Montag, 13. August 2018

Trotz "Buffett-Indikator": Warren Buffett kann die Börsenkurse nicht voraussagen

Der "Buffett-Indikator" ist ein Paradoxon, also ein Widerspruch in sich. Denn mit ihm ermittelt "das Orakel von Omaha", ob sich ein Markt in einer überteuerten Bewertung befindet, oder ob er zu billig ist. Das klingt nach einem Market-Timing-Indikator und Warren Buffett ist der Letzte, der sich mit dem Timing der Märkte beschäftigt; er setzt stattdessen auf die Bewertung einzelner Aktien. Und trotzdem ist der Indikator nach ihm benannt und wird von ihm verwendet. Also lohnt wohl ein zweiter Blick...


Der Buffett-Indikator wird ermittelt als Quotient von Börsenkapitalisierung und Bruttoinlandsprodukt (BIP). Man teilt also den Marktwert aller börsengehandelten Unternehmen durch die Summe aller in einer Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres produzierten Waren und Dienstleistungen.


Buffett-Indikator = Börsenkapitalisierung / BIP


Ein Wert über 1 deutet dies auf einen teuren Aktienmarkt hin, während Werte unter 1 eher Kaufgelegenheiten vermuten lassen. Buffett hält dies für "den wohl besten einzelnen Indikator" zur Klärung der Frage, ob ein Aktienmarkt zu hoch oder zu niedrig bewertet sei. Allerdings bedeutet ein Wert über 1 nicht zwangsläufig, dass es sofort zu einer Korrektur am Aktienmarkt kommen muss. Vielmehr deuten die langfristigen Entwicklungen darauf hin, dass den Rezessionsphasen der US-Wirtschaft stets starke Anstiege des Buffett-Indikators vorausgingen.

»Ich denke nie darüber nach, was die Börse machen wird. Ich weiß nicht, wie man die Börse oder die Zinsen oder die Konjunktur vorhersagen kann. Und ich habe keine Ahnung, ob die Börse in zwei Jahren höher oder tiefer stehen wird.«
(Warren Buffett)

Doch warum verwendet ein "Stock-Picker" wie Buffett einen solchen Markt-Indikator? Wenn eine Aktie günstig bewertet ist, dann ist es letztlich egal, wie der Rest des Marktes dasteht, ob er massiv überkauft oder deutlich unterbewertet ist. Buffett beteiligt sich nicht an Aktien, er kauft eine Unternehmensbeteiligung. Und die hält er sehr lange, wenn es geht sogar für immer.

Die Erklärung liegt im Value-Investmentansatz Warren Buffetts. Denn er schaut sich eine Aktie ja nicht nur oberflächlich an und kauft sie dann, sondern wenn er auf ein interessantes Unternehmen stößt, versucht er alle Informationen darüber in die Finger zu kriegen, die er nur auftreiben kann. Sei es zum Markt, in dem das Unternehmen tätig ist, über die Wettbewerber, die Marktstellung, die Produkte, alles will er wissen, um ein Gefühl für das Unternehmen zu bekommen. Und natürlich liest er alle Geschäftsberichte, die er kriegen kann. Und wenn er alles weiß, dann hat er eine Meinung zum Unternehmen und eine Einschätzung, ob dieses Geschäft sich auch in Zukunft lohnen wird. Und dann schaut Buffet, ob er die Aktien zu einem Preis bekommen kann, der niedrig genug ist, um ihm eine Sicherheitsmarge zu geben und eine attraktive Rendite auf sein Investment zu bieten.

Und das ist die Antwort, weshalb sich Buffett mit einem Marktindikator beschäftigt. Zeigt der Gesamtmarkt eine Überbewertung an, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass viele einzelne Aktien ebenfalls (zu) hoch bewertet sind. Und umgekehrt deutet eine Unterbewertung des Gesamtmarktes darauf hin, dass auch viele Einzelwerte unterbewertet sein dürften. Die Erfolgsaussichten, hier fündig zu werden auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Unternehmen zu Schnäppchenpreisen, sind also deutlich höher. Und da Buffetts Tag auch nur 24 Stunden hat, muss er schon stark selektieren, was er sich überhaupt genauer ansieht. Und dabei hilft ihm sein Buffett-Indikator.

Schwächen
Allerdings hat der Buffett-Indikator auch zwei wesentliche Schwächen. Zunächst einmal bezieht er sich auf das BIP, das Bruttoinlandsprodukt. Die meisten börsennotierten Unternehmen sind aber heute global tätig, also nicht mehr nur im Inland. Daher ergibt sich hier eine Verzerrung.

Eine weitere Schwäche ist die lang anhaltende Niedrigzinsphase, die dem Aktienmarkt die natürlichen Konkurrenten geraubt hat, die Geldanlagen und die Anleihen. Sie sind nicht mehr rentierlich, kosten als Anlage inzwischen sogar Straf- bzw. Negativzinsen. Auch verleiten sie Unternehmen dazu, eher Geld zu investieren, als es anzuhäufen - die vielen Aktienrückkaufprogramme sind auch ein Ergebnis der Niedrigzinsphase.

