Montag, 8. Juni 2020

Was ist... eine Dienstmädchenhausse?

Aktienkurse entstehen aus Angebot und Nachfrage, ganz klassisch. Und wenn die Nachfrage das Angebot übersteigt, steigt der Aktienkurs. Über die Jahrzehnte hinweg erzielen Aktien Kurssteigerungen von durchschnittlich rund sieben Prozent pro Jahr und sich damit eine der rentierlichsten Anlageformen überhaupt. Auf lange Sicht sogar ungeschlagen; nur auf kurze Sicht kommt es bisweilen mal zu einer schlechteren oder gar negativen Performance. Zum Beispiel in Zeiten eines Börsencrashs. Doch diese Phasen sind in der Regel viel kürzer als die Phasen steigender Kurse und die Kursrückschläge, selbst die heftigen, sind zumeist nach relativ kurzer Zeit wieder aufgeholt.

Von einer Hausse spricht man, wenn die Kurse über einen längeren Zeitraum deutlich ansteigen. Doch was haben Dienstmädchen damit zu tun und weshalb sind sie so bedeutsam für unseren Anlageerfolg oder auch -misserfolg?

Wir Deutschen haben - vorsichtig ausgedrückt - eine rückständige Aktienkultur. In anderen Ländern, wie zum Beispiel den USA, gehören Aktienanlagen zum Leben dazu, sie stellen einen erheblichen Teil der Altersversorgung dar, die auf privaten Schultern ruht und nicht gesetzlich geregelt ist wie bei uns durch die Staatliche Rente im Umlageverfahren.

Es ist also ganz normal, dass man sich dort ab und zu über Aktien unterhält, auch im privaten Rahmen. Bei uns kommt das kaum vor; mit dem Thema Aktien und Börse kann man auf keiner Party die Massen fesseln und zum geschätzten Unterhalter werden. Meistens. Doch dann gibt es diese Phasen...

Ab und zu kommt es vor, dass die Börsen wirklich haussieren. Wie zwischen 1998 und 2000, was wir heute als Internetblase kennen, oder vor einigen Jahren bei Gold, als der Preis dieses Edelmetalls atemberaubend hochschnellte auf über 2.000 Dollar je Unze. Zu diesen Zeiten müssen die Investoren den Spekulanten und Zockern an der Börse das Feld überlassen. Gier ist das bestimmende Element, Bewertungen spielen keine Rolle mehr. Jeder hat das Gefühl, er könne heute einsteigen und wäre morgen reich. Und wenn er nicht einsteigt, würde er die größte Chance seines Lebens verpassen. Die Kurse steigen schnell und schier unaufhaltsam und immer mehr Zeitungen greifen das Thema auf, bis es auch zum angesagten Gesprächsstoff bei Privatleuten wird. Und zwar nicht bei den Reichen, die ohnehin ihr Vermögen anlegen (müssen), sondern bei Otto Normalverdiener. Aus dem wird erst ein Kleinanleger und dann innerhalb kürzester zeit ein Börsenexperte. Denn was immer er auch vor wenigen Tagen gekauft hat, liegt schon zweistellig im Plus. Und das liegt natürlich nicht an der allgemeinen Euphorie, sondern am Neu-Experten und seiner fünfzehn minütigen Erfahrung an der Börse. Natürlich...

Der Einstieg von immer mehr Kleinanlegern, die zuvor kein Interesse an der Börse hatten und sie bewusst gemieden haben, den nennt man Dienstmädchenhausse. Selbst die Dienstmädchen haben (früher) in solchen Phasen ihren kargen Lohn in Aktien gesteckt und sich über diese unterhalten. Zumeist kommt es in dieser Börsenphase auch zu einer breiten Berichterstattung in der Boulevardpresse, die mit reißerischen Titelbildern und Schlagzeilen die Gier noch weiter anfacht. Man spricht hier vom sog. Bildzeitungsindikator.

