Donnerstag, 2. Mai 2019

Ist eine hohe Cash-Quote für günstige Gelegenheiten wirklich eine gewinnbringende Idee?

Ich bin inzwischen seit gut 30 Jahren an der Börse aktiv und habe meinen Investmentstil seit meinen Anfängen erheblich verändert. Aus meiner Sicht weiterentwickelt, weg vom Kurs getriebenen eher kurzfristig orientierten Anleger hin zu einem Value und Quality Investor.

Seit einiger Zeit habe ich nun wachsende Zweifel an einer meiner seit vielen Jahren bestehenden Investmentgrundsätze und musste sogar feststellen, dass ich ihn schon länger nicht mehr konsequent befolge. Höchste Zeit also, mich zu disziplinieren oder aber den Ursachen auf den Grund zu gehen. Oder beides. Das Ergebnis, meine Selbsterkenntnis ist, dass ich mich - erneut - weiter entwickelt habe. Ob ich meinen Investmentstil auch verbessert habe, wird sich erst mit der Zeit zeigen.

Aber es geht natürlich nicht um einen Trial-and-Error-Feldversuch, sondern ich habe die Argumente sorgsam gegeneinander abgewogen und - zu meiner Erleichterung - am Ende die besseren Argumente auf meiner (neuen) Seite. Oder mit Churchills Worten: "Dass ich meine Meinung geändert habe, ändert nichts an der Tatsache, dass ich immer noch Recht habe". ツ

So, nun aber zum Eingemachten: bei meinem Umdenken geht es um die Cash-Quote und die Frage, ob das dauerhafte Halten einer hohen Cash-Quote, um bei starken Kursrückschlägen günstig Aktien einsammeln zu können, wirklich besser ist, als stets weitgehend investiert zu sein, sowohl im Börsenaufschwung wie auch im -absturz. Und dabei geht es mir nicht um Market-Timing, das gleich vorab, sondern um ganz pragmatische Überlegungen und Erfolgsaussichten, um langfristig höhere Renditen einzufahren.


(Meine) Vorgeschichte

Ich war bisher ein Verfechter einer erhöhten Cash-Quote und das nicht aus einem Baugefühl heraus, sondern aus eigener erlebter Erfahrung. Oder frei nach Kostolany "überlebter" Erfahrung.

»Erfahrungen sind die vernarbten Wunden unserer Dummheit.«
(Japanische Weisheit)

Ich habe in meiner Börsengeschichte schon so manchen Börsenboom und so manchen Kursabsturz miterlebt. Den "Schwarzen Montag" am 19. Oktober 1987 habe ich nur am Rande mitbekommen, denn damals begann ich gerade erst damit, mich für die Börse zu interessieren. Ich hatte dem entsprechend kaum Aktien (und natürlich auch kaum Kapital). Zwei Jahre später, am 16. Oktober 1989, stürzte der DAX erneut ab und ich war bei dem 13-Prozent-Einbruch dabei. Mitte 1990 folgte ein erneuter massiver Einbruch, als Saddam Husseins Irak in Kuwait einmarschierte und es besetzte. Die starke Erholungsrallye setze erst ein halbes Jahr später ein, als die US-geführten Alliierten aus "Desert Shield" den "Desert Storm" entfachten und ohne nennenswerten Widerstand innerhalb weniger Wochen die damals zweitgrößte Armee der Welt vernichteten. In der Folgezeit stiegen die Kurs wieder an, aber es gab immer wieder harte Abstürze. Ob nun der Putsch in der Sowjetunion gegen Gorbatschow, die Tigerstaaten-Krise, die Pfund-Krise und wie sie alle hießen. Nicht zu vergessen der historische Niedergang der Japanischen Börse Anfang der 1990er Jahre. Zu dieser zeit waren wir alle offline; es gab kein Internet, keine Emails, keine Smartphones, kein Videostreaming, kein Whatsapp. Viele dieser heute so normalen Dinge war weder erfunden noch erträumt, doch es gab erste Ansätze. Und die führten zu einem lang anhaltenden Börsenaufschwung, in dem  Telekommunikation und Internetdienste den Ton angaben. Und zu einer bisher ungeahnten Börsenhausse führten. Umsatz war der neue Gewinn, denn getreu der "New Economy" brauchte niemand mehr Gewinne, Unternehmen schon gar nicht. Tja, diese neue - und wieder einmal falsche - Denkweise führte irgendwann zum Platzen dieser gigantischen Blase. Und neben der NASDAQ stürzten auch der DAX ab mit dem Schwergewicht Deutsche Telekom. Und natürlich der "Neue Markt".

Ich habe den Kursanstieg voll mitgenommen. Und den Kursabsturz auch. Beides auch gehebelt über Wertpapierkredite. Und ich habe natürlich auch Verluste begrenzt und Aktien aus dem Depot geschmissen - doch wie viele andere habe ich nicht erkannt, dass der Abschwung substanzieller war und länger anhielt. Daher habe ich in den Kursabsturz hinein immer wieder neue Positionen aufgebaut, die dann zu weiteren Verlusten führten. Wenig hilfreich dabei war, dass ich immer wieder Teile des schnell schrumpfenden Cash-Bestands zur Tilgung des Wertpapierkredits verwende musste. Wer es genauer wissen möchte, kann dies meinem selbstkritischen Artikel "Ein Margin Call? Das ist ja wohl das allerletzte... Warnsignal!" nachlesen. Warren Buffetts Warnung, niemals auf Kredit zu spekulieren, kannte ich damals noch nicht. Aber ich hätte sie wohl auch ignoriert, denn als Mittzwanziger kann man sich kaum vorstellen, mal so richtig falsch zu liegen und nicht alles zu wissen. Damals hätte mich "die Meinung eines alten Mannes" wohl kaum interessiert... ツ

Als dann endlich alles vorbei zu sein schien und sich die Lage an den Aktienmärkten stabilisierte, krachten die beiden Flugzeuge in das World Tade Center und stürzten die Welt in eine globale Rezession. Und die Börsen in einen weiteren Abwärtsstrudel; diesmal auch die Substanzwerte.


