Sonntag, 26. März 2017

Verbilligen oder Verluste begrenzen?

Unter Verbilligen versteht man das Ausbauen einer bestehenden Position zu niedrigeren Einstandskursen. Nach dem ersten Kauf der Werte ist der Kurs also gesunken und in der Bilanz weist die Position ein Minus aus. In dieser Situation das Engagement auszubauen, reduziert den durchschnittlichen Einstandskurs, weshalb man eben von Verbilligen spricht.

Gegner dieser Art der Depotgestaltung sind vor allem jene, die sich strikt an Stopp-Loss-Kursen orientieren. Ihre Maxime lautet oft "Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen". Für Trader geradezu eine elementare Einstellung, aber auch für traditionelle Value-Investoren steht der Kapitalerhalt an erster Stelle. Also eine klare Sache, sollte man meinen, denn der Volksmund sagt ja nicht umsonst, man solle schlechtem Geld kein gutes hinterher werfen... Könnte dennoch etwas für ein Verbilligen sprechen?

»Es ist ganz einfach unsinnig, sich auf Stopp-Orders als Absicherung gegen Kursverfälle zu verlassen, ebenso wie auf künstlich gesetzte Kursziele in Aufwärtsphasen. (...) Bleiben Sie dran und sehen Sie zu, was passiert. Solange die ursprünglichen Bedingungen weiterhin gültig sind oder sich sogar verbessern - und Sie werden in einigen Jahren über die Ergebnisse erstaunt sein.«
(Peter Lynch)

Setzt man voraus, dass der Anleger weiß, was er tut (er ist bei seinem Kauf also nicht dem neusten Börsentipp aus der Zeitung oder einem obskuren Börsenbrief hinterher gehechelt, sondern hat sich seine eigenen Gedanken gemacht), dann hat der Value-Investor einen fairen Wert für ein Unternehmen ermittelt. Er ist eingestiegen, als der Aktienkurs unter diesem Wert notierte und eine zusätzliche ausreichende Sicherheitsmarge beinhaltete. Sofern sich an den Fakten zum Unternehmen und der Einschätzung des Investors nichts geändert hat, wäre es geradezu fahrlässig von ihm, nicht weitere Anteile zu noch günstigeren Kursen zuzukaufen!

Als Warren Buffett in die Washington Post investierte, fiel der Kurs zunächst um gut 50 Prozent, bevor er massiv an Wert gewann und ihn zum Milliardär machte. Ebenso verhielt es sich bei einigen anderen seiner Engagements.

Peter Lynch, der erfolgreichste Fondsmanager der 1980er Jahre scheibt in seinem Buch "Der Börse einen Schritt voraus": "Solange Sie nicht von der These überzeugt sind: 'Wenn ich 25 Prozent im Minus liege, bin ich Käufer', und den fatalen Gedanken: 'Wenn ich 25 Prozent im Plus liege, bin ich Verkäufer', für immer aus ihrem Denken verbannen, werden Sie mit Aktien nie einen anständigen Gewinn machen". Wie auch Buffett ist Lynch ein langfristig orientierter Anleger und nutzt Kursabschläge konsequent aus, um seine Position zu vergrößern - sofern die Daten (noch) stimmen und der Investmencase intakt ist.

»Du wirst Deine Ergebnisse nicht verbessern, indem du die Blumen ausreißt und das Unkraut gießt.«
(Peter Lynch)

Nach Kursverlusten weitere Aktien zuzukaufen, ist also für langfristig orientierte Value Investoren mit ihrem Buy & Hold-Ansatz erfolgversprechend. Denn die aktuellen Kursbewegungen der Aktien sind nicht der Indikator dafür, wie sich der fundamentale Wert des Unternehmens entwickelt. Die Kurse setzt "Mr. Market" fest, Benjamin Grahams imaginärer manisch-depressiver Freund, den er in seinem Standardwerk "Intelligent Investieren" beschreibt und der jeden Tag entsprechend seiner jeweiligen Laune willkürlich Kurse aufruft. Erfolgversprechend erscheint, Aktien dann umzuschichten, wenn sich der Kurs in Bezug auf die fundamentalen Daten verändert hat. Wenn also die Aktie sich so gut entwickelt hat, dass der Kurs dem inneren Wert nahe kommt oder gar schon darüber liegt, dann sollte man die Aktie verkaufen - und ggf. auf niedrigere Kurse warten, um später wieder einzusteigen, wenn der Kurs unter dem inneren (fairen) Wert notiert und zusätzlich die nötige Sicherheitsmarge aufweist. Oder wenn sich die Unternehmensdaten oder -aussichten deutlich verschlechtert haben.

