Montag, 1. Juli 2019

Weshalb Kursraketen manchmal auch Gift für die Rendite sein können...

Aktien, deren Kurs sich innerhalb weniger Monate oder manchmal auch nur Wochen verdoppelt, lassen Anlegerherzen höher schlagen und nicht wenige Börseninteressierte sind stets auf der Suche nach diesen "Hot Stocks".

In den Depots von Value Investoren finden sich solche Aktien eher selten, denn sie graben die langweiligen, unterbewerteten Aktien aus, deren Kurs vor sich hin dümpelt und irgendwann einmal von der Börse entdeckt wird. Doch das geschieht eher gemächlich und ist mit langsamen Kursanstiegen verbunden. Doch manchmal erwischt man eine solche Aktie und dann erfreut man sich an deren Kursfeuerwerk und sieht die Euroscheine zu Bergen wachsen.

Diese schnellen und starken Kurssteigerungen sind einerseits erfreulich (und einträglich), andererseits bringen diese Kursexplosionen auch ein nicht zu unterschätzendes Problem mit sich...


Jedenfalls für mich. Denn ich ertappe mich immer öfter dabei, dass ich freudig auf die starken Performer schaue und dann die Mundwinkel hängen lasse, wenn ich mir die übrigen Werte ansehe. Da finden sich Werte wie der Immobilien Asset Manager Patrizia, die ich seit Jahren "durch schleppe" (zum zweiten Mal schon!) und die sich unterm Strich kaum bewegt haben - wobei die Patrizia schon deutlicher im Plus und auch mal richtig satt im Minus notierte.

Obwohl ich nach wie vor vom Potenzial dieses Unternehmens überzeugt bin, sonst hätte ich es ja nicht (mehr) im Depot. Doch der Markt hat meiner Einschätzung zu dieser Aktien (bisher?) noch nicht zugestimmt. Und das wurmt mich und weil es mich nervt, ärgere ich mich über mich selbst!

Denn ich sollte mich davon nicht emotional beeinflussen lassen, dass die Aktienkurse einiger meiner Werte noch nicht gestiegen sind, obwohl mein Investmentcase dies nahelegt. Es sollte mich als Value Investor auch nicht interessieren, dass die Kurse vor sich hin dümpeln, da ich ja nicht die Aktien als Spekulationsobjekte gekauft, sondern mich an einem Unternehmen beteiligt habe. Dessen Aktien habe ich zu einem niedrigeren Preis bekommen habe, als er mir Wert erschien. Und daran hat sich nichts geändert. Der aktuelle Aktienkurs entsteht aber nicht aufgrund des Werts der Unternehmen, sondern aufgrund der tagesaktuellen Handelsaktivität der anderen Börsenteilnehmer. Das sollte mich also nicht kümmern.

Sollte es nicht, tut es aber. Und das ist ja mein Dilemma. Die Top-Performance einiger Aktienwerte trübt meinen Blick auf die anderen und lässt diese in einem schlechteren Licht erscheinen. Relativ betrachtet jedenfalls, Einstein lässt grüßen. Wenn ich sehe, wie mein Investmentcase bei Hypoport aufgeht und die Aktie kein Halten mehr zu kennen scheint, während günstige Werte wie PNE oder DIC Asset vor sich hin schnarchen und weiter auf ihre Entdeckung warten.

Mein Verstand sagt mir, dass es dumm ist so zu denken, und bisher kann er meine Emotionen meistens zügeln. Und ich bremse mich, nicht die langweiligen Aktien aus dem Depot zu werfen, um mehr von den - vermeintlichen - Kursraketen zu kaufen. Denn das würde letztlich bedeuten, dass ich nicht mehr investiere, sondern anfange zu zocken und auf die schnellen Kursgewinne setze - in der totalen Selbstüberschätzung, dass meine Erfolge der Vergangenheit auch Gewinne in der Zukunft bedeuten. Doch so funktioniert das Börsenleben nun einmal nicht, das habe ich u.a. aus den Zeiten des Neuen Marktes gelernt: mein schnell und leicht verdientes Geld habe ich auch schnell und leicht(fertig) wieder verloren. Auch deshalb habe ich mich ja zum Value Investor entwickelt. Um dem Zocken, dem Traden, zu entkommen, den schnellen Gewinnen und hohen Verlusten. Stattdessen möchte ich langfristig Vermögen und Werte aufbauen. Dass meine Jahresperformance in den letzten Jahren deutlich vor dem DAX und dem Dow Jones liegt, sollte und darf ich nicht meiner eigenen vermeintlichen Börsengenialität zuschreiben. Denn nachdem ich die Aktien gekauft habe, haben ja andere für meinen Kursgewinn gesorgt. Ich habe zwar meinen Investmentcase sorgfältig ausgearbeitet, aber dann auch das Glück gehabt, den richtigen Einstiegszeitpunkt erwischt zu haben, um diese Kursgewinne mitzumachen.

