Montag, 18. Juni 2018

Gesco kaufen? Echt jetzt? Echt jetzt!

Ich habe ja ein Faible für Beteiligungsgesellschaften, denn sie ermöglichen es Otto Normalbürger, sich am Motor des Wirtschaftswunders zu beteiligen, am Deutschen Mittelstand. Jedes Land auf der Erde beneidet uns Deutsche um unseren breit aufgestellten und erfolgreichen Mittelstand und wer reich werden möchte, sollte sich hier möglichst stark engagieren. Über die vielen an der Börse gelisteten Beteiligungsgesellschaften ist dies ohne Schwierigkeiten möglich und auf meiner Empfehlungsliste finden sich eine ganze Reihe der Erfolgreichsten, wie 3U Holding (WKN: 516790), Aurelius (WKN: A0JK2A), Blue Cap (WKN: A0JM2M), Deutsche Beteiligung (WKN: A1TNUT), GBK Beteiligungen (WKN: 585090), KAP Beteiligung (WKN: 620840), MAX Automation (WKN: A2DA58), MBB (WKN: A0ETBQ), m-u-t (WKN: A0MSN1; bald Nynomic) oder Ringmetall (WKN: 690100). Und nun auch Gesco (WKN: A1K020), die ich aus guten Gründen bisher immer verschmäht hatte. Bis jetzt...


Über börsennotierte deutsche Beteiligungsgesellschaften und ihre unterschiedlichen Ausrichtungen habe ich in den letzten Jahren drei ausführliche Artikel verfasst:


Und in keinem der Artikel konnte ich Gesco viel abgewinnen, zu schlecht waren die operativen Ergebnisse, zu gering die Erfolge im Beteiligungsgeschäft und zu schlecht Aussichten im Vergleich mit der Peergroup. Und wer in diesen fünf Jahren nicht in Gesco investiert hat, hat auch nichts verpasst. Im Gegenteil: das Geld wäre in fast jeder anderen deutschen Beteiligungsgesellschaft besser aufgehoben gewesen, von Ad Capital und Greiffenberger mal abgesehen...

Vor einiger Zeit begann sich das Blatt zu wenden und Gesco fand langsam zurück in die Erfolgsspur. Da ich damals das Umsteuern ausführlich beschrieben habe, spare ich mir das an dieser Stelle. Und ich bin natürlich gefragt worden, ob Gesco dann nicht auch auf meine Beobachtungsliste gehören würde. Doch drei Gründe haben mich zurückgehalten:

  1. Nach einer so langen Zeit des Vorsichhindilettierens muss ein Unternehmen erst einmal beweisen, dass der Turnaround auch nachhaltig gelungen ist. Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer.
  2. Gescos größter Fehlgriff war die Beteiligung Protomaster und ich wollte erst sichergestellt wissen, dass man sich dieser Altlast endgültig entledigt und das Desaster bilanziell verarbeitet hat.
  3. Eine weitere Altlast, ein Kartellverfahren gegen die Gesco-Tochter Dörrenberg Edelstahl, drohte mit einer Kartellstrafe in zweistelliger Millionenhöhe und auch hier wollte ich nicht mit einer offenen Flanke operieren.

Den Aktienkurs haben meine damaligen Bedenken nicht interessiert, der hat sehr viel Phantasie vorweggenommen und ist von 23 Euro auf 36 Euro bis Ende 2017 hinaufgeschossen. Und wie Ikarus kam er Sonne zu nah und taumelt seitdem wieder abwärts, weil die erste Euphorie einfach zu groß war. Gesco konnte zwar operativ deutlich stärkere Ergebnisse vorweisen und auch verbesserte Margen, aber die (letztmalige) Abschreibung auf Protomaster belastete noch einmal deftig. Und Anfang des Jahres bekam man ein Vergleichsangebot im Kartellverfahren auf den Tisch und hat sich entschieden, die dafür benötigten 8,5 Mio. Euro als Rückstellungen in den Jahresabschluss einzustellen.

 Gesco (Quelle: wallstreet-online.de
Und da sind wir beim Thema: das Geschäftsjahr von Gesco läuft vom 1. April bis 31. März - auch deshalb besteht man darauf, dass alle Tochtergesellschaften ihrerseits den Jahresabschluss per 31.12. erledigen. Und für diesen Jahresabschluss 2017/18 gibt es keine Rettung mehr: trotz der tollen operativen Fortschritte wird er durch die letztmalige Abschreibung auf Protomaster und die Millionenrückstellung aufgrund der Kartellstrafe belastet. Die Börse hatte sich eine Verdreifachung beim Gewinn ausgemalt und quittierte diese Entwicklung ("nur noch" Gewinnverdopplung) mit deutlichen Kursrücksetzern bis auf nun aktuell 27,50 Euro. Aber... an der Börse wird die Zukunft gehandelt!

Mund abputzen, weiter machen!
Der positive Aspekt ist, dass alle meine drei genannten Problemfelder nun abgearbeitet sind: der Turnaround bestätigt sich, der Verkauf von Protomaster ist im Dezember 2017 final erfolgt und auch die Kartellstrafe belastet nicht mehr, da sie bilanziell im Jahresabschluss 2017/18 als Rückstellung abgefrühstückt wurde.

