Sonntag, 16. September 2018

Die Amazon-Offensive. Oder... was ist Disruption?

Als Disruption bezeichnet man einen Prozess, bei dem ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine stark wachsende Innovation abgelöst bzw. zerschlagen wird; Produkte, Dienstleistungen oder Technologien werden also ganz oder teilweise verdrängt.

Der Unterschied zu normalen Innovationen, die in allen Branchen alltäglich sind, liegt in der Art und Weise der Veränderung. Während eine Innovation eine Fortentwicklung, eine Anpassung ist, bezeichnet die Disruption einen totalen Um- oder Zusammenbruch des bestehenden Modells.

Die Idee disruptiver Innovation in der Wirtschaft lässt sich auf den österreichischen Nationalökonom und Politiker Joseph Schumpeter zurückführen, der sie bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte. Der Harvard-Absolvent Clayton Christensen führte 1997 aus, dass jedes noch so erfolgreiche und etablierte Unternehmen eines Tages von einer solchen Existenz beraubenden Revolution bedroht wird. Christensen beschreibt diesen disruptiven Prozess dennoch als notwendig für eine funktionierende Weiterentwicklung des Marktes.

Verlierer sind in diesem Fall zumeist große Unternehmen, die ihrerseits selbst mit einer radikalen Innovation ins Geschäft eingestiegen sind. Denn für etablierte Unternehmen sei es geradezu unmöglich, ihr Geschäftsmodell von Grund auf zu verändern. Ausschließlich Neugründer, die wenig zu verlieren und viel zu gewinnen hätten, seien in der Lage, derartige Risiken einzugehen.

Vor allem im Bereich des Internets und der neuen, digitalen Medienwelt wird häufiger von Disruption gesprochen, aber auch in der Startup-Szene gilt es als Zauberwort für Finanzierungszusagen. Doch nicht alles, was irgendwie neu und quer gedacht erscheint, ist auch disruptiv...


Ein paar Beispiele für Disruption
Kodak war der Platzhirsch bei der Fotografie, man stellte die besten Farbfilme her. Und man entwickelte als erster die Digitalkamera - um sie im Tresor verschwinden zu lassen. Inzwischen hat die Digitalkamera Kodak den Todesstoß versetzt. Das Aufkommen digitaler Fotografie hat den Markt für herkömmliche Fotoapparate und Filme vollständig zusammenbrechen lassen. Und den Digitalkameras droht das gleiche Schicksal, denn aufgrund er heutigen Smartphone-Fähigkeiten braucht kaum noch jemand eine eigenständige Kamera.

Der Einzelhandel kämpft ums Überleben, was nicht nur dem eigenen ruinösen Wettbewerbsdruck geschuldet ist, sondern der immer stärker nachgefragten Online-Konkurrenz von Amazon & Co. Obwohl Amazon auch "nur" Waren verkauft, wurde durch das Online-Shopping der Markt für kleine Einzelhändler zunehmend ausgedünnt und sie mussten aufgeben. Ein Trend, der inzwischen auch vor den größeren Supermarktketten und Einzelhandelsketten nicht halt macht.

Zeitungen verlieren immer mehr Leser an Online-Angebote. Der Markt hat sich gewandelt und klassische Printmedien geraten immer mehr aufs Abstellgleis. Sie verlieren Leser und damit Reichweite und damit Anzeigenkunden. Diese investieren lieber in Online-Werbung, weil sie dort immer mehr Menschen erreichen. Und aufgrund des Kostendrucks dünnen die Verlage ihre Redaktionen immer mehr aus, um Kosten zu sparen, und daher werden die Zeitungen immer weniger lesenswert. Und verlieren so weitere Leser und Anzeigenkunden.

