Montag, 6. August 2018

Weshalb Kursraketen manchmal auch Gift für die Rendite sein können...

Aktien, deren Kurs sich innerhalb weniger Monate oder manchmal auch nur Wochen verdoppelt, lassen Anlegerherzen höher schlagen und nicht wenige Börseninteressierte sind stets auf der Suche nach diesen "Hot Stocks". In den Depots von Value-Investoren finden sich solche Aktien eher selten, denn wir graben die langweiligen, unterbewerteten Aktien aus, deren Kurs vor sich hin dümpelt und irgendwann einmal von der Börse entdeckt wird. Doch das geschieht eher gemächlich und ist mit langsamen Kursanstiegen verbunden. Doch manchmal erwischt man eine solche Aktie und dann erfreut man sich an deren Kursfeuerwerk und sieht die Euroscheine zu Bergen wachsen.

So geschehen bei WCM. Ich hatte die Aktie schon seit Jahren im Blick, früher als sie im MDAX notierte war ich Aktionär, dann stieg ich aus, als man sich erst mit Eisenbahner-Wohnungen überhob und dann an der Commerzbank-Übernahme verschluckte. Es folgte der Totalabsturz, die Insolvenz und nach vielen Jahren des Siechtums die Wiederauferstehung. Ich bin Ende 2016 wieder eingestiegen, beim Neustart der WCM als Gewerbeimmobilienunternehmen. Ich habe den Wert hier im Blog ausführlich vorgestellt und eine Weile auf meiner Beobachtungsliste begleitet, dann erfolgte erst der überraschende Einstieg der DIC Asset und später der Verkauf und die Übernahme durch TLG Immobilien. Unterm Strich habe ich einen schönen Gewinn eingefahren, aber der schnellste und heftigste Anstieg erfolgt innerhalb weniger Monate, als sich der Kurs zwischenzeitlich auf €3,80 verdoppelte.

Ein anderes Beispiel ist Lloyd Fonds, ein Asset Manager, den ich als Turnaround-Spekulation gekauft habe, als der Kurs nach schlechten Unternehmensnews heftig abgeschmiert war. Nur kurze Zeit später explodierte der Kurs förmlich, weil ein neuer Großaktionär eingestiegen ist und das Unternehmen neu (und erfolgreich) ausrichten will. Ein - von mir - unverdienter "Erfolg", denn diese Entwicklung konnte niemand voraussehen und vorab in seine Bewertung einbeziehen.

Diese schnellen und starken Kurssteigerungen sind einerseits erfreulich (und einträglich), andererseits bringen diese Kursexplosionen auch ein nicht zu unterschätzendes Problem mit sich...


Jedenfalls für mich. Denn ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich freudig auf die starken Performer schaue und dann die Mundwinkel hängen lasse, wenn ich mir die übrigen Werte ansehe. Da finden sich Werte wie die Deutsche Rohstoff, die ich seit Jahren "durch schleppe" und die sich unterm Strich kaum bewegt haben - wobei die DRAG schon deutlicher im Plus und mit gut 30% auch schon im Minus notierte.

Obwohl ich nach wie vor vom Potenzial dieses Unternehmens überzeugt bin, sonst hätte ich es ja nicht (mehr) im Depot. Doch der Markt hat meiner Einschätzung zu dieser Aktien (bisher?) noch nicht zugestimmt. Und das wurmt mich und weil es mich nervt, ärgere ich mich über mich selbst!

Denn ich sollte mich davon nicht emotional beeinflussen lassen, dass die Aktienkurse einiger meiner Werte noch nicht gestiegen sind, obwohl mein Investmentcase dies nahelegt. Es sollte mich als Value-Investor auch nicht interessieren, dass die Kurse vor sich hin dümpeln, da ich ja nicht die Aktien als Spekulationsobjekte gekauft, sondern mich an einem Unternehmen beteiligt habe. Dessen Aktien habe ich zu einem niedrigeren Preis bekommen habe, als er mir Wert erschien. Und daran hat sich nichts geändert. Der aktuelle Aktienkurs entsteht aber nicht aufgrund des Werts der Unternehmen, sondern aufgrund der tagesaktuellen Handelsaktivität der anderen Börsenteilnehmer. Das sollte mich also nicht kümmern.

