Sonntag, 14. April 2024

Kissigs Kloogschieterei: Über Fluch und Segen der Earnings Season und warum die Zinsen eigentlich gar nicht die größte Rolle spielen

Nun hagelt es wieder Quartalsergebnisse und die Kurse werden wild, weil die Börsen nicht nur auf die Ergebnisse der zurückliegenden drei Monate schauen, sondern beim Blick noch vorne immer noch  zuvorderst auf die Zinsentwicklung und das Zucken der US-Notenbanker achten. Dabei ist die Entwicklung der Zinsen für die Börsenkurse gar nicht der treibende Faktor, wie Starinvestor Ken Fisher in seinem aktuellen Brief an seine Investoren ausführt...

"Vielstimmig wird derzeit darüber diskutiert, wann die Zentralbanken die ersten Zinssenkungen durchführen werden. Einige Marktbeobachter sind davon überzeugt, dass nur dann der Bullenmarkt fortgesetzt werden könne. Dass diese Überzeugung falsch ist, weist der Aktienmarkt derzeit wunderbar nach. So sind die globalen Aktienmärkte nicht nur in dem Zeitraum mit hohen Zinsen nicht gefallen. Sie haben seit der ersten Zinserhöhung der Federal Reserve im Jahr 2022 um 23,29 Prozent zugelegt.

Der Grund ist einfach: Mit der Inflation stiegen zunächst die Umsätze der Unternehmen zweistellig, da sie höhere Preise für Güter und Dienstleistungen erzielen konnten. In diesem Jahr werden nun die Gewinne nachziehen, zweistellige Gewinnsteigerungen sind voraus. Mehr Umsatz und mehr Gewinn machen Unternehmen wertvoller. Die gestiegenen Zinsen sind – gegen alle Zweifler – kein Hindernis.

Sinkende Zinsen sind nicht notwendig für eine Fortsetzung des Bullenmarkts. Und obwohl die letzten beiden Jahre volatil waren, stehen knapp 20 Prozent Marktrendite in den Büchern. Durch die richtige Aufstellung konnte deutlich mehr generiert werden. Wer also aus kurzfristiger Verlustangst nicht investiert war, welche der gerade verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträge Daniel Kahneman erforschte, konnte an dieser Entwicklung nicht partizipieren. Menschen empfinden Verluste mehr als doppelt so stark, als sie Gewinne lieben. Dennoch liefert das aktuelle Marktumfeld mehr als genügend Gründe, an eine Fortsetzung des Bullenmarkts zu glauben. Die gestiegenen Zinsen sind auf jeden Fall nicht der Grund, negativ zu sein. Der Markt liefert den Beweis."
(Ken Fisher, April 2024) 

Und Ken Fisher hat vollkommen Recht! Die gestiegenen Zinsen stoppen den Bullenmarkt nicht. Die US-Notenbank hat weniger scharfe Waffen im Gepäck als man (und sie) denkt. Sie hat selbst die ganzen Anleihen des Staates und der Unternehmen gekauft und damit ihre eigene Bilanz massiv aufgepumpt. Und das bei Minimalzinsen. Diese selbst geschaffene und gewollte Geldschwemme haben die US-Eigenheimbesitzer genutzt (auch als Lehre aus der Globalen Finanzkrise) und ihre Immobilienkredite für unter 4 % langfristig festgeschrieben. Die rekordmäßigen starken und schnellen Zinsanhebungen durch die Notenbanken seit Frühjahr 2022 und das seitdem deutlich erhöhte Zinsniveau kommen also gar nicht in der Breite bei den Eigenheimbesitzern an! Sie erzielen viel weniger Wirkung als früher und gedacht! Sie bremsen die Konsumlaune daher nicht wirklich.

