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Montag, 5. Oktober 2026

[Im Fokus] Verisk Analytics: Der Datenlieferant der Versicherungsbranche entdeckt die nächste Wachstumsphase

In diesem Kurzportrait geht um Verisk Analytics, die Daten, Modelle, Software und Analysen zur Verfügung stellen, mit denen Versicherer Risiken bewerten, Policen kalkulieren, Schäden bearbeiten und Betrug erkennen. Das klingt zunächst wenig spektakulär. Für die Kunden ist es jedoch von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung: Je besser ein Versicherer Risiken einschätzen kann, desto präziser kann er Preise festlegen, Schäden bewerten und Kapital einsetzen.

Genau darin liegt die Besonderheit des Geschäftsmodells. Verisk verkauft nicht einfach Datenbanken. Das Unternehmen versucht, seine Daten direkt in die Arbeitsabläufe der Versicherer einzubauen und daraus möglichst unverzichtbare Werkzeuge zu machen. Ein großer Teil des Umsatzes entsteht deshalb über Abonnements und langfristige Verträge. 2025 stammten rund 83% des Konzernumsatzes aus solchen Subscription-Modellen.

Nach mehreren Jahren des Konzernumbaus ist Verisk heute deutlich fokussierter als früher. Energie, Finanzdienstleistungen und andere Geschäftsbereiche, die einst zum Unternehmen gehörten, wurden verkauft. Übrig geblieben ist im Wesentlichen ein Spezialist für Versicherungsdaten und -analysen. Das macht das Unternehmen einerseits berechenbarer. Andererseits erhöht sich damit die Abhängigkeit von der Entwicklung der Versicherungsbranche.

Die jüngsten Zahlen zeigen jedenfalls, dass Verisk wieder etwas stärker wächst. Im zweiten Quartal 2026 beschleunigte sich das organische Wachstum, während gleichzeitig die ohnehin schon außergewöhnlich hohe Profitabilität erhalten blieb. Gleichzeitig investiert Verisk massiv in künstliche Intelligenz und baut sein Angebot für Naturkatastrophen und komplexe Risiken aus. Damit könnte aus einem sehr guten Datenunternehmen ein noch wichtigerer Technologiepartner für Versicherer werden.

Vom Branchenverband zum Daten- und Analysekonzern

Die Wurzeln von Verisk reichen weit zurück. Das Unternehmen entstand aus dem Versicherungsgeschäft von ISO, einem Anbieter standardisierter Informationen, Formulare, Regeln und Schadenkostendaten für Versicherer. Verisk ging 2009 an die Börse. Seitdem entwickelte sich das Unternehmen von einem traditionellen Datenanbieter zu einem Technologie- und Analyseunternehmen, das große Mengen an Versicherungsdaten mit statistischen Modellen, Software und zunehmend auch künstlicher Intelligenz verbindet.

Das grundlegende Prinzip ist dabei relativ einfach: Versicherer verfügen selbst über große Mengen an Daten, benötigen für eine fundierte Risikoeinschätzung aber auch Informationen aus dem gesamten Markt. Ein einzelner Versicherer kann beispielsweise wissen, wie viele Schäden seine eigenen Kunden verursachen. Er kann aber nur begrenzt beurteilen, wie diese Schadenhäufigkeit im Vergleich zum Gesamtmarkt aussieht.

Verisk schließt diese Lücke. Das Unternehmen sammelt, standardisiert und analysiert Daten aus vielen Quellen und verwandelt sie in Modelle und Anwendungen, die Versicherer unmittelbar in ihrem Tagesgeschäft einsetzen können.

Das können beispielsweise Informationen über Gebäude, Fahrzeugrisiken, regionale Wetterbedingungen, Schadenverläufe oder Betrugsmuster sein. Daraus entstehen Modelle, mit denen sich Wahrscheinlichkeiten berechnen lassen: Wie hoch ist das Risiko eines bestimmten Schadens? Welcher Versicherungsbeitrag wäre angemessen? Wie teuer könnte ein Schaden werden? Ist eine Schadenmeldung plausibel oder möglicherweise betrügerisch?

