Freitag, 5. April 2019

Ein Margin Call? Das ist ja wohl das allerletzte... Warnsignal!

Kredite aufzunehmen, um dann mit diesem Geld Aktien oder sogar noch spekulativere Finanzprodukte, wie Optionen, zu kaufen, ist verlockend, denn man kann mit geringem Einsatz eigenen Geldes große Spekulationssummen bewegen. Solange die Kurse in die gewünschte Richtung laufen, wachsen die Buchgewinne schnell an.

Doch wo Chancen sind, da lauern auch Risiken. Wenn nämlich die Spekulation nicht aufgeht und sich die Kurse anders als erwartet entwickeln, dann türmen sich sehr schnell große Buchverluste auf. Unter Umständen so schnell, dass sie größer sind als das ursprünglich eingesetzte Kapital. Der Hebel bei Kredit finanzierten Spekulationen wirkt in beide Richtungen. Und schon Archimedes sagte: "Gebt mir einen festen Punkt und einen genügend langen Hebel, und ich werde die Erde aus den Angeln heben". Wobei wir nicht übersehen dürfen, dass Kredite eben kein fester Punkt im Sinne der Naturgesetze sind...


Mit jeder Kreditaufnahme sind also Risiken verbunden und Verpflichtungen. Nicht nur die, Zinsen zu zahlen, sondern vor allem, die Kreditsumme am Ende restlos zu tilgen. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist es manchmal aber nicht. Und zwar nicht unbedingt aufgrund böser Absicht, sondern manchmal aus reiner Not. Wenn man sich nämlich verspekuliert hat und daher keine Mittel zur Rückzahlung der Kreditverpflichtungen hat.

Der Margin Call

Der Begriff Margin Call ist ein "Aufruf zur Sicherheitsleistung" und stammt aus dem Bereich der Warentermingeschäfte, wo Broker einem Investor Kapital für dessen Spekulationen zur Verfügung stellen. Dafür muss der Investor eine Sicherheitsleistung zwischen einem Viertel und einem Prozent hinterlegen, die sog. Margin. Drohen nun Verluste aus den Handelspositionen, die die Margin überschreiten würden, erfolgt ein Aufruf zum Nachschießen. Andernfalls werden die Handelspositionen durch den Broker zwangsweise geschlossen.

Ähnlich verhält es sich mit Wertpapierkrediten, bei denen Wertpapiere als Sicherheiten für den Kreditbetrag verpfändet werden. Fallen die Kurse, so dass die Sicherheiten unter den Kreditbetrag sinken, erfolgt der Margin Call - es muss frisches Geld nachgeschossen oder Wertpapiere verkauft werden, bis mindestens die Margin wieder höher ist als der ausstehende Kreditbetrag.

Risiken der Kredit finanzierten Spekulation

Die "Margin Call" kann wie ein finanzieller Todesstoß wirken, wenn man nicht noch irgendwo anderes Geld parat hat - nur um seine Verluste aus den riskanten Wetten abdecken zu können. Denn wenn der Broker anruft und frisches Geld einfordert, dann ja gerade zu dem Zeitpunkt, wo einem finanziell das Wasser eh bis zum Hals steht.

Im günstigeren Fall hat man noch finanzielle Reserven und kann das aufgerissene Finanzloch stopfen. Dann sollte man den Margin Call als letzten Weckruf verstehen, dass man sich auf dem falschen Weg befindet. Denn die ursprünglichen Annahmen der eigenen Chance-Risiko-Analyse stimmten nicht, sonst wäre man ja nicht in diese Kreditklemme geraten. Und anstatt das Problem einfach durch das Nachschießen von Geld zu bereinigen, sollte man spätestens an diesem Punkt seinen Investmentcase und seine Strategie grundlegend überdenken. Wenn nicht zu diesem Zeitpunkt, wann dann? Denn nur, weil man einmal einen Margin Call befriedigen konnte, heißt das nicht, dass die Kurse nicht noch weiter sinken können und man ein weiteres Mal einen so unerfreuliche Zahlungsaufforderung erhält. Und wenn dann die Finanzreserven aufgebraucht sind, hat man gleich doppelt verloren.

Man muss nicht jeden (meiner) Fehler selbst machen!

