Dienstag, 16. Februar 2016

Sind Unternehmensanleihen besser als Aktien?

Unternehmensanleihen werden wieder häufiger emittiert und bieten oftmals attraktive Zinskonditionen verglichen mit den dürftigen Angeboten der öffentlichen Hand. Denn für Bundesanleihen erhält man fast keine Zinsen mehr und das Kapital wird durch die Inflation auch noch angeknabbert - eine negative Gesamtrendite ist die Folge.

Wer sich in ein Unternehmen einkauft, ist auch an dessen Gewinnen und Verlusten beteiligt. Am einfachsten geht dies bei börsennotierten Aktiengesellschaften über den Erwerb der entsprechenden Aktien an der Börse. Dabei muss sich die Aktienkursentwicklung nicht an der Entwicklung des Unternehmens orientieren, auf lange Sicht ist dies jedoch meistens der Fall. Und deshalb sollte man Geduld mitbringen und langfristig in ausgesuchte Top-Unternehmen investieren.

Doch auch bei der sorgfältigsten Auswahl kann es vorkommen, dass das Unternehmen in Schwierigkeiten gerät und vielleicht sogar Insolvenz anmelden muss. Und hier ist einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Aktien und Unternehmensanleihen zu verorten: Aktionäre sind Eigentümer, Anleihebesitzer sind Gläubiger. Im Insolvenzfall erhalten zunächst die Gläubiger ihr Geld - oftmals nur anteilig zur Insolvenzquote - und nur wenn die Gläubiger vollständig bedient werden konnten, wird der verbliebene Restwert auf die Eigentümer verteilt. Das Risiko für den Investor ist also bei Aktien größer als bei Anleihen.

Der zweite große Unterschied ist, dass Anleihen eine bestimmte Laufzeit haben und am Ende zum Nominalwert, also 100%, zurückgezahlt werden. In der Zwischenzeit erhält man als Anleger die jährlichen Zinsen gutgeschrieben, sofern es sich nicht um eine Anleihe mit Endfälligkeit handelt, denn dann bekommt man alle Zinsen erst am Ende der Laufzeit auf einen Schlag ausbezahlt. Für Anleger, die vom ersten bis zum letzten Tag die Anleihe besitzen, sind also keine Kursgewinne oder Kursverluste drin (außer im Insolvenzfall). In der Zwischenzeit können die Kurse aber durchaus beträchtlich schwanken, wenn die Anleihen zum Börsenhandel zugelassen sind. Dann errechnet sich die Rendite aus dem Zinskupon und dem Anleihekurs, der über oder unter pari notieren kann. Liegt er über 100%, reduziert sich die Rendite, liegt er darunter, erhöht sie sich. Zum Rückzahlungstermin erhält der Anleihegläubiger jedoch vom Emittenten genau 100%. Sind die Anleihen nicht börsennotiert, ist eine vorzeitige Veräußerung schwer zu realisieren und ggf. nur an den Emittenten möglich.

Risikobetrachtung geht vor Gewinnerwartung
Börsennotierte Unternehmensanleihen bieten also mehr Sicherheit, aber auch weniger Chancen als Aktien. Man darf aber nicht den Fehler machen, sie deshalb weniger gründlich auszuwählen. Denn ihre Qualität bemisst sich nicht an der Höhe des Zinskupons, sondern an der Bonität des Schuldners. Und die Auswahl des Unternehmens erfordert die gleiche Sorgfalt und Akribie, ob man nun dessen Aktien oder dessen Anleihen erwerben möchte. Man muss sich mit dem Unternehmen vertraut machen, seine Geschäftsberichte studieren, seine Aussichten einschätzen und die Risiken einschätzen. Erst dann - und nur dann! - sollte man sein Geld investieren!

Eine Sondersituation ergibt sich, wenn ein Unternehmen in finanzielle Schieflage gerät und man auf einen Turnaround setzen möchte. In diesem Fall notieren die börsennotierten Unternehmensanleihen zumeist auch weit unter dem Nominalwert und man kann hier größere Kursgewinne einfahren. Denn wenn ein Insolvenz gefährdetes Unternehmen die Kurve kriegt, dann zahlt es auch seine Anleihen zurück. Konnte man diese für 40% oder 60% des Nominalwertes einkaufen, erhält man am Ende der Laufzeit nicht nur die Zinsen, sondern eben auch 100% als Kurswert zurück.

»Die meisten Anleger glauben, Qualität und nicht etwa der Preis sei der Maßstab dafür, ob eine Geldanlage riskant ist. Doch qualitativ hochwertige Aktiva können riskant und Vermögenswerte niedriger Qualität können sicher sein. Es ist alleine eine Frage des Preises, den man für sie bezahlt.«
(Howard Stanley Marks)

Der Vorteil gegenüber einer Turnaround-Spekulation in Aktien ist, dass man als Anleihegläubiger besser abgesichert ist als ein Aktionär. Allerdings nur, wenn die Insolvenzmasse überhaupt eine Quote hergibt. Generell gilt auch hier, dass man mit einem Totalverlust seines eingesetzten Kapitals rechnen muss. Daher muss vor einer Turnaround-Spekulation die Lage des Unternehmens sehr genau analysiert und seine Überlebenschancen bewertet werden. Unabhängig davon, ob man mittels Aktien oder Anleihen auf den Turnaround spekulieren möchte.

