Dienstag, 7. März 2017

Stop-Loss-Orders bieten weniger Sicherheit als Anleger glauben

"Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen" lautet eine in korrigierenden Marktphasen gerne zitierte Börsenweisheit und sie klingt nicht nur sinnvoll, sie ist es auch. Schon Warren Buffetts Regel Nummer 1 lautet: "Niemals Geld verlieren", auch das klingt nur vernünftig. Der Teufel liegt aber, wie so oft, im Detail. Oder genauer gesagt in der Anwendung. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass niemand weiß, wohin sich die Börsenkurse entwickeln werden, alles beruht alleine auf Annahmen und Einschätzungen. Und zwar nicht nur unsrer eigenen, sondern der von allen Marktteilnehmern.

Daher hat irgendjemand mal den Stop-Loss erfunden, eine automatisierte Verkaufsorder, die vor (weiteren) Kursverlusten schützen soll. Auch das klingt wieder vernünftig, ist aber beim zweiten Hinsehen eher eine Mogelpackung mit weiteren Nebeneffekten.

Was bewirkt eine Stop-Loss-Order eigentlich?
Der Durchschnittsanleger denkt, mittels einer Stop-Loss-Order würde er sich einen garantierten Mindestverkaufspreis für seine Aktien sichern. Fällt der Aktienkurs auf den Stop-Loss, wird automatisch verkauft. So weit, so klar. Oder eben unklar. Denn es wird nicht, wie gemeinhin angenommen, zu diesem Stop-Loss-Kurs verkauft! Es wird beim erreicht der Stop-Loss-Marke lediglich eine unlimitierte (!) Verkaufsorder ausgelöst. Soll heißen: wenn die Aktien einbrechen und den Stop-Loss-Kurs erreichen, werden sie auf den Markt geschmissen, zu jedem Preis!

»Stopp-Losses garantieren keinen Schutz gegen Verluste. Sie erhöhen sogar die Chancen, Kursgewinne zu verpassen, und sie steigern definitiv die Transaktionskosten.«
(Ken Fisher)

Mit teilweise dramatischen Folgen, sprich Kursabschlägen. Denn üblicherweise werden Stop-Loss-Marken bei runden Kursen gesetzt, bei charttechnisch wichtigen Marken und natürlich dort, wo Börsenbriefe ihre empfohlenen Stopps gesetzt haben. Also genau dort, wo alle anderen sie auch platzieren. Und wenn nun diese Marke erreicht wird, kommen alle diese Stop-Loss-Orders gleichzeitig und unlimitiert zur Auslösung. Ein gewaltiger Angebotsüberschuss ergießt sich in den Markt und reißt den Kurs in die Tiefe, weil auf der Angebotsseite ja nicht automatisch ebenso viel Nachfrage in den Markt kommt. Im Gegenteil, in korrigierenden Börsenphasen ist die Nachfrageseite ohnehin zumeist sehr ausgedünnt. Das gleichzeitige Auslösen der vielen Stop-Loss-Orders erzeugt somit einen Schneeballeffekt und treibt den Kurs völlig unnötig weiter in die Tiefe. Und die vermeintliche Sicherheit, die der Stop-Loss bieten sollte, hat nicht gegriffen, sondern sogar das Problem noch verschlimmert, ja sogar mit ausgelöst.

»Es ist ganz einfach unsinnig, sich auf Stop-Orders als Absicherung gegen Kursverfälle zu verlassen, ebenso wie auf künstlich gesetzte Kursziele in Aufwärtsphasen.«
(Peter Lynch)

Und so bleiben zwei Erkenntnisse: Ein Stop-Loss ist eher ungeeignet, um vor Kursverlusten zu schützen. Und die Stop-Loss-Marke stellt nicht den Mindestverkaufspreis für die Wertpapiere dar, sondern den maximalen Höchstkurs! Eine Stop-Loss-Order sichert also nur den Kursverlust ab, nicht den Aktienkurs und das Depot selbst. Ich arbeite daher nicht mit diesem Werkzeug, ich halte es schlicht für Irrsinn. Und zwar nicht nur für Buy & Hold-Anleger und Langfristinvestoren, die auf Qualitätsaktien setzen, sondern generell. Trügerische Sicherheit ist nur eines: trügerisch.

Kommentare:

  1. Ich habe damit auch aufgehört.

    Die gängigen Marken haben für mich nie wirklich funktioniert. Um etwas schlauer zu sein, habe ich dann den Stop-Loss etwas über den gängigen Marken platziert, um 'schon vorher' draußen zu sein. Das Ergebnis war oft, das der Kurs nur kurz an meiner Marke gekratzt hat, ich rausgeflogen bin, und der Kurs wieder gestiegen ist - ohne mich...

