Montag, 18. Oktober 2021

Kissigs Aktien Report: Das steckt hinter dem Volatilitätskollaps bei BioNTech, Mutares und Deutsche Rohstoff AG

Im Rahmen meiner Kooperation mit dem "Aktien Report" von Armin Brack nehme ich mir in unregelmäßigen Abständen interessante Unternehmen vor. Die Ausgaben des "Aktien Reports" und/oder "Geld Anlage Reports" erreichen ihre Leser samstags kostenlos und "druckfrisch" im Email-Postfach und man kann sich ▶ hier beim "Geld Anlage Report" anmelden. Bonbon für die Leser meines Blogs: einige Tage später darf ich die Analysen dann auch hier veröffentlichen.

Aktien Report Nr. 63 vom 08.10.2021

Das steckt hinter dem Volatilitätskollaps bei BioNTech, Mutares und Deutsche Rohstoff AG

Eines der beliebtesten Hobbys der Menschen ist das Studium der Aktienkurse. Und auch eines der erfolglosesten. Und das nicht nur, weil der Aktienkurs uns selten den Wert einer Aktie anzeigt, sondern lediglich das aktuelle Preisgefüge aus Angebot und Nachfrage. Auch weil Börsenkurse zu 90 Prozent von Psychologie abhängen und nur zu zehn Prozent von Fakten – kurzfristig zumindest.

Dabei ist sogar noch zu trennen zwischen der Psychologie einer einzelnen Person, also eines Aktionärs, und der Psychologie der Massen, wenn sie als entfesselte Horde auf die Börse losgelassen wird. Angst und Gier sind die entscheidenden Faktoren, die die Kurse bestimmen, nicht rationale Erwägungen oder fundierte Überlegungen.

All dies ist bekannt, all dies weiß eigentlich jeder an der Börse. Und doch treten Kaufpaniken und Börsencrashs in scheinbar regelmäßigen Abständen immer und immer wieder auf.

"An der Börse wird immer das gleiche Theater gespielt, nur mit verschiedenen Darstellern."
(André Kostolany)

Und trotzdem fühlt es sich jedes Mal wieder anders an. Denn niemals geht es um dieselben Unternehmen und dieselben Nachrichten oder Personen und immer sind die Rahmenbedingungen ein bisschen anders.

Wir Menschen sind von der Evolution her so ausgerüstet, dass unser wichtigster Trieb der Selbsterhaltungstrieb ist. Unser Überlebensinstinkt ist so konditioniert, dass unser Unterbewusstsein auf Gefahr mit einem Schub Adrenalin reagiert und wir sofort die Flucht ergreifen wollen. Äußerst hilfreich im Dschungelüberlebenskampf oder wenn man in der Savanne einem Löwen begegnet. Aber ziemlich hinderlich, wenn es darum geht, in hitzigen Börsensituationen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Dann kommt uns das Adrenalin in die Quere. Wenn die Kurse abstürzen, geraten wir in Panik und wollen nur noch weg, raus aus den Aktien, retten, was noch zu retten ist. Und wenn die Kurse explodieren, dann wollen wir unbedingt rein in den Markt, zu jedem Preis, denn wir wollen auf keinen Fall die Kurssteigerungen verpassen. Die Forschung nennt das FOMO, Fear Of Missing Out, die Angst, etwas zu verpassen.

Die meisten Anleger haben dabei die Erfahrung gemacht, dass die Kurse genau dann ihren Absturz oder Höhenflug beenden, wenn sie selbst gerade ihre Order platziert haben. Nie gelingt es einem, am Tiefpunkt zu kaufen. Aber beim Verkauf, da hat man ein bemerkenswertes "Glück" immer genau diesen Punkt zu treffen. Bei steigenden Kursen verhält es sich ähnlich, nur umgekehrt. Unfassbar.

Dabei sollten uns Anlegern die Börsenkurse relativ egal sein. Das lehren uns fast alle erfolgreichen Investoren, ob sie nun Warren Buffett, Charlie Munger, Peter Lynch, Bernard Baruch oder Ken Fisher heißen. Die Kurse ignorieren und auf die Unternehmen achten!

