Dienstag, 18. Juli 2017

Der Erfolg der Dividendenstrategie liegt nicht in den Dividenden!

▸ Kissigs Kolumne vom 7. Juni 2017, Anlegermagazin 03/2017 

“Dividenden sind der neue Zins“, das ist ein geflügelter Begriff geworden, seitdem die Zinsen um die Nullmarke notieren und Banken und Sparkassen inzwischen sogar von Otto Normalkunde Strafzinsen auf dem Privatgirokonto einfordern. Wenn das Tagesgeld oder das Sparbuch keine Zinsen mehr bringt und Anleihen ebenso wenig, sehen Dividendenrenditen von drei Prozent und mehr entsprechend verlockend aus. Also eine sichere Sache, sollte man meinen, oder?

Kritiker wenden ein, dass Zinsen „sicher“ sind. Man erhält sie während der gesamten Laufzeit der Anlage und am Ende auch sein eingesetztes Kapital zurück. Dividenden hingegen würden ja direkt nach der Ausschüttung durch den sogenannten Dividendenabschlag von Kurs abgezogen, so dass Aktionäre hier keinen Vorteil hätten. Im Gegenteil, durch den sofortigen Steuerabzug gehen direkt mehr als 25 Prozent an das Finanzamt.

Das ist alles richtig, doch sieht es bei Anleihen nicht anders aus. Kauft man diese, bezahlt man zusätzlich zum Kurs die sog. Stückzinsen. Also den Zinsanteil, der bis zum Kauftag im jeweiligen Jahr bereits angefallen ist. Verkauft man die Anleihe vor dem Zinszahlungstag, erhält man dem entsprechend die aufgelaufenen Stückzinsen gutgeschrieben. Auch hier verändert sich also der Wert der Anlage und es fallen Steuerabzüge an. Des Weiteren handelt es sich bei Aktienanlagen nicht um Fremdkapital, sondern um Eigenkapital, das man dem Unternehmen zur Verfügung stellt. Man ist daher am Gewinn beteiligt. Und wenn dieser anteilig in Form einer Dividende ausgeschüttet wird, reduziert sich der Aktienkurs entsprechend, weil das Geld ja aus dem Unternehmen fließt und es deshalb weniger wert ist. Allerdings verdient das Unternehmen ja das ganze Jahr über die Gewinne, die am Ende im Jahresabschluss unter dem Strich den Jahresgewinn ausmachen. Der Dividendenabschlag macht den Aktionär also nicht ärmer. Auch deshalb wird er durchschnittlich innerhalb weniger Wochen wieder aufgeholt.

Und dann bleibt noch die Risikobetrachtung. Bei Sparbüchern oder Tagesgeldkonten sind Einlagen bis zu bestimmten Obergrenzen durch die Einlagensicherung abgesichert. Das Risiko ist also verhältnismäßig niedriger als bei Anleihen oder Aktien. Bei einer Aktiengesellschaft ist man Miteigentümer und damit als letzter in der Reihe, wenn es bei einer Pleite noch etwas zu verteilen gibt. Als Anleihegläubiger steht man vor den Aktionären in der Schlange, aber die Quoten bei Pleiten sind ebenfalls verschwindend gering und selten über 20 Prozent. Man schaue einfach mal auf die vielen Mittelstandsanleihen, von denen ein Großteil die Anleger um enorme Summen gebracht hat. Chance und Risiko gehen auch bei der Geldanlage immer Hand-in-Hand. Der langfristige Erfolg von Aktien, und insbesondere von Unternehmen mit Dividendenzahlungen, spricht indes ganz klar für Aktien als Anlage. Vor allem, solange das Zinsniveau nicht nachhaltig über vier Prozent ansteigt.

Der Dividendeninvestor
An dieser Stelle kommen wir zu einer besonderen Spezies unter den Aktienanlegern, dem Dividendeninvestor. Bei diesem steht nicht die Aussicht auf Kurssteigerungen im Zentrum seiner Aktienauswahl, sondern das Erzielen von Dividendeneinnahmen. Die Aktien und ihre Kurse sind für ihn dabei nur Mittel zum Zweck. Das klingt zunächst nicht schlüssig, denn hohe Dividendeneinnahmen machen ein nicht reich, wenn gleichzeitig die Aktienkurse in den Keller abstürzen. Trotz dieses Widerspruchs ist die Dividendenstrategie ziemlich erfolgreich und das hat handfeste Gründe. Aber andere, als man denkt.

Der Dividendenstrom
Dem Dividendeninvestor geht es um einen stetigen Dividendenstrom, also nicht um einmalige hohe Dividendeneinnahmen, sondern eine kontinuierlich sprudelnde Einnahmequelle, die möglichst das ganze Jahr über ein zusätzliches Einkommen generiert. Und da man dafür nicht arbeitet, spricht man von passivem Einkommen.

