Dienstag, 11. September 2018

Niedrigzinsen fressen Vermögen auf. Tu was! Tu was?

Gegen die Finanzkrise, die Bankenkrise, die Wirtschaftsflaute, die Eurozonen-Probleme und gegen Crash-Tendenzen wählen die Notenbanken seit mehr als einem Jahrzehnt immer das gleiche Mittel: Geld. Und zwar Unmengen davon. Üblicherweise führt ein starkes - und auch noch globales - Geldmengenwachstum nach der klassischen Lehre zu Inflation, denn wenn (zu) viel Geld im Umlauf ist, sind Preissteigerungen leichter durchzusetzen und Inflation ruft steigende Zinsen seitens der Notenbanken hervor, um die Preissteigerungen wieder in den Griff zu bekommen. Doch diesmal scheint alles anders zu sein, in den führenden Wirtschaftszonen der Welt war trotz des vielen verfügbaren Geldes die Inflation lange Zeit weit unter den Zielwerten der Notenbanken und dem entsprechend sanken die Zinsen auf Rekordniedrigststände. Erst seit Kurzem nähert sich die Inflationsrate dem Zielwert von 2 Prozent, auch angefacht durch steigende Mieten und Gaspreise. Doch anders als in den USA, wo die FED bereits einige Zeit und in mehreren Trippelschritten das Zinsniveau anhebt, hat die EZB diesen Schritt noch nicht gewagt. Die boomende Konjunktur in Deutschland ist eben nur ein Aspekt, die EZB muss auch die kriselnden Volkswirtschaften in den südlichen Euro-Staaten im Blick behalten. Und natürlich die Verschuldungslage der Euro-Staaten, denn die Schuldenkrise der öffentlichen Hand ist nicht vorbei, nur weil in Deutschland der Staat seit einiger Zeit Schuldenabbau praktiziert. Andernorts wird weiter fleißig drauf gesattelt.

Das dauerhafte Niedrigzinsniveau in der Euro-Zone ruft mehrere Effekte hervor und die Leidtragenden sind vor allem die Sparer. Denen entgeht die Rendite für ihre Anlagen, aber damit haben die leiden erst begonnen...


Durch die niedrigen Zinsen wird der Konsum billiger, denn es kostet weniger Geld (Zinsen), sich zu verschulden und selbst Krisenstaaten wie Portugal, Italien oder - wieder - Griechenland können sich zu vergleichsweise moderaten Zinssätzen refinanzieren. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Zinscoupons ihrer Staatsanleihen weniger abwerfen, als man es bei dem hohen Risiko erwarten sollte, bedenkt man, dass die Krise nicht ohne Grund "Staatsschuldenkrise" heißt und vor allem (die südlichen) Länder der Eurozone betrifft.

Für den deutschen Sparer bedeutet die niedrige Inflation, dass sein Geld nur langsam an Wert verliert. Das ist eine gute Nachricht. Doch die Freude hierüber verfliegt schnell, wenn man bedenkt, dass die zu erzielen Zinsen inzwischen deutlich unterhalb der Inflationsrate liegen und ggf. sogar noch versteuert werden müssen. "Negative Realzinsen" nennt man dieses Phänomen und es hat zur Folge, dass man zwar Zinsen für sein Erspartes bekommt, am Jahresende aber dennoch über weniger Kaufkraft verfügt. Deutlich gesagt, man ist trotz Zinsen weniger vermögend als zuvor. Nach Angaben der Bundesbank lag die Gesamtrendite, die ein durchschnittlicher Privathaushalt abzüglich der Teuerung erzielte, Anfang 2018 mit minus 0,8 Prozent angab. Sie war damals erstmals seit sechs Jahren negativ.

Für den deutschen Sparer hat das konkret negative Auswirkungen. So hat er durch schlecht verzinste Einnahmen zwischen Januar bis Ende März 2018 insgesamt 7,1 Milliarden Euro verloren, wie aus einer Studie der Beratungsgesellschaft Barkow und des Onlinebrokers Comdirect hervorgeht. Linear auf das Jahr hochgerechnet läge der Wertverlust somit bei 28,4 Milliarden Euro, berichtet das Handelsblatt.

Was ist mit Immobilien?
Um dieser schleichenden Verarmung zu entgehen, suchen die Anleger immer häufiger nach Alternativen. (Auch) deshalb explodieren in Deutschland die Immobilienpreise oder das Geld wandert auf vermeintlich besser verzinste Konten im Ausland. Doch hierbei steigt das Risiko signifikant an, denn Immobilien sind nicht so leicht wieder zu veräußern und wenn es schnell gehen soll oder muss, dann unter Umständen auch mit erheblichem Verlust. Von den Nebenkosten gar nicht zu sprechen.

Dabei sind Immobilien aktuell voll angesagt und die Zeitungen sind voll von Grafiken, die enorme Preissteigerungen zeigen - seit 2009, dem Tiefpunkt der Immobilienkrise, wohlgemerkt. Doch schaut man weiter zurück, was Immobilien einer ganzen Generation wirklich gebracht haben, bekommt man das Grausen: zwischen 1970 und 2015 gab es real keinen Wertzuwachs, während die Inflation mit fast 3 Prozent pro Jahr auch noch am Vermögen knabberte. Die Tabelle zeigt das schonungslos.

