Donnerstag, 29. März 2018

Peter Lynch mahnt: Stopp-Loss-Orders sind als Absicherung einfach unsinnig!

"Verluste begrenzen, Gewinne laufen lassen" lautet eine in korrigierenden Marktphasen gerne zitierte Börsenweisheit und sie klingt nicht nur sinnvoll, sie ist es auch. Schon Warren Buffetts Regel Nummer 1 lautet: "Niemals Geld verlieren", auch das klingt nur vernünftig. Der Teufel liegt aber, wie so oft, im Detail. Oder genauer gesagt in der Anwendung. Denn es liegt in der Natur der Sache, dass niemand weiß, wohin sich die Börsenkurse entwickeln werden, alles beruht alleine auf Annahmen und Einschätzungen. Und zwar nicht nur unsrer eigenen, sondern der von allen Marktteilnehmern.

Daher hat irgendjemand mal den Stop-Loss erfunden, eine automatisierte Verkaufsorder, die vor (weiteren) Kursverlusten schützen soll. Auch das klingt wieder vernünftig, ist aber beim zweiten Hinsehen eher eine Mogelpackung mit weiteren Nebeneffekten.

»Es ist ganz einfach unsinnig, sich auf Stopp-Orders als Absicherung gegen Kursverfälle zu verlassen, ebenso wie auf künstlich gesetzte Kursziele in Aufwärtsphasen.«
(Peter Lynch)

Was bewirkt eine Stopp-Loss-Order eigentlich?
Der Durchschnittsanleger denkt, mittels einer Stopp-Loss-Order würde er sich einen garantierten Mindestverkaufspreis für seine Aktien sichern. Fällt der Aktienkurs auf den Stopp-Loss, wird automatisch verkauft. So weit, so klar. Oder eben unklar. Denn es wird nicht, wie gemeinhin angenommen, zu diesem Stopp-Loss-Kurs verkauft! Es wird beim erreicht der Stopp-Loss-Marke lediglich eine unlimitierte Verkaufsorder ausgelöst. Soll heißen: wenn die Aktien einbrechen und den Stopp-Loss-Kurs erreichen, werden sie auf den Markt geschmissen, zu jedem Preis!


Mit teilweise dramatischen Folgen, sprich Kursabschlägen. Denn üblicherweise werden Stopp-Loss-Marken bei runden Kursen gesetzt, bei charttechnisch wichtigen Marken und natürlich dort, wo Börsenbriefe ihre empfohlenen Stopps gesetzt haben. Also genau dort, wo alle anderen sie auch platzieren. Und wenn nun diese Marke erreicht wird, kommen alle diese Stopp-Loss-Orders gleichzeitig und unlimitiert zur Auslösung. Ein gewaltiger Angebotsüberschuss ergießt sich in den Markt und reißt den Kurs in die Tiefe, weil auf der Angebotsseite ja nicht automatisch ebenso viel Nachfrage in den Markt kommt. Im Gegenteil, in korrigierenden Börsenphasen ist die Nachfrageseite ohnehin zumeist sehr ausgedünnt. Das gleichzeitige Auslösen der vielen Stopp-Loss-Orders erzeugt somit einen Schneeballeffekt und treibt den Kurs völlig unnötig weiter in die Tiefe. Und die vermeintliche Sicherheit, die der Stopp-Loss bieten sollte, hat nicht gegriffen, sondern sogar das Problem noch verschlimmert, ja sogar mit ausgelöst.

»Stopp-Losses garantieren keinen Schutz gegen Verluste. Sie erhöhen sogar die Chancen, Kursgewinne zu verpassen, und sie steigern definitiv die Transaktionskosten.«
(Ken Fisher)

Und so bleiben zwei Erkenntnisse: Ein Stopp-Loss ist eher ungeeignet, um vor Kursverlusten zu schützen. Und die Stopp-Loss-Marke stellt nicht den Mindestverkaufspreis für die Wertpapiere dar, sondern den maximalen Höchstkurs! Eine Stopp-Loss-Order sichert also nur den Kursverlust ab, nicht den Aktienkurs und das Depot selbst. Ich arbeite daher nicht mit diesem Werkzeug, ich halte es schlicht für Irrsinn. Und zwar nicht nur für Buy & Hold-Anleger und Langfristinvestoren, die auf Qualitätsaktien setzen, sondern generell. Trügerische Sicherheit ist nur eines: trügerisch.

Kommentare:

  1. Danke für diesen weisen Beitrag. Mein Vorgehen ist genauso: Wenn ich überzeugt bin von der Aktie, dann kaufe ich nach in schwierigen Phasen. Habe auch noch nie einen Stop-Loss gesetzt, fahre bislang sehr gut damit.

