Donnerstag, 4. Mai 2017

Sei offen für andere Ansichten

Menschen neigen zu selektiver Wahrnehmung, also dazu, Argumenten, die ihre eigene Meinung stützen stärker zu gewichten als jene, die dem eigenen Standpunkt widersprechen. Man nennt das auch "Confirmation Bias" oder Bestätigungsfehler. Doch da uns Benjamin Graham schon lehrte, vor allem unser Kapital zu erhalten, also an die Risiken zu denken, muss sich ein Anleger dieser eigenen Schwäche bewusst sein, wenn er langfristig Erfolg haben möchte.

»Ein Investment liegt immer dann vor, wenn nach einer gründlichen Analyse in erster Linie Sicherheit und erst im Anschluss daran eine zufriedenstellende Rendite steht.«
(Benjamin Graham)

Hat man sich die Mühe gemacht und eine Aktie gründlich analysiert, also die Geschäftsberichte der vergangenen Jahre studiert, viele Artikel zum Geschäft und dem Marktumfeld gelesen und die Bewertung unter die Lupe genommen, und ist zu dem Schluss gekommen, dass man die richtige Aktie für ein Investment gefunden hat, dann sucht man hierfür nach Bestätigung. Man sucht die Herde. Denn zumindest im Unterbewusstsein regt sich Unwohlsein, wenn man gegen den Strom schwimmt, wenn man der einzige ist, der anders handelt, anders investiert. Allerdings gibt es zu jedem Zeitpunkt Argumente, die für ein Unternehmen und seine Aktien sprechen und solche, die dem entgegenstehen. Und wenn sich der Kurstrend der Aktie dreht, drehen sich fast ebenso schnell die Meinungen - auch derjenigen, die zuvor noch das Gegenteil behauptet haben. Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist Vollwaise.

»Wenn du alle Fakten zusammen hast, kann deine Entscheidung richtig sein; wenn du nicht alle Fakten zusammen hast, kann sie nicht richtig sein.«
(Bernard Baruch)

Also, wie geht man mit diesem menschlichen Verhalten um, das einen als Anleger so viel Geld kosten kann?

  • Man sollte die Gegenargumente nicht einfach abtun, sondern versuchen, sie objektiv zu betrachten. Sich also vorstellen, man würde selbst diese Meinung vertreten und schauen, ob man für diese eine Bestätigung findet. Ist das nicht der Fall, umso besser.
     
  • Des Weiteren kann man generell vor einer Kauf- oder Verkaufsentscheidung die Gegenposition einnehmen. Will man eine Aktie kaufen, sollte man sich vorher überlegen, was für einen Verkauf sprechen könnte. Und will man sie verkaufen, sollte man nach Kaufargumenten suchen. 

Dies ist nicht banal, denn wir neigen dazu, die Depotpositionen nicht nach ihrem Wert und ihrem Potenzial zu betrachten, sondern im Verhältnis zu unserem Einstandskurs. Und das ist natürlich ziemlich dämlich.

»Ein Börsianer darf seine Papiere nie im Verhältnis zum Einkaufspreis einschätzen, sondern zum Tagespreis.«
(André Kostolany)

Denn die Aktie und die anderen Marktteilnehmer interessiert nicht, ob wir eine Aktie zu 10, 20 oder 50 Euro gekauft haben. Und das Potenzial in dem Unternehmen orientiert sich erst recht nicht daran. Auch hier gilt, dass man sich bei Investments von den objektiven Fakten leiten sollte, nicht von seinen subjektiven Gefühlen. Und zur Objektivität verhelfen uns die Ansichten der Anderen wesentlich eher, als das Wiederkäuen unserer eigenen Argumente.

»Sobald man der Überzeugung ist, etwas scheine eine gute Investition zu sein, schränkt dies die Verarbeitung relevanter Informationen erheblich ein
(Thomas Gilovich)

Man sollte sich niemals den Gegenargumenten verschließen, sondern diese auf ihre Substanz hin überprüfen. Andererseits darf man auch nicht blind einfach nur den Tipps der Anderen nachlaufen, denn auch diese unterliegen bei ihrer Einschätzung ja der selektiven Wahrnehmung und verfolgen mit ihren öffentlich abgegebenen Tipps nicht selten handfeste - auch mal finanzielle - Eigeninteressen. Und so landet der kluge Investor schlussendlich bei Immanuel Kant, der sagte: "Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen". Dieser Rat ist ein ganz hervorragender, nicht nur an der Börse. Aber eben besonders hier!

Kommentare:

  1. Sehr schöner Artikel. Musste dabei die ganze Zeit an DRAG denken. Den zur Zeit ist es wohl Paradebeispiel an gegenseitigen Meinungen bezüglich dieser Firma. Mittlerweise denk ich, dass der Kurs die Meinungen produziert und nicht die Firma selbst. Den bei Publity sind die kritischen Stimmen mittlerweile fast komplett weg. Sollte der kurs 3% an einem Tag nachgeben sind diese sofort zur Stelle

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    1. Ja, das ist oft so, wenn der Kurs steigt, sehen Viele das als Beleg für erfolgreiches Arbeiten an und bei fallenden Kursen wird das Management und das ganze Unternehmen in Grund und Boden geschrieben. Der Kurs macht die Meinung, nicht die Fakten und/oder Zahlen.

      Bei Publity sind die Kritiker weitgehend verstummt, aber es finden sich auch nur wenige Beklatscher. Seit dem Tief bei 26 Euro konnte der Kurs inzwischen fast 60% zulegen und strebt Richtung neue Allzeithochs. Wenn es Richtung 50 gehen sollte, werden die Jubelrufe stark zunehmen und Olek wird "immer schon alles richtig gemacht haben". Bis dahin muss Publity allerdings auch erst noch den bald erfolgenden Dividendenabschlag von 2,80 Euro wieder aufholen, denn die Dividende ist ja schon mehr als üppig. Bezieht man den die 2 Euro je Aktie an Dividende aus dem letzten Jahr mit ein, notiert die Aktie bei 41 Euro bereits auf einem neuen Allzeithoch. Blöd für die ganze Abgesangsanstimmer...

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  2. Seine Ansicht geändert hat Buffett gerade betreffend IBM.
    Ich habe nie verstanden, wieso er ausgerechnet IBM gekauft hat. In der gleichen Zeit hätte er mit Alphabet oder Facebook seinen Einsatz mehr als verdoppeln können. Das war jetzt wahrlich keine Meisterleistung von Buffett.

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    1. Richtig, bzgl. IBM hatte ich auch stets meine Zweifel an Buffetts Einstieg.

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