Dienstag, 20. April 2021

Deshalb ist Aurelius nicht mehr meine (erste) Wahl

Aurelius ist war einer der ältesten Werte auf meiner Beobachtungsliste und einer der erfolgreichsten. Seit meinem Einstieg im Oktober 2012 hat die Aktie eine wahre Berg- und Talfahrt hingelegt und auf dem Höhepunkt im Frühjahr 2017 lag der Kurs bei mehr als €67 - unmittelbar vor der ersten Short-Attacke, bei der sich der Aktienkurs mehr als halbierte. Es war das erfolgreichste Jahr der Unternehmensgeschichte und es folgten eine Rekorddividende und eine starke Kurserholung - unter Berücksichtigung der Dividendenausschüttung markiert die Aktie im Frühjahr 2018 sogar ein neues Rekordhoch. Es folgte der allgemeine mehrfache Börseneinbruch aufgrund der Leitzinsanhebungen der US-Notenbank und eine weitere Short-Attacke, anschließend erwischten Handelskriege und Brexit-Tristesse sowie anschließend Corona das Unternehmen und den Kurs. Dass dieser noch einmal bis auf €12,50 und damit (Split bereinigt) fast auf meinen Einstiegskurs zurückfiel, hätte ich niemals gedacht.

Corona hat Aurelius kräftig zugesetzt, aber operativ findet das Unternehmen wieder in die Erfolgsspur zurück. Und gerade jetzt trenne ich mich von meinen Aktien. Das wirft wohl Fragen auf...?

Das erste Mal kam ich mit Aurelius in Berührung, als ich mich über die Rekorddividende bei Berentzen geärgert habe. Das war im März 2012. Aurelius war wenige Jahre zuvor bei Berentzen eingestiegen und versuchte, den Spirituosenhersteller wieder auf Linie zu bringen. Wenig erfolgreich bis dahin - aber nun wollte man sich das Engagement schonmal versüßen lassen und ordentlich Geld abziehen, wie Finanzinvestoren das so machen.

Mein "Verriss" von Aurelius kam nicht bei allen gut an und mir wurde Aurelius als "eigentlich guter Finanzinvestor" angepriesen. Ich war zu dem Zeitpunkt bereits bei MBB engagiert und schaute mir ein weiteres Beteiligungsunternehmen (im weiteren Sinne) daher gerne mal genauer an - und habe das Unternehmen auf meine Beobachtungsliste und in mein Depot genommen.

Seitdem begleite ich es durch alle Höhen und Tiefen. Und Höhen gab es vor allem in den ersten fünf Jahren, als man von Erfolg zu Erfolg eilte und die Dividende jedes Jahr kräftig anstieg.

Quelle: wallstreet-online.de
Im Frühjahr 2017 erfolgte dann die erste Short-Attacke durch "Gotham City Research" und die Erfolgsstory bekam mächtig Risse. Ich habe in dieser Phase ordentlich Lehrgeld bezahlt (dank einiger Tradingversuche) und habe dann ab 2018 meine Position deutlich verkleinert. Mir sind insbesondere das Vergütungssystem und die neue Struktur von Aurelius sauer aufgestoßen, weil ich das Gefühl bekam, der Aktionär würde nicht (mehr) als Partner, als Miteigentümer betrachtet, sondern vor allem als Eigenkapitalquelle. Die schlechte Stimmung wegen des drohenden Brexits, der aufziehende US-China Handelskrieg und die sich eintrübende Konjunktur samt Zinswende der FED hin zu mehrfachen Zinsanhebungen waren weitere Negativfaktoren, die zu meiner Entscheidung führten.

Und das Coronajahr 2020... Aurelius litt, im Geschäftsbericht sind mehrere Unternehmen benannt, die vor der Pleite stehen und die vormals größte Tochter, Office Depot Europe, kriegt man nicht zum Laufen, sondern schlachtet es Stück für Stück aus, um finanziell zu retten, was zu retten ist.

Aber... Aurelius findet zurück in die Erfolgsspur. Man hat zuletzt mehrere Deals eingefädelt und die sich aufhellende Konjunktur und der sich gaaaanz langsam verziehende Brexit-Nebel kommen auch Aurelius zugute.

Warum also nun mein Ausstieg?

Ganz einfach, es gibt so viele bessere. Philip Fisher rät, nicht die meisten, sondern die besten Aktien zu kaufen. Und auch Warren Buffett fragte mal, weshalb er die zweitbeste Aktie kaufen sollte, wenn er auch die beste erwerben könne. Und genau das habe ich getan.

Kritikpunkt 1: Aurelius ist heute vielschichtiger aufgestellt als früher. Das Unternehmen ist nicht börsennotiert, an dem sind wir Aktionäre nicht beteiligt. Wir sind nur am "Investmentarm" Aurelius Equity Opportunities beteiligt. Die Wertschöpfung findet aber (auch) woanders statt. Ohne mich als Aktionär. Das ärgert mich, das gefällt mir nicht.

