Freitag, 22. Mai 2015

Weshalb Kursraketen Gift für das Portfolio sein können

Aktien, deren Kurs sich innerhalb weniger Monate oder manchmal auch nur Wochen verdoppelt, lassen Anlegerherzen höher schlagen und nicht wenige Börseninteressierte sind stets auf der Suche nach diesen "Hot Stocks". In den Depots von Value-Investoren finden sich solche Aktien eher selten, denn wir graben die langweiligen, unterbewerteten Aktien aus, deren Kurs vor sich hin dümpelt und irgendwann einmal von der Börse entdeckt wird. Doch das geschieht eher gemächlich und ist mit langsamen Kursanstiegen verbunden. Doch manchmal...

Manchmal erwischt man eine solche Aktie und dann erfreut man sich an deren Kursfeuerwerk und sieht die Euroscheine zu Bergen wachsen. So geschehen bei WCM. Ich habe die Aktie schon seit Jahren im Blick, früher als sie im MDAX notierte war ich Aktionär, dann stieg ich aus, als man sich erst mit Eisenbahner-Wohnungen überhob und dann an der Commerzbank-Übernahme verschluckte. Es folgte der Totalabsturz, die Insolvenz und nach vielen Jahren des Siechtums jüngst die Wiederauferstehung. Ich bin seit Dezember mit den ersten Käufen an Bord, als die bisher letzte Kapitalerhöhung stattfand, also der Neustart der WCM als Gewerbeimmobilienunternehmen. Aufgrund der sich abzeichnenden Erfolge des Unternehmens habe ich meine Position immer wieder aufgestockt und auch wenn der steigende Kurs meinen durchschnittlichen Einstiegskurs inzwischen weit von den ersten 1,40 EUR weggeführt hat, so liegt er doch ganz erheblich unter dem aktuellen Kurs von 3,50 EUR. Kürzlich hatte ich auch hier im Blog WCM auf meine Empfehlungsliste genommen und mich ausführlich dazu geäußert.

Nachdem sich bereits meine letzten Empfehlungen Blackstone und Starbucks schon nach weniger als 6 Monaten weit im zweistelligen Kursplus befinden, auch dank des starken Dollars, schießt WCM bzgl. der schnellen Kursanstiege jetzt den Vogel ab. Das ist einerseits erfreulich, und einträglich, andererseits bringen diese Kursexplosionen auch ein zunehmendes Problem mit sich. Jedenfalls für mich. Denn ich ertappe mich immer öfter, dass ich freudig auf die starken Performer schaue und dann die Mundwinkel hängen lasse, wenn ich mir die übrigen Werte ansehe. Da finden sich Werte wie Balda oder die Deutsche Rohstoff, die sich kaum bewegen oder sogar im Minus notieren. Obwohl ich nach wie vor vom Potenzial dieser Unternehmen überzeugt bin, sonst hätte ich sie ja nicht im Depot. Doch der Markt hat meiner Einschätzung zu den Aktien (bisher?) noch nicht zugestimmt. Und das wurmt mich und weil es mich nervt, ärgere ich mich über mich selbst. Denn ich sollte mich davon nicht emotional beeinflussen lassen, dass die Kurse noch nicht gestiegen sind. Der Aktienkurs von Balda hängt doch überhaupt nicht mit dem von WCM zusammen. Außer, dass sich beide in meinem Depot und auf meiner Empfehlungsliste befinden. Aber da können die beiden Aktien ja nichts dafür. Es sollte mich als Value-Investor auch nicht interessieren, dass die Kurse vor sich hin dümpeln, da ich ja nicht die Aktien als Spekulationsobjekte gekauft, sondern mich an einem Unternehmen beteiligt habe, dessen Aktien ich zu einem niedrigeren Preis bekommen habe, als er mir Wert erschien. Und daran hat sich nichts geändert. Der aktuelle Aktienkurs entsteht aber nicht aufgrund des Wertes der Unternehmen, sondern aufgrund der tagesaktuellen Handelsaktivität der anderen Börsenteilnehmer. Das sollte mich also nicht kümmern.

