Mittwoch, 28. Februar 2018

Leoni: Kabelsalat war gestern...

Deutschland lebt von seinem breit aufgestellten Mittelstand und weltweit werden wir hierfür beneidet. Diese „Unternehmen aus der zweiten Reihe“ sind oftmals unbekannt, auch wenn sie sich in ihren Nischen führende Positionen im Weltmarkt erobert haben und wir immer wieder mit ihren Produkten in Berührung kommen, ohne dies immer auch zu wissen.

Schaut man in Deutschland auf die Börse, ist fast nur vom DAX die Rede. Dabei ist sein kleinerer Bruder, der MDAX für die Mid Caps eigentlich viel interessanter. Er weist seit Jahren eine bessere Rendite auf als der DAX und viel DAX-Unternehmen waren lange Zeit Mitglied des MDAX, bevor sie in die erste Index-Liga aufstiegen. Schaut man auf den Kursverlauf solcher Werte wie Lanxess oder Pro7Sat1 stellt man schnell fest, dass sie in ihrer Zeit im MDAX eine beeindruckende Entwicklung vorzuweisen haben, während sie nach Aufnahme in den DAX eher durchwachsen performt haben. Es lohnt sich also ein genauerer Blick auf die MDAX-Werte, zumal viele von ihnen auch schon Milliardenwerte auf die Börsenwaage bringen und somit weit entfernt von kleinen Nebenwerten sind. Und mit genau so einem Nischenwert mit rund 2 Milliarden Euro Börsenkapitalisierung haben wir es bei Leoni zu tun.


Leoni ist ein Automobilzulieferer und damit in einer eher zyklischen Branche tätig. Man hat eine Reihe von großen Kunden und ist von deren Erfolg mit abhängig. Der Kostensenkungsdruck bei diesen Autoherstellern ist ein Nachteil für Zulieferer wie Leoni, andererseits sind auch die Autohersteller immer stärker abhängig von reibungslosen Zulieferketten, wie der Streit von VW mit seinem Zulieferer Prevent vor einiger Zeit zeigte. Die bosnische Unternehmerfamilie Hastor, die auch bei Grammer und Alno die Fäden im Hintergrund zieht, hatte sich mit VW angelegt und als VW auf die Forderungen nicht einging, stoppte Prevent die Belieferung von VW mit wichtigen Bauteilen, so dass die gesamte VW-Produktion wochenlang stillstand. Ich bewerte jetzt mal nicht, welchen Schaden die Hastors damit angerichtet haben, vor allem für Prevent und ihre weiteren Unternehmen. Denn weltweit werden die Kunden ihrer Unternehmen sich nach alternativen Zulieferern umsehen, um sich nicht (noch einmal) erpressbar zu machen.

Aber zurück zu Leoni. Das Unternehmen stellt Kabel her. Okay, das ist zu einfach: man entwickelt und produziert Kabelstränge und –systeme sowie Bordnetze für die Automobilindustrie. Die Älteren von uns haben früher noch selbst das neue Radio ins Auto eingebaut und sich mit ein paar Kabeln am Blaupunktradio rumgeschlagen, die man irgendwie zum Subwoofer in den Kofferraum durchziehen musste. Doch diese Zeiten sind längst vorbei, nicht nur weil heutige Autos serienmäßig mit hochwertigen Audiosystemen ausgestattet sind, sondern weil das Verlegen einzelner Kabel in den heutigen hochtechnisierten Produktionsabläufen gar nicht mehr vorstellbar ist. Auf der einen Seite sollen Autos in immer kürzerer Zeit vom Band laufen, was das Verlegen einzelner Kabel geradezu ausschließt. Daher ist man auf komplette Kabelstränge mit entsprechend einfach zu verbindenden Stecksystemen angewiesen. Eine Arbeit, die auch Maschinen übernehmen können. Und auf der anderen Seite werden Autos immer komplexer. Wir erleben geradezu einen Boom an Assistenz- und Sicherheitssystemen, autonomes Fahren wird zum Megatrend ebenso Elektromobilität. Damit einher geht eine immer höhere Zahl von Sensoren, die alles und jeden messen und an die Bordcomputer weitergeben. Und alles benötigt Strom und Kabel. Kilometerweise werden inzwischen Kabel verlegt – in jedem Auto.

Und Leoni ist ganz vorne mit dabei bei diesen Kabelsätzen. Und diese Kabelsysteme müssen höchsten Ansprüchen genügen. Sie müssen nicht nur bruchfest sein, sondern auch biegsam, sie dürfen nicht störungsanfällig sein und dürfen möglichst auch nichts wiegen. Denn gerade bei der Elektromobilität ist Gewicht ein (noch) ganz entscheidender Faktor, da es die Reichweite begrenzt. Und die mangelhafte Reichweite ist neben der unzulänglichen flächendeckenden Versorgung mit Ladestationen zur Zeit der größte Negativfaktor, der dem wirklichen Durchbruch der Elektroautos noch im Wege steht. Die Hersteller versuchen hier den Dreiklang herzustellen zwischen besseren Akkuleistungen, niedrigerem Verbrauch (vor allem durch ein niedrigeres Gewicht) und größtmöglichem Fahrkomfort.