Meine Lehre hieraus: Immer ordentlich Cash in der Hinterhand behalten

Diese Episode zwischen 2000 und 2003 hat mich viel Geld gekostet, viel mehr, als ich in den Boom-Jahren zuvor "verdient" hatte. Benjamin Graham war mir damals noch kein Begriff und auch nicht sein Credo, zuerst an die Sicherheit zu denken und erst im Anschluss an die Renditechancen.

In den folgenden Jahren waren wieder schöne Gewinne einzufahren an der Börse und ich war mit dabei. Zurückhaltender, geläuterter. Ich hatte damit begonnen, mich mehr mit dem Investieren selbst zu beschäftigen und mich zu einem "ernsthaften" Investor zu entwickeln, der die Dinge viel stärker hinterfragt, als ich das zuvor getan habe, und der seinen Schwerpunkt auf das Studieren und Auswerten der Geschäftsberichte legt.

Bis 2008 stieg mein Cashflow auch schön und steig an, dank (m)einer Mietimmobilie. Ein fast 500 Jahre altes Wohn- und Geschäftshaus in zentraler Lage einer sächsischen Mittelstadt, das ich über die Jahre immer Stück für Stück saniert habe. Auf Kredit. Was bei festverzinslichen Immobilienkrediten natürlich etwas ganz anders ist, als bei einem Wertpapierkredit. Jedenfalls bis 2008, als die Finanz- und Immobilienkrise losbrach - und meine Kredite aus der Zinsbindung liefen und die Bank die Kredite nicht verlängern wollte. Und konnte. Da sie selbst mit dem Rücken zur Wand stand. Lange Rede, kurzer Sinn: nach zwei Jahren hartem Kampf musste ich die Immobilie - mit erheblichem Verlust - veräußern. Und noch ordentlich Geld nachschießen, um die Kredite ablösen zu können. Was zulasten meiner Lebensversicherung ging und zu einem nicht geringen Teil leider auch aus Wertpapierverkäufen. Zu einem Zeitpunkt, wo man als Value Investor Aktien kaufte, nicht verkaufte. Aber ich hatte keine Wahl...

Ich zog aus diesen Erfahrungen meine Lehren: keine Immobilien mehr (jedenfalls nicht direkt, allenfalls über börsennotierte Immobilien-AGs), keine Kredite mehr und immer reichlich Investmentkapital in der Hinterhand behalten für günstige Gelegenheiten.


Folge den Lehren der Börsengurus

Passens zu meinen Erfahrungen und meinen daraus gezogenen Lehren kamen mir Warren Buffett und Charlie Munger zu diesem Thema auf den Schirm. Ihre Aussagen bestätigten mich in meiner Meinung, dass Liquidität langfristig die Rendite bringt. Und auf den ersten Blick besticht der Gedanke durch Schlichtheit und Einfachheit: stürzen die Kurse ab, kauft man mit der Cash-Reserve günstig Aktien und erfreut sich am danach folgenden Kursaufschwung. Extrarendite leichtgemacht! Aber so (einfach) ist es eben nicht.

Ich lese ja eine menge und auch gerne und häufig Bücher über das Investieren. Dabei kamen mir auch Werke von Philip Carret, Ken Fisher oder Peter Lynch in die Finger und sie vertreten abweichende Positionen.

Das regte mich zum Nachdenken an und nährte meine wachsenden Zweifel an der Richtigkeit meiner Schlussfolgerungen. Warren Buffett selbst emanzipierte sich von Benjamin Graham und entwickelte sich weg vom Deep Value-Investing hin zum Quality Investing. Ich folge zunehmend Buffett und Munger, doch ich folge nicht stur ihrem Weg, sondern mache mir auch andere Ansichten zunutze. Wie die von Philip A. Fisher. Und in einem Punkt erscheint mir das Vorgehen von Buffett und Munger nicht optimal und zwar hinsichtlich ihrer Vorliebe, einen größeren Cash-Bestand in der Hinterhand zu halten für besondere Kaufgelegenheiten.


Der Nachteil des Cash-Hortens

Der Nachteil der Idee zeigt sich in der praktischen Anwendung. Wann sich an der Börse günstige Einstiegsmöglichkeiten ergeben haben, zeigt sich immer erst in der Rückschau. Dann kann man genau bestimmen, wann man seinen Cash-Bestand hätte einsetzen sollen für die größtmögliche Extrarendite. Aber so läuft es nicht. In der Realität erkennt man einen deutlichen Kursrücksetzer erst dann, wenn es passiert ist. Und ob sich daraus ein Crash entwickelt, sieht man auch erst, wenn es passiert ist. So wie vor einigen Monaten. Im Januar 2016 und im März 2018 gab es einen heftigen Kurseinbruch, aber die Kurse erholten sich relativ schnell wieder. Dann folgte der Oktober 2018 und es ging wieder heftig bergab. Und die nächsten beiden Monate nochmals stark. Ohne Gegenwehr. Wer Anfang November nach dem ersten Rutsch nachgekauft hatte, lag schnell zweistellig im Minus. Und aus heutiger Sicht Anfang Mai 2019 wissen wir, dass das "nicht schlimm" war, denn die Kurse haben sich fulminant erholt. Trotzdem stehen viele Anleger, vor allem Profis, noch immer mit hohen Cash-Beständen an der Seitenlinie und warten auf Einstiegskurse. So viele, dass Larry Fink, Chef des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock vor einem "Melt-up" warnte, also einem liquiditätsgetriebenen Kursschub nach oben.