»Der Standpunkt bestimmt die Perspektive.«
(Karl Marx)

Und so versuche ich, mich wieder korrekt zu fokussieren. Wie in dem Klassiker "Der Club der toten Dichter" mit Robin Williams in der Rolle des Lehrers Mr. Keating, als er die Schulklasse auf die Tische steigen lässt, um ihnen eine andere Perspektive auf das Altbekannte zu vermitteln. Genauso blicke ich auf mein Depot und sehe nicht die Underperformer herausragen, über die ich mich ärgere, sondern die wenigen Super-Performer, die aus der Masse hervorstechen. Und ich freue mich, dass ich sie in meinem Depot habe, aber ich mache sie nicht (mehr) zum Maßstab für die anderen. Denn Chancen und Risiken gehen immer Hand in Hand an der Börse. Und würde ich versuchen, noch mehr dieser Top-Performer zu finden, würde ich damit zwangsläufig viel höhere Risiken in mein Depot laden. Und damit nicht nur meine Anlagestrategie ad absurdum führen, sondern zwangsläufig auch viel Geld verlieren. Denn auch die Risiken sind nicht nur abstrakte Größen, sondern werden bisweilen zu brutalen Realitäten. In einem steigenden Markt Kursgewinne zu erzielen ist relativ einfach, solange man die größten Dummheiten vermeidet. Aber wenn der Markt nicht mehr steigt, sondern vielleicht sogar fällt, dann zeigt sich, ob man die richtigen Werte im Depot hat und ob man die richtige Strategie fährt - und den Charakter hat, diese auch durchzuhalten. Und diesen Charaktertest, der mit Sicherheit irgendwann (erneut) kommen wird, den werde ich doch lieber mit meinen bewährten Methoden und Aktien in Angriff nehmen, als mit hoch riskanten Spekulationen. Über die starken Kursgewinne von WCM oder Lloyd Fonds freue ich mich trotzdem...

Disclaimer
DIC Asset, Funkwerk, Hypoport, Patrizia und PNE habe ich auf meiner Beobachtungsliste und in meinem Depot.

Kommentare:

  1. Danke, manchmal hilft es, mental rechtzeitig wieder geerdet zu werden...

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  2. Lieber Michael, Dein Beitrag passt wieder wie Arsch auf Eimer auch auf meinen aktuellen Zwiespalt im Kopf... eigentlich Langfristanleger und sogar ein überzeugter. Doch immer wieder auch Bock auf Raketen. :) Danke Dir fürs Teilen Deiner Gedanken und es motiviert und erdet mich wieder, weiter meinen Valueansatz zu verfolgen. :) Liebe Grüße und DANK auch auf diesem Wege für Deinen immer tollen Input, Deine offene und authentische Art. Ich mag Deinen Blog sehr. Alles Gute und bleib schön gesund, Marco

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  3. Geht mir gar nicht so, ich freue mich über jeden Kursgewinn und notfalls auch über stagnierende Kurse. 7C Solarparken lief jahrelang seitswärts, und auf einmal wird die Aktie "entdeckt", wie du schreibst. Bis dahin kassiere ich die Dividende, geärgert habe ich mich nie.
    Und was du an DIC zu "meckern" hast, verstehe ich auch nicht. Ich bin grade mal ein halbes Jahr bei DIC dabei, und schon zweistellig %-ual im Plus. Definiere Rakete - für mich ist das schnell genug :)

    Ich ärgere mich nur über die Nieten, welche ich gezogen habe. Und auch über die nicht wirklich, so lange die Gesamtperformance positiv ausfällt.

    Gruß und weiterhin gute Geschäfte !

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  4. Das Stichwort heißt Geduld. Geduldig ist unsere Gesellschaft aber keineswegs. Die Schnelllebigkeit der Gesellschaft heutzutage wirkt sich auch auf die Märkte aus, was sich wiederrum auf die Anleger auswirkt und einen teuflischen Kreislauf entfacht zu dem man sich irgendwie hingezogen fühlt. Den Zwiespalt verstehe ich sehr gut, aber umso wichtiger ist es sich wieder zu fokussieren und sich selbst treu zu bleiben.

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