Sollte es nicht, tut es aber. Und das ist ja mein Dilemma, dass die Top-Performance einiger Aktienwerte meinen Blick auf die anderen trübt und diese in einem schlechteren Licht erscheinen lässt. Relativ betrachtet, Einstein lässt grüßen. Mein Verstand sagt mir, dass es dumm ist so zu denken, und bisher kann er meine Emotionen zügeln. Und ich bremse mich, nicht die langweiligen Aktien aus dem Depot zu werfen, um mehr von den Kursraketen zu kaufen. Denn das würde letztlich bedeuten, dass ich nicht mehr investiere, sondern anfange zu zocken und auf die schnellen Kursgewinne setze - in der totalen Selbstüberschätzung, dass meine Erfolge der Vergangenheit auch Gewinne in der Zukunft bedeuten. Doch so funktioniert das Börsenleben nun einmal nicht, das habe ich u.a. aus den Zeiten des Neuen Marktes gelernt. Mein schnell und leicht verdientes Geld habe ich auch schnell und leicht(fertig) wieder verloren. Auch deshalb habe ich mich ja zum Value-Investor entwickelt. Um dem Zocken, dem Traden, zu entkommen, den schnellen Gewinnen und hohen Verlusten. Stattdessen möchte ich langfristig Vermögen und Werte aufbauen. Dass meine Jahresperformance bisher bei knapp 40 Prozent liegt, sollte und muss ich vor allem dem Glück zuschreiben, nicht meiner eigenen Genialität. Denn nachdem ich die Aktien gekauft habe, haben ja andere für meinen Kursgewinn gesorgt. Ich habe nur das Glück gehabt, den richtigen Einstiegszeitpunkt erwischt zu haben, um diese Kursgewinne mitzumachen.

"Der Standpunkt bestimmt die Perspektive."
(Karl Marx)

Und so versuche ich, mich wieder korrekt zu fokussieren. Wie in dem Klassiker "Der Club der toten Dichter" mit Robin Williams in der Rolle des Lehrers Mr. Keating, als er die Klasse auf die Tische steigen lässt, um ihnen eine andere Perspektive auf das Altbekannte zu vermitteln. Genauso blicke ich auf mein Depot und sehe nicht die Under-Performer herausragen, über die ich mich ärgere, sondern die wenigen Super-Performer, die aus der Masse hervorstechen. Und ich freue mich, dass ich sie in meinem Depot habe, aber ich mache sie nicht (mehr) zum Maßstab für die anderen. Denn Chancen und Risiken gehen immer Hand in Hand an der Börse. Und würde ich versuchen, noch mehr dieser Top-Performer zu finden, würde ich damit zwangsläufig viel höhere Risiken in mein Depot laden. Und damit nicht nur meine Anlagestrategie ad absurdum führen, sondern zwangsläufig auch viel Geld verlieren. Denn auch die Risiken sind nicht nur abstrakte Größen, sondern werden bisweilen zu brutalen Realitäten. In einem steigenden Markt Kursgewinne zu erzielen ist relativ einfach, solange man die größten Dummheiten vermeidet. Aber wenn der Markt nicht mehr steigt, sondern vielleicht sogar fällt, dann zeigt sich, ob man die richtigen Werte im Depot hat und ob man die richtige Strategie fährt - und den Charakter hat, diese auch durchzuhalten. Und diesen Test, der mit Sicherheit irgendwann kommen wird, den werden ich doch lieber mit meinen bewährten Methoden und Aktien in Angriff nehmen, als mit hoch riskanten Spekulationen. Über die starken Kursgewinne von Blackstone, Starbucks und WCM freue ich mich trotzdem...

Kommentare:

  1. Auf den Punkt gebracht! Danke.

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  2. Marco Börnsen23. Mai 2015 um 15:55

    Interessante Sichtweise, aber es stimmt. Kursraketen können schon das Zuviel an Salz in der Depotsuppe sein, da hast du recht, Michael.

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  3. Die "Probleme" kenn ich, wie wohl die meisten, die länger an der Börse sind. Ich habe es so gelöst, dass ich ein Tradingdepot habe, wenn auch die Bezeichnung vielleicht etwas hochgegriffen ist und mein Buy & Hold Depot. Damit habe ich meine eigene Psychologie ausgetrickst. Aber ich denke, da muss jeder seinen eigenen Weg finden.
    Ich danke Dir für den Artikel, weil er zeigt, dass ich nicht alleine bin, der mit dem Markt zu kämpfen hat.