Profis und institutionelle Anleger ziehen sich spätestens an diesem Punkt aus der Börse zurück, denn die Dienstmädchenhausse markiert in der Regel das Ende des Börsenaufschwungs und endet fast immer in einem Crash. Und das aus ganz logischen und nachvollziehbaren Aspekten: Angebot und Nachfrage. Wenn jeder sein Geld an die Börse getragen und für steigende Aktienkurse gesorgt hat, wenn selbst die Dienstmädchen ihr Erspartes in Aktien angelegt haben, wer soll dann noch kaufen? Wer hat noch Geld, um nach den Kleinanlegern weiter Aktien zu kaufen und die Aktienkurse auf weitere Rekordstände zu hieven? Zumal die Profianleger sich während der Endphase der Hausse sukzessive aus dem Markt verabschiedet haben. Die Konsequenz ist, dass die Nachfrage versiegt und schon kleinere Verkaufsaufträge ihre eigene Dynamik entfalten und zu einen Absinken des Marktes führen. Und diejenigen, die sich "Reichtum über Nacht" versprochen haben, sehen nun ihre Aktien ins Minus drehen und mit jedem weiteren Tag fallender Kurse macht sich mehr Entsetzen breit. Bis dann alle gleichzeitig verkaufen wollen - in einem Markt ohne Käufer. Der Absturz kommt also fast unvermeidlich und aus Gier wird Angst, dann Panik. Die Kurse stürzen ab und die Hausse stirbt in der Baisse.
»Für jede Spekulationsblase liegt schon eine Nadel bereit. Jedes Mal, wenn es bumm macht, gibt es wieder ein paar Anleger, die eine alte Lektion neu lernen müssen.«
(Warren Buffett)
Sobald also die Boulevardpresse die Kursentwicklung von Gold oder Aktien oder Bitcoins aufgreift und man im privaten Rahmen immer öfter dieses Thema von Leuten diskutiert sieht, die bis vor Kurzem nicht einmal wüssten, wie Börse geschrieben wird, dann ist es Zeit, die Party zu verlassen. Erkennt man eine Dienstmädchenhausse, sollte man sein Geld vom Tisch und die Geschichte ihren Lauf nehmen lassen. Denn auch in der Hausse gilt: den letzten beißen die Hunde.

Nachdem es vor zwei Jahren eine echte Dienstmädchenhausse bei Bitcoins gab, ist dort die Euphorie merklich gewichen - wohl auch dank der zahlreichen Betrugsfälle rund im Tokens, ICOs, Krypto-Börsen. Egal, wo und und mit wem man sich unterhalten hat, über Bitcoins wusste jeder Bescheid, jeder hatte schon damit spekuliert oder dachte daran, dies bald zu tun. Gier frisst Hirn. Aber das muss jeder selbst wissen, wie viel Hirn er bereit ist zu opfern. Und wie viel Geld...

Apropos Gier: schwindelerregend sind momentan wieder einmal die Preise, zu denen neue "hippe" Unternehmen an die Börse kommen. Ob die Lyftnummer, die unschöne Uberraschung oder Wewürg. Hier herrschte sehr viel (zu viel?) Euphorie im Markt und das ist seit jeher ein ernstes Warnsignal.


Galbraiths "Hymne der Vorsicht"

Ich habe kürzlich ein kurzes, aber sehr lehrreiches Buch gelesen von John Kenneth Galbraith. Und ich meine nicht seine Abhandlung über den großen Crash von 1929, sondern "Die Geschichte der Spekulationsblasen: Die Psychologie hinter vier Jahrhunderten Gier und Panik an der Börse". Im Original heißt es "A Short History oF Financial Euphoria" und Galbraith bezeichnete sein Buch selbst als "Hmyne der Vorsicht". Das trifft es ziemlich genau.