"Aktienkurse schwanken stärker als Aktienwerte."
(Warren Buffett)

Auch das wissen wir und können uns doch nicht vom Auf und Ab der Börsenkurse lösen. Sie suggerieren uns nämlich die ultimative Wahrheit, den absolut gültigen Wert unserer Aktien – und damit fällt die Börse das Urteil über uns als Anleger, als Mensch. Wenn nämlich der Kurs bei 100 Euro steht und wir haben zu 50 Euro diese Aktie gekauft, dann bescheinigt uns die Börse, ein Anlegergenie zu sein. Haben wir aber für dieselbe Aktie zuvor 200 Euro bezahlt, fällt die Börse ihr gnadenloses Urteil und stuft uns als Versager ein.

Dabei ist der Kurs der Aktie in beiden Fällen exakt der gleiche. Nur unser Kaufkurs ist ein anderer. Und der ist jedem Menschen auf diesem Erdball egal – außer uns. Wir unterliegen hier dem "Ankereffekt", einer Wahrnehmungsstörung. Denn unbewusst betrachten wir alle Dinge, Ereignisse und selbst Menschen niemals isoliert, sondern immer in Relation zu bestimmten Faktoren. Ein hübsches Mädchen erscheint uns reizlos, wenn sie in einer Gruppe von Models steht. Dasselbe Mädchen bannt unseren Blick jedoch, wenn sie neben einer Gruppe hässlicher Entlein sitzt. Und genauso ergeht es uns an der Börse.

Wenn die Aktienkurse stark schwanken, wollen wir wissen, weshalb. Wir glauben, dass die anderen mehr wüssten als wir, sonst würden sie die Aktien ja nicht verkaufen. Oder kaufen. Wir ignorieren, dass jede Kursfestsetzung nur deshalb gelingt, weil eine Person die Aktie verkauft und eine andere sie kauft. In genau demselben Augenblick. Was nichts anderes bedeutet, als dass sich einer der beiden irrt.

Verkaufen zu einem bestimmten Zeitpunkt mehr Leute die Aktie der ABC AG als Käufer am Markt sind, fällt der Kurs der ABC-Aktie. Tauchen mehr Käufer auf, steigt der Kurs. Es ist aber nicht immer derselbe Mensch, der die Aktien kauft und auch nicht derselbe, der sie verkauft. Dennoch denken wir, wenn sich der Kurs heftig nach oben oder unten bewegt, da müsse ein Geheimnis dahinterstecken, eine wichtige Information, die uns entgangen ist, eine Entwicklung, die wir übersehen haben.

Wir suchen nach der Erklärung für die Kursentwicklung und irgendwann im Nachhinein findet dann ein schlauer Börsenmoderator die Erklärung und meint, die ABC-Aktie sei heute gefallen, weil der Markt dies, der Dollar das oder die Notenbank noch was anderes getan hätte. Alles Quatsch. Es gab entweder mehr Käufer oder mehr Verkäufer, deshalb hat sich die Aktie bewegt. Und wenn der Gesamtmarkt stark steigt oder gerade einbricht, dann beeinflusst dies das Verhalten des Marktes (also der ganzen Börsianer) entsprechend. Am Ende sind dann die Kursveränderungen das Interessanteste, weil es zumeist gar keine wichtigen Neuigkeiten aus oder über das Unternehmen gab.

"Nicht die Nachrichten machen die Kurse, sondern die Kurse machen die Nachrichten."
(André Kostolany)

Nun befinden wir uns mitten in der holprigen Jahreszeit, in der der "böse" September in den „bösen“ Oktober übergegangen ist. Beides Börsenmonate, denen eine hohe Crashgefahr angedichtet wird und dem entsprechend sind die Nachrichten voll von Börsenweltuntergangsszenarien. Und sobald nun die Kurse ein bisschen taumeln, starren die Anleger gebannt auf die Kurse und stehen unmittelbar vor der Panikattacke. Denn "man hat es ja immer gewusst", die Aktien crashen im September, nein im Oktober, und nun ist es soweit. Und dann, nach fünf oder zehn Prozent Kursrückgang, steigen die Börsen wieder. Der vermeintliche Crash stellt sich als eine der vielen Korrekturen dar, die jede Hausse am Fließband produziert. Nur in seltenen Ausnahmefällen fallen die Kurse deutlich stärker als zehn Prozent und einen richtigen Crash mit mehr als 25 Prozent Einbruch gibt es eigentlich nur alle zehn bis zwanzig Jahre mal. Zugegeben, seit dem Jahr 2000 hatten wir mit dreieinhalb Crashs eine gewisse Häufung (2000-2003, 2008-2009, 2018, 2020). Aber eben auch die beiden längsten Haussen der Börsengeschichte.

