Samstag, 2. Dezember 2017

Was ist... Disruption?

Als Disruption bezeichnet man einen Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst bzw. zerschlagen wird; Produkte, Dienstleistungen oder Technologien werden also ganz oder teilweise verdrängt.

Der Unterschied zu normalen Innovationen, die in allen Branchen alltäglich sind, liegt in der Art und Weise der Veränderung. Während eine Innovation eine Fortentwicklung, eine Anpassung ist, bezeichnet die Disruption einen totalen Um- oder Zusammenbruch des bestehenden Modells.

Die Idee disruptiver Innovation in der Wirtschaft lässt sich auf den österreichischen Nationalökonom und Politiker Joseph Schumpeter zurückführen, der sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte. Der Harvard-Absolvent Clayton Christensen führte 1997 aus, dass jedes noch so erfolgreiche und etablierte Unternehmen eines Tages von einer solchen Existenz beraubenden Revolution bedroht wird. Christensen beschreibt diesen disruptiven Prozess dennoch als notwendig für eine funktionierende Weiterentwicklung des Marktes.

Verlierer sind in diesem Fall zumeist große Unternehmen, die ihrerseits selbst mit einer radikalen Innovation ins Geschäft eingestiegen sind. Denn für etablierte Unternehmen sei es geradezu unmöglich, ihr Geschäftsmodell von Grund auf zu verändern. Ausschließlich Neugründer, die wenig zu verlieren und viel zu gewinnen hätten, seien in der Lage, derartige Risiken einzugehen.

Vor allem im Bereich des Internets und der neuen, digitalen Medienwelt wird häufiger von Disruption gesprochen, aber auch in der Startup-Szene gilt es als Zauberwort für Finanzierungszusagen. Doch nicht alles, was irgendwie neu und quer gedacht erscheint, ist auch disruptiv...


Ein paar Beispiele für Disruption
Kodak war der Platzhirsch bei der Fotografie, man stellte die besten Farbfilme her. Und man entwickelte als erster die Digitalkamera - um sie im Tresor verschwinden zu lassen. Inzwischen hat die Digitalkamera Kodak den Todesstoß versetzt. Das Aufkommen digitaler Fotografie hat den Markt für herkömmliche Fotoapparate und Filme vollständig zusammenbrechen lassen. Und den Digitalkameras droht das gleiche Schicksal, denn aufgrund er heutigen Smartphone-Fähigkeiten braucht kaum noch jemand eine eigenständige Kamera.

Der Einzelhandel kämpft ums Überleben, was nicht nur dem eigenen ruinösen Wettbewerbsdruck geschuldet ist, sondern der immer stärker nachgefragten Online-Konkurrenz von Amazon & Co. Obwohl Amazon auch "nur" Waren verkauft, wurde durch das Online-Shopping der Markt für kleine Einzelhändler zunehmend ausgedünnt und sie mussten aufgeben. Ein Trend, der inzwischen auch vor den größeren Supermarktketten und Einzelhandelsketten nicht halt macht.

Zeitungen verlieren immer mehr Leser an Online-Angebote. Der Markt hat sich gewandelt und klassische Printmedien geraten immer mehr aufs Abstellgleis. Sie verlieren Leser und damit Reichweite und damit Anzeigenkunden. Diese investieren lieber in Online-Werbung, weil sie dort immer mehr Menschen erreichen. Und aufgrund des Kostendrucks dünnen die Verlage ihre Redaktionen immer mehr aus, um Kosten zu sparen, und daher werden die Zeitungen immer weniger lesenswert. Und verlieren so weitere Leser und Anzeigenkunden.

Der Walkman war eine revolutionäre Entwicklung, machte er doch das Musikhören mobil. Und Sony zu einer Elektronik-Weltmacht. Doch kaum zwanzig Jahre später kam Apples Ipod auf den Markt und damit das Ende der Kassettengeräte. Und Apple hat noch andere Märkte zerstört. Ganz am Anfang den von Xerox und IBM, die Welt der Großrechner, als Steve Jobs den Personal Computer samt grafischer Benutzeroberfläche massentauglich auf den Markt brachte (etwa zeitgleich mit Microsoft und dessen Windows-Desktop-Programm, woraus sich eine krude Räuberballade entwickelte, wer was wann von wem gestohlen habe). Und später killte er die Handys und damit den Weltmarktführer Nokia, als er mit dem Iphone das erste Smartphone auf den Markt brachte, das über eine Touchscreen verfügte und über Wisch-Gesten bedient wurde. Auch BlackBerry, der damalige Smartphone-Riese, ging unter, weil man den Trend hin zum Touchscreen und weg von der haptischen Tastatur ignorierte.

Gefahren der Disruption für Anleger
Die heutigen Platzhirsche müssen auf der Hut sein und disruptive Entwicklungen selbst aufnehmen, sonst werden sie von ihnen überholt. Wir sehen derartige Tendenzen im Bereich des Automobilsektors, wo Verbrennungsmotoren ausgemustert werden zugunsten von Elektromotoren. Die neue Kernkompetenz heißt nicht mehr Motor, sondern Batterie. Und darüber hinaus geht die Entwicklung weiter, hin zum autonomen Fahren. Dies hat weniger disruptive Einflüsse auf die Autohersteller, sondern viel mehr auf die Autoversicherer. Wenn es keine Fahrer mehr gibt, sondern die Autos Software gesteuert selbst entscheiden und fahren, wer braucht dann als Person noch eine Kfz-Haftpflichtversicherung? Oder bei Filialbanken, die wie Relikte aus einer anderen Zeit anmuten, während Online-Banking und Online-Beratung - auch schon durch virtuelle Berater - zunehmend an Boden gewinnen.

