Dienstag, 26. Dezember 2017

Was ist... eine Dienstmädchenhausse?

Aktienkurse entstehen aus Angebot und Nachfrage, ganz klassisch. Und wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, steigt der Aktienkurs. Über die Jahrzehnte hinweg erzielen Aktien Kurssteigerungen von durchschnittlich rund 7 Prozent pro Jahr und sich damit eine der rentierlichsten Anlageformen überhaupt. Auf lange Sicht sogar ungeschlagen; nur auf kurze Sicht kommt es bisweilen mal zu einer schlechteren oder gar negativen Performance. Zum Beispiel in Zeiten eines Börsencrashs. Doch diese Phasen sind in der Regel viel kürzer als die Phasen steigender Kurse und die Kursrückschläge, selbst die heftigen, sind zumeist nach relativ kurzer Zeit wieder aufgeholt.

Von einer Hausse spricht man, wenn die Kurse über einen längeren Zeitraum deutlich ansteigen. Doch was haben Dienstmädchen damit zu tun und weshalb sind sie so bedeutsam für unseren Anlageerfolg?


Wir Deutschen haben - vorsichtig ausgedrückt - eine rückständige Aktienkultur. In anderen Ländern, wie zum Beispiel den USA, gehören Aktienanlagen zum Leben dazu, sie stellen einen erheblichen Teil der Altersversorgung dar, die auf privaten Schultern ruht und nicht gesetzlich geregelt ist wie bei uns durch die Staatliche Rente im Umlageverfahren.

Es ist also ganz normal, dass man sich dort ab und zu über Aktien unterhält, auch im privaten Rahmen. Bei uns kommt das kaum vor; mit dem Thema Aktien und Börse kann man auf keiner Party die Massen fesseln und zum geschätzten Unterhalter werden. Meistens. Doch dann gibt es diese Phasen...

Ab und zu kommt es vor, dass die Börsen wirklich haussieren. Wie zwischen 1998 und 2000, was wir heute als Internetblase kennen, oder vor einigen Jahren bei Gold, als der Preis dieses Edelmetalls atemberaubend hochschnellte auf über 2.000 Dollar je Unze. Zu diesen Zeiten müssen die Investoren den Spekulanten und Zockern an der Börse das Feld überlassen. Gier ist das bestimmende Element, Bewertungen spielen keine Rolle mehr. Jeder hat das Gefühl, er könne heute einsteigen und wäre morgen reich. Und wenn er nicht einsteigt, würde er die größte Chance seines Lebens verpassen. Die Kurse steigen schnell und schier unaufhaltsam und immer mehr Zeitungen greifen das Thema auf, bis es auch zum angesagten Gesprächsstoff bei Privatleuten wird. Und zwar nicht bei den Reichen, die ohnehin ihr Vermögen anlegen (müssen), sondern bei Otto Normalverdiener. Aus dem wird erst ein Kleinanleger und dann innerhalb kürzester zeit ein Börsenexperte. Denn was immer er auch vor wenigen Tagen gekauft hat, liegt schon zweistellig im Plus. Und das liegt natürlich nicht an der allgemeinen Euphorie, sondern am Neu-Experten und seiner fünfzehn minütigen Erfahrung an der Börse. Natürlich...

Der Einstieg von immer mehr Kleinanlegern, die zuvor kein Interesse an der Börse hatten und sie bewusst gemieden haben, den nennt man Dienstmädchenhausse. Selbst die Dienstmädchen haben (früher) in solchen Phasen ihren kargen Lohn in Aktien gesteckt und sich über diese unterhalten. Zumeist kommt es in dieser Börsenphase auch zu einer breiten Berichterstattung in der Boulevardpresse, die mit reißerischen Titelbildern und Schlagzeilen die Gier noch weiter anfacht. Man spricht hier vom sog. Bildzeitungsindikator.

Profis und institutionelle Anleger ziehen sich spätestens an diesem Punkt aus der Börse zurück, denn die Dienstmädchenhausse markiert in der Regel das Ende des Börsenaufschwungs und endet fast immer in einem Crash. Und das aus ganz logischen und nachvollziehbaren Aspekten: Angebot und Nachfrage. Wenn jeder sein Geld an die Börse getragen und für steigende Aktienkurse gesorgt hat, wenn selbst die Dienstmädchen ihr Erspartes in Aktien angelegt haben, wer soll dann noch kaufen? Wer hat noch Geld, um nach den Kleinanlegern weiter Aktien zu kaufen und die Aktienkurse auf weitere Rekordstände zu hieven? Zumal die Profianleger sich während der Endphase der Hausse sukzessive aus dem Markt verabschiedet haben. Die Konsequenz ist, dass die Nachfrage versiegt und schon kleinere Verkaufsaufträge ihre eigene Dynamik entfalten und zu einen Absinken des Marktes führen. Und diejenigen, die sich "Reichtum über Nacht" versprochen haben, sehen nun ihre Aktien ins Minus drehen und mit jedem weiteren Tag fallender Kurse macht sich mehr Entsetzen breit. Bis dann alle gleichzeitig verkaufen wollen - in einem Markt ohne Käufer. Der Absturz kommt also fast unvermeidlich und aus Gier wird Angst, dann Panik. Die Kurse stürzen ab und die Hausse stirbt in der Baisse.

