Montag, 12. November 2018

Munger rät: Halte immer Cash in der Hinterhand - falls sich ein guter Deal anbietet!

Liquidität, also die kurzfristig verfügbaren Finanzmittel, wird zurzeit so schlecht verzinst, wie noch nie. Ob auf dem Girokonto, als Tages- oder Festgeld, die Zinssätze sind historisch niedrig und decken nicht einmal die - selbst moderate - Inflationsrate ab. Es ist daher für den Vermögensauf- und -ausbau erstrebenswert, sich rentierlichere Assets zu suchen. Nur wenn das Geld arbeitet, also in Anleihen, Aktien, Fonds steckt, kann es dort Erträge in Form von Zinsen, Dividenden, Kursanstiegen erwirtschaften; solange es auf dem Konto schlummert, bringt es keine Rendite und schmälert in der Gesamtbetrachtung die Performance.

Man sollte also meinen, stets zu 100 Prozent investiert zu sein, sei der sicherste Weg zu nachhaltigem Reichtum und dass Börsenlegenden wie Warren Buffett und Charlie Munger stets einige Milliarden Dollar als Liquiditätsreserve horten, wäre demnach unerklärlich. Es sollte sich also lohnen, mal genauer hinzusehen...


Buffett versteht Liquidität nicht als Anlage, Tagesgelder betrachtet er nicht unter dem Aspekt des Zinsertrages, sondern als schlichte Notwendigkeit. Denn da Buffett langfristig investiert, treffen ihn auch die großen Schwankungen an der Börse stets mit voller Wucht, sowohl in der Hausse als auch in der Baisse. Und gerade, wenn die Kurse stark fallen, hat Buffett gute Laune, obwohl sein Portfolio dann Milliarden an Wert verliert. Die Antwort liegt in einem Wort: Liquidität!

Liquidität bedeutet Handlungsfreiheit
Für Warren Buffett stellt Liquidität Handlungsfähigkeit dar und die benötigt er weniger in steigenden Märkten, wo er seine Positionen weiter ausbaut, sondern vor allem in fallenden Märkten oder gar Krisenszenarios. Denn in diesen Phasen, wo viele Anleger gleichzeitig ihre Aktien auf den Markt werfen, treten die größten Kursabstürze auf und Buffett kauft in der Panik (der anderen) all die Aktien, die ihm bis dato zu teuer erschienen. In der Krise zuzugreifen bedeutet, "den Dollar für 50 Cents kaufen zu können", wie Warren Buffett so gerne sagt. Denn in der Panik werden auch die Aktien von hervorragenden Unternehmen mit in den Keller geprügelt und sind so zu Schnäppchenpreisen zu erwerben. Während andere verkaufen, kauft Buffett, er ist das Paradebeispiel für einen antizyklischen Investor. Und vor allen hieraus speisen sich seine fast 20 Prozent durchschnittlicher Jahresrendite, die er seit nunmehr über 50 Jahren erzielt.

»Die meisten Leute interessieren sich für Aktien, wenn alle anderen es tun. Die beste Zeit ist aber, wenn sich niemand für Aktien interessiert.«
(Warren Buffett)

In Krisen kaufen (können)
Die meisten Anleger gehen mit der Masse, folgen dem Trend. Das führt dazu, dass sie dann Aktien kaufen, wenn Aktien gerade "in" sind, und sie dann abzustoßen versuchen, wenn keiner mehr Aktien haben will. Das Grundprinzip des erfolgreichen Kaufmanns, niedrig zu kaufen und hoch zu verkaufen, wird auf diese Art jedoch ausgehebelt und deshalb verlieren nicht wenige Anleger auch in langen Bullenmärkten unter dem Strich Geld. Für Buffett ist es einfach, hier anders zu agieren. Denn er interessiert sich nicht für die Aktie als Geldanlage, sondern er investiert in das Unternehmen. Er sucht nach gut geführten, langfristig erfolgreichen Gesellschaften mit krisenfestem Geschäftsmodell und soliden Zukunftsaussichten sowie hohen Eigenkapitalrenditen. Wenn er ein solches Unternehmen auf dem Schirm und dessen "fairen Wert" ermittelt hat, zieht er hiervon noch eine Sicherheitsmarge ab und kommt zu seinem maximalem Einstiegskurs. Konsequent wartet er ab, bis dieser Kurs erreicht ist, was auch mal mehrere Jahre dauern kann. Doch dann schlägt er zu und kauft so viele Anteile, wie er zu diesem Kurs (oder darunter) kriegen kann. Danach lehnt er sich zurück und lässt das Unternehmen für ihn Geld verdienen.

