Donnerstag, 31. Oktober 2019

Kosten steigen, Gewinne sinken: Amazon-Aktionäre sollten gerade deshalb jubeln!

Amazon hat kürzlich Quartalszahlen vorgelegt und die Aktie rauschte zunächst um sieben Prozent in die Tiefe, bevor sie ihre Tagesverluste wieder aufholen konnte. Anders als Microsoft oder Apple notiert Amazon deutlich unter seinen früher erreichten Höchstständen und das wird unisono mit der Entwicklung der Geschäftszahlen begründet. Der Gewinn sinkt, die Kosten steigen rapide an und die Konkurrenz habe "endlich" ihre Lethargie überwunden und beginne, sich Amazon zu erwehren.

Alles gute und richtige Argumente - nur ziehen Anleger aus ihnen die falschen Schlüsse. Und das könnte sie am Ende richtig Geld kosten...

Ich werde jetzt nicht Amazon im Detail sezieren, das habe ich in anderen Artikeln schon getan und jeder interessierte Leser kann es dort nachlesen (#Amazon). Heute blicke ich nur auf die vorgelegten Zahlen und die daraus ableitbaren Entwicklungen und zu ziehenden Schlüsse.


Die Zahlen im dritten Quartal 2019

Beginnen wir mit den Gewinnen: das operative Ergebnis fiel auf $3,2 Mrd. (Q3/18: $3,7 Mrd.), lag damit jedoch über den Prognosen von Amazon, die mit $2,1 bis $3,1 Mrd. gerechnet hatten. Das Ergebnis je Aktie reduzierte sich auf $4,23 Dollar (Q3/18: $5,75), während die Analysten durchschnittlich $4,59 erwartet hatten. Hier zeigt sich, dass es schon irre ist, wenn die Presse voll ist von Berichten, Amazon hätte die Erwartungen nicht erfüllt. Denn das stimmt so nicht! Amazon gibt ziemlich treffsichere Prognosen ab, aber die Analysten meinen, sie wüssten es noch besser. Dabei ist es Amazon, das die Daten vorliegen hat, es ist Amazon, das Künstliche Intelligenz nutzt, um Kundenwünsche zu analysieren, aber eben auch Warenströme, Cashflows, Gewinne. Aber die Analysten meinen es besser wissen zu können. Und liegen deutlich daneben. Komisch aber auch...

Fakt ist allerdings, dass die Gewinne bei Amazon schrumpfen und darüber sind die Anleger nicht glücklich.

Der Grund hierfür ist schnell gefunden: Amazon hat wesentlich mehr Geld ausgegeben für Personal und Logistik (insbesondere für die Zustellung durch eigenes Personal) und bei der Gewinnmaschine AWS lässt das Wachstumstempo nach und auch die Margen in diesem Cloud-Business sanken weiter. Darüber hinaus investiert Amazon Milliarden in sein One-Day-Delivery-Konzept und das geht ebenfalls massiv zu Lasten der Gewinne.

Stellt sich die Frage, was das bringt. Oder ob Amazon seine besten Zeiten hinter sich hat.

AWS ist bisher die Cashcow im Amazon-Imperium und aus den Gewinnen können viele andere Bereiche subventioniert werden. AWS ist der globale Marktführer und erzielt mehr Umsatz als die beiden stärksten Wettbewerber zusammen: Microsoft und Google. Doch das Wachstum von AWS ging weiter zurück und auch die Margen und Gewinne schrumpften. Das könnte ein Grund zur Besorgnis sein, wenn es nicht gute Gründe für diese Entwicklung gäbe. Zunächst flachen sich Wachstumsraten natürlich ab, wenn die Einheit größer wird. Und beim Marktführer mit Milliardenumsätzen kann das Geschäft nicht ewig mit 50% und mehr wachsen. Microsoft und Google hatten sich zuletzt stark um Wachstum bemüht und auch Erfolge vorzuweisen. AWS kontert nun, indem es zusätzliches Vertriebspersonal einsetzt und seinerseits seine Vertriebsaktivitäten und Investitionen forciert. Das geht zunächst zulasten der Marge und Gewinne, ist aber eben kein Anzeichen dafür, dass die besten Tage hinter AWS liegen.