Diese Kombination aus Datenbestand, Fachwissen und Software ist wesentlich wertvoller als eine einfache Datenbank. Denn je stärker die Informationen in die Prozesse eines Kunden integriert sind, desto schwieriger wird es für diesen, den Anbieter zu wechseln.

Refocused: Heute gibt es nur noch einen Geschäftsbereich

Eine wichtige Besonderheit sollten Anleger bei Verisk kennen: Das Unternehmen verfügt heute formal nur noch über einen Geschäftsbereich: Insurance. Historisch war Verisk breiter aufgestellt und hatte unter anderem die Segmente Energy and Specialized Markets sowie Financial Services. Das Financial-Services-Geschäft und 3E wurden bereits 2022 verkauft, das Energiegeschäft folgte 2023 für rund 3,1 Milliarden Dollar.

Damit hat Verisk einen erheblichen strategischen Wandel vollzogen. Das Unternehmen konzentriert sich heute nahezu vollständig auf seine Kernkompetenz rund um Versicherungen. Für Anleger ist das wichtig, denn ältere Unternehmensbeschreibungen mit mehreren Segmenten zeichnen inzwischen ein falsches Bild.

Anmerkung: Warren Buffett war Jahrzehntelang in/bei Verisk Analytics investiert, schon vor dem Börsengang, aber er stieg aus, als das Unternehmen aggressiv in zusätzliche Geschäftsfelder investierte. Diesen Weg hat Verisk wieder korrigiert und die "neuen" Bereiche wieder abgestoßen. Stattdessen fokussiert man sich wieder auf das Kerngeschäft: die Daten- und Schadenanalyse für Versicherungsunternehmen. Hier ist man als Quasi-Monopolist unangefochtener Marktführer und hat nach Prämienvolumen rund 90% des Schaden-Versicherungsmarktes unter Vertrag. Der Burggraben ist entsprechend schier überwindbar, die Preissetzungsmacht enorm und die Margen entsprechend attraktiv.

Innerhalb des Insurance-Segments unterscheidet Verisk im Wesentlichen zwischen Underwriting und Claims. Diese beiden Bereiche bilden das Rückgrat des Geschäftsmodells.

Beim Underwriting geht es darum, Risiken zu beurteilen und Versicherungsverträge entsprechend zu kalkulieren. Verisk unterstützt Versicherer dabei während nahezu des gesamten Lebenszyklus einer Versicherung – von der Produktentwicklung über die Auswahl und Segmentierung von Risiken bis zur Preisgestaltung und zur Policierung.

Der Claims-Bereich setzt dagegen dort an, wo bereits ein Schaden eingetreten ist. Hier geht es beispielsweise um Schadenbewertung, Betrugserkennung und die Ermittlung von Reparaturkosten.

Im zweiten Quartal 2026 erzielte Verisk 569 Mio. Dollar Umsatz mit Underwriting und 237 Mio. Dollar mit Claims. Damit entfielen rund 71% des Quartalsumsatzes auf Underwriting und rund 29% auf Claims.

Underwriting: Die eigentliche Datenmaschine

Das Underwriting-Geschäft ist besonders interessant, weil Verisk hier auf eine außergewöhnlich tiefe Verankerung in der Versicherungsindustrie zurückgreifen kann.

Ein wichtiger Teil sind die sogenannten Forms, Rules and Loss Costs. Dahinter stehen standardisierte Versicherungsbedingungen, Schadenkostendaten und Regeln, die Versicherer bei der Gestaltung und Kalkulation ihrer Produkte verwenden. Verisk unterstützt Versicherer dabei in 32 Versicherungslinien und verarbeitet nach eigenen Angaben etwa 2.000 regulatorische Einreichungen pro Jahr in allen 50 US-Bundesstaaten sowie weiteren US-Gebieten.