Er greift darin die größten Spekulationsblasen der (Börsen-) Geschichte auf und zeigt präzise das ihnen allen innewohnende Muster auf: Es scheint eine neue Erfindung/Entwicklung zu geben, die die bisherigen Naturgesetze außer Kraft setzt und alles verändert. Überwiegend junge Menschen drängen in diesen Bereich und die Kurssteigerungen sind atemberaubend, bisherige Bewertungsansätze ergeben keinen Sinn mehr und werden daher als überholt beiseite geschoben, immer mehr Geld fließt in diesen Markt und zwar zunehmend auf Kredit. Diese Szenarien enden immer auf die gleiche Weise: mit einem lauten Knall, einem totalen Absturz, wenn alle erkennen, dass die Party vorbei ist und sie alle gleichzeitig nur noch "raus" wollen. Und viele dann weniger herausbekommen, als sie zur Rückzahlung ihrer für diese Spekulation aufgenommenen Kredite brauchen.

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Warum ich dieses Buch erwähne? Weil die letzten, die noch auf das Karussell aufspringen und waghalsig auf Kredit die völlig überteuerten Aktien kaufen, Privatleute sind, ganz normale Menschen, das Fußvolk. Die Dienstmädchen eben. Dabei ist es egal, ob die Spekulationsblase bei Aktien entsteht, bei Tulpenzwiebeln, Südsee-Kolonialwaren, Eisenbahnen, Immobilien oder Kunst. Das Phänomen liegt nicht am System, es liegt nicht am Objekt, es liegt an und in der menschlichen Natur. Angst und Gier sind unsere stärksten Triebfedern. Auch, aber nicht nur, an der Börse...

Kommentare:

  1. "Aus dem wird erst ein Kleinanleger und dann innerhalb kürzester zeit ein Börsenexperte. Denn was immer er auch vor wenigen Tagen gekauft hat, liegt schon zweistellig im Plus."

    Genau so fühlt es sich bei mir an! Aber der Kopf bremst die Euphorie. Vor einigen Jahren hatte ich ein Musterdepot, reale Kurse aber nur Spielgeld. "Hin und her macht Tasche leer" und " mit Hebel verlieren 90% der Kleinanleger Geld" konnte ich live miterleben. Ich denke, das Spielgeld hat mir viel gebracht.

    Was mich aber aktuell umtreibt ist, dass der DAX schon fast wieder am Höchststand ist. Nicht alle Titel gleich aber trotzdem. Die aktuelle Lage ist doch neu, wenn im Artikel gefragt wird, wo neues Geld zum anlegen herkommen soll, wenn schon das Dienstmädchen ihr Geld angelegt hat, könnte man aktuell mit "von den Zentralbanken" beantworten. Der Transrapid München-Flughafen hätte drei Mrd gekostet, aktuell bietet die Bundesregierung also 400 Transrapid in diesem Jahr um Corona zu bekämpfen. Da blickt man nicht mehr durch!

    Es scheint aktuell alles in Aktien zu gehen oder in diesen zu bleiben. Die Onlinebroker bitten seit Monaten Neukunden um Geduld, weil aktuell viele ein Depot haben wollen. Die die länger dabei sind haben gar nicht vor zu verkaufen, sondern kaufen eher nach.

    Also frage ich: ist der Gesamtmarkt überhitzt, oder einzelne Titel (neue Erfindung/Entwicklung wie im Artikel beschreiben) oder ist es diesmal ganz anders, weil das viele frische Geld Anlagemöglichkeiten sucht und nur in Realwerten findet?

    Ich tendiere dazu jetzt nach einem Monat schon wieder Kasse zu machen und liquide zu bleiben wie Warren Buffet. Doch ich merke, wie schwer man verkauft, wenn es gut läuft!