»Für jede Spekulationsblase liegt schon eine Nadel bereit. Jedes Mal, wenn es bumm macht, gibt es wieder ein paar Anleger, die eine alte Lektion neu lernen müssen.«
(Warren Buffett)

Sobald also die Boulevardpresse die Kursentwicklung von Gold oder Aktien oder Bitcoins aufgreift und man im privaten Rahmen immer öfter dieses Thema von Leuten diskutiert sieht, die bis vor Kurzem nicht einmal wüssten, wie Börse geschrieben wird, dann ist es Zeit, die Party zu verlassen. Erkennt man eine Dienstmädchenhausse, sollte man sein Geld vom Tisch und die Geschichte ihren Lauf nehmen lassen. Denn auch in der Hausse gilt: den letzten beißen die Hunde.

P.S.: Momentan scheinen wir auf eine Dienstmädchenhausse bei Bitcoins zuzulaufen. Denn egal, wo und und mit wem man sich unterhält, über Bitcoins weiß jeder Bescheid, jeder hat schon damit spekuliert oder denkt daran, dies demnächst zu tun. Gier frisst Hirn. Aber das muss jeder selbst wissen, wie viel Hirn er bereit ist zu opfern. Und wie viel Geld...

Kommentare:

  1. Hallo Michael,

    ein interessanter Artikel. Ich hätte dazu noch einige Anmerkungen.

    Einen Markt ohne Käufer gibt es so nicht auch nicht in einer Baisse. Denn wo es Käufer gibt, da gibt es auch Verkäufer.

    Dein Beispiel zu Bitcoins finde ich super, weil es uns hervorragend demonstriert, wie so ein Crash an der Börse geschieht.

    Es müssen einige Leute in den letzten Tagen massiv Geld verloren haben, als der Kurs von Bitcoin sich von 20k auf 10k quasi halbiert hat - Panik, Panik, Panik. Mittlerweile steht der Kurs wieder bei 16k. Nun werden die Profis und Instis wie Goldman Sachs wieder absahnen, bis die Dienstmädchen den Schock verarbeitet haben, um dann vielleicht bei 50k wieder einzusteigen :-)

    In einem stimme ich Dir aber nicht zu. Den genauen Zeitpunkt eines Crashs kann man nicht vorhersehen. Nimmt man sein Geld zu früh vom Tisch, dann verschenkt man Rendite.

    Deswegen erscheint mir ein strikter Buy&Hold in nahezu jeder Anlage die beste Alternative zu sein. Als Investor muss man Risiken eingehen.

    Grüße,
    Martin

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  2. Die Dienstmädchenhausse ist hier erst im Anfang. Eine harte Lernerfahrung wartet auf diejenigen, die sich vor der Volatilität bei Aktien gefürchtet haben und jetzt in Bitcoin einsteigen, in der Erwartung es geht nur nach oben. Hat man allerdings die Erwartung, es geht auf Null und setzt nur etwas Spielgeld ein, macht die Volatilität mit einer minimalen Position durchaus spaß. #hodl

    Aber im Gegensatz zu vielen anderen Spekulationsblasen sehe ich hier viele der wirklich Großen ("Profianleger", Großbanken, Pensionsfonds, ...) noch wartend an der Seitenlinie stehen. Vielleicht ändert sich das mit der Einführung von ETFs.

    Die Preise basieren auf Angebot und Nachfrage. Das Angebot ist zumindest bei Bitcoin begrenzt. Geld drucken, Ausgabe neuer Aktion, Gold einschmelzen / aus der Erde holen bringen hier nicht das Angebot nach oben. Da müsste das Vertrauen auf Breiter Front bröckeln oder die Großen Bitcoin-Halter großflächig verkaufen (z.B. Winkelvoss-Zwillinge)

    Die Bitcoin-Blase ist bereits mehrmals geplatzt: 2011 gab es einen Crash von über 90% und 2013 einen Crash von über 80%. Es wird sicher noch ein paar weitere Crashs solcher Größenordnung geben.

    Ein weiterer Gesichtspunkt ist das fast schon religiöse festhalten an Glaubenssystemen-
    sowohl bei den Bitcoin-Befürwortern als auch bei den Gegnern. ("austrian vs. keynesian economics", "Lender of last Resort", "Deflation ist böse, Inflation ist Notwendig", etc.)

    Gute Quellen für technische Hintergründe:

    Jameson Lopp
    lopp.net/bitcoin.html

    Andreas Antonopoulos
    https://www.youtube.com/channel/UCJWCJCWOxBYSi5DhCieLOLQ

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