Dienstag, 19. November 2019

Niedrigzinsen fressen Vermögen auf. Nur richtig sparen bringt noch Rendite!

Seit mehr als einem Jahrzehnt wählen die Notenbanken gegen jedes Problem nur ein Mittel: mehr Geld. Ob Finanzkrise, Bankenkrise, Wirtschaftsflaute, Euro-Problemzonen oder Crash-Tendenzen, stets wird noch mehr Geld gedruckt und zwar Unmengen davon. Üblicherweise führt ein starkes - und auch noch globales - Geldmengenwachstum nach der klassischen Lehre zu Inflation, denn wenn (zu) viel Geld im Umlauf ist, sind Preissteigerungen leichter durchzusetzen und Inflation ruft steigende Zinsen seitens der Notenbanken hervor, um die Preissteigerungen wieder in den Griff zu bekommen.

Doch diesmal scheint alles anders zu sein, das Geld fließt nicht direkt in die Wirtschaft, sodnern in Assets wie Immobilien und Aktien. Daher ist in den führenden Wirtschaftszonen der Welt trotz des vielen zusätzlich verfügbaren Geldes die Inflation weit unter den Zielwerten der Notenbanken und dem entsprechend sinken die Zinsen auf neue Rekordniedrigststände. Nachdem die Strafzölle im US-China-Handelsstreit tiefe Bremsspuren in der globalen Konjunktur hinterlassen und gerade Deutschland mit seinem starken Exposure in den Sektoren Automobil und Maschinenbau kräftig schlingert, haben sich die Notenbanken weltweit auf eine neue Zinssenkungsrunde eingelassen. Das viele billige Geld verleitet zu noch ungebremsterem Schuldenmachen, auch wenn in Deutschland der Staat seit einiger Zeit Schuldenabbau praktiziert - und dafür heftig kritisiert wird. Andernorts wird weiter fleißig drauf gesattelt.

Das dauerhafte Niedrigzinsniveau in der Euro-Zone ruft mehrere Effekte hervor und die Gekniffenen sind vor allem die Sparer. Denen entgeht die Rendite, doch damit fängt ihr Leiden gerade erst so richtig an.

Durch die niedrigen Zinsen wird der Konsum billiger, denn es kostet weniger Geld (Zinsen), sich zu verschulden und selbst Krisenstaaten wie Portugal, Italien oder - wieder - Griechenland können sich zu vergleichsweise moderaten Zinssätzen refinanzieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Zinscoupons ihrer Staatsanleihen weniger abwerfen, als man es bei dem hohen Risiko erwarten sollte, bedenkt man, dass die Krise nicht ohne Grund "Staatsschuldenkrise" heißt und vor allem (die südlichen) Länder der Eurozone betrifft.

Der (deutsche) Sparer ist der Dumme

Für den deutschen Sparer bedeutet die niedrige Inflation, dass sein Geld nur langsam an Wert verliert. Das ist eine gute Nachricht. Doch die Freude hierüber verfliegt schnell, wenn man bedenkt, dass die zu erzielen Zinsen inzwischen deutlich unterhalb der Inflationsrate liegen und ggf. sogar noch versteuert werden müssen. "Negative Realzinsen" nennt man dieses Phänomen und es hat zur Folge, dass man zwar Zinsen für sein Erspartes bekommt, am Jahresende aber dennoch über weniger Kaufkraft verfügt. Deutlich gesagt, man ist trotz Zinsen weniger vermögend als zuvor. Die Bundesbank warnt schon länger, dass die Gesamtrendite, die ein durchschnittlicher Privathaushalt abzüglich der Teuerung erzielte, seit Anfang 2018 ins Minus gedreht ist - sie ist erstmals nach sechs Jahren wieder negativ.

Für den deutschen Sparer hat das konkret negative Auswirkungen, denn ihm entgehen durch schlecht verzinste Einnahmen Milliardenbeträge, was gerade im Hinblick auf die Altersversorgung katastrophale Auswirkungen für die Betroffenen haben kann.

Was ist mit Immobilien?