Auch wenn die Aktienkurse nichts über den Wert einer Aktie aussagen, steht in unserem Depotauszug ein fettes grünes Plus oder ein fettes rotes Minus. Und damit fühlt sich der Aktienkurs zumindest als realer Wert an und der Buchwert unseres Depots als wahrer Vermögensstand.

Schauen wir daher mal auf drei Unternehmen, deren Aktienkurse in den letzten Tagen starke Kursveränderungen und damit Angst- oder Gierattacken ausgelöst haben.


BioNTech

Das deutsche Biotechunternehmen ist eigentlich noch ein Startup, aber durch die Coronapandemie und seinen erfolgreichen Corona-Impfstoff, den es zusammen mit Pharmariese Pfizer weltweit vertreibt, ist BioNTech zum Hoffnungsträger und milliardenschweren Unternehmen geworden. Quasi über Nacht.

Eigentlich forscht BioNTech mit seiner mRNA-Technologie nach Wirkstoffen gegen Krebs, gegen Tuberkulose, gegen Malaria. Dann "passierte" Corona und BioNTech bewies, dass die mRNA-Technologie schnelle und effiziente Ergebnisse liefern kann. Es gab die Notzulassung in den USA, dann in Europa, und der Wirkstoff wurde zum Standard in den weltweiten Impfkampagnen gegen das Corona-Virus. Die nur geringen Nebenwirkungen im Vergleich zu den herkömmlichen Wirkstoffen von AstraZeneca oder Johnson & Johnson machen ihn so wertvoll.

Erläuterung zur mRNA-Technologie
Eine mRNA oder messenger-RNA ist eine einzelsträngige Ribonukleinsäure (RNA), die genetische Information für den Aufbau eines bestimmten Proteins in einer Zelle überträgt. Das mRNA-Molekül trägt die Botschaft von der Desoxyribonukleinsäure (DNA) und dient beim Proteinaufbau im Zellplasma an den Ribosomen als Bauanleitung. Dieses "Botenmolekül" liest der Körper wie eine eigene mRNA aus und produziert als Reaktion darauf das entsprechende Protein. Der grundlegende Unterschied zu herkömmlichen Arzneien besteht also darin, dass anstelle eines molekularen Wirkstoffs "nur" ein Botenmolekül verabreicht wird. Und anders als bei der Gentherapie wird kein Erbgut eingeschleust oder verändert. Die dahinter stehende Idee ist so einfach wie simpel. Man provoziert mittels des Botenstoffs das körpereigene Immunsystem zum Aufbau einer effektiven Abwehr – ohne dass der eigentliche Krankheitserreger in den Körper gelangt.

Die übrigen Wirkstoffe von BioNTech sind viel versprechend, aber noch in einem frühen Stadium, so dass sie erst in einigen Jahren Erfolge zeigen werden. Zumal bei diesen keine Notzulassungen erfolgen werden, so schlimm und tödlich Tuberkulose und Krebs auch sind.

Daher dominiert der Corona-Wirkstoff das Geschehen, denn er liefert die hohen Umsätze und Gewinne. Dem entsprechend wirken sich die aktuellen Nachrichten zum Fortschritt der Impfkampagne stark auf den Kurs aus. Booster-Impfungen bedeuten einen weiterhin hohen Bedarf am BioNTech-Wirkstoff, neue Zulassung von Konkurrenzwirkstoffen dämpfen die Aussichten und die Nachricht, dass Merck & Co. gar eine Corona-Pille entwickelt hätten, versetzte dem Aktienkurs einen heftigen Schlag.

