Freitag, 4. November 2016

Nach dem Sündenfall: Lassen Negativzinsen für Sparer jetzt alle Dämme brechen?

Der Sündenfall ist biblisch belegt, Eva ließ sich von der Schlange verführen und naschte den Apfel vom Baum der Erkenntnis. Mit dem bekannten Ergebnis, dass wir Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden und uns jetzt mit so profanen Dingen wie Geldanlage beschäftigen müssen.

Und der Sündenfall der Neuzeit ist ein solches Geldthema. Genauer gesagt, ist es das Einführen von Strafzinsen für Sparer. Und zwar ab dem ersten Euro. Die Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien eG wird als erste künftig Sparern Geld dafür abknöpfen, dass sie ihr Geld zur Bank tragen und dort anlegen; aktuell noch indirekt über neu eingeführte monatliche Kontogebühren zwischen €5 und €50. Nicht nur die Inflation lässt also das Geldvermögen schwinden, auch die Bank verstärkt dies darüber hinaus zusätzlich.

Natürlich macht die Volksbank dies nicht ohne Grund und schon gar nicht, um die Sparer zu schädigen. Sie reagiert damit auf die Politik der EZB, die durch künstliches Niederhalten der Zinsen, ausgelöst durch eine Flutung der Märkte mit billigem Geld, den Banken letztlich gar keine andere Wahl mehr lässt. Denn diese müssen für die Einlagen ihrer Kunden selbst bereits Strafzinsen entrichten bei der EZB.

Das Problem ist nicht neu, es wird seit Jahren an die Wand gemalt - nun ist es da. Neu ist hingegen, dass es ab dem ersten Euro gilt, also nicht mehr nur für vermögendere Privatkunden. Und die Konsequenz, die sich aus diesem ersten Sündenfall ergibt, die wird es in sich haben. Es wird eine Kaskade der Zinsabwertung geben!

Kunden der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien eG werden nun verstärkt ihr Geld bei dieser Bank abziehen und es woanders "in Sicherheit" bringen. Was in normalen Zinszeiten Banker jubilieren ließe, wird ihnen jetzt die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Denn auch sie können mit diesen zusätzlichen Geldern ja kein Geld verdienen. Sie können die Spar- und der Termineinlagen, die Tagesgelder nicht einfach in langlaufende Immobilienkredite umwandeln, an denen sie wenigstens noch etwas Marge machen. Im Gegenteil, für die neuen Kundeneinlagen müssen sie bei der EZB selbst Strafzinsen entrichten und damit schrumpfen ihre eigenen Gewinne.

Das kann keine Bank endlos durchhalten und eine Zinswende in Europa ist nicht abzusehen. Daher werden die Konkurrenten der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien eG, die sich mit den neu eintreffenden Kundeneinlagen konfrontiert sehen, schnell reagieren. Und zwar, indem sie selbst Strafzinsen erheben und so den Zustrom des "giftigen Sparergeldes" beenden. Vermutlich wird es regional beginnen und dann immer weitere Kreise ziehen. Auch die Direktbanken werden irgendwann nachziehen müssen, weil keine Bank über die inzwischen flächendeckend erhobenen Kontoführungsgebühren die Negativzinsen endlos kompensieren kann. Der Hebel ist auf Dauer nicht groß genug.

Dieses Szenario ist für Sparer ein Alptraum. Und ich habe es mir nicht alleine ausgedacht, sondern vor einigen Wochen genau hierüber mit dem Vorstandschef einer regionalen Sparkasse im Hamburger Umland gesprochen, der genau dieses Szenario bestätigte. Sollte die Volksbank vor Ort, oder die große HASPA Strafzinsen erheben, würde die regionale Sparkasse am selben Tage noch nachziehen, um nicht von unrentierlichen Kundeneinlagen überschwemmt zu werden.

Der erste Stein wurde nun also geworfen und er zieht seine Kreise auf dem bisher noch ruhigen Wasser. Aber das wird sich ändern, es wird einen erheblichen Wellengang geben und der Zorn wird sich gegen die Banken richten, obwohl nun gerade die gar nichts dafür können. Politik und EZB haben es versäumt, Strukturreformen auf den Weg zu bringen und erhalten die siechenden Volkswirtschaften mit billigem Geld am Leben in der Hoffnung, dass dieses viele Geld bei den Konsumenten ankommt und diese die Nachfrage und damit die Wirtschaft spürbar ankurbeln. Doch das geschah und geschieht nicht...

