Samstag, 8. August 2020

Star-Investor Ken Fisher liebt das Investieren. Und Bäume...

Der 1950 geborene Kenneth Lawrence Fisher ist als Investor ungeheuer erfolgreich und das schon über einen langen Zeitraum hinweg. Nun könnte man bei kurzsichtiger Betrachtung meinen, dies läge daran, dass er von seinem Vater, dem legendären Investor Philip A. Fisher, ein großes Vermögen geerbt und einfach nur in dessen Fußstapfen getreten sei. Doch die Realität sieht meistens anders aus und so verhält es sich auch bei Ken Fisher.

Als dritter und jüngster Sohn war Kens Weg nicht unbedingt vorgezeichnet. Nach der Highschool nahm er zunächst ein Studium der Fortwirtschaft auf und seine große Liebe zur Natur und zu Bäumen hat er sich bis heute bewahrt. Sein Studienfach wechselte er allerdings schon relativ zeitig und setzte fortan auf Ökonomie. Nach Abschluss des Studiums traten er und sein älterer Bruder in die Investmentfirma des Vaters ein, wo sie ausgebildet und auf die spätere Übernahme des Familienunternehmens vorbereitet werden sollten. Soweit so klassisch. Doch im Schatten einer Legende aufzuwachsen hat auch so seine Tücken...

Der große Schatten des Vaters

Kens Vater Philip prägte seinen eigenen Investmentstil und beeinflusste sogar Börsenlegenden wie Charlie Munger und Warren Buffett maßgeblich. Er schrieb drei Bücher über das Investieren, von denen "Common Stocks and Uncommon Profits" ("Die Profi-Investment-Strategie") das wichtigste ist.

Fisher setzt sich darin mit den beiden Werken Benjamin Grahams auseinander und vertrat die Auffassung, dass der günstige Preis eines Wertpapiers nicht entscheidend sei, wenn ein wirklich hervorragendes Unternehmen mit nachgewiesener Profitabilität und ausgezeichneten Wachstumsaussichten dahinter stünde. Die nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens, um sich vor der Konkurrenz zu schützen und ihr voraus zu sein, sowie ein integeres Management waren für Fisher die entscheidenden Merkmale. Anstatt beim Kauf der Aktien einige Prozente einzusparen, setzte er darauf, dass sich der Aktienkurs entsprechend der Gewinnentwicklung des Unternehmens über Jahre und Jahrzehnte erhöht und vervielfacht. Dabei propagierte Fisher eine möglichst lange Haltedauer der Geschäftsanteile ("Buy & Hold"), während Benjamin Graham eher auf Gewinnmitnahmen setzte.

Im Grunde war Fisher kein reiner Value Investor, sondern verband in seiner Anlagestrategie die Vorzüge des Value Investings mit denen des Growth Investings; er war somit Wegbereiter des Quality Investings, für das heute Buffett und Munger so berühmt sind.

Als Sohn Nummer 3, als Investor Nummer 1

Philip A. Fisher war als Investor herausragend, da er jedoch unter dem Asperger-Syndrom litt, einer Form des Autismus, war er im persönlichen Umgang eher schwierig. Das traf auch seine Söhne. 

Diese wollten und sollten das Investmentgeschäft vom Vater lernen, doch in der Praxis gab es unüberwindliche Hürden. Denn Vater Philip gab keinen Millimeter Kontrolle ab und ließ seine Sprösslinge keine eigenen Entscheidungen treffen. Für Ken war daher bald dieser Weg zu Ende und er machte sich 1979 mit gerade einmal 250 Dollar selbständig: er gründete Fisher Investments. Und heute, gute 40 Jahre später, verwaltet er mehr als 100 Milliarden Dollar.

Mal Value, mal Growth. Es kommt eben drauf an

Ken Fisher fährt einen opportunistischen Investmentansatz. Einige Leute setzen Opportunismus mit Rückgratlosigkeit oder Wankelmütigkeit gleich und in den meisten Lebenslagen sind dies keine positiven Charaktereigenschaften. In der Politik und beim Investieren sind sie allerdings geradezu überlebensnotwendig. Denn sie bedeuten, sich schnell auf neue Gegebenheiten einstellen und hieraus seine Vorteile ziehen zu können. Und das kann Ken Fisher. Sogar besser als die meisten anderen Investoren.