Auf kurze Sicht ist das nachvollziehbar, denn der Corona-Impfstoff speist die Geschäftszahlen in 2020, 2021 und 2022. Ohne diesen wäre BioNTechs Zahlenwerk deutlich schmaler und wohl auch seine Börsenbewertung. Da die übrigen Wirkstoffe noch einige Jahre von der Zulassung entfernt sind und somit mindestens ebenso weit von einem eigenen signifikanten Beitrag zu Bilanz und GuV, wird uns die hohe Volatilität in der Aktie wohl erhalten bleiben und die Nachrichtenlage zur Coronaentwicklung der tägliche Impulsgeber.

Anfang August durchbrach der Kurs erstmals die Marke von 350 Euro und hat seitdem scharf auf knapp 200 Euro korrigiert. Wer zum Börsengang eingestiegen ist oder während der Coronafrühphase Anfang 2020, der hat weniger als 50 Euro für seine Aktie bezahlt. Und selbst Spätentschlossene, die vor sechs Monaten bei 100 Euro kauften, liegen noch immer deutlich im Plus. Wer allerdings erst im Sommer seinen Einstieg wagte, sitzt inzwischen auf kräftigen Verlusten. Dem entsprechend unterschiedlich fallen die Reaktionen aus – wir erinnern uns an den Ankereffekt. Einen massiven Kursrückgang kann man emotional leichter verkraften, wenn unterm Strich noch immer ein Kursplus von 100 Prozent steht, als wenn das Depot ein Minus von 40 Prozent auswirft.

Ich hatte hier im Aktien-Report BioNTech bereits am 13. August vorgestellt unter "Mehr als nur Corona? BioNTech im Härtetest" (hier klicken) und damit nahe des Allzeithochs. Meine damalige Einschätzung zum weiteren Verlauf war:

"Momentan spiegelt der Aktienkurs keine besonders hohe Bewertung wider. Wichtig ist dabei, ob diese günstige Bewertung nur die Jahre 2021 und 2022 durchsteht, oder ob BioNTech auch in den Folgejahren halbwegs vergleichbare Umsätze und Ergebnisse einfahren können wird.

Davon hängt ab, ob die Aktie bei 375 Dollar massiv überbewertet ist oder auf mittlere und lange Sicht noch viel höhere Kurse gerechtfertigt sein werden.

Die Kursexplosion gründet zwar auf den sehr positiven Geschäftszahlen, aber gleichzeitig preist der Kurs inzwischen viel Zukunftsfantasie bereits ein. Es ist kaum vorstellbar, dass es mit dem Kurs in diesem Tempo weitergehen kann. Vielmehr ist mit einer Konsolidierung und auch einer Korrektur zu rechnen, wenn Anleger ihre Gewinne mitnehmen oder die ersten bei sinkenden Kursen nervös werden und ihre Verluste begrenzen (müssen).

Auf das enorme Potenzial des Unternehmens hat dies keinen Einfluss. BioNTech ist solide durchfinanziert dank der hohen Coronaeinnahmen und somit auch weniger abhängig von Meilensteinzahlungen seiner Partner. Darüber hinaus kann man die Expansion in weitere Forschungs- und Anwendungsgebiete für die mRNA-Plattform vorantreiben.

Unterm Strich ist BioNTech ein sehr aussichtsreiches Unternehmen. Und auch eine ebenso aussichtsreiche Aktie. Wenn der Preis stimmt…"

Daran hat sich nichts geändert, jede Aussage gilt auch heute noch. Nur der Kurs, der hat die von mir erwartete Korrektur durchlaufen und liegt nun deutlich tiefer. Ob er noch weiter fällt oder von diesem Niveau aus wieder steigt, kann ich nicht prognostizieren. Fest steht für mich lediglich, dass BioNTech eine der aussichtsreichsten börsennotierten deutschen Unternehmen ist – auf mittel- und langfristige Sicht.