»Anleger verloren weitaus mehr Geld, weil sie sich auf eine Korrektur vorbereitet haben oder versuchten, eine Korrektur vorauszusehen, als in den Korrekturen selbst an Geld verloren wurde.«
(Peter Lynch)

Also... immer Cash zu halten, erscheint auch nicht sinnvoll, denn irgendwann muss man dieses Geld einsetzten. Und wenn man zu früh einsteigt, erleidet man doch (erstmal) Buchverluste. Und den richtigen Einstiegszeitpunkt erwischt man nie. Daher erzielt man auch kaum die theoretisch mögliche Maximalrendite: bricht der Markt um 50% ein, bietet er im Anschluss 100% Kurspotenzial, nur um das alte Niveau wieder zu erreichen. Doch niemand steigt am Top aus und am Tief wieder ein - die 100% sind also nicht real. Die wirklich erzielte Extrarendite liegt irgendwo dazwischen. Und wenn man "erst" nach 20% Kursverlust aussteigt, und auch "erst" wieder nach 20% Erholungsrallye, liegen zwischen Aus- und Einstiegskurs nicht mehr so viele Prozentpunkte.

Trotzdem sieht das nach einer sicheren Sache aus. Doch hier muss ich leider Warren Buffetts berühmte Opportunitätskosten ins Feld führen. Denn die ganze Zeit zwischendurch liegt das Cash ja auf irgendeinem Konto herum - und erzielt keine oder nur wenig Rendite. Diese "fehlende" Rendite muss man in seine Überlegungen mit einbeziehen, wenn es um die Frage geht, ob man mit einem dauerhaften, signifikanten Cash-Bestand oder eher (fast) voll investiert besser fährt.


Mein neuer Ansatz: sei immer voll investiert!

Mein neuer provokativer Gedanke ist daher: Verzichte auf Cash, sei immer voll investiert! Und damit meine ich nicht das Notfall-Cash von ein paar Monatsgehältern für Notfälle oder nötige Anschaffungen, sondern eine Cash-Quote innerhalb des Anlagevermögens!

Und für meine neue Position gibt es natürlich auch handfeste Gründe. Wie Ken Fisher ausführt, steigen Aktien in 62% aller Monate (und der Blick auf den Langfristchart des Dow Jones zeigt das ja auch).

»Historisch gesehen entwickeln sich Aktien in 62 Prozent der Kalendermonate positiv. Anleger sollten also mehr Angst haben, dass sie die Anstiege des Marktes verpassen, als dass sie einen Crash erleben.«
(Ken Fisher)

Die Wahrscheinlichkeit von steigenden Kursen ist also signifikant größer als die von fallenden. Und die deutlich einbrechende Märkte, also Kursabschläge von mehr als 10%, finden noch seltener statt. Daher gibt es immer nur wenige Gelegenheiten, seinen gehorteten Cash-Bestand einzusetzen. Und diese Gelegenheiten muss man dann auch erkennen, während sie gerade auftreten, und dann auch konsequent nutzen. Und das grenzt schon bedenklich an Market-Timing.
Market-Timing kostet Geld/Rendite, weil es kaum einer erfolgreich über längere Zeit hinbekommt. Auch Peter Lynch hält Market Timing für reine Zeitverschwendung, weil niemand in der Lage sei, die Börsenkurse vorherzusagen.

Und für mich stellt sich die Frage nach einem besseren Timing auch gar nicht, denn ich bin ja überzeugter Buy & Hold-Investor. Buy & Hold ist der viel versprechendste, der richtige Ansatz, denn Erhebungen zeigen, dass Depots, die am wenigsten umgeschichtet werden, auf längere Sicht die besten Ergebnisse bringen. Des Weiteren bergen Aktieninvestments ab einer Anlagedauer von 12 Jahren statistisch gesehen kein Verlustrisiko mehr.

Wenn man also auf Market-Timing verzichtet und einen Buy & Hold-Ansatz verfolgt, dann sollte man am besten immer annähernd voll investiert sein! Klar, man nimmt in schwachen Phasen und auch Crashs die volle Breitseite mit und verzeichnet in diesen Phasen überdurchschnittlich hohe Buchverluste, aber diese Phasen sind vergleichsweise kurz, die Börsen holen sie erfahrungsgemäß relativ schnell wieder auf und die Phasen, in denen die Aktien unterm Strich steigen, sind häufiger und länger. Wer in den steigenden Börsenphasen nicht voll investiert ist, verschenkt mehr Geld, als er in schlechten Phasen "gewinnt" bzw. an Buchverlusten einspart.

Unterm Strich also eine rechnerisch klare Angelegenheit: halte kein Cash, sei immer voll investiert. Psychologisch ist das natürlich eine große Herausforderung, jedenfalls in crashenden Märkten.

Ich halte also keine "bewusste" Cash-Quote bzgl. meines Investitionskapitals mehr; der Cash-Aufbau "passiert" nur durch Verkäufe von Aktien und Dividenden, wenn sich dann gerade keine günstigen Kaufgelegenheiten bieten.

»Ich habe nicht genug Gefühl dafür, wann ich Bargeld anlegen soll, deshalb ist unser gesamtes Vermögen immer in Aktien angelegt.«
(Philip Carret, Gründer des Pioneer Fonds)

Ist dieses mal alles anders?