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    1. Die Versuchung, sich täglich mit seinen Aktien zu beschäftigen, ist hoch. Einerseits spielt da die Angst mit, etwas Entscheidendes zu verpassen und ggf. einen drastischen Kurseinbruch bei einer oder mehreren Aktien hinnehmen zu müssen. Wenn solide Schwergewichte wie z.B. Microsoft nach Quartalszahlen um mehr als 10 Prozent einbrechen, kann einen diese Volatilität schon nervös machen. Und andererseits ist auch der Nervenkitzel an schnellen Kurssteigerungen, man fängt an, mitzufiebern. Ich schätze, das kann sich bis zu einer Sucht steigern, dass man diesen Kick immer wieder auf's Neue zu wiederholen versucht. Und dabei immer höhere Risiken eingeht - und am Ende (alles) verliert. So geht es vielen, die an der Börse spekulieren, und auch Langfrist- und Valueanlegern kann dies widerfahren. Allerdings haben wir ein Rüstzeug, das uns durch diese Untiefen lotsen kann, wenn wir uns denn daran halten. Wir können sicher sein, dass an der Börse schon jeder mögliche Fehler begangen wurde. Wir müssen "nur" lernen, aus den Fehlern der anderen zu lernen und nicht jede geldvernichtende Aktion selbst durchzuführen. Leichter gesagt, als getan, ich weiß. Aber wie heißt es so schön? Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen. Und so ist es auch mit dem Befolgen der elementaren Investmentregeln. Es reicht nicht, sie zu kennen, man muss sie auch anwenden. Strikt, konsequent, jeden Tag, immer. Und ggf. den "Spieltrieb" eben anderweitig befriedigen, z.B. wie Du mit einem eigenen separaten Spieldepot.

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  4. Danke für diesen Artikel :)

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  5. Dem schließe ich mich an, Danke Michael. Gerade auch für die anschließende Antwort.
    Tut immer gut zu hören (lesen), dass andere sich mit den gleichen "Problemen" beschäftigen müssen. Den Valuepfad beschreitet man wohl am besten gemeinsam ;).

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    1. Moin Sebastian,

      wenn man alleine in seinem stillen Kämmerlein sitzt und sich überlegt, ob man nun die A-Aktie kaufen oder die B-Aktie verkaufen soll, wird man bisweilen ja vom kleinen Trader-Teufelchen geschubst das meint, es sähe ja keiner, wenn man seine Value-Prinzipien mal kurz ausblende, und einmal würde ja nichts ausmachen. Den eigenen "Spieltrieb" auszubremsen, das ist kein leichtes Unterfangen. Für mich war und ist dieses Blog eine Möglichkeit dazu, mich ständig wieder an die Grundprinzipien zu erinnern und meine Beweggründe für Aktienkäufe und -verkäufe hier öffentlich darzulegen. Damit setze ich mich natürlich auch der Kritik aus, denn Denkfehler, Fehlurteile und Fehlinvestments kann ja jeder sehen und nachvollziehen. Und ggf. sogar öffentlich ansprechen. Das bremst schon gewaltig, so dass ich mich um ein gewisses Mindestmaß an Qualität bemühe, um nicht gar zu viele Angriffsmöglichkeiten zu bieten. ;-)

      Und indem ich über Value Investing schreibe, lerne ich selbst immer mehr darüber. Es hilft mir also selbst weiter und ist letztlich nicht ganz uneigennützig, auch wenn das Blog kostenlos und weitgehend werbefrei ist. Unter dem Strich ist alles, was ich hier tue, Eigennutz: ich beschäftige mich mit meinem Lieblingsthema und ich bekommen kostenlos Anregungen und Hinweise. Und ich bringe Ruhe und Tiefgründigkeit in mein Investorenhandeln. Ach ja, unter dem Strich bleibt auch noch eine ganze Menge Geld beim Value Investing hängen, das macht "mein Los" als Blogger noch viel erträglicher.

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