Mutares

Mutares ist ein Spezialist für die Sanierung angeschlagener Unternehmen. Man kauft entweder Firmen aus der Insolvenz heraus oder wenn sie kurz davor stehen oder aber Randaktivitäten großer Konzerne, die diese abgeben, aber nicht schließen möchten. Mutares übernimmt diese Unternehmen für kleines Geld und bekommt manchmal sogar noch eine Mitgift oben drauf, um sie anschließend neu zu strukturieren und durch zielgerichtete Add-On-Zukäufe zu Branchenführern zu machen und ihren Wert erheblich zu steigern. In dieser „Erntephase“ werden die neu positionierten Töchter dann ins Schaufenster gestellt und möglichst gewinnbringend verkauft.

Zwischen An- und Verkauf liegen in der Regel etwa fünf Jahre und Mutares hat in der Vergangenheit sein eingesetztes Kapital im Schnitt versiebenfacht.

Im Jahr 2020 liefen die Geschäfte allerdings ziemlich schlecht, denn aufgrund der starken Ausrichtung auf den Automotive-Sektor litten die im Portfolio befindlichen Tochterunternehmen kräftig unter der Corona-Pandemie. Mutares war mehr damit beschäftigt, die Töchter am Leben zu halten, als diese zu verkaufen. Die Preise für Unternehmen waren im Keller.

Besonders gelitten hatte vor allem die 60-prozentige Tochter STS, die einen harten Sanierungskurs durchlief und Anfang diesen Jahres erfolgreich verkauft werden konnte. Das spülte Mutares ordentlich Geld in die Kasse, das das Unternehmen umgehend in neue Übernahmen investierte. 2021 ist das aktivste Jahr in der Unternehmensgeschichte mit inzwischen elf Transaktionen, wovon die meisten Käufe waren.

Mutares hat sich am Kapitalmarkt als Dividendenwert etabliert und dem entsprechend eine hohe Dividende für 2020 ausgeschüttet. Es gab einen Euro als Basisdividende und weitere 50 Cents als Partizipationsdividende oben drauf. Während die Basisdividende über die Jahre mindestens konstant bleiben soll, unterliegt die Erfolgsdividende schon eher Schwankungen.

Das Mutares-Business

Dazu muss man verstehen, wie Mutares sein Geld verdient. Mutares ist keine Beteiligungsgesellschaft. Man übernimmt neue Töchter und bringt diese in separate Tochter-GmbHs ein. So reduziert man das Risiko für die Mutter, falls die Sanierung schief geht und mit Verlusten endet. Dann ist gegebenenfalls das investierte Kapital verloren, aber es entsteht kein weiterer Kapitalbedarf.

Mutares erbringt als Holding Beratungsdienstleistungen für seine Töchter. Man schickt Unternehmensberater ins Unternehmen, die dort die Prozesse vereinfachen und umstrukturieren und das Unternehmen fit machen. Hierfür rechnet Mutares Beraterhonorare ab, die unabhängig von Sanierungserfolg fließen. Je mehr Töchter Mutares hat und je mehr Umsatz diese machen, desto höher sind die Provisionen, die Mutares zufließen.

Neben den Honoraren erhält Mutares Dividenden von seinen Töchtern, jedenfalls von denen, die bereits bzw. wieder profitabel sind. Die Dividenden und die Honorare speisen gemeinsam die Basisdividende.

Als dritten Einnahmezweig hat Mutares dann die Deals. Einerseits nimmt man "Bargain Purchases" ein, wenn der Verkäufer eines Unternehmens Mutares einen Sanierungszuschlag mit auf den Weg gibt, und dann fließen Mutares die Verkaufserlöse zu, wenn man eine Tochter abgibt. Dieser zweite Erlösstrom ist weniger gut planbar und schwankungsanfälliger, so dass die hieraus gespeiste Erfolgsdividende ebenfalls von Jahr zu schwanken kann.

In 2021 ist der Dealflow hoch und Mutares sieht sich nun mit einem Problem konfrontiert: die gegenwärtige Lage aus Coronabelastungen, billigem Geld, drohenden Zinserhöhungen und immer mehr Unternehmen mit Nachfolgeproblemen bietet beinahe paradiesische Zustände für Mutares. Klingt nicht nach einem Problem, doch Mutares hat einfach zu wenig Geld, um die vielen Chancen zu nutzen.