Nein, Geschichte wiederholt sich, auch Börsengeschichte. Ich habe keine neue Weisheit entdeckt, ich habe keine neue Wirtschaftstheorie ins Feld zu führen, sondern "nur" eine Veränderung meiner Anlagestrategie. Und diesem Umstand liegt durchaus eine erhebliche Veränderung zugrunde. Aber nicht der Umstände, sonder diese Veränderung betrifft mich und keine Persönlichkeit. Ich bin nicht mehr der Anleger, der ich vor 20 Jahren war. Obwohl ich immer noch in Wachstumswerte investiere, aber heute investiere ich in Quality Investments, wo Umsatzwachstum mit starken und steigenden Cahsflows einhergeht und mit Gewinnwachstum. Daher kann ich auch Kursverluste "bequem(er)" aussitzen, da ich an ein Qualitätsunternehmen beteiligt bin und nicht an Geld verbrennenden Startups. Die neue Entspanntheit hat sich im letzten halben Jahr gezeigt, als auch mein Aktiendepot schmerzliche Kursverluste hinnehmen musste. Und ich zum ersten Mal in meinem Börsenleben ganz locker damit umgehen konnte.

»Es braucht drei Bärenmärkte, um zu wissen, was zu tun ist. Der erste löscht dich fast aus, im zweiten lernst du zu überleben und den dritten packst du am Genick und genießt es.«
(Crispin Odey)

Naja, "genossen" habe ich den Kurssturz nicht. Ich habe einige meiner spekulativeren und kleineren Investments aufgelöst und in die Qualitätsunternehmen umgeschichtet, von denen ich mir sicher war/bin, dass sie auch eine Krise gut überstehen werden. Dass sie nicht an Liquiditätsmangel eingehen und dass ihr ökonomischer Burggraben (Moat) sie und ihre starken Cashflows schützt. Ich fühlte mich sicher und war relativ entspannt, weil ich an diesen tollen Unternehmen beteiligt war und eben nicht nur irgendwelche Aktien im Depot hatte. Hilfreich war dabei sicher auch, dass ich nicht von den Einnahmen aus dem Börsengeschäft abhängig bin, sondern (auch hier) Warren Buffetts Rat beherzige und mehrere Einkommensquellen habe. Ein Zeit lang habe ich früher mal einen Teil meiner Lebenshaltungskosten durch erzielte/realisierte Gewinne aus meinen Aktiengeschäften bestritten, was einen zusätzliche (und unnötige) "Dringlichkeit" in die Sache bringt, wenn die Börsen über einen längeren Zeitraum schwächeln. Diese "Baustelle" habe ich abgearbeitet und so einen weiteren Baustein zu meiner "neue Gelassenheit" hinzugefügt. Und diese neue Gelassenheit ist es auch, die mich zum Umdenken gebracht hat hinsichtlich meiner Cash-Quote.


Und was denkt ihr?

Ich bin immer noch nicht mehr unentschlossen; ich erwärme mich zunehmend für diesen neuen Ansatz einer geringen Cash-Quote. Nachdem ich mich aber von einem viele Jahre vertretenen Standpunkt verabschiede, bin ich auf die Diskussion mit euch gespannt. Wie seht ihr das? Könnt ihr  meinen (neuen) Standpunkt nachvollziehen? Und, vor allem, glaubt ihr, dass man einen Crash voll investiert mental meistern kann, also ohne den Versuch, durch Market-Timing doch eine Überrendite herauszuholen? Oder schlägt einem die eigene Psyche doch wieder ein Schnippchen?

Kommentare:

  1. Nichts neues, wenn man viel gelesen hat. Auch Buffet war früher immer voll investiert. Jetzt ist er einfach zu groß und kann nichts unterbewertetes in seiner Peisklasse kaufen.

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  2. Hallo Michael,

    danke für Deine offenen Worte!
    Auch ich bin der Meinung das "mit Cash auf den richtigen Moment zu warten" am Ende zu viel Geld kostet, Oportunitätskosten wie du richtig schreibst. ich habe mein Portfolio Mitte 2017 aufgebaut und damals überlegt ( es ging stetig nach oben) ob ich alles oder nur einen Teil investiere.
    Es fiel mir schwer, aber es war richtig voll zu investieren. Mir hat damals übrigens ein Video von Jens Rabe geholfen.
    zum Thema im Crash voll investiert zu bleiben:
    Ich könnte das nicht, aber da ist wahrscheinlich jeder anders gestrickt.
    Deswegen habe ich mir eine simple Strategie, anlehnend an diesen Artikel
    http://www.philosophicaleconomics.com/2016/02/uetrend/ zusammengebaut.
    Kurz zusammengefasst geht die so:
    1) ich bin immer voll investiert
    2) wenn eine Rezession droht oder gerade läuft wird ein Handelssystem aktiv das meine Positionen absichert wenn der SPX einen Monats-Close unter seinem 10er GDL hat.
    3) bei einem Close über dem GDL wird auch in der Rezession die Absicherung aufgelöst

    Näheres dazu in der sehr interessanten Artikelreihe!
    gern würde ich über diesen Ansatz mit Dir diskutieren.

    viele Grüße aus Taucha bei Leipzig
    Hans-Jörg

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  3. Hallo Michael,

    mangels meines Einschätzungsvermögens für gutes Market Timing und aufgrund iener gewissen Ungeduld mache ich das schon seit vielen Jahren so. Das Geld, das ich in Aktien investieren möchte, ist zeitnah immer voll drin.
    Jedes Mal, wenn ein Crash/Absacker kommt, denke ich, ich wäre ein Depp, nun kein Geld zum Nachkaufen zu haben, aber mich juckt es immer, wenn ich frisches Geld habe, es auch sofort zu investieren, wenn sich eine gute Chance ergibt.

