Donnerstag, 16. April 2020

Kissigs Kloogschieterei: Stürmische Berichtssaison - Banks, Advertising, Payment im Blick!?

Es dürfte sich herumgesprochen haben, dass ab Mitte Februar die Wirtschaftsleistung weltweit eingebrochen ist und fast kein Unternehmen davon unberührt geblieben ist. Die Kurse haben mit ihrem massiven Einbruch diese Entwicklung schon vorweggenommen, aber nun folgt der erste Lackmustest, weil die Unternehmen ihre Quartalszahlen präsentieren - und vermutlich nicht wenige ihre Jahresprognose aussetzen oder deutlich senken müssen.

Neben den "üblichen Verdächtigen", wie der Automobilbranche, den Tourimuskonzernen, den Restaurantketten oder den Luftfahrtunternehmen, die erwartbar Katastrophenzahlen vermelden werden, könnte es auch in anderen Bereichen in nächster Zeit lange Gesichter geben. Ich habe mir mal ein paar Gedanken gemacht zum Bankensektor und zu vermeintlichen Gewinnern in der Welt des Digital Payments und der Werbung...

Banken

Die US-Banken legen aktuell Zahlen vor und die sind geprägt von Gewinneinbrüchen, die durch Wertberichtigung und Abschreibungen auf (potenzielle) Kreditausfälle geprägt sind. "Risikovorsorge" heißt das, denn die meisten Kredite sind wohl kaum schon uneinbringlich, weil der kolossale Wirtschaftseinbruch in den USA mit den explodierenden Arbeitslosenzahlen erst einige Wochen anhält. Auch wenn 22 Mio. Amerikaner innerhalb von vier Wochen ihren Job verloren haben und mehr als ein Drittel ihren Mietzahlungen im März nicht vollumfänglich nachgekommen ist, bedeutet das nicht, dass sie ihre Kredite dauerhaft nicht mehr bezahlen können werden. Sobald der Lockdown sukzessive zurückgefahren wird und viele Läden und Betriebe wieder loslegen können, werden auch Millionen Frisch-Arbeitslose schnell wieder einen Job haben und damit ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen können. Allerdings wird die Wirtschaft kaum schnell auf Vorkrisenniveau hochspringen, sondern "nur" auf ein deutlich niedrigeres Niveau. Und damit werden sich mit der Zeit viele Kredite als (teilweise) uneinbringlich erweisen und dann entsprechend abgeschrieben werden müssen von den Banken. Und das wird die Gewinne mächtig drücken - im zweiten Quartal erwarte ich hier den Peak mit eingebrochenen Einnahmen und sehr hohen Wertberichtigungen. Von da an dürfte sich die Lage bei den Banken stabilisieren, auch wenn die Gewinnsituation wegen der Abschreibungen und weiter nötiger Risikovorsorge angespannt bleiben dürfte für die nächsten 12 bis 18 Monate.

Die US-Banken, wie Bank of America, JPMorgan Chase, Goldman Sachs, Wells Fargo, sind dabei bilanziell sehr gut aufgestellt und weisen starke Eigenkapitalquoten aus. Die deutschen Institute, Deutsche und Commerzbank, können damit nicht glänzen. Und der italienische Bankensektor ist schon seit Jahren eine einzige Problemzone, das wird jetzt wieder viel akuter.

Meine Einschätzung: Der Banksektor ist für mich kein Tummelplatz und selbst die soliden US-Banken schaue ich mir frühestens Mitte Juli wieder an, wenn das Schlimmste berichtet wird. Vermutlich kann man ab dem Zeitpunkt über einen längerfristigen Einstieg nachdenken. Europäische Bankwerte fasse ich weiterhin auch mit der Kneifzange nicht an...