Die Alternativen waren, einfach weiterzumachen wie bisher und in jedem Jahr durch die hohen Gewinne das Eigenkapital kräftig hochzufahren und so immer mehr Geld für neue und größere Deals zur Verfügung zu haben. Um aber die gerade jetzt und nicht endlos lange vorherrschenden optimalen Bedingungen noch besser nutzen zu können, könnte Mutares auch eine Kapitalerhöhung durchführen und so schlagartig mit mehr Geld und besseren Kreditmöglichkeiten schneller und größer am Markt tätig werden.

Mo Money

Dieses zweite Szenario hatte Mutares vor einigen Wochen erstmals dem Markt angedeutet und es gab keine negativen Reaktionen. Zumeist geht der Aktienkurs bei Andeutung einer Kapitalerhöhung in den Keller, aber der von Mutares stieg auf ein neues Jahreshoch.

Also machte Mutares Nägel mit Köpfen und startete kurzerhand eine Kapitalerhöhung mit Bezugsrecht für die Altaktionäre. Mutares erhöht seinen Aktienbestand um rund ein Drittel und das zu einem Bezugskurs von 19,50 Euro. Der liegt deutlich unter dem Kurs zum Zeitpunkt der Ankündigung und noch deutlicher unter dem Jahreshoch von Anfang September bei rund 30 Euro.

Die Kapitalerhöhung läuft momentan und der Kurs ist entsprechend eingeknickt. Wie bei solchen Kapitalerhöhungen mit Bezugsrechtshandel üblich fällt der Aktienkurs in Richtung des Bezugskurses, weil gegen Ende der Bezugsfrist immer mehr Bezugsrechte aus den Depots geworfen werden und über den Zukauf von Bezugsrechten die Aktie entsprechend günstig zu kaufen ist.

Der starke Kurseinbruch bei Mutares ist also nicht etwa schlecht laufenden Geschäften geschuldet, sondern der Kapitalerhöhung. Die ist bald abgeschlossen und sollte daher den Kurs nicht mehr lange am Boden halten.

Zumal Mutares bereits während der Kapitalerhöhung weitere Zukäufe vermelden kann und damit zeigt, dass man genau weiß, wofür man frisches Geld von den Aktionären einwirbt. Von den frischen 100 Millionen Euro will Mutares rund 60 Millionen für Zukäufe nutzen und 40 Millionen für Add-Ons für Bestandsunternehmen entsprechend seiner Plattformstrategie.

Am Markt ist von potenziellen Deals im Volumen von sieben Milliarden Euro (Umsatz der Zielunternehmen) die Rede, die Mutares gerade auf dem Tisch hat. Zum Vergleich: Mutares hat kürzlich seine Mittelfristplanung erhöht und will nun 2023 anstatt drei Milliarden Euro Umsatz fünf Milliarden umsetzen (auch hier gilt der Umsatz der Tochterunternehmen).

Diese Umsatzmarke ist nicht ganz unwichtig, denn Mutares peilt mittel- bis langfristig ein Nettoergebnis auf Holdingebene von 1,8 bis 2,2 Prozent des Konzernumsatzes an. Beim Mittelwert würde dies bei der für 2023 anvisierten Erlösuntergrenze von fünf Milliarden Euro damit auf einen Überschuss von rund 100 Millionen Euro hinauslaufen. 2019 lag der Jahresüberschuss bei 20,8 Millionen Euro, 2020 bei 27,1 Millionen.

Der Gewinnhebel bei einem Drittel zusätzlichen Eigenkapital ist also enorm und dem entsprechend dürfte der Aktienkurs eher früher als später die Belastungsschmerzen aufgrund der Kapitalerhöhung abschütteln. Zumal Mutares parallel ein Uplisting durchführt und die Aktien künftig im höheren Börsensegment Prime Standard der Frankfurter Wertpapierbörse notieren lässt. Dies ist für internationale Investoren nicht selten eine Voraussetzung, um überhaupt in Aktien Geld investieren zu können. Mutares ist neben Deutschland in Frankreich und Italien sehr aktiv und hat mit neuen Büros inzwischen auch seine Fühler Richtung Skandinavien und Benelux ausgestreckt. Internationalisierung gehört also zur Wachstumsstrategie und die Börsenkapitalisierung tendiert nun Richtung 500 Millionen Euro und nimmt damit Kurs auf den SDAX. Erstmal…


Deutsche Rohstoff AG

Die Deutsche Rohstoff AG kann sich über die Entwicklung ihres Börsenkurses nicht beklagen. Seit dem Tiefstand Ende 2020 hat sich der Kurs inzwischen auf 22 Euro glatt verdreifacht. Und dazu hat er auch allen Grund.

