Mittwoch, 22. Juli 2015

Microsoft und die beiden Briefe des Nikita Chruschtschow

Es gibt eine Anekdote aus den Memoiren des einstigen sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow, der 1964 wegen seiner peinlichen Auftritte vom Zentralkomitee der KPdSU entmachtet wurde. Bevor er seinen Schreibtisch räumen musste, verfasste er an diesem noch zwei Briefe für seinen Nachfolger. Die verschlossenen Umschläge versah er noch mit einer begleitenden Notiz, die dann Leonid Breschnew nach seiner Amtsübernahme vorfand. Darin stand: "Für meinen Nachfolger: Solltest Du Dich einmal in einer aussichtslosen Situation befinden, aus welcher es kein Entrinnen gibt, öffne den ersten Brief und er wird Dich retten. Befindest Du Dich sich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in einer ausweglosen Lage, dann öffne den zweiten Brief."

Es dauerte nicht lange und Breschnew hatte sich in eine ernste Bredouille manövriert und in seiner Verzweiflung öffnete er den ersten Brief. In diesem stand nur: "Schiebe alles auf Deinen Vorgänger". Breschnew befolgte diesen Rat und machte Chruschtschows Politik für alle jüngst aufgetretenen Probleme verantwortlich. Und es funktionierte.

Einige Jahre später fand sich Breschnew erneut in einer ausweglos erscheinenden Lage wieder und er erinnerte sich des zweiten Briefes. Ohne zu zögern öffnete er ihn in der Hoffnung auf einen weiteren rettenden Ratschlag. Und er las: "Setz Dich sich an Deinen Schreibtisch und schreib zwei Briefe"...

 Microsoft (Quelle: comdirect.de)
Milliardenabschreibungen belasten Microsoft massiv
Gestern Abend nun hat der nicht mehr ganz so neue CEO des Softwarepioniers Microsoft, Satya Nadella, seinen ersten Brief geöffnet und verkündet, Microsoft müsse den höchsten Quartalsverlust seiner Geschichte ausweisen, unglaubliche 3,2 Milliarden Dollar. Diese sind Resultat einer verfehlten Übernahmepolitik seines Vorgängers Steve Ballmer, der u.a. für Kauf der Mobilfunksparte des einstigen Weltmarktführers Nokia fast 10 Mrd. USD hatte springen lassen. Zusammen mit weiteren Sonderaufwendungen beliefen sich die Wertberichtigungen auf atemberaubende 8,4 Mrd USD. Nur im zweiten Quartal! Und so hatte Microsoft bereits Anfang Juli die Entlassung von 7.800 Mitarbeitern angekündigt, von denen die meisten aus der Handy-Sparte kommen.


Nadellas steiniger Weg
Nadella baut Microsoft um, weg vom Closed-Shop-Anbieter hin zu einem Plattform-unabhängigen Softwareanbieter mit Hardware-Sparte. Und während man bei der Hardware, dem Surface, den Windows-Phones und der X-Box der Konkurrenz von Apple, Sony und Samsung meilenweit hinterher hinkt, ist man bei PC-Betriebssystemen noch immer das Maß aller Dinge. Jedoch ziehen auch hier große Gewitterwolken auf, denn weltweit schrumpfen die PC-Absätze, weil immer mehr Menschen zu Smartphones und Tablets greifen und dabei ganz auf PCs und Notebooks verzichten. Daher will Nadella mit Windows 10 nun weg vom PC-Betriebssystem hin zu einer geräteunabhängigen Softwarelösung, die überall gleich aussieht und gleich funktioniert. Und er dampft das bisherige Bezahlmodell ein, das auf Verkaufserlöse setzt, sondern möchte Windows zu einem gebührenfinanzierten Angebot umwandeln. Ein Weg, den Konkurrenten wie z.B. Adobe schon erfolgreich gegangen sind. Allerdings mit dem unschönen Nebeneffekt, dass zunächst die Umsätze und Gewinne einbrechen, bevor sich nach einigen Monaten die Gebühreneinnahmen maßgeblich in der Bilanz widerspiegeln. Bereits im abgelaufenen Quartal nahm man mit den Windowsverkäufen 20 Prozent weniger ein als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum.

