Donnerstag, 17. Dezember 2020

Erneuter Delistingversuch? PNE zwischen Anlegerpanik oder Kursverdopplung...

Beim Windparkprojektierer und -betreiber PNE strebte der damals noch neue Großaktionär Morgan Stanley Infrastruktur Partners (MSIP) vor einem Jahr eine Übernahme an und wollte das Unternehmen von der Börse nehmen. Dazu lancierte man ein Delistingerwerbsangebot und bot den übrigen Aktionären €4 je Aktie als Abfindung an. Und scheiterte kolossal; es wurden nur wenige Aktien angedient und anstelle einer stattlichen Mehrheit kam MSIP nur mikroskopisch weiter, nämlich auf klägliche 40% der Anteile.

Nun jährt sich der gescheiterte Versuch und bald könnte MSIP einen zweiten Anlauf unternehmen, weil die gesetzlichen Frist abläuft. Entsprechende Gerüchte und Halbwissen sorgen für Verunsicherung und das, wo in und mit der Branche gerade viel Geld zu machen ist und Anleger einen kühlen Kopf bewahren sollten...

Bei Börse Online findet sich heute ein Artikel, der die Fakten recht gut darlegt
  • Nach dem gescheiterten Übernahmeversuch Ende 2019 wurde von MSIP mit dem PNE-Vorstand eine Vereinbarung abgeschlossen, wonach der Vorstand ein Delisting beantragen muss, sobald MSIP die Schwelle von 50% der Stimmrechte/Anteile überschreitet.
  • Richtig ist auch, dass die einjährige Sperrfrist für MSIP demnächst ausläuft und MSIP dann Aktien (über die Börse) zukaufen kann, um seine 40% auf über 50% auszubauen.
  • Sofern der Vorstand das Delistingersuchen bei der Börse einreicht, muss es an die übrigen Aktionäre ein erneutes Delistingerwerbseangebot geben. Die Mindestgrenze dafür liegt beim durchschnittlichen Aktienkurs der letzten sechs Monate. Börse Online hat hierfür einen Mindestpreis von €6 ermittelt.

So what?

Klar ist, dass nichts klar ist. Es ist nicht bekannt, ob MSIP nochmals eine Übernahme anstrebt. Ebenso wenig ist klar, ob dann ggf. erneut der Versuch über ein Delisting gestartet würde - damit schüttelt man üblicherweise verunsicherte Privatanleger aus der Aktie und löst einen Kurssturz aus, bei dem man selbst die Aktien günstig einsammeln kann. Hat beim ersten Mal aber so gar nicht geklappt und daher dürfte man bei MSIP inzwischen klüger geworden sein,

Zumal sich seit "damals" einiges geändert hat.

Neue Rahmenbedingungen

So sind inzwischen aktivistische und abgeklärte Profis bei PNE eingestiegen. Sowohl Active Ownership (AOC) als auch Enkraft lassen sich von MSIP und Delistingsankündigungen nicht verunsichern, sondern kaufen bei Gelegenheit eher die auf den Markt geworfenen Aktien auf. Und auch im Aktionariat dürften vor allem diejenigen Privatanleger Bestände halten, die sich der Situation bewusst sind und dies schon seit längerer Zeit. Auch die dürften nun kaum die Flinte ins Korn werfen, weil sie ja genau wissen, wie viel mehr ihre Aktien wert sind als die - möglicherweise - gebotenen €6.

Aber auch die Strategie des Unternehmens hat sich geändert. Bis zum MSIP-Einstieg wollte man zum zweiten Mal ein großes Windparportfolio aufbauen und dieses auf einen Schlag mit großem Gewinn verkaufen. MSIP stoppte dies und seitdem behält PNE die Anlegen im eigenen Bestand, um vom Projektierer auch zum signifikanten Bestandshalter zu werden.

Angesichts der Tatsache, das die EU-Kommission, die EU-Chefs, die Bundesregierung und auch der designierte US-Präsident Biden große "Green Deals" versprechen und bereits auf den Weg bringen und immer mehr Energieriesen mit viel Geld in den Markt der Erneuerbaren Energien (EE) drängen, wie BP, Shell, RWE, werden Bestandsanlegen immer wertvoller. So auch durch den RWE-Kauf eines großen EE-Portfolios von Nordex oder beim Teilverkauf des BayWa.re-Bestands.

Meine Einschätzung

Klar ist, dass MSIP gerne einen größeren Anteil an PNE hätte. Und man wird sich schwarzärgern, dass man vor einem Jahr so geizig gewesen ist und nicht die damals im Raum stehenden €6 bis €7 gezahlt hat. Enkraft hat auf Basis des RWE-Deals vorgerechnet, dass die PNE-Aktien rund €14 wert seien.

Ich hielte es für ziemlich dämlich von MSIP, wenn sie erneut mit einem Delistingversuch um die Ecke kämen. So werden sie nämlich ihrem eigentlichen Ziel kaum näher kommen.

