Donnerstag, 27. April 2017

Steico schafft sich gerade sein eigenes "Next Big Thing"...

Steico, der Hersteller von Holzfaserdämmstoffen, entwickelt sich vom unentdeckten Hidden Champion immer mehr zur Börsenperle. Nachdem man hervorragende Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2016 präsentieren konnte, legte man noch eine Schippe drauf. Denn Steico hatte vor einigen Jahren einen neuen Geschäftszweig initiiert und in eine Furnierschichtanlage investiert. Von dem Erfolg war man dann selbst überrascht worden, die die Anlage war nach kurzer zeit bereits voll ausgelastet. Und so plante Steico gleich eine neue Anlage hinterher, um die Kapazitäten zu verdoppeln. Und das mit gutem Grund, denn durch das neue Geschäftsfeld kann Steico die Fertigungstiefe erhöhen. Anders ausgerückt: anstatt wie bisher Vorprodukte teuer zuzukaufen, fertigt man diese nun selbst und steckt sich die Marge selbst ein. Hinzu kommt die Fertigung für Externe, was die Anlage zusätzlich auslastet.

Doch auch beim Anlagenkauf zieht Steico erneut alle Register. Schon bei der ersten Anlage hatte man diese von einem ehemaligen Konkurrenten aus der Insolvenzmasse vergleichsweise günstig abgestaubt. Und nun ist Steico das selbe Kunststück noch einmal gelungen. So ersteigerte man eine moderne Anlage zur Herstellung von flexiblen Holzfaser-Dämmstoffen aus dem Trockenverfahren und das zu einem günstigen Kaufpreis von unter 1 Million Euro. Die neue Anlage kann im Steico-Konzern gleich für mehrere Investitionsvorhaben verwendet werden.

Denn Steico ersteigerte die komplette Produktionsanlage inkl. Zerfaserung, Fasertrockung, Mattenbildung, Verfestigung sowie Verpackung und Palettierung. Die Produktionsanlage wird demontiert, die Komponenten sollen an verschiedenen Standorten des Steico-Konzerns für den Aufbau weiterer Kapazitäten bzw. zur Effizienzsteigerung in der Produktion verwendet werden. Bei der Umsetzung gibt sich Steico optimistisch. Immerhin verfüge man sowohl über langjährige Erfahrungen bei Verlagerungen von Produktionsanlagen als auch über einen eigenen Stab qualifizierter Ingenieure für die rasche Inbetriebnahme.

 Steico SE (Quelle: finanzen.net
Die Ersteigerung der Anlage erfolgte unabhängig von der bereits beschlossenen Errichtung einer weiteren Produktionsanlage für stabile Holzfaser-Dämmstoffe im Trockenverfahren. Insofern setzt Steico auf weiteres, nachhaltiges Umsatzwachstum. Und durch die Einsparungen und das heben weiterer Synergien im Konzern wird Steico seine Margen weiterhin sukzessive verbessern.

Meine Einschätzung
Die geplanten Investitionen von weiteren 45 Mio. Euro und der jetzt erfolgte zusätzliche Kauf im Volumen von 1 Mio. Euro sind angesichts der Überkapazitäten und des Preisdrucks in der Branche durchaus mit Risiken verbunden, setzen aber im margenstarken neuen Bereich an, so dass sich das Wagnis auszahlen sollte. Zudem hat Steico beschlossen, eine weitere Produktionsanlage für Holzfaser-Dämmstoffe aus dem Trockenverfahren zu errichten, um auf die kontinuierlich gestiegene Nachfrage in den vergangenen Jahren und die hohe Auslastung der bestehenden Produktionsanlage zu reagieren. Für die neue Anlage sind Investitionen in Höhe von rund 7,5 Mio. Euro vorgesehen und die Inbetriebnahme ist für Anfang 2018 geplant.

Durch die Investitionen werden Kosten gespart und die Margen ausgeweitet und man kann gleichzeitig davon profitieren, dass die herkömmlichen Wärmeverbundsysteme aufgrund ihrer Problembehaftung (Krebsrisiko, Umweltschädlichkeit, Brandgefahr) sukzessive vom Markt gedrängt werden und immer häufiger hochwertige ökologische Dämmmaterialien zum Einsatz kommen. Darüber hinaus verbreitert die eigene Stegträger-Produktion die Angebotspalette und sorgt für eine Verbreiterung und Ausweitung der Margenbasis und die Insolvenz eines direkten Wettbewerbers verbessert die Position von Steico spürbar.

Ich habe Steico schon seit Jahren auf meiner Empfehlungsliste und sehe auch für die Zukunft eine solide Entwicklung für das Unternehmen. Der Kurs dürfte den unternehmerischen Erfolgen entsprechend unaufgeregt weiter gen Norden streben und die Aktie auch weiterhin eine solide Depotbeimischung sein mit Aussicht auf attraktive Kurszuwächse.

Monsanto: Was treibt Buffett bloß in diese Aktie?

▸ Kissigs Kolumne vom 07.03.2017, Aktien Magazin 06/2017 

Warren Buffett ist nicht nur einer der reichsten Menschen auf unserem Erdball und als Value-Investor eine Legende, sondern er steht auch für einen zurückhaltenden, bescheidenen Charakter. An ihm ist wenig Auffälliges, abgesehen von seiner Unauffälligkeit. Vermutlich auch deshalb ist er ein gern gesehener Gast zum Thema Börse bei Fernsehstationen und Journalisten. Buffett versteht es, komplizierte Dinge in wenigen Worten unkompliziert darzustellen.

Auch ich bin ein großer Fan seiner viele Börsenzitate, die einen mal zum Schmunzeln und mal zum Nachdenken bringen. Oder beides. Und eine dieser vielen Weisheiten ist, man könne mit schlechten Leuten keine guten Geschäfte machen.

»Mit schlechten Leuten macht man keine guten Geschäfte.«
(Warren Buffett)

Dies ist ein wichtiger Grundsatz des Value Investings, denn man bindet sich ja langfristig an ein Unternehmen. Und wenn dieses von Menschen geführt wird, denen man nicht trauen kann, sollte man die Finger davon lassen.

Eine Regel, die man gar nicht oft und laut genug betonen kann, denn an der Börse war es Jahrhunderte lang üblich, Investoren über den Tisch zu ziehen. Ob es mit "Orient-Compagnien", Eisenbahnen, Stromhändlern (wie bei Enron) oder mit beinahe jeder Neuer Markt-Klitsche war: es wurde immer erstunken und erlogen was das Zeug hielt. Da wurden Umsätze und Gewinne vom Vorstand frei erfunden (wie bei Comroad), oder es wurden Kurse vorsätzlich in ungeahnte Höhen manipuliert, weil die Initiatoren zuvor diese Penny-Stocks günstig eingesammelt hatten und dann diese Ramschaktien an gierige Privatanleger teuer verkauften. Am Ende war immer der Anleger, der diesen schlechten Leuten auf den Leim ging, der Dumme.

Good business, good management, good price
Deshalb legt Buffett bei seinen Beteiligungen so einen hohen Wert auf ein verlässliches, vertrauenswürdiges Management. Er weiß, dass er die vielen Firmen in seinem Portfolio nicht selbst führen kann, daher braucht er Manager, die dies für ihn tun. Und die Grundlage dieser Zusammenarbeit ist Vertrauen.

Das gilt bereits bei der Übernahme, wenn Buffett in ein Unternehmen neu einsteigt. Gerne möchte er dann das bestehende Management an Bord lassen, denn diese Leute sind einer der wichtigsten Gründe, weshalb Buffett überhaupt einsteigt. Der Kaufpreis spielt nur eine Nebenrolle, Qualität und Beständigkeit sind die entscheidenden Eckpfeiler von Buffetts Investmentstil.

Und aus dieser Charaktereigenschaft, die der mittlerweile 86-jährige mit seinem 94-jährigen Partner Charlie Munger teilt, folgt auch, dass Buffett nicht in Geschäfte investiert, die nicht „koscher“, die unmoralisch sind. Seine Integrität ist ihm extrem wichtig.