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  2. Ich bin auch von gesetzten Stop-Loss-Marken abgekommen, nachdem ich einige Male kurzfristig vor einer erneuten Anstiegsphase sehr ungünstig ausgestoppt worden bin. Ich erinnere Kontron ca. 2010, wobei der Eindruck aufkam, dass bewusst der Kurs nochmal in Richtung Keller gebracht wurde, bevor zugegriffen wurde.
    Allerdings benutze ich virtuelle Stops, die ich in schwächeren Börsenphasen wie aktuell gerade, ignoriere.
    Doch muss man aufpassen, ob nicht die Rahmenbedingungen für einen Bärenmarkt gegeben sind wie 2001-März 2003 oder 2008, was nach Meinung vieler Experten ja aktuell noch(!) nicht zutrifft. In solchen breiten Abschwungphasen muss man m.E. gar nicht investiert sein, denn eine starke Ebbe bringt auch gute Boote in Grundberührung. Der Fehler war in solchen Phasen immer, den Verlockungen erheblicher Abschläge zu erliegen und zu früh wieder einzusteigen. Der "finale Ausverkauf" im März 2003 und März 2009 war tiefer als je gedacht, dann aber doch spürbar.

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  3. Danke, bin auch der Annahme aufgesessen, dass stop loss zum festgelegten Kurs verkauft. Verheerende strategische Auswirkungen. Den Artikel sollte man nicht nur überfliegen.

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  4. Allein der Begriff ist schon irreführend, denn es werden ja keine Verluste gestoppt. Wahrscheinlich ist das ein Grund, warum so viele darauf hereinfallen. Eigentlich müsste es "Sell Stop" heißen.
    Mit einem "Sell Stop Limit" könnte man vermeiden, zu einem unsinnig niedrigen Kurs zu verkaufen. Allerdings hat man damit dann keine Garantie mehr, dass die Order überhaupt ausgeführt wird. Alles nicht so ideal...

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    1. Genau so ist es. Früher waren die Orderbücher ja noch nicht einsehbar, aber heute können einige Marktteilnehmer ja sehen, welche Orders im Markt liegen - und diese dann gezielt "abräumen". So etwas führt dann schnell zu einem Flash-Crash, bei dem der normale Durchschnittsanleger mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu den Verlierern zählt. Er hat dann die Verluste eingefahren, dank seiner Stopp-Loss-Orders, während andere die Aktien gezielt billig eingesammelt haben und dann dank des "fast natürlich einsetzenden" Rebounds auf fetten Kursgewinnen sitzen...

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  5. Hallo Michael,
    wie kann ich dennoch als Kleinanleger meine Werte absichern, um größere Verluste zu vermeiden ?
    Ich habe nur ein begrenztes Budget und kann nicht unbegrenzt nachkaufen.
    Eure Anmerkungen sind alle plausibel, aber dennoch muss ich doch irgendwie eine Haltelinie einziehen und kann bei fallenden Kursen nicht ewig warten !?
    Danke und Gruß
    Andre

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    1. Moin Andre,
      sein Depot gegen Verluste abzusichern, ist nicht wirklich möglich. Leider. Zwar gibt es verschiedene theoretische Optionen, aber in der Praxis haben die sich nicht bewährt. Ob Stopp-Loss oder Puts, sie suggerieren nur eine faktisch nicht vorhandene Sicherheit.

      Meine Risikoabsicherungsstrategie habe ich mal in einem Interview so dargelegt:

      "Welche Art von Riskmanagement wenden Sie an?

      Ich denke nach, bevor ich handele. Ich kaufe nichts, was ich nicht verstehe. Ich halte stets ein gutes Maß an Liquidität, um in Kursrücksetzer hinein kaufen zu können – sofern ich weiterhin von dem Unternehmen überzeugt bin. Nur dann lohnt sich ja ein Nachkaufen. Ansonsten halte ich nichts von Stopp-Losses oder Absicherungsinstrumenten. Damit erzielt man langfristig keinen Mehrwert, sondern erkauft sich nur eine Sicherheitsillusion.

      Wenn der Kurs einbricht, dann ändert das ja nichts am Wert des Unternehmens und seiner Aktien. Es ist nur der Kurs, der sich geändert hat. Durch einen Stopp-Loss vernichte ich also Werte, weil ich unter Wert automatisch verkaufe. Und wenn das Unternehmen sich in Schwierigkeiten befindet und deshalb der Kurs einbricht, rettet mich ein Stopp-Loss auch nicht.

      Puts sind Zocker-Papiere, die auf kurzfristige Marktschwankungen zielen. Sichere ich damit meinen Depotbestand ab und die Kurse fallen, steigt der Wert des Puts. Um hier einen Nutzen draus ziehen zu können, muss ich aber ja genau zum richtigen Zeitpunkt die Puts verkaufen und in meine Aktien investieren und dann den nächsten Kursaufschwung mitzunehmen. Mache ich dies nicht und sitze den Kurseinbruch samt nachfolgender Erholung einfach aus, dann stehen die Kurse wieder dort, wo sie vor dem Einbruch waren und der Put hat seine Kursgewinne ebenfalls wieder hergegeben. Er hat nur aufgrund seiner kurzen Laufzeit an Wert verloren. Unter dem Strich habe ich keinen Vorteil daraus gezogen. Es läuft also darauf hinaus, dass man versucht, den Markt zu timen, zum Höchstpunkt der Börse den Put zu kaufen und zum Tiefstpunkt zu verkaufen. Klappt aus meiner Erfahrung nicht. Daher lasse ich das und setze auf Cash als Versicherung gegen fallende Kurse, um dann tief nachkaufen zu können. Das bringt langfristig die Rendite!"