Redfin Homebuyer Demand Index: höchster Stand seit Juli 2023
Aber... weil beim Verkauf eines Hauses und Neukauf der Immobilienkredit nicht mitgenommen werden kann, sondern der alte (billige) abgelöst und durch einen neuen (teuren) ersetzt werden muss, verzichten viele Menschen auf den Verkauf ihrer Immobilie. 3% höhere Zinskosten für ein paar hunderttausend Dollar Kredit sind schon ein dickes Brett. Während also die Immobilienpreis ein Stück gefallen sind, ist der Immobilienmarkt ziemlich ausgetrocknet. Mit der Folge, dass die Mieten stark ansteigen. Und die Mieten sind aktuell der größte Treiber für die wieder leicht anziehende Inflation. Die Fed steht sich also selbst im Weg. Denn wenn sie die Zinsen nicht senkt, um Bewegung in den Immobilienmarkt zu bekommen, endet der Druck auf die Mieten nicht und damit die Inflation.

Man könnte fast sagen: Wenn die Fed die Zinsen nicht senkt, fällt die Inflationsrate nicht!

Insofern spielt die Zinsentwicklung nicht die einzige und auch nicht die schrillste Geige im Börsenorchester. Die gerade beginnende Earnings Season richtet den Blick der Börse gespannt auf die Ergebnisse des letzten Quartals. Im Vorfeld der Zahlenvorlagen wird diskutiert, welches Unternehmen wohl die Erwartungen geschlagen hat bei Umsatz oder Gewinn und die Anleger positionieren sich. Und dann, für einen kurzen Augenblick, sind die Ergebnisse wirklich relevant – aber direkt im Anschluss spielen sie keine Rolle mehr. Der Blick richtet sich nach vorne und die Kommentare des Managements zu den Aussichten für das laufende Quartal und die Meinung der Analysten dazu rücken in den Vordergrund. Und bestimmen die Kursentwicklung. 'Buy the rumors, sell the facts' heißt es so schön. Und da scheint was Wahres dran zu sein.

Und doch ist es nicht relevant. Klar, wenn die Kurse zweistellig hochspringen oder ebenso stark in den Keller rauschen, hat das Auswirkungen auf uns, auf unseren Depotwert und unsere Stimmung, unser Wohlbefinden. Aber nur auf kurze Sicht, denn mittel- und langfristig sind die Ergebnisse eines Quartals und sogar eines Geschäftsjahres keine ausreichende Basis für die Einschätzung, ob man im richtigen Unternehmen investiert ist oder ob man voll danebengegriffen hat. Hier zählt die Entwicklung über mehrere Jahre und auch der Abgleich zwischen Vision und Realität: Hat das Management valide Prognosen abgegeben, hat es seine formulierten Ziele erreicht? Und wenn nicht, wie offen und seriös ist es mit dem Scheitern umgegangen? Das sind elementare Fragen, die man als Anleger beantworten muss um ein wirkliches Gefühl für sein Investment, für sein Unternehmen zu bekommen. Denn das sind wir Aktionäre: Miteigentümer eines Unternehmens.

Wer das nicht versteht und Aktien eher als Wettscheine auf steigende oder fallende Kurse missversteht, der sollte sich um Dividenden und langfristigen Vermögensaufbau keine Gedanken machen. Für alle andere gilt, sorgfältig die besten Aktien auszuwählen und diesen Unternehmen dann die nötige Zeit geben, damit sie ihre Stärken auch wirklich ausspielen können. Man sollte das Marktgeschrei einfach ausblenden und sich auf die Wertzuwächse (und Kursgewinne) über die nächsten 3 und 5 Jahren freuen.