Ein wesentlicher Faktor ist dabei natürlich der enorme Preisanstieg bei Öl und Gas, denn die DRAG identifiziert, entwickelt und veräußert attraktive Rohstoff-Vorkommen vorrangig in Nordamerika, Australien und Europa. Der Schwerpunkt liegt in der Erschließung von Öl- und Gaslagerstätten in den USA. Hinzu kommen Metalle wie Gold, Kupfer oder Wolfram.

Allerdings fördert die DRAG nicht selbst, sondern sie ist ein deutsches Unternehmen, dessen diverse Geschäftsaktivitäten aber weitgehend in den USA und Asien stattfinden, wo sie jeweils Anteile an Unternehmen hält, die in der Öl- oder Rohstoffexploration und/oder -Förderung aktiv sind. Sie ist eine Beteiligungsgesellschaft und die Umsätze und ggf. Gewinne erzielen ihre Töchter in den USA oder Australien bzw. Südkorea.

Ich möchte das Unternehmen selbst an dieser Stelle gar nicht so ausführlich darstellen, denn das habe ich bereits Ende Juli getan, als ich hier im Aktien-Report die DRAG als möglicherweise "Missverstandenen, heimlichen Champion" vorgestellt habe (hier klicken).

Damals hatte die DRAG gerade ihre Halbjahresergebnisse vorgestellt und die waren so stark, dass sie wegen der starken Produktion und des positiven Preisumfelds für Erdöl und Erdgas ihre eigenen Prognosen für 2021 und 2022 erhöht hat. Die DRAG fördert bei Öl-Preisen über 40 US-Dollar mit Gewinn und hat ihr Bohrprogramm und damit ihre Förderung deutlich ausgeweitet. Je länger der Öl-Preis über 70 US-Dollar notiert, desto besser, denn das spült ordentlich Geld in die Kassen.

Doch nach der Prognose ist vor der Prognose und nachdem nicht nur der Ölpreis weiter angestiegen ist, erhöhte das Unternehmen Mitte September erneut die eigenen Schätzungen und geht von einer weiteren deutlichen Wachstumsbeschleunigung im Jahr 2022 aus.

Der Konzernumsatz soll 2022 nun 98 bis 106 Millionen Euro betragen (bisher 70 bis 75 Millionen) und das EBITDA 70 bis 76 Millionen Euro (vorher 47 bis 52 Millionen), was im Mittel einer Steigerung um 46 Prozent entspricht. Hintergrund für die Erhöhungen sind vor allem eine weitere Akquisition durch die DRAG-Tochter Cub Creek Energy, eine zusätzliche Produktion von Bright Rock in Utah und höhere Erdgaspreise.

Cub Creek hatte kürzlich einen Kaufvertrag über 121 km² in Wyoming unterzeichnet, wodurch die DRAG zusammen mit den Flächen von Bright Rock Energy nun über rund 240 km² an Flächen in Wyoming verfügt. Die DRAG überprüft regelmäßig Flächen und Produktionen und nachdem sie im vergangenen Jahr ebenfalls zukaufen konnte, steht sie nicht unter Druck, nun kurzfristig neue Bohrmöglichkeiten auftun zu müssen. Sie kann stattdessen ihre gesicherten Flächen für weitere Förderungen entwickeln.

Für weitere Gelegenheiten stehen der DRAG per Ende Juni 71,3 Millionen Euro zur Verfügung, so dass sie trotz der laufenden Investitionsprogramme sich bietende Akquisitions-Chancen auch kurzfristig umsetzen kann.

