Montag, 3. Dezember 2012

Der unheimliche Boom bei Unternehmensanleihen

Unternehmensanleihen ("Corporate Bonds") sind "in", sie werden den Emittenten geradezu aus den Händen gerissen und sind zumeist mehrfach überzeichnet, wie die letzten Emissionen von Berentzen, SAF Holland oder Techem gezeigt haben. Und für die hohe Nachfrage gibt es handfeste Gründe.

Zunächst einmal stellen Anleihen für den Emittenten Fremdkapital dar, das er für eine bestimmte Laufzeit nutzen darf und im Gegenzug verzinsen und am Ende der Laufzeit zurückzahlen muss. Emittenten sind Staaten, Kommunen oder eben auch Unternehmen. Und diese Anleihen können, müssen aber nicht, zum Börsenhandel zugelassen werden, dann kann man sie über die Börse jederzeit handeln und ihre Börsennotierung weist Kursschwankungen auf, die aus dem Verhältnis der Nominalverzinsung der Anleihe zum aktuellen Zinsniveau resultiert. Liegt das allgemeine Zinsniveau über dem Nominalzins der Anleihe, sinkt deren Kurs - und umgekehrt. Am Ende der Laufzeit wird die Anleihe vom Emittenten dann aber zum Nominalwert, also zu 100%, zurückgezahlt.

Eine Anleihe zu begeben ist eine nicht ganz preiswerte Angelegenheit und schon gar nicht, wenn sie zum Börsenhandel zugelassen wird. Die Banken verdienen dabei ordentlich mit und die formalen Hürden sind schon nicht ganz ohne und der bürokratische Aufwand muss auch bezahlt werden - und diese hohen Kosten sind auch der Grund, weshalb Anleihen als Finanzierungsinstrument nur von den größeren Unternehmen mit entsprechend hohem Finanzierungsbedarf aufgelegt werden und nicht von den Kleinunternehmen. Jedenfalls hier in Deutschland, in den angelsächsischen Ländern sind Unternehmensanleihen Usus.

Dabei konkurrieren Unternehmensanleihen mit anderen Arten, Fremdkapital aufzunehmen, zum Beispiel einem "normalen" Bankkredit. Der ist weit weniger bürokratisch zu haben und der zu zahlende Zinssatz hängt ebenso wie bei einer Anleihe von der Bonität des Schuldners ab. Je besser die Bonität, desto niedriger der Zinssatz. Es stellt sich also die Frage, weshalb Unternehmen überhaupt auf Anleihen als Finanzierungsinstrument zurückgreifen. Das liegt an den über die gesamte Laufzeit fest vereinbarten Konditionen, die für das Unternehmen ein hohes Maß an Planungssicherheit bedeuten, und an der Aussicht, nicht alleine von den Banken abhängig zu sein. Denn da diese selbst in finanzielle Probleme kommen können, wie die Bankenkrise 2008 gezeigt hat und bis heute zeigt, können auch die von ihnen finanzierten Unternehmen unter den Bankenproblemen leiden. Deshalb "emanzipieren" sich Unternehmen gerne und stellen ihre finanzielle Basis breiter auf. Der zweite Grund liegt darin, dass die Nachfrage aktuell zu groß ist. Und das liegt nicht etwa daran, dass Unternehmen per se risikolos wären oder sie stets Top-Bonitäten aufweisen würden, sondern es liegt an dem momentanen Niedrigstzinsniveau, das Geldanleger vor erhebliche Probleme stellt. Denn wer sein Geld nicht für 1 Prozent aufs Tagesgeldkonto legen will oder für weitaus weniger Bundesanleihen kaufen möchte und so durch die Geldentwertung und die Steuern am Ende sogar weniger Vermögen hat als vorher, dem bieten sich nur noch wenige Alternativen. Und neben Investitionen in Aktien oder Immobilien bleiben dann als mittelfristige und rentierliche Geldanlage Unternehmensanleihen übrig. Denn diese bringen ansehnliche Renditen von mehr als 5% bei Laufzeiten von um die 5 Jahre.

Allerdings weisen Unternehmensanleihen auch Risiken auf. Denn als Anleihegläubiger ist man nicht besser gestellt, als andere Gläubiger, sollte das Unternehmen in eine wirtschaftliche Schieflage geraten und vielleicht sogar Insolvenz anmelden müssen. Daher ist es wichtig, nicht alleine auf den Nominalzins oder die Rendite der Anleihe zu schauen, sondern sich als erstes um die Bonität des Unternehmens zu kümmern. Vermögenserhalt geht vor Vermögensmehrung! Und um sich ein Bild vom Emittenten zu machen, sollte man einen Blick in die letzte Bilanz werfen, sich die Höhe des Eigenkapitals ansehen und die Eigenkapitalrendite, den Verschuldungsgrad und die Umsatz- und Ergebnisentwicklung. Nicht der Name des Unternehmens ist entscheidend für die Frage, ob es sich um ein sicheres und einträgliches Investment handelt, sondern seine finanzielle Leistungsfähigkeit und  wirtschaftliche Entwicklung. Wenn diese Bewertung positiv ausfällt, dann - und nur dann - kommt das Unternehmen infrage.