Die vorläufigen Zahlen für 2017/18 zeigen dann auch die enormen Fortschritte, die Gesco im letzten Jahr gemacht hat. So lag der Konzernumsatz mit rund 547,2 Mio. Euro um gut 13% über dem Vorjahreswert von 482,5 Mio. Euro. Noch stärker stieg der Konzernjahresüberschuss nach Anteilen Dritter, der mit 16,1 Mio. Euro mehr als das Doppelte des Vorjahreswertes von 7,9 Mio. Euro erreichte.

Der Hauptversammlung am 30. August wird folgerichtig ein Dividendenvorschlag von 0,60 Euro je Aktie unterbreitet, der den Vorjahreswert von 0,35 Euro ebenfalls fast verdoppelt. Gesco will hier weiterhin der Prämisse folgen, jeweils rund 40% des Jahresüberschusses als Dividende auszukehren und die aktuelle Dividendenrendite von 2,6% ist durchaus attraktiv.

Und auch im Vorstand gibt es Veränderungen: Dr. Eric Bernhard, der in den letzten Jahren den Konzern wieder in die Erfolgsspur gebracht hat, ist von Bord gegangen und ihm folgt Ralf Rumberg nach. Und auch der langjährige Finanzvorstand Robert Spartmann wird seinen Vertrag am 30. November auslaufen lassen. Man kann dies als Signal verstehen, dass die Zeit der Sanierung hinter Gesco liegt und künftig wieder das Buy & Build im Vordergrund stehen kann und soll. Dieser Ansatz hatte Gesco in früherer Zeit zu einer der erfolgreichsten Mittelstandsholdings in Deutschland gemacht und es gibt keinen Grund, weshalb man nicht an diese alten Erfolge wieder anknüpfen können sollte. Die Grundlagen dafür sind jedenfalls gelegt und die inzwischen erreichte EBIT-Marge von rund 4,5% ist nur ein Etappensieg. Das mittelfristige Ziel ist, wieder den alten Bestwert von 8% zu erreichen. Dem entsprechend optimistisch blickt der Vorstand auf das neue Geschäftsjahr 2018/2019 (01.04.2018 bis 31.03.2019) und erwartet ein moderates Umsatzwachstum bei einem kräftigen, deutlich überproportionalen Ergebnisanstieg.

Was Gesco von den übrigen deutschen Beteiligungsgesellschaften unterscheidet, ist der Branchenfokus. Anders als z.B. MAX Automation oder MBB liegt der Schwerpunkt nicht im Automobilsektor, sondern Gescos "Portfolio-Strategie 2022" setzt diesen mit den aktuell 17 Tochterunternehmen in der Produktionsprozess-Technologie, der Ressourcen-Technologie, der Gesundheits- und Infrastruktur-Technologie sowie der Mobilitäts-Technologie.

Meine Einschätzung
Gesco hat seine Altlasten bereinigt und stellt sich auch personell neu auf. Das Jahresergebnis 2017/18 ist durch hohe Sonderaufwendungen einmalig (bzw. letztmalig) belastet, doch den operativen Gewinn konnte Gesco jedenfalls annähernd verdreifachen. Der Protomaster-Verkauf entlastet den Gewinn, reduziert aber auch die Umsätze; diese dürften trotzdem um knapp 4% steigen, während das Ergebnis deutlich stärker zulegen dürfte. Aufgrund der erfolgten Kapitalerhöhung dürften weitere Zukäufe anstehen und dann im Jahresverlauf Umsatz- und Ergebnisanpassungen nötig machen. Auch, weil Gesco "intern" noch einige Potenziale zu heben hat und seine EBIT-Marge wieder deutlich steigern will - bis zum früheren Spitzenwert von 8% weist diese noch fast annähernd Verdopplungspotenzial auf.

Gesco befindet sich inzwischen wieder auf dem Weg des profitablen Wachstums und sollte von der Stärke der Investitionsgüterindustrie weiter profitieren können. Der Kursrückgang nach dem ersten Überschwang aufgrund des erfolgreichen Turnarounds sollte daher eine attraktive Einstiegsgelegenheit für geduldige Anleger bieten, die auf ein Wiedererstarken dieser Mittelstandsperle setzen wollen.

Disclaimer
Ich habe mir Gesco ins Depot gelegt und nehme den Wert auch auf meine Beobachtungsliste.

Kommentare:

  1. Tja, da trifft ein Management-Team die richtigen Entscheidungen basierend auf einer Analyse in 2016 und setzt eine vielversprechende Strategie 2022 in Gang. Offensichtlich kommen die Maßnahmen auch bei den Beteiligungen an und man ist auf gutem Weg. Und dann wird es 2018 "zum Dank" ersetzt und bzw. seine Verträge werden nicht verlängert.

    Das ist für mich unverständlich, kurzsichtig und kein gutes Zeichen. Ich hätte es lieber gesehen, wenn Dr. Bernhard, den ich 2016 in Frankfurt auf dem Eigenkapitalforum voller Elan erlebt habe, weiter gemacht hätte. Das auch der CFO geht, ist für mich ein weiteres Warnzeichen. Trotzdem viel Glück bei Deinem Investment.

    Covacoro

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    1. Soweit ich weiß haben beide Vorstände aus eigenem Antrieb heraus ihre Verträge nicht verlängert, nicht umgekehrt...

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