»Man braucht 20 Jahre, um sich einen guten Ruf aufzubauen, und nur fünf Minuten, um ihn zu verlieren. Wer das beherzigt, handelt bewusster.«
(Warren Buffett)

Und nun das…
Kürzlich musste Warren Buffett für seine Investmentholding Berkshire Hathaway wieder das sog. Formular 13F bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) einreichen. In diesem vierteljährlich vorzulegenden Dokument müssen institutionelle Asset-Manager ab einem verwalteten Vermögen von 100 Millionen Dollar ihre Investments in US-amerikanischen börsennotierter Unternehmen stichtagsbezogen offenlegen.

Vor allem bei US-Airlines hat Buffett zugegriffen und Millionen von Aktien der vier großen US-Fluglinien American Airlines, United, Delta Airlines und Southwest Airlines erworben. Daneben kaufte Berkshire Hathaway Aktien der Bank of New York Mellon, von Apple sowie Anteile am Satellitenradiobetreiber Sirius XM.

Und Buffett erwarb für rund 872 Millionen Dollar 8 Millionen Aktien des Saatgut-Spezialisten Monsanto, der gerade vom deutschen Pharmakonzern Bayer übernommen wird. Und insbesondere dieser letzte Kauf ist bemerkenswert, gleich in mehrerer Hinsicht.

Schreckgespenst Montanso
Denn Monsanto ist nicht irgendeine Firma, Monsanto ist eine der meist gehassten Unternehmen. Monsanto ist der weltweit führende Hersteller von gentechnisch verändertem Saatgut und die real und eingebildet hiervon ausgehenden Gefahren für Menschen, Tiere und Umwelt führen regelmäßig zu Proteststürmen gegen das Unternehmen. In Europa und Deutschland noch viel mehr als in den USA, wo eine Vielzahl von Farmern inzwischen völlig abhängig ist von Monsantos Saatgut.

Auch deshalb hat es großes Stirnrunzeln und Kopfschütteln ausgelöst, dass der deutsche Pharmariese Bayer ausgerechnet dieses Unternehmen mit diesem schlechten Image übernehmen will. Aber die Bayer-Offerte im Volumen von 66 Milliarden Dollar ist Realität und liegt bei gut 30 Kartell- und Prüfbehörden weltweit zur Genehmigung vor. Die Leverkusener hatten ihr Anfangsangebot nachbessern müssen, aber nun zu 128 Dollar je Monsanto-Aktie unterstützt auch dessen Management die Übernahmeofferte. Aber weshalb auch Buffett?

Nun könnte an sich darauf zurückziehen, dass es nicht Buffett selbst war, der die Anlageentscheidung getroffen hat. Denn seine beiden „Investment-Leutnants“ Ted Weschler und Todd Combs verwaltet inzwischen selbstständig Berkshire-Portfolios von mehreren Milliarden Dollar. Doch ich denke, es wäre zu kurz gesprungen zu behaupten, die beiden hätten einfach weniger Skrupel oder eine niedrigere moralische Hemmschwelle bei Investments. Zumal beide von Buffett persönlich ausgesucht und eingestellt wurden und sie sich stets mit Buffett über ihre Portfolios und Transaktionen austauschen.

Buffett geht’s (nur) ums Geld
Der Grund für den Monsanto-Kauf dürfte ein viel profanerer sein: Geld. Buffett kauft Monsanto nicht, weil er von dem Unternehmen so viel hält oder das Geschäftsmodell so überzeugend findet. Vielmehr erinnert der Einstieg an eine von Buffetts eher unbekannten Seiten: den Arbitragehandel. Denn zu früheren Zeiten hat Buffett gerne Arbitragegeschäfte gemacht und dabei Kursunterschiede zu seinem Vorteil genutzt. Er kauft gerne den Dollar für 50 Cents. Des Weiteren hat auch schon mal für einige Monate ExxonMobil-Aktien ins Depot genommen, weil er diese Aktien als bessere Geldanlage einstufte, als sein Tagesgeldkonto. Beileibe also kein Value-Investment, für das Buffett eigentlich steht.

Die Übernahme-Offerte
Und wenn wir uns nun die Konditionen des Bayer-Angebots für Monsanto anschauen, dann werden wir fündig. Bayer bietet 128 Dollar je Monsanto-Aktien und zwar in bar. Keine Bayer-Aktien, sondern Cash. Und die Monsanto-Aktien notieren zurzeit bei 111 Dollar, also gut 15 Prozent unter dem Angebot. Offenbar haben viele Marktteilnehmer Zweifel am Gelingen der Übernahme; allein die hohe Zahl an behördlichen Zustimmungen ist gewaltig. Es ist daher davon auszugehen, dass Bayer eine Reihe von Kompromissen eingehen wird müssen, um die Offerte zu einem erfolgreichen Ende bringen zu können. Wobei Bayer in den USA 12.000 Menschen beschäftigt und Monsanto weltweit 20.000. Insofern dürfte in den USA die Offerte am wenigsten Probleme bekommen, trotz der neuen America-First-Doktrin von Präsident Trump.

Doch welche Abstriche Bayer auch machen muss, sie ändert nichts am Übernahmepreis von 128 Dollar. Nur ein Scheitern bzw. Abbrechen der Übernahme würde sich negativ auf den Monsanto-Aktienkurs auswirken.

Und hier dürfte der Grund für Buffetts Einstieg bei Monsanto liegen: er glaubt an ein Gelingen der Übernahme. Und wenn man davon ausgeht, dass die behördlichen Genehmigungen etwa ein Jahr in Anspruch nehmen, dann würde er am Ende dieses Jahres eine Rendite von 15 Prozent erzielt haben. Bei vergleichsweise geringem Risiko. Und das ist genau die Art von Geschäft, für die Buffett bekannt ist: niedriges Risiko, attraktiver Rendite. Eine bessere Rendite als auf dem Tagesgeldkonto kann er mit seiner Investition fast sicher einstreichen. Und seine Cash-Position von knapp 80 Milliarden Dollar erlaubt ihm durchaus weitere Aktienkäufe, ohne dass er zwischenzeitlich auf das in Monsanto-Aktien „geparkte“ Geld, angewiesen wäre.

»Regel Nummer eins lautet: nie Geld verlieren. Regel Nummer zwei lautet: vergiss nie Regel Nummer eins«.
(Warren Buffett)

Wer wie Buffett an einen Erfolg der Übernahme durch Bayer glaubt, kann sich ebenfalls Monsanto-Aktien ins Depot legen. In der Vergangenheit hat es sich häufig als lukrativ erwiesen, Buffett bei seinen Investmententscheidungen zu folgen…

Mittwoch, 26. April 2017

Publity: Strategieerweiterung bringt erste gewinntreibende Erfolge

Publity, ein Investor in und Asset-Manager von deutschen Büroimmobilien, hat kürzlich durch zwei neue Mandate seine bisherige Strategie deutlich erweitert und kann hier bereits erste Erfolge vermelden. Das erste Mandat bekam man von der Consus Commercial Property AG, die von Publity-CEO und Großaktionär Olek gegründet wurde. Publity wird für Consus Commerical Property am deutschen Markt attraktive Büroimmobilien identifizieren, den Ankaufsprozess begleiten und bei der anschließenden Wertentwicklung als Asset Manager fungieren. Die entsprechende vertragliche Vereinbarung wurde zu den bei Publity üblichen Konditionen geschlossen und Publity adressiert damit eine neue Größenklasse von Büroimmobilien mit einem Ankaufspreis zwischen 10 und 25 Mio. Euro. Der Investitionsschwerpunkt liegt auf etablierten Bürostandorten in deutschen Metropolregionen.

Bereits zum Auftakt der Zusammenarbeit wurde ein Bestandsportfolio von Gewerbeimmobilien im Marktwert von über 200 Mio. Euro im Einzelankauf erworben, so dass Publity bereits unmittelbar nach Vertragsabschluss erste Provisionen für sich generiert hat, denn "üblich" sind bei Publity bei Asset Management-Mandaten eine sog. Finders Fee von 1%, eine Asset Management Fee von 0,5% während der gesamten Laufzeit, in der die Immobilie betreut wird, und beim Verkauf eine Provision in Höhe von 10% als Beteiligung am Verkaufsgewinn.

Neben der Consus wurde ein Investor aus Südamerika gewonnen, dessen Mittel im unteren im unteren Milliarden-Euro-Bereich von Publity in den kommenden 30 Monaten zum Erwerb von Büroimmobilien in Deutschland verwendet werden sollen. Dieser Investor hat dabei ein niedrigeres Renditeziel als die bisherigen Publity-Kunden und dem entsprechend adressiert Publity hier als Zielsegment vorrangig den Core und Core+ Bereich. Also Immobilien, die man bei den bisherigen Mandanten nicht hätte unterbringen können.