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  2. Hallo Michael,
    wiederum ein interessanter Beitrag deinerseits. Er erinnert mich an meine eigenen Erfahrungen mit dem Ende einer Dienstmädchenhausse um die Jahrhundertwende. Damals sah man auf den Fernsehschirmen im Fitnessstudio fast nur ein Programm - NTV. Gespräche über Aktien waren an der Tagesordnung. Selbst Leute, denen das nötige Kleingeld fehlte, wollten beim Aktienkauf nicht zurückstehen. Es wurde, nicht nur im "Neuen Markt" alles gekauft, was einen wohlklingenden Namen hatte.
    Ein Feuerwehrmann erklärte voller Stolz, dass ihn sein Banker anrufen würde, wenn es einen "Krasch" geben würde. Ich erfuhr auf Nachfrage den Namen dieses Crash-Propheten. Es war ein mir bekannter "Bankfuzzi" (man möge mir den Ausdruck verzeihen) einer Provinzbank, der stets die besten Tipps aus diversen Börsenmagazinen hatte, die heute zum Teil nicht mehr existieren.
    Ich war nach diesem Erlebnis vorgewarnt und dachte schon daran, zumindest einen Teil meiner Aktienbestände zu verkaufen. u.a. den damaligen Highflyer Nokia, der von Höchststand zu Höchststand eilte.
    Mein zweites Schlüsselerlebnis, nur wenige Wochen danach, veranlasste mich zum Kassemachen auf breiter Front. Das Gespräch, in wunderschönem und unverfälschtem Dialekt, verlief fast wortwörtlich folgendermaßen: "Hast du schon Aktien gekauft" Worauf der Angesprochene antwortete "Nein, ich bin noch nicht dazu gekommen". "Das musst du unbedingt machen. Da kannst du nichts verkehrt machen"!
    Am nächsten Morgen habe ich meine damalige Bankberaterin bei der DB angerufen (eine kompetente Frau), ihr meine Absicht geäußert, in großen Umfang verkaufen zu wollen und sie gebeten, sich mein Depot diesbezüglich anzuschauen. Sie rief mich eine Stunde später an und wir hatten weitgehend Konsens bezüglich des Verkaufens. Ich ließ mich von ihr überzeugen, dass es nicht verkehrt wäre, einen Teilbestand im Depot zu belassen. Im Nachhinein betrachtet ein großer Fehler, den ich der Dame aber nicht anlaste, da es meine Entscheidung war. Zwei Drittel meines durch Splits enorm gestiegenen Nokiabestandes verkaufte ich mit einem Riesengewinn von über 500 Prozent (!) Kursgewinn - steuerfrei. Dazu Microsoft, BB Biotech, Cisco, Intel usw..
    Gegenwärtig sehe ich die Kurserholungen und Höchststände einiger Aktien mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mir persönlich ist die Erholung etwas zu schnell gegangen. Die Probleme sind noch nicht gelöst. Es kann jederzeit einen Rückschlag geben. Aber den richtigen Zeitpunkt des Ausstiegs zu finden, ist reine Glückssache. Noch schwieriger verhält es sich jedoch mit dem Wiedereinstieg. Denn das geht auf breiter Front garantiert schief, weil man oft zu früh kauft, die Kurse weiter fallen, zuwartet und die Kurse plötzlich drehen. (Anm. Ich bin schon 40 Jahre im Geschäft).
    Fazit: Ich werde an meinen Qualitätsaktien unbeirrt festhalten und weiterhin stark investiert bleiben und nur bei einigen spekulativen Aktien Gewinnmitnahmen in Erwägung ziehen. Wenn ich mein Portfolio mit deiner Beobachtungsliste resp. deinem Depot abgleiche, stelle ich sehr viele Übereinstimmungen fest. Ich bin allerdings auch seit sehr vielen Jahren mit bislang gutem Erfolg in Schweizer Qualitätsaktien investiert und hole mir jedes Jahr einen erklecklichen Betrag in Form von Quellensteuerrückerstattung zurück, die aufgrund des starken CHF einen satten Extrabonus für 2019 einbrachte.
    Lieber Michael, ich werde weiterhin deine gut recherchierten Beiträge mit großem Interesse verfolgen und wünsche dir, mir, aber auch allen unseren Kolleginnen und Kollegen ein glückliches Händchen und viel Anlageerfolg.

    Es grüßt dich unbekannterweise in herzlicher Verbundenheit

    Willy

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  3. Das Buch scheint unter einem anderem Titel (Die Geschichte der Spekulationsblasen: Die Psychologie hinter vier Jahrhunderten Gier und Panik an der Börse) neu aufgelegt worden zu sein.

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    1. Vielen Dank für den Hinweis, die Neuauflage ist mir entgangen. Habe ich im Artikel aktualisiert.

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