Das ist ein gutes Beispiel für den wirtschaftlichen Burggraben des Unternehmens. Ein neuer Wettbewerber müsste nicht nur eine bessere Software entwickeln. Er müsste gleichzeitig Datenbestände aufbauen, regulatorisches Fachwissen erwerben, Beziehungen zu Versicherern etablieren und seine Lösungen in deren bestehende Systeme integrieren.

Hinzu kommen Lösungen für Katastrophen- und Klimarisiken, Spezialversicherungen, Lebensversicherungen und weitere Bereiche. Gerade die zunehmende Bedeutung von Naturkatastrophen eröffnet Verisk zusätzliche Wachstumschancen. Versicherer müssen Risiken aus Hurrikanen, Überschwemmungen, Waldbränden, Erdbeben oder extremen Wetterereignissen immer genauer modellieren.

Der Klimawandel macht diese Aufgabe nicht einfacher. Im Gegenteil: Für Versicherer wird die Frage, wie sich Risiken regional verändern, immer wichtiger. Was früher als seltenes Extremereignis galt, kann in bestimmten Regionen häufiger auftreten. Verisk kann davon profitieren, weil Versicherer für ihre Kalkulation bessere Daten und Modelle benötigen.

Claims: Wenn aus Daten bares Geld wird

Der zweite große Bereich sind die Schadenslösungen. Hier unterstützt Verisk Versicherer unter anderem bei der Betrugserkennung, der Bewertung von Gebäudeschäden und der Ermittlung von Reparaturkosten.

Der wirtschaftliche Nutzen ist unmittelbar. Wenn eine Versicherung einen Schaden schneller und genauer bearbeiten kann, sinken die Kosten. Noch wertvoller wird die Technologie, wenn sie betrügerische Schadenmeldungen erkennt.

Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Claims-Umsatz auf 237 Mio. Dollar, ein Plus von 6,3% beziehungsweise 6,1% auf organischer und währungsbereinigter Basis. Verisk nannte insbesondere Anti-Fraud-Analytics sowie Lösungen für Immobilien- und Wiederherstellungsschäden als Wachstumstreiber.

Damit zeigt sich auch eine interessante Eigenschaft des Geschäftsmodells: Verisk verdient nicht nur dann Geld, wenn Versicherer besonders viele Schäden haben. Die Lösungen können auch dann wertvoll sein, wenn Schadenvolumina schwanken, weil Versicherer ihre Prozesse effizienter machen und Betrug reduzieren wollen.

Gleichzeitig gibt es einen gewissen Einfluss des Schadenumfelds. Weniger Naturkatastrophen können beispielsweise bestimmte transaktionsabhängige Anwendungen belasten. Das Abonnementgeschäft sorgt allerdings für eine wesentlich stabilere Umsatzbasis.

83 Prozent Subscription-Umsatz – und genau darin liegt der Reiz

Der vielleicht wichtigste Punkt für Anleger ist deshalb weniger das absolute Umsatzwachstum als dessen Qualität.

2025 erzielte Verisk 3,073 Mrd. Dollar Umsatz, davon 2,180 Mrd. Dollar mit Underwriting und 893 Mio. Dollar mit Claims. Das entspricht einem Wachstum von 6,6% gegenüber dem Vorjahr. Rund 83% der Umsätze stammten aus gehosteten Subscription-Verträgen und sind damit wiederkehrender Natur.

Subscription-Umsätze haben für ein Unternehmen wie Verisk enorme Vorteile. Die Kunden zahlen regelmäßig, häufig im Voraus, und nutzen die Lösungen über längere Vertragslaufzeiten. Dadurch wird der Umsatz besser planbar.

Noch wichtiger: Verisk kann seine Produkte laufend verbessern und dafür Preise erhöhen. Wenn die Modelle besser werden und der Nutzen für den Versicherer steigt, muss ein Kunde nicht zwingend den Anbieter wechseln, nur weil dessen Preise etwas steigen.