Und heute kann man den ersten Ankauf für diese neuen Mandanten vermelden, ein Objekt in Zentrumslage von Bensheim, einer Stadt im Süden von Hessen im Regierungsbezirk Darmstadt, mit über 15.000 m² vermietbare Fläche auf einem 5.000 m² großen Grundstück. Es handelt sich um ein Value-Add-Objekt aus einer klassischen Undermanaged-Situation, die das Heben von deutlichen Wertschöpfungspotenzialen ermöglicht, denn der Vermietungsstand liegt nur bei 54% mit 19 verschiedenen Mietern, zu denen die Krankenkassen AOK und Barmer gehören.

Meine Einschätzung
Das Mandat der Consus ermöglicht es Publity, deutlich kleinere Objekte zu erwerben und zu betreuen, als es bisher der Fall war. Und das Südamerika-Mandat lässt zu, dass Publity hier qualitativ niedrigere und damit risikoreichere Standorte erwirbt, da die Renditeerwartungen bei diesem neuen Mandanten niedriger liegen, als bei den bisherigen Mandaten von internationalen Finanzinvestoren. Insbesondere bei dem Südamerika-Mandat geht Publity davon aus, dieses auf der bestehenden Asset Management Plattform ohne den Aufbau nennenswerter zusätzlicher Ressourcen umsetzen zu können. Was nichts anderes heißt, als dass man sein Geschäftsmodell skalieren kann, also ohne nennenswerte zusätzliche kosten mehr Umsatz und damit mehr Gewinn erzielen können wird. Und auch bei dem Consus-Mandat verdient Publity prächtig, denn Consus verfügt über keine eigene Bewertungs- und Ankaufserfahrung und nutzt vollständig das Publity-Know-How und Personal. Gegen entsprechendes Entgelt. Auch hier dürfte Publity überproportional dran verdienen.

 Publity (Quelle: finanzen.net
Unterm Strich zeigen die beiden neuen Mandate, dass es Olek und seiner Publity weiter gelingt, neue Mandate an Land zu ziehen, so dass die für Ende diesen Jahres anvisierten 5 Mrd. Euro 5,2 Mrd. Euro (s.u.) AuM (Assets under Management) schon heute in greifbarer Nähe liegen sein dürften. Die stetigen Provisions- und Gebühreneinnahmen dürften weiter deutlich zulegen, da mit jedem neuen Objektankauf der Zähler mitrattert.

Hierzu tragen natürlich auch die umfangreichen NPL-Mandate bei, die inzwischen 3,2 Mrd. Euro ausmachen und wo Publity nach der Verwertung 22% der Verkaufserlöse als Provision vereinnahmen kann. Hier fallen in der Zwischenzeit bis zum Verwertungserfolg erst einmal Kosten an, die Provision fließt erst beim Verkaufserfolg, also in den nächsten Jahren. Und natürlich kann man die 22% nicht an den Nominalwert des NPL-Portfolios berechnen, denn hier wird nur ein Bruchteil des ursprünglichen Nominalwerts noch beizutreiben sein.

Nachdem im Zuge der überraschenden Kapitalerhöhung unmittelbar nach der letzten Hauptversammlung der Aktienkurs mächtig unter Druck geraten war, scheint er sich nun anzuschicken, sich über der 40-Euro-Marke zu etablieren. Dazu beitragen dürfte auch die Aussicht auf die Rekorddividende von 2,80 Euro je Aktie, die nach der Hauptversammlung am 20. Juni 2017, die beim aktuellen Aktienkurs von 40 Euro immerhin stattliche 7% ausmacht.

Publity befindet sich auf meiner Empfehlungsliste und als eine der größten Positionen in meinem Depot. Die Aktie ist kein "Must-Have", aber zumindest ein "Should-Have", denke ich.


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ERGÄNZUNG VOM 28.04.2017, 08:51

▸ Publity mit endgültigen Zahlen für 2016 und erhöhter AuM-Prognose

Publity hat seine endgültigen Zahlen für das Geschäftsjahr 2016 veröffentlicht und diese reichen nicht ganz an die vorab gemeldeten vorläufigen Zahlen heran. Insbesondere beim Gewinn bleiben nun 23,1 Mio Euro anstelle von 24 Mio. Euro übrig. Das ist noch immer eine Beinaheverdopplung gegenüber dem 2015er Ergebnis von 12,5 Mio. Euro. Die übrigen Zahlen sind nicht minder beeindruckend: das Ergebnis je Aktie liegt bei 3,89 Euro und die Eigenkapitalquote stieg auf 63 Prozent nach 46 Prozent in 2015.

Für 2017 wird eine weitere Umsatz- und Ergebnissteigerung erwartet und die Prognose für die Assets under Management (AuM) per Ende Dezember 2017 wird auf 5,2 Mrd. Euro angehoben. Neu ist der Ausblick auf die AuM bis Ende 2018, die bei 7 Mrd. Euro erwartet werden.

Wenig(er) überraschend wurde erneut das Dividendenziel für Geschäftsjahr 2016 mit 2,80 Euro je Aktie bestätigt.

Dienstag, 25. April 2017

Aurelius zückt den Joker: Secop-Verkauf, Dividendenverdopplung, Aktienrückkauf

Der Münchner Finanzinvestor Aurelius Equity Opportunities ​SE & Co.​KGaA hat jahrelang erfolgreich Unternehmensbeteiligungen aus Sondersituationen und Restrukturierungsfälle übernommen, um diese wieder auf Kurs zu bringen und gewinnbringend zu verkaufen. Der Aktienkurs hatte sich seit meiner Erstempfehlung im Oktober 2012 von knapp 11 Euro auf in der Spitze gut 66 Euro versechsfacht bis vor einigen Wochen der Short-Seller "Gotham City" eine massive Short-Attacke gegen Aurelius startete unter Lancierung erheblicher Vorwürfe. Der Kurs brach daraufhin in der Spitze um fast die Hälfte ein auf unter 35 Euro. Heute nun erfolgt die lang erwartete Reaktion von Aurelius...

Da sich der Short-Seller nach der fiktiven Stadt Gotham benannt hat, in der Superheld Batman für Ordnung sorgt, bleibe ich mal in dem Wortspiel. Der mächtigste Gegenspieler Batmans war der Joker, ein fieser Bösewicht, und in den Augen der Short-Seller ist Aurelius ja der Bösewicht. Dieser Logik folgend, bringt Aurelius heute also den Joker ins Spiel, um Gothams selbsternanntem Saubermann die Leviten zu lesen.

Viele von Gothams Vorwürfen haben sich als haltlos und/oder nicht stichhaltig erwiesen. So behauptete Gotham, die skandinavischen Tochtergesellschaften von Aurelius würden gar nicht existieren. Dabei war Gotham nur nicht in der Lage, das Handelsregister korrekt auszuwerten. Auch wird behauptet, Aurelius habe keinen Finanzchef. Dabei nimmt ist die Position seit vielen Jahren besetzt, wenn der CFO auch nicht dem exekutiven Vorstand angehört.

Aber es gab und gibt auch gewichtige Vorwürfe. Das Aurelius-Management und der Aufsichtsrat hatten starke Insiderverkäufe getätigt und man war nicht bereit, diese zu erläutern und preiszugeben, in welchem Umfang insbesondere Aurelius-CEO Dr. Dirk Markus noch an Aurelius beteiligt ist. Es wurde behauptet, die Bilanzierungspraxis von Aurelius sei "nicht koscher" und der Wert von Beteiligungen würde viel zu hoch ausgewiesen und sie wären gar nicht substanzhaltig. Anstelle des von Aurelius angegebene NAVs von knapp 45 Euro gab Gotham einen Wert von deutlich unter 10 Euro vor. Insbesondere die größte Beteiligung (abgesehen von der HOE-Übernahme), die Secop, sei eigentlich komplett wertlos und könne nicht verkauft werden. Darüber hinaus weise Aurelius direkt nach der Übernahme neuer Beteiligungen deren Wert viel zu hoch aus und definiere Erträge aus sog. Bargain Purchases als ausschüttungsfähige Gewinne. Die in den letzten Jahren ausgekehrten hohen Dividenden wären somit ungerechtfertigt gewesen, da sie nicht verdient worden wären.