Um dieser schleichenden Verarmung zu entgehen, suchen die Anleger immer häufiger nach Alternativen. (Auch) deshalb explodieren in Deutschland die Immobilienpreise oder das Geld wandert auf vermeintlich besser verzinste Konten im Ausland. Doch hierbei steigt das Risiko signifikant an, denn Immobilien sind nicht so leicht wieder zu veräußern und wenn es schnell gehen soll oder muss, dann unter Umständen auch mit erheblichem Verlust. Von den Nebenkosten gar nicht zu sprechen.

Dabei sind Immobilien aktuell voll angesagt und die Zeitungen sind voll von Grafiken, die enorme Preissteigerungen zeigen - seit 2009, dem Tiefpunkt der Immobilienkrise, wohlgemerkt. Doch schaut man weiter zurück, was Immobilien einer ganzen Generation wirklich gebracht haben, bekommt man das Grausen: zwischen 1970 und 2015 gab es real keinen Wertzuwachs, während die Inflation mit fast 3 Prozent pro Jahr auch noch am Vermögen knabberte. Die Tabelle zeigt das schonungslos. Die starken Wertzuwächse gerade in den letzten beiden Jahren dürfte die Preise inzwischen allerdings deutlich über die Nulllinie gehievt haben - nach 40 Jahren aber immer noch eine Armutsrendite!

Und Anleihen?

Als weitere Alternative galten Anleihen, doch Staatsanleihen bergen eben auch erhebliche Risiken, wie man bei griechischen Bonds sehen konnte, wo es einen sog."Haircut" gab und die Anleger auf einen Schlag rund die Hälfte ihres Geldes verloren hatten. Und wenn man von 1.000 eingesetzten Euros nur 500 zurückbekommt, dann tröstet einen darüber ein höherer Zinssatz kaum hinweg. Am Ende steht ein dickes, fettes Minus, also Vermögensverzehr. Schaut man auf die aktuelle Entwicklung in Argentinien, scheint sich das Trauerspiel auch dort zu wiederholen. Dabei hatte man dort erst vor knapp zehn Jahren den letzten Staatsbankrott hinter sich gebracht. Paul Singer freut sich bestimmt schon auf eine weitere Runde mit Argentinien-Bonds...

Die Anleger stecken also in einer Misere und einige Jahre lang kamen verstärkt Unternehmensanleihen auf den Markt und fanden zumeist reißenden Absatz. Denn sie boten nicht selten Zinsen von 6 oder mehr Prozent und verglichen mit Bundesanleihen, die weniger als 1 Prozent abwarfen, schienen diese auch noch "Mittelstandsanleihen" genannten Papiere echte Schnäppchen zu sein. Leider waren die emittierenden Firmen wenig(er) solide und scheiterten nicht selten daran, Zinsen und Anlagekapital auch (zurück)zahlen zu können. Das Risiko hat sich konkretisiert, die Chancen dagegen vaporisiert. Das Segment Mittelstandsanleihen kann man getrost als tot abhaken. Verglichen mit den erheblichen Risiken sind die Renditen der Unternehmensanleihen dann eben doch viel zu niedrig, wie auch Star-Investor Warren Buffett schon öfter gewarnt hat.

Aktien sind keine Alternative...

Doch was bleibt Anlegern übrig, wenn sie ihr hart verdientes Geld anlegen wollen? Investmentsfonds schneiden fast alle deutlich schlechter ab als der Markt und bieten sich daher als Alternative nicht unbedingt an. Und auch die kostengünstigeren ETFs haben so ihre Tücken und haben keine Chance, den Vergleichsindex zu schlagen. Wer hier auf die falschen ETFs setzt, auf die falsche Branche oder die falsche Region, erzielt auch keine herausragenden Renditen. Also läuft es am Ende auch hier darauf hinaus, dass man seine Hausaufgaben machen und sich die einzelnen ETFs genau anschauen muss - doch im Grunde läuft es auf Aktien hinaus, die über Jahrzehnte und alle Krisen hinweg durchschnittliche Jahresrenditen von 7 bis 9 Prozent abwerfen.

...Aktien sind die Lösung!

