Donnerstag, 10. Dezember 2020

Facebook vor der Zerschlagung? Oder: wenn der Tiger gar keine Krallen hat...

Facebook wird von 48 US-Bundesstaaten und der US-Wettbewerbsbehörde FTC verklagt: der weltweit führende Social-Media-Konzern habe seine heutige Monopolstellung gezielt durch die Übernahme von Wettbewerbern aufgebaut.

Konkret geht es um Instagram (2012) und WhatsApp (2014), die Facebook nach Auffassung der Kläger nur übernommen habe, um eine drohende Konkurrenz frühzeitig auszuschalten.

"Geschmäckle" hat das Ganze, weil die zuständigen Behörden, wie die FTC, diese Übernahmen seinerzeit genehmigt hatten. Da weist Facebook natürlich auch drauf hin und bemüht den Rechtsfrieden, in dem die (berechtigte) Frage aufgeworfen wird, wie verbindlich eine verbindliche und abschließende Genehmigung denn überhaupt sei, wenn die nach vielen Jahren einfach wieder infrage gestellt wird.

Auf jeden Fall "wird es jetzt ernst für Facebook", titeln viele Medien und Kommentatoren. Doch diese Einschätzung geht etwas vorbei. An der Realität...

Es mag in Zeiten von Donald Trump und Fake News komisch anmuten, aber Fakten zählen (vor Gericht) und nicht bloß Behauptungen.

Die Kläger müssen nachweisen, dass durch Facebooks Handeln (also die Übernahme von Instagram und WhatsApp) den Verbrauchern ein Schaden entstanden ist - nicht Facebook als Beklagter muss seine Unschuld beweisen. Und dieses zu behaupten, ist etwas anderes, als es zu belegen. Das wird kaum gelingen. Das Verfahren wird sich jahrelang hinziehen und ggf. am Ende in die Berufung gehen. In dieser Zeit kann viel passieren; auch weil der Wettbewerb bei Social Media-Plattformen bestimmt nicht kleiner wird.

Zur Erinnerung: auch gegen Microsoft wurde Mitte der 1990er Jahre ein Kartellverfahren angestrengt und am Ende gab es sogar ein Zerschlagungsurteil! Microsoft ging in Berufung und dann versandete das Ganze mit der Zeit, bis Ende 2001 die US-Regierung als Klägerin ihren Antrag zurückzog und das Verfahren einstellen ließ. Der eigentliche Grund für das Verfahren hatte sich nämlich zwischenzeitlich erledigt: denn der Internet Explorer, an dem sich das Ganze festgemacht hatte, war nicht mehr fester Bestandteil von Windows (Versionen 95 und 98) und... er war erst recht nicht mehr der dominierende Browser. Das waren Firefox und später Chrome.

Meine Einschätzung

Ähnlich wird es bei Facebook laufen. Es wird keine Zerschlagung geben. Ich glaube eher, dass Facebook am Ende eine satte Strafe zahlen muss, weil irgendwelche Zusagen nicht oder nur unvollständig eingehalten wurden (die EU hatte Facebook bzgl. der WhatsApp-Übernahme hier schon zur Kasse gebeten). Und natürlich wird Facebook bei künftigen Übernahmen wenig(er) Chancen haben, die Zustimmung der Regulierungsbehörden zu bekommen.

Insofern ist/wird Facebook schon eingeschränkt und wird sich daher auf seine bestehenden Services fokussieren, um diese für die Nutzer seiner Plattformen und Dienste attraktiver zu machen und sie (noch) länger in seinem Ökosystem zu halten, ohne dass sie es verlassen müssten. Die Versuche Richtung Online-Dating, Online-Shopping und Digital Payments sind nur erste Schritte auf diesem Weg.