Aurelius kann gleich mehrfach punkten
Nun, heute kann Aurelius einige dieser Punkte widerlegen. Denn man verkündet den Verkauf der Tochter Secop an die japanische Nidec-Gruppe. Dabei handelt es sich um den größten Exit der Aurelius-Firmengeschichte und Aurelius erreicht damit nach sieben Jahren etwa das Elffache des eingesetzten Kapitals. Der Verkaufspreis liegt bei 185 Mio. Euro und ist meilenweit entfernt von "Wertlos-Ansatz" von Gotham.

Der Exit ist ein großer Erfolg für Aurelius. Allerdings liegen die 185 Mio. Euro auch deutlich unterhalb des NAV-Ansatzes, den Aurelius für die Secop noch vor einiger Zeit ausgewiesen hatte. Damals war man von einem Wert von rund 255 Mio. Euro ausgegangen. Die doch hohe Differenz dürfte einerseits an einem zu hohen Wertansatz gelegen haben, denn Aurelius hatte schon geraume zeit versucht, einen passenden Käufer für Secop zu finden. Auf der anderen Seite dürfte auch die Short-Attacke, insbesondere die Behauptung, die Secop wäre wertlos, den Kaufpreis zusätzlich gedrückt haben. Insofern hat Gotham hier die Aurelius-Aktionäre mit seinen Behauptungen massiv geschädigt, unabhängig vom Absturz des Aurelius-Aktienkurses.

Verdopplung der Dividende
Aus dem Secop-Verkauf wird Aurelius einen rund 100 Mio. Euro schweren Ergebniseffekt realisieren, so dass man die Dividendenausschüttung nun glatt verdoppeln will. Anstelle der bisher vorgeschlagenen Dividende von 2 Euro (1 Euro Basisdividende zzgl. 1 Euro Partizipationsdividende) sollen es nun insgesamt 4 Euro je Aktie werden, indem die Parizipationsdividende von 1 Euro auf 3 Euro verdreifacht wird. Auf Basis des gestrigen Aurelius-Schlusskurses käme dies fast einer Dividendenrendite von 10% gleich!

Aktienrückkaufprogramm startet
Darüber hinaus wird Aurelius das bereits angekündigte Aktienrückkaufprogramm starten und im Zeitraum vom 27. April 2017 bis zum 20. Juni 2017 täglich bis zu 21.000 und insgesamt bis zu 693.000 eigene Aktien der Gesellschaft zurückzukaufen. Das Gesamtvolumen des beschlossenen Aktienrückkaufprogramms beläuft sich auf insgesamt bis zu 50 Mio. Euro (ohne Erwerbsnebenkosten).

Quiet-Periode beendet
Und dann gab es noch die immer wieder geäußerte Frage, weshalb denn Aurelius und/oder Insider aus Management und Aufsichtsrat keine Aurelius-Aktien kaufen würden auf dem nun viel niedrigeren Niveau. Auch dazu gab es heute eine Antwort von Aurelius: man habe den möglichen Abschluss des Secop-Verkaufs nicht gefährden wollen und daher entsprechend der Marktmissbrauchsverordnung (MAR) dem Handelsverbot für Insider, also insbesondere auch für die Organe der Gesellschaft, Rechnung getragen. Mit der heutigen Veröffentlichung sei dieses Handelsverbot beendet. Und wie Dr. Markus vor einigen Tagen bereits erklärt hatte, ist er durchaus an Zukäufen von Aurelius-Aktien interessiert. Hier werden wir ihn nun in nächster Zeit an seinen Handlungen messen können.

 Aurelius (Quelle: finanzen.net
Meine Einschätzung
Aurelius war mächtig unter Druck, die Anschuldigungen von Gotham wiegen schwer. Man hat mit zwei umfangreichen Stellungnahmen seitens der Gesellschaft schon viele Punkte entkräften oder zumindest erklären können, aber zentrale Punkte bleiben als offene Flanken übrig. Mit der heutigen Verkaufsmeldung zu Secop bricht der zentrale Punkt von Gothams Anschuldigungen zusammen, nämlich dass Aurelius die Beteiligungen ausblute und sie am Ende nicht (mehr) werthaltig seien. Insbesondere Secop hatte Gotham als Paradebeispiel für das verfehlte Aurelius-Geschäftsmodell angeführt und wurde heute vollumfänglich widerlegt. Auch wenn der Verkaufspreis letztlich deutlich unter den ursprünglichen Erwartungen von Aurelius lag, so war es doch der größte Erfolg der Unternehmensgeschichte. Und so dürften die großen Zweifel, ob Aurelius wirklich Werte schaffen würde für seine Aktionäre, weitgehend ausgeräumt sein.

Short-Squeeze ante portas?
Mit entsprechenden negativen Folgen für die Leerverkäufer, denn die haben in den letzten Tagen und Wochen ihre Positionen bei Kursen knapp über 40 aufgebaut und sehen nun ihre Felle davon schwimmen. Sie müssen die Aktien ja über die Börse zurückkaufen, weil sie nur für eine bestimmte zeit geliehen sind. Und bei höheren Aktienkursen wird dies für die Leerverkäufer entsprechend teuer. Und so kann es nun zu einem sog. "Short-Squeeze" kommen, weil die Leerverkäufer jetzt so schnell wie möglich und um jeden Preis Eindeckungen vornehmen müssen, um ihre absehbaren Verluste zu begrenzen.

Was nicht aus der Welt ist, ist der enorme Vertrauensschaden, den Gotham angerichtet hat. Hierunter wird Aurelius noch lange leiden. Der Nimbus des stets erfolgreichen Sanierers hat mächtig gelitten und dürfte künftig für Aurelius die Geschäfte schwerer machen. Dazu hat allerdings auch beigetragen, dass Aurelius und insbesondere CEO Dr. Dirk Markus überwiegend unglücklich auf die Short-Attacke reagiert haben. Bei allem Verständnis für die enorme Stresssituation, in der sich alle beteiligten befanden, hätte Aurelius hier umsichtiger und transparenter agieren können. Und noch immer sind nicht alle Fragen beantwortet, insbesondere zu den aktuellen Eigentumsverhältnissen bzw. Anteilsgrößen der (ehemaligen?) Großaktionäre. Andererseits muss man allerdings auch sagen, dass diese nicht verpflichtet sind, diese Auskünfte zu geben, Interesse der Öffentlichkeit hin oder her. In einer solchen Krisensituation knackst dieses Um-den-heißen-Brei-Reden das ohnehin lädierte Vertrauen zusätzlich an.

Darüber hinaus lernen wir aus dieser Short-Attacke, dass die aggressive Bilanzierungsweise von Aurelius einige Risiken beinhaltet. Man weist die Sanierungserfolge bereits sofort nach dem Kauf aus, ohne dass sie sich schon konkretisiert haben. Und schüttet sie teilweise als Dividenden an die Aktionäre aus. Stellen sich die Sanierungserfolge am Ende dann aber nicht oder nur vermindert ein, muss eine Korrektur erfolgen, die künftige Ergebnisse belastet. Man arbeitet hier mit "Borrowed Time", mit geliehener Zeit. Was in einem guten wirtschaftlichen Umfeld und stabilen bis steigenden Börsennotierungen hervorragend funktioniert. In einem deutlichen Wirtschafts- und/oder Börsenabschwung hingegen, kann dieser Schuss voll nach hinten losgehen.

Daher muss man, auch ich, diese Art der Geschäftspolitik deutlich kritischer sehen, als dies bis vor kurzem noch der Fall war. Insofern hat die Short-Attacke von Gotham durchaus einen positiven Lerneffekt ausgelöst, jedenfalls bei mir. Das Chance-Risiko-Verhältnis bei Aurelius hat sich deutlich verschlechtert. Die Risiken sind höher, als ich früher angenommen habe. Und die Chancen sind geringer ebenfalls niedriger als zuvor. Das liegt allerdings an dem ramponierten Image von Aurelius. Und zumindest diesen zweiten Punkt wird Aurelius mit der Zeit wieder ausbügeln können. Das erhöhte Risiko bleibt jedoch bestehen.