      Ich weiß, das ist für Dich keine befriedigende Antwort, weil sie keine einfache Lösung anbietet. Aber die gibt es nicht. Risikio (Kursverluste) geht immer Hand in Hand mit Chance (Kursgewinne), es gibt das eine nicht ohne das andere. Und in einer Korrekturphase an den Börsen oder gar einem Crash spielen Argumente kaum eine Rolle, sondern Emotionen. Vor allem Angst und Panik. Dagegen kann man sich nicht absichern, auch die qualitativ besten Aktien werden dann ausgebombt. Nur wenn man man vorher verkauft hat, ist man nicht betroffen - aber das ist Market-Timing und hat mit Investieren nichts zu tun. Will man Traden, soll man das tun. Aber dann muss man sich auch auf die Trading-Instrumente einlassen, auf Charts, auf kurzfristiges Zocken, und nicht auf eine fundamentale Aktienanalyse. Beides passt nicht/wenig zusammen.

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    2. Fortsetzung...

      Letztlich kann/sollte man sein Risiko durch die Auswahl der richtigen Aktien/Unternehmen begrenzen. Das bedeutet aber (leider) auch, dass man nicht auf die heißen Aktien setzen darf, nicht auf die angesagten Werte mit hohen Umsatzsteigerungen in den Boombranchen. Man muss nach den billigen, vernachlässigten, unbeachteten Werten schauen. Benjamin Graham war ein angesehener und sehr erfolgreicher Investor. Und doch hat er im großen großen Börsencrash von 1929 fast alles verloren. Aus dieser Erfahrung heraus wurde er zum Value Investor, dem Risikoverminderung vor Rendite ging. Das war seitdem sein Mantra. Er hat für Privatanleger eine Reihe von Kriterien aufgestellt, an denen sie sich bei der Aktienauswahl orientieren können ("Value Investing nach Benjamin Graham").

      Ich habe jüngst auch risikoreichere Aktien von meiner Empfehlungsliste genommen, weil mir die Risiken inzwischen als ungerechtfertigt hoch im Verhältnis zu den Chancen erscheinen. So bei Facebook, Aves One oder Prospect Capital. Die Risiken im Geschäftsmodell haben sich erhöht, während die Chancen gleich geblieben sind oder sich verschlechtert haben.

      .: Facebook
      Das Image ist stark angeschlagen, der News-Feed wurde verändert zugunsten von privaten Meldungen und zuungunsten von Unternehmensnews, das Daten- und Sicherheitsdesaster weitet sich aus und wird zum Dauerproblem, Facebook stellt mehrere tausend neue Mitarbeiter ein, um gegen Fake-News vorzugehen, erstmals verliert Facebook aktive Nutzer und hat bereits vor drei Quartalen angekündigt, dass man nicht noch mehr Werbung auf Facebook platzieren können (also bleibt als Wachstumsmotor Instagram und WhatsApp). Bedeutet in Summe, dass Facebook künftig Schwierigkeiten haben dürfte, seine Gewinne zu steigern - aber ohne weiteres Wachstum dürfte Facebook auch nicht mehr wie ein Wachstumsunternehmen bewertet werden...

      .: Aves One
      Die Pleite von Marenave und die von P&G zeigt, dass Containervermietung kein Selbstgänger ist. Dazu macht Aves One noch geringe Umsätze, während die Verschuldung sehr hoch ist - bei inzwischen anziehenden Zinsen und einer Börsenlage, die Kapitalerhöhungen durch Ausgabe neuer Aktien schwer(er) macht.

      .: Prospect Capital
      Die BDC kämpft seit langem damit, dass sie schlecht investiert hat und daher ihr NAV stetig fällt. Und dass sie ein extrem teures Management hat. Ich hatte auf einen Turnaround gesetzt und die neuen Regelung zur Ausweitung von Kreditfinanzierungen bietet für BDCs neue Chancen. Aber auch Risiken, wenn es falsch angegangen wird. Und PSEC hat sofort zugeschnappt und leider genau das in Angriff genommen, was die Risiken (und die Managemententgelte) erhöht, während die Chancen nicht ergriffen wurden. Meine Konsequenz: Reißleine!

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  6. Vielen Dank Michael,
    werde meine Stop-loss allesamt raus nehmen und mir Deine Strategie als Vorbild nehmen.
    Habe mit Corestate, Aurelius und Wirecard auch genug gute Player im Depot.
    Danke Dir für Deine Tips.
    Grüße Andre

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