Für Investoren gilt es weniger die neuen Technologieführer ausfindig zu machen, als vielmehr im Blick zu haben, ob sie in Unternehmen investiert sind, deren Geschäftsmodell durch Disruption bedroht ist. Diese eignen sich dann nicht (mehr) für Buy & Hold-Investments.

Kommentare:

  1. Lieber Michael,
    beim Stichwort "Einzelhandel" bin ich hellhörig geworden, da Corestate auf seiner Website schreibt: "CORESTATE und seine Co-Investoren investieren in diversifizierte Highstreet-Einzelhandelsobjekte in deutschen Mittelstädten." und "Als integraler Bestandteil seiner Anlagephilosophie co-investiert CORESTATE in der Regel über Alignment Capital in seine Produktangebote."
    D.h. wenn ich es richtig verstehe, bietet Corestate nicht nur Dienstleistungen zu den Assets an, sondern investiert auch selbst. Und wenn der Einzelhandel dann mehr und mehr den Bach runtergeht, dürfte das auch für Corestate problematisch werden. Wie siehst Du das?
    Viele Grüße, Gerrit

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Richtig, Gerrit, auch Einzelhandelsimmobilien gehören zum Investmentspektrum von Corestate Capital. Und sie sind mal nur Dienstleister und mal investieren sie einen kleinen prozentualen Anteil als Co-Investor mit, haben dann also auch eigenes Geld im Feuer.

      Diese Assetklasse sehe ich kritischer als andere, wie z.B. Matthias Schrade, CEO der DEFAMA AG. Ich denke, auch der Einzelhandel in Form von Nahversorgern und/oder Fachmarktzentren wird hier langfristig den Onlinehandel als Konkurrenz zu spüren bekommen. Also noch nicht heute oder in fünf Jahren, dann aber zunehmend. Und man muss dies als Investor im Auge behalten. So heftig wie in den USA ist der Abwärtstrend bei uns noch nicht und die Voraussetzungen sind auch ganz anders (in den USA gibt es viel mehr Shoppingcenter je Einwohner und die Läden haben durchschnittlich etwa 6 mal so viel Fläche je Kunde wie bei uns).

      Des Weiteren kommt es auch ganz entscheidend auf die Lage an. Innenstadtlagen in C-Städten sind z.B. zunehmend schwierig, in B- und A-Städten können die sich noch gut halten, weil die Kundenfrequenz noch hoch genug ist, auch jenseits der Einzelhändler selbst. Letztlich ist diese Sparte aus meiner Sicht kein Rundum-sorglos-Paket, sondern muss im Auge behalten werden. Kritisch im Sinne von akut Geld gefährdend allerdings auch nicht. Daher bewerte ich das auch für Corestate Capital nicht als Malus.

      Löschen
    2. Ist es vielleicht eine schöne Umschreibung für die Läden, die man nicht losgeworden ist? Passiert doch im Bauträgergeschäft regelmäßig, dass man auf uninteressanten Einheiten sitzen bleibt.

      Viele Grüße Uli

      Löschen
    3. Was meinst Du, Uli, kann Dir grad nicht folgen? Wer bleibt worauf sitzen?

      Löschen
  2. Ähnlich wie im Wohnbau wenn Sondereigentum begründet wird: Die schlecht verkaufbaren Wohnungen dreht man den Bauhandwerkern an oder man muss sie behalten und wird dann Co-Investor. Hier hat man ein "Highstreet-Einzelhandelsprojekt", das man nicht vollständig los wird und schwups ist man Co-Investor.

    Viele Grüße Uli

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ne, anders herum wird ein Schuh draus. Corestate Capital legt Fonds auf und macht hier eine Einlage in einem bestimmten prozentualen Anteil an der Gesamtfondssumme. Und diese Summe wird dann investiert; Corestate hält also auch einen prozentualen, rechnerischen Anteil an allen Immobilien/Assets, die dieser Fonds erwirbt. Nicht an einzelnen Asset des Fonds das Alleineigentum. Das ist bei Publity, Patrizia oder der Deutschen Beteiligung (hier natürlich nicht im Immobilien-, sondern im Unternehmensbereich) auch so.

      Löschen
    2. Vielen Dank für die erhellenden Erläuterungen! Angesichts der Bilder von Kleidungs- und Technikläden fragt man sich schon, ob H&M und Saturn nicht bald durch Zalando und Amazon verdrängt werden. Würde in Summe aber mal davon ausgehen, dass die von Corestate erworbenen Objekte in zentraler Lage dennoch gut werthaltig sind. Denn selbst wenn dort der Einzelhandel verschwinden sollte, werden die Gebäude nicht unbedingt an Wert verlieren, sondern eher die Nutzer ersetzt werden. Der Innenstadt-Boom wird m.E. jedenfalls anhalten.

      Löschen
  3. Lieber Michael,
    Nur eine kurze Anmerkung zu deinem wie immer interessanten und kompetentem Artikel.
    Die Idee disruptiver Innovation in der Wirtschaft lässt sich sogar auf Joseph Schumpeter zurückführen, der sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte. Da er meiner Meinung nach einer der großen Ökonomen des 20. Jahrhunderts ist, ist es mir nur wichtig zu sagen, dass nicht irgendein ‚Havardschnösel‘ erst viel später auf diese Idee gekommen ist. ;-)
    Christof
    PS: Sorry für die Besserwisserei, aber da ich über das Thema promoviert habe, steckt da für mich viel Herzblut drin :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Naja, Besserwisser mag ich, nur Klogschieter nicht. ;-) Ich habe den Artikel mal entsprechend angepasst, danke für den Hinweis, Christof.

      Löschen