»Jedes intelligente Investieren ist das Investieren in Werte - mehr bekommen als das, wofür Du bezahlst. Investieren ist, wenn Du einige großartige Unternehmen findest und dann auf Deinem Hintern sitzt.«
(Charlie Munger)

Wer nun zu 100 Prozent investiert ist, erzielt auch die maximale Performance, wenn der Markt steigt. Er hat allerdings keine Möglichkeit, bei günstigen Gelegenheiten zuzugreifen - es sei denn, er verkauft einen Teil seiner Anlagen, um Liquidität für die Neuerwerbungen zu haben. Den Broker freut's, denn jeder Umsatz bringt ihm Provisionen. Fällt der Markt nun, bieten sich immer mehr Chancen, doch um diese wahrzunehmen, muss der voll investierte Anleger nun in den fallenden Markt hinein Anlagen veräußern, was die Kurse noch weiter drückt. Das klingt nicht nur nach einer schlechten Strategie, sie ist auch wirklich mies. Es ist aber auch nicht jedermanns Sache, Börsenkrisen auszusitzen und bei auflaufenden Buchverlusten, ruhig zu bleiben. Hier bieten sich nämlich die Chancen, seine Einstandskurse bei herausragenden Unternehmen zu verbilligen. Und genau dafür benötigt man Liquidität, um genau dann flüssig zu sein, wenn es nötig ist. Warren Buffett verdankt einen großen Teil seines Erfolges dem Kauf von ausgebombten Qualitätstiteln, die vorübergehend abgestürzt waren. Und es stört ihn auch nicht, wenn die Kurse um weitere 50 Prozent nachgeben, nachdem er eingestiegen ist. Denn da er deutlich unter dem fairen Wert einsteigt, kann er relativ sicher sein, dass sich der Kurs wieder über diesen Level erhöht. Und als Langfristinvestor ist es Buffet egal, ob dies morgen oder nächstes Jahr geschieht. Denn er hat sich an dem Unternehmen beteiligt, nicht bloß deren Aktien gekauft. Das ist ein erheblicher und äußerst relevanter Unterschied!

»Cash ist immer eine wichtige Reserve, um investieren zu können, wenn andere verkaufen müssen.«
(Warren Buffett)

Wertpapierkredit als Liquiditätsreserve?
Nun lautet einer der Grundsätze erfolgreichen Investierens, niemals auf Kredit zu spekulieren. Und er ist und bleibt richtig - auf eine interessante Ausnahme möchte ich hier eingehen. Ein Wertpapierkredit ist eine von einer Bank eingeräumter Kreditrahmen, für den man je nach Inanspruchnahme Zinsen zahlen muss. Er funktioniert also wie ein Dispokredit, ist aber besichert, denn die Wertpapiere im Depot dienen als Sicherheit für den Kredit. Wertpapierkredite kosten daher in der Regel erheblich weniger also unbesicherte Kredite. Allerdings werden die Wertpapiere nicht zum Nominalwert, also zu 100 Prozent, als Sicherheiten angesetzt, sondern je nach Risikoklasse mit Abschlägen versehen. Deutsche Aktien werden also mit 60 Prozent angesetzt, US-Aktien mit 50 Prozent usw. So ist eine gewisse Sicherheitsmarge eingezogen, falls die Kurse fallen sollten. Denn das große Risiko bei einem Wertpapierkredit ist nicht die Höhe seiner Verzinsung, sondern dass der Wert der Sicherheiten durch einen Kursrutsch unter den in Anspruch genommenen Kreditbetrag fällt. Dann muss man entweder Geld nachschießen (sog. "Margin Call"), um den Kreditbetrag zu reduzieren, oder aber Wertpapiere zwecks Tilgung verkaufen. Und zwar nachdem ihre Kurse stark eingebrochen sind. Ganz entscheidend ist also, selbst noch eine zusätzliche Sicherheitszone einzuziehen, indem man die Höhe des Wertpapierkredites auf 20 oder 25 Prozent des Wertpapierbestandes begrenzt. Und man sollte den Wertpapierkredit nicht bis an die Grenze ausreizen, weil dessen Verzinsung durch die erworbenen Wertpapiere erst einmal erwirtschaftet werden muss. Ein Wertpapierkredit sollte also möglichst nur als zusätzliche Liquiditätsreserve genutzt werden. In "normalen" Börsenzeiten bleibt er ungenutzt, doch wenn es in Krisenzeiten die attraktivsten Einstiegsmöglichkeiten gibt, dann kann er zusätzlich zur vorhandenen Liquidität mit in Anspruch genommen werden. So investiert man in den lukrativsten Momenten mit einem zusätzlichen Hebel und kann seine langfristige Performance erheblich verbessern.

»Halten Sie immer einen guten Teil Ihres Kapitals als Barreserve. Investieren Sie niemals alle Ihre Geldmittel.«
(Bernard Baruch)

Liquidität ist eine Call-Option für das richtige Investment zur richtigen Zeit
Liquidität zu halten, ist also eine Notwendigkeit, um langfristig an der Börse Erfolg zu haben. Nicht die mickrige Verzinsung selbst ist entscheidend, sondern die Möglichkeit, zum richtigen Zeitpunkt auf Einkaufstour gehen zu können. Wenn Aktien in kürzester Zeit um 30 oder 40 Prozent abstürzen und man sie dann einsammelt, erzielt man in der Erholung eine weit überdurchschnittliche Rendite. Denn wenn ein Kurs um 50% fällt, muss er anschließend 100% zulegen, nur um wieder sein Ausgangsniveau zu erreichen.