    Ich bin sehr gespannt, welche mentalen Erfahrungen Du machen wirst.

    Dein Artikel hat mich ehrlich gesagt daher gewundert (weil ich dachte, ein schlechter Investor zu sein) aber auch gefreut. :)

    Viele Grüße aus OWL
    Isabella

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  4. Robert Michel02.05.19, 19:31

    Hallo,

    sehr aufschlussreicher Artikel. Es ist sehr spannend über deine Entwicklung zu lesen. Was die Investitionsquote angeht, habe ich mehr Angst davor nicht investiert zu sein, als nicht investiert zu sein. Ich betrachte Aktien als einen Einkommensstrom. Die Vorstellung das mir der Preis für diesen davonläuft macht mir mehr Sorgen als die Kurse einbrechen könnten. Zumindest denke ich in der Ansparphase so, in der Entsparphase macht es eventuell mehr Sinn Cash zur Kursglättung vorzuhalten.

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  5. Hallo Michael,

    interessanter Artikel, und theoretisch auch sicherlich ein sinnvoller Ansatz.

    Bekanntlich sind aber nur in der Theorie Theorie und Praxis gleich, und wahrscheinlich gibt es kaum einen Punkt, bei dem Anlegerpersönlichkeit und Lebenssituation eine noch größere Rolle spielen als bei der Allokation, so dass sich hier jeder quasi selbst erkennen und seinen eigenen praktischen Ansatz finden muss.

    Ich bin selbst wahrscheinlich so etwa in Deiner Altersklasse, aber erst seit gut 5 Jahren mit Aktien und Börse befasst, habe also selbst noch keinen "richtigen" Crash selbst mitgemacht, kenne also auch meine Reaktion auf ein solches Szenario nicht; von daher wäre mir persönlich "All In" einfach zu riskant.

    In die Korrektur 2018 bin ich mit einer Cashquote von gut 10% gegangen; ich habe dann meine Positionen in Washtec und VTG (letztere ja inzwischen nicht mehr börsennotiert) veräußert und die nicht unbeträchtlichen Gewinne sowie die zugeflossenen Dividenden dazu genutzt, schwache, aber aussichtsreiche Depotpositionen in die fallenden Kurse hinein sukzessive aufzustocken. Letzteres hat sich schon jetzt klar ausgezahlt, wäre allerdings noch rentabler gewesen, wenn ich die Nachkäufe mit etwas mehr Ruhe und Bedacht durchgeführt hätte.

    Auch wenn ich meine Cashquote dabei nur geringfügig reduziert habe, hat sie mir quasi den mentalen Rückhalt gegeben, ruhig zu bleiben und nicht anzufangen, Verkaufsknöpfe zu drücken und mir ermöglicht, stattdessen nachzulegen; ohne Reserve hätte ich das möglicherweise nicht durchgehalten.

    Ich habe jedoch gemerkt, dass mir 10% Reserve deutlich zu wenig sind, und deshalb habe ich angefangen, meine Cashquote sogar noch in Richtung 20% ("Endziel" 25%) zu erhöhen.

    Denn bevor mein Fluchtinstinkt und FOMO mich ohne Reserve dazu veranlassen, prozyklisch (und dann hektisch) immer wieder einen größeren Teil meines Depots umzuschichten, halte ich lieber eine etwas höhere Cashquote, die ich antizyklisch und in Ruhe variieren kann, und ziehe dann dafür aber - hoffentlich - meine Investments auch durch alle Börsenphasen durch. Das dürfte für mich auf jeden Fall die bessere Lösung sein, auch wenn das gegenüber dem Idealfall einen gewissen Renditenachteil nach sich zieht.

    Gruß
    Jens

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  6. Hallo Michael,

    interessanter und nachvollziehbarer Ansatz. Es gibt aus meiner Sicht zwei "Gegenargumente":
    1. Falls man noch gar nicht investiert ist, ist es sinnvoller, allmählich seine Positionen aufzubauen (also erstmal einen gewissen Cash-Bestand zu behalten), um sozusagen den zeitlichen Diversifikationseffekt zu nutzen.
    2. Cash kostet zwar Geld, aber das ist wie eine Versicherung, oder wie Hedging, gegen fallende Kurse. Selbst wenn man sehr bullish ist, ist es zumindest eine Überlegung wert, ob man nicht z.B. 5% seines Geldes als "Versicherung" in Cash hält: Fallen die Kurse kann man lachend aufstocken und steigen die Kurse hat man dennoch zu 95% schöne Gewinne erzielt. Was ich damit sagen will: es ist eine Frage der Risikobereitschaft sowie eine Frage, wie sehr man an steigende Kurse glaubt.

    Ich bin selbst übrigens zu 100% investiert, plane aber eine geringe Cash-Quote aufzubauen. Und wenn ich mich recht erinnere, hast du beim letzten Rückgang zum Jahreswechsel auch dein Cash gewinnbringend eingesetzt...

    Jedenfalls danke für den interessanten Artikel.

    Grüße
    Lars

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    1. Lars, weshalb sollte es sinnvoller sein, Häppchenweise in den Markt einzusteigen? Das erschließt sich mir nicht. Dem Ansatz liegt doch der Gedanke zugrunde, die Börsenkurse könnten fallen und man kauft daher erstmal nur ein bisschen, um später weiter aufzustocken. Da die Börsen aber die meiste Zeit aber steigen und unterm Strich eben auch, verzichtet man so auf Rendite. Es macht keinen Sinn, finanziell betrachtet, sofern man sich an Qualitätsaktien hält.

