Donnerstag, 18. April 2019

Was ist... eine Dienstmädchenhausse?

Aktienkurse entstehen aus Angebot und Nachfrage, ganz klassisch. Und wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, steigt der Aktienkurs. Über die Jahrzehnte hinweg erzielen Aktien Kurssteigerungen von durchschnittlich rund sieben Prozent pro Jahr und sich damit eine der rentierlichsten Anlageformen überhaupt. Auf lange Sicht sogar ungeschlagen; nur auf kurze Sicht kommt es bisweilen mal zu einer schlechteren oder gar negativen Performance. Zum Beispiel in Zeiten eines Börsencrashs. Doch diese Phasen sind in der Regel viel kürzer als die Phasen steigender Kurse und die Kursrückschläge, selbst die heftigen, sind zumeist nach relativ kurzer Zeit wieder aufgeholt.

Von einer Hausse spricht man, wenn die Kurse über einen längeren Zeitraum deutlich ansteigen. Doch was haben Dienstmädchen damit zu tun und weshalb sind sie so bedeutsam für unseren Anlageerfolg? Oder -misserfolg?

Wir Deutschen haben - vorsichtig ausgedrückt - eine rückständige Aktienkultur. In anderen Ländern, wie zum Beispiel den USA, gehören Aktienanlagen zum Leben dazu, sie stellen einen erheblichen Teil der Altersversorgung dar, die auf privaten Schultern ruht und nicht gesetzlich geregelt ist wie bei uns durch die Staatliche Rente im Umlageverfahren.

Es ist also ganz normal, dass man sich dort ab und zu über Aktien unterhält, auch im privaten Rahmen. Bei uns kommt das kaum vor; mit dem Thema Aktien und Börse kann man auf keiner Party die Massen fesseln und zum geschätzten Unterhalter werden. Meistens. Doch dann gibt es diese Phasen...

Ab und zu kommt es vor, dass die Börsen wirklich haussieren. Wie zwischen 1998 und 2000, was wir heute als Internetblase kennen, oder vor einigen Jahren bei Gold, als der Preis dieses Edelmetalls atemberaubend hochschnellte auf über 2.000 Dollar je Unze. Zu diesen Zeiten müssen die Investoren den Spekulanten und Zockern an der Börse das Feld überlassen. Gier ist das bestimmende Element, Bewertungen spielen keine Rolle mehr. Jeder hat das Gefühl, er könne heute einsteigen und wäre morgen reich. Und wenn er nicht einsteigt, würde er die größte Chance seines Lebens verpassen. Die Kurse steigen schnell und schier unaufhaltsam und immer mehr Zeitungen greifen das Thema auf, bis es auch zum angesagten Gesprächsstoff bei Privatleuten wird. Und zwar nicht bei den Reichen, die ohnehin ihr Vermögen anlegen (müssen), sondern bei Otto Normalverdiener. Aus dem wird erst ein Kleinanleger und dann innerhalb kürzester zeit ein Börsenexperte. Denn was immer er auch vor wenigen Tagen gekauft hat, liegt schon zweistellig im Plus. Und das liegt natürlich nicht an der allgemeinen Euphorie, sondern am Neu-Experten und seiner fünfzehn minütigen Erfahrung an der Börse. Natürlich...

Der Einstieg von immer mehr Kleinanlegern, die zuvor kein Interesse an der Börse hatten und sie bewusst gemieden haben, den nennt man Dienstmädchenhausse. Selbst die Dienstmädchen haben (früher) in solchen Phasen ihren kargen Lohn in Aktien gesteckt und sich über diese unterhalten. Zumeist kommt es in dieser Börsenphase auch zu einer breiten Berichterstattung in der Boulevardpresse, die mit reißerischen Titelbildern und Schlagzeilen die Gier noch weiter anfacht. Man spricht hier vom sog. Bildzeitungsindikator.