Denn Fisher ist Value Investor, wenn dieser Ansatz die besseren Renditen verspricht. Und er ist Growth Investor, wenn es hiermit mehr zu verdienen gibt. Auf lange Sicht hat der Value-Ansatz die Nase vorn, aber die Geschichte zeigt auch, dass selten beide Ansätze gleichzeitig überdurchschnittliche Renditen abwerfen. Und Fisher versucht stets, auf der besseren Welle zu surfen.

Sein hohes Ansehen in der Investmentwelt hat sich Ken Fisher auch dadurch erworben, dass er bereits mehrmals einschneidende Ereignisse treffend vorausgesagt hat. Im Jahr 2000 warnte er vor dem Platzen der Dotcom-Blase und riet zu massiv erhöhtem Cash-Bestand. Und als der Markt noch seinen Boden suchte nach dem dramatischen Absturz, riet er 2002 dazu auf, sein Vermögen wieder in Aktieninvestments umzuschichten. Als Mahner wurde er jeweils eher belächelt, als Contrarian Investor zunächst bemitleidet und später dann beneidet. Denn am Ende lag er richtig und seine Klienten wurden mit überragenden Renditen belohnt.

Erst der Blick aufs große Ganze

Fisher verfolgt abwechselnd Value/Contrarian Investing und Growth Stock Investing. Nachdem er in einer eigenen Studie herausgefunden hatte, dass beide Stile je nach Marktgeschehen abwechselnd gut funktionieren, fährt er bewusst zweigleisig. Doch das nicht nach Lust und Laune oder nur aus dem Bauch heraus. Vielmehr zieht er Makro-Indikatoren zu Rate. Ist die Zinsstrukturkurve beispielsweise flach, favorisiert er Wachstumsaktien und bei einer steilen Kurve sucht er nach Value-Schätzen. Aber auch das Bruttoinlandsprodukt (BIP) oder die Inflationsentwicklung sind wichtige Kriterien für ihn, was er in seinen vielen – sehr lesenswerten - Büchern beschreibt.

Der Andersdenkende

Als Contrairian legt Ken Fisher außerdem großen Wert darauf, möglichst anders als die breite Masse zu handeln. Er hat erkannt, dass die Renditen schrumpfen, wenn Investoren nach demselben Investmenttyp suchen. Auch beim Investieren fängt der frühe Vogel den dicksten Wurm, wenn er nämlich antizyklisch vor allen anderen in die Werte investiert, die einige Zeit später von der Börse „entdeckt“ und in den Himmel gekauft werden. Den Trend zu reiten macht am meisten Spaß und bringt am meisten Rendite - wenn man früh genug dabei ist und früh genug wieder aussteigt. Die ersten und die letzten paar Prozente überlässt Ken Fisher gerne den anderen. Er ist dann bereits wieder auf der Pirsch nach den neusten (noch nicht) angesagten Investmentideen.

Einige seiner bevorzugten Kriterien bei der Auswahl von Einzelaktien sind:
  • Das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei nicht zyklischen Aktien und Technologiewerten sollte unter 0,75 liegen, aber keinesfalls über 1,5
  • Das Kurs-Umsatz Verhältnis für Zykliker sollte unter 0,8 liegen, im Idealfall unter 0,4
  • Die Schuldenquote, also das Verhältnis von Fremdkapital zu Eigenkapital, sollte kleiner als 0,4 sein
  • Das Wachstum beim Gewinn je Aktie sollte auf lange Sicht über 15% liegen
  • Der Free-Cash-Flow pro Aktie sollte größer Null sein
  • Die durchschnittliche Gewinnmarge der letzten drei Jahre sollte über 5% liegen

