Donnerstag, 29. November 2018

Ken Fisher mahnt: Kurssteigerungen zu verpassen kostet Anleger mehr als ein Crash!

Psychologie bestimmt die Aktienkurse stärker noch als die Faktenlage. Und die menschliche Natur neigt dazu, Negatives deutlich stärker zu gewichten, als Positives. Das liegt in unseren Genen, die auf Überleben getrimmt sind - Gefahr lässt den Körper Adrenalin ausschütten und aktiviert unseren Fluchtreflex. Diese Reflexe sind es, die unserer Spezies das Überleben gesichert haben. Doch in unserer modernen Welt benötigen wir diese Überlebenstechniken immer seltener. Und in manchen Bereichen stehen sie unserem Erfolg sogar im Weg. So auch beim Investieren.

Wenn die Aktienkurse steigen, will jeder dabei sein und die Kursgewinne mitnehmen. Und wenn die Börse abwärts rauscht, will jeder aussteigen, möglichst schnell und zu jedem Preis. Was psychologisch nachvollziehbar ist ("Behavioral Finance"), ist dann allerdings auch der Grund, weshalb Anleger nicht besser, sondern überwiegend schlechter abschneiden als der Gesamtmarkt. Sie folgen der Herde und können daher nicht besser sein. In der Wahrnehmung konzentrieren sich immer mehr Anleger auf die gleichen Risiken und Themen und überhöhen somit ihre Bedeutung (sog. "Attention Bias") - mit entsprechend starken Auswirkungen auf die Aktienkurse. Dabei neigen wir Menschen dazu, Negatives deutlich intensiver wahrzunehmen, als positive Erlebnisse. Auch negative Nachrichten geben wird wesentlich häufiger weiter als positive. Dass wir also Verluste viel stärker empfinden als Gewinne, nennt man "Dispositionseffekt". Und diese Erkenntnis führt uns zurück zu den Bullen und Bären...


Die Meldung "XYZ AG erfüllt die Prognosen" nehmen wir schnell als normal hin und daher zuckt der Aktienkurs eher wenig bis gar nicht, während die Schlagzeile "123 AG verfehlt die Prognosen" regelmäßig zu Kursabstürzen führt. "Gefahr" schreit unser Gehirn und unsere genetisch vorprogrammierte Handlungsweise ist Flucht. An der Börse wird der Fluchtinstinkt umgesetzt in sofortigen Verkaufsorders. Und natürlich wird nicht erst einmal die Nachricht analysiert und die daraus zu ziehenden Schlüsse gegeneinander abgewogen. Nein, es wird sofort gehandelt, sofort verkauft. Sofortige Flucht sichert das Überleben, nur der erste Verkäufer erzielt den beten Kurs, die anderen sollen/müssen dann mit dem Kursabsturz leben.

Und wenn man so zurückdenkt, scheint diese Handlungsweise sogar vernünftig, denn jeder von uns wird sich an spektakuläre Kurseinbrüche erinnern, bei denen es sinnvoll(er) war, sofort zu verkaufen. Die bleiben im Gehirn haften, während die vielen male, wo sich der Kurseinbruch schon nach kurzer Zeit relativiert hat und der Kurs im Anschluss wieder auf dem vorherigen Niveau oder sogar darüber notierte, gar nicht mehr in unserer Erinnerung verhaftet sind. Auch dieses Erinnerungsschema fußt auf Attention Bias und Dispositionseffekt.

Da dies so ist, schenken wir Crash-Propheten viel mehr Beachtung als jenen, die uns suggerieren, alles wäre gut oder würde sich positiv entwickeln. Die Untergangs-Apologeten nähren unsere Angst und daher überhöhen wir ihre Bedeutung. Wir nehmen ihre Warnungen viel ernster, als es angemessen und ratsam wäre. Gerade an der Börse. Und das hat zwei wesentliche Gründe. Zunächst sind Aktien keine Lottoscheine, auch wenn sie von vielen Anlegern als solche missbraucht werden. Aktien sind Anteile an Unternehmen und diese Unternehmen haben ein Management, das sich und das Unternehmen auf die Unbillen einstellt. Steigen die Zinsen, bricht der Ölpreis ein, gibt es einen Regierungswechsel, dann stellt das Management das Unternehmen auf die neue Situation ein. Nicht der Anleger muss dies tun, indem er die Aktien des Unternehmens verkauft und später wieder zurückkauft.

»Historisch gesehen entwickeln sich Aktien in 62 Prozent der Kalendermonate positiv. Anleger sollten also mehr Angst haben, dass sie die Anstiege des Marktes verpassen, als dass sie einen Crash erleben.«
(Ken Fisher)

"A History of Stock Prices", Kieron Nutbrown, 2016
Und der zweite Grund liegt in der Geschichte und dem Wissen, das wir daraus ziehen können. Denn schaut man sich die langfristige Entwicklung der Aktienkurse an, ist es völlig egal, wann man gekauft hat. Und es ist auch unerheblich, welche kurzfristigen geopolitischen oder gesellschaftlichen Katastrophen passierten - die Aktienkurse sind langfristig einfach weiter gestiegen. Und zwar schon über Jahrhunderte. Hinzu kommt noch, dass die Phasen steigender Aktienkurse deutlich länger anhalten als die Phasen mit fallenden Kursen. Ein Bärenmarkt (Baisse) dauert an der Wall Street im Mittel knapp 16 Monate, während ein Bullenmarkt (Hausse) hingegen im breit angelegten Aktienindex S&P 500 im Schnitt 54 Monate anhält. Aktienkurse befinden sich also mehr als drei Mal länger im Hausse- statt im Baissemodus. Und während die durchschnittliche Hausse dem Anleger einen Gewinn von 180 Prozent einträgt, muss er in Baissen regelmäßig Verluste von etwa 35 Prozent verkraften.

