungportal mutiert. Wenn es ganz dumm läuft für Facebook, verliert man so mittelfristig sogar Nutzer.

Für Match Group werden die nächsten Download- und Geschäftszahlen Aufschluss geben, ob und wie stark der Einfluss von Facebook Dating auf Tinder und die übrigen Angebote wirklich ist. Bis dahin bleibt alles Spekulation.


Godewind Immobilien

Bei diesem Spezialisten für deutsche Gewerbeimmobilien ist alles etwas anders. Es ist die Neuauflage der WCM, wieder unter Führung von Karl Ehlerding und Stavros Efremidis, und man ist spät dran im Immobilienboom. Nach dem IPO zu €4 kannte der Kurs kein halten und rauschte auf unter €3 runter - monatelang tat sich gar nichts auf der Ankaufseite. Doch dann legte Efremidis los und kaufte in einem Affenzahn Gewerbeimmobilien auf. Zumeist B-Lagen mit hohem Leerstand - was ihm erhebliche Skepsis einbrachte. Andererseits waren die Kaufpreise entsprechend niedrig(er) und das Entwicklungspotenzial größer; Godewind war also ein Unternehmen mit erhöhten Chancen und höheren Risiken.

Und Efremidis hat geliefert. Das Eigenkapital ist inzwischen vollständig investiert und Zwischenfinanzierungen wurden durch mittel- und langfristige Immobilienkredite abgelöst. Und die hohe Leerstandsquote wurde bereits deutlich gesenkt und darüber hinaus auch einige Mietverträge vorzeitig verlängert, wodurch sich die Mieteinnahmen und die durchschnittliche Restmietzeit (WALT) erhöhten - und in der Folge auch der Wert der Liegenschaften.

Der Aktienkurs hat die Entwicklung inzwischen nachvollzogen und notiert wieder um die €4. Also exakt so hoch wie zu dem Zeitpunkt, als Godewind noch einen prall gefüllte Kasse hatte, keinerlei Immobilien und nur große Träume. Insofern ist unverständlich, weshalb der Kurs nicht deutlich höher notiert, nachdem das Portfolio auf über €1 Mrd. aufgebaut wurde und noch weiteres Potenzial aufgrund weiteren Leerstandsabbaus besteht.

Zwei Erklärungen könnte es geben: zum einen die von Berlin angestoßene negative Diskussion um Mietendeckel und Enteignungen, die den gesamten Immobiliensektor belasten, und zum anderen die Tatsache, dass Godewind nun voll investiert ist und auch die Kreditanteile weitgehend ausgereizt hat. Künftiges Wachstum über die Entwicklung des jetzigen Bestands hinaus kann also nur noch erfolgen, wenn man Objekte mit Gewinn verkauft und sich so frisches Geld besorgt, oder aber durch neues Eigenkapital. Der Aktienkurs von €4 ist dabei nicht unattraktiv aus Sicht des Unternehmens, aber man hätte wohl gerne einen noch höheren Kurs, bevor man frisches Geld einwirbt. Denn eine solche Maßnahme wird erfahrungsgemäß den Kurs belasten; bei WCM hat das Duo Ehlerding/Efremidis diese Erfahrung leidvoll machen müssen, als man eine viel zu große Kapitalerhöhung durchführte und so den Kurs für anderthalb Jahre lähmte. Gut möglich also, dass die Anleger (auch) deshalb etwas verhalten auf die Aktien der Godewind blicken. Trotz aller Erfolge beim Einkauf und Werteheben, die die Erwartungen übertroffen haben.

Da ein Ende des Immobilienbooms in Deutschland, auch bei Gewerbeimmobilien, nicht abzusehen ist und die EZB weiter billiges Geld in den markt pumpen wird, dürfte Godewind noch weiter auf dieser Welle reiten wollen. Und dafür benötigt man frisches Geld. Mal sehen, wann es soweit ist und zu welchem Kurs...


Softbank Group / Slack / Uber / WeCompany (WeWork)

WeWork strebt an die Börse und muss beim Preis erhebliche Zugeständnisse machen, um überhaupt Interesse zu entfachen. Die Softbank Group ist, vor allem über ihren Vision Funds, mit rund 29% an Bord und hat dafür Berichten zufolge knapp $10,65 Mrd. investiert. Dass WeWork nun mit zwischen $20 Mrd. und $30 Mrd. bewertet werden soll, anstelle der $47 Mrd. bei Softbanks letztem Einschuss, belastet natürlich auch den Aktienkurs der Softbank Group. Hinzu kommt, dass die Kurse von weiteren großen Beteiligungen, wie Uber und Slack, ebenfalls unter Druck stehen. Auf der anderen Seite hat sich Alibaba in der letzten Woche um 2% erholt und an den chinesischen Internetgiganten hält die Softbank Group 26% - und dieser Anteil ist deutlich mehr wert als die Softbank Group zur Zeit an der Börse bepreist wird.

