Donnerstag, 20. April 2017

Berentzen: Knackiger Spaß gibt Gas

▸ Kissigs Kolumne vom 20.03.2017, Aktien Magazin 07/2017 

Der Spirituosenhersteller Berentzen war früher in aller Mund und das im wahrsten Sinne des Wortes. Zu den bekanntesten Marken im Sortiment gehören Pushkin, Bommerlunder, Doornkaat, Hansen, Springer Urvater, Echt Stonsdorfer. Von Linie Aquavit und Licor 43 hat man sich inzwischen getrennt. Doch die kleinen Liköre und die Kornverschnitte gerieten seit Ende der 1980er Jahre zunehmend ins Aus und der Absatz ging immer mehr zurück. Daher positionierte man sich mit zweitem Standbein als Lizenz-Abfüller für andere Hersteller, insbesondere Pepsi.

Zum unternehmerischen Niedergang gesellte sich dann noch eine zerstrittene Eigentümerfamilie hinzu, die jahrelang kein Umsteuern zuließ so dass das Traditionsunternehmen vor sich hin siechte. Bis dann 2008 schließlich der Finanzinvestor Aurelius die Anteile der Alteigentümer übernahm und für klare Verhältnisse sorgte. Es war Rettung in letzter Sekunde, könnte man sagen. 

Steiniger Sanierungsweg
Es folgte ein dornenreicher Weg für Berentzen, um sich gesund zu schrumpfen und mit neuer Strategie wieder erfolgreich und profitabel zu werden. Und nicht immer sah es danach aus, als wenn dieser Umschwung gelingen würde. Denn es gab zahlreiche Rückschläge in einem hart umkämpften Markt moderaten Wachstumsraten und -aussichten.


Einer dieser harten Tiefschläge war die Entscheidung von Pepsi, sich von Berentzen als Abfüller zu verabschieden. Auch wenn man sich im Guten trennte, warf dieser Schritt doch wieder die Zweifel hinsichtlich der Überlebensfähigkeit von Berentzen auf. Immer saftiger Noch immer hat man den Apfelkorn im Angebot, für den Berentzen mal so berühmt war, und ich trinke den ab und zu mal ganz gerne. Und ich kann nur hoffen, dass meine Freundin das hier nicht liest, sonst verspottet sie mich wieder für meinen "fiesen Geschmack". Neben alten, angestaubten Dauerläufern hat es Berentzen in den letzten Jahren allerdings verstanden, auch frische Marken ins Portfolio aufzunehmen und die eine oder andere jünger und hipper zu positionieren.

Die Musik spielt bei Berentzen inzwischen allerdings in einem anderen Bereich und man setzt verstärkt auf nicht-alkoholische und Wellnessgetränke unter eigenen Markennamen. So verkauft man über die Vivaris Getränke GmbH & Co. KG alkoholfreie Getränke wie Emsland Sonne oder Bio-Sonne sowie abgefülltes Mineralwasser der Marken Emsland, Grüneberg und Sankt Ansgari.

Darüber hinaus gelang es dem Vorstand unter CEO Frank Schübel die Konzession für die Marke Sinalco zu gewinnen und nachdem man auch bei den Gastronomie-Partnern von Berentzen die Systeme umgestellt hatte, fließen inzwischen deren Getränke aus den Röhren anstelle derer von Pepsi. Letztlich konnte Berentzen mit diesen Schritten das Kerngeschäft stabilisieren und befindet sich inzwischen sogar wieder auf Wachstumskurs. Man schaut sich sogar nach interessanten Übernahmezielen um und für diesen Zweck hatte man vor einigen Jahren eigens eine Mittelstandsanleihe begeben. Doch es fanden sich keine geeigneten Ziele, jedenfalls nicht zu einem auch für Berentzen attraktiven Preis.

Neue Ausrichtung trägt Früchte
Dafür wurde man in einem anderen Bereich fündig. Denn mindestens ebenso wichtig wie die Neuausrichtung des Kerngeschäfts, aber deutlich zukunftsweisender, war die Übernahme der österreichischen TMP Technic-Marketing-Products GmbH im Jahr 2014 für rund 15,5 Millionen Euro. Hiermit hat sich der Konzern ein weiteres wachstumsstarkes Standbein als etablierter Systemanbieter für frischgepressten Orangensaft aufgebaut, den man unter dem Namen Citrocasa vertreibt. Dabei liefert Berentzen den Kunden, die überwiegend aus der Gastronomie kommen, nicht nur die Maschine, sondern auch die Orangen und die entsprechenden Abfüllflaschen. Diese Fruchtsaftpressen kosten zwischen 3.000 und 10.000 Euro und im letzten Jahr sollen schon mehr als 2.500 Einheiten verkauft worden sein. Für Berentzen liegt in dieser Sparte ein wesentlicher Schlüssel für den künftigen Unternehmenserfolg.