Und in der Zwischenzeit wird Facebook weiterhin viel Geld verdienen. Sein Cashflow ist enorm und wächst weiter an, sein Cashpolster ebenso - und die Wachstumsaussichten sind weiter hervorragend. Weniger bei der absoluten Zahl der Nutzer, denn hier stößt man bei weltweit mehr als 2 Milliarden Nutzern an natürliche Grenzen, aber bei der Zeit, die die Menschen im Facebook-Ökosystem verbringen und bei den Beträgen, die hier ausgegeben werden.

Daher sollte Facebook mit seinem starken ökologischen Burggraben in keinem gut sortierten Depot fehlen.

Disclaimer: Habe Facebook, Microsoft auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot/Wiki.

3 Kommentare:

  1. Ich denke auch, dass es hier nur darum geht etwas Kasse zu machen. Wirklich was nachweisen wird schwierig, denke ich. Sollte der Kurs dennoch nachgeben, würde ich über eine Position nachdenken.

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  2. Hallo,

    Auf der Technologischen Seite hat Facebook ja auch noch einige Pfeile im Köcher. Wie es aktuell mit Libra läuft weiß ich zwar nicht, ich habe mir aber vor kurzem eine gebrauchte Oculus Quest zum Ausprobieren gekauft und bin wirklich begeistert.
    Bisher war ich davon ausgegangen, dass VR nur etwas für Hardcore-Spieler ist, aber Oculus könnte mit dem Produkt die Tür zum allgemeinen Konsumenten aufstoßen. Die Quest scheint aktuell die einzige brauchbare VR-Brille zu sein, die selbständig funktioniert.
    Vorteile sind:
    - Der Preis von 300$ (USA für Quest 2)
    - Kein 1000€-PC notwendig
    - Keine Kabel, die die Bewegung hindern
    - Der physische Spielbereich kann einfach und schnell abgesteckt werden. So kann man die Brille mit zu Freunden nehmen und ist in einer Minute fertig zum Starten.
    - Bei Bedarf kann die Quest an einen Gaming-PC angeschlossen werden und tritt damit auch gegen die hochpreisigen VR-Brillen an
    - Sie kann sogar die Hände erkennen – man kann zB in einer Fitness-Anwendung einfach die Hände zum Steuern nehmen und so problemlos Liegestütze und ähnliches machen ohne erst die Controller verstauen zu müssen

    Der große Nachteil ist natürlich, dass man sich zur Nutzung bei FB anmelden muss. Der Preis und die Qualität der Hard- und Software ist aber so gut, dass viele Leute evtl. über die Account-Pflicht hinwegsehen werden.

    Es könnte doch gut sein, dass FB hier den üblichen Weg geht: so schnell wie möglich viele User in das eigene System bekommen (dafür eignen sich die aktuellen VR-Brillen wahrscheinlich sehr gut) und dann mit Software-Verkäufen und Nutzerdaten Geld verdienen. Vielleicht positioniert sich Oculus in Zukunft irgendwann als Spielekonsole neben Sony/Microsoft/Nintendo. Auf Steam haben die Oculus-Brillen bereits jetzt den höchsten Nutzeranteil (https://www.pcgameshardware.de/Virtual-Reality-Hardware-258542/News/Steam-Survey-September-2020-zeigt-Zuwachs-bei-VR-1359289/).

    Vielleicht entwickelt sich die VR-Sparte in den nächsten Jahren zu einem weiteren Standbein von FB, oder ist die so klein, dass sie auch in den nächsten 5 Jahren keinen signifikanten Einfluss auf den Konzern haben wird? Was meinen Sie?

    Grüße & herzlichen Dank für den tollen Blog!
    Christoph

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    1. Ja, VR ist ein spannendes Zukunftsthema. Momentan noch ausschließlich für Nerds und Gamer, denke ich. Aber sobald es einem Anbieter gelingt, ein wirklich alltagstaugliches Gerät auf den Markt zu bringen, könnte das eine Entwicklung wie das Iphone oder die Apple Watch nehmen. Bin gespannt, wie sich das entwickeln wird...

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