Die aus meiner Sicht interessantere Entwicklung findet in den USA statt bei der Fusion zwischen Sprint und T-Mobile USA. Sobald diese vollzogen ist, werden die enormen Sprint-Schulden aus der Bilanz der Softbank Group "verschwinden" (da Sprint entkonsolidiert wird) und sich auch der Blick auf die Softbank Group selbst wandeln: vom Telekomkonzern hin zu einem Venture Capital-Investor bzw. einem Beteligungskonglomerat. Auch diese werden an der Börse mit Abschlägen auf ihren NAV gehandelt, dennoch dürfte in der Neubewertung einiges an zusätzlichem Potenzial stecken.


Angst und Gier & Ups and Downs


Der Fear & Greed Index von CNN Money hat sich in der letzten Woche um 12 Zähler weiter erholt auf 35 Punkte; er hat damit zum Start in den "Angst-Monat" September das Extreme-Angst-Territorium verlassen.

Mein "operativer Net Worth" hat sich in der letzten Woche erneut um positiv entwickelt und liegt nun 30,75% höher als beim Jahresstart (YTD). Das sind 0,75% mehr als Ende der Vorwoche und das Ergebnis liegt weiterhin weit über meiner Zielgröße von 15% Rendite pro Jahr.

Auf gute Börsengeschäfte. Es bleibt spannend...

Disclaimer
Facebook, Godewind Immobilien, IAC InterActiveCorp., Match Group, Softbank Group und Verisk Analytics befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot.

11 Kommentare:

  1. Hallo Michael,

    deine Beiträge zur Softbank und deren Umtrieben lese ich immer wieder gerne :)
    Ist dir bekannt / allgemein Bekannt und ich hab es blos übersehen, ob Softbank , wenn man denn tiefer bei WC rein will das wieder über ne Anleihe macht?

    Denn das Wertschöpfungspotential des Kurses und Unternehmens sollte ja riesig sein.

    Viele Grüße und weiter so,

    Dagobert

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    1. Dazu habe ich keine Infos. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass Softbank Group ohne Abstimmung mit Wirecard einfach Aktien zukauft. Das wäre ja als unfreundlicher Akt zu werten und könnte die Kooperation gefährden, die ja in beiderseitigem Interesse ist. Ich vermute, dass Softbank "hintenrum" sanften Druck auf Wirecard ausübt, um ihnen eine größere Beteiligung zu ermöglichen, also deutlich macht, dass man sich stärker beteiligen will. Dass dies auch im Interesse von Wirecard liegt, zeigen ja die bereits abgeschlossenen Kooperationen - warten wir also mal ab, wie es weiter geht. Die vielen Milliarden aus dem Vision Funds 2 müssen ja auch irgendwohin. Warum nicht (auch) nach Deutschland? ;-)

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  2. Die wahren Vollhonks sind doch diejenigen die uns glauben machen mit Schlauchbootfahrern retten wir Renten und Sozialsysteme, Mietpreisdeckel stützen den Wohnungsmarkt und Deutschland rettet das Klima. Vor denen graust es mit vielmehr.

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    1. Kann mich nicht wirklich daran errinern, dass jemand so argumentiert hat? Gegen Überalterung der Bevölkerung hilft es alle mal. Wirtschaftlich ist eventuell die 2 bzw 3 Generation interesant. Wobei das Herkunftsland der Flüchtlinge ist auch wichtig. Direkt aus Syrien kommen durchaus gebildete zu uns, der Anteil ist nur leider nicht so hoch.

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    2. Da hast du Glück mit deinem Umfeld. Ich darf mir solche "Argumente" anhören.

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  3. Was ist bei Match Group los? Absacker trotz guter Zahlen?

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    1. Der Ausblick soll nicht so berauschend sein.

      Ich hätte zu Match Group noch ne andere Frage, ich habe vor einiger Zeit gelesen das IAC eventuell daran denkt seine Anteile an MG(80%) zu verkaufen, das dürfte den Wert doch ordentlich absacken lassen oder?