Profis und institutionelle Anleger ziehen sich spätestens an diesem Punkt aus der Börse zurück, denn die Dienstmädchenhausse markiert in der Regel das Ende des Börsenaufschwungs und endet fast immer in einem Crash. Und das aus ganz logischen und nachvollziehbaren Aspekten: Angebot und Nachfrage. Wenn jeder sein Geld an die Börse getragen und für steigende Aktienkurse gesorgt hat, wenn selbst die Dienstmädchen ihr Erspartes in Aktien angelegt haben, wer soll dann noch kaufen? Wer hat noch Geld, um nach den Kleinanlegern weiter Aktien zu kaufen und die Aktienkurse auf weitere Rekordstände zu hieven? Zumal die Profianleger sich während der Endphase der Hausse sukzessive aus dem Markt verabschiedet haben. Die Konsequenz ist, dass die Nachfrage versiegt und schon kleinere Verkaufsaufträge ihre eigene Dynamik entfalten und zu einen Absinken des Marktes führen. Und diejenigen, die sich "Reichtum über Nacht" versprochen haben, sehen nun ihre Aktien ins Minus drehen und mit jedem weiteren Tag fallender Kurse macht sich mehr Entsetzen breit. Bis dann alle gleichzeitig verkaufen wollen - in einem Markt ohne Käufer. Der Absturz kommt also fast unvermeidlich und aus Gier wird Angst, dann Panik. Die Kurse stürzen ab und die Hausse stirbt in der Baisse.
»Für jede Spekulationsblase liegt schon eine Nadel bereit. Jedes Mal, wenn es bumm macht, gibt es wieder ein paar Anleger, die eine alte Lektion neu lernen müssen.«
(Warren Buffett)
Sobald also die Boulevardpresse die Kursentwicklung von Gold oder Aktien oder Bitcoins aufgreift und man im privaten Rahmen immer öfter dieses Thema von Leuten diskutiert sieht, die bis vor Kurzem nicht einmal wüssten, wie Börse geschrieben wird, dann ist es Zeit, die Party zu verlassen. Erkennt man eine Dienstmädchenhausse, sollte man sein Geld vom Tisch und die Geschichte ihren Lauf nehmen lassen. Denn auch in der Hausse gilt: den letzten beißen die Hunde.

Nachdem er vor einem Jahr eine echte Dienstmädchenhausse bei Bitcoins gab, ist dort die Euphorie merklich gewichen - wohl auch dank der zahlreichen Betrugsfälle rund im Tokens, ICOs, Krypto-Börsen. Egal, wo und und mit wem man sich unterhalten hat, über Bitcoins wusste jeder Bescheid, jeder hatte schon damit spekuliert oder dachte daran, dies bald zu tun. Gier frisst Hirn. Aber das muss jeder selbst wissen, wie viel Hirn er bereit ist zu opfern. Und wie viel Geld...

Apropos Gier: schwindelerregend sind momentan wieder einmal die Preise, zu denen neue "hippe" Unternehmen an die Börse kommen. Ob nun diese Lyftnummer oder jetzt Pinterest und demnächst auch Uber. Hier herrscht sehr viel (zu viel?) Euphorie im Markt und das ist seit jeher ein ernstes Warnsignal.


Galbraiths "Hymne der Vorsicht"

Ich habe kürzlich ein kurzes, aber sehr lehrreiches Buch gelesen von John Kenneth Galbraith. Und ich meine nicht seine Abhandlung über den großen Crash von 1929, sondern "Finanz Genies - Eine kurze Geschichte der Spekulation". Abgesehen davon, dass der Eichborn Verlag den Titel völlig verhunzt hat, denn mit Genies hat das Buch wenig zu tun, eher mit (periodischem) Wahnsinn. Im Original heißt es denn auch "A Short History oF Financial Euphoria" und Galbraith bezeichnete sein Buch selbst als "Hmyne der Vorsicht". Das trifft es sehr viel besser. Er greift darin die größten Spekulationsblasen der (Börsen-)Geschichte auf und zeigt präzise das ihnen allen innewohnende Muster auf: Es scheint eine neue Erfindung/Entwicklung zu geben, die die bisherigen Naturgesetze außer Kraft setzt und alles verändert. Überwiegend junge Menschen drängen in diesen Bereich und die Kurssteigerungen sind atemberaubend, bisherige Bewertungsansätze ergeben keinen Sinn mehr und werden daher als überholt beiseite geschoben, immer mehr Geld fließt in diesen Markt und zwar zunehmend auf Kredit. Diese Szenarien enden immer auf die gleiche Weise: mit einem lauten Knall, einem totalen Absturz, wenn alle erkennen, dass die Party vorbei ist und sie alle gleichzeitig nur noch "raus" wollen. Und viele dann weniger herausbekommen, als sie zur Rückzahlung ihrer für diese Spekulation aufgenommenen Kredite brauchen.