Aus diesem Grund habe ich den heutigen zweistelligen Kurssprung dazu genutzt, meine Aurelius-Position bei knapp 48 Euro deutlich zu reduzieren. Aurelius ist der erwartete Befreiungsschlag gelungen und es bestehen gute Aussichten, dass das Unternehmen künftig wieder an alte Erfolge anknüpfen können wird. Insbesondere die HOE-Übernahme dürfte hier in Zukunft einiges zu bieten haben. Dennoch ist Aurelius für mich bei knapp unter 50 Euro nur noch eine Halteposition. Aurelius wird mit den nächsten Transaktionen belegen müssen, dass es die Short-Attacke weggesteckt hat und wieder erfolgreich operativ agieren kann. Und das Unternehmen muss neues Vertrauen aufbauen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies gelingen kann und dass Aurelius alles daran setzen wird, hierbei erfolgreich zu sein.

Aurelius befindet sich auf meiner Empfehlungsliste und in meinem Depot.


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ERGÄNZUNG VOM 25.04.2017, 11:51

▸ Insider kaufen für mehr als 10 Mio. Euro Aurelius-Aktien

Wo ich noch schreibe, die Aurelius-Insider sollten nun durch Taten ihre Aktienkaufankündigungen bestätigen, trudelt bereits die erste Meldung herein. Die Lotus AG, die Investmentgesellschaft von CEO Dr. Dirk Markus, hat heute zu einem Durchschnittskurs von 47,45 Euro 121.000 Aktien gekauft, was einem Gesamtvolumen von 5.741.450 Euro entspricht.

Und auch Vorstand Dr. Gert Purkert hat über seine Tiven GmbH 90.000 Aktien zu einem Durchschnittskurs von 47,45 Euro erworben, also für insgesamt für 4.270.500 Euro.

Mal sehen, ob es bei diesem einen Rückkauf bleibt, oder ob nicht noch mehr folgen in den nächsten Tagen.

Montag, 24. April 2017

Baruchs Börsenwissen: Die Bären machen Schlagzeilen, die Bullen machen Geld

Psychologie bestimmt die Aktienkurse mindestens genauso stark wie die Faktenlage. Und die menschliche Natur neigt dazu, Negatives deutlich stärker zu gewichten, als Positives. Das liegt in unseren Genen, die auf Überleben getrimmt sind - Gefahr lässt den Körper Adrenalin ausschütten und aktiviert unseren Fluchtreflex. Diese Reflexe sind es, die unserer Spezies das Überleben gesichert haben. Doch in unserer modernen Welt benötigen wir diese Überlebenstechniken immer seltener. Und in manchen Bereichen stehen sie unserem Erfolg sogar im Weg. So auch beim Investieren.

Wenn die Aktienkurse steigen, will jeder dabei sein und die Kursgewinne mitnehmen. Und wenn die Börse abwärts rauscht, will jeder aussteigen, möglichst schnell und zu jedem Preis. Was psychologisch nachvollziehbar ist ("Behavioral Finance"), ist dann allerdings auch der Grund, weshalb Anleger nicht besser, sondern überwiegend schlechter abschneiden als der Gesamtmarkt. Sie folgen der Herde und können daher nicht besser sein. In der Wahrnehmung konzentrieren sich immer mehr Anleger auf die gleichen Risiken und Themen und überhöhen somit ihre Bedeutung (sog. "Attention Bias") - mit entsprechend starken Auswirkungen auf die Aktienkurse. Dabei neigen wir Menschen dazu, Negatives deutlich intensiver wahrzunehmen, als positive Erlebnisse. Auch negative Nachrichten geben wird wesentlich häufiger weiter als positive. Dass wir also Verluste viel stärker empfinden als Gewinne, nennt man "Dispositionseffekt".

Diese Erkenntnis führt uns zurück zu Bullen und Bären. Die Meldung "XYZ AG erfüllt die Prognosen" nehmen wir schnell als normal hin und daher zuckt der Aktienkurs eher wenig bis gar nicht, während die Schlagzeile "123 AG verfehlt die Prognosen" regelmäßig zu Kursabstürzen führt. "Gefahr" schreit unser Gehirn und unsere genetisch vorprogrammierte Handlungsweise ist Flucht. An der Börse wird der Fluchtinstinkt umgesetzt in sofortigen Verkaufsorders. Und natürlich wird nicht erst einmal die Nachricht analysiert und die daraus zu ziehenden Schlüsse gegeneinander abgewogen. Nein, es wird sofort gehandelt, sofort verkauft. Sofortige Flucht sichert das Überleben, nur der erste Verkäufer erzielt den beten Kurs, die anderen sollen/müssen dann mit dem Kursabsturz leben.

Und wenn man so zurückdenkt, scheint diese Handlungsweise sogar vernünftig, denn jeder von uns wird sich an spektakuläre Kurseinbrüche erinnern, bei denen es sinnvoll(er) war, sofort zu verkaufen. Die bleiben im Gehirn haften, während die vielen male, wo sich der Kurseinbruch schon nach kurzer Zeit relativiert hat und der Kurs im Anschluss wieder auf dem vorherigen Niveau oder sogar darüber notierte, gar nicht mehr in unserer Erinnerung verhaftet sind. Auch dieses Erinnerungsschema fußt auf Attention Bias und Dispositionseffekt.

Da dies so ist, schenken wir Crash-Propheten viel mehr Beachtung als jenen, die uns suggerieren, alles wäre gut oder würde sich positiv entwickeln. Die Untergangs-Apologeten nähren unsere Angst und daher überhöhen wir ihre Bedeutung. Wir nehmen ihre Warnungen viel ernster, als es angemessen und ratsam wäre. Gerade an der Börse. Und das hat zwei wesentliche Gründe. Zunächst sind Aktien keine Lottoscheine, auch wenn sie von vielen Anlegern als solche missbraucht werden. Aktien sind Anteile an Unternehmen und diese Unternehmen haben ein Management, das sich und das Unternehmen auf die Unbillen einstellt. Steigen die Zinsen, bricht der Ölpreis ein, gibt es einen Regierungswechsel, dann stellt das Management das Unternehmen auf die neue Situation ein. Nicht der Anleger muss dies tun, indem er die Aktien des Unternehmens verkauft und später wieder zurückkauft.

Und der zweite Grund liegt in der Geschichte und dem Wissen, das wir daraus ziehen können. Denn schaut man sich die langfristige Entwicklung der Aktienkurse an, ist es völlig egal, wann man gekauft hat. Und es ist auch unerheblich, welche kurzfristigen geopolitischen oder gesellschaftlichen Katastrophen passierten - die Aktienkurse sind langfristig einfach weiter gestiegen. Und zwar schon über Jahrhunderte. Hinzu kommt noch, dass die Phasen steigender Aktienkurse deutlich länger anhalten als die Phasen mit fallenden Kursen. Ein Bärenmarkt (Baisse) dauert an der Wall Street im Mittel knapp 16 Monate., während ein Bullenmarkt (Hausse) hingegen im breit angelegten Aktienindex S&P 500 im Schnitt 54 Monate anhält. Aktienkurse befinden sich also mehr als drei Mal länger im Hausse- statt im Baissemodus. Und während die durchschnittliche Hausse dem Anleger einen Gewinn von 180 Prozent einträgt, muss er in Baissen regelmäßig Verluste von etwa 35 Prozent verkraften.

Das bringt uns zu Börsenlegende Bernard Baruch und seiner weisen Erkenntnis zurück. Bullen können es sich leisten, negative Schlagzeilen zu ignorieren und einfach an ihren sorgfältig ausgewählten Aktieninvestments festhalten. Auf lange Sicht fahren sie damit keine Verluste, sondern satte Gewinne ein. Zumal sie auch in Kursabschwungphasen noch die Dividenden kassieren.

Bären hingegen müssen stets wachsam sein und versuchen abzupassen, wann der Bärenmarkt zu Ende ist. Da sie entweder auf fallende Kurse setzen, also mit Puts, oder aber ihr Geld auf dem Tagesgeldkonto - zinslos - vor sich hinschimmeln lassen, erzielen sie ansonsten keine Rendite oder fahren sogar Verluste ein.