Jenseits der Kennzahlen setzt Fisher aber auch auf weiche Kriterien für die erfolgreiche Aktienauswahl:
  • Hat das Unternehmen Produkte oder Dienstleistungen, die ausreichendes Potenzial haben, um in den nächsten Jahren ordentliches Umsatzwachstum zu garantieren?
  • Hat das Management die Entschlossenheit, weiterhin Produkte und Prozesse zu entwickeln, die das Umsatzpotenzial erhöhen?
  • Wie effektiv ist der Bereich Forschung & Entwicklung in Relation zur Größe des Unternehmens?
  • Hat die Firma einen überdurchschnittlich erfolgreichen Vertriebsapparat?
  • Hat das Unternehmen eine ausreichend große Gewinnmarge?
  • Was tut das Unternehmen, um die Gewinnmarge zu halten oder auszubauen?
  • Pflegt die Firma herausragende Beziehungen zum Personal bzw. zu ihren Arbeitnehmern?
  • Hat das Unternehmen hervorragendes Führungspersonal?
  • Hat das Management eine ausreichende Tiefe, um Aufgaben delegieren zu können?
  • Wie gut sind die Kostenanalyse und das Accounting?
  • Welche Aspekte heben das Unternehmen von seinen Wettbewerbern ab?
  • Hat das Unternehmen eine eher kurzfristige oder langfristige Gewinnorientierung?
  • Benötigt die Firma für ihr Wachstum Kapitalerhöhungen?
  • Verfügt das Unternehmen über ein Management zweifelsfreier Integrität?
  • Ist das Management auch in schwierigen Zeiten ehrlich?

Mir gefällt Fishers Investmentansatz und ich finde viel von meinen eigenen Überlegungen darin wieder. Auch deshalb ist Ken Fisher ein gern gesehener Gast in meiner Serie "Portfoliocheck", in der ich regelmäßig die Depots der besten Value Investoren unserer Zeit unter die Lupe nehme.


Ken Fishers Börsenweisheiten
  • Anleger vergessen gerne, dass kurzfristige Marktschwankungen genau das sind und nur das. Sie sind nicht vorhersehbar und nicht bedeutend, solange man nicht gerade dann handelt. 
  • Bullenmärkte sterben mit einem Wimmern, nicht mit einem Knall. 
  • Der Anlageerfolg besteht zu zwei Dritteln daraus, Fehler zu vermeiden. 
  • Die Finanztheorie ist klar: Ohne Risiko können Sie nicht viel Rendite erzielen. 
  • Die jahreszeitlichen Mythen sind Jahrzehnte alt, allseits bekannt - und falsch. 
  • Dividendenzahlungen bieten keine absolute Sicherheit, denn sie können gekürzt oder ganz gestrichen werden und Dividenden zahlende Unternehmen können Pleite gehen. 
  • Ein großer Teil des erfolgreichen Investierens besteht darin, beliebte Fehler zu vermeiden, die die meisten Leute wiederholt machen. 
  • Eine Aktie hat nur dann richtiges Potenzial, wenn die meisten denken, dass sie gar kein Potenzial hat. 
  • Eine Aktie, die viele als 'Growth Stock' bezeichnen, ist meist schon zu bekannt, um ein guter Kauf zu sein. 
  • Erfolg beim Investieren besteht aus zwei Dritteln im Vermeiden von Fehlern und zu einem Drittel darin, etwas richtig zu machen. 
  • Es geht an der Börse nicht darum, immer richtig zu liegen, sondern öfter richtig zu liegen als falsch. 
  • Falsche Ängste sind Kaufsignale. 
  • Historisch gesehen entwickeln sich Aktien in 62 Prozent der Kalendermonate positiv. Anleger sollten also mehr Angst haben, dass sie die Anstiege des Marktes verpassen, als dass sie einen Crash erleben. 
  • Immer, wenn eine Menge Leute zu wissen meint, was passiert, kommt es anders. 
  • Investieren ist ein Spiel der Wahrscheinlichkeiten, nicht der Gewissheiten. 
  • Kaufe immer, unabhängig vom Sektor, die Unternehmen mit den höchsten Bruttomargen und liquiditätsstärksten Bilanzen. 
  • Man benötigt kein perfektes Timing, um überragende Renditen zu erzielen. Zeit im Markt schlägt Timing des Marktes. (Time in the market beats timing the market) 
  • Marktvolatilität ist ein Schlüsselrisiko, aber nicht das einzige. Für viele Menschen mit längerem Anlagehorizont, die Volatilität nicht in ausreichendem Maß akzeptieren, können die Opportunitätsrisiken langfristig kostspieliger sein. 
  • Risiko und Unsicherheit sind unterschiedlich. Glücksspiel in Las Vegas ist Risiko. Kapitalmarktinvestitionen sind Unsicherheit. Bei Risiko kann man die Gewinnchancen berechnen. Bei Unsicherheit nicht. 
  • Stop-Losses garantieren keinen Schutz gegen Verluste. Sie erhöhen sogar die Chancen, Kursgewinne zu verpassen, und sie steigern definitiv die Transaktionskosten. 
  • Um Aktien erfolgreich zu kaufen, müssen Sie sie nach Ursachen und nicht nach Ergebnissen bewerten. Die Ursachen sind Geschäftskonditionen - Produkte mit einer umsatzfähigen Kostenstruktur. Die Ergebnisse resultieren aus den Gewinnen, den Gewinnmargen und schließlich dem Ergebnis je Aktie.