Genau das zeigte sich auch im zweiten Quartal 2026. Die Underwriting-Umsätze legten organisch währungsbereinigt um 5,6% zu. Ein Teil des Wachstums kam aus Preiserhöhungen, die mit Verbesserungen bei Modellen und Inhalten der Forms-, Rules- und Loss-Cost-Lösungen begründet wurden. Zusätzlich verkaufte Verisk mehr Lösungen an neue und bestehende Kunden, insbesondere im Bereich Katastrophen- und Risikomanagement.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu vielen klassischen Softwareunternehmen. Verisk muss nicht zwingend jedes Jahr große Mengen neuer Kunden gewinnen. Bereits die bestehende Kundenbasis kann Wachstum liefern – über Preiserhöhungen, zusätzliche Produkte und höhere Nutzung.

Das zweite Quartal 2026 macht Hoffnung

Nach einem etwas schwächeren Jahresauftakt hat sich die Dynamik im zweiten Quartal verbessert.

Der Umsatz stieg gegenüber dem Vorjahresquartal um 4,3% auf 806 Mio. Dollar. Bereinigt um Währungseffekte und bestimmte Vergleichseffekte lag das organische Wachstum bei 5,8%. Besonders interessant war das zugrunde liegende Subscription-Wachstum von 8 Prozent.

Das bereinigte EBITDA stieg um 4,2% auf 464 Mio. Dollar beziehungsweise um 7,4% auf organischer und währungsbereinigter Basis. Die bereinigte EBITDA-Marge lag damit bei rund 57,5%. Das ist für ein daten- und technologieorientiertes Unternehmen eine außergewöhnlich hohe Profitabilität.

Beim Nettogewinn sah das Bild dagegen schwächer aus. Er fiel um 9,8% auf 229 Mio. Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg hingegen um 5,3% auf 1,98 Dollar, während der GAAP-Gewinn je Aktie um 3,3% auf 1,75 Dollar zurückging. Als Belastungen nannte Verisk unter anderem höhere Steuer- und Zinsaufwendungen sowie gestiegene Rechtskosten.

Für langfristig orientierte Anleger ist der Cashflow besonders interessant. Der operative Cashflow stieg um fast 50% auf 366 Mio. Dollar, der freie Cashflow sogar um 57,9% auf 298 Mio. Dollar.

Das ist ein starkes Signal für die Kapitalintensität des Geschäftsmodells. Verisk benötigt zwar erhebliche Investitionen in Daten, Technologie und Produktentwicklung, ist aber gleichzeitig in der Lage, einen großen Teil des Umsatzes in Cashflow zu verwandeln.

Aktienrückkäufe statt großer Übernahmen

Dieser Cashflow wird auch an die Aktionäre zurückgegeben. Im zweiten Quartal zahlte Verisk eine Quartalsdividende von 50 Cent je Aktie und startete ein weiteres Aktienrückkaufprogramm über 200 Mio. Dollar. Bereits im ersten Quartal war ein beschleunigtes Aktienrückkaufprogramm über 1,5 Mrd. Dollar gestartet worden.

In den ersten sechs Monaten 2026 kaufte Verisk insgesamt Aktien im Wert von rund 1,9 Mrd. Dollar zurück und hatte Ende Juni noch etwa 800 Mio. Dollar an verbleibender Rückkaufgenehmigung.

Das ist insofern bemerkenswert, als Verisk damit einen beträchtlichen Teil seines freien Cashflows über Rückkäufe an die Aktionäre zurückführt. Wenn die Aktie zu einer vernünftigen Bewertung zurückgekauft wird, kann das den Gewinn je Aktie zusätzlich steigern.

Allerdings ist genau hier auch Vorsicht angebracht. Aktienrückkäufe sind nicht automatisch wertsteigernd. Werden eigene Aktien zu hohen Bewertungen gekauft, kann ein Unternehmen viel Kapital einsetzen, ohne dass der innere Wert je Aktie entsprechend steigt. Bei Verisk kommt deshalb der Bewertung eine große Bedeutung zu.

Künstliche Intelligenz könnte zum nächsten Wachstumsmotor werden

Die vielleicht spannendste Perspektive liegt inzwischen in der künstlichen Intelligenz. Verisk verfügt über einen großen Vorteil gegenüber vielen jungen KI-Unternehmen: Es besitzt bereits die Daten und das branchenspezifische Fachwissen. KI kann diese Daten nicht ersetzen, sondern ihren wirtschaftlichen Wert erhöhen.