Der Walkman war eine revolutionäre Entwicklung, machte er doch das Musikhören mobil. Und Sony zu einer Elektronik-Weltmacht. Doch kaum zwanzig Jahre später kam Apples Ipod auf den Markt und damit das Ende der Kassettengeräte. Und Apple hat noch andere Märkte zerstört. Ganz am Anfang den von Xerox und IBM, die Welt der Großrechner, als Steve Jobs den Personal Computer samt grafischer Benutzeroberfläche massentauglich auf den Markt brachte (etwa zeitgleich mit Microsoft und dessen Windows-Desktop-Programm, woraus sich eine krude Räuberballade entwickelte, wer was wann von wem gestohlen habe). Und später killte er die Handys und damit den Weltmarktführer Nokia, als er mit dem Iphone das erste Smartphone auf den Markt brachte, das über eine Touchscreen verfügte und über Wisch-Gesten bedient wurde. Auch BlackBerry, der damalige Smartphone-Riese, ging unter, weil man den Trend hin zum Touchscreen und weg von der haptischen Tastatur ignorierte.

Gefahren der Disruption für Anleger
Die heutigen Platzhirsche müssen auf der Hut sein und disruptive Entwicklungen selbst aufnehmen, sonst werden sie von ihnen überholt. Wir sehen derartige Tendenzen im Bereich des Automobilsektors, wo Verbrennungsmotoren ausgemustert werden zugunsten von Elektromotoren. Die neue Kernkompetenz heißt nicht mehr Motor, sondern Batterie. Und darüber hinaus geht die Entwicklung weiter, hin zum autonomen Fahren. Dies hat weniger disruptive Einflüsse auf die Autohersteller, sondern viel mehr auf die Autoversicherer. Wenn es keine Fahrer mehr gibt, sondern die Autos Software gesteuert selbst entscheiden und fahren, wer braucht dann als Person noch eine Kfz-Haftpflichtversicherung? Oder bei Filialbanken, die wie Relikte aus einer anderen Zeit anmuten, während Online-Banking und Online-Beratung - auch schon durch virtuelle Berater - zunehmend an Boden gewinnen.

Für Investoren gilt es weniger die neuen Technologieführer ausfindig zu machen, als vielmehr im Blick zu haben, ob sie in Unternehmen investiert sind, deren Geschäftsmodell durch Disruption bedroht ist. Diese eignen sich dann nicht (mehr) für Buy & Hold-Investments.

Und der Burggraben?
Und noch einen Aspekt gilt es zu bedenken: die früher dominanten Burggräben (Moats) beständiger Geschäftsmodelle haben heute auch immer kürzerer Halbwertszeiten. Denn durch den immer schneller voranschreitenden technologischen Wandel geraten alte erfolgreiche Geschäftsmodelle schneller unter Druck von jungen, innovativen Unternehmen. Und so haben Burggaben-Geschäftsmodelle immer öfter auch nur dann noch eine Überlebenschance, wenn sie sich nicht nur auf die Defensive verlassen, sondern selbst wieder agiler werden und sich an die neuen Gegebenheiten anpassen.

Gegen Amazon kann man nur bestehen, wenn man (mehr) wie Amazon wird. Walmart ist so ein Beispiel. Der Einzelhandelsgigant hat den Kampf aufgenommen und setzt verstärkt auf Onlinehandel und kopiert das Amazons Erfolgsmodell - von der anderen Seite der Entwicklung kommend, vom stationären Laden aus. Während Amazon mit der Übernahme der Whole Foods-Läden seine Präsenz ausbaut und diese Läden als Anlaufstellen und Abholstationen benutzt, geht Walmart genau den umgekehrten Weg. Und nähert sich damit Amazon an. Auch deshalb steht Walmart besser da als viele andere Einzelhändler.

Disclaier
Ich habe Amazon auf meiner Beobachtungsliste und als eine der größten Positionen in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Hallo Michael

    Da du Batterien schon erwähnst, was hältst du von einer Batterieproduktion in Deutschland?