Digital Payment

Die Branche bedient einen Megatrend und wird mittel- und langfristig zu den großen Profiteuren der Corona-Pandemie gehören, weil sich unser Leben verändert hin zu weniger Bargeld, mehr Onlinehandel, mehr Streaming, mehr Home Office - das wird digital bezahlt und MasterCard und VISA profitieren, weil sie die Infrastruktur dazu bereitstellen. Und PayPal. Doch kurzfristig dürfte der Wirtschaftseinbruch für trübe Ergebnisse sorgen, denn das Zahlungsvolumen dürfte angesichts der Lockdowns merklich zurückgehen und die Marktanteilsgewinne der Digital Payment-Unternehmen dies nicht kompensieren können.

MasterCard und VISA hatten ja bereits vor schlechteren Ergebnissen gewarnt, aber die wirklichen zahlen dürften das noch einmal toppen im negativen Sinne. PayPal hingegen dürfte da besser wegkommen, weil der Onlinehandel boomt und PayPal in der "Realwirtschaft" weniger Bedeutung hat; negativ wirkt sich natürlich die Beteiligung an MercadoLibre aus, weil deren Kurs auch ziemlich gelitten hat in den letzten Wochen und daher das Ergebnis von PayPal zusätzlich belastet. Anders als Square, die mit ihrer CashApp vor allem bei kleinen Unternehmen eine starke Position haben und daher von der Corona-Krise mit größerer Wucht getroffen werden dürften.

Meine Einschätzung: PayPal sollte relativ unbeschadet durch die Berichtssaison kommen, während MasterCard und VISA vermutlich negativ überraschen und die Kurse eine zeitlang unter Druck geraten könnten. Bei Square rechne ich mit einem heftigeren Einschlag, so dass hier vielleicht noch einmal die März-Tiefs getestet werden könnten. Die 40-Prozent-Erholung könnte sich als etwas zu viel des Guten erweisen...

Advertising

Die Welt ist im Home Office uns betreibt #StayAtHome. Dem entsprechend haben Online-Angebote Hochkonjunktur. Erster Gedanke ist also, dass Alphabet (Google), Facebook, Twitter profitieren müssen, weil ja so viel mehr Menschen die Angebote nutzen. Allerdings verdienen diese Dienste nicht dadurch Geld, dass sie genutzt werden, sondern dass sie Werbung verkaufen. Und diese Werbung muss bezahlt werden, doch da treffen wir auf das Problem: Reiseunternehmen, Gastronomie, Hotels und Event-Veranstalter platzieren üblicherweise die größten Werbebudgets, vor allem im Frühjahr und Sommer, doch deren Geschäft liegt aktuell brach und dem entsprechend haben sie ihre Werbung storniert und/oder platzieren keine neue mehr. Nun haben Alphabet, Facebook und Twitter bereits Anfang März gewarnt, dass ihre Einnahmen durch Corona negativ beeinträchtigt werden, aber damals konnte niemand das wahre Ausmaß wirklich absehen, das auf uns zukommt. So hat scheint Werbung bei Facebook-Werbung auf Rekordtief angeboten zu werden, wie die New York Times berichtet, und liegt zwischen 35% und 50% unter den normalen Preisen. Twitter wiederum ist besonders stark bei Sport-Events und die finden ja bekanntlich gerade nicht statt. Und auch bei Google selbst fehlen die sonst so präsenten Werbeanzeigen der hauptbetroffenen Branchen völlig und Amazon als einer der größten Werbekunden hat ebenfalls seine Werbeanzeigen gestoppt - die Kunden strömen ohnehin alle zu Amazon zum Shoppen und der Onlinehändler hat bereits Schwierigkeiten, den Ansturm bewältigen zu können. Doch selbst bei Amazon scheint das Werbegeschäft momentan schwieriger zu sein, denn die Preise liegen auch dort deutlich unter dem Vorkrisenniveau - obwohl die Kunden in Massen dort einkaufen. Doch auch kleinere Anbieter leiden. So schrieb Joey Levin, CEO der IAC InterActiveCorp, seinen Aktionären, dass das "werbebezogene" ("ad-supported-business") Geschäft seiner Online-Werbesparte Dotdash um rund 30% eingebrochen ist verglichen mit dem Vorjahreswert.