Wer ein bisschen interessierter ist und intensiver einsteigen möchte, kann sich auch ein eigens Aktiendepot zusammenstellen. Das ist gar nicht so schwer, wie es sich anhört. Man kann sich zum Beispiel gut an Benjamin Grahams sieben Kriterien für die erfolgreiche Aktienauswahl orientieren oder an Philip Fishers 15 Kriterien für gute Anlageentscheidungen oder Philip Carrets 12 Investment-Geboten. Dabei sollte man nicht allzu sehr überrascht sein, dass sie im Kern die gleichen Botschaften enthalten: denke nach, bevor du handelst, schau dir die Unternehmen genau an, achte auf einige wenige aussagekräftige Kennzahlen und setze auf ein verlässliches Management sowie einen von dir gut einschätzbaren Markt, in dem sich das Unternehmen bewegt. Auch Warren Buffett, Charlie Munger und Peter Lynch predigen diese Ansichten des Quality Investings, jeder mit seiner eigenen Nuance.

Der Gewinn liegt im Einkauf

Nun kommt es bei der Geldanlage darauf an, niedrig zu kaufen und - wenn überhaupt - hoch zu verkaufen. Und viele verwechseln dies mit Markttiming. Aber das sollte man den Zockern und Tradern überlassen, den Spekulanten und Finanz-Hasardeuren. Anleger, Investoren, Privatleute sollten sich über Timing an der Börse gar keine Gedanken machen! Vielmehr sollten sie ausschließlich auf die fundamentale Bewertung der Unternehmen schauen, wie sie aus den Geschäftsberichten hervorgehen: steigen die Umsätze, nehmen die Gewinne zu, wird eine attraktive Dividenden ausgeschüttet und das kontinuierlich über viele Jahre hinweg? Wenn diese Unternehmen dann noch zu akzeptablen Aktienkursen gehandelt werden, spricht nichts gegen ein langfristiges Engagement. Achte auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis, auf den Cashflow und ggf. auf die Dividendenrendite. Sie geben gute Anhaltspunkte dafür, ob ein Unternehmen gerade zu hoch oder zu niedrig von der Börse bewertet wird. Und in letzterem Fall, kauft man dessen Aktien.

Das ist das "Markttiming" der Langfristanleger, der Value Investoren. Ob die Konjunktur dies macht oder der Dollar jenes oder Gold gegenüber Rohöl eine Korrelation ausbildet - vergiss es einfach. Darüber zerbrechen sich die Vorstände in den Unternehmen, deren Aktien wir kaufen, den Kopf. Und wenn Anleger Unternehmen auswählen, die den von mir beschrieben Kriterien entsprechen, dann können sie (fast) sicher sein, dass diese sich erfolgreich auf die neuen Herausforderungen einstellen. Als Anleger brauchen wir nichts weiter zu tun, als auf unserem Hintern zu sitzen und die Dividenden zu kassieren, die die Unternehmen für uns verdienen. Und uns ab und zu an der Kursgewinnen zu erfreuen, die unser Vermögen mehren. Den niedrigen Zinsen zum Trotz!

Kommentare:

  1. Sehr geehrter Herr Kissig,

    vielen Dank für diesen sehr interessanten und gut geschriebenen Artikel.
    Hiermit möchte ich sie gern fragen, was sie von einem Einstieg bei E.ON halten.
    Durch die zunehmende Elektrifizierung und der Tragweite von E.ON ist es evtl. nur noch eine Frage der Zeit bis
    sich die E.ON-Aktie zu „alten Hochs“ um die 40 Euro ansiedeln wird.
    Daher ist meinen Frage an Sie: Würden Sie jetzt auch mit einen sehr großen Betrag (halbes persönliches Geldvermögen)
    in die E.ON-Aktie investieren bzw. allg. die Aktie zu einem Kauf empfehlen?

    Ich danke Ihnen für Ihre Antwort im Voraus!

    Mit freundlichen Grüßen aus der Bodensee-Region

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    1. Moin moin,
      die klare Antwort ist: Nein! Nein, ich würde keinesfalls das halbe Geldvermögen auf nur eine einzige Aktie setzen, das ist viel zu riskant! Und in die deutsche Energiebranche schon zweimal nicht!

      Ich habe keinen wirklichen Einblick, was die neue Eon künftig tut. Innogy wird (teilweise) integriert, RWE bekommt das Geschäft mit den regenerativen Energien. Aber irgendwie hängt da noch die Kohle mit drin und bei Eon die Atomkraftwerke. Als "neu" und auf erneuerbare Energien fokussiert verkaufen sich beide.

