Sonntag, 24. September 2017

Was ist... der Buffett-Indikator?

Der "Buffett-Indikator" ist ein Paradoxon, also ein Widerspruch in sich. Denn mit ihm ermittelt "das Orakel von Omaha", ob sich ein Markt in einer überteuerten Bewertung befindet, oder ob er zu billig ist. Das klingt nach einem Market-Timing-Indikator und Warren Buffett ist der Letzte, der sich mit dem Timing der Märkte beschäftigt; er setzt stattdessen auf die Bewertung einzelner Aktien. Und trotzdem ist der Indikator nach ihm benannt und wird von ihm verwendet. Also lohnt wohl ein zweiter Blick...

Der Buffett-Indikator wird ermittelt als Quotient von Börsenkapitalisierung und Bruttoinlandsprodukt (BIP). Man teilt also den Marktwert aller börsengehandelten Unternehmen durch die Summe aller in einer Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres produzierten Waren und Dienstleistungen.


Buffett-Indikator = Börsenkapitalisierung / BIP


Ein Wert über 1 deutet dies auf einen teuren Aktienmarkt hin, während Werte unter 1 eher Kaufgelegenheiten vermuten lassen. Buffett hält dies für "den wohl besten einzelnen Indikator" zur Klärung der Frage, ob ein Aktienmarkt zu hoch oder zu niedrig bewertet sei. Allerdings bedeutet ein Wert über 1 nicht zwangsläufig, dass es sofort zu einer Korrektur am Aktienmarkt kommen muss. Vielmehr deuten die langfristigen Entwicklungen darauf hin, dass den Rezessionsphasen der US-Wirtschaft stets starke Anstiege des Buffett-Indikators vorausgingen.

»Ich denke nie darüber nach, was die Börse machen wird. Ich weiß nicht, wie man die Börse oder die Zinsen oder die Konjunktur vorhersagen kann. Und ich habe keine Ahnung, ob die Börse in zwei Jahren höher oder tiefer stehen wird.«
(Warren Buffett)

Doch warum verwendet ein "Stock-Picker" wie Buffett einen solchen Markt-Indikator? Wenn eine Aktie günstig bewertet ist, dann ist es letztlich egal, wie der Rest des Marktes dasteht, ob er massiv überkauft oder deutlich unterbewertet ist. Buffett beteiligt sich nicht an Aktien, er kauft eine Unternehmensbeteiligung. Und die hält er sehr lange, wenn es geht sogar für immer.


Die Erklärung liegt im Value-Investmentansatz Warren Buffetts. Denn er schaut sich eine Aktie ja nicht nur oberflächlich an und kauft sie dann, sondern wenn er auf ein interessantes Unternehmen stößt, versucht er alle Informationen darüber in die Finger zu kriegen, die er nur auftreiben kann. Sei es zum Markt, in dem das Unternehmen tätig ist, über die Wettbewerber, die Marktstellung, die Produkte, alles will er wissen, um ein Gefühl für das Unternehmen zu bekommen. Und natürlich liest er alle Geschäftsberichte, die er kriegen kann. Und wenn er alles weiß, dann hat er eine Meinung zum Unternehmen und eine Einschätzung, ob dieses Geschäft sich auch in Zukunft lohnen wird. Und dann schaut Buffet, ob er die Aktien zu einem Preis bekommen kann, der niedrig genug ist, um ihm eine Sicherheitsmarge zu geben und eine attraktive Rendite auf sein Investment zu bieten.

Und das ist die Antwort, weshalb sich Buffett mit einem Marktindikator beschäftigt. Zeigt der Gesamtmarkt eine Überbewertung an, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass viele einzelne Aktien ebenfalls (zu) hoch bewertet sind. Und umgekehrt deutet eine Unterbewertung des Gesamtmarktes darauf hin, dass auch viele Einzelwerte unterbewertet sein dürften. Die Erfolgsaussichten, hier fündig zu werden auf der Suche nach qualitativ hochwertigen Unternehmen zu Schnäppchenpreisen, sind also deutlich höher. Und da Buffetts Tag auch nur 24 Stunden hat, muss er schon stark selektieren, was er sich überhaupt genauer ansieht. Und dabei hilft ihm sein Buffett-Indikator.

Schwächen
Allerdings hat der Buffett-Indikator auch zwei wesentliche Schwächen. Zunächst einmal bezieht er sich auf das BIP, das Bruttoinlandsprodukt. Die meisten börsennotierten Unternehmen sind aber heute global tätig, also nicht mehr nur im Inland. Daher ergibt sich hier eine Verzerrung.

Die zweite Schwäche ist die lang anhaltende Niedrigzinsphase, die dem Aktienmarkt die natürlichen Konkurrenten geraubt hat, die Geldanlagen und die Anleihen. Sie sind nicht mehr rentierlich, kosten als Anlage inzwischen sogar Straf- bzw. Negativzinsen. Auch verleiten sie Unternehmen dazu, eher Geld zu investieren, als es anzuhäufen - die vielen Aktienrückkaufprogramme sind auch ein Ergebnis der Niedrigzinsphase.

Man kann also festhalten, dass der Buffett-Indikator ein gutes Marktbewertungsbarometer ist. Zumindest in "normalen" Zeiten, wenn Negativzinsen nicht alle Bewertungsansätze ad absurdum führen.

Kommentare:

  1. Und wie hoch steht der Indikator derzeit für die Deutschland bzw. USA und gibt es ev. auch einen Chart dazu, damit man sehen kann, wie der Indikator sich im Zeitverlauf verhält.

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    1. Habe gerade mal kurz gegoogelt: 2014 hat der Buffet-Indikator einen kurz bevorstehenden Crash angezeigt, 2015 ebenfalls. Dann habe ich nicht weiter gesucht.

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    2. ... das habe ich mich auch gefragt, und einen kompletten Artikel zu dem Thema- zumindest für USA gefunden:

      Buffett Valuation Indicator Says S&P 500 (SPY) Is Most Expensive Since 2000

      https://finance.yahoo.com/news/buffett-valuation-indicator-says-p-101822248.html

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  2. Ein weiterer Kritikpunkt an diesem Indikator ist, dass längst nicht jedes große Unternehmen börsennotiert sein - oder bleiben - müsste. Viele Unternehmen des gehobenen Mittelstands, die anderswo möglicherweise börsennotiert wären, sind in Deutschland GmbHs oder auch AGs ohne Börsennotierung.

    Durch Börsengänge oder Privatisierungen, die nichts an den unternehmerischen Grunddaten oder der wirtschaftlichen Bewertungen der Unternehmen ändern, ändert sich aber die Kapitalisierung der Börse - und somit der sog. "Warren Buffett-Index".

    Niemand ist sich der Grenzen dieses Index wahrscheinlich bewusster als WB selbst...

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