»Die Bären machen Schlagzeilen, die Bullen machen Geld.«
(Bernard Baruch)

Wer also stets auf die Crash-Propheten hört, ist nur selten in den lang anhaltenden Kursaufschwungphasen investiert und verpasst die Rallye. Und war er nicht investiert, bleibt ihm bei den wenigen wirklichen Kurseinbrühen dann auch nur ein "ich hab's ja gewusst". Denn wir Menschen neigen eben auch dazu, bei Kurseinbrüchen eben keine Aktien zu kaufen, sondern  aus lauter Angst, es könne noch weiter abwärts gehen, die Kaufgelegenheiten verstreichen zu lassen. Also selbst wenn die Bären mal kurzfristig recht hatten, nutzen sie die sich ihnen daraus bietenden Chancen nicht oder kaum.

Daher sollte man nicht auf die Bären hören, sondern langfristig investieren und auf ausgesuchte Qualitätsaktien setzen. Die überstehen nämlich auch die Baisse. Und um die Kurseinbrüche dennoch nutzen zu können, behält der clevere Investor immer ein gut gefülltes Cash-Polster zurück, um dann zugreifen zu können, wenn sich die besten Gelegenheit bieten.

Börsenweisheit der Woche 17/2017

"Wenn die richtige Aktie gefunden ist, dann ist es nie zu früh und nie zu spät, sie zu kaufen".
(Peter Lynch)

Samstag, 22. April 2017

Warum ich mich öfter mal bremsen muss. Und wie...

Es gibt viele Börsenweisheiten und Bonmots berühmter Investoren und doch stelle ich leider viel zu häufig im Nachhinein fest, dass ich eine ganz entscheidende mal wieder nicht beherzigt habe: cool bleiben. Das ist ärgerlich und nicht selten kostet mich das Geld, weil ich entweder total auf's falsche Pferd gesetzt habe, oder mich mit einem Investment einfach nicht wohl fühle. Und es deshalb verkaufe, mit den entsprechenden Folgen wie Gebühren und Spesen und, im besseren Fall, mit Steuern auf den Gewinn.

Grundsätzlich sollte man langfristig investieren und nicht schnell kaufen und verkaufen. Denn dieses schnelle Hin- und Her ist einer der meist begangenen Anfängerfehler und einer, den man sich noch am einfachsten sparen kann. Man muss schlicht bei der Auswahl seiner Investments behutsamer vorgehen, sich selbst ein wenig bremsen. Mehr braucht es nicht.

»Hat man eine schlaflose Nacht wegen eines Börsenengagements, soll man es sofort auflösen.«
(André Kostolany)

Wenn ich eine Aktie analysiert habe, mir also die Geschäftsberichte der letzten Jahre angesehen und die Bewertung überprüft habe, dann steht am Ende der Mühen oft die Kaufentscheidung. Denn naheliegenderweise treffe ich bereits eine Vorauswahl und suche nach Unternehmen, die in einem Geschäftsfeld tätig sind, das ich verstehe und bei denen ein erster Blick auf die Kennzahlen, wie KGV, Cashflow oder Dividendenrendite eine tiefer gehende Analyse lohnenswert erscheinen lassen.

Natürlich ist es falsch, sich mit dem Kauf einer Aktie für die Mühen des Analysierens dieses Unternehmens zu belohnen. Selbstverständlich sollte man nur dann eine Aktie erwerben, wenn am Ende der Analyse auch objektiv alles für einen Kauf spricht. Und nicht nur ein bisschen oder eben subjektiv, weil man vielleicht schon von vornherein voreingenommen war. Immerhin hat man sich ja eine viel versprechende Aktie ausgesucht und dann viel Zeit und Mühe in die Analyse gesteckt.

Und trotzdem... zu oft entscheide ich mich noch immer subjektiv für ein Investment. Mit der Folge, dass ich mich dann irgendwann nicht mehr richtig wohl damit fühle. Und dann konsequenterweise wieder aussteige. Unter dem Strich, ob es nun ein Gewinn- oder ein Verlustgeschäft war, hätte ich mir sowohl den Ankauf als auch den Verkauf sparen sollen! Gefreut hat sich in jedem Fall mein Broker, der hat zweimal kassiert, ob ich nun Geld mit dem Deal verdient oder verloren habe.

»Ich versuche nie, mit Aktien Geld zu verdienen. Ich kaufe in der Überzeugung, dass die Börse am nächsten Tag auch für fünf Jahre schließen könnte.«
(Warren Buffett)

Weil ich mir also bezüglich meiner eigenen Entscheidungen nicht wirklich über den Weg trauen kann, habe ich mir angewöhnt, mir am Ende des Analyseprozesses, also quasi direkt vor dem Absenden der Kauforder, noch einmal die entscheidende Frage zu stellen: "Will ich diese Aktie fünf Jahre lang behalten? Will ich fünf Jahre lang Miteigentümer dieses Unternehmens sein, Partner dieser Leute?"

Es klingt profan, aber das ist es nicht. Denn durch das bewusste Beschäftigen mit dieser Frage schaffe ich mir einen Kontrapunkt zu dem Wunsch, endlich meine Überlegungen an der Börse auszuprobieren. Denn hier kommt mein Spielnaturell durch, der Wunsch nach "Action", nach Aktivität, dieses Gefühl, das einen Spekulanten von einem Investor unterscheidet - und das mir immer wieder mal Stöcke zwischen die Beine wirft.

»Ich würde Spekulation als Handel definieren, der sich sehr auf die Kursausschläge einer Aktie konzentriert, weil man zum Beispiel denkt, dass die Quartalszahlen sehr gut ausfallen werden oder es einen Aktiensplit geben wird oder die Dividende steigt. Aber man schaut sich nicht die Anlage und die dahinterstehende Bilanz selbst an.«
(Warren Buffett)

Ich überlege also, ob die Bewertung und die guten Geschäftsaussichten des Unternehmens ausreichen, dass ich denen für fünf Jahre mein Geld überlassen und mich dann um dieses Investment nicht mehr kümmern würde. Gerade so, wie Buffett es beschreibt: als wenn die Börse fünf Jahre schließen würde. Und dieser Gedanke bringt mich zwangsläufig zu einem Aspekt, der ganz wichtig ist, aber eben auch schwierig zu beurteilen - und der daher zu oft hinten runter fällt: das Management.

»Good business, good management, good price.«
(Warren Buffett)

Buffett legt extrem großen Wert auf das Management, seinen Charakter, seine Fähigkeiten. Nur wenn er überzeugt ist, dass diese Leute ehrlich sind und fähig, nur dann vertraut er ihnen sein Geld an. Und diese Überlegung sollte auch für einen normalen Investor, der langfristig Investieren will, eine ganze entscheidende sein. Glaube ich, dass das Management dieses Unternehmen durch Krisen steuern kann, dass es sich anzupassen versteht, die Herausforderungen angeht und trotzdem bodenständig genug ist, im Sinn des Unternehmens zu handeln, nicht (nur) im eigenen? Möchte ich Geschäftspartner von diesen Leuten sein?

Wenn ich diese Fragen nicht oder nicht mit "Ja" beantworten kann, dann sollte ich nicht, nein, dann darf ich nicht in dieses Unternehmen investieren! Obwohl es sich vielleicht finanziell auszahlen würde, das kann durchaus sein. Aber für mich ist es nicht das richtige Investment, denn ich werde mir über kurz oder lang die Frage stellen, ob ich mich damit wohl fühle. Ob ich glaube, dass das Problem X für das Unternehmen eine Gefahr darstellt oder die Entwicklung Y negative Auswirkungen haben könnte. Spätestens an dieser Stelle muss ich die Frage beantworten können, ob das Management gut genug und fähig genug ist, diese neuen Herausforderungen anzugehen, um das Unternehmen durch diese Untiefen zu steuern. Und weil ich diese Frage ja irgendwann ohnehin beantworten muss, stelle ich sie mir jetzt gleich am Anfang. Eigentlich sogar kurz vor dem Anfang, bevor ich die Aktien überhaupt kaufe.

Selbstverständlich kann auch ein fähiges Management Fehlentscheidungen treffen und das Unternehmen in eine Schieflage bringen. Auch das ist ja ein Grund, weshalb man nicht alles nur auf eine Karte setzen sollte. Und weshalb man sich ein solides Unternehmen aussuchen sollte mit einem fähigen Management und einer attraktiven Bewertung.