Macher des Erfolgs gehen von Bord
Die erfolgreiche Sanierung und Neuausrichtung ging auch am Aktienkurs nicht spurlos vorüber, der sich die letzten Jahre prächtig entwickelt hat. Großaktionär Aurelius nutzte die Gunst der Stunde und veräußerte in mehreren Tranchen sein Aktienpaket vollständig. Bei institutionellen Investoren fanden sich auch Interessenten, so dass die niederländische Monolith mit etwas mehr als 10 Prozent nun neuer Ankerinvestor ist. Daneben übernahmen die MainFirst Bank, Otus Capital, Lazard Frères, die Deutsche Asset Management und Lupus Alpha größere Pakete. Den Rest der Anteile verkaufte Aurelius schließlich über die Börse.

Neben Aurelius geht mit CEO Frank Schübel ein weiterer Vater des Erfolgs, denn Schübel hatte kürzlich dem Aufsichtsrat mitgeteilt, seinen in diesem Jahr auslaufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen. Das sorgte für Verunsicherung bei den Anlegern, doch Schübel betont, es seien rein persönliche Gründe, die seiner Entscheidung zugrunde lägen. Er könne sich gut vorstellen, künftig im Aufsichtsrat dem Unternehmen weiterhin zur Verfügung zu stehen. Und dort werden zur nächsten Hauptversammlung mehrere Plätze frei, denn die bisherigen Aurelius-Vertreter haben zu diesem Termin bereits ihren Rückzug aus dem Gremium angekündigt.

Das Ganze ist also weniger das Verlassen des sinkenden Schiffs als vielmehr die geordnete Übergabe des Staffelstabs. Auch aus diesem Grund hat sich die Irritation beim Börsenkurs nach kurzer Bedenkzeit rasch gelegt und der Blick richtet sich nun wieder nach vorne.

Schlauer Finanzkniff
Und hier hellen sich die Perspektiven merklich auf. Nicht nur wegen der insgesamt positiven Aussichten im Spirituosen- und Limonadengeschäft oder den hervorragenden Wachstumsaussichten bei den Citrocasa-Saftpressen, sondern aus einem ganz profanen Grund: Geld. Genauer gesagt sinkende Finanzierungskosten.

Im Oktober 2017 wird die bereits erwähnte fünfjährige Unternehmensanleihe im Volumen von 50 Millionen Euro fällig und die ist mit 6,5 Prozent vergleichsweise teuer verzinst. Vor einigen Wochen konnte sich Berentzen nun seinen mittelfristigen Finanzierungsbedarf durch einen fünf Jahre laufenden Konsortialkredit mit einem Volumen von 25,5 Millionen Euro sichern. Aufgrund seiner guten Liquiditätssituation brauchte das Unternehmen allerdings nur etwa die Hälfte des ursprünglichen Anleihevolumens durch eine externe Refinanzierung abzudecken und tilgt die andere Hälfte aus vorhandenen Eigenmitteln.

Das Ganze hat nun einen erheblich positiven Effekt auf die Gewinn- und Verlustrechnung der nächsten Jahre. Denn durch die neue Finanzierung senkt Berentzen seine jährlichen Finanzierungskosten ab Oktober um mehr als 2 Millionen Euro, die sich damit gegenüber dem heutigen Stand mehr als halbieren.

Dies wird natürlich deutliche positive Auswirkungen haben auf Cashflow, Ertragslage und Eigenkapital mit einem jährlichen Effekt von annähernd 0,18 Euro beim Gewinn je Aktie. Zum Vergleich: 2015 hatte Berentzen am Jahresende insgesamt einen Gewinn von 0,23 Euro je Aktie ausgewiesen. Daher können die positiven Auswirkungen auf das Ergebnis gar nicht genug betont werden; sie werden vor allem ab dem Geschäftsjahr 2018 im Zahlenwerk richtig einschlagen, weil sie da erstmals ganzjährig für Entlastung sorgen.

Blick nach vorne, nicht zurück…
Die neuen Finanzspielräume lassen natürlich nicht nur höhere Aktienkurse erwarten, sondern bieten auch Spekulationen Raum, ob sich Berentzen nicht bei der Dividende großzügiger zeigen könnte als bisher. Zuletzt schüttete man 0,20 Euro je Aktie aus und für 2016 könnten es bereits 0,25 Euro sein. Dabei dürfte die Tendenz für die nächsten Jahre weiter deutlich nach Norden zeigen. Noch interessanter als die Dividendenrendite von knapp 2,7 Prozent ist dabei die Aussicht auf weiter steigende Ausschüttungen, also das Dividendenwachstum.

Berentzen dürfte sowohl für Anleger interessant sein, die auf ein solides Geschäftsmodell und entspannt steigende Aktienkurse setzen möchten, als auch für Dividendenjäger, die auf steigende Dividendenausschüttungen aus sind.

Kommentare:

  1. Der kleine Profit kommt aus Kostensenkungen und
    massivem Streichen des Marketing, nicht aus Erfolgen!!
    Mann melkt die alte Markenbekanntheit.
    Diese "Strategie" soll fortgesetzt werden!
    Im AR sind immer noch zwei Aureliusmänner und keine Frau!!

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    1. Die beiden Aureliusvertreter haben ihren Rücktritt aus dem Berentzen-AR zum HV-Termin erklärt, so dass dort neue AR_Mitglieder gewählt werden können.

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    2. Es gibt eine Frau im Aufsichtsrat. Sie ist allerdings eine Arbeitnehmervertreterin.

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