      Eon hat sich in den letzten Jahren ja bereits mehrfach umorganisiert. Grundsätzlich ist der Energiemarkt ein komplett vom Staat durchregulierter "Markt" und das birgt entscheidende Risiken, wie man sehr gut an Merkels Energiepolitik sieht. Als sie 2005 Kanzlerin wurde, drehte sie den zuvor unter Rot-Grün erzielten Atom-Kompromiss zurück und die AKWs erhielten längere Laufzeiten statt Ausstieg. Dann passierte der GAU in Fukushima und es gab "die Energiewende". Merkel drängte die AKW-Betreiber zu einem noch schnelleren Ausstieg, als zuvor mit Rot-Grün ausgehandelt war. Gleichzeitig steigt man nun aus der Kohle aus. Im Gegenzug wurde die Regulierung bei den Strom- und Gasnetzen eingeführt und die ist ein bürokratischer Molloch. In den ersten 5 Jahren, der ersten Regulierungsperiode, wurden einfach max. Netznutzungsentgelte festgelegt und jedes Jahr wurde ein bestimmter Prozentsatz abgezogen, weil die Netzte ja "effizienter" werden. Und Personal auch jedes Jahr weniger kostet (Ironie). Auch bei der Förderung von BHKWs wurde mal hin und mal her entschieden. Erst waren Strom geführte BHKWs gewünscht und wurden massiv gefördert, dann auf einmal Gas geführte BHKWs. Das Problem ist, dass die Energieversorger die Netze und die Kraftwerke für 20, 30, 50 Jahre bauen und die sich dann bezahlt machen müssen. Wenn sich aber alle paar Jahre die Rahmenbedingungen komplett (und teilweise willkürlich) ändern, dann schrottet das jeden Investitions- und Businessplan. So auch bei der Windenergie, die man durch das Auktionsverfahren total abgewürgt hat in Deutschland und die jetzt geplant 1.000-Meter-Abstandsregelung reduziert die möglichen Windkraftflächen in Deutschland um 50%.

      Und nochmal zu den Gasnetzen: je stärker die Erneuerbaren Energien sich durchsetzen, desto unwirtschaftlicher werden Gasnetze. Denn die Leute koppeln sich einfach ab, erzeugen ihre eigene Energie. Und die restlichen Kunden müssen dann das Gasnetz alleine abbezahlen, so dass jeder weitere Ex-Gasnetznutzer die Kosten für die verbleibenden in die Höhe treibt. Im Grunde das gleiche Problem, das viele ostdeutsche Kommunen in 2000er Jahren hatten, weil sie nach der Wende massiv in Klärwerke investiert hatten, ihnen aber dann ein Drittel der Einwohner/Nutzer weggelaufen sind und die restlichen die enormen Investitionskosten tragen mussten. Daher denken viele Energieversorger heute zweimal nach, ob sie bei Neubaugebieten überhaupt noch Gasnetze verlegen. Die zielen lieber auf Nahwärmekonzepte, aber das geht nur in Abstimmung mit Kommune und Bauträger. Und auch nicht jeder Eigenheimkäufer will sich hier binden lassen.

      Mein Fazit: die Energiebranche ist allenfalls als Beimischung im Depot geeignet, weil sie von staatlicher Regulierung und Willkürentscheidungen abhängig ist.

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    2. Super Antwort Herr Kissing. Die hätte schon glatt alleine einen eigenen Artikel verdient.

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  2. Aktien wären die Lösung, wenn der durchschnittliche Deutsche doch nur bereit wäre, sich ein wenig mit dem Thema zu befassen. Oft höre ich sowas wie: "Zu riskant, zu kompliziert."
    Dabei sind Immobilien auch nicht gerade trivial und ohne Risiko sind sie auch nicht. Trotzdem sind sie uns Deutschen anscheinend viel lieber als Aktien.

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    1. Stimmt, Mike. Dabei ist die Lösung doch so einfach, denn es gibt ja mehr als genug Immobilienaktien auf dem deutschen Kurszettel, vom Kleinunternehmen bis hin zum DAX-Konzern, vom Wohnimmobilien-projektiere über den Bestandshalter hin zum Gewerbe- und Büroanbieter oder Einkaufszentren und Fachmarktzentrenbetreiber. Und nicht zu vergessen Asset Manager wie Patrizia oder Corestate. Alles besser, als direkt in Immobilien zu investieren!