Ein Versicherer benötigt beispielsweise nicht einfach irgendein generatives KI-Modell. Er braucht eine Lösung, die Versicherungsbedingungen, Schadenhistorien, regionale Risikodaten, regulatorische Anforderungen und branchenspezifische Modelle versteht. Genau hier kann Verisk seine Datenbestände mit KI verbinden.

Das Unternehmen spricht selbst davon, fortschrittliche KI-Technologien auf seine proprietären Datenbestände anzuwenden, um neue und differenzierte Erkenntnisse für Kunden zu erzeugen.

Das könnte sich langfristig als besonders wertvoll erweisen. Denn Verisk muss nicht unbedingt zum großen KI-Plattformanbieter werden. Es reicht, wenn KI seine bestehenden Produkte besser, schneller und wertvoller macht.

Ein Beispiel dafür ist die Weiterentwicklung der Katastrophenmodelle. Im Juni 2026 führte Verisk ein neu entwickeltes Hurrikan-Risikomodell auf seiner Synergy-Studio-Plattform ein. Im August kam die Übernahme von McKenzie Intelligence Services hinzu, einem Anbieter von Geodaten- und Echtzeitinformationen für Katastrophen- und andere Ereignisse.

Damit baut Verisk seine Position genau dort aus, wo Versicherer künftig besonders viele Daten benötigen dürften: bei komplexen, dynamischen und schwer kalkulierbaren Risiken.

Naturkatastrophen werden zum strukturellen Wachstumstreiber

Der Klimawandel ist für Verisk deshalb nicht nur ein gesellschaftliches Thema, sondern möglicherweise ein struktureller Wachstumstreiber.

Versicherer müssen immer genauer wissen, welche Risiken an welchem Ort bestehen. Ein Haus in einer bestimmten Region kann beispielsweise durch Waldbrände, Überschwemmungen oder Hurrikane unterschiedlichen Gefahren ausgesetzt sein. Gleichzeitig verändern sich Baukosten, Immobilienwerte und Schadenhöhen.

Je komplexer diese Zusammenhänge werden, desto größer wird der Wert von Daten und Modellierung.

Verisk veröffentlichte im Sommer 2026 beispielsweise eine Schätzung zu den versicherten Schäden des Erdbebens in Kumamoto und bezifferte diese auf 220 bis 340 Mrd. japanische Yen. Solche Modelle sind nicht nur Marketing. Sie helfen Versicherern, nach einer Katastrophe ihre potenziellen Verpflichtungen schneller einzuschätzen.

Auch die zunehmende Konzentration von Risiken schafft neue Möglichkeiten. Mit dem Boom von Rechenzentren entstehen beispielsweise große Sachwertkonzentrationen an bestimmten Standorten. Verisk veröffentlichte im September 2026 eine Analyse zur Bewertung der Risiken rund um US-Rechenzentren.

Gerade solche neuen Risikokategorien könnten für Verisk interessant werden.

Die 2026er Prognose bleibt vergleichsweise konservativ

Trotz der positiven Entwicklung im zweiten Quartal hat das Management seine Jahresprognose nicht angehoben. Für 2026 erwartet Verisk weiterhin einen Umsatz von 3,19 bis 3,24 Mrd. Dollar. Das bereinigte EBITDA soll zwischen 1,79 und 1,83 Mrd. Dollar liegen, bei einer EBITDA-Marge von 56,0% bis 56,5%. Der bereinigte Gewinn je Aktie wird bei 7,45 bis 7,75 Dollar erwartet.

Interessant ist dabei die Entwicklung innerhalb des Jahres. Das erste Quartal sollte laut Management den Tiefpunkt des organischen Wachstums darstellen. Für die zweite Jahreshälfte wurde eine weitere schrittweise Verbesserung erwartet. Das zweite Quartal lieferte bereits einen ersten Hinweis darauf, dass diese Einschätzung realistisch sein könnte.