Der Fokus bei dieser Strategie liegt also darin, Aktien auszuwählen mit attraktiven Dividendenzahlungen und seine Investments so zu streuen, dass sich die einzelnen Dividendenzahlungen zu einem steigen Einkommensstrom ergänzen. Auch aus diesem Grund finden sich in den Depots der Dividendeninvestoren zumeist amerikanische Unternehmen viel stärker gewichtet als deutsche. Denn in den USA ist es üblich, quartalsweise oder sogar monatlich Dividenden anteilig auszuschütten, während es in Deutschland in der Regel nur einmal jährlich eine Dividende gibt.

Die Dividendenstrategie schränkt allerdings auch die Auswahl an möglichen Investments weiter ein, weil zyklische Branchen starken Schwankungen unterliegen und somit auch ihre Dividendenzahlungen. Die Stahlindustrie oder die Chipbranche haben stark schwankende Unternehmenszyklen und daher sind ihre Aktien zur Generierung eines steigen Dividendenstroms nicht wirklich geeignet. Viel eher kommen Konsumgüteraktien infrage, weil deren Produkte in jeder Konjunkturlage gekauft werden. An Windeln, Zahnpasta, aber auch Nahrungsmitteln und Medikamenten spart man nicht, nur weil das Geld knapper wird. An Reisen oder Neuwagen hingegen schon.

Allerdings gilt auch für Dividendeninvestoren das Gesetz von Angebot und Nachfrage und die Zunehmende Beliebtheit der Dividendenstrategie, aber auch die immer zahlreicheren Nachahmer von Value Investoren wie Warren Buffett führen dazu, dass die Kurse dieser sogenannten defensiven Aktien überdurchschnittlich stark angestiegen sind und sie deshalb nicht mehr als preiswert zu bezeichnet werden können. Was für Value Investoren zu Problemen führt, für Dividendeninvestoren hingegen nicht wirklich. Denn diese orientieren sich am Dividendenstrom, nicht so sehr am Kaufpreis für ihre Aktien.

Nun sind Dividendeninvestoren natürlich nicht dumm und auch sie wissen, dass niedrige Kurse dazu führen, dass sie mehr Aktien kaufen können. Und somit höhere Dividendeneinnahmen generieren. Hier kommt ein weiterer Faktor ins Spiel, die Sparquote. Denn die meisten Dividendeninvestoren geben Monat für Monat einen Teil ihres Einkommens nicht aus, sondern kaufen stattdessen regelmäßig weitere Dividendenaktien. Das bringt den Vorteil des sogenannten Cost-Average-Effekts, den man auch vom Fondssparen her kennt. Wenn man jeden Monat den gleichen Betrag in einen Fondssparplan einzahlt, verlieren Kursschwankungen einen Teil ihres Schreckens. Denn fallen die Kurse, kauft man für den gleichen Betrag mehr Fondsanteile. Und so ist es auch bei den Dividendeninvestoren und ihrer Sparquote. Sie kaufen ständig weitere Aktien hinzu und erhöhen damit ihr Dividendeneinkommen. Und je höher das passive Einkommen aus Dividenden ansteigt, desto mehr steht auch aus dieser Quelle für weitere Investments zur Verfügung. Im Grunde wird hier der Zinseszinseffekt genutzt, so dass steigendes passives Einkommen weiteres steigendes passives Einkommen generiert.

Hinzu gesellt sich noch die Tatsache, dass Dividendeninvestoren eher selten ihre Depotpositionen verändern – abgesehen von den regelmäßigen Zukäufen. Sie starren nicht so sehr auf die Börsenkursschwankungen, wie es der normale Aktienanleger tut und sie versuchen viel seltener, Kursschwankungen zu ihrem Vorteil zu nutzen. Was, wie alle Untersuchungen und Erfahrungen zeigen, nur selten gelingt. Im Grunde praktizieren Dividendeninvestoren einen klassischen Buy-and-Hold-Investmentansatz. Kaufen, liegenlassen, Gewinne zählen. Und zwar solange, wie das Unternehmen nicht in Schieflage gerät oder sich grundlegende Dinge zum Negativen hin entwickeln. 

Die Dividendenstrategie funktioniert
Ich bin kein Dividendeninvestor, ich bin und bleibe Value Investor. Und ich kaufe am liebsten Qualitätswerte und halte diese langfristig, um an ihren Erfolgen teilzuhaben. Buy-and-Hold eben. Ich setze auch auf Dividenden und versuche, den Zinseszinseffekt für mich zu nutzen. Und alle diese Faktoren beinhaltet auch die Dividendenstrategie. Hinzu kommt noch der Ansatz, monatlich Teile des Einkommens beiseitezulegen und in weitere Aktienkäufe zu investieren, womit bei konsequenter Umsetzung die Börsenschwankungen geglättet werden.