Das Geld fließt in andere Bereiche und hier sitzen die wahren Nutznießer dieser Politik. Asset-Manager, Immobilienbesitzer, Aktionäre. Die Immobilienblase liegt nicht nur daran, dass es (die Kreditaufnahme) immer billiger wird, sich sein Traumhaus zu leisten, sondern auch, weil Kapitalanleger keine Zinsen mehr erhalten und daher immer häufiger in Betongeld investieren. Und so die Preise treiben. Und die Aktien von defensiven Unternehmen der Konsumgüterbranche mit attraktiven Dividendenausschüttungen waren und sind gesucht. Weil sich hier vermeintlich geringes Risiko mit attraktiven Renditen paart. Aufgrund der inzwischen vergleichsweise historisch hohen Aktienkurse in diesem Bereich, fallen allerdings nicht nur die Dividendenrenditen, sondern auch die Risiken für Kursrückschläge steigen an.

Wirklicher Profiteur sind die Asset-Manager, die mit Kundengeldern geradezu überrannt werden und diese anlegen. Sie kaufen Immobilien für Kunden und verdienen an der Provision, dem bewirtschaften und am Verkauf ordentlich mit. Sie investieren in Unternehmensbeteiligungen und auch hier verdienen sie über Fondslösungen stetig an Provisionen und Fondsmanagement. Und beim Verkauf profitieren sie ebenfalls, da sie eigene Co-Investmentanteile einbringen und so direkt am eigenen Erfolg teilhaben.

Es ist nicht das Paradies für die Asset-Manager, aber es kommt dem Schlaraffenland schon ziemlich nahe. Und deshalb werden Unternehmen, wie die Deutsche Beteiligung, Ernst Russ, Lloyd Fonds, MPC Capital, Patrizia Immobilien und Publity auch weiterhin auf der Sonnenseite stehen. Und mit ihnen ihre Aktionäre.

Deutsche Beteiligung, Ernst Russ, Lloyd Fonds, MPC Capital, Patrizia Immobilien und Publity befinden sich auf meiner Empfehlungsliste und in meinem Depot.


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ERGÄNZUNG VOM 04.11.2016
Über die Auswirkungen von Negativzinsen und einen Vergleich, wer bereits diese Sündenfall begangen hat, informiert sehr übersichtlich die Seite tagesgeldvergleich.net.


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ERGÄNZUNG VOM 24.12.2016
Negativzinsen scheinen sich nun immer konkreter anzukündigen und Finanzmarktwelt.de berichtet über zwei Fälle in Hamburg. Zum Einen plane die Hamburger Volksbank, ab nächstem Jahr bei Tagesgeldanlagen über €500.000 Negativzinsen von -0,2% zu berechnen und dann habe auch noch Deutschlands größte Sparkasse, die HASPA, beschlossen, auf große Firmenkonten Negativzinsen zu erheben. Dies gelte zunächst nicht für kleine Handwerker und Privatleute, bei deren Konten und auch Sparbüchern wolle man so lange wie möglich Negativzinsen vermeiden.

Kommentare:

  1. Ui, danke für den Bericht. Wird echt spannend werden, das weiter zu verfolgen.

    Tom

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  2. Hallo Michael,

    das Szenario ist echt erschreckend. Eigentlich sollte man als Konsequenz die Überziehungszinsen senken bzw. dem Kunden Zinsen zahlen, wenn er einen Kredit nimmt
    Ich bin auch gespannt, wie das weitergeht und wo es letztendlich endet.

    Alexander

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  3. Ja, die Situation scheint prekär, und wie Michael schreibt, haben die Banken keine Wahl - gerade viele kleinere Banken stehen mit dem Rücken zur Wand und werden durch noch niedrigere Zinsen dadurch gezwungen, die Kosten an die Kunden weiterzureichen - die können gar nicht anders. Also muss mein sein Geld in die Kapitalmärkte investieren, und da gibt es ja noch eine weitere Chance für Aktien: Die EZB kauft ja inzwischen die Staatsanleihenmärkte fast vollständig auf - und belastet damit übrigens die Banken, die gezwungen sind, diese Anleihen zu halten, da sieht man schon ein Crowding Out. Daher kauft die EZB seit einer Weile Jahr in großem Stil Unternehmensanleihen. Das drückt auf ganzer Länge die Zinskurve nach unten, hilft aber offenbar bisher nur der Inflation in Kapitalanlagen. Aber wer weiß, eventuell kommt dann irgendwann als Mittel des letzten Auswegs der Kauf von Aktien durch die EZB? (Aktuell ist das noch nicht der Fall, aber die EZB schließt das auch nicht aus). Also weiterhin gute Aussichten für Aktien.

    Interessant finde ich in dem Zusammenhang die Frage: ist die EZB der Urheber der niedrigen Zinsen? Dazu findet man hier und hier eine sehr interessante Meinung

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