Meine Einschätzung: Wir können also davon ausgehen, dass die wirklichen Zahlen viel schlechter ausfallen, als die Unternehmen - und der Markt - bisher selbst erwartet haben und dem entsprechend könnte hier kurzfristiges zusätzliches negatives Überraschungspotenzial lauern. Das betrifft auch The Trade Desk, die von der Plattform unabhängigen Advertising-Vermarktung leben, und natürlich auch die TV-Sender wie RTL und ProSiebenSat1. Deren Werbegeschäft ist ebenso massiv eingebrochen und verstärkt noch den Leidensdruck, den die klassischen TV-Sender wegen der massiven Kundenabwanderung in Richtung Streamingangebote ohnehin verspüren.

Am besten aufgestellt erscheinen hier kurzfristig Amazon und IAC zu sein - Amazon profitiert in vielen anderen Bereichen (Onlinehandel, Cloud) und IAC besteht zum größten Teil aus der Tinder-Mutter MATCH Group, die aktuell mittels Spin-off an die IAC-Aktionäre abgespalten wird. Wenn dann noch ANGI Homeservices in die Selbstständigkeit entlassen ist, wird die IAC wieder ein reinrassiges Online-Venture sein. Aber das ist eine andere Geschichte...

Anders als bei den US-Banken schätze ich den maximalen negativen Impact bei den Online-Werbeunternehmen bereits für die aktuelle Berichtssaison ein. Denn mit einer schrittweisen Lockerung der Einschränkungen dürfte auch schnell das Bedürfnis nach Werbung wieder hoch schnellen, so dass sich das Geschäft im Verlauf des zweiten Quartals erholen sollte. Hier könnten dann zu negative Erwartungen vorherrschen im Markt, weil die schlechten Ergebnisse des ersten Quartals fortgeschrieben wurden. Aber warten wir's ab, ob es hier noch einmal Schnäppchenkurse gibt, wenn Facebook, Twitter & Co. ihre Zahlen vorlegen...

Disclaimer
Alphabet, Amazon, Facebook, IAC InterActiveCorp, MasterCard, MATCH Group, MercadoLibre, PayPal, Square, The Trade Desk, Twitter, VISA befinden sich auf meiner Beobachtungsliste und/oder meinem Depot.

Kommentare:

  1. Hallo Michael,

    denke mal, dass für PayPal und co der Disclaimer einfach nur fehlt und du sie nicht alle aus dem Depot geschmissen hast, oder?
    Mit am Interessantesten ist in meinen Augen in dem Bereich weiterhin StoneCo. Da macht mir aber der brasilianische Markt ein bisschen Sorgen. Der Kurs sieht zwar super zum Einstieg aus, ist aber vor allem auch der Schwäche des Real geschuldet. Das Thema Corona hat man dort bisher scheinbar auch gekonnt ignoriert, so dass ich da gerade ähnlich viel, sagen wir mal, Respekt habe wie bei Square, wo ich auch erstmal abwarte, die bei mir sonst aber mit ganz oben auf der Liste stehen würden. Hältst du an StoneCo fest?

    Viele Grüße,


    Tobi


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    1. Moin Tobi,
      StoneCo weist viele Parallelen zu Square auf, aber einen wesentlichen Unterschied gibt es doch: in Brasilien ist die Dichte von Girokontoinhabern und/oder Kreditkarteninhabern wesentlich geringer als in den USA. Bedeutet, dass in den USA viel mehr Möglichkeiten zum Bezahlen bestehen und Square nur eine Option ist, während für viele Brasilianer Mobile Payment der einzige Kontozugang ist, sofern sie nicht bar bezahlen wollen. Ich denke daher, dass StoneCo zwar auch ordentlich zu leiden hat unter Corona, aber weniger als Square. Und auch der Abstand zum Allzeithoch ist bei StoneCo mit 50% wesentlich größer als bei Square (auf Euro- oder Dollar-Basis verglichen). Kaufen/Aufstocken würde ich die Aktie momentan auch nicht, denn auch bei StoneCo dürften die Quartalszahlen eher für einen Rücksetzer gut sein - und dann ggf. eine neue Kaufchance bieten. Auf lange Sicht wird Corona nur eine Delle in der Wachstumsstory sein...