Unternehmensanleihen sind also keine Alternative zu Aktieninvestments, doch sie stellen eine gute Beimischung dar. Auch unter dem Gesichtspunkt der Risikostreuung haben sie einen berechtigten Platz in ein gut sortiertes Wertpapierdepot.

1 Kommentar:

  1. Ich denke, ein wichtiger Unterschied zwischen Aktien- und Anleiheinvestments besteht in den Unternehmen, die sich dafür eignen.

    Ein Aktieninvestment macht (für mich) nur Sinn, wenn das Geschäftsmodell funktioniert und ein nennenswertes Gewinnwachstum erwirtschaftet, das die Grundlage für einen steigenden Wert des Unternehmensanteils darstellt.
    Wenn das Geschäftsmodell jedoch so gut funktioniert, dann stellt eine Anleihe für den Geldgeber nur ein minimales Risiko dar, und entsprechend niedrige Zinsen muss der Emittent deshalb bieten. Anleihen sehr solider Emittenten lohnen sich einfach nicht - vor allem im Vergleich mit Tages- und Festgeldangeboten von Banken, die ihre hohe gebotene Verzinsung als Quersubvention beim Anlocken von Kunden verstehen, denen man anschließend auch andere Produkte verkaufen will.

    Unternehmen ohne Gewinnwachstum, die für ein Aktieninvestment ausscheiden (wenn wir Turnaround-Spekulationen mal bewusst ausblenden), können aber dennoch eine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit aufweisen.
    Genau diese (vorm Markt wahrgenommene) Überlebenswahrscheinlichkeit (formalisiert ausgedrückt z. B. durch die Ratingagenturen) ist es, die den Zinssatz bedingt, den der Emittent bieten muss, um seine Anleihe "unter das Volk zu bringen".

    Attraktive Anleiherenditen findet man also fast ausschließlich bei Unternehmen, deren Aktie man auf keinen Fall im Depot haben möchte. Dies hat immerhin den Vorteil, dass ein Depot mit Aktien und Unternehmensanleihen automatisch eine bessere Branchendiversifikation aufweisen wird als ein reines Aktiendepot (sofern letzteres hohe Qualitätsansprüche an die Geschäftsmodelle stellt, was etliche Branchen komplett ausschließt).

    Eine wichtige Kennzahl für die Betrachtung von Unternehmensanleihen ist meiner Meinung nach die _Differenz_ zwischen der Eigenkapital- und der Fremdkapitalrendite des betreffenden Unternehmens.
    Wenn ein Unternehmen eine Eigenkapitalrendite von 10% und eine Fremdkapitalrendite von 2% bietet, dann speist das Unternehmen seine Fremdkapitalgeber mit "'nem Appel und 'nem Ei" ab, während die Eigenkapitalgeber für vielleicht nur 30% des gestellten Kapitals etwa 85% des erwirtschafteten Gewinns behalten dürfen (das Zahlenbeispiel beschreibt ungefähr die Verhältnisse im Fall von BASF).
    Warum soll ich in diesem Fall die Anleihe nehmen, wenn die Aktie allein schon mehr Dividendenrendite liefert und zudem auch noch langfristig im Wert steigen kann?

    Anders sieht die Sache derzeit bei einigen Rohstoffkonzernen aus, deren Geschäftsmodelle durch den Einbruch der Rohstoffpreise seit 2013 ins Wanken geraten sind, was sich in deutlichen Kursabschlägen ihrer Anleihen ausdrückt.
    Wenn ich in einem solchen Fall mit einer reinen "Überlebenswette" eine Rendite von 7-8% einfahren kann, die mit der langfristigen Rendite des Aktienmarkts durchaus mithalten kann, dann lohnt es sich, mal genauer hinzusehen und zu überlegen, ob das Unternehmen mit seinem (von Abschreibungen bereinigten) Nettogewinn zumindest nicht tief in die roten Zahlen stürzen wird. Denn eine schwarze oder sogar leicht rote Null beim Unternehmensgewinn reicht für die stabile Zinsbedienung erstrangiger Anleihen ja völlig aus.

    Um den in diesem Blog gern gesehenen "weichen Faktoren" bei der Bewertung von Wertpapieren ein Detail hinzuzufügen: Ich mag es als Fremdkapitalgeber, wenn ich vom Emittenten gegenüber dessen Eigentümern bevorzugt werde.
    Ein schönes Beispiel hierfür liefert der Rohstoffhändler Glencore, der als Reaktion auf den Einbruch der Rohstoffpreise und die milliardenschweren Abschreibungen auf die erst 2012 übernommene Bergbausparte Xstrata mit einer umfangreiche Kapitalerhöhung und einer kompletten Streichung der Dividende reagiert hat, um das Rating seiner Anleihen zu stabilisieren. Das Unternehmen lässt also seine Aktionäre leiden, um seinen Fremdkapitalgebern Sicherheit bei der Bedienung ihrer Anleihen zu vermitteln - so gefällt mir das als (damaliger) Anleihebesitzer.

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