Wer glaubt, das würde nur anderen passieren, der irrt. Ich habe das selbst erlebt als die Internetblase platzte und ich - auch auf Kredit - viele hochspekulative Highflyer des Neuen Marktes und der NASDAQ im Depot hatte. Die meisten dieser Unternehmen gibt es heute nicht mehr, da sie den Absturz nicht überlebt haben, der auf den großen Börsenboom folgte. Mit entsprechenden Folgen für ihren Aktienkurs und ihre Wirkung als Sicherheit für meinen Wertpapierkredit. Letztlich musste ich sukzessive viele Position glattstellen und habe dabei nicht nur die in den vorangegangenen Jahren angehäuften Buchgewinne aufgeraucht, sondern unterm Strich auch reale Verluste einstecken müssen. Und keine kleinen...

Als Ergebnis blieb mir, dass ich nach Tilgung der Kredite viel weniger eigenes Investmentkapital zur Verfügung hatte, als vorher. Und das weit über die eigentlichen Kursverluste hinaus. Denn gerade weil ich auch noch zusätzlich mit fremdem Geld spekuliert hatte, habe ich viel mehr Verlust eingefahren, als das sonst der Fall gewesen wäre. Nochmal zur Verdeutlichung: nicht nur, weil mehr Aktienkapital ins Minus rutschte, sondern weil mich die Kursverluste mehrmals wieder zum Glattstellen gezwungen haben. Ich war also noch nicht einmal mehr Herr über meine Positionen, sondern musste verkaufen, weil mich die Bank dazu zwang. Was ihr gutes Recht war (und auch ihre Verpflichtung gegenüber ihren eigenen Aktionären, ich mache ihr da keinen Vorwurf), es war alleine mein Fehler, meine schlechte Risikoeinschätzung. Und ich bin noch mit zwei blauen Augen aus der Nummer raus gekommen, denn im schlimmsten Fall hätte mein ganzes Investmentkapital auf diese Weise über den Jordan gehen und am Ende trotzdem noch ein Kreditbetrag offen sein können.

Ich habe meine Lektion gelernt und spekuliere nicht mehr auf Kredit. Dass hat mich allerdings 2009 nicht davor bewahrt, mit einer Kredit finanzierten Immobilie ebenfalls Schiffbruch zu erleiden. Als nämlich mitten in der Finanzkrise mein Kreditvertrag auslief und die Bank ihn nicht verlängern wollte (oder konnte) und ich mich bei selbst notleidenden Banken auf die Suche nach einer Anschlussfinanzierung machen musste. Was nicht klappte, so dass ich am Ende - neben dem Verkauf der Immobilie deutlich unter Wert - zur Tilgung dieses Immobilienkredits teilweise auch noch auf meinen Wertpapierbestand zurückgreifen musste. Und jeder kann sich vorstellen, dass 2009 der denkbar schlechteste Zeitpunkt war, um Aktien zu verkaufen - genau dann, wenn man am Tiefpunkt Aktien hätte kaufen müssen. Aber das ist eine andere Geschichte...

Aus diesen Gründen hat Warren Buffetts Warnung vor Krediten für mich seit vielen Jahren eine ganz besondere Bedeutung. Sie ist zwar kein in Granit gemeißeltes Dogma, jedoch stete Erinnerung an das große Risiko, das hier schlummert. Ein Risiko, das erfahrene Anleger durchaus eingehen und beherrschen können. Aber auch nur sie. Meistens. Und ein Risiko, das man nicht leichtfertig abtun darf, denn dazu ist die Fehlertoleranz einfach viel zu gering!

»Geliehenes Geld hat keinen Platz im Investoren-Werkzeugkasten. An den Märkten kann jederzeit alles passieren.«
(Warren Buffett)

(Gute) Value Investoren meiden Kredit finanzierte Investments

Der beste Rat ist daher, nur Geld zu investieren, bei dem man sich den Totalverlust leisten kann. Was eine Kreditfinanzierung für die meisten Anleger schon mal ausschließt. Auch für Buy & Hold-Anleger und Value Investoren, die nicht auf das schnelle Traden aus sind.

Value Investing ist ja auf mittel- und langfristige Sicht angelegt und nicht auf das Mitnehmen kurzfristiger Kursschwankungen. Wenn man nun für eine Aktie, die man jahrelang im Depot behält, 6,5% Zinsen pro Jahr für den Kredit bezahlen muss, muss die Aktie um diese 6,5% pro Jahr steigen, um nur die Kreditzinsen zu verdienen. und/oder entsprechende Dividenden zahlen (nach Abzug der Steuern).