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    2. Ich konnte die Zahlen der MATCH Group bisher nur überfliegen und mir ist jetzt dramatisch Negatives ins Auge gestochen abseits der ohnehin bestehenden negativen Einflussfaktoren, wie der Klagen ehemaliger Führungskräfte, zunehmende Konkurrenz und der noch recht frischen Untersuchungen wegen angeblicher irreführender Werbung/Fake-Profile.

      Ob der Ausblick (zu) verhalten ausgefallen ist, kann ich momentan noch nicht beurteilen, dazu muss ich mich erst noch tief(er) einlesen.

      Was die 80-prozentige IAC-Position an MATCH angeht, so prüft man gerade verschiedene Optionen. Favorisiert wird wohl ein Spin-off, dass also IAC-Aktionäre einfach MATCH-Aktien ins Depot gebucht bekommen. IAC ist nämlich unglücklich darüber, dass die eigene Aktie mit einem deutlichen Abschlag zum Wert der börsennotierten Beteiligungen gehandelt wird. Und auf diese Weise soll der Wert (für die IAC-Aktionäre) gehoben werden. Bedeutet: aktuell hat man indirekt MATCH (und ANGI Homeservice) im Depot, die aber nur vielleicht 80% eingepreist sind in der IAC-Aktie. Bekäme man als IAC-Aktionäre also deren MATCH-Aktien ins Depot, hätten diese ja "sofort" den eigentlichen Börsenkurs als Preis.

      IAC würde entsprechend weniger wert, aber die übrigen Beteiligungen würden anteilig viel stärker wahrgenommen werden - bisher ist das nicht der Fall, weil MATCH alles dominiert.

      Und dass IAC so etwas erfolgreich durchziehen kann, haben sie bei Expedia bereits vorgemacht. Die wurde auch von IAC gegründet, hochgepeppelt, an die Börse gebracht und später an die IAC-Aktionäre "verschenkt" via Spin-off. Für die IAC-Aktionäre war das ein sehr gutes Geschäft, auch wenn der Aktienkurs die ersten Wochen nach dem Spin-off durchaus erstmal leiden könnte. Das pendelt sich aber meist schnell wieder ein.

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    3. Tut mir Leid ich habe mich wohl falsch ausgedrückt, ich meinte es dürfte den Wert von Match Group absacken lassen, wenn auf einmal 80% der Aktien auf dem Markt kommen oder?

      Bin in MG investiert und nicht in IA, danke für dein Antwort.

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    4. Sven, diese Sorge sollte weitgehend unbegründet sein. MATCH ist die mit Abstand größte und gewichtigste Beteiligung von IAC und kaum jemand dürfte IAC-Aktionär sein, der nicht an MATCH beteiligt sein will. Will sagen: wer IAC-Aktionär ist und nicht weiß, dass er damit automatisch zu 80% an MATCH beteiligt ist, kennt sein eigenes Unternehmen nicht.

      Die Folge bei einem Spin-off wäre also, dass zwar auf einmal statt 20% dann 100% der MATCH-Aktien an der Börse gehandelt werden können, dies aber nicht gleichzusetzen ist, als würden diese 80% auch sofort losgeschlagen werden. Es ist vielmehr anzunehmen, dass die meisten "neuen" MATCH-Aktionäre diese Aktien im Depot behalten werden, eben weil sie ja genau wegen der MATCH-Beteiligung IAC-Aktionäre geworden sind.

      In den ersten zwei, drei Wochen nach dem Spin-off dürfte es allerdings dennoch zu kleineren Kursabschlägen bei MATCH kommen, weil das fast bei jedem Spin-off der Fall ist. Irgendwer will die Aktien immer loswerden und das meist gleich zu Anfang. Daher ist diese Phase für Schnäppchenjäger so interessant, weil man die Aktien dann mit Rabatt einsammeln kann und im Anschluss der Aktienkurs sich über einige Jahre besser entwickelt als der breite Markt. Dieser Effekt wurde schon vor 70 Jahren von Benjamin Graham beschrieben und auch Seth Klarman und Joel Greenblatt stoßen ins selbe Horn. Inzwischen hat er sich etwas abgenutzt, weil er sehr bekannt ist. Die ganz großen Kurseinbrüche/Schnäppchen gibt es heute daher eher selten. Und das bedeutet für die heutigen MATCH-Aktionäre, dass sie sich abgesehen von den Irritationen in den ersten Tagen nach dem Spin-off eigentlich keine Sorgen wegen der "neuen" Aktien machen müssen.

      Hier noch mein ausführlicher Artikel zum Thema: "Benjamin Graham rät: Mit Spin-offs relativ einfach Extrarenditen einfahren".

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    5. Danke für die ausführliche Antwort.

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