Der interessanteste und teuerste Aspekt ist die Ein-Tages-Zustellung. Amazon investiert hier ja schon seit einigen Quartalen hohe Summen und Anleger fragen sich, ob sich das auszahlt. Auch Konkurrenten wie Walmart oder Krogers zogen nach und proklamieren die Quasi-Sofort-Zustellung für sich. Allerdings ist das eher eine Mogelpackung, weil es nur für wenige Produkte gilt, während Amazon den Service inzwischen für den Großteil des Sortiments eingeführt hat (der Service gilt ausschließlich für Prime-Kunden!). Nach den USA werden weitere Ländermärkte folgen.

Amazon (Quelle: wallstreet-online.de)
Und nun hat Amazon noch eine Schippe drauf gelegt und wird künftig auch Artikel mit einem Verkaufspreis von unter $5 Dollar in die taggleiche kostenlose Zustellung einbeziehen. Das ist natürlich völlig unrentabel - auf den ersten Blick. Aber es ist eine geniale, Wachstum und Gewinn treibende Idee. Bisher brachen viele Kunden die Bestellung ab, weil sie Deo-Roller oder Rasierschaum nur als Plus-Produkte kaufen konnten, also wenn sie mit der Bestellung insgesamt einen Mindestbestellwert erreichten. Das entfällt künftig. Wer einen Deo-Roller für $1,99 benötigt, kann den einzeln ordern und Amazon liefert. Damit ist natürlich kein Gewinn zu machen für Amazon und das treibt die Kosten enorm nach oben. Dabei sind die Lieferkosten bereits heute der mit Abstand größte Kostenfaktor bei Amazon.

Doch dahinter steckt eine Idee. Amazon will gar nicht an dem einen Deo-Roller Geld verdienen, sondern man möchte noch stärker zur ersten und möglichst einzigen Anlaufstelle für Kaufinteressenten werden. Man will nicht den Drogerien vor Ort den Kunden überlassen, der diesen Deo-Roller zeitnah benötigt. Weil er im DM-Laden dann eben auch noch andere Dinge kauft, wenn er schon mal da ist. Künftig kann und soll er den Deo-Roller bei Amazon einkaufen (wollen) und dazu geht er auf die Seite. Wo er dann aber auch weitere Produkte kaufen kann. Die ihm Amazon passgenau anbietet. Denn Amazon weiß genau, wer gerade auf seiner Seite vorbeischaut und was Leute sonst noch so kaufen, die diesen Deo-Roller in den Warenkorb legen. Und Amazon kennt seine Kunden und dessen Vorlieben und bietet ihm genau dieses zusätzlich an. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass der Kunde auch noch weitere Produkte neben dem Deo-Roller kauft, wodurch sich der Einkauf - initiiert nur durch den Bedarf an einem Deo-Roller - für Amazon dann doch wieder rechnet.

Und Amazon verdient ja noch mehr an dem Kunden. Denn eines der am schnellsten wachsenden und profitabelsten Geschäftsfelder ist das Advertising-Business, also die Werbung. Amazon bietet Kunden passgenaue Angebote an. Aber nicht nur Amazon-Produkte oder die von Händlern, sondern auch gesponsorte Angebote, für die Händler Geld an Amazon bezahlen, damit ihre Angebote den Kunden mit als erstes angezeigt werden. Und auch für Suchergebnisse in der Suchzeile lässt sich Amazon inzwischen bezahlen.

Hier schließt sich nun der Kreis, denn je mehr Kunden auf der Amazon-Seite sind, desto mehr Einnahmen generiert Amazon durch Werbung und Advertising. Der Deo-Roller macht sich also indirekt mehr als bezahlt.

