Montag, 22. August 2016

Kaufe niemals auf Kredit

Unternehmen nutzen Fremdkapital, der Staat begibt Anleihen, Privatleute finanzieren Möbel, Autos, Häuser über Kredite. Weshalb sollten Anleger nicht auch auf Kredite zurückgreifen, um an der Börse zu spekulieren? Immerhin gibt es speziell zugeschnittene Wertpapierkredite (auch Effekten-Lombard-Kredit genannt), bei denen man zu vergleichsweise attraktiven Zinskonditionen Kredit erhält gegen Verpfändung von Wertpapieren. Also eigentlich doch eine sichere Sache, oder?

Jedenfalls so lange, bis die Aktienkurse zu fallen beginnen. Denn dann sinkt auch der Wert der als Sicherheit hinterlegten Papiere und wenn er unter den des Kreditbetrages fällt, fordert die Bank zum Nachschießen auf (sog. Margin Call). Dann muss man entweder frisches Geld einzahlen, um den Kreditbetrag zu senken, oder Wertpapiere veräußern. Die besondere Gefahr liegt darin, dass die Wertpapiere niemals zu ihrem Nominalwert, also 100%, als Sicherheit akzeptiert werden. Aktien von DAX-Unternehmen sind meist zu 60% beleihbar, ausländische Aktien zu 50%, Optionsscheine und andere Derivate überhaupt nicht. Ist der Kreditbetrag ausgereizt und die Kurse laufen in die falsche Richtung, muss man Wertpapiere glattstellen, nachdem sie bereits erhebliche Kursverluste verzeichnet haben. Die Ansätze des Value Investings sind aber genau andere: in Krisen zukaufen und in Euphorie verkaufen - und dazwischen einfach abwarten.

»Spekuliere niemals auf Kredit. Ich hatte 1924 einen Margin Call und ich schwor mir, niemals wieder auf Kredit zu spekulieren. Das ist einer der entscheidenden Gründe, weshalb ich durch die 1930er Jahre kam.«
(Philip Carret)

Ein weiteres Argument spricht gegen Börsenspekulationen auf Kredit: der Hebeleffekt (auch Leverage-Effekt). Eigentlich soll ja dadurch, dass man mit zusätzlichem Fremdkapital Aktien kauft, eine noch höhere Rendite dabei herauskommen. Aber Value Investing ist auf mittel- und langfristige Sicht angelegt und nicht auf das Mitnehmen kurzfristiger Kursschwankungen. Wenn man nun für eine Aktie, die man jahrelang im Depot behält, 6,5% Zinsen pro Jahr bezahlen muss, hilft einem selbst eine üppige  Dividendenrendite von z.B. 4% nicht weiter, da sich die Dividendenausschüttung ja 1:1 als Kursabschlag auswirkt und man sie auch noch versteuern muss.

»Wir wollen niemals auf das Wohlwollen anderer angewiesen sein,um unsere Verpflichtungen von morgen erfüllen zu können.«
(Warren Buffett)

Warren Buffet, der wohl erfolgreichste Value-Anleger der Welt, kommt in 40 Jahren auf eine durchschnittliche Rendite von knapp 20% pro Jahr - kreditfinanziert startet man selbst also deutlich im Minus. Zusätzlich verliert man durch die Kreditfinanzierung seine Handlungsfreiheit, nämlich die Freiheit, nichts zu tun, Geduld zu haben, sein Geld für sich arbeiten zu lassen. Das Geld arbeitet bei auf kreditfinanzierten Wertpapieren gegen einen, das Chance-Risiko-Verhältnis ist ganz klar negativ.

Und dennoch... eine Ausnahme gibt es, wie immer: ein Wertpapierkredit ist dann sinnvoll, wenn man ihn nicht dauerhaft einsetzt, sondern ihn ausschließlich als zusätzliche Liquidität für Einstiegszeiten betrachtet, denn langfristig bringt Liquidität die Rendite! Er verursacht keine Kosten, solange er nicht in Anspruch genommen wird, und kann helfen, bei günstigen Einstiegsgelegenheiten besonders üppig zuzugreifen.