      Und richtig, ich habe Ende 2018 "gewinnbringend meinen Cashbestand eingesetzt". Aber... zuvor hat der Cashbestand keine Rendite gebracht. Und wäre ich schon länger voll investiert gewesen, dann hätte ich zu niedrigeren Kursen gekauft, als es Ende 2018 möglich gewesen ist. Insofern habe ich insgesamt keinen Zusatzgewinn erzielt.

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    2. Das mit dem häppchenweise einsteigen ist wahrscheinlich nur der Risikominimierung geschuldet - man verzichtet auf erwartete Rendite, mindert aber gleichzeitig das Risiko zu starker negativer Schwankungen. Aus Sicht der Maximierung des erwarteten Gewinns hast du Recht.

      Aber grundsätzlich einen gewissen Cash-Vorrat zu halten finde ich schon sinnvoll, allein um sich Flexibilität zu erhalten. Es muss ja nichtmal ein Crash kommen: Wenn z.B. im Blog eines gewissen Herrn Kissig eine tolle Aktie vorgestellt wird mit Super-Potenzial, dann ist es schön, wenn man die Gelegenheit beim Schopf packen kann. Klar, man sollte dann auch bereit sein, den Cash-Vorrat auch zu 100% einzusetzen :-)

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  7. Böse Zungen würden sagen, so kluge Ideen liest man immer gegen Ende von Bullenmärkten. Ein Zeichen von Gier? Vielleicht kommt ja auch ein Meltup ;) Ich brauche eine gewisse Cashquote als Hedge, für meinen Seelenfrieden, wenns kracht, für Bärenmärkte, weil solche Situationen sind für Optionshändler Goldgruben, da bleibt cash King.

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  8. Time in the market, not timing the market.

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  9. Das ist einfach Fakt und Mathematik und keine Meinung, dass es statistisch besser ist immer sofort reinzugehen. Der Cost-Average-Effekt ist ein Märchen und dient nur der Beruhigung der Nerven. Auch ich kaufe ein Unternehmen fast immer über einen längeren Zeitraum aber nur, weil im laufe der Zeit Geld frei wird. Hätte ich jetzt zB 100 Millionen, bräuchte ich heute Nachmitag keine 5 Minuten um das Geld reinzubringen.

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    1. Den Cost-Average-Effekt gibt es, nur dient er der Risikoreduktion, was jedoch auf Kosten der erwarteten Rendite geschieht. Also Sofort-Reingehen für maximale erwartete Rendite, Allmählich-Reingehen zur Minderung möglicher Schwankungen auf Kosten der erwarteten Rendite

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  10. Buffett hat eine tolle Perfomance erzielt, indem er in Krisenphasen Unternehmen sehr günstig eingesammelt hat. Wie möchte man Aktien günstig einkaufen, wenn man keinen Cent in der Tasche hat?

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  11. Ich finde die Diskussion hier etwas abgehoben, weil sie den Faktor Mensch nicht berücksichtigt. Es geht doch nicht darum, was an Rendite theoretisch möglich ist, wenn ein Anleger immer vollständig rational handelt, sondern darum, was ein individueller Anleger mit der ihm eigenen Risikoneigung an maximaler Rendite erzielen kann. Der tollste Plan bringt nichts, wenn man im Ernstfall plötzlich feststellt, dass man ihn gar nicht durchhalten kann, oder wenn einem die Investments das Leben vergällen.

    Wenn also jemand kein Cashpolster als Ruhekissen braucht, dann sei ihm dazu aufrichtig gratuliert; trotzdem würde ich das nicht zum meinem eigenen Leitfaden machen, nur weil ich damit langfristig laut Statistik mehr Gewinn erzielen könnte, wenn ich nicht der wäre, der ich bin.

    Für den Cost-Average-Effekt gilt: dass er in den meisten Fällen vom langfristigen Anstieg der Märkte im Mittel überkompensiert wird und daher zu einer Minderrendite führt, bedeutet nicht, dass er nicht existiert. Und in langen Seitwärts- oder Abwärtsphasen kann er sehr wohl seine Wirkung entfalten. Und das Risiko, zum Zeitpunkt einer Einmalanlage gerade vor einer solchen zu stehen, besteht immer. Darum steige ich grundsätzlich in Tranchen ein.

    Wer z.B. zum Beginn des letzten Jahres eine Erbschaft gemacht und zur Gänze unbedarft in den Markt gepumpt hat, dürfte zu Weihnachten einige Sorgenfalten auf der Stirn gehabt haben. Und eine solche vermeidbare Situation möchte ich schlicht nicht haben.

    Gruß
    Jens

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  12. So, jetzt wird Zeit über die Vorteile der Cash-Quote etwas zu schreiben ;) Ich werde demnächst schön einkaufen und wenn die Aktienmärkte wieder extrem bullisch sind, werde ich wieder einiges verkaufen um die CC wieder aufzubauen. Der Fear and Greed Index ist dabei ein Super Werkzeug, um Kauf- und Verkaufsphasen zu erkennen.

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    1. Es ist ja völlig unbestritten, dass es nach/bei einem starken Kursrücksetzer attraktiv ist, günstiger Aktien zu kaufen. Dazu ist eine Cashquote ja da. Die entscheidende Überlegung ist jedoch, ob diese Cashquote während der ganzen übrigen Zeit, wo die Aktienkurse steigen und das Cash keine Rendite abwirft, nicht im Endergebnis mehr kostet, als der Vorteil des punktuellen billigeren Nachkaufens einbringt.