Meine Lese-Tipps
▶ "Börsen-Mythen enthüllt für Anleger" von Ken Fisher
▶ "Das zählt an der Börse: Investieren mit Wissen, das die anderen nicht haben" von Ken Fisher
▶ "Die Kunst der richtigen Aktienauswahl: Die Investmentphilosophie einer Börsenlegende" von Ken Fisher
▶ "Kasse statt Masse: Wie Sie mit einem konträren Investmentansatz Geld verdienen" von Ken Fisher

Kommentare:

  1. Vermisse in dem Artikel leider den Hinweis, das K. Fisher ein sehr merkwürdiges Verhältnis zu Frauen hat. Seine Investmentideen sind bestimmt interessant, doch seine Aussagen unterirdisch. Für mich ein Grund, ihn auszublenden. Geht gar nicht. https://www.latimes.com/business/story/2019-11-07/ken-fisher-sexist-comment

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    1. Sich an einer einzeiligen Aussage hochzuziehen, finde ich ziemlich übertrieben. Zwischen einen heute als unpassend empfundenen Einzeiler als Vergleich und übrgriffigen Handlungen oder mehr liegen doch Welten. Man kann die Political Correctness auch übertreiben und in Zeiten von Social Media, wo alles und jeder via Smartphone mitgeschnitten und hochgeladen wird, finden auch unschlaue Bemerkungen ihren Weg in die Öffentlichkeit - früher hätte man die Nase gerümpft oder die Augenbraue hochgezogen und wäre darüber hinweg gegangen. Weil jeder irgendwann mal etwas Blödes, unpassendes von sich gibt. Aus einmaligen Fehlern aber gleich ein Scherbengericht abzuleiten, finde ich übertrieben. Sollte/könnte jeder mal bei sich selbst anfangen...

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    2. Weil er gesagt hat, Klienten zu bekommen, ist wie Frauen zu bekommen? Echt jetzt? Für mich ein Grund, DICH auszublenden.
      Nicht falsch verstehen, kenne weder Herrn Fisher persönlich, noch interessieren mich seine Ansichten. Was ich aber nicht ausstehen kann, sind so social justice warrior und internet-white-knights, welche mit ihren #metoo bullshit das internet vollmüllen.

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  2. "seine Klienten wurden mit überragenden Renditen belohnt". Gibt es zu der Behauptung balastbare Daten?

    Die Resultate der Investoren scheinen doch eher ein "mixed bag" zu sein, z.B. "The Purisima Total Return Fund, for example, returned well under half of the S&P 500 Index in its final 10 years before it was liquidated in 2016, according to data compiled by Bloomberg."

    Mehr: https://www.evidenceinvestor.com/tag/purisima-global-total-return/

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