Kommentare:

  1. Warren Buffett investiert aber mit Kredithebel

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    1. Sein Unternehmen Berkshire Hathaway nutzt auch Fremdkapital, das ist richtig. Aber als Investor, als Privatperson - und die meisten Anleger agieren als Privatpersonen - nutzt er keine Kredite für seine Investments und er rät auch allen Anlegern dringend davon ab. Das Risiko, wenn es in einer Krise bzw. einem Crash stark abwärts geht mit den Kursen, ist um ein Vielfaches größer, als die zuvor (entgangenen) Chancen. Gewinne kann man immer machen, kleine und große. Einen Totalverlust, z.B. durch Kreditspekulation, erleidet man nur einmal... Und wie uns schon Benjamin Grahamn lehrte: erst auf die Risiken schauen, dann auf die möglichen Renditechancen.

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    2. Hallo Michael, das stimmt so nicht ganz. Buffett hat (trotz all seiner Warnungen bezüglich Krediten) nicht nur bei Berkshire, sondern auch in der Partnership immer wieder Wertpapierkredite aufgenommen. Siehe z.B. der 1961 Brief an die Partner, wo er das Kreditlimit als 25% der AUM angibt. Bei Berkshire ist übrigens nicht nur das Fremdkapital ein Kredit, sondern im Endeffekt auch die vielen Milliarden an Insurance Float, die Buffett in Aktien angelegt hat. Deshalb war er immer so scharf darauf, Versicherungen zu kaufen: sie gaben ihm relativ günstige Kredit ("Float"), die er für die Aktienanlage nutzen konnte.

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    3. Moin hzenger,
      damit hast Du Recht; in meinem letzten Absatz des Artikels habe ich ja explizit den Wertpapierkredit als Ausnahme genannt. 25% der AUM halte ich für eine akzeptable Größenordnung, da man so noch immer "ausreichend" Masse zur Verfügung hat, um ggf. auf einen Kurseinbruch reagieren zu können, ohne damit sein Kapital zu sehr angreifen zu müssen ("Margin Call").

      Der Float aus den Versicherungen ist hier mit "Kredit" allerdings nicht gemeint, da es ja kaum auf einen Privatanleger zutrifft, dass er auf stetige Versicherungsprämien als Einnahmen zurückgreifen kann, die er erst - und nur evtl. - später für die Schadensbegleichung benötigt.

      Buffetts Ratschläge richten sich ja an Otto Normalverbraucher, nicht an Fondsmanager und nicht an Unternehmenslenker, die in Aktien spekulieren. Berkshire Hathaway ist daher kaum als Mustervorlage zu verstehen.

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  2. Guten Morgen Herr Kissig

    Was halten Sie von günstigen, langfristigen Krediten wie z.B. eine Grundschuld auffüllen, um langfristig (min. 10 Jahre) in Aktien zu investieren.

    Moritz

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    1. Moin Moritz,
      das kommt drauf an. Wenn die dann zu erwerbenden Aktien die Zinsen (und Tilgung) für das Darlehen/die Grundschuld erwirtschaften müssen, dann ist das Risiko kein kleines. Denn wenn am Ende der Laufzeit die Börse gerade einen Crash erlebt, hat man ein ggf. existenzbedrohendes Problem. Die Bank wird evtl. den Kredit nicht verlängern und man muss dann zu Tiefstkursen die Aktien verkaufen, um den Kredit abzulösen. Und am Ende bleibt dann trotzdem noch ein offener Kreditsaldo.

      Wenn man aus seinem alltäglichen Budget den Kredit "locker" abtragen und seine Zinsen bedienen kann, dann kann man unter Umständen das jetzige günstige Zinsniveau ausnutzen. Aber wie gesagt, die Risiken sind beträchtlich.

      Hilfreich in diesem Zusammenhang könnte ein Blick auf den Selfmade-Milliardär Adolf Merkle sein (Ratiopharm, HeidelbergerCement) und sein Schicksal - wegen Kreditspekulationen.

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