Nachkaufen bzw. Aufstocken einer bestehenden Position ist ebenfalls dann lukrativ, wenn sich die fundamentalen Unternehmensdaten und/oder die Geschäftsaussichten deutlich verbessert haben und der Aktienkurs dies noch nicht eskomptiert hat. Die Sicherheitsmarge ist also noch vorhanden und trotz des gestiegenen Kurses notiert die Aktie unter ihrem fairen Wert. Dann sollte, nein muss, man seine Position aufstocken!

Und auf die Frage, ob man mit einer solchen Strategie und ggf. einem dicken Minus im Depot gut schlafen kann, antworte ich mit einem klaren Ja. Denn dass heute die Börse und die anderen Marktteilnehmer noch nicht erkannt haben, was in meinem Depot für Perlen schlummern, ist ja nicht mein Fehler, sondern der ihre. Ich gebe mich lieber der Vorfreude hin auf die Tage, an denen die Börse den fairen Wert der Unternehmen in meinem Depot erkennt - und sich mein Engagement in steigenden Kursen auszahlt.

Kommentare:

  1. Pulling the flowers and watering the weeds. Eines meiner Lieblingszitate von Lynch..und ein Fehler den ich ab und zu immernoch mache. :D

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  2. Peter Lynch ist nicht nur einer der besten Investoren sondern auch ein großer Philanthrop. Die Einnahmen aus seinen Büchern halt er komplett gespendet, denn das Ziel seiner Bücher war es nicht wie bei André Bartholomew Kostolany noch mehr Geld zu machen, sondern dem Durchschnittsbürger einen Leitfaden zu geben, aus dem Hamsterrad zu kommen. Zu schade, dass er so früh aufgehört hat.
    Von und über Peter Lynch lese ich alles, was ich in die Finger kriege...

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  3. Hallo Herr Kissig,
    gilt das auch für die DRAG?
    Nach meinem Einstieg bei 24,36 hat der Kurs ja ganz gut nachgegeben.
    Sollte man die jetzigen Kurse als günstige Kaufgelegenheit nutzen?
    Insbesondere da DRAG ja jetzt 75% der Fördermenge zu min 47$/Barrel verkauft.

    Gruß Optokoppler

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    1. Die Deutsche Rohstoff hatte für 2016 eine Gewinnwarnung herausgegeben und der Kurs hat das nicht gut aufgenommen. Ich hatte dazu hier ausführlich berichtet. Dabei gab es zwei wesentliche Effekte, nämlich den etwas später als geplanten Beginn des Bohrprogramms in den USA sowie steuerliche Effekte. Die erwarteten 10 Mio. $ können nicht wie gedacht in 2016 ergebniswirksam in der AG verbucht werden. Bei den US-Töchtern kommt die Steuererstattung aber ergebniswirksam an und senkt daher wie geplant die Kosten je Bohrung. Nach wie vor fördert die DRAG zu Kosten knapp über 30$ (WTI) und hat nun bis Jahresende 75% der Produktion für $47 abgesichert. Fällt der Ölpreis unter 47$, hat die DRAG alles richtig gemacht und erst wenn der Ölpreis über $58 steigen sollte, würde der DRAG Gewinn entgehen, da ihre Absicherung mittels "Costless Collars" sie zwar nichts kostet, aber eben auch das Potenzial nach oben begrenzt. Kurse deutlich über 58$ erwarte ich für 2017 allerdings auch nicht.

      Heute gab die DRAG noch bekannt, die Tochter Cub Creek habe plangemäß die nächsten 9 Bohrungen in Colorado in Angriff genommen. Insofern läuft operativ bei der DRAG alles im Plan und das Öl sowie die Gewinne sprudeln. Da die DRAG keine Quartalsberichte vorlegt, sondern "nur" aktualisierte Bohrergebnisse sowie einen Halbjahresbericht als Ergänzung zum jährlichen Geschäftsbericht, werden die konkreten Auswirkungen auf das Zahlenwerk also erst im zweiten Halbjahr bekannt gegeben. Die HV findet am 7. Juli statt; mal sehen, ob es da schon Informationen zum verlauf des ersten Halbjahres geben wird.

      Mein Investmentcase ist weiter intakt und ich sehe deutlich mehr Chancen als Risiken. Der Kursrückgang seit Jahresbeginn sieht für mich daher wie eine gute Nachkaufgelegenheit aus.

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  4. Wie wahr, allerdings muss man das erst erlernen. Ich habe Jahre dazu gebraucht. Die Medien "zwingen" einen regelrecht dazu, mit Stoppkursen usw. zu arbeiten. Seitdem ich mich für das Unternehmen interessiere und nicht mehr für den Kurs, konnte ich die letzten Jahre einige Schnäppchen machen.

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