Montag, 9. März 2020

Renditekiller Ankereffekt: Passiert fast jedem, ganz unbewusst. Ist aber echt teuer...

Psychologie hat einen enormen Einfluss auf unsere Entscheidungen, auch an der Börse. André Kostolany meinte sogar, die Börsenkurse würden zu 90% von psychologischen Faktoren beeinflusst. Grund genug, sich als Anleger mit "Behavioral Finance" (Verhaltensökonomie) zu beschäftigen und dabei einem Phänomen auf die Schliche zu kommen, das so natürlich zu unserem Lebensalltag gehört, dass wir es gar nicht mitbekommen. Und das uns viel Rendite kostet, wenn wir uns nicht bewusst dagegen zu Wehr setzen: der Ankereffekt.

Zunächst muss man wissen, wobei es beim Ankereffekt ("anchoring effect") eigentlich geht: Bewusst gewählte Zahlenwerte werden von momentan vorhandenen Umgebungsinformationen beeinflusst, ohne dass uns dieser Einfluss bewusst wird, und zwar selbst dann, wenn sie für die Entscheidung eigentlich irrelevant sind. Unser Urteil wird also durch unsere aktuelle Situation geprägt, weil wir sie zum Ausgangspunkt unserer Bewertung machen. Sie wirkt wie ein Filter - oder ein Anker. Die Folge ist eine systematische Verzerrung in Richtung des Ankers. Und dieser ist rein willkürlich, weil er - je nach Lage - anders positioniert ist und damit zu unterschiedlichen Ergebnissen einer eigentlich objektiv und sachlich fundierten Einschätzung führt.

Hat man also gerade sechs Richtige im Lotto und die Börse knickt ein, nimmt man das anders wahr, als wenn obendrein noch ein Kolbenfresser den Motor des neuen Porsche zerstört hat und eine teurer Reparatur on top kommt. Dabei hat der Börseneinbruch, isoliert betrachtet, in beiden Fällen die gleiche Auswirkung. Real. Aber eben nicht auf unsere Psyche.
»Die Börse reagiert gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie."
(Andrè Kostoloany)
Nun könnte man meinen, das sei gar nicht so wild, und auf den ersten Blick scheint es auch so zu sein. Doch beim genaueren Hinsehen führt der Ankereffekt zu Fehlentscheidungen und die können richtig ins Geld gehen. Denn der Ankereffekt wirkt wie ein Stück Metall neben einem Kompass, das die Nadel in die falsche Richtung zeigen lässt.

Der Blick ins Depot... und schon ist es passiert!

Für Anleger gehört er dazu, der Blick ins Depot. Man verschafft sich schnell einen Überblick über den Stand und sieht sofort, ob die eigenen Positionen im Plus liegen oder im Minus. Der Broker ist gerne zusätzlich behilflich und färbt die Ergebnisse entsprechend farbig ein in Hoffnungsvollgrün oder Blutrot. Und schon ist es passiert, wir unterliegen dem Ankereffekt. Der Anker ist hier unser Einstandskurs. An ihm bemisst sich, ob unsere Position im Plus oder im Minus liegt. Und die Folge ist, dass wir hieran auch unsere Einschätzung zu der Aktie und zu dem Unternehmen treffen.

Steht hinter Microsoft ein Minus von 20% haben wir eine andere Einschätzung dazu, also wenn es ein Plus von 20% ist. Dabei ist es das selbe Unternehmen und der aktuelle Kurs ist ebenfalls derselbe. Und natürlich auch die Zukunftsperspektive für das Unternehmen und damit für die Kursentwicklung. Aber unsere Bewertung ist durch unseren Einstandskurs beeinträchtigt, durch diesen Anker. Und auf Basis dieser Bewertung treffen wir unsere Entscheidung, ob wir die Aktie halten, nachkaufen oder abstoßen. Und das ist fatal, denn unbewusst manipuliert uns unsere Psyche und damit kann unsere Entscheidung gar nicht so gut sein, wie sein sollte.
»Fixiere dich nicht auf deinen Einstiegskurs und warte darauf, eine Verlustaktie zu verkaufen, sobald du wieder die Gewinn-schwelle erreicht hast. Die meiste Zeit agierst du emotional und es ist finanziell besser, den Verlust gleich zu realisieren und in Unternehmenspositionen zu wechseln, von denen du überzeugt bist."
(Ian Cassel)
Grundlage für den Kauf (oder Verkauf) einer Aktie sollte ausschließlich sein, wie wir das Unternehmen, seine Marktstellung, seine Umsatz- und Gewinnentwicklung und seine Zukunftsperspektiven auf Sicht der nächsten drei, fünf und zehn Jahre einschätzen. Ob eine bestehende, also früher einmal gekaufte, Position im Minus oder im Plus liegt, darf dabei keine Rolle spielen, da unsere Entscheidung ansonsten nicht gut (genug) und verzerrt ist. Durch den Ankereffekt.
»Value Investoren sollten ihre Investments nicht als Aktien verstehen, die den täglichen Schwankungen des Marktes unterliegen, sondern als Teileigentum an den zugrunde liegenden Unternehmen.«
(Seth Klarman)
Mein Fazit fällt daher auch eindeutig aus: sei Dir des Ankereffekts bewusst, hole ihn Dir immer auf den Schirm, bevor Du eine Entscheidung zum Kauf oder Verkauf einer Aktie eines Unternehmens triffst. Vergiss nie, dass Du nicht einfach nur ein Stück Papier kaufst, sondern Dich an einem Unternehmen beteiligst, an einem Business. Eliminiere den Ankereffekt aus Deinen Aktienbewertungen und trifft bessere Entscheidungen. Verschenke weniger keine Rendite!

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