    Ich denke ich bin von Stop-Loss geheilt, weil ich damit immer verloren habe. Aber das sollen ja die wertvollsten Erfahrungen sein ;-)

    Tom

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    1. "Erfahrung ist eine nützliche Sache. Leider macht man sie immer erst kurz nachdem man sie brauchte".
      (Johann Wolfgang von Goethe)

      So ist das mit dem Lehrgeld, wenn man aus seinen Fehlern wenigstens etwas lernt und besser wird, dann hat es sich unterm Strich doch noch gelohnt. Und man kann eben nicht aus den Erfahrungen andrer so gut lernen, wie aus den eigenen. Die sind hautnaher, echter, signifikanter, spürbarer.

      Ich denke, Stop-Losses suggerieren eine Sicherheit, die de facto nicht gegeben ist. Das macht sie nicht nur überflüssig, sondern für Anleger letztlich auch gefährlich. Der gesunde Menschenverstand sollte hier eher zum Einsatz kommen... ;-)

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    2. Guter Artikel, Michael. Ich halte von dem Verwenden von Stop Losses auch nichts. Es widerspricht auch jeder Logik, Unternehmen einfach deshalb zu verkaufen, weil ihr Preis gefallen ist.

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    3. Richtig, für Anleger ist es Tinneff. Für Zocker, die einfach 10 Aktien als Lottoscheine kaufen, mag es Sinn machen, diese nach unten (vermeintlich) abzusichern in der Hoffnung, dass die anderen Aktien dann mehr Gewinn einbringen. Für uns Value-Investoren natürlich ein abstruse Vorstellung, die nichts mit der Bewertung und dem Investieren in unterbewertete Aktien zu tun hat.

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    4. Hallo Michael, hast Du SL's in Deinem Depot gesetzt?

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    5. Nein, weder definiere noch setze ich Stop-Losses. Wenn ich , wie kürzlich, einige Zeit in Urlaub fahre und auch nicht handeln kann, sichere ich das Depot über einen entsprechenden Put ab. er frisst zwar ggf. eine positive Performance dann über seine eigenen Kursverluste auf, sichert aber ansonsten nach unten ab. Ich nutze Puts nicht als Spekulationsinstrumente, um damit Geld zu machen, sondern rein zur Absicherung, wenn ich selbst nicht am Ball sein kann.

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  2. Ich bin ein Neuling in diesem Feld, aber der Stop-Loss hat mir doch einen Profit gebracht, denn ich hatte in eine Goldaktie investiert und die war recht volatil. Durch den Stop-Loss hatte ich doch 15% Profit erzielt, denn ich war einfach nicht da und konnte nicht agieren. Es war schon "zocken", aber mein Ziel war 15% und dann raus. Die Kosten hielten sich sehr in Grenzen. Das war für mich auch keine langfristige Aktie. Ich hatte halt Glück und hatte sie vor dem Brexit gekauft, da ich glaubte, der Brexit könnte doch kommen (was auch so eintrat). Jetzt hat sich der Markt beruhigt und jetzt suche ich einen guten ETF für Goldminen - bald kommen die US Wahlen!

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    1. Moin Kari,
      ich wünsche Dir viel Erfolg mit Deinen Börsengeschäften!

      Deine Beschreibung klingt weniger nach investieren als nach Spekulieren. Für's Spekulieren ist eine (enge) Verlustbegrenzung wichtig, weil sich die Schwankungen des Aktienmarktes langfristig als Über- und Untertreibungen darstellen und als Kauf- und Verkaufsgelegenheiten. Aber eben erst im Nachhinein. Value Investoren schauen nicht auf die Charts, sondern darauf, ob der Aktienkurs (Preis) höher oder niedriger ist, als der Wert der jeweiligen Aktie. Bei einem Sicherheitsabschlag von 15% oder mehr greifen sie dann zu, was immer der Kurs auch gerade macht. Und sind dann langfristig in dem Unternehmen investiert, so dass kurzfristige Kursabsicherungen über Stop-Losses keine Relevanz haben.

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  3. Interessanter Kommentar zur Verlustbegrenzung. Aber gibt es deshalb nicht auch das "Stop-Loss LIMIT"?

    Auch im Falle eines Kurseinbruchs kann bei ausgelöstem Stop ein mindest-verkaufspreis definiert werden.

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    1. Ja, auch so etwas gibt es nun. Aber das ändert nichts an dem Grundproblem: der Kurs bricht ein, es wird eine Verkaufsorder ausgelöst. Liegt diese unterhalb des "Stop-Loss-Limits", wird die Order aber nicht ausgeführt, sondern bleibt so lange im Markt bestehen, bis das Limit erreicht wird.

      Beispiel:
      Kurs ist €45, Stop-Loss-Limit €35, Kurs bricht auf €30 ein => kein Verkauf.
      Kurs erholt sich wieder Richtung €40 => Verkauf zu €35.

      Man hat nun in die Erholung hinein verkauft und ist die Aktien zu seinem ursprünglichen Limit los geworden. Das Limit wirkt also nicht (mehr) als Verlustbegrenzung, sondern als Hemmnis für die Kurssteigerung.

      So oder so, Stop-Loss-Orders machen für Langfrist- und Value-Investoren keinen Sinn!

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