Freitag, 22. Juni 2018

Sind Unternehmensanleihen eine echte Alternative zu Aktien? Oder sogar mehr?

Unternehmensanleihen bieten oftmals attraktive Zinskonditionen verglichen mit den dürftigen Angeboten der öffentlichen Hand. Denn für Bundesanleihen erhält man fast keine Zinsen mehr und das Kapital wird durch die Inflation auch noch angeknabbert - eine negative Gesamtrendite ist die Folge.

Wer sich in ein Unternehmen einkauft, ist auch an dessen Gewinnen und Verlusten beteiligt. Am einfachsten geht dies bei börsennotierten Aktiengesellschaften über den Erwerb der entsprechenden Aktien an der Börse. Dabei muss sich die Aktienkursentwicklung nicht an der Entwicklung des Unternehmens orientieren, auf lange Sicht ist dies jedoch meistens der Fall. Und deshalb sollte man Geduld mitbringen und langfristig in ausgesuchte Top-Unternehmen investieren.

Doch auch bei der sorgfältigsten Auswahl kann es vorkommen, dass das Unternehmen in Schwierigkeiten gerät und vielleicht sogar Insolvenz anmelden muss. Und hier ist einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Aktien und Unternehmensanleihen zu verorten: Aktionäre sind Eigentümer, Anleihebesitzer sind Gläubiger. Im Insolvenzfall erhalten zunächst die Gläubiger ihr Geld - oftmals nur anteilig zur Insolvenzquote - und nur wenn die Gläubiger vollständig bedient werden konnten, wird der verbliebene Restwert auf die Eigentümer verteilt. Das Risiko für den Investor ist also bei Aktien größer als bei Anleihen.


Der zweite große Unterschied ist, dass Anleihen eine bestimmte Laufzeit haben und am Ende zum Nominalwert, also 100%, zurückgezahlt werden. In der Zwischenzeit erhält man als Anleger die jährlichen Zinsen gutgeschrieben, sofern es sich nicht um eine Anleihe mit Endfälligkeit handelt, denn dann bekommt man alle Zinsen erst am Ende der Laufzeit auf einen Schlag ausbezahlt. Für Anleger, die vom ersten bis zum letzten Tag die Anleihe besitzen, sind also keine Kursgewinne oder Kursverluste drin (außer im Insolvenzfall). In der Zwischenzeit können die Kurse aber durchaus beträchtlich schwanken, wenn die Anleihen zum Börsenhandel zugelassen sind. Dann errechnet sich die Rendite aus dem Zinskupon und dem Anleihekurs, der über oder unter pari notieren kann. Liegt er über 100%, reduziert sich die Rendite, liegt er darunter, erhöht sie sich. Zum Rückzahlungstermin erhält der Anleihegläubiger jedoch vom Emittenten genau 100%. Sind die Anleihen nicht börsennotiert, ist eine vorzeitige Veräußerung schwer zu realisieren und ggf. nur an den Emittenten möglich.

Risikobetrachtung geht vor Gewinnerwartung
Börsennotierte Unternehmensanleihen bieten also mehr Sicherheit, aber auch weniger Chancen als Aktien. Man darf aber nicht den Fehler machen, sie deshalb weniger gründlich auszuwählen. Denn ihre Qualität bemisst sich nicht an der Höhe des Zinskupons, sondern an der Bonität des Schuldners. Und die Auswahl des Unternehmens erfordert die gleiche Sorgfalt und Akribie, ob man nun dessen Aktien oder dessen Anleihen erwerben möchte. Man muss sich mit dem Unternehmen vertraut machen, seine Geschäftsberichte studieren, seine Aussichten einschätzen und die Risiken einschätzen. Erst dann - und nur dann! - sollte man sein Geld investieren!

Eine Sondersituation ergibt sich, wenn ein Unternehmen in finanzielle Schieflage gerät und man auf einen Turnaround setzen möchte. In diesem Fall notieren die börsennotierten Unternehmensanleihen zumeist auch weit unter dem Nominalwert und man kann hier größere Kursgewinne einfahren. Denn wenn ein Insolvenz gefährdetes Unternehmen die Kurve kriegt, dann zahlt es auch seine Anleihen zurück. Konnte man diese für 40% oder 60% des Nominalwertes einkaufen, erhält man am Ende der Laufzeit nicht nur die Zinsen, sondern eben auch 100% als Kurswert zurück.

»Die meisten Anleger glauben, Qualität und nicht etwa der Preis sei der Maßstab dafür, ob eine Geldanlage riskant ist. Doch qualitativ hochwertige Aktiva können riskant und Vermögenswerte niedriger Qualität können sicher sein. Es ist alleine eine Frage des Preises, den man für sie bezahlt.«
(Howard Stanley Marks)

Der Vorteil gegenüber einer Turnaround-Spekulation in Aktien ist, dass man als Anleihegläubiger besser abgesichert ist als ein Aktionär. Allerdings nur, wenn die Insolvenzmasse überhaupt eine Quote hergibt. Generell gilt auch hier, dass man mit einem Totalverlust seines eingesetzten Kapitals rechnen muss. Daher muss vor einer Turnaround-Spekulation die Lage des Unternehmens sehr genau analysiert und seine Überlebenschancen bewertet werden. Unabhängig davon, ob man mittels Aktien oder Anleihen auf den Turnaround spekulieren möchte.

Unternehmensanleihen sind also keine Alternative zu Aktieninvestments, doch sie stellen eine gute Beimischung dar. Auch unter dem Gesichtspunkt der Risikostreuung haben sie einen berechtigten Platz in ein gut sortiertes Wertpapierdepot.

Kommentare:

  1. Ich bin der Meinung, dass man immer nur in Sachen investieren sollte, die man selbst versteht. Aktien sind nicht zuletzt wegen toller Finanzblogs wie diesen, ähnlich wie ETFs, gut zu verstehen. Bei Anleihen, Zinskupons oder auch P2P-Investments schaut es dann doch etwas anders aus.
    Beste Grüße,
    Alexander

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  2. Ich denke seit kurzem über Anleihen als Beimischung nach. Statt hoher Rendite und hohem Risiko (Aktien). Aber auch statt keinem Risiko und (fast) gar keinem Zins(Cash, Tagesgeld). Aber auch wenn ich mit 1-2% Rendite (z.B. für kurzläufige Unternehmensanleihen)in dem Fall zufrieden wäre... dann brauche ich sehr niedrige Kosten und muss sowas erstmal finden und kaufen!
    Ich dachte an Anleihen-ETFs (Vanguard, iShares, xTrackers). Gibts es emfehlenswerte Sites, wo man sowas finden und vergleichen kann? Oder bessere Ideen?
    Lg, Jörgen.

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    1. Moin Joergen,
      da erwischt Du mich auf dem falschen Fuß, denn ich habe mich ja klar als Anhänger von Aktieninvestments geoutet und sehe (Unternehmens-) Anleihen als nicht wirklich attraktiv an. Vielleicht hat aber jemand anderes Erfahrungen mit Anleihen-ETFs gesammelt und könnte hier weiterhelfen? Mit positiven, aber ggf. auch negativen Erfahrungen?

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