      Beispiel: Wenn man 100 Aktien hat, die über längere Zeit von €100 auf €150 steigen, erzielt man 50% Kurszuwachs bzw. €5.000. Wenn man nun aber 20% Cashquote hat und nur 80 Aktien, läge der Gewinn lediglich bei €4.000, also €1.000 niedriger. Man hatte über den Zeitraum €2.000, die keine Rendite gebracht haben und nun stürzt der Kurs um 20% ab auf €120 - und man kauft knapp 17 Aktien. Und der Kurs steigt umgehend wieder auf €150. Dann erzielt man hiermit €500 Extragewinn - also die Hälfte dessen, was man bei vollem Investment über die ganze Zeit eingefahren hätte. Ein Kursrücksetzer hätte als 40% betragen müssen, um überhaupt ins Plus zu kommen.

      Wie stark muss der Kurs einbrechen, damit dieses Vorgehen eine Überrendite abwirft? Und wie häufig kommen solche massiven Kurseinbrüche vor und wie wahrscheinlich ist es dann, zu diesem psychologisch haarsträubenden Zeitpunkt beherzt zuzugreifen und zwar mit dem gesamten Cashbestand?

      Sehr unwahrscheinliche Konstellation! Und genau deshalb habe ich mich von einer hohen Cashquote verabschiedet, weil sie unterm Strich langfristig viel Rendite kostet.

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    2. Hallo Michael,

      deine Überlegungen bauen auf viele Annahmen.

      Ich möchte Dir auch ein Beispiel nennen:
      Du bist mit 100€ vollinvestiert und jetzt steigt der Markt und liegst 25% im Plus also hast Du 125€ alles in Aktien.
      Jetzt stürzt der Markt um 20% ab = dann liegt Dein Vermögen bei 120€ - 20% Korrektur = 96€ ist deine Performance
      Das gleiche mit 20% Cash Quote:
      Bullenphase: 80€ Aktien + 25% Kurssteigung = 100€ Aktien + 20€ Cash Quote =120€ Vermögen
      Jetzt stürzt der Markt um 20% ab = dann liegt Dein Vermögen bei 100€ Aktien - 20% Korrektur = 80€ in Aktien +20€ Cash = 100 € ist deine Performance.

      Also hast Du erstmal 4€ mehr. Und Cash zum Investieren in der Korrektur. Besser.

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    3. Ne, ich liege auch bei Deinem Beispiel nicht hinten. Denn nach 25% Plus liege ich ja bei €125 (nicht wie Du angibst €120); davon 20% Korrektur bin ich wieder bei €100.

      Die Erfahrung zeigt aber doch, und schau dazu einfach auf die Langfristcharts, dass die langfristigen Kurssteigerungen und die kurzfristigen Kurseinbrüche prozentual erheblich auseinander liegen. Und eben nicht bei 25% Plus und 20% Minus, wie Du in Deinem Beispiel wählst. Bleibe ich also bei realitätsnahen Parametern, kommen wir schnell zu Ergebnissen, wie ich sie dargestellt habe. Sorry... ;-)

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    4. Sorry deine Rechnung ist richtig. Was die Erfahrung angeht - ja, die letzten 10 Jahre waren super. Ob das so weiter geht weiß ich nicht. Und ich möchte nicht 100% meines Geldes dafür ins Feuer legen. Sollte der Markt 5 Jahre seitwärts laufen wird sich die Cash Quote auf jeden Fall auszahlen.

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    5. Aus meiner Sicht sollte man sich nicht starr auf "Vollinvestiert" oder "Mit Cash Quote" festlegen. Es hängt von der wirtschaftlichen Situation ab. Zurzeit sehe ich es so, dass Wirtschaftswachstum sich verlangsamt, teilweise werden wir insb. hier in Europa schrumpfen. Eine geringe Cash Quote als Backup zu halten ist schonmal nicht verkehrt.

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    6. Ich kann eure Ansichten gut nachvollziehen, ich habe sie ja selbst jahrelang geteilt. Man fühlt sich einfach sicherer, wenn man Cash in der Hinterhand hat, weil man denkt, man hätte sich damit Handlungsfreiheit gesichert. Liegt ja auf der Hand. Aber in der Realität ist es nicht so! Man nutzt diese Handlungsoption nicht, wenn man es könnte, weil das genau die Phasen sind, wo emotional alles gegen Aktienkäufe spricht. Wenn die Börse crasht, schreit der Überlebensinstinkt "raus, raus, raus!!!" und die meisten Menschen können sich dem dann nicht widersetzen. Die Cashreserve nutzt also gar nichts, weil sie nicht verwendet wird. Erst dann, wenn emotional wieder Ausgeglichenheit herrscht, aber dann liegen die ersten 20, 30 Prozent an Kurserholung schon längst hinter uns - und alle steigen wieder ein.

      Wenn man sich diese Realität eingesteht und die relativ magere Zusatzrendite ausmalt, die man wirklich einfährt in solchen Phasen, dann ist man einen großen Schritt weiter. Dann muss man "nur" noch ermitteln, wie viel Rendite einem durch das Cashhalten in den "Nicht-Crashphasen" der Börse verloren geht. Und - ich habe diese Rechnung ja aufgemacht - dann sieht man, dass man in den langen Boomphasen mehr Rendite verschenkt, als man in den relativ kurzen Crashphasen erzielt. Unterm Strich ist die Entscheidung also klar. Emotional, auf das Bauchgefühl horchend, werden sich die meisten trotzdem weiterhin für eine höhere Cashquote entscheiden. Kann (und will) ich auch nichts dran ändern. Ich mache das allerdings nicht mehr. Aus gutem Grund. Ich will nicht ständig Rendite an eine fiktive Schnäppchenjagd bei perfektem Markettiming verschenken. Mir ist sowas noch nie geglückt, nicht bei dreieinhalb live miterlebten Börsencrashs. Warum sollte es beim nächsten Mal anders sein? Wird es nicht! Das habe ich eingesehen und mich entsprechend anders und besser positioniert.