Für Anleger bedeutet das: Die entscheidende Frage ist nicht, ob Verisk ein hochprofitables Unternehmen ist. Das ist es. Entscheidend ist vielmehr, ob es nach der Phase des langsameren Wachstums wieder dauerhaft auf höhere Wachstumsraten zurückkehren kann.

Der Burggraben ist beeindruckend – aber nicht unüberwindbar

Der wichtigste Wettbewerbsvorteil von Verisk liegt in der Kombination aus Daten, Kundenbeziehungen und Integration.

Die Versicherungsbranche ist stark reguliert. Daten müssen zuverlässig sein. Modelle müssen nachvollziehbar sein. Software muss in bestehende Prozesse integriert werden. Ein Versicherer kann nicht einfach von heute auf morgen seine gesamte Risikokalkulation austauschen.

Verisk arbeitet zudem seit Jahrzehnten mit großen Versicherern zusammen. Das Unternehmen beschreibt seine Kundenbeziehungen selbst als einen zentralen Bestandteil des Wettbewerbsvorteils.

Dieser Burggraben ist besonders wertvoll, weil Daten mit zunehmender Nutzung besser werden können. Je mehr historische Informationen vorhanden sind, desto besser lassen sich Muster erkennen. Und je mehr Kunden die Lösungen einsetzen, desto stärker können neue Produkte in bestehende Arbeitsabläufe eingebunden werden.

Allerdings sollte man daraus keinen uneinnehmbaren Monopolschutz ableiten. Große Versicherer verfügen selbst über umfangreiche Datenbestände und investieren zunehmend in eigene Software und KI. Gleichzeitig drängen spezialisierte Softwareanbieter und neue KI-Unternehmen in einzelne Nischen.

Verisk muss deshalb kontinuierlich investieren, um seinen Vorsprung zu halten. Andererseits bergen Standalone-Lösungen einzelner Versicherungen nur bedingt ein Risiko, denn die Datenqualität ist für die Prognosegenauigkeit und damit letztlich für den operativen und wirtschaftlichen Erfolg einer Versicherung elementar. Und wenn man sich nur auf die begrenzten Daten seiner eigenen Kunden beschränkt, steigt das Risiko für Fehleinschätzungen signifikant an, während eine sehr breite Streuung einzelne Ausreißer aussortiert und die Prognosen insgesamt besser macht.

"Der Schlüssel zum erfolgreichen Investieren liegt nicht in der Frage, wie sehr eine Industrie die Gesellschaft beeinflusst oder ob sie wachsen wird, sondern darin, herauszufinden ob ein bestimmtes Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil hat, und wenn ja, wie lange dieser anhalten wird."
(Warren Buffett)

Kann Verisk seinen Burggraben verteidigen?

Verisk verfügt über einen extrem starken und tiefen Wettbewerbsvorteil (Wide Economic Moat), wie unter anderem von Analystenhäusern wie Morningstar immer wieder bestätigt wird. Die Wechselkosten für Versicherungsgesellschaften sind immens hoch.
  • Tiefe operative Integration: Die Lösungen von Verisk (wie Schadenschätzungsplattformen, Katastrophenmodelle oder Betrugserkennungsdaten) sind direkt in die täglichen Kernprozesse und Arbeitsabläufe von Schadenversicherern (Property & Casualty) integriert. Ein Austausch dieser Systeme würde den laufenden Betrieb massiv stören, hohe IT-Kosten verursachen und erhebliche operationelle Risiken bergen.
  • Langfristige Abonnement-Verträge: Die überwiegende Mehrheit der Umsätze von Verisk (83% in 2025 bzw. 84% im ersten Quartal 2026) stammt aus langfristig im Voraus bezahlten Software-Abonnements mit Laufzeiten von ein bis fünf Jahren. Das bindet Kunden vertraglich und sorgt für eine extrem hohe Vorhersehbarkeit der Erlöse.
Der Moat von Verisk gilt als einer der robustesten im gesamten Finanz- und Informationsdienstleistungssektor. Er stützt sich neben den Wechselkosten auf zwei weitere Säulen:
  1. Exklusive Datenbasis: Verisk besitzt eine über 50-jährige Historie an einzigartigen, proprietären Branchendaten (über 30 Petabytes). Diese Datenbasis, die unter anderem auf gesetzlich vorgeschriebenen Offenlegungen basiert, lässt sich von Konkurrenten unmöglich kurzfristig replizieren.
  2. Netzwerkeffekte: Über Plattformen wie ClaimSearch speisen fast alle großen US-Schadenversicherer ihre Daten ein. Je mehr Versicherer mitmachen, desto besser erkennt das System Betrug für alle Beteiligten. Ein neuer Anbieter kann diesen kollektiven Datenschatz nicht bieten.
Der Burggraben ist also beinahe unüberwindlich und er wird es auch dauerhaft bleiben. Weil niemand die Datenhistorie von Grund auf nachbilden kann! Und aus diesem Grund hat Verisk eine enorme Preissetzungsmacht, die sich in den hohen Margen widerspiegelt.