Gleichzeitig setzt Amazon nun die ganzen 1-Dollar-Läden unter Druck, denn die hatten bisher eine wahre Wohlfühlzone, da ihnen Amazon nicht ins Gehege kam. Dollar Tree, Dollar General und all die anderen stark wachsenden Anbieter werden ab sofort auch von Amazon bedroht, weil auch Amazon Ein-Dollar-Artikel verkauft und liefert. Da Amazon Prime bei den weniger gut verdienenden Amerikaner noch unterrepräsentiert ist, zielt Amazon mit seinem neuen Angebot auch genau auf diese Schicht. Gelingt es, hier weitere Millionen an Prime-Kunden zu generieren, erschließt sich Amazon einen zusätzliche Kundenbasis und verbessert den Strom an wiederkehrenden Einnahmen aus den Prime-Gebühren. Und man lastet das eigene Logistiknetzwerk noch besser aus, wohingegen man die neuen Einnahmen zum seinem weiteren Ausbau nutzen kann. Klingt genial und das ist es auch. Wenn es klappt...

Der nächste Hammer folgte umgehend. Amazon kündigte an, künftig in den USA für Prime-Kunden die Zustellung von Lebensmitteln kostenlos anzubieten. Auch hiermit ist bisher kein Geld zu verdienen, doch der Grundgedanke dahinter ist der selbe wie zuvor beschrieben: Amazon verdient hiermit direkt kein Geld, aber es wertet sein Prime-Angebot auf und da Prime-Kunden etwa dreimal so viel bei Amazon kaufen wie Nicht-Prime-Kunden, möchte Amazon noch mehr Prime-Mitglieder an Bord holen. Die dann auch Musik streamen, Filme sehen, Echos kaufen und mit Kindles Bücher lesen. Amazon kann sich die kostenlose Lebensmittelzustellung leisten, weil es in dieser Sparte keinen Gewinn erzielen muss. Die Konkurrenz hat nicht den Vorteil, dass sie Milliardengewinne aus der Cloudsparte AWS für solche Aktivitäten heranziehen könnte.


Kostenexplosion - aber bringt das was?

Amazon geht in Vorleistung und lässt sich seine Angebotserweiterung viel kosten. Das geht zulasten der Margen und Gewinne - kurzfristig. Dem steht ein erhofftes Kunden- und Umsatzwachstum entgegen, was durch Skaleneffekte dann später auch zu wieder steigenden Margen und Gewinnen führen wird. Und die Erfolge sind bereits sichtbar! Denn im dritten Quartal 2019 stieg der Umsatz um 24% auf $70 Mrd. Was für eine Sprung! Denn wir dürfen ja nicht vergessen, dass Amazon sich mit Whole Foods ein wachstumsschwaches, aber Milliarden schweres Business zugekauft hatte, das die Wachstumsraten bei Umsatz und Gewinn mächtig einbremst. Was vor einem Jahr der Hauptkritikpunkt am Amazon-Zahlenwerk war, genau diese Schwäche beim Umsatzwachstum. Diese offene Flanke dürfte mit den neuen Initiativen passé sein und dafür war Amazon schon immer bereit, vorübergehend Marge und Gewinn zu opfern.


Meine Einschätzung

Man kann also eigentlich nur sagen: alles richtig gemacht, Amazon!

Amazon ist eine Wachstumsmaschine, die nicht etwa Geld verbrennt, sondern den Großteil der verdienten Dollars in weiteres Wachstum steckt. Dabei kauft man nicht sinnlos Unternehmen zu, sondern forciert sein eigenes Business, sein operatives Wachstum, und expandiert in zusätzliche Geschäftsfelder, wo man dann die gut verdienenden Platzhirschen an die Wand drückt. Amazon ist und bleibt das wohl disruptivste Unternehmen der Welt - und Jeff Bezos folgt im Grunde "nur" den genialen Pfaden von Sam Walton, der dieses Erfolgsrezept mit Walmart vorgemacht und vorgelebt hat. Nur dass Bezozs es online macht und schneller und konsequenter. Und daher auch Walmart kaum mithalten kann, obwohl man viel größer ist als Amazon. Noch...