Auf der anderen Seite agiert die DRAG durchaus auch opportunistisch und verkauft attraktive Beteiligungen, wenn der Preis stimmt und sie von mittelfristig eher sinkenden Ölpreisen ausgeht. Auch so wird ordentlich Geld in die Kassen gespült, das dann für einen Wiedereinstieg – möglichst in einer Talsohle – zur Verfügung steht.

Doch nicht nur 2022 erscheint in hübscheren Farben, auch in 2021 läuft es noch besser als geplant. So erwartet der Vorstand inzwischen, dass Umsatz und EBITDA im oberen Bereich der im Juli erhöhten Prognose liegen werden. Angesichts eines Ölpreises von rund 80 Dollar kann das natürlich kaum verwundern.

Wolfram: Die Spannung steigt

Beim Wolfram-Projekt, der Mine in Sangdong, die eine der weltgrößten Wolframressourcen beherbergt, liegt die DRAG-Beteiligung Almonty sowohl beim Budget als auch bei der Entwicklung voll im Plan. Vorgesehen ist, dass die Mine im vierten Quartal 2022 die Produktion aufnehmen soll. Und das ist von nicht geringer Bedeutung, denn die Mine soll rund 30 Prozent des gesamten Wolframs außerhalb Chinas und zwischen sieben bis zehn Prozent des weltweiten Angebots produzieren.

Wegen seines hohen Schmelzpunktes findet Wolfram vor allem in der Leuchtmittelindustrie als Glühwendel in Glühlampen und in Leuchtstoffröhren Anwendung, aber auch als Elektrode in Gasentladungslampen und in Elektronenröhren. Wolfram ist eines dieser unscheinbaren Metalle, das zu den sogenannten „Seltenen Erden“ gehört, die fast ausschließlich in China gefördert werden und die für die Herstellung von Hightech-Produkten so dringend benötigt werden. Sie befinden sich auch in elektronischen Bauteilen, Waffen und Verteidigungssystemen und werden meistens erst dann bemerkt, wenn sie fehlen.

Auch angesichts der zunehmenden Spannung der USA mit China, aber auch in der gesamten Asien-Pazifik-Region wäre eine Produktion außerhalb Chinas auch unter strategischen Gesichtspunkten wünschenswert – und lukrativ.

Die Musik spielt für die DRAG aber ganz überwiegend beim Öl und Gas und die hohen Preise speisen fleißig die Gewinn- und Verlustrechnung. Damit sind sie auch der Treibstoff für den Aktienkurs, der bisher keine Anstalten macht, sich auszuruhen.


Mein Fazit

Heftige Kursbewegungen verunsichern Anleger und es drängt sich dann die Frage nach dem Warum auf. Wir wollen verstehen, weshalb uns das Schicksal trifft, weshalb unsere Aktien einbrechen oder in den Himmel schießen. Dabei sind die Kurskapriolen auf lange Sicht häufig nur kleinere Unebenheiten, solange unser Unternehmen nicht auf Grund gelaufen ist, sondern nur mit schwerer See zu kämpfen hat.

Darum müssen nicht wir als Passgiere uns kümmern, sondern die Mannschaft, der Kapitän. Das ist deren Job, unserer ist, für die Reise zu bezahlen – und sie möglichst zu genießen. Das funktioniert bei ruhigem Wellengang und Sonne natürlich besser und bei Aktien mit entsprechenden Kursgewinnen.

Wir können zwar nie alle Risiken ausschließen, aber wir können sie doch reduzieren. Indem wir uns ausreichend informieren über die Unternehmen, in die wir investieren – und zwar vor dem Kauf. Danach müssen wir "nur" unsere Emotionen im Griff behalten und an Bord bleiben, solange die positiven Faktoren Bestand haben, die uns erst in diese Aktie geführt haben. Also alles ganz einfach. In der Theorie. In der Praxis nicht immer.

Doch auch hier weiß Börsenaltmeister Warren Buffet guten Rat: "Lass Dir durch die Geschäftsbilanzen der börsennotierten Unternehmen sagen, ob Deine Investments erfolgreich sind - und nicht durch deren tägliche oder sogar jährliche Kursnotierungen". Ganz einfach, oder?


Das passende Wikifolio zu den Aktien




Disclaimer: Habe BioNTech, Deutsche Rohstoff, Mutares auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot/Wiki.

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