Und Anleihen?
Als weitere Alternative galten Anleihen, doch Staatsanleihen bergen eben auch erhebliche Risiken, wie man bei griechischen Bonds sehen konnte, wo es einen sog."Haircut" gab und die Anleger auf einen Schlag rund die Hälfte ihres Geldes verloren hatten. Und wenn man von 1.000 eingesetzten Euros nur 500 zurückbekommt, dann tröstet einen darüber ein höherer Zinssatz kaum hinweg. Am Ende steht ein dickes, fettes Minus, also Vermögensverzehr.

Die Anleger stecken also in einer Misere und einige Jahre lang kamen verstärkt Unternehmensanleihen auf den Markt und fanden zumeist reißenden Absatz. Denn sie boten nicht selten Zinsen von 6 oder mehr Prozent und verglichen mit Bundesanleihen, die weniger als 1 Prozent abwarfen, schienen diese auch noch "Mittelstandsanleihen" genannten Papiere echte Schnäppchen zu sein. Leider waren die emittierenden Firmen wenig(er) solide und scheiterten nicht selten daran, Zinsen und Anlagekapital auch (zurück)zahlen zu können. Das Risiko hat sich konkretisiert, die Chancen dagegen vaporisiert. Das Segment Mittelstandsanleihen kann man getrost als tot abhaken. Verglichen mit den erheblichen Risiken sind die Renditen der Unternehmensanleihen dann eben doch viel zu niedrig, wie auch Star-Investor Warren Buffett schon öfter gewarnt hat.

Aktien sind keine Alternative!
Doch was bleibt Anlegern übrig, wenn sie ihr hart verdientes Geld anlegen wollen? Investmentsfonds schneiden fast alle deutlich schlechter ab als der Markt und bieten sich daher als Alternative nicht unbedingt an. Und auch die kostengünstigeren ETFs haben so ihre Tücken und haben keine Chance, den Vergleichsindex zu schlagen. Wer hier auf die falschen ETFs setzt, auf die falsche Branche oder die falsche Region, erzielt auch keine herausragenden Renditen. Also läuft es am Ende auch hier darauf hinaus, dass man seine Hausaufgaben machen und sich die einzelnen ETFs genau anschauen muss - doch im Grunde läuft es auf Aktien hinaus, die über Jahrzehnte und alle Krisen hinweg durchschnittliche Jahresrenditen von 7 bis 9 Prozent abwerfen.

Aktien sind die Lösung!
Wer ein bisschen interessierter ist und intensiver einsteigen möchte, kann sich auch ein eigens Aktiendepot zusammenstellen. Das ist gar nicht so schwer, wie es sich anhört. Man kann sich zum Beispiel gut an Benjamin Grahams sieben Kriterien für die erfolgreiche Aktienauswahl orientieren oder an Philip Fishers 15 Kriterien für gute Anlageentscheidungen oder Philip Carrets 12 Investment-Geboten. Dabei sollte man nicht allzu sehr überrascht sein, dass sie im Kern die gleichen Botschaften enthalten: denke nach, bevor du handelst, schau dir die Unternehmen genau an, achte auf einige wenige aussagekräftige Kennzahlen und setze auf ein verlässliches Management sowie einen von dir gut einschätzbaren Markt, in dem sich das Unternehmen bewegt. Auch Warren Buffett, Charlie Munger und Peter Lynch predigen diese Ansichten des Quality Investings, jeder mit seiner eigenen Nuance.

Der Gewinn liegt im Einkauf
Nun kommt es bei der Geldanlage darauf an, niedrig zu kaufen und - wenn überhaupt - hoch zu verkaufen. Und viele verwechseln dies mit Markttiming. Aber das sollte man den Zockern und Tradern überlassen, den Spekulanten und Finanz-Hasardeuren. Anleger, Investoren, Privatleute sollten sich über Timing an der Börse gar keine Gedanken machen! Vielmehr sollten sie ausschließlich auf die fundamentale Bewertung der Unternehmen schauen, wie sie aus den Geschäftsberichten hervorgehen: steigen die Umsätze, nehmen die Gewinne zu, wird eine attraktive Dividenden ausgeschüttet und das kontinuierlich über viele Jahre hinweg? Wenn diese Unternehmen dann noch zu akzeptablen Aktienkursen gehandelt werden, spricht nichts gegen ein langfristiges Engagement. Achte auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis, auf den Cashflow und ggf. auf die Dividendenrendite. Sie geben gute Anhaltspunkte dafür, ob ein Unternehmen gerade zu hoch oder zu niedrig von der Börse bewertet wird. Und in letzterem Fall, kauft man dessen Aktien.

Das ist das "Markttiming" der Langfristanleger, der Value Investoren. Ob die Konjunktur dies macht oder der Dollar jenes oder Gold gegenüber Rohöl eine Korrelation ausbildet - vergiss es einfach. Darüber zerbrechen sich die Vorstände in den Unternehmen, deren Aktien wir kaufen, den Kopf. Und wenn Anleger Unternehmen auswählen, die den von mir beschrieben Kriterien entsprechen, dann können sie (fast) sicher sein, dass diese sich erfolgreich auf die neuen Herausforderungen einstellen. Als Anleger brauchen wir nichts weiter zu tun, als auf unserem Hintern zu sitzen und die Dividenden zu kassieren, die die Unternehmen für uns verdienen. Und uns ab und zu an der Kursgewinnen zu erfreuen, die unser Vermögen mehren. Den niedrigen Zinsen zum Trotz!

1 Kommentar:

  1. Sehr guter Artikel. Hier im Osten ist die Aktienquote so niedrig, da muss man schon mit der Lupe schauen, um etwas zu finden. Eigentlich Schade, da man auch mit Aktien sehr konserativ anlegen kann.

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