Das größte Risiko ist vielleicht die Bewertung

Operativ wirkt Verisk auf den ersten Blick wie ein ausgesprochen attraktives Unternehmen: wiederkehrende Umsätze, hohe Margen, starke Cashflows, Preissetzungsmacht und ein strukturell wachsender Bedarf an Risikodaten.

Doch genau diese Qualität ist dem Markt nicht verborgen geblieben. Die Aktie wird deshalb typischerweise nicht wie ein durchschnittliches Dienstleistungsunternehmen bewertet. Anleger bezahlen einen Aufschlag für die Stabilität und Qualität der Cashflows. Das kann funktionieren, solange Verisk zuverlässig wächst. Wenn das Wachstum jedoch dauerhaft nur bei vier oder fünf Prozent liegt, kann eine hohe Bewertung zum Problem werden.

Das ist ein klassisches Risiko bei Qualitätsunternehmen: Nicht unbedingt das Unternehmen muss enttäuschen – manchmal reicht es, wenn es die hohen Erwartungen nicht mehr übertrifft.

Der Blick auf den Aktienchart zeigt es deutlich: Lange Zeit war Verisk ein Überflieger, dann expandierte man in weitere Geschäftsfelder, in denen man aber nicht dieselbe Expertise und dieselbe Marktstellung hatte wie im Versicherungssektor. Daher hatte man mit erhöhten Wettbewerbs- und Margendruck zu kämpfen, so dass das externe, zugekaufte Wachstum wenig(er) profitabel war. Auf Sicht von fünf Jahren war mit der Aktie nichts zu verdienen und das lag nicht etwa an fehlendem Umsatzwachstum oder Gewinnen, sondern weil der Markt nicht mehr bereit war, eine so üppige Premiumbewertung zu gewähren, wie er es bei dem Versicherungs-Moat-Monster früher tat. Nun ist der Fokus auf das Kernbusiness zurück, das Wachstum zieht wieder an und davon dürfte auch der Kursprofitieren - darüber hinaus kann ich mir auch gut vorstellen, dass das Bewertungsmultiple bald wieder etwas optimistischer beäugt wird.

Rechtsrisiken und regulatorische Risiken

Ein weiterer Punkt, der in der jüngsten Quartalsbilanz sichtbar wurde, sind Rechtskosten. Der Nettogewinn wurde im zweiten Quartal unter anderem durch höhere Aufwendungen für laufende Rechtsstreitigkeiten belastet.

Hängende Übernahme von AccuLynx: Ein Gericht hat Verisk Analytics im August 2026 per Urteil dazu verpflichtet, die im Dezember 2025 abgesagte, 2,35 Mrd. Dollar schwere Übernahme des Dachdecker-Softwareanbieters AccuLynx weiterzuverfolgen und die kartellrechtlichen Prüfungen fortzusetzen. (Auch) dieser Rechtsstreit erhöhte die Rechtskosten - und natürlich bringt er eine erhöhte Unsicherheit mit sich, das Verisk offenbar nicht mehr von AccuLynx überzeugt ist (das Unternehmen aber vermutlich dennoch kaufen muss). 