Ein nicht zu unterschätzendes Element bei der Auswahl eines guten Managements kann der Eigennutz sein. Wenn also das Management einen größeren Anteil an dem Unternehmen besitzt, dann hat es eine ganz andere Motivation in Bezug auf dessen nachhaltige Entwicklung, als wenn das Management nur auf die Erfüllung des Vorstandsvertrages und die darin genannten Tantieme-Ziele aus ist. Wer Eigentümer der Gesellschaft ist, der verzichtet eher mal auf eine Chance mit zu großen Risiko, und setzt eher auch auf die langfristigen Entwicklungen, anstatt sich auf kurzfristige Erfolge zu fokussieren.

Ein Erich Sixt, ein Günther Fielmann, ein Warren Buffett oder ein Starbucks Howard Schultz profitieren eben nicht nur von ihrem Vorstandsgehalt, sondern vor allem durch die Erhöhung des Unternehmenswertes ihres eigenen Unternehmens. Und das sind Geschäftspartner, bei denen man gerne mit an Bord sein möchte. Weil man darauf vertrauen kann, dass sie das Unternehmen auch in den nächsten fünf Jahren pfleglich behandeln und weiter entwickeln werden. Ist dann das Unternehmen selbst zu einem attraktiven Preis zu erwerben, dann schlage ich zu . Und nur (noch) dann!

Freitag, 21. April 2017

Empfehlungsliste

Performance seit Erstempfehlung inkl. Brutto-Dividenden. Das regelmäßige Update erfolgt jeweils zum Wochenende.














»Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.«, riet Immanuel Kant.
Also, denkt selbst! Diese Liste ist eine Anregung, mehr nicht. Sie dient dazu, dass Ihr Euch Eure eigenen Gedanken zu den Unternehmen macht, Euren eigenen Investment-Case erarbeitet. Dazu könnt Ihr gerne auf meine Einschätzungen zurückgreifen und gerne können wir über die einzelnen Positionen und das (Value) Investing diskutieren. Denn das ist der Grund, weshalb ich dieses Blog betreibe: ich möchte mit Euch ins Gespräch kommen, von Euch lernen. Ich möchte ein besserer Investor werden.


Historie der Transaktionen auf meiner Empfehlungsliste
Auf der ▸Transaktionsliste finden Sie alle Aufnahmen und Streichungen auf meiner Empfehlungsliste seit Start des Blogs.


Investor-Update
Die Empfehlungsliste ist nicht zwangsläufig identisch mit meinem Investment-Portfolio, auch wenn  sie viele Überschneidungen aufweist. Im Investor-Update beschreibe ich daher in unregelmäßigen Abständen, wie die Entwicklungen bei den einzelnen Unternehmen sich in meinem Depot als Käufe, Verkäufe oder Umschichtungen niedergeschlagen haben.


RECHTLICHER HINWEIS NACH WPHG
Viele der in meinem Blog erwähnten Werte halte oder handle ich regelmäßig. Die in diesem Blog enthaltenen Beiträge sind meine persönliche Meinung und stellen weder eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar, noch sind sie als Beratungsleistung zu werten. Ich übernehme trotz aller Sorgfalt keine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Informationen; sie beruhen auf Quellen, die ich für vertrauenswürdig und zuverlässig halte.

Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass der Handel mit Aktien, Optionsscheinen, Zertifikaten, Optionen und anderen Finanzprodukten mit grundsätzlichen Risiken verbunden ist und zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen kann. Gewinne der Vergangenheit können zukünftige Ergebnisse nicht garantieren.

Für Investitionen, die aufgrund meiner Aussagen getätigt werden, übernehme ich keinerlei Verantwortung. Jeder Anleger handelt auf eigenes Risiko und sollte sich von einem Bank unabhängigen Experten beraten lassen, inwieweit die vorgestellten Wertpapiere zu seinem persönlichen Risikoprofil passen.

Wahre Stärke: Hypoport erzielt 17 Prozent Wachstum in stagnierendem Gesamtmarkt

Das FinTech-Unternehmen Hypoport hat heute Zahlen zum Transaktionsvolumen im ersten Quartal 2017 gemeldet und kann deutlich zweistellig zulegen. Das ist umso bemerkenswerter, als dass laut der Deutschen Bundesbank der Gesamtmarkt für Immobilienfinanzierungen im Januar und Februar 2017 in Summe auf Vorjahresniveau stagnierte.

Dabei erzielte die Sparte Europace über alle Produktbereiche hinweg im ersten Quartal 2017 ein Transaktionsvolumen von 12,2 Mrd. Euro und damit gegenüber dem ersten Quartal des Vorjahres ein Wachstum von 17% (Q1/2016: 10,4 Mrd. Euro).

Europace wird insbesondere von den vielen Sparkassen und Volksbanken immer stärker angenommen, die sich so gegen ihre hohen Kostenstrukturen aufgrund des noch immer ausgeprägten Filialnetzes stemmen. So weitete die Sparkassenorganisation ihr Transaktionsvolumen auf 1,2 Mrd. Euro (Q1/2016: 0,7 Mrd. Euro) und 61% aus und die genossenschaftlichen Finanzgruppe der Volks- und Raiffeisenbanken ihren Anteil um 27% auf 0,9 Mrd. Euro aus (Q1/2016: 0,7 Mrd. Euro).

Die digitalisierte Beratung in der privaten Immobilienfinanzierung durch die Ausstattung der eigenen Berater mit Europace-Technologie  bietet enorme Effizienzgewinne, die durchaus zu einer Verdoppelung des abgeschlossenen Kreditvolumens bei gleicher Berateranzahl führen kann.

 Hypoport (Quelle: finanzen.net
Meine Einschätzung
Der enorme Kostendruck für die Banken, insbesondere auch kleinere Institute, wird anhalten. Filialschließungen bleiben an der Tagesordnung, kommen bei den betroffenen Kunden natürlich nicht gut an. Vor allem die Älteren leiden darunter. Kostenmindernd wirken sich für die Kreditinstitute aber eben auch die von Hypoport angebotenen digitalen Immobilienfinanzierungen aus, so dass hier auch in den nächsten Jahren mit weiter deutlich steigenden Partnern und Transaktionsvolumina zu rechnen ist. Da die Zinsmarge der Banken immer weiter dahin schmilzt, ist dieser Trend kaum umkehrbar, sondern wird sich weiter beschleunigen und somit auch in einem stagnierendem Finanzierungsumfeld zu weiterem deutlichem Wachstum bei Hypoport führen.

Große Hoffnung verbindet sich mit Europace im Bereich der Versicherungen; hier könnte ein ähnlicher Verlauf bevorstehen, wie vor drei Jahren im Bankensektor. Und das dürfte den Aktienkurs von Hypoport noch einmal so richtig Feuer geben und deutlich in den dreistelligen Bereich hieven.

Hypoport ist und bleibt als wachstumsstarkes und profitables FinTech-Unternehmen einer der größten Profiteure der Digitalisierung im Finanzwesen und sollte daher in keinem langfristig ausgerichteten Depot fehlen. Hypoport befindet sich auf meiner Empfehlungsliste und ebenfalls in meinem Depot.

Donnerstag, 20. April 2017

Berentzen: Knackiger Spaß gibt Gas

▸ Kissigs Kolumne vom 20.03.2017, Aktien Magazin 07/2017 

Der Spirituosenhersteller Berentzen war früher in aller Mund und das im wahrsten Sinne des Wortes. Zu den bekanntesten Marken im Sortiment gehören Pushkin, Bommerlunder, Doornkaat, Hansen, Springer Urvater, Echt Stonsdorfer. Von Linie Aquavit und Licor 43 hat man sich inzwischen getrennt. Doch die kleinen Liköre und die Kornverschnitte gerieten seit Ende der 1980er Jahre zunehmend ins Aus und der Absatz ging immer mehr zurück. Daher positionierte man sich mit zweitem Standbein als Lizenz-Abfüller für andere Hersteller, insbesondere Pepsi.

Zum unternehmerischen Niedergang gesellte sich dann noch eine zerstrittene Eigentümerfamilie hinzu, die jahrelang kein Umsteuern zuließ so dass das Traditionsunternehmen vor sich hin siechte. Bis dann 2008 schließlich der Finanzinvestor Aurelius die Anteile der Alteigentümer übernahm und für klare Verhältnisse sorgte. Es war Rettung in letzter Sekunde, könnte man sagen. 