Die Spuren des Umbaus sind inzwischen deutlich zu erkennen. So fiel der Umsatz um 5 Prozent auf knapp 22,2 Mrd. USD. Hierzu trugen die Verkäufe von Windows, Office, Datenbanken und anderer Unternehmenssoftware 13,5 Mrd. USD zum Gesamterlös bei, jedoch war das Spartenplus von 0,2 Prozent das langsamste seit zwei Jahren. Die Einführung von Windows 10 wird hier vorübergehend zu weiteren Einbrüchen führen.

Doch es gibt auch Lichtblicke im Endkundengeschäft: der Umsatz mit dem Tablet Surface verdoppelte sich im Vergleich zum Vorjahr auf 888 Mio. USD und die Erlöse mit der Spielkonsole Xbox und Videospielen kletterte um 27 Prozent. Allerdings machte die Endkundensparte unter dem Strich 13 Prozent weniger Umsatz, was auch am starken Dollar liegt.

Nadella und der zweite Brief
Microsoft muss sich neu erfinden, um wieder Anschluss zu finden und vielleicht sogar wieder Trendsetter zu werden. "Mobil first, cloud first" ist die Marschroute des Neuen und er trimmt Microsoft auf Erfolg. Dieser Weg ist nicht alternativlos, aber er scheint erfolgversprechend. Jedenfalls im Vergleich zu den übrigen Optionen, die Nadellas Vorgänger Steve Ballmer ja reihenweise gezogen - und an die Wand gefahren - hat. Der tiefgreifende Umbruch Microsofts wird immer mit Nadellas Namen verbunden sein, ob es ein Erfolg oder ein Flop wird. Noch setzten Analysten und Aktionäre auf den Erfolg und auch auf meiner Empfehlungsliste wird Microsoft weiterhin gelistet. Sollte Nadellas Strategie nicht bald aufgehen, bleibt ihm nur, den zweiten Brief zu öffnen. Und wir alle wissen ja, was in diesem steht...

Kommentare:

  1. Schöner Bericht wobei ich den Satz "Jedoch ziehen auch hier große Gewitterwolken auf, denn weltweit schrumpfen die PC-Absätze, weil immer mehr Menschen zu Smartphones und Tablets greifen und dabei ganz auf PCs und Notebooks verzichten" so nicht unterschreiben möchte. Die stark zurückgehenen Tabletzahlten (s. Ipad) beweisen bereits dass der PC alternativlos ist sofern man damit auch nur etwas Arbeiten möchte (Excel,Word, Mails schreiben, Fotos bearbeiten etc, ). Ich denke es ist nur mittlerweile so, dass die PC´s nicht wie früher alle 2-3 Jahre erneuert werden müssen, da die Prozessorgeschwindigkeit eines 5 Jahre alten PC´s immer noch locker für Normalanwendungen ausreicht. Somit wird der PC Kauf evtl. leichter aufgeschoben und vorher in das erste Tablet oder in ein neues Smartphone investiert. Dass die Gesamtzahl der PC´s schrumpft kann ich mir weniger vorstellen. Nichtsdestrotroz bleibt damit aber auch das Problem dass eine große Anzahl der Betriebssysteme wohl direkt mit dem Neuerwerb eines Computers gekauft werden, da wohl nicht viele Anwender ein Betriebssytemwechsel auf einem alten PC durchführen (zumindest nicht kostenpflichtig). Daher glaube ich dass die Strategie des kostenlosen Upgrades von Win7/8.1 auf 10 richtig ist und vermutlich auch nicht wirklich viel kosten wird, da der Win7/Win8.1 Nutzer sowieso in Kürze kein Win10 gekauft hätte. Wer nun aber WIN10 auf dem PC quasi kostenlos testet und für gut befindet, der kauft sich unter Umständen auch leichter ein Smartphone mit Win10 da die Vernetzung somit perfekt ist. Eigentlich ist das somit nur ne Applekopie und der Versuch sämtlich Geräte untereinander und bedienerfreundlich zu vernetzen. Ich verstehe dabei allerdings nicht warum die Handysparte jetzt abgestoßen wird, wo doch gerade jetzt die Synergien greifen könnten. Es wäre sinnvoller gewesen die Handys nicht so stiefmüttlerlich zu behandeln (kaum neue Modelle) sondern stattdessen noch für zumindest ein weiteres Jahr die Sparte zu behandeln (mit neuen Modellen natürlich) um zu sehen ob nicht doch der Marktanteil durch WIN10 gesteigert hätte werden können. So war die Nokiaübernahme völlig für die Katze.
    Grüße Make