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    1. Deutsche Automobilhersteller sind weltweit Spitze. Das liegt an den beiden überragenden Kernkompetenzen Design und Motor. Bei Elektroautos fällt der Motor weg, bei den E-Motoren gibt es kaum gravierende Unterschiede. Damit wird die neue zweite Kernkompetenz die Batterietechnik. Sie entscheidet über Lebensdauer, Leistung, Reichweite - und damit Akzeptanz beim Kunden und Verkaufserfolg. Daher ist mir unbegreiflich, dass die deutschen Autohersteller die Entwicklung hier völlig verpennen und sich bei der Batterietechnik von den Asiaten ausstechen lassen. Kurzsichtig, dumm und vielleicht sogar der Anfang von Untergang der deutsche Autodominanz. So, als würden die heute alle bei Toyota ihre Motoren ordern anstatt eigene zu entwickeln und zu bauen. Eigentlich kann man gar nicht so dumm sein. Aber Zetsche und Co. können das offensichtlich doch...

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    2. Das beste hast du dabei noch vergessen: Die teuren Batteriefabriken sollen laut VW Chef Müller doch bitte die Zulieferer bauen.

      Abgesehen davon, hältst du es für sinnvoll, noch in die bestehende Technik einzusteigen?

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    3. Das kann ich nicht beurteilen, ich bin zu wenig Techniker. Aus meiner Sicht sind die heutigen Akkus nicht leistungsfähig genug, aber es gibt noch keine Alternative. Weil immer mehr Autohersteller massiv auf E-Modelle setzen und diese in den nächsten Jahren in den Markt drücken, werden die Absatzzahlen massiv hochschnellen. Das bedeutet, dass einerseits viel mehr E-Ladestationen errichtet werden (müssen), und andererseits die Nachfrage nach immer leistungsfähigeren Akkus steigt. Wo es steigende Nachfrage gibt, finden sich auch mehr Leute, die nach neuen innovativen Möglichkeiten suchen. Und da gibt es durchaus interessante Ansätze. Ich kann mir gut vorstellen, dass es schon in wenigen Jahren ganz neue Speichermöglichkeiten gibt, die dann auch schon auf den Markt drängen (funktionierende Technik und marktreifes Produkt und daran anschließende Produktionskapazitäten sind ja unterschiedliche Aspekte). Der Punkt ist doch folgender: es geht nicht nur Akkus für E-Autos, sondern neue Speichertechnologien können/müssen auch her für die regenerativen Energien (bisher ist das Stromnetz der Speicher, das funktioniert aber nicht mehr) und auch in der Gebäudetechnik werden neue, bessere Speichermethoden nötig. Es forschen also viele Leute aus unterschiedlichen Branchen und von unterschiedlichen Ausgangspunkten aus an der grundsätzlich gleichen Sache. Mit erheblichem finanziellen Background aus mehreren Industriezweigen. Weltweit. Daher wird da auch relativ schnell irgend etwas gefunden werden.

      Das birgt aus meiner Sicht bei Batterieherstellern einige Risiken; es ist aus meiner Sicht schlichtweg nicht möglich, hier den Markt einzuschätzen. Über die nächsten 5 Jahre hinaus, da wird es sicher (fast) ausschließlich um die aktuelle Speichertechnologie gehen.

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  2. Sind die E-Autos eine disruptive Entwicklung, oder eine (peinliche) Modeerscheinung? Wenn ich mit niedrigem Drehzahlbereich mit ca. 180km/h die Teslas überhole, die versuchen im Windschatten der LKWs von einer Ladestation zur nächsten zu kommen, bin ich noch nicht überzeugt vom Erfolg der E-Autos. Ich denke, egal ob Gas, Wasserstoff oder Kuhmistantrieb, für den Kunden ist alles besser als E-Auto, bei dem in wenigen Jahren der Akku schlapp macht. Da dieser teuerer ist als der Rest des Fahrzeuges, kann dann das Ganze sicher verschrottet werden. Das ist natürlich großartig für die Umwelt (-> das einzige Verkaufsargument für die E-Autos).
    Buy and Hold darf man natürlich nicht in Branchen betreiben, die im Wachstum sind (siehe Peter Lynch) lieber Zigaretten oder Öl. Oder Fischzucht, etc. Es muss halt langweilig und nicht verlockend für neue Marktteilnehmer sein... da hat sich in den letzten 100 Jahren nichts verändert.