Sollte es nicht, tut es aber. Und das ist ja mein Dilemma. Die Top-Performance einiger Aktienwerte trübt meinen Blick auf die anderen und lässt diese in einem schlechteren Licht erscheinen lässt. Relativ betrachtet jedenfalls, Einstein lässt grüßen. Mein Verstand sagt mir, dass es dumm ist so zu denken, und bisher kann er meine Emotionen meistens zügeln. Und ich bremse mich, nicht die langweiligen Aktien aus dem Depot zu werfen, um mehr von den - vermeintlichen - Kursraketen zu kaufen. Denn das würde letztlich bedeuten, dass ich nicht mehr investiere, sondern anfange zu zocken und auf die schnellen Kursgewinne setze - in der totalen Selbstüberschätzung, dass meine Erfolge der Vergangenheit auch Gewinne in der Zukunft bedeuten. Doch so funktioniert das Börsenleben nun einmal nicht, das habe ich u.a. aus den Zeiten des Neuen Marktes gelernt: mein schnell und leicht verdientes Geld habe ich auch schnell und leicht(fertig) wieder verloren. Auch deshalb habe ich mich ja zum Value-Investor entwickelt. Um dem Zocken, dem Traden, zu entkommen, den schnellen Gewinnen und hohen Verlusten. Stattdessen möchte ich langfristig Vermögen und Werte aufbauen. Dass meine Jahresperformance in den letzten Jahren deutlich vor dem DAX und dem Dow Jones liegt, sollte und darf ich nicht meiner eigenen vermeintlichen Börsengenialität zuschreiben. Denn nachdem ich die Aktien gekauft habe, haben ja andere für meinen Kursgewinn gesorgt. Ich habe zwar meinen Investmentcase sorgfältig ausgearbeitet, aber dann auch das Glück gehabt, den richtigen Einstiegszeitpunkt erwischt zu haben, um diese Kursgewinne mitzumachen.

»Der Standpunkt bestimmt die Perspektive.«
(Karl Marx)

Und so versuche ich, mich wieder korrekt zu fokussieren. Wie in dem Klassiker "Der Club der toten Dichter" mit Robin Williams in der Rolle des Lehrers Mr. Keating, als er die Schulklasse auf die Tische steigen lässt, um ihnen eine andere Perspektive auf das Altbekannte zu vermitteln. Genauso blicke ich auf mein Depot und sehe nicht die Under-Performer herausragen, über die ich mich ärgere, sondern die wenigen Super-Performer, die aus der Masse hervorstechen. Und ich freue mich, dass ich sie in meinem Depot habe, aber ich mache sie nicht (mehr) zum Maßstab für die anderen. Denn Chancen und Risiken gehen immer Hand in Hand an der Börse. Und würde ich versuchen, noch mehr dieser Top-Performer zu finden, würde ich damit zwangsläufig viel höhere Risiken in mein Depot laden. Und damit nicht nur meine Anlagestrategie ad absurdum führen, sondern zwangsläufig auch viel Geld verlieren. Denn auch die Risiken sind nicht nur abstrakte Größen, sondern werden bisweilen zu brutalen Realitäten. In einem steigenden Markt Kursgewinne zu erzielen ist relativ einfach, solange man die größten Dummheiten vermeidet. Aber wenn der Markt nicht mehr steigt, sondern vielleicht sogar fällt, dann zeigt sich, ob man die richtigen Werte im Depot hat und ob man die richtige Strategie fährt - und den Charakter hat, diese auch durchzuhalten. Und diesen Charaktertest, der mit Sicherheit irgendwann (erneut) kommen wird, den werde ich doch lieber mit meinen bewährten Methoden und Aktien in Angriff nehmen, als mit hoch riskanten Spekulationen. Über die starken Kursgewinne von WCM oder Lloyd Fonds freue ich mich trotzdem...

Disclaimer
Deutsche Rohstoff, DIC Asset und Lloyd Fonds habe ich auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Sehr schöne Bösianer-Poesie, gewürzt mit einer Prise Marx. Sehr angenehm und treffend.

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  2. Sehr gut und treffend beschrieben, danke dafür!

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  3. Irgendwie lebt man als Value-Investor ja einen permanenten Widerspruch: man möchte kaufen, wenn der Markt gerade eine andere (geringere) Meinung von einem Unternehmen hat, mit dem Ziel, dass er einem irgendwann zustimmt. Oder gerne auch übertreibt. Es ist doch irgendwie, wie einen bockigen Esel zu etwas bewegen zu wollen ;-) Man kann ja froh sein, wenn er zumindest stehenbleibt und nicht auch noch zurückgeht, oder schon vorprescht, bevor man sich überhaupt draufgesetzt hat. Die Anforderungen sind hoch: erst soll er brav warten, dann möchte man sich draufsetzen, und dann soll er schön losrennen. Ganz schön viel verlangt... Man kann nicht erwarten, dass es immer so läuft, und vor allem geht den meisten schnellen Eseln als erstes die Puste aus...

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