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  2. Hallo Michael,
    StoneCo ist per se über 6 Mrd. wert. Ist selbst die derzeitige MK nicht viel zu hoch ? Bei einem Umsatz von ca. 500 Mio. !? Danke u. Grüße Andre

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    1. StoneCo wuchs 2019 ggü. 2018 beim Umsatz um 63% und beim bereinigten Nettoergebnis um 163%. Die Bruttomarge konnte um weitere 3,9 Punkte auf 83,4% gesteigert werden (von 79,5%), während die Nettomarge bei 31,22% lag. StoneCo ist nicht billig, doch man bezahlt für das exorbitante, profitable, Wachstum in einem Land, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung kein Bankkonto hat und damit digitale bzw. mobile Bezahlmöglichkeiten eine ganze Evolutionsstufe in der wirtschaftlichen Entwicklung auslassen (ähnlich wie in vielen asiatischen Staaten). Wer hier zuerst kommt, gewinnt. Bei €22 würde ich die Aktie jetzt aber auch nicht kaufen angesichts der Corona-Unsicherheiten. Da würde ich die Entwicklungen erst einmal abwarten. War ja kürzlich bei €16,70 eingestiegen und das empfinde ich wiederum als interessantes Einstiegsniveau; sollte der Kurs nochmals ansatzweise in die Region fallen, denke ich über ein Aufstocken nach. Hängt dann natürlich auch davon ab, was dann noch so alles im Angebot ist...

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  3. Was hälst Du von Wirecard?

    (ps. spürst Du die Krise auch bei deinen Werbeeinträgen auf Deiner homepage?)

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    1. Zu WireCard und weshalb ich die Aktien aussortiert habe, hatte ich erst kürzlich einen Artikel verfasst (hier klicken). Bitte dort nachlesen (auch bei den Kommentaren unter dem Artikel).

      Bei den Werbeeinnahmen über Google hat sich nicht viel verändert, was völlig auf Null zurückgegangen ist seit März sind die "Paypal-Spenden". Wer Kursgewinne eingefahren hat durch Aktien, auf die er hier im Blog gestoßen ist, ist eher bereit, ein bisschen was davon abzugeben, als wenn der Depotwert schrumpft. Nachvollziehbar.

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    2. Ok. Danke für die Antwort!

      Ich hatte den Eindruck, Du stehst auch etwas unter Druck, Content produzieren zu müssen, weil Du in letzter Zeit sehr produktiv warst, etwas weniger positiv formuliert so viel "rausgehauen" hast, einschließlich entsprechendem Bewerben in Börsenforen.
      Wünsche alles Gute!

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    3. Dieses Blog macht mir finanziell keinen Druck, weil ich damit eh nichts verdiene (bzw. nur sehr wenig). Ist eben ein Hobby, das mir viel Freude bereitet. Will nicht sagen, dass das Lohn genug ist, aber eben der Antrieb. ;-)

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  4. Bei Visa/MC könnte im Vergleich zu PayPal, bezogen auf die Rücksetzer im März, schon einiges mit eingepreist sein... Bzw spiegelt es sich bereits jetzt deine Annahme wider, dass PayPal weniger betroffen sein müsste.

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    1. Ist möglich. Ich glaube aber eher, dass es eine negative Überraschung geben dürfte bzgl. MasterCard und VISA, weil deren eigene Prognosen noch zu optimistisch gewesen sein dürften - jedenfalls was Q1 angeht. Daran anschließend das Jahr zu betrachten, wo beide von einer deutlichen Erholung ihrer Umsätze ausgehen, fällt vermutlich schwer. Mal sehen, ob die Aktien dann noch eine kleine Sell-off-Welle sehen am "Tag der Verkündung"...

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