Also Qualitätsunternehmen kaufen und dann strikt auf Buy & Hold setzen. Es sei denn, man hat sich geirrt hinsichtlich der Qualität des Unternehmens oder aber die Rahmenbedingungen haben sich dauerhaft verschlechtert. Dann muss man die Konsequenzen ziehen und verkaufen. Aber eigentlich nur dann. Ansonsten lässt man die Gewinne einfach laufen und macht sich über einzelne Quartalsergebnisse nicht allzu viele Gedanken…

Alles Gute für euer Geld!
Michael C. Kissig

P.S.: Ich  habe meinen eigenen Ratschlag beherzigt und meine beiden ohnehin größten Positionen Blackstone und KKR nochmals aufgestockt. Zusammen mit Apollo Globale Management habe ich nun 50 % meines Anlagevermögens in den Alternativen Asset Managern konzentriert. Weil es starke Wachstumswerte sind mit absehbar steigenden Erlösen und Gewinne in den nächsten 3 und 5 Jahren. High Conviction Buys!

Disclaimer: Habe Apollo, Blackstone, KKR auf meiner Beobachtungsliste und/oder im Depot/Wiki.

2 Kommentare:

  1. Hallo Michael, ich bin bei den drei auch am beobachten, mir sind die Kurse aber etwas zu schnell hoch gelaufen. Siehst du bei KKR oder Blackstone mehr upside bzw. von der Bewertung ein bessere Verhältnis? Wie sind denn die drei bei dir untereinander gewichtet? Jeweils ca 1/3?
    Schönen Sonntag!

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    1. Die Kursentwicklung ist nicht so relevant (wobei mir steigende Kurse natürlich sehr viel besser gefallen und mich Zuwächse im Depot freuen). Ich habe KKR und Blackstone nicht aufgestockt, weil ich etwa glaube, in den nächsten Wochen oder Monaten mit den Aktien Gewinn einzufahren, sondern will ich glaube, dass deren Geschäfte in den nächsten Jahren stark laufen und die AuM sowie Gewinne deutlich steigen werden. Das ist ein Unterschied in der Betrachtung und auch wie man mit seinem Investment 'umgeht'. Kurseinbrüche steckt man lockerer weg, wenn man sich daran erinnert, dass man Miteigentümer des Business ist, nicht bloß Aktienkursschwankungsbeifahrer.

      In meinem "Kissigs Investor-Update Q1/24 hatte ich die Gewichtung der drei Werte im Depot per 31. März angegeben. Nach der Aufstockung ist sie nun so:

      Blackstone: 18,63% (31.03.: 14,27%)
      KKR: 18,34% (31.03.: 14,63%)
      Apollo: 12,46% (31.03.: 12,27%)
      Alternative Asset Manager: 49,5% (31.03.: 41,0%)

      Bei Blackstone liegt der Fokus auf Immobilien, da sehe ich erhöhtes Aufholpotenzial im Business, wenn sich die Lage am Immobilienmarkt in den nächsten Jahren wieder stabilisiert und verbessert. KKR ist besonders stark im Bereich Private Equity, also Unternehmensbeteiligungen. Auch hier ist die Exit-Seite seit anderthalb Jahren 'verstopft' und es schlummern erhebliche Gewinnpotenziale, wenn sich das mal wieder auflöst. Apollo hat seine Stärken bei Private Credit und im Versicherungsbereich.

      Bei BX und KKR sehe ich momentan höhere Chancen als bei Apollo, aber eben auch höhere Risiken, falls sich die Entwicklung nicht wie erwartet einstellt. Aber... selbst dann werden alle drei weiterhin sehr gute Geschäfte machen und ordentlich Geld verdienen. Genau deshalb habe ich gerade diesen Sektor so hoch gewichtet. Es ist nur nicht klar, wann und wie schnell es (noch) besser wird. Das begrenzt jedoch das Kursrisiko, denn Kursverluste werden ggf. durch das operative Geschäft kompensiert, so dass dann auch schnell wieder Nachfrage nach den Aktien entsteht. Das Geschäftsmodell der Alternativen Asset Manager ist nicht resilient (die sind ja nicht Costco, haha) aber sehr robust. Und daher meine Basis fürs Depot - zusammen mit Costco, die es aktuell auf 13,8% Gewichtung bringt.

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