Kritikpunkt 2: Aurelius ist ein Sanierungsexperte und kauft Unternehmen in Sondersituationen oder Schieflagen. Gefällt mir. Aber Mutares gefällt mir besser, da erkenne ich eine klarere Strategie und finde das Unternehmen deutlich transparenter.

Kritikpunkt 3: Aurelius hat angekündigt (und heute Mittag vollzogen), einen geschlossenen Investmentfonds aufzulegen und hierfür externes Kapital einzuwerben. Das macht die Deutsche Beteiligungs AG schon seit Jahren so (auch wenn sie weniger Sanierungsfälle übernimmt, sondern bevorzugt gut positionierte Mittelständler). Die DBAG ist mit dem Modell sehr erfolgreich und hat ggü. Aurelius einen ganz entscheidenden Vorteil: die börsennotierte Aurelius Equity Opportunities tritt nämlich nur als Co-Investor für die Fondsinvestments aus (bis zu 30%), aber sie ist nicht der Manager des Fonds. Anders als die DBAG verdient sie also nichts am Asset Management und genau das ist für mich ja der Clou am DBAG-Geschäftsmodell. Und KKR & Co. hat dieses Geschäftsmodell quasi erfunden und betreibt es in globalem Maßstab. Auch KKR & Co. ziehe Aurelius deutlich vor.

Mein Fazit

Aurelius hatte fünf tolle Jahre und dann fünf ziemlich durchwachsene. Nun berappelt sich das Unternehmen wieder. Aber ohne mich. Ich habe es mit mehreren Wettbewerbern verglichen, die ich allesamt auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot habe, und alle stehen aus meiner Sicht besser dar als Aurelius. Aurelius bleibt stets nur der zweite Platz, wenn überhaupt.

Das bedeutet nicht, dass man mit Aurelius-Aktien keinen Erfolg haben kann. Vielleicht irre ich mich auch und Aurelius sticht künftig wieder alle andere aus, wie man es bis 2017 getan hat. Ich bin davon aber nicht überzeugt. Weder vom Unternehmen selbst, noch davon, dass es sich besser schlägt als die von mir genannten Wettbewerber. Und dann wollen wir ja auch nicht MBB vergessen, die ich ebenfalls noch als Beteiligungsgesellschaft im Depot und dort sehr hoch gewichtet habe.

Ich denke, ich habe meine Karten in diesem Sektor gut gelegt und daher verabschiede ich mich von Aurelius. Nach rund achteinhalb Jahren habe ich 163% an Kursgewinnen erzielt und inkl. der üppigen Bruttodividenden sogar 336%. Damit liegt die Durchschnittsrendite bei 18,8% p.a., womit ich sehr zufrieden bin. Wohl wissend, dass ich bei einem Verkauf 2018 zu über €60 eine wesentlich höhere Rendite eingefahren hätte. Aber für diese rückschauende Erkenntnis kann ich mir auch nichts kaufen...

Disclaimer: Ich streiche Aurelius von meiner Beobachtungsliste und/oder aus meinem Depot/Wiki.

Kommentare:

  1. Hallo Michael, danke für den Beitrag - ich sehe das ähnlich und hatte mich daher auch vor Kurzem von Aurelius getrennt (leider vor dem jüngsten Anstieg :-(, hab aber gut umgeschichtet). Dabei war die Firmenstruktur für mich entscheidend, denn durch die verschiedenen Aurelius-Investmentvehikel ergeben sich m.E. Anreize, nicht im Interesse der Aktionäre zu handeln - genau das sprichst Du ja in Punkt 1 an. Daher ist Aurelius für mich zwar immer noch eine tolle Firma, aber eben keine tolle Aktie mehr. Gerade bei Beteiligungsgesellschaften finde ich wichtig, dass die Interessen des Hauptgesellschafters (hier also D Marcus) und meine Interessen als Kleinaktionär identisch sind. Das sehe ich bei Aurelius leider nicht mehr.

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    1. Bei der DBAG, bei Mutares, bei MBB, bei KKR & Co. da bin ich an der Dachgesellschaft beteiligt, an der Holding, wo alles zusammenläuft. Dann können mir die Strukturen auch eher egal sein, das ist dann auf der operativen Eben und ggf. unter Risikogesichtspunkten (bei Sanierungsfällen) wichtig. Aber bei Aurelius bin ich eben nicht am "Ganzen" beteiligt als Aktionär, sondern nur an einem untergeordneten Teil. Und damit erhöhen sich meine Risiken, während sich meine Chancen verringern ggü. den genannten Wettbewerbern. Aurelis startet im Vergleich also immer schon mit einem Malus in die Chance-Risiko-Betrachtung. Und das muss man sich ja nicht antun, es gibt ja reichlich und gute/bessere Alternativen.