Grundsätzlich sind Rechtsstreitigkeiten bei einem Unternehmen, dessen Geschäftsmodell auf Daten basiert, das besonders relevant. Datenschutz, geistiges Eigentum, Nutzungsrechte an Daten und der Umgang mit personenbezogenen Informationen sind sensible Themen.

Hinzu kommt die Regulierung der Versicherungsbranche selbst. Verisk profitiert zwar davon, dass Versicherer komplexe regulatorische Anforderungen erfüllen müssen. Gleichzeitig bedeutet das, dass Änderungen bei Datenschutz, KI-Regulierung oder Versicherungsrecht Anpassungen der eigenen Produkte notwendig machen können.

Gerade der Einsatz künstlicher Intelligenz könnte hier neue Fragen aufwerfen. Wenn ein Versicherer mithilfe eines algorithmischen Modells Risiken bewertet, muss unter Umständen nachvollziehbar sein, wie dieses Modell zu seiner Entscheidung gelangt. Für Anbieter wie Verisk bedeutet das zusätzliche Anforderungen an Datenqualität, Modellvalidierung und Governance.

Mein Fazit: Ein fokussiertes Qualitätsunternehmen mit interessanter KI-Fantasie

Verisk ist heute ein anderes Unternehmen als noch vor einigen Jahren. Die früheren Geschäftsbereiche außerhalb der Versicherung wurden weitgehend abgegeben. Statt eines breit aufgestellten Datenkonzerns ist daraus ein hochspezialisierter Anbieter für die Versicherungsbranche geworden.

Das hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil liegt in der Fokussierung. Verisk kann Kapital und Managementaufmerksamkeit auf einen Markt konzentrieren, in dem das Unternehmen über außergewöhnlich viel Erfahrung, Daten und Kundenbeziehungen verfügt. Der Nachteil ist die stärkere Abhängigkeit von genau diesem Markt.

Die aktuellen Zahlen sprechen allerdings für die Strategie. Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Umsatz organisch währungsbereinigt um 5,8% , die zugrunde liegenden Subscription-Umsätze sogar um 8%. Das bereinigte EBITDA stieg organisch um 7,4%, während der freie Cashflow um fast 58% zulegte.

Noch interessanter ist die Kombination aus bestehendem Geschäftsmodell und neuen Technologien. Verisk besitzt Daten, die Versicherer benötigen, und kann künstliche Intelligenz nutzen, um diese Daten wertvoller zu machen. Gleichzeitig verschärfen Klimawandel, Naturkatastrophen, Cyberrisiken, neue Technologien und die zunehmende Komplexität der Wirtschaft den Bedarf an professioneller Risikomodellierung.

Damit könnte Verisk langfristig von zwei Seiten profitieren: von einem stabilen, wiederkehrenden Kerngeschäft und von neuen Anwendungen, die auf diesem Datenfundament aufbauen.

Die entscheidende Frage für Anleger lautet daher weniger, ob Verisk ein gutes Unternehmen ist. Dafür sprechen die Margen, die wiederkehrenden Umsätze und die starke Marktposition eindeutig. Entscheidend ist vielmehr, wie viel dieser Qualität bereits im Aktienkurs steckt und ob das Unternehmen nach der jüngsten Wachstumsdelle tatsächlich wieder nachhaltig in Richtung seiner angestrebten höheren Wachstumsraten zurückfindet.

Wenn das gelingt, könnte Verisk zu den klassischen „unsichtbaren“ Gewinnern der Digitalisierung gehören: ein Unternehmen, dessen Produkte kaum jemand kennt, das aber für seine Kunden zunehmend unverzichtbar wird. Die Versicherungsbranche wird nicht weniger datengetrieben werden. Sie wird mehr Daten benötigen, mehr Risiken modellieren und mehr Entscheidungen automatisieren müssen. Und genau an dieser Schnittstelle sitzt Verisk.

Disclaimer: Habe Verisk auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

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