Warum ich dieses Buch erwähne? Weil die letzten, die noch auf das Karussell aufspringen und waghalsig auf Kredit die völlig überteuerten Aktien kaufen, Privatleute sind, ganz normale Menschen, das Fußvolk. Die Dienstmädchen eben. Dabei ist es egal, ob die Spekulationsblase bei Aktien entsteht, bei Tulpenzwiebeln, Südsee-Kolonialwaren, Eisenbahnen, Immobilien oder Kunst. Das Phänomen liegt nicht am System, es liegt nicht am Objekt, es liegt in der menschlichen Natur. Angst und Gier sind unsere stärksten Triebfedern. Auch, aber nicht nur, an der Börse...

Das Buch gibt es wohl leider nur noch gebraucht...

Buch hier ordern (deutsche Ausgabe)
Buch hier ordern (deutsche Ausgabe)
Buch hier ordern (engl. Ausgabe)

Kommentare:

  1. ...jetzt bräuchte ich nur noch Bildzeitung-lesende Dienstmädchen, damit ich am Puls der Zeit bleiben kann und die Dienstmädchenhausse auch rechtzeitig erkenne ;)

    AntwortenLöschen
  2. In "One up on Wall Street" schreibt Peter Lynch dazu sehr anschaulich seine eigenen Erfahrungen der Börsenphasen, ich glaube das war so:
    1. Phase: Wenn er auf einer Party erwähnt, was er beruflich macht, und der Zahnarzt gelangweilt nickt und weitergeht.
    2. Phase: Wenn sich alle auf der Party um ihn scharen und Aktientipps wollen
    3. Phase: Wenn der Zahnarzt ihm Tipps gibt, welche Aktien er kaufen solle :-D

    AntwortenLöschen
  3. “Far more money has been lost by investors preparing for corrections, or trying to anticipate corrections, than has been lost in corrections themselves.”
    – Peter Lynch

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Richtig Moritz, man sollte niemals versuchen, den Markt zu timen. Es sei denn, alle Anzeichen sprechen absolut für einen drohenden Crash. Ob und wann dies ggf. vorliegt, muss man dann entscheiden. Ich habe das, wie gesagt, schon zweimal mitgemacht und weiß nicht, ob ich es beim nächsten Mal erkennen würde und ob bzw. wie ich dann ggf. darauf reagiere. Ken Fisher hat es meiner Erinnerung nach sowohl 2000 als auch 2008 geschafft, vorher seinen Aktienbestand weitgehend glattzustellen. Und der ist ja eigentlich eher Dauer-Bulle. Natürlich bin ich nicht so schlau wie er, aber wenn er zum Verkauf rät, werde ich sicherlich ganz genau hinhören und mir meine Gedanken machen...

      Löschen
  4. Das Problem bei Blasen ist, dass man diese erst im Nachhinein erkennt. Ich bin der Meinung, dass die Wirtschaft so komplex ist, dass niemand in der Lage ist Aussagen über die Zukunft zu treffen, deshalb machen die wirlich erfolgreichen Jungs das auch nicht, sondern überlassen es den Experten, die als Angestelle für wenig Geld arbeiten und mit der U-Bahn zur Arbeit fahren. Ich sage lieber, ich weiß es nicht und fahre besser einen schönen Sportwagen. Deshalb investiere ich in Unternehmen, die so billig sind, dass deren Gewinne in den nächsten Jahren um bis zu 90% fallen können und ich langfristig immer noch Gewinne machen kann. Ob die Gewinne wirklich fallen werden oder sogar steigen, darüber mache ich mir keine Gedanken. Auch bei BERKSHIRE HATHAWAY hatten die Experten recht, dass das Textil Business keine Zukunft hatte... Aber die hatten eine gewisse Zeit positive Cashflows und was man mit diesen Cashflows machen konnte, hat Onkel Buffet ja gezeigt. Deshalb sage ich in etwa 100% der Fälle, wenn ich gefragt werde, wie ich die Zukunft eines Unternehmens einschätze, "ich weiß es nicht". Wenn ich aber das 1-3 fache der durchschnittlichen Gewinne bezahle, muss verdammt viel schief gehen, dass ich lanfristig (5-10 Jahre) kein Geld mache...

    AntwortenLöschen