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    7. Also ich achte nicht so sehr auf bisherige Erfahrungen, sondern auf die Situation von heute. Und was haben wir heute? Warum stockt Buffett beispielsweise nicht mehr bei Visa, Mastercard, Apple auf und hält einen Batzen Geld zur Seite? Warum hat Stanley Druckenmiller, der 30% Perfomance pro Jahr macht, den kompletten Aktienbestand verkauft? Auch Seth Klarman hat vor Kurzem seine Warnung ausgesprochen. Die Fragen muss man sich stellen, die Situation analysieren und Entscheidung treffen. Meine Entscheidung habe ich getroffen und sie ist mind. 15% CashQuote. Heute. Es hat nichts mit Markettiming zu tun, es hat mit Aktienbewertungen, politische Situation und globale Wirtschaftsentwicklung zu tun.

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    8. So so der Fear and Greed Index am Boden. Zeit einzukaufen. Gut, dass ich Cash habe ;)

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    9. Zu Stanley Druckenmiller: er hat nicht seinen gesamten Bestand verkauft, das ist eine Falschinformation; ich hatte das an anderer Stelle hier im Blog bereits einmal richtig gestellt. Er hatte seine Depot massiv gegen einen Kursabsturz abgesichert wegen des Trump-Tweets zu China, hat dann aber sehr schnell wieder umgeswitcht. Druckenmiller hat soeben sein 13F-Formular bei der SEC eingereicht und sein Depotwert per 30.06.2019 betrug $3,37 Mrd. Seine mit Abstand größte Position ist Microsoft, die es auf 20,78% Anteil bringt und er hat hier sogar weiter aufgestockt im zweiten Quartal. Komplett rausgeworfen hat er Alphabet, neu eingestiegen ist es bei salesforce.com und... Uber. Das klingt nicht nach dem totalen Pessimismus, den Du (und andere) ihm unterstellen.

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  13. Mir ist diese Argumentation der cash-quoten Befürworter viel zu eindimensional. "Wenn der Markt 5 Jahre lang seitwärts läuft" bzw crasht, ja Hallo! Dann wird man ja wohl in der Lage sein über 5Jahre!!! irgendwoher Geld zu bekommen/ verdienen. Das dürfte in der Höhe bei sparsamen Lebensstil auch jede Cashquote übersteigen.
    Ich sehe es wie Jens Rabe: Cash brauchst du nicht auf der Bank. Hat man wenig Vermögen ist der ganze Gedanke sinnlos, und hat man viel Vermögen kann man sich mit Absicherung über diverse Wege beschäftigen. Egal wie, eine größere Cashquote wird immer Geld kosten. Dessen muss man sich bewusst sein. Es ist eine Versicherung und die kostet Geld

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    1. Hallo PS,

      dieser Post ist geradezu ein Paradebeispiel für meine Kritik daran, dass jedermann unhinterfragt von sich auf andere schließt und alle Investoren über einen Kamm scheren zu müssen meint. Denn genau das, was hier nonchalant als vollkommen selbstverständlich vorausgesetzt wird, trifft beispielsweise auf mich nicht zu.
      Ich investiere schon länger, sitze aber nun durch unerwartete Umstände auf einem Cashberg, der die zu erwartenden Ersparnisse nicht nur von 5 Jahren, sondern voraussichtlich sogar meines gesamten verbleibenden Erwerbslebens übersteigt. In eine Immobilie möchte ich das Geld nicht stecken, dazu fehlt mir die Lust und Affinität. Und einfach ohne echte Crash-Erfahrung mit dem ganzen Batzen "all in" zu gehen, kommt für mich nicht infrage, egal, wie sehr die Statistik dafür spricht.

      Also bitte mit Ausrufen wie "Ja, hallo!" u. dgl. etwas vorsichtiger sein.

      Danke & Gruß
      Jens

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    2. Jens, Dein "Fall" ist aber gerade nicht passend zum Thema Cash-Quote, weil eine große Erbschaft oder die Auszahlung einer Lebensversicherung oder eine hohe Abfindung etwas anderes ist, als innerhalb eines festen Investitionsbudgets über dessen Geldanteil zu sprechen. Cash-Quote dreht sich um Anteil an 100%; eine Erbschaft wäre quasi 150% oder noch mehr. Ob man die auf einmal oder in mehreren Teilbeträgen investiert, wäre eine Diskussion für sich.

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  14. Wie schön, dass ich nicht zu 100% investiert bin. Inkl. einer Teilauslastung meines Wertpapierkredits habe ich die Möglichkeit mit noch 30% im Markt zu gehen. Jetzt darf Trump seine Früchte ernten, ich bin vorbereitet. In solchen Zeiten zu 100% im Markt zu gehen ist riskant. Auch wenn der S&P statistisch immer steigt und etc. Man muss die Lage bewerten. Weder Politik noch die Wirtschaft noch die Aktienbewertungen geben günstige Rahmenbedingungen für eine 100%-Aktienquote. Meine Empfehlung - mind. 15% Cash zur Hand halten. Es wird langsam ungemütlich...

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