Der nächste Schritt ist dann, ob man sich an dem Unternehmen beteiligt, also dessen Aktien kauft, oder ob man ihm Fremdkapital überlasst, indem man seine Anleihen erwirbt. Dieser Frage bin ich bereits in dem Artikel "Sind Unternehmensanleihen besser als Aktien?" nachgegangen.

Fazit
Dass deutsche Unternehmen zurzeit ihre Finanzierung verstärkt über Anleihen sicherstellen, ist einerseits ein Anpassungsprozess an die Gepflogenheiten in anderen Ländern und auf der anderen Seite eine Reaktion auf das große Bedürfnis der Anleger, attraktive Renditen bei überschaubarem Risiko zu erzielen. Ein Selbstgänger sind Unternehmensanleihen deshalb allerdings nicht, sondern erfordern ebenso wie Aktieninvestments eine gründliche Recherche über das Unternehmen, dem man sein Geld anvertraut. Denn oberstes Prinzip der Geldanlage ist und bleibt Sicherheit. Sicherheit und Kapitalerhalt. Beherzigt man diese einfachen Grundregeln, kann man unter den Unternehmensanleihen attraktive Investments für seinen langfristigen Vermögensaufbau oder seine Altersvorsorge finden.

Kommentare:

  1. Hi Michael

    Ich stimme dir zu, dass die Nachfrage zu Unternehmensanleihen zurzeit extrem hoch zu sein scheint.

    Du bist ja auf meiner Seite sicher auch schon einmal über mein Investment in die Praktikeranleihe gestossen. Ich habe zum Glück erst gekauft, als die Probleme schon sichtbar waren. Allerdings wurde die Anleihe nur ein halbes Jahr vorher ausgegeben. Diese soll allen eine Warnung sein, die Unternehmensanleihen für sicher halten. In 6 Monaten mehr als 50 % Kursverlust.

    Wie du richtig sagst, jeder sollte genauso wie bei Aktien auch bei Unternehmensanleihen in die Bilanz schauen. Zusätzlich finde ich, sollte man sich genau überlegen, ob es nicht manchmal sinnvoller ist eine sichere Aktie (CocaCola, McDonalds, Nestle etc.) gegenüber einer Unternehmensanleihe von einem unsichereren Unternehmen (Berentzen, SAF Holland, Techem etc.) vorzuziehen.

    festverzinsliche Wertpapiere

    Gruss,
    Till

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    1. Moin Till, Du hast Dich ja ganz bewusst und kalkuliert ins Risiko gestellt - ich hätte eher auf die Praktiker-Aktie gesetzt, wenn ich an den Turnaround glaube, weil da die Profichancen viel größer sind, während Dein Ansatz ja war, das Risiko überschaubar zu halten.

      Dein Hinweis zum Emissionszeitpunkt ist richtig. Solar Millennium hat noch drei Monate vor dem Insolvenzantrag eine neue Anleihe begeben und soagr noch am Tag der Insolvenz beworben. Und zwar mit völlig falschen Parametern im Emissionsprospekt, das hat sicherlich auch noch ein strafrechtliches Nachspiel.

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  2. Wenn Banken ihrem eigentlichen Auftrag nicht mehr nachkommen, Kredite zu vergeben, lassen sich die Unternehmer eben etwas anderes zur Finanzierung ihrer Anliegen einfallen. Ich finde das gut so!

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    1. Bisher gibt es keine Anzeichen für eine "Kreditklemme", noch finanzieren Banken und Sparkassen die Unternehmen ausreichend. Das wird sich nach Einführung von Basel III vermutlich deutlich ändern, weil dann die Margen in der Unternehmensfinanzierung unattraktiv werden und andere Bereiche (Wohnbaufinanzierung) bei kleineren Risiken deutlich bessere Margen bringen.

      Doch bereits heute wie auch zukünftig wird es entscheidend auf die Bonität des Schuldners ankommen - und das ist mein Hinweis: auch bei Unternehmensanleihen ist der wichtigste Punkt, inwiefern das Unternehmen in der Lage ist, seinen Verpflichtungen nachzukommen. Die Höhe des Zinskupons stellt sich dann erst zweitrangig.

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