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    1. E-Autos werden keine Modeerscheinung sein, sondern sich durchsetzen. Die großen Hersteller setzen massiv auf diese neue Technologie (naja, vor 100 Jahren war das ja schon mal State of the art, bevor Benzin billig und schier unbegrenzt verfügbar wurde) und auch die Ladeinfrastruktur wird massiv ausgebaut. Das Henne-Ei-Problem löst sich daher auf, weil von beiden Seiten am Problem gearbeitet wird und nicht der eine erstmal auf den anderen wartet. Und, nicht zu vergessen, es dreht sich um hoch kapitalisierte Unternehmen, die hier am Start sind. Die können sich das leisten, massiv zu investieren. Auch deshalb sind die Erfolgsaussichten sehr hoch.

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    2. Ich bin auch davon überzeugt, dass sich E-Autos durchsetzten werden. Sie sind 2,5 x effizienter. In anderen Ländern ist der Strom sogar noch billiger. Elekroautos sind auch nicht für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt (>200 km/h). Bringt im Alltag eh nicht viel. Bei einem auf Sportlichkeit ausgelegten E-Auto wie Rimac sieht die Sache wieder anders aus.
      Die Akkus halten beim Tesla deutlich länger, als ein paar Jahre, da sie aktiv gekühlt werden. Beim Handy ist das nicht der Fall, deshalb geht auch der Akku schneller kaputt, dass er beim Laden heiß wird.
      Verschrottet werden die Akkus aus E-Autos auch nicht, dafür ist die Technik zu wertvoll. Die werden dann zu PowerWalls weiterverabeitet bzw. recycled.

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    3. Kühlung? Macht Technotrans. Sieht man dem Aktienkurs bisher aber nicht an :-|
      https://www.technotrans.de/de/produkte/batteriekuehlung-ladekabelkuehlung.html

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  3. E-Autos werden sich nur durchsetzen, wenn der Kaufpreis und die Laufzeit akzeptabel sind und die Ladeinfrastruktur vorhanden ist. Im Moment passiert da in DE nicht viel. Das Pseudoauto von Mercedes ist ein schlechter Witz. Ca. 70.000 EUR für so eine Leistung und dann gibt es nichtmal Bestrebungen eine Ladeinfrastruktur aufzubauen. Die Frage ist, wer soll die aufbauen, wenn nicht die Autobauer. Das nächste Problem sehe ich in meiner Umgebung. Mehrfamilienhäuser mit je 12 Parteien zum Beispiel. Wo sollen die Autos alles ihren Strom tanken. Das funktioniert doch nur bei einem Einfamielhaus, wo man die Säule mit einplant.
    Ist also noch ein weiter Weg, der gegangen werden muss.

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    1. Die neue Schnellladevariante, bei der man nur 20 Minuten für 'nen vollen Akku benötigt, wird hier den Durchbruch bringen. Denn jeder Supermarkt, jedes Fachmarktzentrum, jedes Einkaufszentrum und die Innenstädte werden alles mit solchen Ladesäulen zupflastern - und die Kunden werden es lieben und ihre Autos während des Einkaufens auftanken. Dann braucht nicht jeder 'ne eigene Ladestation zuhause (Tiefgaragen dürften auch relativ schnell damit ausgerüstet werden. Der Haupthemmschuh ist noch, dass sich die unterschiedlichen Anbieter auf ein einheitliches Abrechnungssystem einigen müssen. Dann kann jeder sein E-Auto an jeder Ladesäule auftanken.

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