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  2. Ich hatte vor 2 Jahres mutares verkauft, als Sie sich zunehmend kritisch zu dem Unternehmen geäußert haben. Hätte ich es mal nicht gemacht. Was mit dem Kurs seitdem passiert ist, kann man ja sehen. Auch ihre Meinung zu dem "Management" hat sich doch recht schnell wieder ins Positive geändert... Den selben Fehler mache ich nicht bei Aurelius. Wer einen längeren Anlagehorizont hat, sollte nicht jetzt verkaufen, zumindest nicht wenn man auf Verlusten sitzt...

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    1. Niemand ist gezwungen, meine Anlageentscheidungen nachzuvollziehen; letztlich ist jeder für seine Anlageentscheidungen selbst verantwortlich. Aber wenn mir schon der Verkauf "angelastet" wird, dann hätte doch konsequenterweise mein Wiedereinstieg auch nachvollzogen werden sollen/müssen, oder?

      Zu Aurelius konkret: ich habe mich nicht gegen Aurelius positioniert, wie man meinem Artikel ja durchaus entnehmen kann, sondern ich habe ich mich für Alternativen entschieden. Diese erscheinen mir (noch) besser und aussichtsreicher aufgestellt zu sein. Wörtlich schirbe ich: "Das bedeutet nicht, dass man mit Aurelius-Aktien keinen Erfolg haben kann. Vielleicht irre ich mich auch und Aurelius sticht künftig wieder alle andere aus, wie man es bis 2017 getan hat".

      Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Erfolg mit Deinen Aurelius-Aktien.

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    2. Nein völlig klar, für Anlageentscheidungen sind nicht Sie verantwortlich. Da Sie aber auf die Entscheidungsfindung einwirken, fällt in gewisser Weise doch immer auch etwas auf Sie zurück. Das gilt insbesondere dann, wenn sich die Meinungen zu einem Unternehmen scheinbar recht schnell ins Gegenteil verkehrt, wie es bei mutares der Fall war. Dafür kann es gute Gründe geben, die gibt es aber auch für den Unmut des Kleinaktionärs, der sich bei der Entscheidungsfindung hat beeinflussen lassen.

      Ebenfalls viel Erfolg. Ich gehe davon aus, dass Sie in spätestens einem Jahr wieder mit an Bord sind :)

      PS: Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass ich durch Sie auch auf Unternehmen aufmerksam wurde, wo es sehr gut läuft. Das betrifft insbesondere Steico und Westwing.

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    3. Das kann ich nicht nachvollziehen. Warum sollte da irgendwas auf Michael Kissig zurückfallen? Er schreibt hier kostenfrei ein äußerst hochwertiges Blog und tut hier seine fundierte Meinung kund. Die Aufgabe des Leser ist, seine Meinung als Anregung dazu zu nutzen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Wenn Du dann also eine Entscheidung triffst, die Du später bereust, ist das voll und ganz Deine eigene Sache. Und vielleicht war ja auch gar nicht der Verkauf von Mutares falsch, sondern der Kauf der Aktie, in die Du umgeschichtet hast.

      Für mich liegt der große Wert dieses Blogs hier darin, dass ich es als sozusagen einen wertvollen "Filter" betrachte, der mich auf attraktive Werte und Entwicklungen hinweist, zu denen ich mir dann selbst eine Meinung erarbeiten muss. Mich spricht nicht jede Empfehlung von Michael an, schon weil ich mich nicht komplett für dieselben Branchen interessiere. Aber der Impuls zum selbst-Überlegen war für mich hier immer wertvoll - ich finde hier sozusagen, einen kleinen Heuhaufen mit vielen Nadeln und muss dann im ganz großen Heuhaufen mit ganz wenigen Nadeln suchen. Insofern wieder einmal großen Dank an Michael für dieses großartige Blog. Und Tipp für @Hayabusa: Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernehmen!

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    4. Dem Dank und den Ausführungen hinsichtlich Inspiration und "Filter" an und durch Michael schließe ich mich an.

      Im Übrigen gehört ein gelegentlicher Meinungsumschwung doch zu jedem guten Aktionär dazu;-). Und all zu verbissen sollte man das Thema nicht sehen - jeder, der in der Lage ist, mit Aktien Geld zu verdienen, ist ganz schön privilegiert!

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  3. Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen...
    Von den Inhalten profitieren wollen, ohne selbst etwas Konstruktives beizutragen,aber dann Entscheidungen kritisieren, wenn man selbst falsch entschieden hat, ist auch eine Form des "Trittbrettfahrens".Keine schöne Art des Umgangs...

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