Man kann also festhalten, dass der Buffett-Indikator ein gutes Marktbewertungsbarometer ist. Zumindest in "normalen" Zeiten, wenn Negativzinsen nicht alle Bewertungsansätze ad absurdum führen. So lieferte der Indikator 2014 und 2015 klare Überbewertungssignale und auch aktuell notiert der Buffett-Indikator wieder auf Höchstniveau. Doch wir wissen alle, wie sich die Börsen seit 2014 und 2015 entwickelt haben - auch dank der Technologiewerte. Nur, weil die Börsen hoch bewertet scheinen, müssen sie nicht zwangsläufig fallen. Genauso wenig müssen sie steigen, nur weil sie mal niedrig bewertet zu sein scheinen. Es kommt eben darauf an. Der Buffett-Indikator ist keine zukunftssehende Glaskugel und keine sichere Prognosemaschine. Es ist ein Indikator. Nicht mehr und nicht weniger.

Kommentare:

  1. Kleine Frage dazu: Unabhängig vom Zinsniveau kann ein erhöhter Buffet-Indikator ja auch einfach auf eine systemische Änderung hindeuten, oder nicht? Also, dass sich der Buffet-Indikator rein durch die Beschaffenheit des Wirtschaftssystems erhöht. Und das ohne dass tatsächlich von einer Überbewertung gesprochen werden muss. Ein erhöhter Wert wird also zum Normalzustand.

    Ähnlich der historischen Erhöhung des Shiller KGV aufgrund von Rechnungslegung etc., wobei hier natürlich andere Werte in das Verhältnis eingehen.

    Oder verwechsle ich hier etwas?

    Grüße vom Depotstudent Dominik

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  2. Hallo Michael,
    wie ist deine Einschätzung der Lage bei Aurelius ?
    Seit der Dividendenzahlung ist der Kurs um über 20 Prozent gefallen!!!
    Das ist schon happig und auch nach Bekanntgabe der HJ-Zahlen fällt der Kurs weiter ab.
    Warum die krasse Talfahrt, fundamental scheint doch alles in Ordnung zu sein !?
    Danke und Gruß Andre

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    1. Die Zahlen von Aurelius lagen auf dem zu erwartenden Niveau. Wirkliche Trigger sind momentan aber nicht zu sehen, denn die Mitteilung hat abgesehen von den reinen Zahlen und dem NAV nichts Interessantes geboten. Vor allem nichts zum Stand bei Home Office Europe, der größten und wichtigsten Beteiligung im Aurelius-Portfolio. Vermutlich hatten sich einige mehr von den Zahlen und/oder Infos versprochen.

      Es ist ganz normal, dass Aurelius nach einem solchen Klassejahr wie 2017 (und damit meine ich nicht die Shortattacke, sondern die gewinntreibenden Exits und die Übernahme von HOE samt üppiger Bargain Purchases) nicht gleich wieder so ein Rekordjahr abliefern kann. Das Business von Finanzinvestoren ist zyklisch, weil die eingekauften neuen Beteiligungen ja nicht über Nacht einfach mehr Wert werden, nur weil sie nun im Eigentum von Aurelius sind. Der Wert steigert sich durch Kosteneinsparungen, Umstrukturierungen und ggf. Add-on-Käufe. Und in der Regel über einen Zeitraum von sieben Jahren hinweg. Bei einem Riesenunternehmen wie KKR glättet sich das ein wenig, weil die global unterwegs sind und inzwischen so viele Beteiligungen haben, dass da immer irgendeine gerade Reif für einen Exit ist. Soweit ist Aurelius noch lange nicht. Wie z.B. auch bei der Deutschen Beteiligung, wo nach dem Rekordjahr 2016/17 nun ein "moderates" Übergangsjahr verkraftet werden muss. Mit entsprechendem Kursdurchhänger. Aber genau diese Kursphase bietet - auf mittlere und lange Sicht - die besten Kurssteigerungschancen. Kaufen, wenn niemand anderes die Aktie haben will. In dem Wissen, dass man Durchhaltevermögen mitbringen muss und auch noch eine ganze Weile wie der Loser aussehen kann. Denn wann der Kurs wieder steigen wird, und ob es vorher nicht noch weiter bergab geht, das wissen wir nicht. Nicht einmal, ob er überhaupt wieder steigt. Wir können nur den Wert je Aktie ermitteln und uns überlegen, ob der aktuelle Kurs hierzu im Verhältnis eine günstige Gelegenheit darzustellen scheint. Oder nicht. Nach dem Kauf der Aktie ist man in der Hand der anderen Börsenakteure - denn die machen dann mit ihren Käufen und Verkäufen den Preis/Kurs.

      Aber wie Charlie Munger schon richtig sagt: "Du machst kein Geld, wenn du Aktien kaufst. Du machst kein Geld, wenn Du Aktien verkaufst. Du verdienst Geld, wenn Du abwartest. (...) Jedes intelligente Investieren ist das Investieren in Werte - mehr bekommen als das, wofür Du bezahlst. Investieren ist, wenn Du einige großartige Unternehmen findest und dann auf Deinem Hintern sitzt."

      Genauso läuft's...

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