Also alles supi für Leoni, könnte man meinen. Doch schon ein Blick auf den Chartverlauf der letzten Jahre zeigt, dass hier nicht alles im Lack ist. Beziehungsweise war. Denn Ende 2015 brach der Aktienkurs um rund die Hälfte ein. Und das hatte handfeste Gründe, die nicht alleine bei den damaligen Absatzproblemen vieler Automobilhersteller zu suchen waren. Nein, Leoni hatte enorme hausgemachte Probleme, vor am mit der Qualität. Und es dauerte mehr als ein Jahr, bis das Unternehmen die Fehlerquellen abgestellt und langsam wieder zurück in die Erfolgsspur gekommen ist. Mittlerweile ist auch der Vorstandsvorsitzende gewichen und hat den Weg frei gemacht für einen Neuanfang. Der Aktienkurs notiert wieder dort, von wo er Ende 2015 abgestürzt ist. Und der zwischenzeitliche Einbruch beim Gewinn je Aktie um 85 Prozent dürfte in diesem Jahr wieder ausgebügelt werden. Erst kürzlich hatte Leoni seine Neunmonatszahlen vorgelegt und seine Jahresprognosen nach oben angepasst.

Der Blick nach vorn
Man kann also festhalten, dass Leoni durch ein Tal der Tränen gegangen ist und gestärkt aus diesem hervor ging. Der Blick in die Zukunft zeigt, dass Leoni gleich von mehreren Trends profitiert. Denn für den Kabel- und Bordnetzspezialisten Leoni ist es ziemlich egal, ob die Autohersteller Diesel-, Benzin-, Elektro- und Brennstoffzellenautos verkaufen, solange die Kunden nur Autos ordern. Und hier ist kein Ende in Sicht, sondern eher das Gegenteil. Immer mehr Menschen entwachsen den ärmeren Schichten und mit dem zunehmenden Wohlstand, vor allem in Asien, wächst der Wunsch nach einem Auto. Und damit die Nachfrage.

Die Antriebstechnik ist für Leoni also nicht so wichtig, der Trend hin zu mehr Fahrerassistenzsystem bis hin zum autonomen Fahren hingegen spielt Leoni in die Hände. Denn hier werden immer mehr Kabel benötigt, die immer mehr Daten transportieren können müssen und an die immer höhere Anforderungen gestellt werden. Hierdurch erhöhen sich auch die Markteintrittsbarrieren für potenzielle Wettbewerber und auch das kann Leoni nur recht sein.

Der Trend hin zu mehr Elektromobilität hingegen könnte sich für Leoni gleich doppelt auszahlen, denn zu dessen Erfolg ist ein weltweites Netzt an Ladestationen nötig. Das stellt nicht nur die Stromversorger vor Herausforderungen in Bezug auf das Abrechnen der abgenommenen Energiemengen, oder die Batteriehersteller hinsichtlich der Ladekapazitäten und der Haltbarkeit, sondern auch die Anbieter der Ladesäulen selbst. Diese müssen einerseits ans Stromnetz angeschlossen werden und andererseits benötigen sie ein eigenes, verkabeltes, Innenleben, das höchsten Ansprüchen an Zuverlässigkeit genügen muss. Das noch bestehende Wirrwar an Insellösungen vieler verschiedener Hersteller wird einem einheitlichen Standard und einigen wenigen großen Anbietern weichen. Und in diesem potenziellen Boomsektor hat Leoni inzwischen mehr als einen Fuß in der Tür. Denn im Juni erfolgte die Grundsteinlegung für die "Fabrik der Zukunft“, Leonis modernes Kompetenzzentrum , in dem ab 2019 hochleistungsfähige Datenleitungen für das autonome Fahren sowie Hochvolt- und Ladeleitungen produziert werden sollen. Damit hat Leoni die Basis für den Ausbau des neuen Geschäftsfeldes und dessen dynamisches Wachstum gelegt.

Dieses neue Segment macht zwar bisher noch einen vergleichsweise geringen Teil am Gesamtumsatz der Leoni-Gruppe aus, aber die Zuwächse sind enorm. Und bieten zusätzliche Phantasie für die Umsätze und Gewinne der nächsten Jahre. So möchte Leoni sein Ergebnis je Aktie bis 2020 auf über sechs Euro steigern, was das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf knapp über zehn drücken würde. Für ein so aussichtsreich positioniertes und wachstumsstarkes Unternehmen böte dies einiges an zusätzlichem Kurspotenzial.