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    1. Moin Make,
      Deine Argumentation pro PC-Verkaufszahlen ist nicht von der Hand zu weisen. Doch ich glaube dennoch, dass sich hier ein Absatzproblem aufgetan hat, das auch im veränderten Nutzerverhalten begründet ist. Denn gerade die technikaffinen Jugendlichen und Studenten legen heute ihre Präferenzen nicht mehr auf Autoführerscheine. Waren es vor 20 Jahren noch über 90%, die an ihrem achtzehnten Geburtstag den Führerschein hatten oder machten, sind es heute knapp mehr als 10 Prozent. Und das liegt nicht an den Kosten, sondern daran, dass das Auto für junge urbane Deutsche nicht mehr gefragt ist. Ein enormes Problem für die Pkw-Hersteller. Und für die PC-Hersteller auch! Denn die Begründung vieler Befragter ist, dass sie lieber öffentliche Verkehrsmittel benutzen, wo sie auch ihre Tablets und Smartphones nutzen können. Kiene Notebooks, natürlich erst recht keine PCs. Und hier fällt eine ganze Generation von Nutzern weg und die Unternehmen werden sich auf diese neuen Anwender, die in ihren Firmen zu Arbeitnehmern werden einstellen(müssen).

      Ansonsten stimme ich Dir zu, dass die PCs heute länger "halten". Andererseits hatte gerade Microsoft mit Windows 7 ja einen Riesenerfolg bzgl. der Updates und Neuverkäufe. Ob nun so viele Leute gleich auf Windows 10 umsteigen, bleibt abzuwarten. Ich selbst habe mich dort zwar registriert, aber ob ich das wirklich machen werde, werde ich mir gut überlegen. Windows 8 (meine Mutter hat das auf ihrem PC) ist so grottig, dass ich Krämpfe kriege, wenn ich an ihren PC ran muss. Und wenn Windows 10 wieder viel mehr Speicher benötigen sollte als seine Vorgänger, wäre das für mich auch (erst einmal) ein No-Go-Kriterium. Ich weiß, bisher hört man Gegenteiliges, aber warten wir es mal ab...

      Und was Nokia angeht... ich habe den Kauf nicht verstanden. Nur die Patente waren wirklich etwas wert, und dabei gibt es dann allerdings das Problem, dass "grundlegende Patente" für die Konkurrenz zugänglich gemacht werden müssen, wenn auch gegen Entgelt. Googles Motorola-Übernahme zielte ja in die selbe Richtung. Ich war jedenfalls froh, als Steve Ballmer endlich den Chefposten bei Microsoft abgegeben hat. Er war ein Verwalter-Dinosaurier, ohne Inspiration, ohne Fortune, ohne das nötige Quentchen, was einen genialen Tech-Geist eben ausmacht. Nadella ist wieder so ein Typ, gut für Microsoft. Tim Cook hingegen nicht, der ist eher so ein Ballmer-Verschnitt, auch wenn er menschlich natürlich völlig anders ist. Aber Apple hat seinen "Drive" verloren, das wird zunehmend zum Problem werden...

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