Die Dividendenstrategie vereint also gleich mehrere Faktoren in sich, die Experten wie Warren Buffet oder Charlie Munger als grundlegende Erfolgsgaranten für einen langfristigen Erfolg an der Börse benennen. Und das ist der Grund, weshalb sie so erfolgreich funktioniert. Man muss sich keine Gedanken darüber machen, ob Dividendenausschüttungen eher positiv oder negativ einzuschätzen sind; die Dividendenstrategie diszipliniert ihre Anwender in den entscheidenden Punkten und macht sie so zu besseren, erfolgreicheren Anlegern. Und dabei ist sie so simpel, dass sie auch Privatanleger ohne große Börsenexpertise schnell verstehen und umsetzen können. Und so schließt sich der Kreis und wir landen wieder bei Warren Buffett, der Anlegern rät: „Keep it simple“. Also dann mal einfach los…

Kommentare:

  1. Gut beschrieben lieber Michael!
    Den Unterschied zw. Value und Dividendeninvestor sehe ich persönlich nur bei der Auswahl der Unternehmen, sprich: die Zahlung einer Dividende. Ebenfalls haben wohl Studien gezeigt, dass die Dividendenaristokraten deutlich weniger Kursverluste erleiden, wenn es zu einem Crash kommt. Da der Investor ja noch mit den stetigen Dividendenzahlungen vertröstet wird. Ich persönlich investiere auch in die (ich nenne es so) Value-Dividendenstrategie. Unternehmen mit einfachen Geschäftsmodellen, deren Dienste/Produkte es auch noch in 100 Jahren gibt, die eine gewisse Markenstellung / Burggraben haben.

    beste Grüße Hans-Jürgen

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  2. Schöne Beschreibung, ich fühle mich gut getroffen!

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  3. Guter Artikel, danke Michael. Erinnert mal wieder an die wichtigen Grundsätze.
    Und hält man sich an diese ohne Emotion walten zu lassen, ist das schon die halbe Miete.

    Generell geht es ja bei jedem Investment um Folgendes: Was macht das Management Team des Unternehmens mit dem Geld was ich ihnen durch Aktienkäufe anvertraue? Wie gewinnbringend wird dieses verwendet? Nutzt man es für Expansion, neue Märkte, Aktienrückkäufe, Akquisitionen oder auch Dividenden - und natürlich jegliche Kombination voneinander. Wir halten einige Dividendentitel aber nur wenn es sich um unterbewertete starke Unternehmen handelt - ohne Ausnahme. Wiederum sind wir auch in Unternehmen investiert, die das Kapital über günstige Akquisitionen in einem überhitzten M&A Markt überdurchschnittlich verzinsen.

    Wir haben uns einmal damit beschäftigt, wie sich die Dividende auf den Portfolioreturn auswirkt. Hier mehr dazu: https://www.thevaluecircle.com/einfluss-dividende-portfolioreturn-dividendenstarke-aktien/

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  4. Hallo Michael,

    danke für den wunderbaren Artikel. Sehr treffend geschrieben.
    Ein Value-Investor wird sogar eine bessere Performance langfristig aufweisen als der reine Dividendenfan. Allerdings muss er sich mehr mit einzelnen Unternehmen beschäftigen. Der reine Dividendensammler dürfte nach den Fond-Anlegern wohl der faulste Typus unter den Investoren sein.

    Ich bin gern faul^^

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  5. Fühle mich auch gut getroffen. Man hat dann immer ein lachendes und ein weinendes Auge wenn Kurse plötzlich wieder abstürzen. Nur kommt auch immer die Unsicherheit ob man irgendwas zu einer Firma übersehen hat. Heute ist bspw. MBB stark abgestürzt -- bisher ist mir noch nicht klar warum. Aber ggf. wieder ein Punkt zum nachkaufen.

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  6. Hallo Zusammen

    Was haltet ihr denn momentan von AT&T?
    Waren schon lange nicht mehr so tief...
    Leider kenn ich mich zu wenig aus um jetzt zu sagen ob das ein "fair value" wäre.

    Grüsse Ace

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  7. Hallo Ace,

    schwer zu sagen bei AT&T. Ich habe auch ein Auge drauf, aber bin mir unsicher. Die Schulden sind hoch, Time Warner schwer absehbar, was dabei rauskommt und die es stehen hohe Investitionen an für 5G, ohne dass damit zwingend die Umsätze massiv steigen....

    Grüße

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    1. Sali Stefan

      Ja die Umstände sind vielleicht nicht ganz einfach, habe gestern aber noch nachgekauft. Als "Dividenden-Anleger" ist AT&T aber sicherlich nicht schlecht.
      Ich werde es in 10 Jahren sehen ob die Strategie aufgeht :)

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  8. Da sind (durch mich als Bondanleger) schon einige Punkte anzumerken:

    Auf beim Kauf gezahlte Stückzinsen bekommt man sofort eine Steuergutschrift.
    Aus dem Anleger-Abzocker-Segment Mittelstandsanleihen allgemeine Aussagen über Insolvenzhäufigkeit und Insolvenzquoten von Anleihen herzuleiten, ist umprofessionell.
    Der "Cost Average Effekt" wird von vielen informierten Anlegen als ein reiner Verkaufsmythos gesehen.

    Man merkt deutlich, dass der Beitrag nicht von einem Anleiheanleger geschrieben wurde. Daher ist er in meinen Augen auch nicht aussagekräftig für die Anleiheanlage.,

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