Nun haben wir noch etwas Zeit vor uns bis 2020 und je weiter Prognosen in die Zukunft gerichtet sind, desto unsicherer werden sie. Dennoch ist absehbar, dass Leoni zu den großen Profiteuren der Elektromobilität gehören wird und wenn man wieder dem eingeschlagenen Weg des profitablen Wachstums folgen kann, der Leoni viele Jahre lang ausgezeichnet hat, sollte die Marke von 60 Euro, die 2014 und 2015 mehrmals den Aufwärtstrend des Aktienkurses stoppte, nur ein Zwischenschritt auf dem Weg in neue Kursregionen darstellen.

Kommentare:

  1. Hallo Herr Kissing,

    ich bin, wie Sie wahrscheinlich auch, ein großer Freund von Qualitätsunternehmen.
    Leoni ist da ein interessanter Fall, bei einer gewissen Kennzahl sehr herausstechend. Ein Unternehmen sollte meiner Meinung nach seine Mitarbeiter gut bezahlen können.
    Leoni kam im Jahr 2016 auf einen Umsatz pro Mitarbeiter von 56.062 Euro. Davon soll Leoni seine Mitarbeiter fair bezahlen, Materialkosten bezahlen, Steuern bezahlen und schlussendlich auch die Aktionäre.
    Die 56k EUR finde ich doch arg wenig, in einem typischen deutschen DAX-Großkonzern ist das wohl weniger als der Durchschnittslohn.

    Leoni schafft das, weil grob 90% der Mitarbeiter in Niedriglohnländern, vorneweg Osteuropa oder Nordafrika arbeiten. Steigender Wohlstand hier würde Leoni unter Druck setzen.

    Dies zeigt meiner Meinung nach die schwierige Verhandlungslage von Leoni (oder Zulieferern allgemein ggü. der OEMs). Dies mag sich angesichts der großen Trends in der Autoindustrie wandeln zugunsten der Zulieferer, aber ist aktuell noch Fakt.
    Und wie sich da die neue Fabrik der Zukunft in Deutschland rechnen soll, ist mir auch ein Rätsel.

    Alles in allem wiederspricht dies meiner Meinung nach den Anforderungen an ein Qualitätsunternehmen. Ein Unternehmen, das leicht Probleme bekommen kann seine Mitarbeiter gut/fair zu bezahlen, kann noch leichter Probleme bekommen, seine Aktionäre zu bezahlen.
    Haben Sie Gedanken dazu?

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    1. Kabelbäume werden überwiegend in Handarbeit hergestellt. Richtig ist, dass die Personalkosten natürlich ein wesentlicher Faktor sind, auch ein Risikofaktor bzgl. möglicher Steigerungen. Andererseits stellt der hohe Grad an Handarbeit auch eine Art Burggraben dar, denn Konkurrenten können hier nicht einfach in den Markt eintreten. Weil es nicht um bloße Fließbandarbeit geht, sondern um hochkomplexe und fehleranfällige Tätigkeiten. Leoni selbst hatte ja zwei Jahre lang massiv mit Qualitätsproblemen zu kämpfen. Des Weiteren sehe ich die Gefahr zu stark steigender Löhne in Osteueropa und/oder Nordafrika nicht, da dort die Arbeitslosenquoten noch hoch sind und gut bezahlte Jobs rar gesät. Das Bildungsniveau ist allgemein deutlich schlechter als bei uns, also müssen die Mitarbeiter von den Unternehmen selbst aus- und fortgebildet werden, was man sich sicherlich über vertragliche Regelungen finanziell absichern lässt.

      Ich denke, die "Fabrik der Zukunft" in Deutschland wird genau aus diesen Gründen errichtet. Um die Produktion in Deutschland zu stärken und so unabhängiger von ausländischen Standorten zu werden, und auch einen weiteren Schritt hin zu automatisierter Fertigung zu gehen. Leoni wird das Ziel haben, die manuelle Fertigung sukzessive zu verringern. Und das am ehesten/besten in Deutschland.

      In Summe würde ich daher Leoni unter diesem Aspekt nicht so kritisch einstufen. Eben auch weil sie auf die Herausforderungen reagieren...

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  2. Eine kurze Antwort: Kabelbäume herstellen wird hauptsächlich nicht mit Maschinen sondern mit Personal hergestellt. Ein Mitarbeiter in China oder Osteuropa verdient max. 500 €/Monat, rechnen wir mal mit 700 €/Monat, weil es dann vlt. zusätzliche Abgaben gibt. Pro Jahr sind das 8400 €/Mitarbeiter. Da bleibt schon einiges übrig...

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  3. Boah! Respekt Konstantin, so habe ich das noch gar nicht gesehen ein super guter Beitrag :-).
    Konrad

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  4. Hallo Michael, "Leoni wird das Ziel haben, die manuelle Fertigung sukzessive zu verringern." Werden von Leoni Anstrengungen dort hin unternommen? Kann man dieses irgendwo nachlesen?

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