»Die Bären machen Schlagzeilen, die Bullen machen Geld.«
(Bernard Baruch)

Auch Börsenlegende Bernard Baruch hatte diese Erkenntnis verinnerlicht und sie prägnant auf den Punkt gebracht. Bullen können es sich leisten, negative Schlagzeilen zu ignorieren und einfach an ihren sorgfältig ausgewählten Aktieninvestments festhalten. Auf lange Sicht fahren sie damit keine Verluste, sondern satte Gewinne ein. Zumal sie auch in Kursabschwungphasen noch die Dividenden kassieren.

Bären hingegen müssen stets wachsam sein und versuchen abzupassen, wann der Bärenmarkt zu Ende ist. Da sie entweder auf fallende Kurse setzen, also mit Puts, oder aber ihr Geld auf dem Tagesgeldkonto - zinslos - vor sich hinschimmeln lassen, erzielen sie ansonsten keine Rendite oder fahren sogar Verluste ein.

Wer also stets auf die Crash-Propheten hört, ist nur selten in den lang anhaltenden Kursaufschwungphasen investiert und verpasst die Rallye. Und war er nicht investiert, bleibt ihm bei den wenigen wirklichen Kurseinbrühen dann auch nur ein "ich hab's ja gewusst". Denn wir Menschen neigen eben auch dazu, bei Kurseinbrüchen eben keine Aktien zu kaufen, sondern  aus lauter Angst, es könne noch weiter abwärts gehen, die Kaufgelegenheiten verstreichen zu lassen. Also selbst wenn die Bären mal kurzfristig recht hatten, nutzen sie die sich ihnen daraus bietenden Chancen nicht oder kaum.

»Time in the market beats timing the market.«
(Ken Fisher)

Daher sollte man nicht auf die Bären hören, sondern langfristig investieren und auf ausgesuchte Qualitätsaktien setzen. Die überstehen nämlich auch die Baisse. Und um die Kurseinbrüche dennoch nutzen zu können, behält der clevere Investor immer ein gut gefülltes Cash-Polster zurück, um dann zugreifen zu können, wenn sich die besten Gelegenheit bieten.

Kommentare:

  1. Da die Dividende vom Kurs abgezogen wird, ist das vor Steuern gehupft wie gesprungen, oder habe ich da was übersehen?

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    1. Es geht/ging nur um den Aspekt, dass man bei fallenden Aktienkursen durch eine Dividendenzahlung einen "Gewinn" auf dem Konto verbucht. Steigen die Aktien, fühlt sich das ja ebenfalls wie Gewinn an.

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  2. Das entscheidende ist nicht die Dividenden, sondern was mit dem Gewinn gemacht wird. Kann das Unternehmen den Gewinn sinnvoll für die Aktionäre in Wachstum investieren, habe ich nichts dagegen wenn es keine Dividende gibt.

    Kann das Unternehmen die Gewinne nicht sinnvoll investieren, ist mir als Investor eine Dividende oder, falls der Aktienkurs der Firma gerade billig ist, ein Akienrückkaufprogramm sehr recht.

    Das heißt auf dem ersten Blick ist es vor Steuern egal, ob Dividende gezahlt wird oder nicht, da der Kurs dementsprechend fällt. Auf dem zweiten Blick ist es aber sinnvoll, wenn das Unternehmen die Gewinne an die Aktionäre weitergibt, wenn sie keine sinnvolle Verwendung für diese haben. Würden sie dies nicht tun, wären die Gewinne quasi auf dem Tagesgeldkonto des Unternehmens und würden (fast) keine Erträge generieren.

    Durch die Dividende können wir wiederum das Geld sinnvoller investieren.

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    1. Das verstehe ich nicht: wenn ich dem Unternehmen nicht zutraue das Geld sinnvoll zu investieren, warum soll ich an so einem Unternehmen dann überhaupt noch beteiligt sein?

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    2. Kommt auf die Perspektive an.
      Wenn man Income-Investor ist und sich einen stetigen Einkommensstrom erschließen und dann sichern will, dann kann man in Unternehmen investieren die gut und gerne ausschütten und nicht unbedingt das Geld für frischen Wachstum benötigen.

      Je nach Marktgeschehen und Branche gibt es immer mal Zeiten in denen sich Unternehmen zurückhalten mit Investitionen.
      Der Income-Investor hingegen braucht zu jeder Zeit seinen stetigen Strom an Dividenden.

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  3. Hierzu ein einfaches Beispiel.
    Wir betrachten das fiktive Unternehmen Brücken AG. Die Brücken AG besitzt eine Brücke über einen Fluss, welche eine Hauptverkehrsader ist. Außerdem haben sie ein Monopol, da niemand anders eine Brücke über den Fluss bauen darf. Durch Maut machen sie jedes Jahr 1 Mio. Euro Gewinn. Die Marktkapitalisierung beträgt aktuell 10 Mio. Euro. Wir haben also 3ine relativ sichere Rendite von 10 %.
    Das Geld kann das Unternehmen nicht sinnvoll investieren, da sich keine zweite Brücke rentieren würde und sie auch sonst nirgends ein Monopol haben.
    Somit können Sie den Gewinn lieber ausschütten.

    Für mich ist das Unternehmen trotzdem sehr interessant, da ich eine Rendite von 10 % erziele und das Geschäftsmodell einschließlich des Burggrabens sehr sicher ist.

    Ein Unternehmen kann selten sämtlichen Gewinn sinnvoll investieren, sodass eine vernünftige Rendite mit diesen Investitionen erzielt werden.

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