Quelle: wallstreet-online.de
Zumal ein Delisting nur bedeutet, dass die Börsenzulassung zurückgenommen wird. Kein Aktionär muss seine Aktien verkaufen, weder an MSIP noch an jemand anderen. Es kann allerdings darauf hinauslaufen, dass man die Aktien nicht mehr über die/eine Börse handeln kann und sogar, dass der Broker die Aktien dann im Depot mit einem Wert/Kurs von Null ansetzt. Das sieht dann nicht schön aus, aber es hat nichts mit dem Wert der Aktie zu tun. Eine Aktie ist ein Anteil an einem Unternehmen, egal, ob die Aktie an der Börse handelbar ist oder nicht.

Darüber hinaus sind viele eigentliche delistete Aktien an der Börse Hamburg weiterhin handelbar. Oder ansonsten über Spezialisten wie Valora, die täglich Kurse stellen.

Und... aktuell hält MSIP rund 40% der Anteile. Damit der Vertrag mit dem PNE-Vorstand, dass diese ein Delisting einleiten müssten, Wirksamkeit erzielt, müsste MSIP auf über 50% der Anteile kommen. Mit anderen Worten: sie müssten erstmal 10% der PNE-Aktien kaufen. Über die Börse oder außerbörslich. Nur... wer sollte ihnen die Aktien verkaufen? Doch nur jemand, der damit einen fetten Gewinn einstreichen und die verborgenen Werte heben kann. Also kaum für €6, auch eher nicht für €10, sondern viel näher dran an den von Enkraft aufgerufenen €14. Oder MSIP kauft über die Börse. Doch wenn jemand bei einem vergleichsweise marktengen Nebenwert eine so stattliche Zahl an Aktien kaufen will, treibt er damit den Kurs massiv in die Höhe! Also auch kein einfaches Unterfangen, zumal MSIP ja unter verschärfter Beobachtung der Aktionäre (AOC, Enkraft) und des Kapitalmarkts sowie der Börsenmedien steht.

Ich glaube daher nicht, dass MSIP den "dummen" und kaum Erfolg versprechenden Weg einschlägt. Ich bin aber auch gespannt, wie es weiter geht bei PNE und was MSIP anstellen wird. Vielleicht eine "unattraktive" Kapitalerhöhung durchsetzen (zu Preisen über dem aktuellen Aktienkurs) und dabei eine Übernahmegarantie für die nicht gezeichneten Aktien abgeben, um so prozentual zulegen zu können? Vielleicht eine Kapitalerhöhung durch Einbringung von Vermögensgegenständen? Dazu müsste man ein anderes EE-Unternehmen oder Solar- oder Windparkportfolios haben, die man anstelle von Bargeld einbringen könnte. Oder gleich eine Fusion mit einem Unternehmen, das MSIP gehört? Auch so würde MSIP am Ende ein größerer Anteil an der "alten" PNE gehören.

Ich habe hier nur ein paar Ideen ungefiltert in den Raum geworfen. Nichts davon muss stattfinden. Vielleicht begnügt sich MSIP auch einfach mit seinen 40% an PNE und erfreut sich an der Wertsteigerung. Ich werde jedenfalls meine PNE-Aktien behalten und keinesfalls das Wertpotenzial aus der Hand geben. In den nächsten Jahren wird viel Geld in den Sektor fließen und die Preise für die Projektierer und die Bestände sowie Pipelines werden weiter stark zulegen. Daran will ich teilhaben; das gebe ich nicht aus der Hand, nur weil jemand anderes gerne meine Aktien hätte. Ich muss nicht verkaufen! Dazu wäre ich erst gezwungen, wenn der Großaktionär über 90% der Anteile eingesackt hat und einen Squeeze-out durchführen kann. Doch beim ersten Versuch kam MSIP nicht mal auf 50%, wie sollen die da 90% zusammenbekommen? Ohne den fairen Preis für die Aktien zu bezahlen? Und Enkaft rechnete hier rund €14 vor. Sattes Potenzial und ein erster, guter Verhandlungspreis...

Ach ja: Börse Online selbst hat PNE übrigens in ihrem Nebenwerte-Wiki. Soooo kritisch scheinen sie die Lage ja nicht einzuschätzen, als dass sie nun ihre Aktien "panisch" verkaufen würden. ツ

Disclaimer: Habe PNE auf meiner Beobachtungsliste und/oder in meinem Depot. 

Kommentare:

  1. Danke für deine ausführliche Antwort.

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  2. Besten Dank für die ausführlichen Informationen. Könnte es auch sein, dass hinter dem MSIP Anteil ein möglicher Investor steht?

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    1. MSIP ist ja ein von Morgan Stanley betreuter Fonds, der externes Anlegergeld eingeworben hat, um dieses entsprechend zu investieren - in Infrastrukturprojekte. Damit wollen sie für ihre Anleger eine Rendite erzielen und irgendwann stehen die im Fonds gehaltenen Projekte/ Anlegen/ Unternehmen wieder zum Verkauf, wenn der Fonds das Ende seiner Laufzeit erreicht hat und die Gelder komplett an die Investoren zurückfließen. Dass man hier lediglich "Platzhalter" für einen anderen Investor ist, halte ich daher für wenig wahrscheinlich.

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