Für mich ist und bleibt Amazon ein langfristiges Must-Have-Basisinvestment und daher ist es eine meiner größten Positionen im Depot. Hier treffen starkes Wachstum, ein breiter, tiefer ökonomischer Burggraben voller Krokodile und eine fast einzigartige innovative Unternehmenskultur aufeinander. Und wenn man nicht den Fehler macht, dieses Wachstumsunternehmen anhand seiner aktuellen Gewinne bewerten zu wollen, sondern sich zweckmäßiger auf das Umsatzwachstum und die steigenden Cashflows konzentriert und die vielen Sparten, die inzwischen mehr als $10 Mrd. zum Umsatz beitragen und ihre Profitabilität steigern, dann sollte man in Amazon das (fast) perfekte Quality Investment erkennen können...

Disclaimer
Amazon befindet sich auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Der Artikel zeigt sehr gut die langfristige Strategie von Amazon im Logistik- und Handelsbereich auf. Dazu kommen noch andere Branchen wie z.B. der Gesundheitsbereich (z.Z. läuft der Test). Aber auf Gewinne wird man vielleicht lange warten, denn Bezos wird immer weiter investieren (ein möglicher Name für sein Unternehmen war anstatt Amazon `relentless´ , d.h. sowas wie ohne Rücksicht). Hauptrisiko sehe ich im US-Kartellrecht, das alle FANg-Unternehmen zerschlagen könnte.

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    1. Gerade bei Amazon glaube ich nicht an eine Zerschlagung seitens der Kartellbehörden. Walmart macht viel mehr Umsatz als Amazon, liegt aber selbst meilenweit hinter Alibaba.

      Das Gesamt-Markt-Volumen lag in letzten Jahr so:

      $853 Mrd. Alibaba
      $514 Mrd. Walmart
      $277 Mrd. Amazon
      $244 Mrd. JD.com
      $090 Mrd. eBay
      (Quelle)
      Nun setze ich das in Relation zum "America first", den Donald Trump vertritt, den aber selbst die Demokraten hinter vorgehaltender Hand teilen. Ist es wirklich realistisch, dass Amazon zerschlagen wird, während die chinesischen Giganten Alibaba und JD.com weiter zulegen können/dürfen? Wo die doch gerade erst damit beginnen, aus ihren abgeschotteten Märkten in China Richtung USA und Europa zu expandieren. Ist es wirklich realistisch anzunehmen, dass die USA ihre einzigen konkurrenzfähigen "Waffen" gegen die Handelsdominanz der Chinesen selbst kastrieren? Damit die Amerikaner dann satt bei Amazon lieber bei Alibaba online shoppen?

      Halte ich für undenkbar in der letzten Konsequenz und daher das ganze Getöse eher für Klamauk und Trörö, um sich wichtig zu machen, um sich aufzublasen, um Wähler zu beeindrucken.

      Was ich mir vorstellen kann, sind steuerliche Einschränkungen und in einzelnen Bereichen staatliche Regulierungen. Die würden aber dann alle Unternehmen treffen, die hier aktiv sind oder es werden wollen. Aber auch das bleibt alles abzuwarten und wir können sich sein, dass bei entsprechenden Gesetzen/Urteilen/Regularien die Unternehmen dagegen vorgehen werden. Juristisch, durch Lobbyarbeit und durch Anpassung und/oder Verlagerung in andere Länder. So schnell können Gesetzesmacher in den einzelnen Staaten gar nicht hinterherregulieren, wie Unternehmen mit ihrem tausenden von Experten sich aus den neuen Vorschriften wieder herauswinden. Aus Sicht der Aktionäre durchaus beruhigend, aus Sicht eines Bürgers und Steuerzahlers nicht immer.

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  2. Werner Adams01.11.19, 00:48

    Hallo Michael,
    ich sehe die Amazon Aktie in 3-5 Jahren bei 3000 $ und in 10 Jahren bei 5000 $, daher hau rein.
    VG
    Werner

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  3. Zu AWS: Es ist nicht ausgemachte Sache, dass die hohen Margen in Stein gemeißelt sind. Stattdessen sind konstante und manchmal kostspielige Upgrades der Technik der Daten-Center nötig. AWS ist da keine Ausnahme. Siehe dazu auch:
    https://digital.hbs.edu/platform-rctom/submission/power-struggles-at-amazon-web-services/
    https://datacenterfrontier.com/inside-amazon-cloud-computing-infrastructure/

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