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    2. Ich investiere auch in Immobilien, allerdings über REITs. :-)

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  3. Sehr geehrter Herr Kissig,

    vielen Dank zunächst für Ihre Meinung zum Thema!

    So, wie Sie es dargestellt haben, gibt es heute eigentlich nur noch eine einzige Anlageklasse, die es wert ist, für ein Investment in Betracht gezogen zu werden. Ob nun Einzelaktien, Fonds, ETFs etc. Hauptsache Aktien!

    Macht es Ihnen denn keine Sorgen, dass das inzwischen der Mainstreamkonsens ist? Es gibt quasi niemanden mehr, der es anders sieht. Mich eingeschlossen. Natürlich sind Aktien in den Zeiten der Nullzinsen die logischste Konsequenz, aber dennoch ist das "Mitlaufen im Mainstream" genau das, was uns skeptisch machen sollte oder nicht?

    Dass die Ikone Warren Buffett auf einem riesigen Haufen Liquidität sitzt und seit mehreren Jahren nicht weiß, was er damit tun soll, ist doch ein Anzeichen dafür, dass inzwischen selbst Aktien zu teuer zu sein scheinen. Weltweit!

    Ihre Meinung dazu interessiert mich sehr.

    Viele Grüße

    V. Bouvier

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    1. Ist die Meinung, dass man unbedingt in Aktien investieren müsse, wirklich "allgemeiner Konsens"? Ich habe da erhebliche Zweifel dran. Vermutlich ist es in unserer Filterblase so, weil wir über Twitter, Facebook usw. uns hauptsächlich/viel mit Menschen umgeben, die eine Affinität zu den Themen Investieren und Aktien haben. Dieser Personenkreis ist Aktien gegenüber natürlich sehr aufgeschlossen, aber er stellt meiner Erfahrung nach nur eine sehr kleine Teilmenge der deutschen Bevölkerung dar.

      In anderen Ländern ist das Interesse an Aktien signifikant höher. Vor allem, weil es dort kein/selten ein solches Umlage finanziertes Pflicht-Rentensystem gibt wie bei uns. Vielmehr müssen die Menschen selbst für ihre Altersversorgung aufkommen und das bringt es eben mit sich, dass man sich mit dem Thema befassen muss. Und man wird ja überall auf die staatlichen Förderhilfen angesprochen, in den USA die berühmten 401k-Pläne.

      Und dann ist da noch der große Unterschied zwischen Wissen und Umsetzen. Die Titelseiten der Zeitungen sind ja eher von negativen Börsenmeldungen geprägt, wenn es mal wieder einen Einbruch gegeben hat und "Panik" herrscht. Wenn dann mal Sektkorken abgebildet werden, weil der DAX sich auf ein neues Rekordhoch gequält hat, dann ist die Wahrnehmung der (BILD-) Leser doch eher "na klar, diese Gierlappen" als dass der Wunsch geweckt wird, ebenfalls an Aktien mitzuverdienen (zum Glück!). Es wird ja immer über die Vergangenheit berichtet, was die Aktien "getan" haben und das erscheint dann als klarer Fakt, einfach logisch. Ob die Aktien gestiegen oder gefallen sind, nachher findet jeder ein "schlaues" Argument, weshalb es so passiert ist und warum es auch genauso kommen musste. Komisch ist nur, dass die selben Leute, für die das dann nachträglich so offensichtlich war/ist, sich nicht entsprechend positioniert hatten, als das Ereignis noch bevorstand. Und genau das ist das Thema: die Deutschen hätten vielleicht gerne die Kurssteigerungen der Vergangenheit miterlebt ("Gier"), aber das Risiko der künftigen Kursentwicklung wollen sie nicht mittragen. Das ist nur "Gezocke, nur Spekulation, ist halbseiden, alles irgendwie Betrug". Ignoranz pur, so erlebe ich (zumeist nur sehr kurze) Gespräche über das Thema Aktien. Nur wenige Menschen in meinem Umfeld teilen meine positive Einstellung zu Aktien und die gehören eher zu den Leute mit überdurchschnittlichem Bildungsstand. Otto Normalverbraucher hat in Deutschland mit Aktien nichts am Hut. Allenfalls, weil ihm sein Bankberater mal einen Deka-Fonds aufgeschwatzt hat oder seine Lebens-/Rentenversicherung über Fonds teilweise auch in Aktien anlegen. Was viele allerdings dann auch gar nicht (mehr) wissen, wie ich gerade bei meier Ex wieder erlebt habe...