»Es erfordert Charakter, auf so viel Geld zu sitzen und nichts zu tun. Aber ich bin nicht deshalb so erfolgreich, weil ich mich mit mittelmäßigen Gelegenheiten abgegeben habe.«
(Charlie Munger)

In diesen Phasen wird das große Geld an der Börse verdient und genau dann benötigt man die Liquidität. Die übrige Zeit, auch wenn es Jahre sind, in denen die Liquidität nur geringe Zinserträge bringt, werden in diesen Momenten um ein Vielfaches wettgemacht. Hier wird die Performance erzielt, nicht über wenige Prozentpunkte mehr oder weniger auf den Cash-Konto. Liquidität ist also quasi eine Call-Option für das richtige Investment zum richtigen Zeitpunkt.

Kommentare:

  1. Ich tue mich bei einer Liquiditätsreserve immer sehr schwer, um die richtige Höhe zu finden. Wenn man wie Charlie Munger zig Milliarden mit Berkshire verwaltet, kann man auch 10 Millionen auf dem Girokonto halten.

    Heruntergebrochen auf mein Depot wären das dann vielleicht 10 EUR oder so. :) Also wie sollte man das am besten in der Realität mit der Cash Reserve handhaben? 10% des Depots auf dem Verrechnungskonto können irgendwann auch eine Menge Holz werden, die vielleicht jahrelang herumliegen, weil man ja nie weiß, wann der beste Zeiptpunkt zum Nachschießen ist.

    Und wenn es z.B. nur 3% des Depots sind und man erwischt mit dem kompletten Geld genau DIE Aktie, die um 50 % gefallen ist und dann wieder um 100% steigt, erhöht das mein Depot gerade einmal um 6%. Vermutlich anteilig sogar noch viel weniger, da auch die verbliebenen Aktien/ ETF von einer Erholung profitieren werden.

    Ein Wertpapierkredit ist da sicherlich eine Option, leider bietet den meine Depotbank nicht an. Und nur deswegen wechseln möchte ich auch nicht. Gute WPK gibt es ja meines Wissens nach bei Brokern wie Degiro oder IB, da schrecken mich aber im Gegenzug die Eigenverantwortlichkeiten bei der Steuererklärung ab. Also alles nicht so einfach, wie so oft im Leben. :)

    VG Markus

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    1. Genau das ist ja das Thema. Entweder man ist jederzeit "all in", dann nimmt man die Kursbewegungen nach oben voll mit. Aber eben auch die Kurseinbrüche. Oder man hält bewusst Cash als Reserve zurück, dann schmälert man seine Rendite beim Kursaufschwung entsprechend, kann aber bei bei Kurseinbrüchen günstig(er) nachkaufen. Buffett und Munger bevorzugen die zweite Option. Aber eben noch aus einem anderen Grund als nur aus Renditeoptimierungsgründen. Ihnen geht es auch um Sicherheit um, Krisenfestigkeit. Wenn es zu einem Crash kommt und/oder einer Wirtschaftskrise, dann geht vielen Unternehmen das Geld aus und sie sind auf externe Mittel angewiesen. Vor allem von Banken, da während eines Crashs ja kaum Kapitalerhöhungen über die Börse möglich sind. Die Banken halten sich mit Kreditvergaben und auch -verlängerungen in Krisenzeiten aber stärker zurück, so dass die Unternehmen echte Probleme bekommen können, wenn ihnen das Geld ausgeht. Berkhshire wird das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passieren, weil sie diese enormen Cash-Reserven haben. Sie können also ihre ganzen Töchter und Beteiligungen mit Cash versorgen in Krisenzeiten und zusätzlich noch zu Schnäppchenkursen neue hinzukaufen. Genau dann, wenn die Preise am Boden liegen. Oder wie Buffett so amüsant ausdrückte: "Wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer ohne Badehose schwimmen gegangen ist".

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  2. Die höchsten Renditen hat Buffet nicht als Quality Investor sondern als Contrairian bzw. cigar butt investor erreicht. Genau diesen Ansatzt rät er auch Investoren mit "geringen" Geldmengen. Die meisten schauen aber wie er jetzt handelt. In einem Interview hab ich gesehen, dass er jetzt froh ist, wenn er mit seinen Summen den Mark langfristig schlagen kann.

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  3. “If I was running $1 million today, or $10 million for that matter, I’d be fully invested. Anyone who says that size does not hurt investment performance is selling. The highest rates of return I’ve ever achieved were in the 1950s. I killed the Dow. You ought to see the numbers. But I was investing peanuts then. It’s a huge structural advantage not to have a lot of money. I think I could make you 50% a year on $1 million. No, I know I could. I guarantee that.”

    -- Warren Buffett

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