Steiniger Sanierungsweg
Es folgte ein dornenreicher Weg für Berentzen, um sich gesund zu schrumpfen und mit neuer Strategie wieder erfolgreich und profitabel zu werden. Und nicht immer sah es danach aus, als wenn dieser Umschwung gelingen würde. Denn es gab zahlreiche Rückschläge in einem hart umkämpften Markt moderaten Wachstumsraten und -aussichten.

Einer dieser harten Tiefschläge war die Entscheidung von Pepsi, sich von Berentzen als Abfüller zu verabschieden. Auch wenn man sich im Guten trennte, warf dieser Schritt doch wieder die Zweifel hinsichtlich der Überlebensfähigkeit von Berentzen auf. Immer saftiger Noch immer hat man den Apfelkorn im Angebot, für den Berentzen mal so berühmt war, und ich trinke den ab und zu mal ganz gerne. Und ich kann nur hoffen, dass meine Freundin das hier nicht liest, sonst verspottet sie mich wieder für meinen "fiesen Geschmack". Neben alten, angestaubten Dauerläufern hat es Berentzen in den letzten Jahren allerdings verstanden, auch frische Marken ins Portfolio aufzunehmen und die eine oder andere jünger und hipper zu positionieren.

Die Musik spielt bei Berentzen inzwischen allerdings in einem anderen Bereich und man setzt verstärkt auf nicht-alkoholische und Wellnessgetränke unter eigenen Markennamen. So verkauft man über die Vivaris Getränke GmbH & Co. KG alkoholfreie Getränke wie Emsland Sonne oder Bio-Sonne sowie abgefülltes Mineralwasser der Marken Emsland, Grüneberg und Sankt Ansgari.

Darüber hinaus gelang es dem Vorstand unter CEO Frank Schübel die Konzession für die Marke Sinalco zu gewinnen und nachdem man auch bei den Gastronomie-Partnern von Berentzen die Systeme umgestellt hatte, fließen inzwischen deren Getränke aus den Röhren anstelle derer von Pepsi. Letztlich konnte Berentzen mit diesen Schritten das Kerngeschäft stabilisieren und befindet sich inzwischen sogar wieder auf Wachstumskurs. Man schaut sich sogar nach interessanten Übernahmezielen um und für diesen Zweck hatte man vor einigen Jahren eigens eine Mittelstandsanleihe begeben. Doch es fanden sich keine geeigneten Ziele, jedenfalls nicht zu einem auch für Berentzen attraktiven Preis.

Neue Ausrichtung trägt Früchte
Dafür wurde man in einem anderen Bereich fündig. Denn mindestens ebenso wichtig wie die Neuausrichtung des Kerngeschäfts, aber deutlich zukunftsweisender, war die Übernahme der österreichischen TMP Technic-Marketing-Products GmbH im Jahr 2014 für rund 15,5 Millionen Euro. Hiermit hat sich der Konzern ein weiteres wachstumsstarkes Standbein als etablierter Systemanbieter für frischgepressten Orangensaft aufgebaut, den man unter dem Namen Citrocasa vertreibt. Dabei liefert Berentzen den Kunden, die überwiegend aus der Gastronomie kommen, nicht nur die Maschine, sondern auch die Orangen und die entsprechenden Abfüllflaschen. Diese Fruchtsaftpressen kosten zwischen 3.000 und 10.000 Euro und im letzten Jahr sollen schon mehr als 2.500 Einheiten verkauft worden sein. Für Berentzen liegt in dieser Sparte ein wesentlicher Schlüssel für den künftigen Unternehmenserfolg.

Macher des Erfolgs gehen von Bord
Die erfolgreiche Sanierung und Neuausrichtung ging auch am Aktienkurs nicht spurlos vorüber, der sich die letzten Jahre prächtig entwickelt hat. Großaktionär Aurelius nutzte die Gunst der Stunde und veräußerte in mehreren Tranchen sein Aktienpaket vollständig. Bei institutionellen Investoren fanden sich auch Interessenten, so dass die niederländische Monolith mit etwas mehr als 10 Prozent nun neuer Ankerinvestor ist. Daneben übernahmen die MainFirst Bank, Otus Capital, Lazard Frères, die Deutsche Asset Management und Lupus Alpha größere Pakete. Den Rest der Anteile verkaufte Aurelius schließlich über die Börse.

Neben Aurelius geht mit CEO Frank Schübel ein weiterer Vater des Erfolgs, denn Schübel hatte kürzlich dem Aufsichtsrat mitgeteilt, seinen in diesem Jahr auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Das sorgte für Verunsicherung bei den Anlegern, doch Schübel betont, es seien rein persönliche Gründe, die seiner Entscheidung zugrunde lägen. Er könne sich gut vorstellen, künftig im Aufsichtsrat dem Unternehmen weiterhin zur Verfügung zu stehen. Und dort werden zur nächsten Hauptversammlung mehrere Plätze frei, denn die bisherigen Aurelius-Vertreter haben zu diesem Termin bereits ihren Rückzug aus dem Gremium angekündigt.

Das Ganze ist also weniger das Verlassen des sinkenden Schiffs als vielmehr die geordnete Übergabe des Staffelstabs. Auch aus diesem Grund hat sich die Irritation beim Börsenkurs nach kurzer Bedenkzeit rasch gelegt und der Blick richtet sich nun wieder nach vorne.

Schlauer Finanzkniff
Und hier hellen sich die Perspektiven merklich auf. Nicht nur wegen der insgesamt positiven Aussichten im Spirituosen- und Limonadengeschäft oder den hervorragenden Wachstumsaussichten bei den Citrocasa-Saftpressen, sondern aus einem ganz profanen Grund: Geld. Genauer gesagt sinkende Finanzierungskosten.

Im Oktober 2017 wird die bereits erwähnte fünfjährige Unternehmensanleihe im Volumen von 50 Millionen Euro fällig und die ist mit 6,5 Prozent vergleichsweise teuer verzinst. Vor einigen Wochen konnte sich Berentzen nun seinen mittelfristigen Finanzierungsbedarf durch einen fünf Jahre laufenden Konsortialkredit mit einem Volumen von 25,5 Millionen Euro sichern. Aufgrund seiner guten Liquiditätssituation brauchte das Unternehmen allerdings nur etwa die Hälfte des ursprünglichen Anleihevolumens durch eine externe Refinanzierung abzudecken und tilgt die andere Hälfte aus vorhandenen Eigenmitteln.

Das Ganze hat nun einen erheblich positiven Effekt auf die Gewinn- und Verlustrechnung der nächsten Jahre. Denn durch die neue Finanzierung senkt Berentzen seine jährlichen Finanzierungskosten ab Oktober um mehr als 2 Millionen Euro, die sich damit gegenüber dem heutigen Stand mehr als halbieren.

Dies wird natürlich deutliche positive Auswirkungen haben auf Cashflow, Ertragslage und Eigenkapital mit einem jährlichen Effekt von annähernd 0,18 Euro beim Gewinn je Aktie. Zum Vergleich: 2015 hatte Berentzen am Jahresende insgesamt einen Gewinn von 0,23 Euro je Aktie ausgewiesen. Daher können die positiven Auswirkungen auf das Ergebnis gar nicht genug betont werden; sie werden vor allem ab dem Geschäftsjahr 2018 im Zahlenwerk richtig einschlagen, weil sie da erstmals ganzjährig für Entlastung sorgen.

Blick nach vorne, nicht zurück…
Die neuen Finanzspielräume lassen natürlich nicht nur höhere Aktienkurse erwarten, sondern bieten auch Spekulationen Raum, ob sich Berentzen nicht bei der Dividende großzügiger zeigen könnte als bisher. Zuletzt schüttete man 0,20 Euro je Aktie aus und für 2016 könnten es bereits 0,25 Euro sein. Dabei dürfte die Tendenz für die nächsten Jahre weiter deutlich nach Norden zeigen. Noch interessanter als die Dividendenrendite von knapp 2,7 Prozent ist dabei die Aussicht auf weiter steigende Ausschüttungen, also das Dividendenwachstum.

Berentzen dürfte sowohl für Anleger interessant sein, die auf ein solides Geschäftsmodell und entspannt steigende Aktienkurse setzen möchten, als auch für Dividendenjäger, die auf steigende Dividendenausschüttungen aus sind.