Zusätzlich verliert man durch die Kreditfinanzierung seine Handlungsfreiheit, nämlich die Freiheit, nichts zu tun, Geduld zu haben, sein Geld für sich arbeiten zu lassen. Und dadurch im Idealfall den Zinseszinseffekt seine volle Wucht entfalten zu lassen. Das Geld arbeitet bei auf Kredit finanzierten Wertpapieren tendenziell gegen einen, das Chance-Risiko-Verhältnis ist negativ! Kaufe niemals auf Kredit ist daher eine der "goldenen Regeln des Value Investings"!

Oder frei nach Charlie Munger: smarte Investoren haben keine Kredite nötig.

Die Value Investment Community valueDACH hat zu einer Blogparade aufgerufen unter dem Motto "Die besten Investmentfehler" mit dem Ziel, aus den beschriebenen eigenen Fehlern und denen von anderen zu lernen. Unter dem Hashtag #ausinvestmentfehlernlernen werden in nächster Zeit eine Reihe spannender und lehrreicher Beiträge erscheinen - zum Glück nicht alle von mir... ツ

Kommentare:

  1. Lieber Michael,
    ich lese fast immer Deine Themenschwerpunkte.
    Vielen Dank. Ich bin Dank Dir auf die BDC gekommen und mit diesen seit Jahren immer im grünen Bereich.
    Noch etwas als aufmerksamer Leser: Das heutige Datum zum MarginCall ist falsch eingestellt.
    Einen guten Tag
    GeorgMichael


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    1. BDC ist ein gutes Stichwort. Soweit mir bekannt, "investiert" Kissig seine US-BDCs teilweise auch kreditfinanziert. Dazu bedient er sich nicht eines Kredits in USD, sondern in EUR und hat daher auch ein Währungsrisiko.
      Ein ganz ein smarter Investor!

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    2. Lieber Anonym,
      vielen Dank für Deinen konstruktiven Beitrag. Falls jemand wissen will, was gemeint ist: "Meine High-Yield-BDC-Dividend-Debt-Strategie. Einfach perfekt oder ziemlich blöd?"".

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    3. Business Development Company (BDC) Universe
      http://cefdata.com/bdc/

      Gruss Börge

      p.s. ich selbst halte auch BDCś z.T. auf Kredit

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  2. BDCs steht übrigens für Business Development Company, zB Ares, Blackrock usw.
    Bin auf die Diskussion gespannt :)

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  3. Danke für deine Erfahrungen! Werde ich mir hinter die Ohren schreiben und auch bei verlockenden Kursen und Marktphasen niemals kreditfinanziert kaufen.

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  4. Lieber Herr Kissing, ein super ehrlicher Beitrag, wie man ihn selten findet. Endlich auch jemand der sich nicht als unfehlbar darstellt. Respekt ! Aus solchen Kommentaren kann man , wenn man clever ist am meisten lernen.

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  5. Aha also lieber Küchen, Autos und Urlaub auf Kredit als Assets?
    Geld verliert man, wenn man den Kopf ausschaltet und Geschichten hinterherjagt. Jemand der bei den letzten zwei Blasen (.com und Immoblienblase)Geld verloren hat, sollte besser überlegen ob der eigene Charakter zum Investieren geeignet ist.

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    1. Hier gibt es nur eine richtige Antwort: Nichts auf Kredit! Die einzige Ausnahme die ich hier sehe ist das Investemnt in sich selbst.

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    2. Ach Moritz, wir hatten doch schon festgestellt, dass Du der beste Investor von allen bist und niemals irgendwelche Fehler machst. Auch an dieser Stelle ziehe ich wieder meinen Hut vor Deiner Leistung. Ich bin leider nicht so schlau und unfehlbar und ich war es ganz besonders nicht vor 20 oder 10 Jahren. Ich finde es absolut bewundernswert, dass Du niemals eine Lernkurve durchgemacht hast; ich lerne ständig dazu und das auch aufgrund meiner Fehlentscheidungen. Manche haben das nicht nötig und können schon alles und das von Anfang an. Die Bezeichnung Genie würde das wohl nicht angemessen genug würdigen...

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    3. Danke für die treffende Zusammenfassung

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    4. Das eine ist Theorie, das andere ist Praxis, bzw. Gene. Die sucht man nicht aus und kann man auch nicht ändern. Das ist auch nicht abwertend gemeint. Aus einem Schaaf wird niemals ein Wolf werden. Nicht in 10 oder 20 Jahren. Entweder man ist so oder nicht. Übriges auch die meinug von Buffet oder Klarman oder vieler anderer Valueinvestoren.

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  6. :D ich kann nicht mehr

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