      Ich glaube daher nicht, dass wir uns in einer Situation befinden, in der "alle" wissen, dass man Aktien haben sollte/muss und entsprechend auch handeln. Was dann ja bedeuten würde, dass wir uns quasi in einer Dienstmädchenhausse befänden und alle Warnlampen angehen müssten. Bei Immobilien, da sehe ich diese Gefahr schon viel eher, denn jeder weiß und spricht über die explodierenden Grundstückspreise und Mieten.

      1/2

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      Und dann noch zu Buffett: $128 Milliarden Cash klingt viel, aber es sind bezogen auf Berkshires Investmentvermögen auch nicht viel mehr als 20%. Denn neben den Aktieninvestments hat Berkshire ja noch die ganzen nicht-börsennotierten Beteiligungen/Töchter, die über den Daumen gepeilt eine ähnliche Größenordnung einnehmen. Wie BH Insurance, BH Energy, BSNF Burlington Northern Santa Fe, Duracell, Precision Castparts usw. Und dass er nicht weiß, was er damit tun soll, das glaube ich auch nicht. Er kauft halt gerne günstig ein, so wie Berkshire zu unter $210 im August und September. Und er hat größere Übernahmen versucht, wie Unilever oder Oncor. Er möchte halt ein, zwei "Elefanten" erlegen, ohne dadurch seine Cashquote zu sehr anzugreifen. Selbst bei der Übernahme von Precision Castparts in 2016 für $37 Mrd. hat er damals im Gegenzug Exxon verkauft zur teilweisen Finanzierung. Obwohl er auch schon damals fast $100 Mrd. an Cash hatte und die Übernahme ganz locker daraus hätte finanzieren können...

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  4. Vielen Dank für die ausführliche Antwort und zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum! :)

    Von einer Dienstmädchenhausse würde ich ebenfalls nicht sprechen, wenn ich mir mein Umfeld, meine Ex(n) und den weiteren Bekanntenkreis ansehe. Allerdings ist es doch schon so, dass alle, die etwas vom Thema verstehen, alle quasi, die auch die Möglichkeit zum Investieren haben, in Aktien gehen, weil das quasi alternativlos ist. Es ist also nicht die Dienstmädchenhausse, sondern eine "Hausse der Investoren" ("for lack of a better word")

    Wenn ich mir dann dazu die Bilanzen der Notenbanken ansehe weiß ich auch, wo das Geld für diese Hausse herkommt. Das Geld dreht sich um sich selbst. Und dann komme ich eben nicht zu dem Schluss, dass diese Hausse "fundemental" getrieben ist. Wenn wir uns einig sind, dass eine Assetklasse wie "Immobilien" überteuert ist, dann ist es logisch, dass alle anderen Assetklassen, also auch Aktien, irgendwann ohne Fundament mit anziehen. Die Liquidität will befriedigt werden. Das Kapital sucht immer Rendite. Und wie Sie wissen genauso wie ich, dass eine Aktie an einem Tag x-Mal den Besitzer wechseln kann, jedes Mal zu einem höheren Preis, alles ganz einfach und anonym, ohne dass da wirklich fundamental an den Gewinnen des Unternehmens was passiert ist. Die "Begründung" für den Kursanstieg "suchen" die Medien dann ja immer erst im Nachgang, wie sie richtig bemerkten.

    Das Monetäre ist dann auch lange schon kein alleinig-betriebswirtschaftliches Value-Thema mehr, sondern eben ein globalmonetäres-volkswirtschaftliches. Nun ja...

    In Bezug auf Warren Buffett bleibe ich dabei, dass er auch trotz seines "Orakel"-Status nicht das Recht hat, mein Eigentümergeld bei sich zu horten. Aber da will ich auch gar nicht weiter drüber diskutieren. Das ist halt Ansichtssache und Buffett hat oft genug erklärt, dass es auch mal "lange" dauern kann. Und wenn ich mir meine Vorgeneration so ansehe, dann hege ich den strengen Verdacht, dass ein Mann, je älter er wird, eher sturer, als flexibler wird. Am Ende ist Buffet nur ein Mensch! (Blasphemie?!)

    Viele Grüße

    V. Bouvier

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